Ihre Sie liebende kleine Schülerin

Helen A. Keller.

[18] Vergl. oben S. 57 ff.

Aus einem Briefe vom 14. Juli 1890 an den nachmaligen Bischof Brooks.

... Meine Eltern waren entzückt, mich sprechen zu hören, und ich war

überglücklich, ihnen eine so frohe Ueberraschung bereiten zu können.

Ich denke mir, es muß ein wohltuendes Gefühl sein, jedermann glücklich

zu machen. Warum hält es der liebe Vater im Himmel manchmal für das

beste, uns recht großes Leid zu senden? Ich bin stets glücklich, und

dies war auch der kleine Lord Fauntleroy, aber des armen kleinen Jakeys

Leben war voller Traurigkeit. Gott hatte Jakeys Augen kein Licht

geschenkt, und sein Vater war nicht freundlich und liebevoll. Glauben

Sie, daß der arme Jakey seinen Vater im Himmel deswegen mehr liebte,

weil sein anderer Vater unfreundlich zu ihm war? Auf welche Weise hat

Gott den Menschen verkündet, daß seine Heimat im Himmel ist? Wenn die

Menschen Böses tun, Tiere quälen und Kinder unfreundlich behandeln, so

ist Gott betrübt, aber auf welche Weise will er sie lehren, barmherzig

und liebreich zu sein? Ich denke, er wird ihnen sagen, wie herzlich

er sie liebt und daß er wünscht, sie möchten gut und glücklich sein,

und dann werden sie ihren Vater, der sie so sehr liebt, nicht betrüben

und wünschen, ihm in allem, was sie tun, zu Gefallen zu sein, und dann

werden sie einander lieben und jedermann Gutes tun und gegen die Tiere

freundlich sein.

Bitte, erzählen Sie mir alles, was Sie von Gott wissen. Es macht mich

glücklich, viel von meinem liebenden Vater zu erfahren, der gut und

weise ist. Ich hoffe, Sie werden Ihrer kleinen Freundin schreiben, wenn

Sie Zeit haben.

Tommy Stringer, dessen Name in den Briefen der nächsten Zeit oft

vorkommt, wurde im Alter von fünf Jahren blind und taub. Seine

Mutter war tot und sein Vater zu arm, um ihn unterrichten zu lassen.

Eine Zeitlang war er in dem allgemeinen Krankenhaus in Allegheni

untergebracht. Von dort wurde er nach einem Armenhause geschickt,

denn zu jener Zeit gab es in Pennsylvania keinen anderen Platz. Helen

hörte von ihm durch einen Bekannten, der ihr schrieb, es sei ihm nicht

gelungen, einen Gönner für Tommy zu finden. Sie wünschte, daß er nach

Boston gebracht würde, und als man ihr mitteilte, es gehöre viel Geld

dazu, ihm eine Lehrerin zu halten, antwortete sie: Wir wollen es

zusammenbringen. Sie begann Beiträge unter ihren Bekannten zu sammeln

und leerte selbst ihre Sparbüchse.

~Dr~. Alexander Graham riet, Tommy nach Boston zu schicken, und wirkte

ihm einen Platz in dem Blindenkindergarten aus.

Inzwischen bot sich für Helen Gelegenheit, eine beträchtliche Summe zu

Tommys Erziehung beizusteuern. Den Winter zuvor war ihr Hund Lioneß

gestorben, und ihre Freunde faßten den Plan, Geld zu sammeln, um ihr

einen neuen Hund zu kaufen. Helen bat, die Beiträge, die aus ganz

Amerika und England zusammenflossen, auf Tommys Erziehung zu verwenden.

In Anbetracht dieses neuen Zweckes wuchs der Fonds rasch an, und für

Tommy war gesorgt. Er wurde am 6. April in den Kindergarten aufgenommen.

