Die Lebensgeschichte Helen Kellers ist ein Beitrag zur Erziehung des
Menschengeschlechtes. Es tut nicht not, ihr Charakterbild neben das
Napoleons zu rücken, wie es ihr Landsmann Mark Twain getan hat, um der
Bewunderung für ihre einzigartige Leistung Ausdruck zu geben. Sie ist
neunzehn Monate alt, als sie infolge einer schweren Krankheit, in der
die Aerzte sie bereits aufgegeben hatten, ihre Sprache, ihr Gehör und
ihr Gesicht verliert. Bis zu ihrem siebenten Jahre lebt sie in einem
tierähnlichen Zustande. Die ihr gebliebenen Sinne Geruch, Geschmack,
Gefühl, geben ihr die Möglichkeit, sich bei ihren nächsten Angehörigen
durch dunkle Zeichen und Gesten verständlich zu machen. Sie hängt
entweder an dem Kleide der Mutter oder sie sitzt beständig auf dem
Schoße der unglücklichen Frau, die den Jammer ihres Kindes gleich dem
Gatten durch eine grenzenlose Liebe zu mildern sucht.
Wer kennt nicht jene rührende Angst junger Mütter vor der Geburt ihres
ersten Kindes?... Immer wieder taucht im tiefsten Innern die Frage auf,
wird das kleine Wesen auch mit heilen Gliedern zur Welt kommen -- wird
es sehen -- wird es hören?
Helen Keller wurde als ein kräftiges Kind geboren, das vor Gesundheit
strotzte, bevor das Unglück über sie hereinbrach. Was mag damals in
der Seele ihrer Eltern vorgegangen sein, als sie nach dem Ausspruch
der Aerzte der ganzen Schicksalsschwere sich bewußt wurden! Wer würde
es nicht begreifen, wenn bei dem erschütternden Anblick ihres Kindes
unaussprechbare Gebete in ihnen wuchsen, wenn der dunkle Wunsch in
ihnen aufstieg, Gott möchte dieses arme Kind, dessen Gegenwart voll
Gram war, und in dessen Zukunft nicht ein Schimmer Glücks dringen
würde, zu sich nehmen. Und wenn Helen das ganze Haus tyrannisierte,
unartikulierte Laute ausstieß und wie eine Wilde sich gebärdete, sobald
man nicht ihren Willen tat -- wer möchte sich dann wundern, wenn Vater
und Mutter in dumpfer Resignation alles über sich ergehen ließen? Helen
zählt sieben Jahre drei Monate, als in ihr Leben die große Wendung
tritt.
In diesem Alter haben die Menschen mittels des Ohres und des Auges das
Meiste von dem errafft, was den Inhalt ihres ganzen Lebens ausmacht.
Denn was wir später durch Erziehung, Schule und Selbstbetätigung
erreichen, ist im Verhältnis zu den Schätzen, die wir in diesen ersten
Jahren unseres Daseins mühelos aufheben, winzig und unbeträchtlich.
Die urangeborene Genialität des Menschen kommt in seinen Kinderjahren
zu einem großartigen Ausdruck. In dieser unserer Kindheit leben
wir in einem Zustand, für den die Bibel den Ausdruck paradiesisch
gefunden hat. Selbst das ärmste Kind, dem häusliches Unglück seine
Jugend stiehlt, hat noch teil an den Freuden, die ihm seine unbewußte
Erkenntnis aufschließt. In der Stunde beginnt erst der Ernst und die
Qual des Lebens, wo in unser bisher unbewußtes Lernen System kommt, wo
fremde Menschen auf unsere Verstandeskräfte pochen, und wo wir unter
ihrem Zwang und ihrer Leitung wissend werden.
Und auch hier erweist sich noch einmal das schier Wunderbare und
Unfaßliche unserer geistigen Veranlagung. Wenn wir vorher im
wörtlichsten Sinne des Wortes spielend das Sprechen lernten -- so
ergibt sich als zweites Phänomen unserer Entwicklung, daß wir auf Grund
unserer Sprachkenntnis in einer Frist, die zu dem Resultat in gar
keinem Verhältnis steht, die Fähigkeit des Lesens erlangen.
Beinahe achtlos und ohne Ehrfurcht geht der Mensch an solchen Wundern
vorüber. Nur junge Mütter strahlen vor Glück und Stolz, wenn ihr Kind
die ersten Worte hervorbringt, weil die in ihrem Instinkt die Größe
des Augenblicks empfinden. Sie ahnen, daß die kleine Seele ihre zarten
Schwingen hebt, daß dunkle Hüllen fallen -- daß wie mit einem Schlage
das geistige Wachstum deutlich erkennbar einsetzt. Von alledem war
Helen Keller ausgeschlossen bis zu dem angegebenen Zeitpunkte, wo ihre
Lehrerin Anne Mansfield Sullivan ihr väterliches Haus betrat. Die Nacht
hatte ihre schwarzen Flügel um sie gebreitet -- und es schien, als ob
undurchdringliche Finsternis wie ein böser Zauber für immer auf ihrer
Seele lasten sollte.
