Helen A. Keller.
_Aus einem Briefe an ~Dr~. Oliver Wendell Holmes_[17]
vom 1. März 1890.
... Ich lese jetzt eine sehr traurige Geschichte, »~Little Jakey~« mit
Titel. Jakey war der lieblichste kleine Knabe, den Sie sich denken
können, aber er war arm und blind. Als ich klein war und noch nicht
lesen konnte, glaubte ich, daß jedermann stets glücklich sei, und
zuerst machte es mich sehr traurig, als ich von Schmerz und großem
Leide erfuhr; aber jetzt weiß ich, daß wir niemals lernen würden,
tapfer und geduldig zu sein, wenn es nur Freude auf der Welt gäbe.
Ich beschäftige mich in der Zoologie jetzt mit den Insekten, und ich
habe viel über die Schmetterlinge gelernt. Sie machen keinen Honig für
uns wie die Bienen, aber viele von ihnen sind so schön wie die Blumen,
auf denen sie ruhen, und erfreuen stets das Herz kleiner Kinder. Sie
führen ein fröhliches Leben, flattern von Blume zu Blume und nippen die
Tropfen Honigtau, ohne an den morgenden Tag zu denken. Sie sind genau
wie kleine Knaben und Mädchen, wenn sie Bücher und Schule vergessen und
durch die Wälder und Felder laufen, um wilde Blumen zu pflücken oder
nach duftenden Lilien in die Teiche waten, glücklich im strahlenden
Sonnenschein.
[17] Vergl. oben S. 137 ff.
_An Fräulein Sarah Fuller._[18]
Boston, Mass., 3. April 1890.
Mein liebes Fräulein Fuller!
Mein Herz ist an diesem schönen Morgen voller Freude, weil ich viele
neue Wörter sprechen gelernt habe und ich ein paar Sätze bilden
kann. Gestern abend ging ich in den Hof hinaus und redete den Mond
an. Ich sagte: O Mond, komm zu mir! Glauben Sie, daß sich der liebe
Mond freute, als er mich sprechen hörte? Wie froh wird meine Mutter
sein! Ich kann den Juni kaum erwarten, so sehnlich wünsche ich, zu
ihr und zu meiner reizenden kleinen Schwester sprechen zu können.
Mildred konnte mich nicht verstehen, wenn ich mit meinen Fingern
buchstabierte, aber jetzt wird sie auf meinem Schoß sitzen und ich
werde ihr viel erzählen, was ihr gefallen soll, und wir werden so
glücklich miteinander sein. Sind Sie sehr, sehr glücklich, daß Sie so
viele Menschen glücklich machen? Ich glaube, Sie sind sehr gütig und
geduldig, und ich liebe Sie recht von Herzen. Meine Lehrerin sagte mir
am Dienstag, Sie wünschten zu wissen, wie der Wunsch in mir aufstieg,
mit meinem Munde zu sprechen. Ich will es Ihnen ausführlich erzählen,
denn ich erinnere mich ganz genau daran. Als ich ein ganz kleines
Kind war, pflegte ich die ganze Zeit über auf meiner Mutter Schoß zu
sitzen, weil ich sehr furchtsam war und nicht gern allein blieb. Ich
hielt fortwährend meine kleine Hand an ihr Gesicht, weil es mir Spaß
machte, zu fühlen, wie sich ihr Gesicht und ihre Lippen bewegten,
wenn sie mit anderen sprach. Ich wußte damals noch nicht, was sie
tat, denn ich war in allem ganz unwissend. Als ich dann älter wurde,
lernte ich mit meiner Wärterin und den kleinen Negerkindern spielen
und bemerkte, daß sie ihre Lippen genau wie meine Mutter bewegten;
daher bewegte ich auch die meinigen, aber das machte mich mitunter
zornig, und ich schlug meine Spielgefährten oft heftig auf den Mund.
Ich wußte damals noch nicht, daß dies sehr unartig war. Nach langer
Zeit kam meine teure Lehrerin zu mir und lehrte mich, wie ich mich mit
meinen Fingern verständlich machen könnte, und ich war glücklich und
zufrieden. Als ich dann aber in die Schule nach Boston kam, traf ich
mehrere taube Leute, die mit ihrem Munde sprachen wie alle anderen
Leute, und eines Tages kam eine Dame, die in Norwegen gewesen war, zu
mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von einem blinden und tauben
Mädchen, das sie in jenem fernen Lande gesehen hatte und das sprechen
und andere verstehen gelernt hatte, wenn sie zu ihr sprachen. Diese
guten, fröhlichen Nachrichten entzückten mich über die Maßen, denn
jetzt war ich überzeugt, daß ich es auch lernen würde. Ich versuchte
Töne hervorzubringen wie meine kleinen Spielgefährten, aber Fräulein
sagte mir, die Stimme sei etwas sehr Zartes und Empfindliches und
ich würde sie schädigen, wenn ich unrichtige Töne ausstieße, und sie
versprach mir, mich mit zu einer gütigen und klugen Dame zu nehmen,
die mich lehren würde, sie richtig hervorzubringen. Diese Dame waren
Sie selbst. Jetzt bin ich so glücklich wie die kleinen Vögel, denn ich
kann sprechen, und vielleicht werde ich sogar singen lernen. Alle meine
Freunde werden darüber erstaunt und erfreut sein.