Helen hatte sich mit wahrem Feuereifer der Sache angenommen. So

heißt es in einem Briefe vom 20. März 1891: Und nun möchte ich Ihnen

mitteilen, was die Hundeliebhaber in Amerika zu tun im Begriffe

stehen. Sie wollen mir Geld für ein armes taubstummes und blindes Kind

schicken. Sein Name ist Tommy, und es ist fünf Jahre alt. Seine Eltern

sind zu arm, um den kleinen Kerl in die Schule schicken zu können,

und daher wollen die Herren, anstatt mir einen Hund zu schenken, dazu

beitragen, Tommys Leben so strahlend und fröhlich wie das meinige zu

machen. Ist dies nicht ein schönes Unternehmen? Die Erziehung wird

Licht und Musik in Tommys Seele bringen, und dann muß er unbedingt

glücklich sein. -- Und in einem anderen Briefe vom April 1891 heißt

es: Ich wünschte, Sie könnten den kleinen Tom sehen, jenes blinde und

taubstumme Kind, das soeben in unserem hübschen Garten eingetroffen

ist. Er ist jetzt arm, hilflos und einsam, aber vor Ablauf eines Jahres

wird die Erziehung Licht und Heiterkeit in Tommys Leben gebracht haben.

-- Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 30. April: Sie werden sich

freuen, zu hören, daß Tommy jetzt eine freundliche Dame zur Lehrerin

hat und daß er ein hübscher, lebhafter, kleiner Bursche ist. Das

Umherklettern gefällt ihm allerdings besser als das Buchstabieren, aber

dies kommt daher, daß er noch nicht weiß, was für ein wunderbares Ding

die Sprache ist. Er kann sich nicht denken, wie sehr, sehr glücklich er

sein wird, wenn er uns seine Gedanken mitteilen kann und wir ihm sagen

können, daß wir ihn schon so lange geliebt haben.

Auf Helens Bitte eröffnete Bischof Brooks eine öffentliche Sammlung

für Tommy, die über 1600 Dollars einbrachte. Helen selbst schrieb

Briefe an die Zeitungen und quittierte öffentlich über den Empfang

des Geldes. Der vom 13. Mai 1891 datierte folgende Brief ist an den

Herausgeber des »Boston Herald« gerichtet: Ich glaube, die Leser Ihrer

Zeitung werden sich freuen, zu hören, daß soviel für den lieben kleinen

Tommy getan worden ist. Er fühlt sich in der Tat im Kindergarten sehr

glücklich, und lernt täglich etwas Neues. Er hat herausgefunden,

daß die Türen Schlösser haben und daß kleine Hölzchen und Stückchen

Papier sich ganz leicht in die Schlüssellöcher hineinstecken lassen;

aber er scheint nicht halb soviel Lust zu haben, sie herauszunehmen

wie hineinzustecken. Das Hinaufklettern an den Bettpfosten und das

Abschrauben der Dampfventile gefällt ihm allerdings viel besser als das

Buchstabieren, aber dies kommt daher, daß er noch nicht versteht, daß

die Wörter ihm zu neuen, interessanten Entdeckungen verhelfen werden.

Ich hoffe, daß gute Menschen fortfahren werden, für Tommy zu sorgen,

bis der Fonds vollständig ist und die Erziehung Licht und Musik in sein

kleines Leben gebracht hat.

* * * * *

Im Mai 1892 gab Helen zum Besten des Blindenkindergartens einen »Tee«,

der über 2000 Dollars einbrachte. Auf diese Veranstaltung bezieht sich

folgender Brief vom 9. Mai 1892 an eine Freundin: Brauche ich Ihnen zu

sagen, wie ich mich freute, zu hören, daß Sie sich für meinen »Tee«

interessieren? Keinenfalls dürfen wir ihn aufgeben. Sehr bald werde ich

weit fortgehen, in mein teures Elternhaus, in den sonnigen Süden, und

der Gedanke würde mich für immer glücklich machen, daß das letzte, was

meine teueren Freunde in Boston mir zuliebe getan haben, darin bestand,

daß sie das Leben so vieler kleiner des Gesichts beraubter Kinder froh

und glücklich zu machen halfen. Ich weiß, daß gütige Menschen gar

nicht umhin können, liebevolle Teilnahme für die Kleinen zu hegen, die

das herrliche Licht nicht zu erblicken vermögen, und es scheint mir,

als müsse sich alle liebevolle Teilnahme in Handlungen werktätiger

Hilfe äußern; und wenn die Freunde der kleinen hilflosen, blinden

Kinder einsehen, daß wir für ihre Glückseligkeit sorgen, so werden sie

bestimmt kommen und unserem »Tee« den Erfolg sichern, und ich bin fest

davon überzeugt, ich werde das glücklichste kleine Mädchen auf der

ganzen Welt sein.

