Asmus befreit sich aus einem Hungerturm und studiert in einem
Taubenschlag.
Von allen Qualen des Lebens hielt Asmus zwei für die unerträglichsten:
Zahnschmerzen und Langeweile. Lieber als in dieser Kunstkaserne
wöchentlich zwei Stunden, das heiÃt zwei Jahrhunderte an einen Klotz
geschmiedet zu sein, lieber wollte er ein schlechter Mensch werden.
Und so rieb er sich im Vorzimmer des Arztes tüchtig die Augen und
kniff sie ein Dutzend Mal zusammen.
»Die Augen tränen,« sagte der Arzt, und er schrieb ein Attest, daà der
Patient wegen tränender Augen sechs Wochen lang nicht zeichnen dürfe.
Asmus barg das kostbare Blatt sorgfältig wie eine Banknote in der
Tasche, fühlte unterwegs mehrmals nach, ob erâs auch noch habe, und
überreichte es frohen, tränenlosen Blickes Herrn Tönnings.
Herr Tönnings vertrat mit Recht die exaktesten Wissenschaften. Man
weiÃ, wie es zugeht, wenn ein dicker Pfahl tief in ein festes
Erdreich getrieben werden soll. Immer wieder saust die Ramme herab,
immer wieder, hundertmal, tausendmal, stundenlang, tagelang. So
unterrichtete Herr Tönnings: immer wieder auf denselben Pfahl, immer
wieder drauf. Dann aber saà er auch für die Ewigkeit, und man konnte
ein Haus drauf bauen. Was man bei ihm gelernt hatte, vergaà man
niemals wieder. Aber leider vergaà er ebensowenig. Und also sprach
genau nach sechs Wochen Herr Tönnings, der niemals Lächelnde: »Ihr
Attest ist abgelaufen.«
Asmus ging wieder zum Arzt und kniff und rieb rechtzeitig seine Augen.
»Die Augen tränen noch immer,« konstatierte der Arzt sehr richtig und
dispensierte den Kranken »bis auf weiteres« vom Zeichenunterricht.
»Ja, damit müssen Sie wohl zum Direktor gehen,« sagte Herr Tönnings.
Als der Direktor gelesen hatte, schnauzte er los: »Das jibtâs nicht.
Ein Lehrer muà jesunde Sinne haben!« Er durchbohrte Asmus mehrere Male
mit Blicken und wartete, ob er etwas sagen werde. Aber Asmus wuÃte
schon Bescheid: er sagte nichts. ȉn Lehrer, der nicht sehen kann,
können wir nicht brauchen!« schrie Herr Direktor Korn, durchbohrte mit
seinen glitzernden Brillenaugen den jungen Semper noch ein paar Mal
und wartete auf eine Erwiderung. Aber der sagte nichts. Es war in der
Anstalt alte Ãberlieferung: man muà ihn ein paar Minuten kochen
lassen, dann wird er genieÃbar. »Dann müssen Sie die Anstalt
verlassen!« stieà der Direktor hervor, kratzte sich hörbar seine
silbernen Bartstacheln und durchbohrte Sempern noch drei- bis viermal.
Semper sagte nichts. »Wie heiÃen Sie noch?« Direktor Korn warf einen
Blick ins Attest. »Semper?«