»Was soll das heißen?«

Eisiges Schweigen.

»Es wird ja wohl einer den Mut haben, aufzustehen und zu sagen, was

das bedeuten soll?« schrie der Lehrer.

Niemand rührte sich.

»Nun, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als Herrn Direktor Korn zu

melden, daß ich durch ein unerklärliches Geräusch im Unterricht

gestört worden bin.«

Aber Herr Rothgrün erstattete dem Direktor keine Meldung; denn er

wußte wohl, daß der einen sehr direkten Schluß auf seinen Unterricht

ziehen würde. Der Direktor hielt zu dem Grundsatze: »Unterrichtet nur

gut; dann kommt der Respekt der Schüler von selbst.« Auch erklärte

sich Herr Rothgrün das »unerklärliche Geräusch« sehr schnell und

richtig; er begann sofort zu erzählen; diesmal erzählte er freilich

noch mangelhaft, weil er den Stoff nur in einigen Reminiszenzen

beherrschte, aber von der nächsten Stunde an vorzüglich; denn wenn er

wollte, so konnte er’s vielleicht am besten von allen Lehrern der

Anstalt.

Geschichte hören oder Geschichte lesen, das gab Asmus immer besondere

Freuden. Nicht, daß er an die Geschichte geglaubt hätte, – er glaubte

die profane Geschichte so wenig wie die biblische. Aus seiner

»Faust«-Lektüre wußte er sehr wohl:

»Die Zeiten der Vergangenheit

Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,

Das ist im Grund der Herren eigner Geist,

Darin die Zeiten sich bespiegeln.«

und dem stimmte er von ganzem Herzen zu. Um wirklich zu wissen, mußte

man von all den Fürsten, Feldherren und Priestern, mußte man vor allem

von der Menge des Volkes wissen, was sie bei ihren Handlungen dachten,

fühlten, beabsichtigten und wünschten, und davon hörte man so gut wie

nichts. Kaum daß einmal durch einen glücklichen Zufall ein Lichtschein

in diese ewig versunkene Welt fiel, wie ein Sonnenstrahl in eine

Kammer einer verschütteten Stadt. Und die Menschen der Geschichte

waren ihm wie die Gebilde einer rohen Holzschneidekunst, die die

menschliche Gestalt kaum in leisen Andeutungen erkennen lassen. Daß

man aus der Geschichte etwas lernen könne, das glaubte er nicht. Aber

lange Zeitläufte der Geschichte formten sich ihm zu riesigen Bildern

von wunderbarer Gewalt, und in diese Bilder versank er mit

aufgerissenen Augen und horchender Seele, wenn er hörte und las. Er

sah ein Jahrhundert, da stille Mönche in stiller Zelle saßen und vom

Virgil oder Cassiodor den Blick erhoben und durchs Fenster voll

gläubiger Hoffnung schauten über weites, unbesiedeltes deutsches Land,

indessen andere, das Kreuz in der Hand, durch unerforschte Wälder

schritten und auf heiterer Lichtung ein Kirchlein oder eine Kapelle

errichteten. Er sah ein Jahrhundert voll Weihrauch und Meßgewänder, da

königliche Väter büßend vor unnatürlichen Söhnen knieten und lange

Sündenregister, vom Priester singenden Tones verlesen, bekannten, und

das ganze neunte Jahrhundert ward ihm zum »Lügenfeld«. Dann gab es

eine lange Zeit, deren Angesicht in die bunte Glut des Ostens schaute

und blinkende Ritter und düstere Mönche, Männer und Weiber, Greise und

Kinder in jahrhundertelangen Zügen nach den ewigen Spuren des

Nazareners wandern sah. Das ernste Jahrhundert des Wittenberger

Mönches baute sich ihm auf mit den strengen und nüchternen Säulen

eines lutherischen Gotteshauses, aus dem die streitbaren

Glaubensgesänge hinausklangen in einen grauen und feuchten

Novembertag; dann kam ein Jahrhundert, das lag verborgen unter den

Brand- und Blutwolken eines endlosen Krieges, und so nah zogen die

Wolken über den Erdboden dahin, daß die Menschen nur gebückt

dahinschlichen. Aber das achtzehnte Jahrhundert, das sah er trotz

aller Kriege und aller großen Revolution wie eine friedsame Stadt mit

winkelig-sauberen Gäßchen, wo aus schnurrig gegiebelten Häusern

Gelehrte mit Zöpfen und Kniehosen hervortraten und bedachtsam über die

Straße schritten zum Nachbar von drüben, um mit ihm über die Schriften

Voltaires oder über das neueste Werk des erstaunlichen Königsberger

Professors zu streiten.

