gefaßten, von keiner sachlichen Beteiligung jemals aufgelösten Haltung,
die übrigens in dem Benehmen der Personen, mit denen der Prinz in
Berührung kam, zuweilen ganz seltsame, ja komische Phänomene zeitigte.
So zog er eines Abends, in einer Soiree, die einer seiner Professoren
veranstaltete, einen Herrn ins Gespräch -- einen korpulenten Mann schon
vorgerückten Alters, Justizrat seinem Titel nach, der übrigens
unbeschadet seiner gesellschaftlichen Geltung im Geruche eines großen
Liederjahns und unzüchtigen alten Sünders stand. Das Gespräch, dessen
Gegenstand gleichgültig ist und auch kaum festzustellen gewesen wäre,
dauerte, da sich nicht gleich eine Ablösung fand, ziemlich lange. Und
plötzlich, mitten in der Unterhaltung mit dem Prinzen, pfiff der
Justizrat -- flötete mit seinen dicken Lippen eine jener sinnlos
trällernden Tonfolgen, wie man sie von sich gibt, wenn man in bedrängter
Lage sorglose Unbefangenheit heucheln möchte, worauf er durch Räuspern
und Husten die lächerliche Ungehörigkeit zu vertuschen suchte ... Klaus
Heinrich war solcher Erscheinungen gewohnt und ging mit zarter Nachsicht
darüber hinweg. Er trat vielleicht in einen Laden, um auf eigene Faust
irgendeinen Einkauf zu machen, und sein Eintritt hatte etwas wie eine
kleine Panik zur Folge. Er tat seine Forderung, verlangte einen Knopf,
dessen er bedurfte; aber das Ladenfräulein verstand ihn nicht, sie
blickte verwirrt, ihre Geisteskräfte waren nur schwer auf den Knopf
hinzulenken, waren ersichtlich von etwas anderem, Außer- und
Übersachlichem auf das äußerste in Anspruch genommen -- sie ließ
mehreres hinfallen, warf in offenbarer Ratlosigkeit die Schachteln
durcheinander, und Klaus Heinrich hatte Mühe, sie freundlich zu
beschwichtigen.
So war, wie gesagt, seines Wesens Wirkung, und vielfach in der Stadt
wurde es als Hochmut und tadelnswerte Menschenverachtung gedeutet.
Andere freilich leugneten den Hochmut, und Doktor Überbein, mit dem man
bei irgendeiner geselligen Gelegenheit darüber diskutierte, warf die
Frage auf, ob -- »jederlei Veranlassung zur Menschenverachtung
bereitwillig zugegeben« -- bei einer Entfernung von aller menschlichen
Wirklichkeit, wie sie in diesem Falle bestehe, Verachtung eigentlich
möglich sei. Ja, während man dies noch bedachte, stellte er in seiner
unwidersprechlich schwadronierenden Weise die Behauptung hin, daß der
Prinz die Menschen nicht nur nicht verachte, sondern sie sogar alle,
auch die minderwertigsten, dermaßen respektiere, für voll nehme, ernst
nehme, gut nehme, daß das arme überschätzte und überanstrengte
Alltagsmenschenkind nur so schwitze ...
Die Gesellschaft der Universitätsstadt hatte keine Zeit, sich hierüber
schlüssig zu werden. Das Studienjahr war um, ehe man sich's versah, und
Klaus Heinrich reiste ab, kehrte dem Programm seines Lebens gemäß in die
väterliche Residenz zurück, um dort, trotz seines linken Armes, ein
weiteres Jahr lang in vollem Ernst militärischen Dienst zu leisten. Er
stand sechs Monate bei den Gardedragonern und befehligte die Herstellung
von acht Schritt Distanz zu Lanzenübungen sowie die Bildung viereckiger
Formationen, als ob es seine Sache gewesen wäre, wechselte dann die
Waffe und trat, um auch in den Infanteriedienst Einblick zu tun, zu den
Leibgrenadieren über. Er zog sogar auf die Schloßwache und kommandierte
die Ablösung -- ein Vorgang, dem viel Publikum beiwohnte. Er kam, den
Stern auf der Brust, im Geschwindschritt aus der Wachtstube, stellte
sich mit gezogenem Säbel an den Flügel der Kompanie und gab nicht ganz
richtige Kommandos, was aber nicht schadete, da die braven Soldaten
dennoch die richtigen Bewegungen ausführten. Auch saß er im Kasino an
der Seite des Obersten beim Liebesmahl und verhinderte durch seine
Anwesenheit, daß die Herren ihre Uniformkragen öffneten und sich nach
Tische dem Glücksspiel überließen. Aber hierauf, nun zwanzigjährig, trat
er eine »Bildungsreise« an -- nicht mehr in Gesellschaft des Doktors
Überbein, sondern in der eines militärischen Begleiters und
Reisemarschalls, des Gardehauptmanns von Braunbart-Schellendorf, eines
blonden Kavaliers, der bestimmt war, Klaus Heinrichs Adjutant zu
bleiben, und dem durch diese Reise Gelegenheit gegeben wurde, Intimität
und Einfluß zu gewinnen.
Klaus Heinrich sah nicht viel auf der Bildungsreise, die ihn weit
herumführte und vom »Eilboten« eifrig verfolgt wurde. Er besuchte die
Höfe, stellte sich den Souveränen vor, fuhr mit Herrn von Braunbart zu
Galatafeln und erhielt bei seiner Abreise einen hohen Orden des Landes
verliehen. Er nahm die Sehenswürdigkeiten in Augenschein, die Herr von
Braunbart (der gleichfalls mehrere Orden erhielt) für ihn auswählte, und
der »Eilbote« meldete von Zeit zu Zeit, daß der Prinz sich über ein
Bild, ein Museum, ein Bauwerk gegen den führenden Direktor oder
Konservator höchst anerkennend geäußert habe. Er reiste gesondert,
geschützt und getragen von der ritterlichen Fürsorge des Herrn von
Braunbart, der die Kasse führte, und dessen frommer Eifer verhütete, daß
Klaus Heinrich am Ende der Fahrt auch nur imstande gewesen wäre, einen
Koffer aufzugeben.
Zwei Worte, nicht mehr, mögen einem Zwischenspiel gewidmet sein, welches
eine Großstadt des weiteren Vaterlandes zum Schauplatz hatte und durch
Herrn von Braunbart mit aller gebotenen Sorgfalt in die Wege geleitet
wurde. Herr von Braunbart besaß in dieser Stadt einen Kameraden,
welcher, adelig, Rittmeister und Junggeselle, von seiner Seite mit einer
jungen Dame aus der Theaterwelt, einer freundwilligen und dabei
zuverlässigen Persönlichkeit, aufs engste verbunden war. Indem man,
gemäß brieflicher Vereinbarung zwischen Herrn von Braunbart und seinem
Kameraden, Klaus Heinrich mit dem Fräulein -- und zwar in deren
zweckdienlich ausgestattetem Heim -- zusammenführte und die
Bekanntschaft unter vier Augen sich hinlänglich vertiefen ließ, wurde
auf gewissenhafte Art ein ausdrücklich vorgesehenes Bildungsziel der
Reise erreicht, ohne daß es sich auch in diesem Falle für Klaus Heinrich
um mehr als um eine beifällige Kenntnisnahme gehandelt hätte. Das
verdiente Fräulein erhielt eine Erinnerungsgabe, und Herrn von
Braunbarts Freund ward gelegentlich dekoriert. Nichts mehr hierüber. --
Klaus Heinrich bereiste auch die schönen Länder des Südens, inkognito,
unter einem Decknamen von romanhaftem Adelsklang. Da saß er denn wohl,
allein vielleicht auf eine Viertelstunde, gekleidet in ein Zivil von
zurückhaltender Vornehmheit, unter anderen Fremden auf einer weißen
Restaurationsterrasse über einem dunkelblauen See, und es mochte
geschehen, daß man von einem anderen Tisch aus ihn beobachtete, ihn nach
der Art Reisender einzuschätzen und gesellschaftlich unterzubringen
versuchte. Was mochte er sein, dieser still und gefaßt blickende junge
Mann? Man ging die bürgerlichen Sphären durch, paßte ihn versuchsweise
in die kaufmännische, die militärische, die studentische ein. Aber es
wollte nicht stimmen, nirgends so recht und ganz. -- Man fühlte die
Hoheit, aber niemand erriet sie.
Albrecht II.
Großherzog Johann Albrecht starb an einer furchtbaren Krankheit, die
etwas Nacktes und Abstraktes hatte und eigentlich mit keinem anderen
Namen als eben dem des Todes zu bezeichnen war. Es schien, als ob der
Tod, seines Besitzrechtes sicher, in diesem Falle jede Maske und
Erscheinung verschmähe und unmittelbar als er selbst, als die Auflösung
an und für sich auf den Plan trete. Es handelte sich im wesentlichen um
eine Zersetzung des Blutes, hervorgerufen durch innere Eiterungen, und
eine tiefgreifende Operation, die von dem Direktor der Universitätsklinik,
einem namhaften Chirurgen, vorgenommen wurde, konnte den
fressenden Gang der Vernichtung nicht einmal verlangsamen. Es ging
schnell zum Ende, und zwar um so schneller, als Johann Albrecht dem Tode
wenig Widerstand leistete. Er gab Zeichen eines grenzenlosen Überdrusses
und äußerte sich seinen Angehörigen und sogar den behandelnden Ärzten
gegenüber wiederholt dahin, daß er »des Ganzen« -- also wohl seines
fürstlichen Daseins, seiner hohen und zur Schau gestellten Lebensführung
-- sterbensmüde sei. Seine Wangenzüge, diese beiden Furchen des Hochmuts
und der Langeweile, prägten sich in seinen letzten Tagen auf entsetzlich
übertriebene, wahrhaft groteske und grimassenhafte Weise aus, um sich
erst im Tode wieder ein wenig zu glätten ...
Des Großherzogs letzte Krankheit fiel in den Winter. Erbgroßherzog
Albrecht, von seinem warmen und trockenen Aufenthaltsort abberufen,
geriet in ein nasses Schneewetter, das seine Gesundheit schwer bedrohte.
Sein Bruder Klaus Heinrich unterbrach seine Bildungsreise, die sich
übrigens ohnedies ihrem Abschluß näherte, und kehrte mit Herrn von
Braunbart-Schellendorf in großen Tagereisen aus den schönen Ländern des
Südens in die Residenz zurück. Außer den beiden Prinzen-Söhnen weilten
die Großherzogin Dorothea, die Prinzessinnen Katharina und Ditlinde,
Prinz Lambert -- ohne seine zierliche Gemahlin --, die behandelnden
Ärzte und Kammerdiener Prahl am Sterbelager, während im Nebenzimmer die
Hofstaaten und die Minister dienstlich versammelt waren. Wenn man den
Beteuerungen der Dienerschaft glauben durfte, so hatte sich in diesen
Wochen und Tagen das spukhafte Lärmen in der »Eulenkammer«
außerordentlich verstärkt. Es sollte ein Rumpeln und schütterndes
Poltern sein, das periodisch wiederkehrte und außerhalb des Gemaches
nicht zu vernehmen war.
Johann Albrechts letzte Hoheitshandlung bestand darin, daß er dem
Professor, der mit großer Meisterschaft die nutzlose Operation
vorgenommen hatte, eigenhändig seine Ernennung zum Geheimrat
überreichte. Er war furchtbar erschöpft, war »des Ganzen« müde, und sein
Bewußtsein war auch in lichteren Augenblicken durchaus nicht mehr klar;
aber er nahm den Akt mit aller Sorgfalt vor und machte eine Zeremonie
daraus. Er ließ sich ein wenig aufrichten, verbesserte, die wächserne
Hand schirmend über den Augen, die zufällige Aufstellung der Anwesenden,
hieß seine Söhne sich zu beiden Seiten des Himmelbettes stellen -- und
während sein Geist bereits vagierte, sich auf unbekannten Abwegen
befand, ordnete er mit mechanischer Kunst seine Miene zum Gnadenlächeln,
um dem Professor, der nach einiger Abwesenheit ins Zimmer zurückkehrte,
das Diplom einzuhändigen ...