* * * * *

Von der Reise zum Niagarafall (s. oben S. 74) handelt folgender Brief

Helens vom 13. April 1893 an ihre Mutter:

* * * * *

... Herr Westerfelt[19] gab uns zu Ehren eine Nachmittags-Gesellschaft.

Es kam eine große Menge Menschen. Einige von ihnen richteten sehr

sonderbare Fragen an mich. Eine Dame schien überrascht zu sein, daß

ich die Blumen liebte, da ich doch ihre schönen Farben nicht zu sehen

vermöchte, und als ich sie versicherte, ich liebte sie trotzdem,

antwortete sie: »Gewiß fühlen Sie die Farben mit Ihren Fingern.« Aber

natürlich lieben wir die Blumen, nicht nur ihrer herrlichen Farbe

wegen... Ein Herr fragte mich, was der Begriff Schönheit für mich

bedeute. Ich muß gestehen, ich war für einen Augenblick verwirrt. Dann

aber antwortete ich ihm, Schönheit sei eine Form der Güte -- und er

verschwand.

[19] Der Leiter einer Taubstummenschule in Rochester.

* * * * *

Ueber den Eindruck, den der Niagarafall selbst auf Helen machte, heißt

es weiterhin:

Das Hotel stand so nahe am Flusse, daß ich sein Vorbeirauschen fühlen

konnte, wenn ich die Hand an das Fenster legte... Du kannst Dir nicht

vorstellen, was ich fühlte, als ich am Niagara stand, ehe Du nicht

selbst die nämliche geheimnisvolle Empfindung gehabt hast. Ich konnte

mir kaum denken, daß es Wasser sei, was ich mit ungestümer Wut zu

meinen Füßen brausen und tosen fühlte. Es kam mir vor, als sei es

ein lebendes Wesen, das einem furchtbaren Geschicke entgegeneilte.

Ich wünschte, ich könnte den Wasserfall schildern, wie er ist, seine

Schönheit und majestätische Größe, das furchtbare, unwiderstehliche

Hinabstürzen des Wassers über den Hang des Abgrundes. Man fühlt sich in

Gegenwart einer solchen ungeheueren Kraft hilflos und überwältigt. Ich

hatte schon einmal dieses selbe Gefühl, als ich am Strande des Ozeans

stand und seine Wogen gegen das Ufer anbranden fühlte. Ich glaube,

auch Du hast diese Empfindung, wenn Du in der Stille der Nacht zu den

Sternen aufblickst, nicht wahr?... Wir ließen uns 120 Fuß in einem

Elevator nieder, um die furchtbaren Wogen und Wirbel in der tiefen

Schlucht unterhalb des Falles zu beobachten.

* * * * *

Ihren Besuch der Weltausstellung in Chicago schildert Helen in einem

Briefe vom 17. August 1893. Es heißt darin unter anderem: Jedermann

auf der Ausstellung war sehr freundlich zu mir... Fast alle Aussteller

schienen gern bereit zu sein, mich auch die zerbrechlichsten

Dinge berühren zu lassen, und sie erklärten mir alles in der

liebenswürdigsten Weise. Ein Franzose, dessen Namen ich vergessen habe,

zeigte mir die großen französischen Bronzen. Ich glaube, sie machten

mir mehr Freude als sonst etwas auf der Ausstellung: so lebendig und

wundervoll erschienen sie mir bei der Berührung..... Dann ging ich mit

Professor Morse nach der japanischen Abteilung. Ich hatte keine Ahnung

davon, was für ein wunderbares Volk die Japaner sind, ehe ich ihre

höchst interessante Ausstellung sah. Japan muß in der Tat ein Paradies

für die Kinder sein, nach der großen Menge von Spielsachen zu urteilen,

die hier angefertigt werden.

* * * * *

Ueber ihre Begegnung mit Mark Twain schreibt Helen Keller im März 1895

an ihre Mutter folgendes:

Lehrerin und ich verbrachten den gestrigen Nachmittag bei Herrn Hutton

und waren sehr vergnügt dort!

