25. Oktober 1887.

Helen hat gestern einen zweiten Brief an die kleinen Mädchen

geschrieben,[26] und ihr Vater hat ihn an Herrn Anagnos geschickt. Sie

hat jetzt begonnen, die Pronomina aus eigenem Antriebe anzuwenden.

Heute früh sagte ich zu ihr: ~Helen will go upstairs~. Sie lachte und

antwortete: ~Teacher is wrong. You will go upstairs.~ Dies ist ein

weiterer großer Fortschritt. So ist es stets. Was ihr gestern Mühe

machte, fällt ihr heut äußerst leicht, und die Schwierigkeiten von heut

sind morgen ein überwundener Standpunkt.

Es ist ein Genuß, die rasche Entwickelung von Helens Geist zu

beobachten. Ich zweifle daran, ob irgend ein Lehrer jemals eine Aufgabe

vor sich hatte, die sein Interesse so ausschließlich in Anspruch nahm.

Es muß mir bei meiner Geburt ein glücklicher Stern geleuchtet haben,

und ich beginne jetzt seinen wohltätigen Einfluß zu empfinden.

* * * * *

Oktober 1887.

Bevor dieser Brief in Ihre Hände gelangt, haben Sie wahrscheinlich

schon Helens zweiten Brief an die kleinen Mädchen gelesen. Ich weiß es,

der Fortschritt, den sie in der zwischen den beiden Briefen liegenden

Zeit gemacht hat, muß unglaublich erscheinen. Nur wer täglich mit ihr

verkehrt, kann sich eine Vorstellung von den raschen Fortschritten

bilden, die sie in der Beherrschung der Sprache macht. Sie werden aus

ihrem Briefe entnehmen, daß sie viele Pronomina ganz richtig gebraucht.

In der Unterhaltung gebraucht sie selten eins falsch oder läßt es aus.

Ihre Leidenschaft, Briefe zu schreiben und ihre Gedanken auf das Papier

zu werfen, wird von Tag zu Tage stärker. Sie erzählt jetzt Geschichten,

in denen die Phantasie eine bedeutende Rolle spielt. Ebenso beginnt

sie jetzt einzusehen, daß sie nicht wie andere Kinder ist. Eines

Tages fragte sie: ~What do my eyes do?~ Ich sagte ihr, ich könne die

Gegenstände mit meinen Augen sehen und sie mit ihren Fingern.

Nachdem sie einen Augenblick nachgedacht hatte, entgegnete sie: ~My

eyes are bad!~ dann verbesserte sie dies in ~my eyes are sick.~

* * * * *

Einige interessante Ergänzungen zu den Briefen finden sich in dem von

Fräulein Sullivan für den offiziellen Jahresbericht des Perkinsschen

Instituts für 1887 verfaßten zusammenhängenden Ueberblick über Helens

bisherige Entwickelung. Nach Erwähnung der Szene am Brunnen (s. oben S.

225) heißt es weiter:

Demnächst kamen die örtlichen Präpositionen an die Reihe. Helens

Kleid wurde +in+ eine Truhe gelegt und dann +auf+ diese, und ich

buchstabierte ihr dann diese Präpositionen in die Hand. Den Unterschied

zwischen ~in~ und ~on~ lernte sie sehr bald, obgleich es einige

Zeit dauerte, ehe sie diese Wörter in selbständig gebildeten Sätzen

gebrauchen konnte. Wenn es irgend möglich war, führte sie die Lektion

mimisch durch; und es machte ihr großes Vergnügen, +auf+ dem Stuhle zu

stehen oder +in+ den Kleiderschrank gestellt zu werden. In Verbindung

mit dieser Lektion lernte sie die Namen der Familienmitglieder und das

Wort ~is~. ~Helen is in wardrobe, Mildred is in crib, Box is on table,

Papa is on bed~ sind Beispiele von Sätzen, die von ihr Ende April

gebildet wurden.