Ganz gegen das Ende, als die Zerstörung schon das Gehirn ergriffen
hatte, machte der Großherzog einen Wunsch deutlich, der, kaum
verstanden, auch eiligst erfüllt wurde, obgleich seine Erfüllung nichts
bessern konnte. In dem Murmeln des Kranken kehrten gewisse Worte,
scheinbar zusammenhanglos, beständig wieder. Er nannte mehrere Stoffe,
Seide, Atlas und Brokat, erwähnte des Prinzen Klaus Heinrich, brauchte
einen medizinischen Fachausdruck und ließ etwas von einem Orden, dem
Albrechtskreuz dritter Klasse mit der Krone, vernehmen. Zwischendurch
fing man ganz allgemeine Wendungen auf, die sich wahrscheinlich auf des
Sterbenden fürstlichen Beruf bezogen und wie »außerordentliche
Verpflichtung« und »bequeme Mehrzahl« lauteten; dann wiederholten sich
die Stoffbezeichnungen, zu denen sich schließlich, mit stärkerer Stimme,
das Wort »Sammet« gesellte. Und da begriff man, daß der Großherzog den
Doktor Sammet zur Behandlung heranzuziehen wünsche, jenen Arzt, der vor
zwanzig Jahren bei Klaus Heinrichs Geburt zufällig auf der Grimmburg
zugegen gewesen war und nun seit langem in der Hauptstadt praktizierte.
Der Doktor war freilich ein Kinderarzt, aber man berief ihn doch, und er
kam: ziemlich ergraut bereits an den Schläfen, mit sorglos hängendem
Schnurrbart, auf den seine Nase allzu flach abfiel, sauber rasiert
übrigens und ein wenig wund davon an den Wangen. Seitwärts geneigten
Kopfes, eine Hand an der Uhrkette und den Ellenbogen dicht am
Oberkörper, prüfte er die Sachlage und begann sogleich, sich in tätiger
Sanftmut um den hohen Kranken zu bemühen, worüber dieser in
unzweideutiger Weise seine Befriedigung kundgab. So geschah es, daß
Doktor Sammet dem Großherzog die letzten Injektionen verabfolgen, ihm
mit stützender Hand den schweren Übergang erleichtern, vor den übrigen
Ärzten ihm als Todeshelfer beistehen durfte -- eine Auszeichnung, die
bei jenen Herren wohl eine stille Gereiztheit weckte, anderseits aber zur
Folge hatte, daß der Doktor kurze Zeit danach, als der wichtige Posten
vakant ward, zum Direktor und Chefarzt des Dorotheen-Kinderhospitals
ernannt wurde, in welcher Eigenschaft er später an der Entwicklung
gewisser Dinge nicht ohne Anteil war.
So starb denn Johann Albrecht der Dritte, tat seinen letzten Seufzer in
einer Winternacht, und das Alte Schloß war feierlich erleuchtet, während
er verschied. Die strengen Furchen der Langeweile glätteten sich in
seinem Gesicht, und jeder eigenen Anspannung überhoben, durfte er sich
der Form überlassen, die zum letztenmal um ihn waltete, ihn trug, seine
wächserne Hülle noch einmal zum Mittelpunkt und Gegenstand ihrer
darstellerischen Bräuche machte ... Herr von Bühl zu Bühl führte in
voller Rüstigkeit die Oberleitung der Funeralien, die in Gegenwart
vieler fürstlicher Gäste begangen wurden. Die düsteren Umständlichkeiten,
diese unterschiedlichen Aufbahrungen und Überführungen,
Leichenparaden, Einsegnungen und Gedächtnisfeiern am Katafalk,
nahmen Tage in Anspruch, und acht Stunden lang war Johann
Albrechts Leiche, inmitten einer Ehrenwache, die aus zwei Obersten, zwei
Oberleutnants, zwei Feldwebeln, zwei Wachtmeistern, zwei Unteroffizieren
und zwei Kammerherren bestand, dem Publikum zur Besichtigung
ausgestellt. Dann endlich kam der Augenblick, da der Zinksarg aus der
Altarnische der Hofkirche, wo er zwischen umflorten Kandelabern und
mannshohen Kerzen paradiert hatte, von acht Lakaien in die Vorhalle
gebracht, von acht Förstern in den Mahagonisarg gestellt, von acht
Leibgrenadieren zum sechsfach bespannten und finster aufgeputzten
Leichenwagen getragen wurde, der sich unter Kanonenschüssen und
Glockengeläut nach dem Mausoleum in Bewegung setzte. Schwer von Nässe
hingen die Fahnen von der Mitte ihrer Stangen herab. Obgleich es früh am
Nachmittag war, brannten die Gaslaternen in den Straßen, die der
Leichenkondukt zurückzulegen hatte. Zwischen traurigen Dekorationen war
die Büste Johann Albrechts in den Schaufenstern ausgestellt, und die
überall feilgebotenen Postkarten mit dem Bilde des dahingeschiedenen
Repräsentanten wurden eifrig begehrt. Hinter den aufgereihten Truppen,
den Turner- und Kriegervereinen, die die Ehrengasse freihielten, stand
das Volk auf den Zehenspitzen im Schneebrei und blickte entblößten
Hauptes auf den langsam vorüberziehenden Sarg, dem kranztragende
Lakaien, Hofbeamte, die Träger der Insignien und der Hofprediger D.
Wislizenus voranschritten, und dessen silbergestickte Decke
Oberhofmarschall von Bühl, Oberhofjägermeister von Stieglitz,
Generaladjutant Graf Schmettern und Hausminister von Knobelsdorff an den
Zipfeln hielten. Aber zur Seite seines Bruders Klaus Heinrich, gleich
hinter dem Leibpferd, das dem Leichenwagen nachgeführt wurde, und an der
Spitze der übrigen Leidtragenden schritt Großherzog Albrecht der Zweite.
Sein Kostüm, der hochragende steife Federbusch vorn an seinem
Pelztschako, die Lackstulpenstiefel unter dem hellen faltigen
Husarenüberrock mit dem Trauerflor, stand ihm schlecht. Er schritt
behindert unter den Blicken der Menge, und seine Schulterblätter, ein
wenig schiefstehend von Natur, verzogen sich im Gehen auf linkisch
nervöse Art. Widerwille gegen den Zwang, bei dieser funebren
Schaustellung als Erster mitwirken zu müssen, war in seinem blassen
Gesicht zu lesen. Er blickte nicht auf im Schreiten und sog mit seiner
kurzen, gerundeten Unterlippe an der oberen ...
Diese Miene behielt er bei während der Kurialien des Regierungsantrittes,
die übrigens mit aller Schonung vollzogen wurden. Der Großherzog
unterzeichnete im Silbersaal der Schönen Zimmer vor den
versammelten Ministern die Eidesurkunde und verlas im Thronsaal, vor dem
geschwungenen Theatersessel unter dem Baldachin stehend, die Thronrede,
die Herr von Knobelsdorff angefertigt hatte. Die wirtschaftliche Lage
des Landes wurde darin mit Ernst und Zartsinn gestreift und die schöne
Einhelligkeit gepriesen, die trotz aller Schwierigkeiten zwischen dem
Fürsten und dem Lande herrsche -- bei welcher Stelle ein höherer
Funktionär, der wahrscheinlich mit seinem Avancement nicht zufrieden
war, seinem Nachbar zugeflüstert haben sollte, die Einhelligkeit bestehe
darin, daß der Fürst ebenso verschuldet sei wie das Land -- ein scharfes
Wort, das vielfach weitergetragen wurde und sogar in die gehässig
gesinnte Presse gelangte ... Schließlich brachte der Präsident des
Landtags ein Hoch auf den Großherzog aus, ein Gottesdienst in der
Hofkirche fand statt, und dabei hatte es sein Bewenden. Albrecht
unterschrieb noch eine Verordnung, kraft welcher eine Reihe von Geld-
und Gefängnisstrafen, die für harmlosere Straftaten, hauptsächlich
Forstfrevels halber, verhängt worden waren, in Gnaden erlassen wurden.
Der feierliche Umzug durch die Stadt und die Begrüßung im Rathause
unterblieben ganz, da der Großherzog sich allzu ermüdet fühlte. -- Er
wurde, Rittmeister bisher seiner militärischen Charge nach, gelegentlich
seiner Thronbesteigung sofort zum Obersten _à la suite_ seines
Husarenregimentes befördert, legte die Uniform aber fast niemals an und
hielt sich seine soldatische Umgebung so fern als möglich. Er nahm,
vielleicht aus Pietät, keinerlei Personalwechsel vor, nicht unter den
Hofchargen und auch nicht unter den Ministern.
Das Publikum sah ihn selten. Seine stolze und schamhafte Abneigung, sich
zu zeigen, sich vorzuführen, sich grüßen zu lassen, trat vom ersten Tage
an in einem Grade hervor, der die Öffentlichkeit betrübte. Er erschien
niemals in der großen Loge des Hoftheaters. Er beteiligte sich niemals
an dem Korso im Stadtgarten. Wenn er im Alten Schloß residierte, so ließ
er sich in geschlossenem Wagen in eine entlegene und menschenleere
Gegend der Anlagen führen, wo er ausstieg, um sich ein wenig Bewegung zu
machen; und im Sommer zu Hollerbrunn trat er nur ausnahmsweise aus den
Heckengängen des Parkes hervor.
Wurde das Volk seiner ansichtig, am Albrechtstor etwa, wenn er, gehüllt
in den schweren Pelz, den schon sein Vater getragen hatte und auf dessen
dickem Kragen nun sein zartes Haupt ruhte, sein Coupé bestieg, so
richteten sich schüchterne Blicke auf ihn, und die Rufe blieben zag und
ohne das rechte Zutrauen. Denn die geringen Leute fühlten wohl, daß sie
diesen Fürsten nicht hochleben lassen und sich selbst damit meinen
konnten. Sie sahen ihn an und erkannten sich nicht in ihm wieder, dessen
reine Vornehmheit kein Merkmal ihres besonderen Schlages trug. Sie waren
es anders gewohnt. Stand nicht auf dem Albrechtsplatz noch heutigestags
ein Dienstmann, der mit seinen zu hoch sitzenden Wangenknochen und
seinem grauen Backenbart auf derbe und niedrige Art genau aussah, wie
der verstorbene Großherzog ausgesehen hatte? Und traf man nicht des
Prinzen Klaus Heinrichs Züge auf dieselbe Weise im niederen Volke
wieder? Es war nicht so mit seinem Bruder. Das Volk fand in ihm nicht
sein erhöhtes Wunschbild, in dessen Anblick es hochleben und seiner
selbst hätte froh werden können. Seine Hoheit -- seine unzweifelhafte
Hoheit! -- war ein Adel von allgemeiner Natur, überheimatlich und ohne
das trauliche Gepräge der Echtheit. Auch wußte er das; und das
Bewußtsein seiner Hoheit zusammen mit dem eines Mangels an
volkstümlicher Echtheit, das mochte wohl seine Scheu und seinen Hochmut
ausmachen. Schon damals fing er an, die Repräsentation nach Möglichkeit
auf den Prinzen Klaus Heinrich zu übertragen. Er schickte ihn zur
Brunnenenthüllung nach Immenstadt und zum historischen Stadtfest nach
Butterburg. Ja, seine Verachtung jeder Darstellung seiner fürstlichen
Person ging so weit, daß Herr von Knobelsdorff ihn nur mit Mühe und Not
überredete, den feierlichen Empfang der Präsidenten der beiden Kammern
im Thronsaale selber abzuhalten und nicht auch diese Schauhandlung »aus
Gesundheitsrücksichten«, wie er beabsichtigte, an seinen jüngeren Bruder
abzutreten.
Albrecht der Zweite lebte recht einsam im Alten Schloß; der Gang der
Dinge brachte das mit sich. Erstens hielt seit dem Tode Johann Albrechts
Prinz Klaus Heinrich selbständig Hof. Das war eine Forderung der
Etikette, und so hatte man ihm die »Eremitage« zum Wohnsitz ersehen,
jenes Empireschlößchen am Rande der nördlichen Vorstadt, das so
verschwiegen und anmutig-streng, aber lange unbewohnt und
vernachlässigt, inmitten seines wuchernden Parkes, der in den
Stadtgarten überging, zu seinem kleinen, von Schlamm starrenden Teich
hinüberblickte. Schon um die Zeit, da Albrecht mündig geworden war,
hatte man der »Eremitage« die notwendigste Auffrischung zuteil werden
lassen und sie der Form halber zum Erbgroßherzoglichen Palais bestimmt;
aber da Albrecht sich immer von seinem warmen und trockenen
Aufenthaltsort im Sommer direkt nach Hollerbrunn begeben hatte, so hatte
er niemals von seiner Residenz Gebrauch gemacht ...