Wir trafen Mr. Clemens (Mark Twain) und Mr. Howells dort. Ich hatte

schon lange von ihnen gehört, aber nie hatte ich gedacht, daß ich die

einmal sehen und mit ihnen sprechen sollte. ... Die beiden berühmten

Schriftsteller waren sehr lieb und freundlich mit mir, und ich könnte

nicht sagen, welcher von beiden mir lieber ist. Mark Twain erzählte

uns viele unterhaltende Geschichten und brachte uns zum Lachen, bis

wir weinten. Ich möchte nur, Du hättest ihn sehen und hören können. Er

erzählte uns, daß er in einigen Tagen nach Europa gehen wolle, um seine

Frau und seine Tochter Jeanne nach Amerika zurückzuholen, weil Jeanne,

die in Paris studiert, in 3½ Jahren soviel gelernt hätte, daß wenn er

sie jetzt nicht nach Hause brächte, sie bald mehr wüßte, als er selber.

Ich finde, »Mark Twain« ist ein sehr passender ~nom de plume~ für

Herrn Clemens, denn er klingt so komisch und drollig und paßt gut zu

seinen lustigen Geschichten, und seine nautische Bedeutung[20] weist

auf die tiefsinnigen und schönen Sachen hin, die er geschrieben hat.

Ich finde, er ist sehr schön -- -- --.

(Vgl. oben S. 141 ff. 182.)

[20] ~Mark twain~ = Ruf des Mississippi-Lotsen bei 2 Faden Tiefe.

[Illustration: Helen Keller »betrachtet« eine Nike-Statuette]

Einen Besuch im Bostoner Museum schildert Helen in einem Briefe vom

3. Februar 1899. Sie schreibt darin: Vorigen Montag hatte ich ein

äußerst interessantes Erlebnis. Eine Freundin nahm mich an diesem Tage

mit nach dem Bostoner Kunstmuseum. Sie hatte mir schon vorher bei

General Loring, dem Direktor des Museums, die Erlaubnis ausgewirkt,

die Statuen berühren zu dürfen, namentlich die, welche meine alten

Freunde aus der Ilias und der Aeneis darstellten. War dies nicht

liebenswürdig? Während ich dort weilte, trat General Loring selbst ein

und zeigte mir einige der schönsten Statuen, unter denen sich die Venus

von Medici, die Athene vom Parthenon, Diana in ihrem Jagdkleide mit

der Hand am Köcher und einer Hindin neben ihr, sowie der unglückliche

Laokoon nebst seinen beiden Söhnen befanden, die sich in den

furchtbaren Umschlingungen zweier riesiger Schlangen winden und unter

herzzerreißendem Geschrei ihre Arme zum Himmel emporstrecken. Auch

den Apollo vom Belvedere sah ich. Er hat soeben den Python erlegt und

steht neben einem großen Marmorpfeiler, die schöne Hand triumphierend

über den furchtbaren Drachen ausstreckend. O er ist einfach wundervoll!

Venus entzückte mich. Sie sah aus, als sei sie soeben aus dem Schaume

des Meeres emporgestiegen, und ihre Lieblichkeit wirkte auf mich wie

ein himmlischer Gesang. Auch die arme Niobe sah ich mit ihrem jüngsten

Kinde, das sich fest an die anklammert, während sie die grausame

Göttin anfleht, ihr nicht auch den letzten Liebling zu töten. Ich

weinte beinahe, so lebenswahr und tragisch war dies alles. General

Loring zeigte mir auch in liebenswürdiger Weise eine Nachbildung einer

der wundervollen Bronzetüren aus dem Baptisterium zu Florenz, und

ich befühlte die schönen Pfeiler, die auf den Rücken grimmiger Löwen

ruhen. So hatte ich, wie Sie sehen, einen Vorgeschmack des Genusses,

den ich eines Tages haben werde, wenn ich Florenz besuche. Meine

Freundin versprach mir, später eine Nachbildung der von Lord Elgin

nach London gebrachten Parthenonskulpturen zu zeigen. Ich würde es

jedoch vorziehen, die Originale an der Stelle zu sehen, für die sie

von dem Genius bestimmt waren, nicht nur als Hymnus zum Preise der

Götter, sondern auch als Denkmal für den Ruhm Griechenlands. Es scheint

mir tatsächlich ein Frevel zu sein, solche geweihte Werke aus dem

Heiligtume der Vergangenheit, in das sie gehören, zu entführen.