Nunmehr folgte eine Lektion über Adjectiva. Ich nahm einen großen,

weichen Ball aus Wolle und eine Bleikugel. Helen begriff den

Größenunterschied sofort. Als sie die Kugel in die Hand nahm, machte

sie ihr gewöhnliches Zeichen für klein (s. S. 229); dann nahm sie einen

wollenen Ball und machte das Zeichen für groß. Ich setzte die Adjectiva

~large~ und ~small~ an die Stelle dieser Zeichen. Dann wurde ihre

Aufmerksamkeit auf die Härte der Kugel und die Weichheit des Balles

gelenkt, und sie lernte die Adjectiva ~soft~ und ~hard~. Ein paar

Minuten später befühlte sie den Kopf ihrer kleinen Schwester und sagte

zu ihrer Mutter: ~Mildred’s head is small and hard.~ Demnächst suchte

ich ihr den Unterschied zwischen »schnell« und »langsam« klarzumachen.

Sie half mir eines Tages Wolle wickeln, zuerst rasch und dann langsam.

Dann sagte ich zu ihr mittels des Fingeralphabets: ~Wind fast~ oder

~wind slow~, indem ich ihr dabei die Hände hielt und zeigte, wie sie

es machen sollte. Am nächsten Tage buchstabierte sie mir während der

Turnübungen in die Hand: ~Helen wind fast~ und begann rasch zu gehen.

Dann sagte sie: ~Helen wind slow~ und paßte ihre Bewegungen wiederum

den Worten an.

Ich hielt nun die Zeit für gekommen, sie gedruckte Wörter lesen zu

lehren. Ein Pappstreifen, auf dem in erhöhten Buchstaben das Wort ~box~

gedruckt war, wurde auf den betreffenden Gegenstand gelegt und derselbe

Versuch bei einer großen Menge anderer Dinge wiederholt; aber Helen

begriff nicht sofort, daß das auf den Gegenstand gelegte Wort diesen

selbst bezeichne. Dann nahm ich einen Bogen mit dem Alphabet und legte

ihren Finger auf den Buchstaben ~A~, indem ich zugleich mit meinen

Fingern ihr ~A~ in die Hand buchstabierte. Sie bewegte ihren Finger von

einem gedruckten Buchstaben zum anderen, sowie ich ihr den einzelnen

Buchstaben in die Hand buchstabierte. Sie lernte alle Buchstaben,

große und kleine, an einem Tage. Dann nahm ich die erste Seite der

Fibel vor und ließ sie das Wort ~cat~ befühlen, indem ich es ihr zu

gleicher Zeit mit meinen Fingern zubuchstabierte. Sie verstand mich

sofort und bat mich ~dog~ und viele andere Wörter aufzusuchen. Auch war

sie sehr enttäuscht, weil ich ihren Namen in dem Buche nicht finden

konnte. Damals hatte ich noch keine Sätze in Hochdruck, die sie hätte

verstehen können; aber sie konnte stundenlang dasitzen und jedes Wort

in ihrem Buche befühlen. Stieß sie auf eines, das ihr bekannt war, so

nahm ihr Gesicht einen wahrhaft strahlenden Ausdruck an, und ihre Züge

wurden von Tag zu Tag sanfter und ernster. Um diese Zeit sandte ich ein

Verzeichnis der ihr bekannten Wörter an Herrn Anagnos, und er hatte

die große Güte, sie für Helen in Hochdruck herzustellen. Frau Keller

und ich schnitten mehrere Bogen mit gedruckten Wörtern auseinander,

sodaß Helen die Wörter zu Sätzen aneinanderreihen konnte. Dies machte

ihr mehr Vergnügen als alles, was sie bisher getan hatte, und die so

gewonnene Uebung erleichterte ihr das Erlernen des Schreibens. Es hielt

nicht schwer, ihr klarzumachen, daß sie dieselben Sätze, die sie jeden

Tag mit Hilfe der Pappstreifen bildete, auch mit Bleistift auf Papier

schreiben könne, und sie begriff sehr bald, daß sie sich nicht auf die

schon erlernten Redewendungen zu beschränken brauche, sondern jeden

Gedanken, der ihr durch den Kopf ging, damit ausdrücken könne. Ich

legte ihr eine von den Schreibtafeln, wie sie von den Blinden benutzt

werden, zwischen die Bogen Papier auf dem Tische und ließ sie ein

Alphabet der quadratischen Buchstaben, wie sie sie schreiben konnte,

befühlen. Dann führte ich ihr die Hand und half ihr den Satz bilden:

~Cat does drink milk.~ Als die damit fertig war, war sie überglücklich

und brachte ihn freudestrahlend ihrer Mutter, die ihn ihr in die Hand

buchstabierte.

Tag für Tag bewegte sie nun ihren Bleistift in denselben

vorgezeichneten Linien auf dem Papier entlang, ohne auch nur einen

Augenblick die geringste Ungeduld oder Ermüdung zu verraten.

Da sie nunmehr gelernt hatte, ihre Gedanken schriftlich auszudrücken,

unterrichtete ich sie in der Brailleschrift. Das Erlernen des Systems

machte ihr Freude, da sie bald entdeckte, sie könne jetzt selbst lesen,

was sie geschrieben habe. Ganze Abende kann sie still am Tische sitzen

und niederschreiben, was ihr in das lebhaft arbeitende Gehirn kommt,

und es fällt mir selten schwer, zu lesen, was sie geschrieben hat.

Ihre Fortschritte im Rechnen sind gleichfalls bedeutend. Sie kann

mit großer Schnelligkeit bis zur Summe von hundert addieren und

subtrahieren, und in der Multiplikation kennt sie das Einmaleins

bis zur Fünferreihe. Kürzlich beschäftigte sie sich mit der Zahl

vierzig; als ich zu ihr sagte: Dividiere sie durch zwei, antwortete

sie unverzüglich: zwanzigmal zwei ist vierzig. Später sagte ich: Nimm

drei fünfzehnmal und zähle, was herauskommt. Ich wünschte, sie sollte

Gruppen von je drei Steinen bilden und glaubte, sie würde sie dann

zählen müssen, um herauszubekommen, wieviel fünfzehnmal drei ist.

Aber sie buchstabierte mir sofort die Antwort zu: Fünfzehnmal drei ist

fünfundvierzig.

Als ihr einmal gesagt wurde, sie sei weiß und eine der Dienerinnen

schwarz, folgerte sie, daß alle, die eine ähnliche Lebensstellung

innehätten, von derselben Farbe seien, und wenn sie nach der Farbe

eines Dienstboten gefragt wurde, antwortete sie stets: schwarz. Als

die einmal nach der Farbe jemandes gefragt wurde, dessen Stand ihr

unbekannt war, schien sie nicht recht zu wissen, was sie sagen sollte,

und entgegnete endlich: blau.

Obgleich ihr niemals etwas vom Tode oder vom Begräbnis gesagt worden

war, so legte sie doch, als sie zum erstenmal in ihrem Leben mit

ihrer Mutter und mir einen Kirchhof betrat, auf dem wir uns die

Blumen ansehen wollten, ihre Hand auf unsere Augen und buchstabierte

wiederholt: ~Cry--cry.~ Ihre Augen füllten sich in der Tat mit Tränen.

Die Blumen schienen ihr keine Freude zu machen, und sie war ganz still,

während wir dort blieben.

Als sie bei einer anderen Gelegenheit mit mir spazieren ging, schien

sie sich der Anwesenheit ihres Bruders bewußt zu sein, obgleich wir

noch weit von ihm entfernt waren. Sie buchstabierte mir wiederholt

seinen Namen in die Hand und lief nach der Richtung, aus der er kam.

Beim Spazierengehen oder Reiten gibt sie oft die Namen der Personen,

denen wir begegnen, sofort an, sobald wir sie bemerken.

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Die Geschichte meines Lebens · 第 58 / 70 题