Klaus Heinrich wohnte dort ohne überschwenglichen Aufwand mit einem
Hofchef, der dem Haushalte vorstand, einem Freiherrn von
Schulenburg-Tressen, Neffen der Oberhofmeisterin. Außer dem Kammerdiener
Neumann hatte er noch zwei Lakaien zur täglichen Aufwartung; den Jäger,
dessen er zu zeremoniellen Ausfahrten bedurfte, lieh ihm der
Großherzogliche Hof. Ein Kutscher und ein paar Knechte in roten Westen
versahen Remise und Stall, deren Bestand sich auf eine Chaise, ein
Kupee, ein Dogcart, zwei Reit- und zwei Wagenpferde belief. Ein Gärtner
besorgte mit Hilfe zweier Burschen den Park und den Garten, und eine
Köchin nebst ihrer Küchenmagd sowie zwei Zimmermädchen bildeten das
weibliche Personal auf Schloß »Eremitage«. Hofmarschall von Schulenburgs
Sache war es, für seinen jungen Herrn mit der Apanage hauszuhalten, die
der Landtag nach Albrechts Thronbesteigung dem Bruder des Großherzogs in
einer bedenkenvollen Sitzung bewilligt hatte. Sie betrug fünfzigtausend
Mark. Denn die Summe von achtzigtausend, welche ursprünglich gefordert
worden, hatte keinerlei Aussicht gehabt, im Landtage durchzugehen, und
so hatte man in Klaus Heinrichs Namen beizeiten einen weisen und
großmütigen Verzicht getan, der im Lande den besten Eindruck gemacht
hatte. -- Jeden Winter ließ Herr von Schulenburg das Eis des Teiches
veräußern. Zweimal im Sommer ließ er die Wiesen des Parkes mähen und das
Heu verkaufen. Nach dem Mähen sahen die Wiesenflächen fast aus wie
englischer Rasen.
Ferner residierte Dorothea, die Großherzogin-Mutter, nicht mehr im Alten
Schloß, und mit ihrer Zurückgezogenheit hatte es eine traurige und
unheimliche Bewandtnis. Auch von dieser Fürstin nämlich, die der
gereiste und bewanderte Herr von Knobelsdorff gelegentlich als eine der
schönsten Frauen bezeichnet hatte, die er je gesehen, auch von ihr,
deren festlicher Anblick Glück, Herzenserhebung und Lebehochs bewirkt
hatte, wann immer sie sich den sehnsüchtigen Blicken bedrückter
Alltagsmenschen dargestellt, auch von ihr hatte die Zeit ihren Tribut
gefordert. Dorothea war gealtert, ihre kühl und streng gepflegte,
berühmte, bejubelte Vollkommenheit war während der letzten Jahre so
schnell und unaufhaltsam verwelkt, daß die Frau in ihrem Innern nicht
Schritt mit dieser Wandlung zu halten vermochte. Nichts, keine Kunst,
kein Mittel, auch die lästigen und widerlichen nicht, mit denen sie den
Verfall bekämpft, hatte zu hindern vermocht, daß der süße Glanz ihrer
tiefblauen Augen erlosch, daß Ringe von schlaffer, gelblicher Haut sich
darunter bildeten, daß die wundervollen kleinen Gruben in ihren Wangen
sich zu Furchen höhlten und ihr stolzer und herber Mund nun so scharf
und mager erschien. Da aber ihr Herz streng gewesen war wie ihre
Schönheit, und auf nichts als diese Schönheit bedacht, da ihre Schönheit
ihre Seele gewesen war und sie nichts gewollt und geliebt hatte als die
erhebende Wirkung dieser Schönheit, während ihr eigenes Herz nicht
hochschlug, keineswegs, für nichts und für niemanden, so war sie nun
ratlos und sehr verarmt, konnte innerlich den Übergang zu dem neuen
Zustand nicht finden und nahm Schaden an ihrem Gemüte. Generalarzt
Eschrich äußerte noch etwas von seelischer Erschütterung infolge eines
ungewöhnlich raschen Rückbildungprozesses und hatte zweifellos auf seine
Art recht mit dieser Deutung. Die traurige Tatsache war jedenfalls, daß
Dorothea schon während der letzten Lebensjahre ihres Gemahls Merkmale
tiefer geistiger Trübung und Verstörung gezeigt hatte. Sie ward
helligkeitsscheu, ordnete an, daß bei den Donnerstagkonzerten im
Marmorsaal alle Lichter rot umkleidet wurden, und bekam Zufälle, als sie
nicht durchzusetzen vermochte, daß diese Maßregel auch auf alle übrigen
Festlichkeiten, den Hofball, den intimen Ball, das Diner, die große Cour
ausgedehnt werde, da die Sonnenuntergangsstimmung im Marmorsaal ohnedies
viel Anlaß zum Gespött gegeben hatte. Sie verbrachte ganze Tage vor
ihren Spiegeln, und man beobachtete, wie sie diejenigen mit den Händen
liebkoste, die aus irgendeinem Grunde ihre Erscheinung in günstigerem
Lichte wiedergaben. Dann wieder ließ sie alle Spiegel aus ihren Zimmern
entfernen, ja, die in die Wände eingelassenen verkleiden, legte sich ins
Bett und rief nach dem Tode. Eines Tages fand Freifrau von Schulenburg
sie völlig zerstört und entzündet vom Weinen im Saal der zwölf Monate
vor dem großen Porträt, das sie auf der Höhe ihrer Schönheit darstellte
... Gleichzeitig begann eine krankhafte Menschenfurcht ihrer Herr zu
werden, und für Hof und Volk war es eine Pein, zu bemerken, wie die
Haltung dieser ehemaligen Göttin an Sicherheit verlor, ihr Auftreten
seltsam linkisch wurde und ein elender Ausdruck ihren Blick befing.
Schließlich verbarg sie sich ganz, und bei dem letzten Hofball, dem er
angewohnt, hatte Johann Albrecht statt seiner »unpäßlichen« Gemahlin
seine Schwester Katharina geführt. Sein Tod war insofern eine Erlösung
für Dorothea, als er sie aller Repräsentationspflichten enthob. Sie
wählte als Witwensitz Schloß Segenhaus, ein klösterlich anmutendes altes
Jagdschloß, das, anderthalb Stunden Wagenfahrt von der Residenz
entfernt, inmitten seines ernsten Parkes lag und von einem frommen
Jagdherrn mit religiösen und weidmännischen Emblemen in seltsamem
Durcheinander geschmückt war. Dort lebte sie, verdüstert und wunderlich,
und Ausflügler konnten manchmal von weitem beobachten, wie sie an der
Seite der Freifrau von Schulenburg-Tressen im Park promenierte und mit
gnädiger Neigung die Alleebäume zu beiden Seiten grüßte ...
Was aber endlich Prinzessin Ditlinde betraf, so hatte sie sich,
zwanzigjährig, ein Jahr nach dem Tode ihres Vaters, vermählt. Sie
reichte ihre Hand einem Fürsten aus mediatisiertem Hause, dem Prinzen
Philipp zu Ried-Hohenried, einem nicht mehr jugendlichen, aber
wohlerhaltenen, kunstsinnigen, kleinen Herrn von vorgeschrittenen
Anschauungen, der sich längere Zeit artig um sie bemüht, seine Sache
ganz persönlich betrieben und der Prinzessin bei einem Wohltätigkeitsfest
auf gut bürgerliche Art Herz und Hand angetragen hatte.
Daß diese Verbindung im Lande stürmischen Jubel hervorrief, kann
nicht gesagt werden. Sie ward mit Gelassenheit hingenommen, sie
enttäuschte wohl gar stolzere Hoffnungen, die man im stillen für Johann
Albrechts Tochter gehegt hatte, und die Krittler fanden, wenn man diese
Heirat nicht geradezu unebenbürtig nennen müsse, so sei das alles. Daran
war richtig, daß Ditlinde sich unzweifelhaft aus ihrer Hoheitssphäre in
eine ungebundenere und zivilere Lebensgegend hinabließ, als sie --
übrigens völlig unbeeinflußt von außen und aus freier Neigung -- dem
Fürsten ihre Hand reichte. Dieser Standesherr war nicht nur ein
Liebhaber und Sammler von Ölgemälden, sondern auch Geschäftsmann und
Gewerbetreibender in großem Maßstabe. Das Dynastengeschlecht war seit
hundert Jahren der Landeshoheit entkleidet, aber Philipp war der erste
seines Hauses, der seinen Privatstand wirtschaftlich ungezwungen zu
nützen sich entschlossen hatte. Nachdem er seine Jugend auf Reisen
verbracht, hatte er nach einer Tätigkeit ausgeschaut, die ihm innere
Befriedigung gewähren, vor allem aber (was nötig geworden) seine
Einkünfte vermehren würde. So ward er zum Unternehmer, errichtete
Meiereien, Bierbrauereien, eine Zuckerfabrik, mehrere Sägemühlen auf
seinen Gütern und fing namentlich an, die ausgebreiteten Torflager, die
dazu gehörten, planmäßig auszubeuten. Da er all diesen Betrieben mit
Sachkenntnis und umsichtigem Geschäftsgeiste vorstand, so begannen sie
bald in Flor zu kommen und warfen Summen ab, die, wenn ihr Ursprung
nicht sehr fürstlich war, ihm jedenfalls eine fürstliche Lebensführung
erst eigentlich ermöglichten. Andrerseits mußte man den Krittlern die
Frage vorlegen, was für einer Partie sie sich nüchternerweise für die
Prinzessin hatten versehen können. Ditlinde, die ihrem Gatten beinahe
nichts mitbrachte als einen unerschöpflichen Schatz von Leibwäsche,
darunter viele Dutzende gänzlich veralteter und unnützer Gegenstände,
wie Nachthauben und Halstücher, die aber ehrwürdiger Überlieferung nach
zur Brautausstattung gehörten -- sie gelangte durch diese Heirat in
behaglich reiche und heitere Verhältnisse, wie sie sie von Hause aus
schlechterdings nicht gewohnt gewesen war, wobei die Empfindungen ihres
Herzens noch nicht einmal in Anschlag gebracht sind. Auch tat sie den
Schritt ins Privatleben mit offenbarer Genugtuung und Entschlossenheit
und behielt von den Äußerlichkeiten der Hoheit nichts als den Titel bei.
Sie blieb in freundschaftlichem Verkehr mit ihren Damen, nahm aber dem
Verhältnis alles Dienstliche und vermied es, ihrem Hauswesen den
Charakter eines Hofes zu geben. Das mochte wundernehmen, bei einer
Grimmburgerin überhaupt und bei Ditlinden im besonderen, mußte aber doch
wohl ihren Bedürfnissen entsprechen. Das Paar verbrachte den Sommer auf
den fürstlichen Landgütern, den Winter in der Residenz in dem schönen
Palais an der Albrechtsstraße, das Philipp zu Ried erworben hatte; und
hier war es, nicht im Alten Schloß, wo die großherzoglichen Geschwister
-- Klaus Heinrich und Ditlind, zuweilen auch Albrecht -- sich dann und
wann zu vertraulicher Aussprache zusammenfanden.
So geschah es, daß eines Tages zu Anfang Herbst, nicht ganz zwei Jahre
nach dem Tode Johann Albrechts, der »Eilbote«, wohlunterrichtet wie er
war, noch in seiner Abendausgabe die Nachricht brachte, heute nachmittag
hätten Seine Königliche Hoheit der Großherzog und Seine Großherzogliche
Hoheit Prinz Klaus Heinrich bei Ihrer Großherzoglichen Hoheit der
Fürstin zu Ried-Hohenried den Tee genommen. Nur diese Notiz. Es waren
aber an jenem Nachmittag zwischen den Geschwistern mehrere für die
Zukunft belangreiche Dinge besprochen worden.
Klaus Heinrich verließ gegen fünf Uhr die Eremitage. Da sonniges Wetter
herrschte, hatte er die Chaise bestellt, und das offene, braun lackierte
Gefährt, blank gewaschen, wenn auch nicht sehr neu und modisch von
Ansehen, näherte sich dreiviertel fünf Uhr, vom Stalle kommend, der mit
seinem gepflasterten Hof am rechten Flügel der Wirtschaftsgebäude
gelegen war, im Schritt auf dem breiten Kiesweg dem Schlößchen. Die
Wirtschaftsgebäude, ockerfarbene, altväterische Erdgeschoß-Baulichkeiten,
bildeten mit dem weißen und schlichten Herrenhause (wenn
auch in einiger Entfernung davon) einen ziemlich langen
Trakt, dessen in regelmäßigen Abständen mit Lorbeerbäumen
gezierte Front dem schlammigen Teich und dem öffentlichen Teile des
Parks zugewandt war. Der vordere Teil des Besitzes nämlich, der in den
Stadtgarten überging, war dem Verkehr, Fußgängern und leichtem Fuhrwerk,
geöffnet, und eingefriedigt nur der ein wenig ansteigende Blumengarten,
auf dessen Höhe das Schloß lag, sowie der rückwärts gelegene und arg
verwilderte Parkgrund, der durch Hecke und Zaun gegen wüste, mit Schutt
bedeckte Vorstadtwiesen abgegrenzt war. -- Der Wagen also fuhr auf dem
Wege zwischen Teich und Wirtschaftsgebäude hin, lenkte durch die hohe,
mit zwei ehemals vergoldeten Laternen geschmückte Gartenpforte, legte
die Auffahrt zurück und wartete vor der kleinen, steifen, von
Lorbeerbäumen flankierten Terrasse, die zum Gartenzimmer emporführte.
