Des Großherzogs zweiter Sohn trat öffentlich zum ersten Male hervor,
als er getauft wurde. Diese Feierlichkeit erregte im Lande die ganze
Teilnahme, die man allen Geschehnissen innerhalb der hohen Familie
entgegenzubringen pflegte. Sie fand statt, nachdem man mehrere
Wochen lang über die Art ihrer Anordnung hin und her gesprochen
und gelesen hatte, ward abgehalten in der Hofkirche durch den
Oberkirchenratspräsidenten D. Wislizenus, mit aller Umständlichkeit und
öffentlich insofern, als das Oberhofmarschallamt Einladungen dazu auf
höchsten Befehl in alle Gesellschaftsklassen hatte ergehen lassen.
Herr von Bühl zu Bühl, ein höfischer Ritualist von höchster Umsicht und
Akribie, überwachte in großer Uniform und mit Hilfe von zwei
Zeremonienmeistern den ganzen verwickelten Vorgang: die Versammlung der
fürstlichen Gäste in den Schönen Zimmern, den feierlichen Zug, in
welchem sie sich, geführt von Pagen und Kammerherren, über die Treppe
Heinrichs des Üppigen und durch einen gedeckten Gang in die Kirche
begaben, den Zutritt des Publikums bis zu demjenigen der höchsten
Herrschaften, die Verteilung der Plätze, die Wahrung aller äußeren
Gebräuche während der religiösen Handlung selbst, die Reihenfolge und
Rangordnung bei der Gratulation, die sich unmittelbar an den vollendeten
Gottesdienst schloß ... Er atmete abgerissen, schwänzelte, hob seinen
Stab, lächelte leidenschaftlich und verbeugte sich, indem er rückwärts
ging.
Die Hofkirche war mit Pflanzen und Draperien ausgestattet. Neben den
Vertretern des Hof- und Landadels und des hohen und niederen Beamtentums
füllten Handeltreibende, Landleute und schlichte Handwerker erhobenen
Herzens das Gestühl. Aber vorn am Altar saßen im Halbkreise auf
rotsamtenen Armstühlen die Anverwandten des Täuflings, fremde Hoheiten
als Paten und betraute Vertreter solcher, die selbst nicht gekommen
waren. Vor sechs Jahren, bei des Erbgroßherzogs Taufe, war die
Versammlung nicht glänzender gewesen. Denn bei Albrechts Zartheit, bei
des Großherzogs vorgerückten Jahren, bei dem Mangel an Grimmburger
Agnaten galt die Person des zweitgeborenen Prinzen sogleich als wichtige
Gewähr für die Zukunft der Dynastie ... Der kleine Albrecht nahm an der
Feier nicht teil; mit einer Unpäßlichkeit lag er im Bette, die nach
Generalarzt Eschrichs Erklärung nervöser Natur war.
D. Wislizenus predigte über ein Schriftwort, das der Großherzog selbst
bestimmt hatte. Der »Eilbote«, ein schwatzhaft abgefaßtes
hauptstädtisches Journal, hatte genau zu berichten gewußt, wie der
Großherzog sich eines Tages ganz persönlich aus dem selten betretenen
Büchersaal die enorme, mit Metallspangen verschlossene Hausbibel geholt,
sich damit in seinem Kabinett eingeschlossen, wohl eine Stunde darin
gesucht, schließlich das erwählte Wort mit seinem Taschenbleistift auf
ein Blatt Papier exzerpiert, es »Johann Albrecht« unterzeichnet und dem
Hofprediger übersandt habe. D. Wislizenus behandelte es motivisch und
sozusagen auf musikalische Art. Er wandte es hin und her, wies es in
verschiedener Beleuchtung auf und erschöpfte es in allen Beziehungen; er
ließ es mit säuselnder Stimme und mit der ganzen Kraft seiner Brust
ertönen, und während es zu Beginn seiner Kunstleistung, leise und
sinnend ausgesprochen, nur ein dünnes, fast körperloses Thema gewesen
war, erschien es am Schluß, als er es der Menge zum letztenmal
vorführte, reich instrumentiert, voll ausgedeutet und tief belebt. Dann
ging er zum eigentlichen Taufakt über, und er nahm ihn ausführlich vor,
sichtbar für alle und unter Betonung jeder Einzelheit.
