I. Kapitel.

Handelt von Balladen und Präparanden, Gendarmen und hebräischen

Handschriften, zum Glück auch von Präparandinnen.

Asmus Semper, der halbwegs sechzehnjährige Schüler des Hamburger

Präparandeums, schwamm bis über die Augenbrauen in Seligkeit. Vor

seinen Blicken wogte eine warme, goldene Flut. Herr Tönnings, der

Ordinarius, der genau so aussah wie die Geometrie mit einem Stehkragen

und von dem ein Gerücht ging, daß er vor sieben Jahren den einen

Mundwinkel zu dem Versuch eines Lächelns verzogen habe, Herr Tönnings

also hatte soeben verkündet, daß u. a. auch Asmus Semper eine

Hospitantenstelle erhalten solle. Man denke, was das heißt: eine

Hospitantenstelle! Jeden Morgen von 8-12 Uhr sollte er in einer

Volksschule dem Unterricht der Kleinen zuhören dürfen, und dafür bekam

er noch obendrein ein jährliches Gehalt von dreihundertundsechzig

Mark! Jeden Morgen sollt’ er aus nächster Nähe hineinhorchen dürfen in

die Werdestatt der Seelen, in die Wiege der Erkenntnis; das hohe

Wunder sollt’ er nun begreifen: wie der Geist des Menschen Nahrung

aufnimmt, wächst und sich vollendet!

Und noch dreihundertundsechzig Mark! Er hatte ja nichts von dem Geld,

wollte auch keinen Pfennig davon, haha – aber auf das Gesicht seiner

Eltern freute er sich, daß ihm die Augen heiß wurden. Er wollt’ es

ihnen nicht eher sagen, als bis er sie beide beisammen hatte, und dann

wollte er die Wirkung beobachten; aber die kleine Wohnung der Semper

betrat man durch die Küche, und in der Küche briet Frau Rebekka die

Abendkartoffeln, und als er seine Mutter sah, konnte Asmus sich nicht

mehr halten, und weil er wußte, was seine Mutter am meisten freute,

rief er: »Ich kriege dreihundertundsechzig Mark das Jahr!«

Im nächsten Augenblicke war Frau Rebekka schon in der anstoßenden

Zigarrenmacherstube, schwang das Messer, mit dem sie die Kartoffeln

umgerührt hatte, hoch in der Luft und rief: »Freude war in Trojas

Hallen!« Aber da stand auch schon Asmus neben ihr, und damit sie ihm

nicht zuvorkommen könne, rief er: »Laß, Mutter, laß, ich will es Vater

sagen! – Ich krieg’ eine Hospitantenstelle mit dreihundertundsechzig

Mark das Jahr!«

Und da hatte Asmus wieder den Anblick, der ihm vielleicht von allen

auf der Welt der liebste war: in dem weißumwallten Jupiterantlitz

Ludwig Sempers gingen zwei Sonnen auf und verbreiteten Licht durch die

ganze Welt.

»Ach nein – es ist ja wohl nicht möglich!« rief der Vater, indem er

den Kopf zurückwarf.

»Ganz gewiß!« rief Asmus. »Nun verdiene ich mehr, als wenn ich

Handwerker geworden wäre. Seht mal, wenn ich Tischler oder Hutmacher

lernte, dann kriegte ich das erste Jahr gar nichts oder vielleicht

drei Mark die Woche, und dies sind beinahe sieben Mark die Woche, und

das geb’ ich natürlich alles euch!«

Da schlug Ludwig Semper heftig das linke Bein über das rechte, wie er

immer tat, wenn er in seinem Innern sehr zornig oder sehr lustig war,

und redete fast den ganzen Rest des Abends mit stumm bewegten Lippen

zu sich selber. Und hin und wieder lachte sein Gesicht laut und hell

auf, ohne daß man einen Ton gehört hätte, und unzählige Tabakblätter

verschnitt er an diesem Abend und warf sie in die Abfallschürze, weil

er mit seinem Messer immer wieder sausend über die sonnigen Felder und

Weiden seiner Jugend fuhr. Ach, er hatte ja auch studieren sollen;

aber dann war der finanzielle Zusammenbruch seines Vaters gekommen,

und dann die Sorge, dann der Krieg mit den Dänen, dann seine Träumerei

und sein erhabener Leichtsinn, und dann die Liebe, und dann immer ein

Kind nach dem andern. Und so machte er mit 58 Jahren noch immer

Zigarren. Aber mit einem Schlage war jetzt seine Jugend wieder da – da

stand sie vor ihm, fünfzehnjährig, rotwangig – nichts war verloren;

denn ob nun Ludwig Semper oder Asmus studierte, das war ja vollkommen

dasselbe.