Klaus Heinrich kam wenige Minuten vor fünf Uhr heraus. Er trug wie
gewöhnlich die festsitzende Uniform eines Oberleutnants der
Leibgrenadiere und hatte den Säbelgriff über den Arm gehängt. Neumann,
in violettem Frack, dessen Ärmel zu kurz waren, lief vor ihm die Stufen
hinab und verpackte mit seinen roten Barbierhänden den zusammengelegten
grauen Mantel seines Herrn im Wagen. Dann, während der Kutscher, die
Hand am Rosettenhut, sich ein wenig seitwärts vom Bock neigte, ordnete
der Kammerdiener die leichte Wagendecke über Klaus Heinrichs Knien und
trat mit stummer Verbeugung zurück. Die Pferde zogen an.
Draußen vor der Gartenpforte hatten sich einige Spaziergänger
aufgestellt. Sie grüßten, führten, mit emporgezogenen Brauen lächelnd,
ihre Hüte tief hinab, und Klaus Heinrich dankte ihnen, indem er seine
weiß bekleidete Rechte an den Mützenschirm legte und mehrmals lebhaft
den Kopf neigte.
Es ging am Rande unbebauten Geländes eine Birkenallee entlang, deren
Laub schon vergilbte, und dann durch die Vorstadt, zwischen ärmlichen
Wohnungen hin, auf ungepflasterten Straßen, wo Volkskinder einen
Augenblick Tonnenreifen und Kreisel ruhen ließen, um dem Gefährt mit
grüblerischen Augen nachzusehen. Einige schrien Hoch und liefen, den
Kopf gegen Klaus Heinrich gewandt, ein Stückchen neben den Rädern her.
Übrigens hätte der Wagen auch den Weg über den Quellengarten nehmen
können; aber der durch die Vorstadt war kürzer, und die Zeit drängte.
Ditlinde war von empfindlicher Ordnungsliebe und leicht gereizt, wenn
man durch Unpünktlichkeit den Gang ihres Hauswesens störte.
Dort war das Dorotheen-Kinderhospital, das Überbeins Freund Doktor
Sammet leitete; Klaus Heinrich fuhr daran vorüber. Und dann verließ sein
Wagen die volkstümliche Gegend und gelangte in die Gartenstraße, eine
stattliche, mit Bäumen bepflanzte Avenue, an welcher die Häuser und
Villen begüterter Bürger lagen, und deren Trambahnlinie den
Quellengarten mit dem Zentrum der Stadt verband. Hier herrschte ziemlich
lebhafter Verkehr, und Klaus Heinrich war angestrengt beschäftigt, die
Grüße zu erwidern, die man ihm darbrachte. Zivilisten zogen die Hüte und
blickten von unten, Offiziere, zu Pferd und zu Fuß, erwiesen Honneur,
Schutzmänner machten Front, und Klaus Heinrich in seiner Wagenecke
führte die Hand zum Mützenschirm und dankte nach beiden Seiten mit jenem
von Jugend auf geübten Nicken und Lächeln, das bestimmt war, die Leute
in ihrer Teilnahme an seiner festlichen Persönlichkeit zu bestärken ...
Er hatte eine ganz eigentümliche Art, im Wagen zu sitzen -- nicht träg
und bequem in den Kissen zu lehnen, sondern beim Fahren auf ähnliche
Weise beteiligt zu sein wie beim Reiten, indem er, die Hände auf dem
Säbelgriff gekreuzt und einen Fuß etwas vorgestellt, die Unebenheiten
des Bodens gleichsam »nahm«, sich tätig den Bewegungen des schlecht
federnden Wagens anpaßte ...
Die Chaise fuhr über den Albrechtsplatz, ließ das Alte Schloß mit der
präsentierenden Doppelwache zur Rechten liegen, verfolgte die
Albrechtsstraße in der Richtung gegen die Kaserne der Leibgrenadiere und
rollte zur Linken in den Hof des Fürstlich Riedschen Palais. Es war ein
Bau von intimen Verhältnissen, im Zopfstil errichtet, mit einem
geschwungenen Giebel über dem Hauptportal, umschnörkelten
_oeils-de-boeuf_ im Zwischengeschoß, hohen Balkonfenstern in der
Beletage und einer zierlichen _cour d'honneur_, die von den beiden nur
einstöckigen Seitenflügeln gebildet wurde und gegen die Straße durch ein
gebogenes Gatter abgeschlossen war, auf dessen Pfeilern steinerne Putten
spielten. Aber die innere Ausstattung des Schlosses war im Gegensatz zu
dem geschichtlichen Stil seines Äußeren durchaus in einem neuzeitlichen
und behaglich-bürgerlichen Geschmack gehalten.
Ditlinde empfing ihren Bruder in einem großen Salon des ersten
Stockwerks mit mehreren Gruppen geschweifter Causeusen in blaßgrüner
Seide, dessen hinteres Viertel, durch schlanke Pfeiler gegen den
Hauptteil abgegrenzt, ganz und gar mit Palmen, Blumenstöcken in
Metallkübeln und farbig prangenden Blumentischen angefüllt war.
»Guten Tag, Klaus Heinrich«, sagte die Fürstin. Sie war zart und
schlank, und üppig war nur ihr aschblondes Haar, das sich ehemals gleich
goldenen Widderhörnern um ihre Ohren gelegt hatte und nun in dicken
Flechten über ihrem herzförmigen Antlitz mit den Grimmburger
Wangenknochen lastete. Sie trug ein Hauskleid aus weichem, blaugrauem
Stoff mit einem spitz ausgeschnittenen, brusttuchartigen weißen
Spitzenkragen, der am Gürtel mit einer altmodischen ovalen Brosche
zusammengehalten war. Die feine Haut ihres Gesichtes ließ da und dort,
an den Schläfen, auf der Stirn, in den Winkeln ihrer sanft und kühl
blickenden blauen Augen, bläuliche Adern und Schatten durchscheinen. Es
fing an, sichtbar zu werden, daß sie guter Hoffnung war.
»Guten Tag, Ditlinde, mit deinen Blumen!« antwortete Klaus Heinrich,
indem er sich mit zusammengezogenen Absätzen über ihre kleine, weiße,
ein wenig zu breite Hand beugte. »Wie es duftet bei dir! Und da drinnen
ist auch alles voll, wie ich sehe.«
»Ja,« sagte sie, »die Blumen hab' ich nun einmal gern. Ich habe mir
immer gewünscht, unter recht vielen Blumen wohnen zu können, lebenden,
duftenden Blumen, die ich warten könnte -- so etwas wie ein heimlicher
Herzenswunsch war es, Klaus Heinrich, und eigentlich könnt' ich sagen,
daß ich mich dazu verheiratet habe, denn im Alten Schloß, da gab's keine
Blumen, wie du weißt ... Das Alte Schloß und Blumen! Da hätten wir lange
stöbern können, meine ich. Rattenfallen und solches Zeug, jawohl. Und
genau besehen war das Ganze wie eine abgeschaffte Rattenfalle, so
staubig und schrecklich ... bewahre ...«
»Aber der Rosenstock, Ditlinde.«
»Ja, großer Gott -- =ein= Rosenstock. Und der steht im Reisebuch, weil
seine Rosen nach Moder duften! Und dann steht da, daß sie eines Tages
ganz natürlich und gut duften sollen wie andere Rosen. Aber das kann ich
mir gar nicht denken.«
»Du wirst nun bald«, sagte er und sah sie lächelnd an, »etwas noch
Besseres zu warten haben, kleine Ditlinde, als deine Blumen.«
»Ja,« sagte sie und errötete rasch und schwach, »ja, Klaus Heinrich,
=das= kann ich mir nun freilich =auch= nicht denken. Und doch wird es
sein, wenn es Gott gefällt. Aber komm herein. Wir wollen nun wieder
einmal beieinander sitzen ...«
Das Zimmer, auf dessen Schwelle sie geplaudert hatten, war klein im
Verhältnis zu seiner Höhe, mit einem graublauen Teppich versehen und
ausgestattet mit anmutig geformten und silbergrau lackierten Möbeln,
deren Sitze blasse Seidenbezüge zeigten. Ein Lüster aus milchigem
Porzellan hing von dem weiß umschnörkelten Mittelpunkt der Decke herab,
und die Wände waren mit Ölbildern von verschiedener Größe geschmückt,
Erwerbungen des Fürsten Philipp, lichterfüllten Studien im neuen
Geschmack, die weiße Ziegen in der Sonne, Federvieh in der Sonne,
besonnte Wiesen und bäuerliche Menschen mit blinzelnden, von der Sonne
gesprenkelten Gesichtern zur Anschauung brachten. Der dünnbeinige
Damensekretär beim weiß verhangenen Fenster war bedeckt mit hundert
peinlich geordneten Sächelchen, Nippes, Schreibutensilien und mehreren
zierlichen Notizblocks -- denn die Fürstin war gewohnt, sich über alle
ihre Pflichten und Absichten sorgfältige und übersichtliche Notizen zu
machen --, vorm Tintenfaß lag offen ein Wirtschaftsbuch, daran Ditlinde
augenscheinlich soeben gearbeitet hatte, und neben dem Schreibtisch war
an der Wand ein kleiner, mit seidenen Schleifen verzierter
Abreißkalender befestigt, unter dessen gedruckter Tagesangabe der
Bleistiftvermerk zu lesen war: »5 Uhr: meine Brüder«. Gegenüber der
weißen Flügeltür zum Empfangssalon war zwischen der Sofabank und einem
Halbkreis von Stühlen der ovale Tisch mit zartem Damast und einem
blauseidenen Läufer gedeckt; das blumige Teegeschirr, ein Aufsatz mit
Konfekt, längliche Schalen mit Zuckergebäck und winzigen Butterbrötchen
waren in ebenmäßiger Anordnung darauf verteilt, und seitwärts dampfte
auf einem Glastischchen über seiner Spiritusflamme der silberne
Teekessel. Aber überall, in den Vasen auf dem Schreibtisch, dem
Teetisch, dem Spiegeltisch, dem Glasschrank voll Porzellanfiguretten,
dem Tischchen neben der weißen Chaiselongue, waren Blumen, und ein
Blumentisch voller Topfgewächse stand zum Überfluß auch hier vor dem
Fenster.
Dies Zimmer, abseits und im Winkel zu der Flucht der Empfangsräume
gelegen, war Ditlindens Kabinett, ihr Boudoir, der Raum, in dem sie ganz
enge Nachmittagsempfänge gab und eigenhändig den Tee zu bereiten
pflegte. Klaus Heinrich sah ihr zu, wie sie die Kanne mit heißem Wasser
spülte und mit einem silbernen Löffelchen Tee hineinschüttete.
»Und Albrecht ... wird er kommen?« fragte er mit unwillkürlich
gedämpfter Stimme ...
»Ich hoffe es«, sagte sie, indem sie sich aufmerksam über die
kristallene Teebüchse beugte, wie um nichts zu verschütten (und auch er
vermied es, sie anzusehen). »Ich habe ihn natürlich gebeten, Klaus
Heinrich, aber du weißt, er kann sich nicht binden. Es hängt von seinem
Befinden ab, ob er kommt ... Ich mache nun erst einmal unsern Tee, denn
Albrecht bekommt seine Milch ... Übrigens kann es sein, daß auch
Jettchen heute ein bißchen vorspricht. Es wird dich freuen, sie
wiederzusehen. Das lebhafte Ding weiß immer so viel zu erzählen ...«
Mit »Jettchen« war ein Fräulein von Isenschnibbe gemeint, der Fürstin
vertraute Dame und Freundin. Sie standen seit Kindestagen auf du und du.
»Und immer gerüstet?« sagte Ditlinde, indem sie den gefüllten Teetopf
auf den Untersatz stellte und ihren Bruder betrachtete ... »Immer in
Uniform, Klaus Heinrich?«
Er stand mit geschlossenen Absätzen und rieb seine linke Hand, die an
Kälte litt, in der Höhe der Brust mit der Rechten.
»Ja, Ditlinde, ich habe es gern so, es ist mir lieber. Es sitzt so fest,
weißt du, und man ist angezogen. Außerdem ist es billiger, denn eine
ordentliche Zivilgarderobe läuft, glaube ich, schrecklich ins Geld, und
Schulenburg klagt ohnedies beständig, daß alles so teuer wird. So komm
ich mit zwei, drei Röcken aus und kann mich mit Ehren sogar bei meinen
reichen Verwandten sehen lassen ...«
»Reiche Verwandte!« lachte Ditlinde. »Ja, damit hat es noch gute Weile,
Klaus Heinrich!«
Sie setzten sich an den Teetisch, Ditlinde auf die Sofabank, Klaus
Heinrich auf einen Stuhl gegenüber dem Fenster.