An diesem Tage also repräsentierte der Prinz zum erstenmal, und daß er
im Vordergrunde der Handlung stand, fand Ausdruck schon darin, daß er
zuletzt und in Abstand von aller Welt auf dem Schauplatze eintraf.
Langsam erschien er, unter Vorantritt des Herrn von Bühl, auf den Armen
der Oberhofmeisterin Freifrau von Schulenburg-Tressen, und aller Augen
waren auf ihn gerichtet. Er schlief, in seinen Spitzen, seinen Schleifen
und seiner weißen Seide. Das eine seiner Händchen war zufällig verdeckt.
Er erfreute, rührte und gefiel ungemein. Mittelpunkt des Ganzen und
Gegenstand jeder Aufmerksamkeit, verhielt er sich ruhig, persönlich
anspruchslos und naturgemäß noch völlig duldend. Sein Verdienst war, daß
er nicht störte, nicht eingriff, nicht widerstand, sondern, zweifellos
aus eingeborener Vertrautheit, sich still der Form überließ, die um ihn
waltete, ihn trug, ihn heute noch jeder eigenen Anspannung überhob ...
Häufig, an bestimmten Punkten der Zeremonie, wechselten die Arme, in
denen er ruhte. Freifrau von Schulenburg überreichte ihn mit Verneigung
seiner Tante Katharina, die mit strengem Gesichtsausdruck ein neuerlich
umgearbeitetes lila gefärbtes Seidenkleid trug und mit Kronjuwelen
frisiert war. Sie legte ihn, als der Augenblick kam, feierlich in die
Arme Dorotheas, seiner Mutter, die ihn, hoch und schön, mit einem
Lächeln ihres stolzen und lieblichen Mundes, eine gemessene Weile den
Segnungen darbot und ihn dann weitergab. Ein paar Minuten lang hielt ihn
eine Cousine, ein elf- oder zwölfjähriges Kind mit blonder Lockenfrisur,
stockdünnen Beinchen, bloßen, fröstelnden Ärmchen und einer breiten
rotseidenen Schärpe, die hinten in kolossaler Schleife von ihrem weißen
Kleidchen abstand. Ihr spitzes Gesichtchen war ängstlich dem
Zeremonienmeister zugewandt ...
Vorübergehend erwachte der Prinz; aber die flimmernden Flämmchen der
Altarkerzen und eine farbige Säule durchsonnten Staubes blendeten ihn,
so daß er die Augen wieder schloß. Und da keine Gedanken, sondern nur
sanfte, gegenstandslose Träume in seinem Kopfe waren, da er auch im
Augenblick keinerlei Schmerz empfand, so schlief er sofort wieder ein.
Er erhielt eine Menge Namen, während er schlief; aber die Hauptnamen
waren: Klaus Heinrich.
Und er schlief in seinem Bettchen mit Goldleisten und blauseidener
Gardine noch fort, während ihm zu Ehren im Marmorsaale Familientafel und
im Rittersaale Tafel für die übrigen Taufgäste stattfand.
Die Zeitungen besprachen sein erstes Auftreten; sie schilderten sein
Äußeres und seine Toilette, sie stellten fest, daß er sich wahrhaft
prinzlich benommen habe, und kleideten die rührende und erhebende
Wirkung in Worte, die seine Erscheinung ausgeübt hatte. Dann hörte die
Öffentlichkeit längere Zeit wenig von ihm und er nichts von ihr.
Er wußte noch nichts, begriff noch nichts, nichts ahnte ihm von der
Schwierigkeit, Gefährlichkeit und Strenge des Lebens, das ihm
vorgeschrieben war; seine Lebensäußerungen ließen nicht die Vermutung
zu, daß er sich in irgendeinem Gegensatz zur großen Menge fühle. Sein
kleines Dasein war ein verantwortungsloser, von außen sorgfältig
geleiteter Traum, der sich auf einem schwer übersichtlichen Schauplatze
abspielte; und dieser Schauplatz war von überaus zahlreichen und
farbigen Erscheinungen, statierenden und agierenden, bevölkert, flüchtig
auftauchenden und solchen, die beharrten.
