»Sie haben jestern einen Geistlichen auf offener StraÃe verhöhnt...
Was wollân Sie?« schnauzte er Sempern an, der aufgestanden war.
»Ich war auch mit dabei,« sagte Semper. Der »Pfaffe« reizte seinen
Zorn.
Der Direktor schnappte. Was? Semper? Der Musterknabe? Er war einen
Augenblick sprachlos. Aber dann fuhr er los mit gedoppelter Kraft:
»Also: man solltâs kaum jlauben! Vier junge Leute, die sich zu den
jebildeten rechnen, _die Lehrer werden wollen_! (hier brüllte der gute
Korn förmlich) betragen sich wie der Janhagel und insultieren auf
offener StraÃe einen Jeistlichen unserer Vaterstadt! Und als der Mann
den einen um seinen Namen fragt, hat der die Impertinenz, zu sagen:
âIck habe die Ehre, Sie nich zu kennen!â«
Semper und Morieux erhoben sich wie zwei abgeschossene Raketen.
»Wat wollân Sie?« schrie der Direktor Morieux an.
»Das habe ich _nicht_ gesagt,« rief Morieux, der in der Erregung die
wunderbarsten Fratzen schnitt.
»Wat wollân _Sie_?« heulte der Direktor gegen Asmus.
»Ich will bezeugen, daà Morieux das _nicht_ gesagt hat. Er hat gesagt:
»Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen.« Und dann erzählte Asmus den
ganzen Vorgang, wie er sich zugetragen hatte.
»So,« machte Korn und schnappte wieder. »Na, ick sage Ihnen soviel:
Sie jehen noch heute alle mitânander hin zu dem Mann. Nimmt er Ihre
Erklärung an, isâs jut. Tut erâs nicht, dann sind Se hier fertig. Dann
werden Sie eliminiert.« Und damit stampfte er aus der Klasse.
Da war er ja in eine hübsche Affäre hineingeraten! Und dabei hatte er
wirklich nicht über Seine Hochwürden gelacht, sondern über den Witz.
Aber sollte er sich jetzt, da sie in der Klemme waren, von den
Gefährten, die ihm Treue gehalten, trennen und wie ein Bübchen rufen:
»Ich bin es nicht gewesen!?« Das würde wie Feigheit aussehen, und
darum war es ausgeschlossen.
Die drei ernannten Sempern zu ihrem Sprecher, und vier Mann hoch
zogen sie im Studierzimmer Sr. Hochwürden auf. Es war ein so langer
Pastor, daà Asmus, wenn er die Augen geradeaus richtete, genau auf den
Magen des Gottesmannes blickte. Und da es ihm unnatürlich war, den
Kopf in den Nacken zu legen, so richtete er seine Ansprache
schlieÃlich nur noch an den Bauch des Herrn Pastors.
»Der Herr Direktor verlangt,« sagte Asmus, »daà wir Ihnen eine
Erklärung unseres Verhaltens geben. Mein Freund hat uns ein Wortspiel
erzählt, und darüber haben wir gelacht. Mitten im Gelächter hat dann
einer gesagt: âDa kommt Pastor Zump!â Wir haben aber nicht über Sie
gelacht.«
Das stimmte nun nicht recht; aber Asmus als erwählter Führer hielt es
für Ehrenpflicht, seine Kameraden herauszupauken.
Der Geistliche antwortete im schönsten Kanzelton:
»Sie erwarten doch wohl nicht, daà ich diese Erklärung annehme. Ich
habe den Herrn Direktor gebeten, Sie nicht zu bestrafen (das stimmte)
und wenn Sie kommen, um Verzeihung zu bitten, so ist die Sache für
mich erledigt; wenn Sie aber erklären, Sie hätten nicht über mich,
sondern über ein Wortspiel gelacht â #quod non#!«
»Wir können nichts anderes sagen,« bemerkte Asmus gegen den Bauch des
Herrn Zump.