»Reiche Verwandte!« wiederholte sie, und man sah, wie der Gegenstand sie
erwärmte. »Nein, weit gefehlt, wie sollten wir reich sein, wo doch das
Barvermögen gering ist und alles in den Unternehmungen steckt, Klaus
Heinrich. Und die sind jung und im Werden, sind allesamt noch im
Wachstum begriffen, wie mein guter Philipp sagt, und werden wohl erst
unsern Nachkommen die vollen Früchte tragen. Aber es geht vorwärts, so
viel ist wahr, und ich halte Ordnung in der Wirtschaft ...«
»Ja, das tust du, Ditlinde, Ordnung hältst du!«
»... halte Ordnung und schreibe alles auf und passe auf die Leute, und
bei allem Aufwand, den man der Welt schuldet, bringt man alljährlich was
Ansehnliches auf die Seite und denkt an die Kinder. Und mein guter
Philipp ... Er läßt dich grüßen, Klaus Heinrich, ich vergaß das, er
bedauert herzlich, heute nicht anwesend sein zu können ... Da sind wir
nun kaum von Hohenried zurück, und er ist schon wieder unterwegs, in
Geschäften, auf den Gütern -- so klein und zart von Natur, wie er ist,
aber wenn es um seinen Torf und seine Sägemühlen geht, so bekommt er
rote Backen, und er sagt selbst, daß er viel gesünder geworden ist,
seitdem er so viel zu tun hat ...«
»Sagt er das?« fragte Klaus Heinrich, und in seine Augen kam etwas
Trübes, während er geradeaus über den Blumentisch hin auf das helle
Fenster blickte ... »Ja, ich kann es mir ganz gut denken, daß es
gewissermaßen anregend wirken muß, so recht tüchtig beschäftigt zu sein.
Bei mir im Park sind nun auch wieder die Wiesen gemäht, zum zweitenmal
dieses Jahr, und es macht mir Spaß, zu sehen, wie das Heu zu
regelrechten Hügeln aufgebaut wird, mit einem Stock mitten durch, daß es
aussieht wie ein Lager von kleinen Indianerhütten, oder so ähnlich, und
dann wird Schulenburg es verkaufen. Aber das ist natürlich nicht zu
vergleichen ...«
»Ach, du!« sagte Ditlinde und drückte das Kinn auf die Brust. »Mit dir
ist es doch etwas anderes, Klaus Heinrich! Der nächste am Thron! Du bist
doch zu anderen Dingen berufen, sollte ich denken. Bewahre! Freu' du
dich deiner Beliebtheit bei den Leuten ...«
Sie schwiegen eine Weile.
»Und du, Ditlinde,« sagte er dann, »nicht wahr, dir geht es ebenfalls
gut und besser als früher, da müßt' ich mich täuschen. Ich sage nicht,
daß du rote Backen bekommen hast, wie Philipp von seinem Torf; ein
bißchen durchsichtig warst du ja immer und bist du geblieben. Aber du
hast einen frischen Ausdruck, wie? Ich habe noch nie gefragt, seit du
verheiratet bist, aber ich glaube, man kann getrost sein in Hinsicht auf
dich.«
Sie saß in friedlicher Haltung, die Arme leicht unter der Brust
verschränkt.
»Ja,« sagte sie, »mir ist wohl, Klaus Heinrich, du hast recht gesehen,
und das wäre Undank, wollt' ich mich nicht zu meinem Glücke bekennen.
Siehst du, ich weiß sehr gut, daß manche Leute im Land enttäuscht sind
von meiner Heirat und sagen, ich hätte mich vertan und sei
hinabgestiegen und was noch alles. Und solche Leute sind gar nicht weit
zu suchen, denn Bruder Albrecht, das weißt du so gut wie ich, im Herzen
verachtet er meinen guten Philipp und mich dazu und kann ihn nicht
leiden und nennt ihn bei sich einen Händler und Bürgersmann. Aber das
kann mich nicht kümmern, denn ich habe es gewollt und habe Philipps Hand
genommen -- ergriffen würd' ich sagen, wenn es nicht so wild klänge --,
habe sie genommen, weil sie warm und gut war und sich bot, mich aus dem
Alten Schlosse herauszuführen. Denn wenn ich daran zurückdenke, an das
Alte Schloß und das Leben darin, wie ich es ohne den guten Philipp wohl
immer fortgeführt hätte, dann graust mir, Klaus Heinrich, und ich fühle,
daß ich es nicht ertragen hätte und wirr und wunderlich geworden wäre
wie die arme Mama. Ich bin ein bißchen zart von Natur, wie du weißt, ich
wäre ganz einfach zugrunde gegangen, in so viel Öde und Traurigkeit, und
als der gute Philipp kam, da dacht' ich: das ist deine Rettung. Und wenn
die Leute sagen, daß ich eine schlechte Prinzessin bin, weil ich
gewissermaßen abgedankt habe und hierhergeflüchtet bin, wo es ein
bißchen wärmer und freundlicher ist, und wenn sie sagen, daß es mir an
Würdegefühl oder Hoheitsbewußtsein, oder wie sie es nennen, gebricht,
dann sind sie dumm und unwissend, Klaus Heinrich, denn ich habe zuviel,
ich habe im Gegenteile zuviel davon, das ist die Sache, sonst hätte das
Alte Schloß mir nicht solche Angst gemacht, und das sollte Albrecht
verstehen können, denn er hat auch zuviel davon auf seine Art -- wir
Grimmburger haben alle zuviel davon, und darum sieht es zuweilen aus,
als hätten wir zuwenig. Und manchmal, wenn Philipp unterwegs ist, so wie
jetzt, und ich hier sitze, unter meinen Blumen und Philipps Bildern mit
all ihrer Sonne -- nur gut, daß es gemalte Sonne ist, denn bewahre!
sonst müßte man Schutzvorkehrungen treffen -- und alles ist ordentlich
und nett, und ich denke an das Bessere, wie du es nennst, das ich nun
bald zu warten haben werde, dann komme ich mir vor wie die kleine
Meernixe in dem Märchen, das Madame aus der Schweiz uns vorlas, wenn du
dich erinnerst -- die eines Menschen Frau wurde und Beine erhielt statt
ihres Fischschwanzes ... Ich weiß nicht, ob du mich verstehst ...«
»O ja, Ditlinde, doch, ich verstehe dich ausgezeichnet. Und ich bin
herzlich froh, daß alles sich so gut und glücklich für dich gefügt hat.
Denn es ist gefährlich, will ich dir sagen, es ist meiner Erfahrung nach
schwer für uns, auf eine angemessene Art glücklich zu werden. Man gerät
so bald auf Irrwege und wird mißverstanden, denn das Schlimme ist, daß
eigentlich niemand unsere Würde hütet, wenn wir es nicht selber tun, und
dann artet alles so leicht in Schimpf und Schande aus ... Aber wo ist
der richtige Weg? Du hast ihn gefunden. Mich haben sie auch neulich in
den Zeitungen verlobt gesagt, mit unserer Cousine Griseldis. Das war ein
Versuchsballon, wie sie es nennen, und es scheint ihnen wohl an der
Zeit. Aber Griseldis ist ein törichtes Mädchen und halbtot vor
Bleichsucht und sagt immer nur ›jä‹, soweit ich sie kenne. Ich denke gar
nicht an sie, und Knobelsdorff, Gott sei Dank, auch nicht. Die Nachricht
ist ja auch gleich als unbegründet bezeichnet worden ... Jetzt kommt
Albrecht!« sagte er und stand auf.
Man hatte draußen gehüstelt. Ein Diener in olivengrüner Livree öffnete
mit einer raschen, festen und lautlosen Bewegung seiner beiden Arme die
Flügeltür und meldete mit gesenkter Stimme: »Seine Königliche Hoheit,
der Herr Großherzog.«
Dann trat er in Verbeugung zur Seite. Albrecht kam durch den großen
Salon.
Er hatte die hundert Schritte vom Alten Schlosse hierher in
geschlossenem Wagen, den Jäger auf dem Bocke, zurückgelegt. Er war in
Zivil wie fast immer, trug einen geschlossenen Gehrock mit kleinen
Atlasaufschlägen und Lackstiefel an seinen schmalen Füßen. Seit seiner
Thronbesteigung hatte er sich einen Spitzbart wachsen lassen. Sein
kurzgeschnittenes blondes Haar trat in zwei Buchten von seinen feinen,
eingedrückten Schläfen zurück. Sein Gang war ein linkisches und dennoch
unbeschreiblich vornehmes Stolzieren, wobei seine Schulterblätter sich
auf befangene Art verzogen. Er trug den Kopf zurückgelehnt und schob
seine kurze, gerundete Unterlippe empor, indem er leicht damit an der
oberen sog.
Die Fürstin ging ihm bis zur Schwelle entgegen. Da er die Bewegung des
Handkusses scheute, so reichte er ihr einfach mit einem leisen, fast
geflüsterten Grußwort die Hand -- seine magere, kalte Hand von seltsam
empfindlichem Ausdruck, die er dicht an der Brust ausstreckte, ohne auch
nur den Unterarm vom Körper zu lösen. Dann begrüßte er auf dieselbe Art
seinen Bruder Klaus Heinrich, der ihn mit geschlossenen Absätzen vor
seinem Stuhle erwartet hatte -- und sagte nichts mehr.
Ditlinde redete. »Das ist liebenswürdig, Albrecht, daß du kommst. Es
geht dir also gut? Du siehst vorzüglich aus. Philipp läßt dir sein
Bedauern ausdrücken, heute abwesend sein zu müssen. Bitte, nimm Platz,
wo es dir am besten gefällt, zum Beispiel hier, mir gegenüber. Der Stuhl
ist ziemlich bequem, du hast ihn das letztemal auch gehabt. Ich habe
einstweilen unseren Tee gemacht. Du bekommst sogleich deine Milch ...«
»Danke«, sagte er leise. »Ich muß um Entschuldigung bitten ... ich habe
mich verspätet. Du weißt, wenn der Weg am kürzesten ist ... Und dann muß
ich nachmittags liegen ... Wir werden unter uns bleiben?«
»Ganz unter uns, Albrecht. Höchstens, daß Jettchen Isenschnibbe ein
bißchen vorspricht, wenn es dir nicht unangenehm ist ...«
»Ah?«
»Aber ich kann mich ebensogut verleugnen lassen.«
»Oh, bitte ...«
Man servierte die heiße Milch. Albrecht umfaßte das hohe, dicke,
gebuckelte Glas mit beiden Händen.