Unter den beharrenden waren die Eltern fern, recht fern und nicht
vollkommen deutlich. Sie waren seine Eltern, das war gewiß, und sie
waren erhaben und freundlich. Nahten sie sich, so war der Eindruck
dieser, als ob alles übrige nach beiden Seiten zurückwiche und eine
Gasse der Ehrfurcht bildete, durch die sie zu ihm schritten, um ihm
einen Augenblick Zärtlichkeit zu erweisen ... Am nächsten und
deutlichsten waren zwei Frauen mit weißen Hauben und Schürzen, zwei
vollkommen gute, reine und liebevolle Wesen augenscheinlich, die seinen
kleinen Leib auf jede Art pflegten und sich sehr um sein Weinen
kümmerten ... Ein naher Teilnehmer am Leben war auch Albrecht, sein
Bruder; aber er war ernst, ablehnend und weit vorgeschritten.
Als Klaus Heinrich zwei Jahre alt war, fand nochmals Geburt auf
Grimmburg statt, und eine Prinzessin kam zur Welt. Sechsunddreißig
Schüsse wurden ihr zugemessen, weil sie weiblichen Geschlechts war, und
in der Taufe ward sie Ditlinde genannt. Das war Klaus Heinrichs
Schwester, und daß sie erschien, war ein Glück für ihn. Sie war anfangs
befremdend klein und verletzlich, aber bald ward sie ihm gleich, holte
ihn ein und war bei ihm den ganzen Tag. Mit ihr lebte er, mit ihr
schaute, erfuhr, begriff er, im Zwiegefühl mit ihr empfing er die
gemeinsame Welt.
Es war eine Welt, es waren Erfahrungen, danach angetan, nachdenklich zu
stimmen. Wo sie im Winter wohnten, war das Alte Schloß. Wo sie im Sommer
wohnten, am Fluß, in der Kühle, im Duft der violetten Hecken, zwischen
denen weiße Statuen standen, war Hollerbrunn, die Sommerresidenz. Auf
dem Wege dorthin, oder wenn sonst Papa oder Mama sie mit sich in einen
der braun lackierten Wagen mit der kleinen goldenen Krone am Schlage
nahmen, standen die übrigen Menschen, riefen und grüßten; denn Papa war
Fürst und Herr über das Land, und folglich waren sie selbst ein Prinz
und eine Prinzessin -- bestätigtermaßen durchaus in demselben Sinne, in
welchem die Prinzen und Prinzessinnen in den französischen Märchen es
waren, die Madame aus der Schweiz ihnen vorlas. Dies war des Verweilens
wert und ohne Frage ein Sonderfall. Wenn andere Kinder die Märchen
hörten, so blickten sie auf die Prinzen, von denen sie handelten,
notwendig aus großem Abstand und wie auf festliche Wesen, deren Rang
eine Verherrlichung der Wirklichkeit war, und mit denen sich zu
beschäftigen ihnen zweifellos eine Verschönerung der Gedanken und
Erhebung über den Wochentag bedeutete. Aber Klaus Heinrich und Ditlind
blickten auf jene Gestalten als auf ihresgleichen und in gelassener
Ebenbürtigkeit, sie atmeten dieselbe Luft wie sie, sie wohnten in einem
Schlosse gleich ihnen, sie standen mit ihnen auf brüderlichem Fuße und
erhoben sich nicht über das Wirkliche, wenn sie lauschend eins mit ihnen
wurden. Lebten sie also beständig und immerdar auf jener Höhe, zu
welcher andere nur aufstiegen, wenn sie Märchen hörten? Madame aus der
Schweiz hätte es ihrem ganzen Verhalten gemäß nicht leugnen können, wenn
die Frage in Worte zu bringen gewesen wäre.
Madame aus der Schweiz war eine calvinistische Pfarrerswitwe, die für
sie beide da war, während jedes von ihnen zwei besondere Kammerfrauen
hatte. Madame war ganz schwarz und weiß: ihr Häubchen war weiß und
schwarz ihr Kleid, weiß war ihr Antlitz mit der ebenfalls weißen Warze
auf einer Wange und schwarzweiß gemischt ihr metallisch glattes Haar.
Sie war sehr genau und leicht zu entsetzen. Sie blickte zu Gott empor
und schlug ihre weißen Hände zusammen bei Dingen, die ohne Gefahr und
dennoch unzulässig waren. Aber ihr stillstes und schwerstes Zuchtmittel
für ernste Fälle war dies, daß sie die Kinder »traurig ansah« ... man
hatte sich vergessen. Von einem bestimmten Tage an begann sie, auf eine
Weisung hin, Klaus Heinrich und Ditlind »Großherzogliche Hoheit« zu
nennen und war nun noch leichter entsetzt ...