So hörte, so sah er die Geschichtserzählungen des Herrn Rothgrün. Aber

dann mußte dieser Herr einmal ein halbes Jahr lang vertreten werden,

und die Vertretung übernahm Herr Stahmer, der Religionslehrer. Und

wieder empfing Asmus eine Offenbarung. Herr Stahmer behandelte während

eines ganzen Semesters einen Zeitraum von zehn Jahren; er verfolgte

die Geschichte bis in die Kabinette von Wien, Berlin und Petersburg

hinein und erzählte so ziemlich alles, was man über die zehn Jahre

wußte. Und mit einem Male ward dem Jüngling die Geschichte zur

Wissenschaft. Die rohe, unverdauliche Masse der Tatsachen, wie sie

Herr Rothgrün und wie sie die üblichen Lehrbücher aufhäuften,

absonderlich die Großtaten der Kriegesfürsten, die mit dem Schwerte

die Welt durchzogen, waren ihm von jeher furchtbar gleichgültig und

langweilig gewesen: jetzt zum ersten Male ahnte er etwas von

geschichtlichen Zusammenhängen. Bei Herrn Stahmer sah er keine

visionären Bilder; aber er sah das Leben, und eine andere, neue Freude

wärmte ihm das Herz. Wieder verschlang er jedes Wort, fast eh’ es der

Lehrer gesprochen; wieder schrieb er des Abends im stillen Hause mit

fliegender Feder zwanzig, dreißig Quartseiten voll, und wohl zehnmal

mußte ihm sein Vater mit milde mahnendem Finger auf die Schulter

tupfen, er möge sich zur Ruhe legen. Mit brennendem Eifer sagte sich

Asmus: In der Geschichte muß man alles wissen, sonst weiß man nichts.

Und etwas Größeres begriff er: Viel wissen, bedeutet gar nichts; aber

_eine_ Sache _ganz wissen_, das ist Aufklärung, Befreiung. Dann wird

Wissen zum Leben und macht in die gefrorenen Fenster, die uns umgeben,

ein Guckloch nach der Außenwelt. Als er später in der »Systematischen

Pädagogik« das »#non multa sed multum#« bis zum Ekel wiederkäuen

mußte, da begriff er nicht, warum man dies Wort immer wiederholte und

niemals befolgte.

Das und manches andere im heiligen Tempel des Präparandeums war nun

wohl gut und schön; aber es gab auch gefürchtete Stunden, und die

gefürchtetsten waren die Zeichenstunden, die in einer weit entlegenen

Gewerbeschule genommen werden mußten. Sie waren so schlecht, daß sie

sogar den Charakter verdarben.

Wie hatte sich Asmus aufs Zeichnen gefreut! Von früher Kindheit an

hatte er gezeichnet, und in den Berg- und Waldlandschaften, die er

kopiert hatte, hatte er ein frommes und seliges Leben gelebt. Selbst

der kümmerliche Zeichenunterricht seiner Dorfschule hatte ihm noch

Freude gemacht. Als Asmus zum ersten Male in dem riesigen Zeichensaal,

der so viel mit der Kunst gemein hatte wie das Wartezimmer eines

Bezirkskommandos, Platz genommen hatte, da setzte ihm Herr Semmelhaack

ein dreiseitiges Prisma von Holz vor. Asmus zeichnete willig den

Holzklotz und wartete die Wiederkunft des Lehrers ab.

Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine Seitenfläche. (Bis

dahin hatte es auf einer Grundfläche gestanden.)

Asmus zeichnete den Klotz in der neuen Stellung und erwartete den

Lehrer.

Herr Semmelhaack kam und legte das Prisma auf eine andere

Seitenfläche.

Asmus dachte: Aller Anfang ist öde, und zeichnete den Klotz zum

dritten Male.

Herr Semmelhaack hatte an der Zeichnung einiges auszusetzen und legte

dann den Klotz auf die große Seitenfläche.

Asmus dachte: Die Wurzeln der Kunst sind bitter; aber ihre Früchte

sind süß, und porträtierte das interessante Holz zum vierten Male.

Jetzt bin ich mit dem verdammten Klotz durch, dachte Asmus; da kam der

Lehrer und stellte das Prisma etwas nach rechts.

Asmus richtete einen langen Blick auf Herrn Semmelhaack und zeichnete

dann das rechtsstehende Prisma.

Danach kam Herr Semmelhaack und stellte der Abwechslung wegen das

Prisma etwas nach links.

#Per aspera ad astra#, dachte Semper und machte auch das.

Hierauf nahm der »Lehrer« das Prisma und stellte es Sempern wieder

gerade vor die Nase, aber »über Eck«, so daß man drei Flächen auf

einmal sah.

»Es ist allerdings etwas Anderes und Neues,« sagte sich Asmus,

betrachtete Herrn Semmelhaack mit einem noch viel längeren Blick und

machte sich wieder an seinen vertrauten Klotz.

In verzweifelten Momenten schaute Asmus sich sehnenden Blickes um; es

gab überall nur Holz und Gips. Der größte Künstler unter den Schülern

zeichnete einen pompösen Blumenstrauß – von Gips. In der ganzen

Anstalt, soweit er hineinblicken konnte, sah er kein lebendiges,

erfreuendes Objekt.

Er traute seinen Augen nicht, als Herr Semmelhaack eines Tages das

dreiseitige Prisma wegnahm und einen neuen Klotz brachte. Dieser Klotz

bestand aus zwei vierseitigen Prismen, die im rechten Winkel aneinander

saßen. O, damit konnte man nun die tollsten und interessantesten, die

bizarrsten und perversesten Dinge vornehmen; bis zum jüngsten Gericht

konnte man das immer anders aufstellen. Als Asmus bei der siebenten

Stellung war, da lag der Winkelklotz da wie eine Sphinx, die ihre Arme

breit über die ganze lange Bank legte, den Kopf in die Hände stützte und

ihn anglotzte und angähnte, und dann sagte die Sphinx, indem sie immer

zwischen zwei Worten gähnte: »Ich kann – dreihundertfünfundneunzig

Millionen – Stellungen – einnehmen – huu – ja.«

»Das hält kein Nilpferd aus,« antwortete Asmus.

»Sagten Sie etwas?« fragte Herr Semmelhaack.

Semper der Jüngling · 第 21 / 292 题