»Ah, etwas Wärme«, sagte er. »Wie es schon kalt ist hierzulande. Und den
ganzen Sommer habe ich in Hollerbrunn gefroren. Ihr habt noch nicht
geheizt? Ich habe schon heizen lassen. Andererseits leide ich unter dem
Ofengeruch. Alle Öfen riechen. Von Bühl verspricht mir jeden Herbst die
Zentralheizung für das Alte Schloß. Aber es scheint nicht tunlich.«
»Armer Albrecht«, sagte Ditlinde. »Um diese Jahreszeit warst du schon
immer im Süden, solange Papa noch lebte. Du mußt Sehnsucht haben.«
»Dein Mitgefühl ehrt dich, meine gute Ditlinde«, antwortete er, immer
sehr leise und ein wenig lispelnd. »Aber wir müssen einsehen, daß ich
nicht abkömmlich bin. Ich muß bekanntlich das Land regieren, dazu bin
ich da. Heute habe ich die gnädigste Entschließung gefaßt, zu gestatten,
daß irgendein Staatsbürger -- es tut mir leid, seinen Namen vergessen zu
haben -- einen fremden Orden annimmt und trägt. Ferner habe ich ein
Telegramm an die Jahresversammlung der Gartenbaugesellschaft abgehen
lassen, worin ich das Ehrenpräsidium dieser Gesellschaft annehme und
mein Wort verpfände, ihre Bestrebungen auf alle Weise zu fördern -- ohne
daß ich freilich wüßte, was ich außer dem Telegramm noch zur Förderung
beitragen soll, denn die Herren besorgen ihre Angelegenheiten ganz gut
allein. Außerdem habe ich geruht, die Wahl eines gewissen braven Mannes
zum Bürgermeister meiner guten Stadt Siebenberge zu bestätigen -- wobei
sich fragen ließe, ob dieser Untertan durch meine Bestätigung ein
besserer Bürgermeister wird, als er ohne sie sein würde ...«
»Nun ja, Albrecht, das sind Kleinigkeiten!« sagte Ditlinde. »Ich bin
überzeugt, daß dir wichtigere Geschäfte vorgelegen haben ...«
»Oh, unbedingt. Ich habe meinen Minister für Finanzen und Landwirtschaft
bei mir gesehen. Es war an der Zeit. Doktor Krippenreuther hätte es mir
bitter übelgenommen, wenn ich ihn nicht wieder einmal befohlen hätte. Er
ist summarisch verfahren und hat mir zur Übersicht über mehrere
untereinander verwandte Gegenstände auf einmal Vortrag gehalten, über
die Ernte, über die neuen Grundsätze für die Aufstellung des Budgets,
über die Steuerreform, mit der er beschäftigt ist. Die Ernte soll
schlecht gewesen sein. Die Bauern sind von Mißwachs und Wetterschäden
betroffen worden, und darum sind nicht nur sie, sondern auch
Krippenreuther übel daran, denn die Steuerkraft des Landes, sagt er, ist
wieder einmal beeinträchtigt. Außerdem hat es leider in einem und dem
anderen Silberbergwerk Katastrophen gegeben. Die Betriebe stehen, sagt
Krippenreuther, sie sind erträgnislos, und die Wiederherstellung wird
große Summen verschlingen. Ich habe das alles mit einer passenden Miene
angehört und getan, was ich tun konnte, indem ich meinem Kummer über
soviel Mißgeschick Ausdruck gab. Hierauf habe ich die Frage erörtern
hören, ob die Kosten der notwendigen Neubauten für die Rentämter und für
die Behörden der Forst- und Zoll- und Steuerverwaltung auf den
ordentlichen oder den außerordentlichen Etat zu setzen sind, habe
mehreres von Progressionsskala und Kapitalrentensteuer und
Wandergewerbssteuer und Entlastung der notleidenden Landwirtschaft und
Belastung der Städte aufgefangen und hatte im ganzen den Eindruck, daß
Krippenreuther seine Sache verstünde. Ich selbst verstehe natürlich so
gut wie gar nichts davon, was Krippenreuther auch weiß und billigt, und
so habe ich denn ›ja, ja‹ und ›freilich wohl‹ und ›ich danke Ihnen‹
gesagt und habe alles gehen lassen, so gut es kann.«
»Du sprichst so bitter, Albrecht.«
»Nein, ich will euch etwas sagen, was mir heute während Krippenreuthers
Vortrag eingefallen ist. Hier in der Stadt lebt ein Mann, ein kleiner
Rentner mit einer Warzennase. Jedes Kind kennt ihn und ruft juchhe, wenn
es ihn sieht, er heißt Fimmelgottlieb, denn er ist nicht ganz bei
Troste, einen Nachnamen hat er schon lange nicht mehr. Er ist überall
dabei, wo etwas los ist, obgleich seine Narrheit ihn außerhalb aller
ernsthaften Beziehungen stellt, hat eine Rose im Knopfloch und trägt
seinen Hut auf der Spitze seines Spazierstockes herum. Ein paarmal am
Tage, um die Zeit, wenn ein Zug abfahren soll, geht er auf den Bahnhof,
beklopft die Räder, inspiziert das Gepäck und macht sich wichtig. Wenn
dann der Mann mit der roten Mütze das Zeichen gibt, winkt Fimmelgottlieb
dem Lokomotivführer mit der Hand, und der Zug geht ab. Aber
Fimmelgottlieb bildet sich ein, daß der Zug auf sein Winken hin abgeht.
Das bin ich. Ich winke, und der Zug geht ab. Aber er ginge auch ohne
mich ab, und daß ich winke, ist nichts als Affentheater. Ich habe es
satt ...«
Die Geschwister schwiegen. Ditlinde sah bekümmert in ihren Schoß, und
Klaus Heinrich blickte, indem er an seinem kleinen bogenförmigen
Schnurrbart zupfte, zwischen ihr und dem Großherzog hindurch auf das
helle Fenster.
»Ich kann dir ganz gut folgen, Albrecht,« sagte er nach einer Weile,
»obgleich es ja recht hart von dir ist, daß du dich und uns mit
Fimmelgottlieb vergleichst. Siehst du, ich verstehe natürlich auch
nichts von Progressionsskala und Wandergewerbssteuer und Torfstecherei,
und da gibt es noch so vieles, wovon ich nichts verstehe -- alles, was
man sich vorstellt, wenn man sagt: das Elend in der Welt --, Hunger und
Not, nicht wahr, und Kampf ums Dasein, wie man es nennt, und Krieg und
Krankenhausgraus und alles das. Ich habe nichts davon gesehen und
gespürt, ausgenommen den Tod selbst, als Papa starb, und das war auch
wohl nicht der Tod, wie er sein kann, denn es war eher erbaulich, und
das ganze Schloß war erleuchtet. Und zuweilen schäme ich mich, daß ich
mir niemals den Wind habe um die Nase wehen lassen. Aber dann sage ich
mir auch wieder, daß ich es nicht bequem habe, gar nicht bequem,
obgleich ich doch auf der Menschheit Höhen wandle, wie die Leute es
ausdrücken, oder gerade deshalb, und daß ich auf meine Art des Lebens
Strenge, sein schmallippiges Antlitz, wenn du mir die Redensart erlauben
willst, vielleicht besser kenne als mancher, der sich auf
Progressionsskala oder sonst irgendein einzelnes Gebiet versteht. Und
darauf kommt es an, Albrecht, daß man es nicht bequem hat -- darauf
kommt alles an, wenn ich dir das erwidern darf, und damit ist man
gerechtfertigt. Und da die Leute juchhe rufen, wenn sie mich sehen, so
müssen sie doch wohl wissen, warum, und mein Leben muß irgendeinen Sinn
haben, obgleich ich außerhalb aller ernsthaften Beziehungen stehe, wie
du so ausgezeichnet sagtest. Und deines erst recht. Du winkst zwar nur
zu dem, was geschieht, aber die Leute wollen doch, daß du winkst, und
wenn du ihr Wollen und Wünschen nicht wirklich regierst, so drückst du
es doch aus und stellst es vor und machst es anschaulich, und das ist
vielleicht nicht so wenig ...«
Albrecht saß am Tische, ohne sich anzulehnen. Er hielt seine mageren
Hände von seltsam empfindlichem Ausdruck auf der Tischkante vor dem
hohen, zur Hälfte geleerten Glase Milch gekreuzt und die Lider gesenkt,
indem er mit der Unterlippe an der oberen sog. Er antwortete leise: »Ich
wundere mich nicht, daß ein so beliebter Prinz wie du mit seinem Lose
einverstanden ist. Ich für mein Teil lehne es ab, irgend jemand anders
auszudrücken und vorzustellen als mich selbst -- ich lehne es ab, sage
ich, und ich stelle dir frei, zu denken, daß mir die Trauben zu hoch
hängen. Die Wahrheit ist, daß mir am Juchhe der Leute so wenig liegt,
als nur einer Seele daran liegen kann. Ich meine nicht meinen Körper.
Man ist schwach -- irgend etwas in einem dehnt sich bei Applaus und
krümmt sich bei kaltem Schweigen. Aber mit meiner Vernunft stehe ich
über aller Beliebtheit und Unbeliebtheit. Ich weiß, was die
Volkstümlichkeit wäre, wenn sie käme. Ein Irrtum über meine Person. Und
damit zuckt man die Achseln bei dem Gedanken an das Händeklatschen
fremder Leute. Einem anderen -- dir -- mag das hinter sich gefühlte Volk
Hochgefühl verschaffen. Mir verzeih, daß ich zu vernünftig für solche
geheimnisvollen Glücksgefühle bin -- und zu reinlichkeitsliebend auch
wohl, wenn du mir den Ausdruck nachsehen willst. Diese Art Glück riecht
nicht gut, wie mir scheint. Auf jeden Fall bin ich dem Volke fremd. Ich
gebe ihm nichts -- was könnte es mir geben? Mit dir ... oh, das ist
etwas anderes. Hunderttausende, die dir gleichen, danken dir dafür, daß
sie sich in dir wiedererkennen. Du könntest wohl lachen, wenn du
wolltest. Die Gefahr besteht für dich höchstens darin, daß du allzu
wohlig in deiner Volkstümlichkeit untertauchst und endlich dennoch
bequemen Sinnes wirst, obgleich du das heut von der Hand weist ...«
»Nein, Albrecht, ich glaube das nicht. Ich glaube nicht, daß ich diese
Gefahr laufe.«
»Desto besser werden wir einander verstehen. Ich bevorzuge im ganzen
nicht die starken Ausdrücke. Aber die Popularität ist eine Schweinerei.«
»Sonderbar, Albrecht. Sonderbar, daß du das Wort gebrauchst. Die Fasanen
gebrauchten es immer, meine Mitzöglinge, die jungen Adeligen, weißt du,
auf Schloß ›Fasanerie‹. Ich weiß, was du bist. Du bist ein Aristokrat,
das ist die Sache.«
»Du meinst? Du irrst dich. Ich bin kein Aristokrat, ich bin das
Gegenteil, aus Vernunft und aus Geschmack. Du wirst zulassen müssen, daß
ich das Juchhe der Menge nicht aus Dünkel verschmähe, sondern aus
Neigung zur Menschlichkeit und zur Güte. Es ist ein erbärmliches Ding um
menschliche Hoheit, und mir scheint, daß alle Menschen das einsehen
müßten, daß alle sich menschlich und gütig gegeneinander verhalten und
einander nicht erniedrigen und beschämen sollten. Ohne Scham den
Hokuspokus der Hoheit mit sich treiben zu lassen, dazu muß wohl eine
dicke Haut gehören. Ich bin ein bißchen zart von Natur, ich fühle mich
der Lächerlichkeit meiner Lage nicht gewachsen. Jeder Lakai, der sich an
der Tür aufpflanzt und mir zumutet, an ihm vorüberzugehen, ohne ihn mehr
zu beachten, mehr zu achten als den Türpfosten, setzt mich in
Verlegenheit. Das ist meine Art von Volksfreundlichkeit ...«
»Ja, Albrecht, das ist wahr. Es ist manchmal gar nicht leicht, mit guter
Miene an so einem Gesellen vorüberzugehen. Die Lakaien! Wenn man nicht
wüßte, daß es Kujone sind! Saubere Dinge weiß man von ihnen ...«
»Was für Dinge?«
»Oh, man tut immerhin seine Einblicke ...«
»Bewahre!« sagte Ditlinde. »Davon wollen wir nichts wissen. Ihr sprecht
von so allgemeinen Fragen, und ich hatte gedacht, daß wir heute
nachmittag ein paar Punkte besprechen wollten, die ich mir
aufgeschrieben habe ... Willst du so freundlich sein, Klaus Heinrich,
mir den Notizblock in blauem Leder dort auf dem Schreibtisch zu
reichen?... Ich danke dir sehr. Hier habe ich alles, was ich mir merken
muß, sowohl was den Hausstand, als was andere Dinge betrifft. Wie das
wohltut, alles so schwarz auf weiß übersehen zu können! Mein Kopf ist
entschieden schwach, er kann nichts beisammenhalten, und wenn ich nicht
Ordnung hielte und mir alles notierte, so müßte ich am Leben
verzweifeln. Erstens, Albrecht, und eh ich's vergesse, so wollte ich
dich aufmerksam machen, daß du bei der Cour am ersten November Tante
Katharina führen mußt -- unmöglich kannst du umhin. Ich trete zurück,
ich war es beim letzten Hofball, und Tante Katharina würde schrecklich
verstimmt ... Habe ich deine Einwilligung? Gut, dann streiche ich diesen
Punkt ... Zweitens, Klaus Heinrich, wollte ich dich bitten, beim
Waisenkinder-Bazar im Rathaus am fünfzehnten ein wenig _acte de
présence_ zu machen. Ich habe das Protektorat, und du siehst, ich nehme
es ernst. Du brauchst nichts zu kaufen ... einen Taschenkamm ... Kurz,
nur, daß du dich zehn Minuten lang zeigst. Es ist für die Waisenkinder
... Willst du kommen? Siehst du, so kann ich wieder etwas
durchstreichen. Drittens ...«
Aber die Fürstin wurde unterbrochen. Fräulein von Isenschnibbe, die
Hofdame, ließ sich melden und trippelte augenblicklich durch den großen
Salon herein, wobei ihre Federboa sich im Luftzuge sträubte und der Rand
ihres enormen Federhutes auf und nieder wippte. Aus ihren Kleidern
strömte der Geruch der frischen Luft von draußen. Sie war klein,
aschblond, spitznäsig und so kurzsichtig, daß sie die Sterne nicht sehen
konnte. An klaren Abenden stand sie auf ihrem Balkon und betrachtete den
gestirnten Himmel durch ihr Opernglas, um zu schwärmen. Sie trug zwei
scharfe Zwicker übereinander und streckte mit gekniffenen Augen spähend
den Hals vor, indem sie knickste.