Jedoch Albrecht hieß »Königliche Hoheit«. -- Tante Katharinens Kinder
gehörten nicht zum Mannesstamm der Familie, wie sich erwies, und waren
also von minderer Bedeutung. Aber Albrecht war Erbgroßherzog und
Thronfolger, womit nicht schlecht übereinstimmte, daß er so blaß und
abweisend schien und viel im Bette lag. Er trug österreichische Joppen
mit Klappentaschen und Rückenzug. Er hatte einen nach hinten ausladenden
Schädel mit schmalen Schläfen und ein längliches kluges Gesicht. Sehr
klein noch hatte er eine schwere Krankheit zu bestehen gehabt,
gelegentlich welcher, nach Generalarzt Eschrichs Behauptung, sein Herz
vorübergehend »auf die rechte Seite gewandert« war. Auf jeden Fall hatte
er den Tod von Angesicht zu Angesicht gesehen, und das mochte die scheue
Würde, die ihm eigen war, wohl sehr verstärkt haben. Er schien von
äußerster Zurückhaltung, kalt aus Befangenheit und stolz aus Mangel an
Anmut. Er lispelte ein wenig und errötete dann darüber, da er sich
scharf in Obacht hielt. Seine Schulterblätter waren ein wenig
ungleichmäßig gestellt. Sein eines Auge war mit einer Schwäche behaftet,
und so bediente er sich beim Anfertigen seiner Aufgaben einer Brille,
die dazu beitrug, ihn alt und klug zu machen ... Unverbrüchlich hielt
sich an Albrechts linker Seite sein Erzieher, der Doktor Veit, ein Mann
mit hängendem, lehmfarbenem Schnurrbart, hohlen Wangen und blassen,
unnatürlich erweiterten Augen. Zu jeder Stunde war Doktor Veit in
Schwarz gekleidet, indem er ein Buch, zwischen dessen Blättern sein
Zeigefinger steckte, an seinem Oberschenkel herniederhängen ließ.
Klaus Heinrich fühlte sich von Albrecht gering geschätzt, und er sah
ein, daß es nicht nur wegen seiner Rückständigkeit an Jahren so war. Er
selbst war weichmütig und zu Tränen geneigt, das war seine Natur. Er
weinte, wenn man ihn »traurig ansah«, und als er sich an einer Ecke des
großen Spieltisches die Stirn stieß, daß es blutete, klagte er laut aus
Mitleid mit seiner Stirn. Aber Albrecht hatte den Tod gesehen und weinte
doch unter keiner Bedingung. Er schob ein wenig seine kurze, gerundete
Unterlippe empor, indem er leicht damit an der oberen sog -- das war
alles. Er war vornehm. Madame aus der Schweiz wies in Fragen des _comme
il faut_ ausdrücklich auf ihn als Muster hin. Nie hätte er sich mit den
prächtigen aufgeschirrten Zierleuten, die zum Schlosse gehörten und
nicht eigentlich Männer und Menschen, sondern Lakaien waren, in ein
Gespräch eingelassen, wie Klaus Heinrich es damals in unbewachten
Augenblicken zuweilen tat. Denn Albrecht war nicht neugierig. Seine
Augen blickten einsam und ohne Verlangen, die Welt zu sich einzulassen.
Klaus Heinrich dagegen plauderte mit den Lakaien aus diesem Verlangen
und aus einem drängenden, wenn auch vielleicht gefährlichen und
ungehörigen Wunsche, sein Herz berühren zu lassen von dem, was etwa
jenseits der Grenzen war. Aber die Lakaien, die alten und jungen, an den
Türen, auf den Korridoren und in den Durchgangszimmern, mit ihren
sandfarbenen Gamaschen und braunen Fräcken, auf deren rötlich-goldenen
Tressen sich viele Male die kleine Krone vom Wagenschlag wiederholte --
sie machten die Knie fest, wenn Klaus Heinrich mit ihnen plauderte,
legten die großen Hände an die Nähte ihrer dicken Sammethosen, ließen
sich dabei ein wenig zu ihm herab, daß die Fangschnüre ihnen von den
Schultern baumelten, und gaben leere, geziemende Antworten, an denen die
Anrede »Großherzogliche Hoheit« das Gewichtigste war, und zu denen sie
lächelten, mit einem mitleidig behutsamen Ausdruck, als wollten sie
sagen: »Du Reiner, du Feiner!« ... Zuweilen, wenn es sich möglich
machte, unternahm Klaus Heinrich Forschungszüge in unbewohnte Gegenden
des Schlosses, mit Ditlind, seiner Schwester, als sie groß genug war.