Wen soll man mehr bewundern, -- das taubstumme und blinde Geschöpf, das
durch eine Energie, die beispiellos ist, sich zu dem höchsten Wissen
durchringt, oder ihre Lehrerin, deren Opfermut, Geduld und Güte Licht
in das Dunkel dieses ausgestoßenen Menschen bringt? Beide betrachten
ihre Begegnung als den unerhörten Glücksfall ihres Lebens. Und beider
Existenz könnte den Ungläubigen gläubig machen und mit Gott aussöhnen.
Jene Philosophen, die Beweise für das Dasein Gottes suchen, brauchten
sich nur auf diese beiden Geschöpfe zu berufen, um ihre Arbeit als
getan anzusehen.
Anne Sullivan unterrichtet Helen, als ob sie ein normales Kind
wäre. Sie tritt ihr mit unerbittlicher Strenge entgegen, nachdem
ihre Versuche, das unbändige Kind durch Güte zu erziehen, kläglich
gescheitert sind. Sie nötigt die Eltern, Helen ein paar Wochen mit ihr
ganz allein zu lassen, und diese Zeit benutzt sie, um dem verzogenen
kleinen Mädchen durch ihre körperliche Ueberlegenheit fühlbar zu
machen, daß ihr stärkerer Wille jeden Eigensinn zu brechen vermag. Erst
als Helen diese Erkenntnis aufgezwungen und ins Blut gegangen ist,
beginnt die geistige Arbeit.
Dies Buch ist ein Dokument dafür, was menschliche Energie zu leisten
vermag. Man muß es Zeile für Zeile andächtig und in Ehrfurcht lesen, um
das Wunderbare, das hier erreicht wurde, zu begreifen.
Der Apostel spricht: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen
redete und hätte doch der Liebe nicht...“ Neben allen ihren geistigen
Fähigkeiten hatte Anne Sullivan der Liebe. Wie trifft man besser ihren
Wesenskern, als wenn man sie das Genie der Güte und der Liebe nennt?
Bis zu ihrem vierzehnten Jahre war sie selbst blind gewesen. Aus dieser
ihrer Leidenszeit hatte sie sich das große Gefühl des Erbarmens für
ihre Lebensaufgabe geschöpft. Sie wurde ihrer Schülerin eine Gespielin,
und im Spiele fand sie den Schlüssel, um Helen die Pforten der
Erkenntnis zu öffnen, die ihr nach menschlicher Berechnung für immer
verschlossen schienen. An den greif- und fühlbaren Dingen setzte ihr
Lehrplan ein, um dann an jene Wahrnehmungen anzuknüpfen, die durch den
Geruchssinn ermöglicht wurden.
Sie begann damit, ihrer Schülerin das Fingeralphabet beizubringen
-- und als dies gelungen war, buchstabierte sie ihr unaufhörlich
neue Wörter in die Hand, unbekümmert darum, ob Helen sie verstand
oder nicht. Sie wurde dabei von einer Voraussetzung geleitet, deren
Richtigkeit sich auf das Glänzendste bestätigen sollte. Sie sagte sich,
in dem Augenblicke, wo das geistige Dunkel von Helen genommen sein
würde, müßte sie durch Erinnerung und Ideenassociation hinter den Sinn
der Vokabeln gelangen, die ihr immer und immer wieder mechanisch in die
Hand buchstabiert worden waren.
Erinnerung -- durch diesen Begriff allein ist das Wunder aufzuklären,
das sich an Helen Keller vollzog. Niemand kann dieses Erinnern
besser und schöner formulieren, als Helen Keller es selbst in ihrer
Lebensgeschichte getan hat: „Jedes Individuum,“ sagt sie, „besitzt
eine unter der Schwelle des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die
grünende Erde und die murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch
Taubheit kann es dieser von vergangenen Generationen her überkommenen
Gabe berauben. Diese ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes --
ein Seelensinn, der zugleich sieht, hört, fühlt.“
Die größte Schwierigkeit aber, die sich Anne Sullivan bei ihrem
schweren Lebens- und Erziehungswerk in den Weg stellte, war die:
Wie sollte sie es anfangen, um ihrer Schülerin abstrakte Begriffe
beizubringen? Auch hier erwies dich die schöpferische Genialität
dieser Pädagogin. Es seien nur zwei Beispiele ihrer Methode angeführt:
So oft sie Helen etwas Süßes zu essen gab, buchstabierte sie ihr das
Wort »süß« in die Hand, -- so oft ihre Schülerin auf der Zunge einen
bitteren Geschmack haben mußte, das Wort »bitter«. Sie schloß ganz
richtig, daß die Uebertragung des sinnlichen Eindruckes auf abstrakte
Begriffe dich allmählich ganz von selbst ergeben müßte.