»Gott, Großherzogliche Hoheit,« sagte sie, »ich wußte nicht, ich störe,
ich dringe ein, ich bitte untertänigst um Entschuldigung!«
Die Brüder hatten sich erhoben, und das Fräulein sank verschämt vor
ihnen nieder. Da Albrecht seine Hand dicht an der Brust ausstreckte,
ohne auch nur den Unterarm vom Körper zu lösen, so war ihr Arm fast
senkrecht ausgestreckt, als der Knicks, den sie vor ihm ausführte,
seinen tiefsten Punkt erreicht hatte.
»Gutes Jettchen,« sagte Ditlinde, »wie du sprichst! Du bist erwartet und
willkommen. Und meine Brüder wissen, daß wir du zueinander sagen. Also
nichts von Großherzoglicher Hoheit, wenn ich bitten darf. Wir sind nicht
im Alten Schloß. Sitz nieder und sei gemütlich. Willst du Tee? Er ist
noch heiß. Und hier sind gezuckerte Früchte. Ich weiß, du ißt sie gern.«
»Ja, tausend Dank, Ditlinde, die esse ich für mein Leben gern!« Und
Fräulein von Isenschnibbe nahm mit dem Rücken gegen das Fenster, Klaus
Heinrich gegenüber, an der Schmalseite des Teetisches Platz, streifte
einen Handschuh ab und begann, spähend vorgebeugt, mit der silbernen
Zange Süßigkeiten auf ihren Teller zu legen. Ihre kleine Brust atmete
rasch und beklommen vor freudiger Erregung.
»Neuigkeiten weiß ich,« sagte sie, unfähig, länger an sich zu halten ...
»Neuigkeiten ... mehr, als in meinen Pompadour gehen! Das heißt ... im
Grunde ist es nur =eine=, nur =eine= -- aber die hat das Maß, die kann
sich sehen lassen, und es ist ganz sicher, ich habe es aus bester
Quelle, du weißt, daß ich zuverlässig bin, Ditlinde, noch heute abend
wird es im ›Eilboten‹ stehn, und morgen wird die ganze Stadt davon
sprechen.«
»Ja, Jettchen,« sagte die Fürstin, »das muß man zugeben, du kommst
niemals mit leeren Händen. Aber nun sind wir gespannt, nun sage deine
Neuigkeit.«
»Gut also. Ich bitte, Luft holen zu dürfen. Weißt du, Ditlinde, wissen
Königliche Hoheit, wissen Großherzogliche Hoheit, wer kommt, wer in den
Quellengarten kommt, wer auf sechs oder acht Wochen zum Kurgebrauch in
den Quellenhof zieht, um das Wasser zu trinken?«
»Nein«, sagte Ditlinde. »Aber du weißt es, gutes Jettchen?«
»=Spoelmann=«, sagte Fräulein von Isenschnibbe. »=Spoelmann=«, sagte
sie, lehnte sich zurück und machte Miene, mit den Fingerspitzen auf den
Tischrand zu schlagen, tat aber der Bewegung ihrer Hand dicht über dem
blauseidenen Läufer Einhalt.
Die Geschwister blickten einander zweifelnd an.
»Spoelmann?« fragte Ditlinde ... »Besinne dich, Jettchen: der richtige
Spoelmann?«
»Der richtige!« Des Fräuleins Stimme brach sich vor unterdrücktem Jubel.
»Der richtige, Ditlinde. Denn es gibt ja nur einen, oder doch nur einen,
den man kennt, und der ist es, den sie im Quellenhof erwarten -- der
große Spoelmann, der Riesen-Spoelmann, der ungeheure Samuel N. Spoelmann
aus Amerika!«
»Aber Kind, wie käme wohl der hierher?«
»Nun, verzeih' mir die Antwort, Ditlinde, aber wie du fragst! Er kommt
natürlich über den Ozean, auf seiner Jacht oder auf einem großen
Dampfer, das weiß ich noch nicht -- wie es ihm gefällt. Er geht in die
Ferien, er macht eine Europareise, und zwar zu dem ausgesprochenen
Zweck, im Quellengarten das Wasser zu trinken.«
»Aber ist er denn krank?«
»Gewiß, Ditlinde. Alle diese Leute sind krank, es muß wohl dazu
gehören.«
»Das ist sonderbar«, sagte Klaus Heinrich.
»Ja, Großherzogliche Hoheit, es ist auffallend. Seine Art von Dasein muß
es wohl mit sich bringen. Denn es ist gewiß ein anstrengenderes Dasein
und keineswegs bequem und muß den Körper wohl rascher aufreiben, als ein
gewöhnliches Menschenleben tut. Die meisten haben es mit dem Magen zu
tun. Aber Spoelmann hat ja ein Steinleiden, wie man weiß.«
»Ein Steinleiden also ...«
»Gewiß, Ditlinde, du hast es natürlich schon gehört und nur wieder
vergessen. Er hat den Nierenstein, wenn ich mir das häßliche Wort
erlauben darf -- ein schweres, quälendes Leiden, und sicher hat er nicht
den geringsten Genuß von seinen wahnwitzigen Reichtümern ...«
»Aber wie in aller Welt ist er auf unser Wasser verfallen?«
»So, Ditlinde. Ganz einfach. Das Wasser ist doch gut, es ist
vortrefflich, zumal die Ditlindenquelle mit ihrem Lithium, oder wie es
heißt, ist ausgezeichnet gegen Gicht und Stein, und nur noch nicht nach
Gebühr bekannt und geschätzt in der Welt. Aber ein Mann wie Spoelmann,
das läßt sich denken, ein solcher Mann ist erhaben über Namen und
Marktgeschrei und geht nach seinem eigenen Kopfe. Und so hat er denn
unser Wasser entdeckt -- oder sein Leibarzt hat es ihm empfohlen, das
mag sein -- und hat es in Flaschen bezogen, und es hat ihm wohlgetan,
und nun mag er denken, daß es ihm an Ort und Stelle getrunken noch
besser anschlagen muß.«
Alle schwiegen.
»Großer Gott, Albrecht,« sagte Ditlinde endlich, »wie man nun immer über
Spoelmann und seinesgleichen denken mag -- und ich denke vorsichtig über
ihn, dessen kannst du versichert sein --, aber glaubst du nicht, daß der
Besuch dieses Menschen dem Quellengarten zu großem Nutzen gereichen
kann?«
Der Großherzog wendete den Kopf mit seinem feinen und steifen Lächeln.
»Fragen wir Fräulein von Isenschnibbe«, antwortete er. »Sie hat
zweifellos auch diese Seite der Sache bereits ins Auge gefaßt.«
»Da Königliche Hoheit befehlen ... Zu gewaltigem Nutzen! Zu
unermeßlichem, ganz unberechenbarem Nutzen -- das liegt auf der Hand!
Die Direktion ist selig, sie ist imstande und bekränzt das Füllhaus,
illuminiert den Quellenhof! Welche Empfehlung! Welche Anziehung für die
Fremden! Wollen Königliche Hoheit doch erwägen ... Dieser Mann ist eine
Sehenswürdigkeit! Großherzogliche Hoheit sprachen eben von
›seinesgleichen‹ -- aber er hat nicht seinesgleichen, kaum, höchstens
ein paar. Das ist ein Leviathan, ein Vogel Roch! Wie sollte man nicht
weither kommen, um ein Wesen zu sehen, das täglich so gegen eine halbe
Million zu verzehren hat!«
»Bewahre!« sagte Ditlinde erschüttert. »Und mein guter Philipp, der sich
mit seinen Torfstichen plagt ...«
»Die Sache fängt damit an,« fuhr das Fräulein fort, »daß seit ein paar
Tagen in der Wandelhalle da draußen zwei Amerikaner herumlaufen. Wer
sind sie? Es stellt sich heraus, daß es Journalisten sind, Abgeordnete
zweier großer Neuyorker Zeitungen. Sie sind dem Leviathan vorangereist
und telegraphieren ihren Blättern vorläufig Schilderungen der
Örtlichkeit. Wenn er da ist, werden sie über jeden Schritt
telegraphieren, den er tut -- gerade wie der ›Eilbote‹ und der
›Staatsanzeiger‹ über Euere Königliche Hoheit berichten ...«
Albrecht verbeugte sich dankend, mit niedergeschlagenen Augen und indem
er die Unterlippe emporschob.
»Er hat die Fürstenzimmer im Quellenhof mit Beschlag belegt,« sagte
Jettchen, »als vorläufige Unterkunft.«
»Für sich allein?« fragte Ditlinde ...
»O nein, Ditlinde, du kannst denken, daß er nicht allein kommt. Ich weiß
noch nichts Näheres über seine Umgebung und Dienerschaft, aber fest
steht, daß seine Tochter und sein Leibarzt ihn begleiten.«
»Du sagst immer ›Leibarzt‹, Jettchen, das ärgert mich. Und dann die
Journalisten. Und obendrein die Fürstenzimmer. Er ist doch kein König.«
»Ein Eisenbahnkönig, soviel ich weiß«, bemerkte Albrecht leise und mit
niedergeschlagenen Augen.
»Nicht nur Eisenbahnkönig, Königliche Hoheit, und nicht einmal in der
Hauptsache, nach allem, was ich höre. Da gibt es in Amerika drüben diese
großen Handelsgesellschaften, die man Trusts nennt, wie Königliche
Hoheit wissen, der Stahltrust zum Beispiel, der Zuckertrust, der
Petroleumtrust und dann noch der Kohlen- und Fleisch- und Tabaktrust und
wie sie heißen. Und bei fast all diesen Trusts hat Samuel N. Spoelmann
seine Hand im Spiel und ist Großaktionär und Hauptkontrolleur -- so
nennt man es, ich habe es gelesen --, und sein Geschäft muß also wohl
sein, was man bei uns eine Gemischte Warenhandlung nennt.«
»Ein sauberes Geschäft,« sagte Ditlinde, »ein sauberes Geschäft wird es
sein! Denn daß man durch ehrliche Arbeit ein Leviathan und Vogel Roch
werden kann, das wirst du mir nicht einreden, gutes Jettchen. Ich bin
überzeugt, daß das Blut der Witwen und Waisen an seinen Reichtümern
klebt. Wie denkst du, Albrecht?«
»Ich wünsche es, Ditlinde, ich wünsche es, dir und deinem Gatten zum
Trost.«
»Wenn es so ist,« erzählte das Fräulein, »so trifft doch Spoelmann --
unseren Samuel N. Spoelmann -- nur geringe Verantwortung, denn er ist
eigentlich nichts als ein Erbe und soll sogar nie so besondere Lust zu
den Geschäften gehabt haben. Wer eigentlich das Ganze gemacht hat, das
war sein Vater -- ich habe alles gelesen und kann sagen, daß ich in
großen Zügen Bescheid weiß. Sein Vater, das war ein Deutscher -- gar
nichts, ein Abenteurer, der über See ging und Goldgräber wurde. Und
hatte Glück und gewann sich durch Goldfunde ein kleines Vermögen -- oder
auch schon ein ziemlich großes -- und fing zu spekulieren an, in
Petroleum und Stahl und Eisenbahnen und dann in allem Möglichen und
wurde immer reicher und reicher. Und als er starb, da war eigentlich
alles schon im Gang, und sein Sohn Samuel, der die Vogel-Roch-Firma
erbte, der hatte so gut wie nichts mehr zu tun, als die fürchterlichen
Dividenden einzustreichen und noch immer reicher und reicher zu werden,
bis es kaum noch zu sagen war. So ist es vor sich gegangen.«
»Und eine Tochter hat er, Jettchen? Was ist denn das für ein Ding?«
»Jawohl, Ditlinde, seine Frau ist tot, aber er hat eine Tochter, Miß
Spoelmann, und die bringt er mit. Ein sonderbares Mädchen, nach allem,
was ich gelesen habe. Er selbst ist ja schon ein _sujet mixte_, denn
sein Vater holte sich seine Frau aus dem Süden -- kreolisches Blut, eine
Person mit deutschem Vater und eingeborener Mutter. Aber Samuel
heiratete dann wieder eine Deutsch-Amerikanerin mit halbenglischem Blut,
und deren Tochter ist nun Miß Spoelmann.«
»Bewahre, Jettchen, das ist ja ein buntes Geschöpf!«
»Das magst du wohl sagen, Ditlinde. Und sie ist gelehrt, ich habe
gehört, sie studiert wie ein Mann, und zwar Algebra und so scharfsinnige
Dinge ...«
»Nun, das kann mich auch nicht mehr für sie einnehmen.«
»Aber nun kommt das Stärkste, Ditlinde, denn Miß Spoelmann hat eine
Gesellschaftsdame, und diese Gesellschaftsdame ist eine Gräfin, eine
ganz richtige Gräfin, die ihr Gesellschaftsdienste leistet.«
»Bewahre!« sagte Ditlinde. »Schämt sie sich nicht? Nein, Jettchen, mein
Entschluß ist gefaßt. Ich werde mich nicht um Spoelmann kümmern. Ich
werde ihn hier in Frieden seinen Brunnen trinken lassen und ihn mit
seiner Gräfin und seiner algebraischen Tochter wieder abziehen lassen,
ohne mich nach ihm umzusehen. Auf mich macht er keinen Eindruck mit
seinem Sündenreichtum. Wie denkst du, Klaus Heinrich?«
Klaus Heinrich blickte über des Fräuleins Kopf hinweg auf das helle
Fenster.