Damals hatte er Unterricht bei Schulrat Dröge, Rektor der städtischen
Schulen, der zu seinem ersten Lehrer bestellt war. Schulrat Dröge war
sachlich von Natur. Sein Zeigefinger, faltig von trockener Haut und
geschmückt mit einem goldenen Siegelring ohne Stein, verfolgte die
gedruckten Zeilen, wenn Klaus Heinrich las, und rückte nicht eher von
der Stelle, als bis das Wort gelesen war. Er kam in Gehrock und weißer
Weste, das Band eines untergeordneten Ordens im Knopfloch, und in
breiten, blankgewichsten Stiefeln, deren Schäfte naturfarben waren. Er
trug einen ergrauten, kegelförmigen Bart, und aus seinen großen und
flachen Ohren wuchs graues Gestrüpp. Sein braunes Haar war in Form von
aufwärtsstrebenden Spitzen in die Schläfen gebürstet und scharf
gescheitelt, so daß man deutlich die gelbliche, trockene Kopfhaut sah,
die porös war wie Stramin. Aber hinten und an den Seiten kam unter dem
festen braunen Haar dünnes, graues hervor. Er neigte den Kopf ein wenig
gegen den Lakaien, der ihm die Tür zu dem großen, getäfelten Schulzimmer
öffnete, wo Klaus Heinrich ihn erwartete. Jedoch gegen Klaus Heinrich
verbeugte er sich, nicht im Hereinkommen und obenhin, sondern
ausdrücklich und mit Überlegung, indem er vor ihn hintrat und wartete,
daß sein erlauchter Schüler ihm die Hand reichte. Das tat Klaus
Heinrich, und daß er es beide Male, bei der Begrüßung sowohl wie beim
Abschied, in hübscher, gewinnender und gerundeter Weise tat, so, wie er
gesehen hatte, daß sein Vater den Herren die Hand reichte, die darauf
warteten, das schien ihm wichtiger und wesentlicher als aller
Unterricht, der dazwischen lag.
Als Schulrat Dröge unzähligemal gekommen und gegangen war, hatte Klaus
Heinrich unvermerkt allerlei Anwendbares gelernt, fand sich wider
Erwarten und Absicht zu Hause in den Fächern des Lesens, Schreibens und
Rechnens und wußte auf Verlangen die Ortschaften des Großherzogtums
ziemlich lückenlos aufzuzählen. Aber es war wie erwähnt nicht eigentlich
dies, was ihm nötig und wesentlich schien. Zuweilen, wenn er beim
Unterricht unachtsam war, ermahnte der Schulrat ihn mit dem Hinweis auf
seinen hohen Beruf. »Ihr hoher Beruf verpflichtet Sie ...« sagte er,
oder: »Sie schulden es Ihrem hohen Beruf ...« Was war sein Beruf, und
worin bestand die Höhe desselben? Warum lächelten die Lakaien »Du
Reiner, du Feiner«, und warum war Madame so heftig entsetzt, wenn er
sich in Rede und Tun nur ein wenig fahren ließ? Er blickte um sich in
seinem Gesichtskreis, und zuweilen, wenn er fest und lange hinsah und
seinen Blick in das innere Wesen der Erscheinungen einzudringen zwang,
fühlte er eine Ahnung von dem »Eigentlichen« in sich aufsteigen, um das
es sich für ihn handelte.
Er stand in einem Saal, der zu den Schönen Zimmern gehörte, dem
Silbersaal, worin, wie er wußte, sein Vater, der Großherzog, feierliche
Gruppenempfänge vornahm -- er war gelegentlich allein in den leeren Raum
getreten und sah ihn sich an.