* * * * *

Ebenso interessant wie das vorstehende Schreiben ist eine Aeußerung

Helens in einem Briefe vom 2. Januar 1900 über ihre Empfindungen

beim Orgelspiel. Es heißt darin: Am Sonntag gingen wir nach der

Bartholomäuskirche... Nach dem Gottesdienste bat der Geistliche

den Organisten Herrn Warren, die Orgel für mich zu spielen. Ich

stand mitten in der Kirche, wo die von der großen Orgel erzeugten

Luftschwingungen am stärksten sind, und fühlte die mächtigen Tonwogen

gegen mich anbranden, wie die großen Meereswellen gegen ein kleines

Schiff schlagen...

* * * * *

Zum Schluß seien noch einige Aeußerungen Helens über

Schicksalsgefährten von ihr angeführt. Am 5. Juni 1899 schreibt sie

über Linnie Haguewood, ein taub-blindes Mädchen, das von einem Fräulein

Dora Donald erzogen worden war, an Herrn William Wade (vergl. S. 78):

Linnie Haguewoods Brief interessierte mich sehr. Er scheint mir auf

Selbständigkeit und große Sanftmut des Charakters hinzuweisen. Sehr

interessant sind ihre Aeußerungen über Geschichte. Ich bedauere, daß

sie kein Gefallen daran findet; aber auch ich empfinde es bisweilen,

wie dunkel, geheimnisvoll und selbst furchtbar die Geschichte alter

Völker, alter Religionen und alter Regierungsformen in Wahrheit ist.

Nun, ich muß offen gestehen, ich liebe die Zeichensprache nicht und

glaube auch nicht, daß sie den Taub-Blinden von großem Nutzen ist.

Ich finde es sehr schwer, den raschen Bewegungen der Taubstummen zu

folgen, und außerdem scheinen die Zeichen ein großes Hindernis für sie

bei der Gewöhnung an einen freien, gewandten Gebrauch der Sprache zu

sein. Es fällt mir bisweilen schwer, sie zu verstehen, wenn sie mit

den Fingern buchstabieren. Im ganzen genommen erscheint mir, wenn sie

nicht die Lautsprache erlernen können, das Fingeralphabet als das beste

und bequemste Verständigungsmittel für sie. Jedenfalls bin ich fest

davon überzeugt, daß die Taub-Blinden es nicht fertig bringen, die

Zeichensprache einigermaßen gewandt zu handhaben.

Eines Tages traf ich einen tauben Norweger, der Ragnhild Kaata und ihre

Lehrerin sehr genau kennt, und wir unterhielten uns über sie in sehr

interessanter Weise. Er erzählte, sie sei sehr fleißig und heiter.

Sie spinnt und beschäftigt sich viel mit weiblichen Handarbeiten,

sie liest und führt ein angenehmes, nützliches Leben. Aber denken

Sie, sie versteht sich nicht auf das Fingeralphabet. Sie liest gut

von den Lippen ab, und wenn sie etwas nicht versteht, so schreiben

ihre Bekannten es ihr in die Hand, und auf diese Weise unterhält sie

sich mit Fremden. Ich kann nichts verstehen, was man mir in die Hand

schreibt; daraus können Sie sehen, daß Ragnhild mir in einigen Punkten

überlegen ist. Ich hoffe, ich werde sie einmal sehen.

* * * * *

Am 9. Dezember 1900 schreibt Fräulein Keller an denselben Herrin:

... Im vergangenen Oktober hörte ich von einem ungewöhnlich geweckten

taub-blinden Mädchen in Texas. Sie heißt Ruby Rice und ist, glaube ich,

dreizehn Jahre alt. Sie hat niemals Unterricht erhalten; doch kann

sie nähen und hilft anderen bei dieser Arbeit. Ihr Geruchssinn ist

wunderbar fein ausgebildet. Wenn sie in einen Laden tritt, geht sie

direkt auf die Schaukästen zu; ebenso kann sie ihre eigenen Sachen

von fremden unterscheiden. Ihre Eltern wünschen möglichst bald eine

Lehrerin für sie. Auch haben sie schon an Herrn Hitz über ihre Tochter

geschrieben.

