IV. Kapitel.

Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert in einem

Taubenschlag.

Von allen Qualen des Lebens hielt Asmus zwei für die unerträglichsten:

Zahnschmerzen und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne

wöchentlich zwei Stunden, das heißt zwei Jahrhunderte an einen Klotz

geschmiedet zu sein, lieber wollte er ein schlechter Mensch werden.

Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes tüchtig die Augen und

kniff sie ein Dutzend Mal zusammen.

»Die Augen tränen,« sagte der Arzt, und er schrieb ein Attest, daß der

Patient wegen tränender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen dürfe.

Asmus barg das kostbare Blatt sorgfältig wie eine Banknote in der

Tasche, fühlte unterwegs mehrmals nach, ob er’s auch noch habe, und

überreichte es frohen, tränenlosen Blickes Herrn Tönnings.

Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten Wissenschaften. Man

weiß, wie es zugeht, wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes

Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder saust die Ramme herab,

immer wieder, hundertmal, tausendmal, stundenlang, tagelang. So

unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf denselben Pfahl, immer

wieder drauf. Dann aber saß er auch für die Ewigkeit, und man konnte

ein Haus drauf bauen. Was man bei ihm gelernt hatte, vergaß man

niemals wieder. Aber leider vergaß er ebensowenig. Und also sprach

genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, der niemals Lächelnde: »Ihr

Attest ist abgelaufen.«

Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und rieb rechtzeitig seine Augen.

»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte der Arzt sehr richtig und

dispensierte den Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht.

»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor gehen,« sagte Herr Tönnings.

Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er los: »Das jibt’s nicht.

Ein Lehrer muß jesunde Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus mehrere Male

mit Blicken und wartete, ob er etwas sagen werde. Aber Asmus wußte

schon Bescheid: er sagte nichts. »’n Lehrer, der nicht sehen kann,

können wir nicht brauchen!« schrie Herr Direktor Korn, durchbohrte mit

seinen glitzernden Brillenaugen den jungen Semper noch ein paar Mal

und wartete auf eine Erwiderung. Aber der sagte nichts. Es war in der

Anstalt alte Überlieferung: man muß ihn ein paar Minuten kochen

lassen, dann wird er genießbar. »Dann müssen Sie die Anstalt

verlassen!« stieß der Direktor hervor, kratzte sich hörbar seine

silbernen Bartstacheln und durchbohrte Sempern noch drei- bis viermal.

Semper sagte nichts. »Wie heißen Sie noch?« Direktor Korn warf einen

Blick ins Attest. »Semper?«

Semper der Jüngling · 第 23 / 292 题