Es war Winter und kalt, seine kleinen Schuhe spiegelten sich in dem
glasig hellen, durch gelbliche Einlagen in große Vierecke geteilten
Parkett, das sich wie eine Eisfläche vor ihm ausbreitete. Die Decke, mit
versilbertem Arabeskenwerk überzogen, war so hoch, daß eine lange, lange
Metallstange nötig war, um den vielarmigen, dicht mit hohen weißen
Kerzen besteckten silbernen Kronleuchter in der Mitte der ganzen Weite
schweben zu lassen. Silbern gerahmte Felder mit blassen Malereien zogen
sich unterhalb der Decke hin. Die Wände, von silbernen Leisten
eingefaßt, waren mit weißer, hier und da gelbfleckiger und eingerissener
Seide bekleidet. Eine Art monumentalen Baldachins, auf zwei starken
silbernen Säulen ruhend und vorn mit einer zweimal gerafften
Silbergirlande geschmückt, von dessen Höhe das Bildnis einer toten,
gepuderten Vorfahrin inmitten einer nachgeahmten Hermelindraperie
herniederblickte, gliederte den Kaminraum vom Ganzen ab. Breite
versilberte, mit weißer, verschlissener Seide bespannte Armstühle
umgaben dort hinten die kalte Feuerstelle. An den Seitenwänden, einander
gegenüber, ragten enorme, silbern gerahmte Spiegel empor, deren Glas
blinde Flecken zeigte, und auf deren breiten weißen Marmorkonsolen
Armleuchter standen, je rechts zwei und links zwei, die niedrigen vor
den höhern, mit langen weißen Kerzen besteckt wie die Wandleuchter
ringsumher, wie die vier silbernen Schaftkandelaber in den Ecken. Vor
den hohen Fenstern zur Rechten, die auf den Albrechtsplatz blickten, und
auf deren äußeren Bänken Kissen von Schnee lagen, fielen weißseidene
Vorhänge, gelbfleckig, mit silbernen Schnüren gerafft und mit Spitzen
unterlegt, schwer und reichlich auf das Parkett hinab. In der Mitte des
Raums, unter dem Kronleuchter, stand ein Tisch von mäßiger Größe, dessen
Untersatz wie ein knorriger silberner Baumstumpf war, und dessen
achteckige Platte aus milchiger Perlmutter bestand -- stand unnütz und
ohne Stühle dort, bestimmt und geeignet höchstens dazu, dir als Halt und
Stützpunkt zu dienen, wenn die Lakaien die Flügeltür öffneten und
diejenigen einließen, die in Gala auf eine festlich gemessene Weise vor
dich traten ...
Klaus Heinrich sah in den Saal, und deutlich sah er, daß nichts hier von
der Sachlichkeit wußte, die Schulrat Dröge trotz seiner Verbeugungen ihm
auferlegte. Hier herrschte Sonntag und Feierernst, ganz ähnlich wie in
der Kirche, wo des Schulrats Forderungen gleichfalls verfehlt gewesen
wären. Strenger und leerer Prunk herrschte hier und ein förmliches
Gleichmaß der Anordnung, das rein von Zweck und Bequemlichkeit sich
selbstgenügsam darstellte ... ein hoher und angespannter Dienst, ohne
Zweifel, der weit entfernt schien, leicht und behaglich zu sein, der
dich auf Haltung und Zucht und beherrschte Entsagung verpflichtete, doch
dessen Gegenstand ohne Namen war. Und es war kalt in dem silbernen
Kerzensaal wie in dem der Schneekönigin, wo die Herzen der Kinder
erstarren.
Klaus Heinrich ging über die spiegelnde Fläche und stellte sich an den
Tisch in der Mitte. Er stützte die rechte Hand leicht auf die
Perlmutterplatte und stemmte die linke so in die Hüfte, daß sie weit
hinten, fast schon im Rücken saß und von vorn nicht sichtbar war; denn
sie war unschön: bräunlich und runzlig und hatte mit der rechten im
Wachstum nicht Schritt gehalten. Er ließ sich auf einem Beine ruhen,
stellte das andere ein wenig vor und hielt den Blick auf die silbernen
Ornamente der Tür gerichtet. Es war kein Standort zum Träumen und nicht
die Haltung dazu; und dennoch träumte er.