»Und Sie?« wandte Zump sich an Klöhn. »Können Sie mir auch nichts
anderes sagen? Sie waren es doch, der da rief: âHalloh, Pastor Zumpâ
und höhnisch dazu lachte.«
»Das hat er nicht getan!« rief Asmus.
»Schweigen Sie doch!« rief der Pastor zornig, »wie können Sie das
wissen?«
»Weil ich meinen Freund kenne; dergleichen tut er nicht,« versetzte
Asmus als Eideshelfer.
»Ich rede überhaupt nicht mehr mit Ihnen!« eiferte Zump gegen Sempern
und wandte sich an Morieux.
»Und Sie? Haben Sie etwa nicht gesagt: »Ich habe die Ehre, Sie nicht
zu kennen!« (Das schien der Pastor also wirklich gehört zu haben.)
»Nein,« rief Morieux mit diabolischen Gesichtsverzerrungen, »ich habe
gesagt, daà ich nicht die Ehre hätte, Sie zu kennen.«
»Jawohl, das hat er gesagt,« erklärte Asmus mit Nachdruck, und die
andern stimmten zu.
Pastor Zump warf einen Blick auf ihn wie der Prophet Elisa auf jene
Knaben, die er von zween Bären zerreiÃen lieÃ, dieweil sie gerufen
hatten: »Kahlkopf, komm herauf!«
Und dann machte er eine groÃe Armbewegung über alle vier Köpfe hin und
sagte: »Ich bin fertig mit Ihnen, Adieu.« Aber als sie nahe der Tür
waren, sprach er mit einem besonderen Blick für die drei anderen
(Asmussen würdigte er keines Blickes mehr): »Wenn der eine oder der
andere von Ihnen mir etwas anzuvertrauen hat, so werde ich ihn gern
empfangen.«
Er mochte wohl hoffen, daà einer von den dreien vor Unterleibsschwäche
abfallen und reumütiges Bekenntnis ablegen werde, und das war nicht
fein von ihm. Nach vielen Jahren erst erfuhr Asmus aus wahrem Munde,
daà dieser Pastor Zump ein guter, hilfsbereiter und opferfreudiger
Mann gewesen sei. Seine Verfolgung der vier Jünglinge war vermutlich
auch so ein Steinchen gewesen, das ihm die bucklige Schwester des
Schicksals unter die FüÃe gerollt hatte.
Einstweilen war er für Asmussen der rachsüchtige Pfaffe, der
Hoogstraten und Peter Arbues, den er nie in seinem Leben um Verzeihung
bitten würde. Dann aber kam die Relegation. Dann war alle Mühe und
Sorge von viertehalb Jahren dahin, dann konnte er alle seine
Frühlingshoffnungen begraben und Zigarrenmacher werden. Das Geld, ihn
auf einem auswärtigen Seminar zu erhalten, konnten weder er noch seine
Eltern aufbringen. Ihm war übel ums Herz, und er verbrachte eine
schlaflose Nacht.
Das Schlimmste war, daà das Herz nicht ganz frei war. Er selbst hatte
zwar den Mann nicht verlacht; aber er hatte die andern unbedingt in
Schutz genommen, und das war doch gewiÃ: zum mindesten Klöhn hatte
eine starke Ungezogenheit begangen. Wenn man wahr sein wollte, muÃte
man das eingestehen. Aber darum BuÃe tun in Sack und Asche, wie Uriel
Acosta, vor diesem »hochmütigen, intriganten Priester«?! Asmus fuhr
mit einem kurzen Lachen von seinem Bett empor und warf sich wuchtig
wieder zurück auf das zerwühlte Lager. Aber übel war ihm zu Sinn; es
ist schlimm, wenn eine Wunde nicht ganz rein ist.
Erst nahe vor Morgen verfiel er in einen leisen Halbschlaf. Der
Direktor stand vor ihm und sagte: »_Sie_ wollen Lehrer werden? Sie
sind wohl verrückt!« Und dabei hatte er vollkommen das Gesicht von
Adolfine Moses.