Ebenso kenne ich ein Kind in dem Taubstummen-Institut in Mississippi.

Sie heißt Maud Scott und ist sechs Jahre alt. Fräulein Watkins, ihre

Erzieherin, hat mir einen sehr interessanten Brief geschrieben. Sie

teilte mir mit, daß Maud taub geboren ist und ihr Gesicht schon im

Alter von drei Monaten verlor, sowie daß sie bei ihrer vor ein paar

Wochen erfolgten Aufnahme in das Institut ganz hilflos war. Sie konnte

nicht einmal gehen und konnte auch ihre Hände nur wenig gebrauchen.

Als man versuchte, ihr das Aufreihen von Perlen beizubringen, sanken

ihr die Händchen herab. Augenscheinlich ist ihr Gefühlssinn nicht

entwickelt worden, und bis jetzt kann sie nur gehen, wenn jemand sie

bei der Hand faßt; aber sie scheint ein außergewöhnlich gewecktes Kind

zu sein. Fräulein Watkins fügt hinzu, daß sie sehr hübsch ist. Ich habe

ihr geschrieben, daß, wenn Maud lesen lernt, ich ihr viele Erzählungen

schicken werde. Das Herz tut mir weh bei dem Gedanken, wie gänzlich

dieses liebe, süße kleine Mädchen von allem abgeschnitten ist, was im

Leben gut und wünschenswert ist. Aber Fräulein Watkins scheint gerade

die richtige Erzieherin für sie zu sein.

Vor kurzem war ich in New York und traf Fräulein Rhoades, die mir

erzählte, sie habe Katie Mc. Gier gesehen. Sie sagte, das arme junge

Mädchen spreche und bewege sich gerade wie ein kleines Kind. Katie

spielte mit Fräulein Rhoades’ Ringen, zog sie ihr ab und sagte mit

einem fröhlichen Lachen: Sie bekommen sie nicht wieder. Sie konnte

Fräulein Rhoades nur verstehen, wenn diese von den einfachsten Dingen

sprach. Sie wollte ihr einige Bücher schicken, konnte aber keins

finden, das einfach genug für sie gewesen wäre! Sie sagte, Katie sei

sehr sanft, sei aber in Bezug auf den eigentlichen Unterricht in

betrübender Weise zurückgeblieben. Ich war sehr überrascht, all dies

zu hören; denn nach Ihren Briefen zu urteilen, muß Katie ein sehr

frühreifes Mädchen sein.

Vor ein paar Tagen traf ich Tommy Stringer auf dem Bahnhofe in

Wrentham. Er ist jetzt ein großer, starker Junge und wird bald der

Leitung eines Mannes bedürfen; denn er ist wirklich zu groß, als daß

sich eine Dame noch mit ihm abgeben könnte. Er geht, wie ich höre, in

die öffentliche Schule, und seine Fortschritte sollen ganz erstaunlich

sein; aber in der Unterhaltung zeigt er dies bis jetzt noch nicht, denn

diese beschränkt sich auf ja und nein.

Ferner schreibt Helen in einem Briefe vom 27. Dezember 1890 an eine

bekannte Dame: Ein Herr in Philadelphia hat vor kurzem an meine

Lehrerin über ein taub-blindes Kind in Paris, dessen Eltern Polen sind,

geschrieben. Die Mutter ist Aerztin und, wie er sagt, eine prächtige

Frau. Der kleine Knabe konnte zwei bis drei Sprachen sprechen, bevor

er sein Gehör durch Krankheit verlor, und ist jetzt erst fünf Jahre

alt. Armer kleiner Bursche, ich wollte, ich könnte etwas für ihn tun;

aber er ist so jung, meine Lehrerin glaubt, eine Trennung von seiner

Mutter würde von zu nachteiligen Folgen für ihn begleitet sein. Frau

Thaw schrieb mir kürzlich einen Brief über die Möglichkeit, etwas

für all diese Kinder zu tun. ~Dr.~ Bell meint, die gegenwärtige

Volkszählung würde ergeben, daß sich allein in den Vereinigten Staaten

mehr als tausend befänden, und Frau Thaw glaubt, wenn alle meine

Freunde ihre Anstrengungen vereinigten, so würde es ein leichtes sein,

mit Beginn dieses neuen Jahrhunderts der Wohltätigkeit eine neue Bahn

zu eröffnen und die Rettung dieser unglücklichen Kinder zu bewirken.