Er sah seinen Vater und sah ihn an wie den Saal, um zu begreifen. Er sah
den matten Hochmut seiner blauen Augen, die Furchen, die stolz und
grämlich von den Flügeln seiner Nase in den Bart verliefen, und die
manchmal von einem Überdruß, einer Langeweile vertieft und nachgezogen
wurden ... Man durfte ihn nicht anreden, nicht freierdings sich ihm
nähern und ungefragt das Wort an ihn richten -- auch die Kinder nicht,
es verbot sich, es war gefährlich. Er antwortete wohl, doch fremd und
kalt, und eine Ratlosigkeit entstand auf seinem Gesicht, eine kurze
Verstörung, für die Klaus Heinrich ein tiefes Verständnis empfand.
Papa redete an und entließ; so war er's gewohnt. Er hielt Sprechcour zu
Beginn des Hofballs und zum Schluß des Diners, mit dem der Winter
begann. Er ging mit Mama durch die Zimmer und Säle, in denen die
Hofrangklassen versammelt waren, ging durch den Marmorsaal und die
Schönen Zimmer, durch die Bildergalerie, den Rittersaal, den Saal der
zwölf Monate, den Audienzsaal und Tanzsaal, ging nicht nur in einer
bestimmten Richtung, sondern auch auf einer bestimmten Bahn, die der
eilfertige Herr von Bühl ihm freihielt, und richtete Worte an Herren und
Damen. An wen er sich wandte, der bog in Verbeugung aus, ließ einen
Abstand von blankem Parkett zwischen sich und Papa und antwortete
maßvoll und glücklich bewegt. Dann grüßte Papa über den Abstand hinweg,
aus der Sicherheit sorgfältiger Vorschriften, die die Bewegungen der
anderen beschränkten und seine Haltung begünstigten, grüßte lächelnd und
leicht und wandte sich weiter. Lächelnd und leicht ... Gewiß, gewiß,
Klaus Heinrich verstand sie wohl, die Ratlosigkeit, die einen Augenblick
Papas Miene verstörte, wenn man ungestüm genug war, ihn geradeswegs
anzureden -- verstand sie und fühlte sie ängstlich mit! Irgend etwas,
ein Zartes, Gefährdetes, war dann verletzt, worin so sehr unser Wesen
beruhte, daß wir hilflos standen, wenn man es roh durchbrach. Und es war
dennoch dies selbe Etwas, was unsere Augen matt machte und uns so tiefe
Furchen der Langeweile grub ...
Klaus Heinrich stand und sah -- er sah seine Mutter und ihre Schönheit,
die weit und breit berühmt und gepriesen war. Er sah sie aufrecht _en
robe de cérémonie_, vor ihrem großen, von Kerzen erhellten Spiegel; denn
zuweilen, bei Festlichkeiten, durfte er anwesend sein, wenn der
Hoffriseur und die Kammerfrauen die letzte Hand an ihre Toilette legten.
Auch Herr von Knobelsdorff war anwesend, wenn Mama mit Juwelen aus dem
Kronschatz geschmückt wurde, hielt Aufsicht und notierte die Steine, die
zur Verwendung gelangten. Die Fältchen an seinen Augen spielten, und er
brachte Mama mit drolligen Redewendungen zum Lachen, so daß sich die
wundervollen kleinen Gruben in ihren weichen Wangen bildeten. Aber es
war ein Lachen voll Kunst und Gnade, und sie sah in den Spiegel dabei,
als übte sie sich.
Einiges slawisches Blut floß in ihren Adern, wie man sagte, und daher
hatten ihre tiefblauen Augen einen so süßen Glanz, wie die Nacht ihres
duftenden Haares so schwarz. Klaus Heinrich war ihr ähnlich, hörte er
sagen, insofern auch er stahlblaue Augen zu dunkeln Haaren hatte,
während Albrecht und Ditlind blond waren, wie Papa gewesen war, bevor er
ergraute. Aber er war weit entfernt, schön zu sein, seiner breiten
Wangenknochen und vor allem seiner linken Hand wegen, die Mama ihn
anhielt, auf geschickte Art zu verbergen, in der Seitentasche seiner
Jacke, auf dem Rücken oder vorn in der Brust -- ihn anhielt, gerade
dann, wenn er aus zärtlichem Antriebe sie mit beiden Armen umschlingen
wollte. Ihr Blick war kalt, wenn sie ihn aufforderte, auf seine Hand zu
achten.