Rebekka aber, als sie von »sieben Mark die Woche« hörte, vergaß all

ihre Sparsamkeit, lief in die Küche und schob noch ein Stück

Rindertalg unter die Kartoffeln, und als sie auch da noch ziemlich

trocken ausschauten, griff sie leichtsinnig nach dem Teekessel und goß

einen gewaltigen Strahl Wassers in die Pfanne, daß eine mächtige Wolke

wie eines Dankopfers zu den Himmlischen emporstieg.

Dann kam die Pfanne auf den Tisch, und sieben Semper versammelten sich

andächtig um das zentrale Heiligtum. Sie waren alle gesund, das sah

man an den Bewegungen der Gabeln; aber Adalbert, der Jüngste, war so

gesund, daß Frau Rebekka nach einer Weile ausrief: »Halt, mein Junge,

du hast jetzt genug. Es wird kein Fresser geboren, es wird einer

gemacht!«

Adalbert wollte sich melancholisch zurückziehen, da sprach der Vater:

»Laß doch den Jungen essen!« und trat seine Ansprüche an die

Allgemeinheit ab.

Und nach dem Essen – obwohl die Semper über das Abendbrot hinaus bis

gegen Mitternacht zu arbeiten pflegten – warf Ludwig Semper Messer,

Tabak und Rollklotz in die Ecke, holte den stark zerlesenen und

vergilbten »Faust« vom Bücherbrett und las und warf das linke Bein

über das rechte und bewegte die Lippen und lächelte. Und alle waren

still, und Asmus wußte: Nun kommt eine heilige Stunde. Und wirklich,

es währte nicht lange, da klang es durch den Raum:

»Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,

Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst

Dein Angesicht im Feuer zugewendet. –«

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In einem wunderlieben Dorfe, das sich jetzt zu einer großen, häßlichen

Vorstadt Hamburgs ausgewachsen hat, damals aber noch im heitern

Frieden seiner Kindheit lag, in einem Garten mit Rosen und Apfelbäumen

fand Asmus die Schule, an der er hospitieren sollte. »Ich habe zuviel

Glück,« dachte er, als er sie nach einstündiger Wanderung vor sich

liegen sah. Gewöhnlich, wenn er solch ein stummes Dankgebet in den

Himmel hinaufsandte, zog ihm gleich darauf das Glück etwas ab, als

wenn es dächte: Der ist auch mit weniger zufrieden. Das erste nämlich,

was er tun mußte, war: sich im Portal der Schule aufstellen und alle

Schüler aufschreiben, die zu spät kamen. So hatte sich Asmus das

Belauschen der Kindesseele nicht gedacht. Aber da es nun einmal sein

Amt war, so notierte er gewissenhaft alles, was an Buben oder Mädchen

den letzten Glockenschlag versäumte, obwohl es ihm bei den Mädchen

mitunter schwer wurde. Anfangs empfand er wohl so etwas wie die Würde

einer obrigkeitlichen Stellung, namentlich als ein Vater, der mit dem

Schulgeld im Rückstande war, an ihn herantrat und bat, daß man noch

ein wenig Geduld mit ihm haben möchte, und ihm heimlich ein paar

Zigarren in die Hand drücken wollte. Asmus wich zwar ängstlich zurück

und rief: »Darüber habe ich leider gar nichts zu sagen!« – aber als

deutscher Jüngling fühlte er sich doch geschmeichelt, daß man ihn für

eine Behörde hielt. Diese Reize indessen verflüchtigten sich schon

nach wenigen Tagen. Dann kam eines Morgens ein blasses, frierendes,

von Regen durchnäßtes Mägdelein, das weinte.

»Warum weinst du?« fragte Asmus.

»Ich konnte nicht eher kommen; mein Vater hat meine Mutter

’rausgeschmissen.«

Semper der Jüngling · 第 7 / 292 题