»Eindruck?« sagte er ... »Nein, Reichtum macht mir keinen Eindruck,
glaube ich -- ich meine, was man so Reichtum nennt. Aber mich dünkt, es
kommt darauf an ... es kommt, wie mir scheint, auf den Maßstab an. Wir
haben ja auch ein paar reiche Leute hier in der Stadt ... Seifensieder
Unschlitt soll eine Million haben ... Ich sehe ihn manchmal in seinem
Wagen ... Er ist recht dick und gewöhnlich. Aber wenn einer ganz krank
und einsam ist vor lauter Reichtum ... Ich weiß nicht ...«
»Ein unheimlicher Mann jedenfalls«, sagte Ditlinde. Und allmählich
beruhigte sich das Gespräch über Spoelmann. Man sprach über
Familienangelegenheiten, über das Gut »Hohenried«, über die
bevorstehende Saison. Gegen sieben Uhr schickte der Großherzog nach
seinem Wagen. Man erhob sich, man verabschiedete sich, denn auch Prinz
Klaus Heinrich brach auf. Aber in der Vorhalle, während die Brüder sich
ihre Mäntel anlegen ließen, sagte Albrecht: »Ich wäre dir verbunden,
Klaus Heinrich, wenn du deinen Kutscher nach Hause schicktest und mir
noch eine Viertelstunde das Vergnügen deiner Gesellschaft gönntest. Ich
habe noch eine Sache von einiger Wichtigkeit mit dir zu besprechen ...
Ich könnte dich zur Eremitage begleiten, aber die Abendluft ist mir
nicht zuträglich ...«
Klaus Heinrich antwortete mit geschlossenen Absätzen: »Nein, Albrecht,
wo denkst du hin! Ich fahre mit dir ins Schloß, wenn es dir angenehm
ist. Ich bin selbstverständlich zu deiner Verfügung.«
Dies war die Einleitung zu einer bemerkenswerten Unterredung zwischen
den jungen Fürsten, deren Ergebnis wenige Tage darauf im
»Staatsanzeiger« veröffentlicht und allgemein mit Beifall aufgenommen
wurde.
Der Prinz begleitete den Großherzog ins Schloß, durch das Albrechtstor,
über steinerne, breitgeländrige Treppen, durch Korridore, wo offene
Gasflammen brannten, und schweigende Vorzimmer, zwischen Lakaien
hindurch in Albrechts »Kabinett«, wo der alte Prahl die beiden bronzenen
Petroleumlampen auf dem Kaminsims angezündet hatte. Albrecht hatte das
Arbeitszimmer seines Vaters übernommen -- es war immer das Arbeitszimmer
der regierenden Herren gewesen und lag im ersten Stockwerk zwischen
einem Adjutantenzimmer und dem im täglichen Gebrauch befindlichen
Speisesaal, gegen den Albrechtsplatz, den die Fürsten von ihrem
Schreibtisch aus stets überblickt und überwacht hatten. Es war ein
außerordentlich unwohnlicher und widerspruchsvoller Raum, ein kleiner
Saal mit einer zersprungenen Deckenmalerei, rotseidener, in vergoldete
Leisten gefaßter Tapete und drei bis zum Fußboden reichenden Fenstern,
durch die es empfindlich zog und vor denen jetzt die weinroten, mit
Krepinen geschmückten Vorhänge geschlossen waren. Es hatte einen
falschen Kamin im Geschmack des französischen Kaiserreichs, davor ein
Halbkreis von kleinen modernen gesteppten Plüschsesseln ohne Armlehnen
angeordnet war, und einen überaus häßlich ornamentierten weißen
Kachelofen, in dem stark geheizt war. Zwei große gesteppte Sofas standen
an den Seitenwänden einander gegenüber, und vor das eine war ein
viereckiger Büchertisch mit roter Plüschdecke gerückt. Zwischen den
Fenstern ragten zwei deckenhohe und schmale, in Gold gerahmte Spiegel
mit weißen Marmorkonsolen empor, von denen die rechte eine ziemlich
lüsterne Alabastergruppe, die linke eine Wasserkaraffe und Medizingläser
trug. Der Schreibsekretär, ein altes Möbelstück aus Palisanderholz mit
Rolldeckel und Messingbeschlägen, stand frei auf dem roten Teppich im
Raum. Aus einem Winkel, von einem Pfeilertischchen herab, blickte eine
Antike mit toten Augen ins Zimmer.
»Was ich dir vorzuschlagen habe,« sagte Albrecht -- er stand am
Schreibtisch und hantierte unbewußt mit einem Papiermesser, einem
spielzeughaften und albernen Ding in Form eines Kavalleriesäbels --,
»steht in gewisser Beziehung zu unserem Gespräch von heute nachmittag
... Ich schicke voraus, daß ich die Angelegenheit diesen Sommer in
Hollerbrunn mit Knobelsdorff durchgesprochen habe. Er ist einverstanden,
und wenn auch du es bist, woran ich nicht zweifle, so kann ich meine
Absicht sogleich verwirklichen.«
»Bitte, Albrecht, laß hören«, sagte Klaus Heinrich, der in aufmerksamer
und militärischer Haltung am Sofatische stand.
»Mein Befinden«, fuhr der Großherzog fort, »läßt in letzter Zeit mehr
und mehr zu wünschen übrig.«
»Das tut mir leid, Albrecht! Du hast dich also in Hollerbrunn gar nicht
erholt?«
»Danke. Nein. Es geht mir schlecht, und meine Gesundheit zeigt sich den
Anforderungen, die man an mich stellt, immer weniger gewachsen. Wenn ich
sage ›Anforderungen‹, so meine ich in erster Linie die Pflichten
festlicher und repräsentativer Natur, die mit meiner Stellung verbunden
sind -- und hier ist der Berührungspunkt mit der Unterhaltung, die wir
vorhin bei Ditlinde führten. Die Ausübung dieser Pflichten mag
beglücken, wo ein Kontakt mit dem Volke, eine Verwandtschaft, ein
Gleichschlag der Herzen vorhanden ist. Mir ist sie eine Qual, und die
Falschheit meiner Rolle ermüdet mich in einem Grade, daß ich darauf
bedacht sein muß, Gegenmaßregeln zu treffen. Ich bin hierin -- soweit
das Körperliche in Frage kommt -- im Einverständnis mit meinen Ärzten,
die mein Vorhaben durchaus unterstützen ... Höre mich also an. Ich bin
unverheiratet, ich hege, wie ich dich versichern kann, nicht die
Absicht, jemals eine Ehe einzugehen, ich werde keine Kinder haben. Du
bist Thronfolger aus angeborenem Recht des Agnaten, du bist es noch mehr
im Bewußtsein des Volkes, das dich liebt ...«
»Ach, Albrecht, du sprichst immer von meiner Beliebtheit ... Ich glaube
gar nicht daran. Von weitem vielleicht ... So ist es bei uns. Wir sind
immer nur von weitem beliebt.«
»Du bist zu bescheiden. Höre weiter. Du hattest schon bisher zuweilen
die Güte, mir diese und jene meiner repräsentativen Pflichten
abzunehmen. Ich möchte, daß du sie mir alle abnähmest, ganz, auf immer.«
»Du denkst an Abdikation, Albrecht?« fragte Klaus Heinrich
erschrocken ...
»Ich darf nicht daran denken. Glaube mir, daß ich gern daran dächte.
Aber man würde mir's verwehren. Woran ich denke, ist nicht einmal
Regentschaft, sondern nur Stellvertretung -- vielleicht erinnerst du
dich aus irgendeinem Kolleg dieser staatsrechtlichen Unterscheidungen --,
eine dauernde und amtlich festgelegte Stellvertretung in allen
repräsentativen Funktionen, begründet durch die Schonungsbedürftigkeit
meiner Gesundheit. Wie ist deine Meinung?«
»Ich stehe dir zu Befehl, Albrecht. Aber ich sehe noch nicht ganz klar.
Wie weit soll die Stellvertretung gehen?«
»Oh, möglichst weit. Ich möchte, daß sie sich auf alle Gelegenheiten
erstreckte, bei denen ein persönliches Auftreten in der Öffentlichkeit
von mir gefordert wird. Knobelsdorff verlangt, daß ich die Eröffnung und
den Schluß des Landtags nur, wenn ich bettlägerig bin, nur von Fall zu
Fall an dich abtrete. Stellen wir das also dahin. Aber im übrigen würde
dir meine Vertretung bei allen feierlichen Handlungen zufallen, die
Reisen, die Besuche der Städte, die Eröffnung von öffentlichen
Festlichkeiten, die Eröffnung des Bürgerballes ...«
»Auch die?«
»Warum nicht auch die. Wir haben hier ferner die wöchentlichen
Freiaudienzen -- eine sinnige Sitte ohne Zweifel, aber sie bringt mich
um. Du würdest die Audienzen an meiner Stelle abhalten. Ich zähle nicht
weiter auf. Du nimmst meinen Vorschlag an?«
»Ich stehe dir zu Befehl.«
»Dann hör' mich zu Ende. Für alle Fälle, in denen du an meiner Stelle
repräsentierst, teile ich dir meine Adjutanten zu. Es ist ferner wohl
nötig, daß man dein militärisches Avancement beschleunigt. Du bist
Oberleutnant? Du wirst zum Hauptmann ernannt werden -- oder gleich zum
Major _à la suite_ deines Regiments ... Ich werde das veranlassen.
Drittens aber wünsche ich unserem Arrangement den nötigen Nachdruck zu
geben, deine Stellung an meiner Seite gebührend zu kennzeichnen, indem
ich dir den Titel ›Königliche Hoheit‹ verleihe. Es waren Formalitäten zu
erledigen ... Knobelsdorff ist schon fertig damit. Ich werde meine
Entschlüsse in die Form zweier Schreiben an dich und an meinen
Staatsminister kleiden. Knobelsdorff hat sie übrigens beide schon
entworfen ... Du nimmst an?«
»Was soll ich sagen, Albrecht. Du bist Papas ältester Sohn, und ich habe
immer zu dir emporgeblickt, weil ich immer gefühlt und gewußt habe, daß
du der Vornehmere und Höhere bist von uns beiden und ich nur ein
Plebejer bin, im Vergleich mit dir. Aber wenn du mich würdigst, an
deiner Seite zu stehen und deinen Titel zu führen und dich vorm Volk zu
vertreten, obgleich ich mich gar nicht so präsentabel finde und diese
Hemmung hier habe, mit meiner linken Hand, die ich immer verstecken muß
-- dann danke ich dir und stehe dir zu Befehl.«
»So darf ich dich bitten, mich jetzt zu verlassen. Ich bin
ruhebedürftig.«
Sie gingen einander, der eine vom Schreibtisch, der andere vom
Büchertisch, auf dem Teppich bis zur Mitte des Zimmers entgegen. Der
Großherzog reichte seinem Bruder die Hand -- seine magere, kalte Hand,
die er dicht an der Brust ausstreckte, ohne auch nur den Unterarm vom
Körper zu lösen. Klaus Heinrich zog die Absätze zusammen und verbeugte
sich, als er die Hand empfing, und Albrecht neigte zum Abschied seinen
schmalen Kopf mit dem blonden Spitzbart, indem er mit seiner kurzen,
gerundeten Unterlippe leicht an der oberen sog. Klaus Heinrich kehrte
nach Schloß »Eremitage« zurück.
Sowohl der »Staatsanzeiger« als der »Eilbote« veröffentlichten acht Tage
später die beiden Handschreiben, welche die höchsten Entschließungen zum
Inhalt hatten: dasjenige mit der Anrede »Mein lieber Staatsminister
Doktor Freiherr von Knobelsdorff!« und jenes andere, das mit
»Durchlauchtigster Fürst, freundlich lieber Bruder!« begann und »Euerer
Königlichen Hoheit von Herzen anhänglicher Bruder =Albrecht=«
unterzeichnet war.