Am 11. November 1901 wurde ~Dr.~ Howes hundertjähriger Geburtstag in

Boston feierlich begangen. Am Tage vorher schrieb Helen Keller an ihren

Verwandten ~Dr.~ Edward Everett Hale (vergl. oben S. 139) folgenden

Brief:

* * * * *

Cambridge, 10. November 1901.

Meine Lehrerin und ich hoffen morgen der Feier der hundertsten

Wiederkehr von ~Dr.~ Howes Geburtstag beiwohnen zu können; aber ich

bezweifle es sehr, ob wir eine Gelegenheit finden werden, mit Ihnen zu

sprechen. Daher schreibe ich Ihnen heut, um Ihnen zu sagen, wie erfreut

ich darüber bin, daß Sie die Festrede halten werden; denn ich fühle es,

daß Sie besser als sonst jemand, den ich kenne, die aus dem tiefsten

Herzen kommende Dankbarkeit derer zum Ausdruck bringen werden, die

ihre Bildung, ihre Stellung im Leben, ihr Glück dem verdanken, der den

Blinden die Augen geöffnet und den Stummen die Lautsprache geschenkt

hat.

Während ich hier in meinem Studierzimmer sitze, umgeben von meinen

Büchern, mich der tröstenden und erhebenden Gemeinschaft mit den großen

Weisen erfreuend, suche ich mir vorzustellen, was mein Leben wohl

gewesen wäre, wenn es ~Dr.~ Howe nicht gelungen wäre, die große, ihm

von Gott gestellte Aufgabe zu lösen. Hätte er nicht die Verantwortung

für Laura Bridgmans Erziehung übernommen und sie aus dem Schlunde des

Acheron zurück zu ihrem Menschentume geführt, würde ich dann heut eine

Schülerin des Radcliffe College sein -- wer vermag dies zu sagen? Aber

es ist nutzlos, über das zu grübeln, was in Bezug auf ~Dr.~ Howes große

Leistung hätte sein können.

Ich glaube, nur diejenigen, welche jenem mehr dem Tode als dem Leben

ähnlichen Dasein entronnen sind, von dem auch Laura Bridgman gerettet

worden ist, können wissen, wie vereinsamt, wie in Dunkel gehüllt, wie

durch die eigene Ohnmacht niedergedrückt eine Seele ohne Denken, ohne

Glauben, ohne Hoffen ist. Worte sind zu schwach, um die Oede jenes

Kerkers oder die Freude der Seele, die aus ihrer Haft befreit ist,

zu schildern. Wenn wir die Dürftigkeit und Hilflosigkeit der Blinden

vor dem Beginn von ~Dr.~ Howes Tätigkeit mit ihrer gegenwärtigen

Brauchbarkeit und Unabhängigkeit vergleichen, so sind wir uns bewußt,

daß sich große Dinge in unserer Mitte vollzogen haben. Physische

Bedingungen haben hohe Mauern um uns errichtet, aber dank unserem

Freunde und Helfer liegt uns die Welt nach oben offen; die Länge, die

Breite, die Höhe des Himmels gehören uns.

Es ist ein erhebender Gedanke, daß ~Dr.~ Howes edles Unternehmen den

ihm gebührenden Tribut der Liebe und Dankbarkeit in der Stadt erhalten

soll, die der Schauplatz seiner unendlichen Mühen und seiner glänzenden

Siege zum Besten der Menschheit gewesen ist.

Mit den herzlichsten Grüßen, denen sich meine Lehrerin anschließt, bin

ich

in treuer Liebe

Die Geschichte meines Lebens · 第 33 / 70 题