Es ist nicht der Zweck dieser einleitenden Zeilen, den ganzen
Entwicklungsgang Helen Kellers zu erzählen. Man vermag ja das
Unfaßliche nur zu fassen, wenn man ihre eigenen Schilderungen liest und
die ergänzenden Briefe und Zusätze ihrer Lehrerin.
Sie lernt lesen und schreiben und wird in alle Disziplinen der
Wissenschaft eingeweiht. Von Anne Sullivan auf Schritt und Tritt
begleitet, besteht sie glänzend die notwendigen Examina, um die
Universität besuchen zu können. Sie bildet ihren Tastsinn bis zu dem
Grade aus, daß sie die Schönheit plastischer Kunstwerke zu ahnen vermag
und das rührende Wort spricht: „Ich bin mitunter im Zweifel, ob die
Hand nicht empfänglicher für die Schönheiten der Plastik ist, als das
Auge. Ich sollte meinen, der wunderbare rhythmische Fluß der Linien
ließe sich besser fühlen als sehen.“
Nur auf ein Stadium ihres seltsamen Entwicklungsganges möchte ich
hier noch eingehen. Als zu ihr die Kunde dringt, daß eine taubstumme
und blinde Norwegerin das Sprechen erlernt habe, faßt sie den festen
Entschluß, sich ebenfalls die Sprache zu eigen zu machen, koste es
noch so viel Mühe und Schweiß. Sie begibt sich mit ihrer unermüdlichen
Lehrerin zu Sarah Fuller, der Leiterin der Horace-Mann-Schule, und
nimmt am 26. März 1896 ihre erste Sprachstunde. Sie mußte ihre Hand
über das Gesicht Sarah Fullers legen, um die Stellung der Zunge und
der Lippen zu fühlen, wenn diese einen Ton hervorbrachten. Sobald ihr
Eifer und Energie zu erlahmen drohten, dachte sie an die Freude, die
ihre kleine Schwester und die Eltern empfinden müßten, wenn das Wagnis
gelingen würde.
Was wie ein Märchen klingt, wird zur Wahrheit: Helen Keller lernt auf
diese Weise das Sprechen. Und nun kann sie es kaum noch erwarten, zu
den Ihrigen zurückzukehren. Ihr Herz will vor Ungeduld zerspringen.
Es ist eine der erschütterndsten Stellen des bewegenden Buches, die
ihre Heimkehr schildert. Es heißt da: „Fast ehe ich es ahnte, hielt
der Zug auf dem Bahnhofe in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die
ganze Familie. Meine Augen füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn
ich daran denke, wie mich meine Mutter sprachlos und zitternd vor
Freude an ihr Herz drückte und auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos
lauschte, während die kleine Mildred meine freie Hand ergriff, sie
küßte und umhertanzte, und mein Vater seinen Stolz und seine Liebe
durch tiefes Schweigen bekundete. Es war, als sei Jesaias Prophezeiung
an mir in Erfüllung gegangen: Die Berge und Hügel werden vor Dir Lieder
anstimmen, und alle Bäume des Feldes werden vor Freude in ihre Hände
klatschen.“
Die Lektüre von Helen Kellers Selbstbiographie gibt uns neue
Aufschlüsse über die menschliche Natur. Sie ist eine Fundgrube für den
Psychologen und sie bringt jedem Leser eine ungeahnte Bereicherung
seines inneren Besitzes. Dennoch liegt es uns fern, Helen Keller als
Genie anzupreisen. Ihre Urteile über Kunst, Literatur und Wissenschaft
sind wohl die eines Menschen von außergewöhnlichem Intellekt und
außergewöhnlicher Kultur -- aber niemals verblüffen sie durch eine
besondere Eigenart, niemals legen sie Zeugnis ab von einer überlegenen
Persönlichkeit. Ein gebildeter Mensch, der aus allen Quellen des
Wissens und der Kunst getrunken hat, spricht zu uns -- nicht aber ein
origineller Geist, der neue Werte prägt.
Trotzdem sind wir hingerissen von diesem Phänomen, das uns zum Glauben
und zur Andacht zwingt.
Ein Beitrag zur Erziehung des Menschengeschlechtes ist dieses Buch.
Und wenn Helen Keller selbst schwerlich den Anspruch erhebt, zu den
führenden Geistern gerechnet zu werden -- so ist doch ihr Dasein selbst
ein Beweis für die Genialität des Menschen überhaupt. Es sollte die
nachdenklich und ehrfürchtig stimmen, die das kostbarste Material, das
Mutter Natur geschaffen hat, mißachten und mißhandeln.
Felix Holländer.
=Zur gefl. Beachtung:= Zum besseren Verständnis der Aufzeichnungen
Helen Kellers wird es sich empfehlen, +zuerst den Anhang+ einer
kurzen Durchsicht zu unterziehen. -- Die manchmal etwas ungewöhnliche
Ausdrucksweise der Verfasserin wurde in der Uebersetzung beibehalten.
Inhalt.