Er sah sie wie auf dem Bild im Marmorsaal: in schillernder Seidenrobe
mit Spitzenbehang und hohen Handschuhen, die unter den gepufften Ärmeln
nur einen Streifen ihres elfenbeinfarbenen Oberarmes sehen ließen, ein
Diadem in der Nacht ihres Haares, hoch aufgerichtet die herrliche
Gestalt, ein Lächeln kühler Vollkommenheit um die wunderbar herben
Lippen -- und hinter ihr schlug ein Pfau mit metallisch blinkendem Hals
sein hoffärtiges Rad. So weich war ihr Gesicht, aber die Schönheit
machte es streng, und man konnte wohl sehen, daß auch ihr Herz streng
war und auf nichts als ihre Schönheit bedacht. Sie schlief viel am Tage,
wenn Ball oder Cercle bevorstand, und aß nur Eidotter, um sich nicht zu
beschweren. Dann strahlte sie abends an Papas Arm auf der
vorgeschriebenen Bahn durch die Säle -- graue Würdenträger erröteten,
wenn sie ihrer Ansprache teilhaftig wurden, und der »Eilbote« schrieb,
daß Ihre Königliche Hoheit nicht nur nach ihrem erhabenen Rang die
Königin des Festes gewesen sei. Ja, sie wirkte Glück, indem sie sich
zeigte, bei Hofe sowohl wie draußen in den Straßen oder nachmittags im
Stadtgarten, zu Pferd oder zu Wagen -- und die Wangen der Leute färbten
sich höher. Blumen und Lebehochs und alle Herzen flogen ihr zu, und die
»Hoch« riefen, meinten sich selbst damit, wie man deutlich sah, und
riefen freudig aus, daß sie selbst hochlebten und an hohe Dinge glaubten
in diesem Augenblick. Aber Klaus Heinrich wußte wohl, daß Mama lange,
sorgfältige Stunden an ihrer Schönheit gearbeitet hatte, daß ihr Lächeln
und Grüßen voller Übung und Absicht war und daß ihr eigenes Herz nicht
hochschlug, keineswegs, für nichts und für niemanden.
Liebte sie irgendwen, zum Beispiel ihn selbst, Klaus Heinrich, der ihr
doch ähnlich war? Ach, doch, das tat sie wohl dennoch, soweit sie Zeit
dazu hatte, und dann selbst, wenn sie ihn mit kühlen Worten an seine
Hand erinnerte. Aber es schien, daß sie Ausdruck und Zeichen ihrer
Zärtlichkeit für solche Gelegenheiten sparte, wo Zuschauer zugegen
waren, die sich daran erbauen konnten. Klaus Heinrich und Ditlind kamen
nicht oft mit ihrer Mutter in Berührung, zumal sie nicht, wie seit
einiger Zeit Albrecht, der Thronfolger, an der elterlichen Tafel
teilnahmen, sondern mit Madame aus der Schweiz gesondert speisten; und
wenn sie, was einmal die Woche geschah, in Mamas Wohnräume zu Besuch
berufen wurden, so verlief solch Beisammensein ohne Gefühlswallungen
unter gelassenen Fragen und artigen Antworten, während es sich im ganzen
darum handelte, wie man auf ansprechende Art mit einer Teetasse voll
Milch in einem Fauteuil säße. Aber bei den Konzerten, die jeden zweiten
Donnerstag unter dem Namen »Donnerstage der Großherzogin« im Marmorsaal
stattfanden und so angeordnet waren, daß die Hofgesellschaft an kleinen
Tischen mit goldenen Beinen und roten Sammetdecken saß, während der
Kammersänger Schramm vom Hoftheater mit Musikbegleitung so mächtig sang,
daß die Adern auf seiner kahlen Stirne schwollen -- bei den Konzerten
durften Klaus Heinrich und Ditlind zuweilen festlich gekleidet eine
Nummer und Pause lang im Saale sein, und dann zeigte Mama, daß sie sie
lieb habe, zeigte es ihnen und allen so innig und ausdrucksvoll, daß
kein Zweifel blieb. Sie nahm sie zu sich an den Tisch, dem sie vorsaß,
und hieß sie mit glücklichem Lächeln, sich zu ihren Seiten zu stellen,
lehnte sich ihre Wangen an Schulter und Brust, sah ihnen mit weichem,
beseeltem Blick in die Augen und küßte sie beide auf Stirn und Mund.
Aber die Damen neigten die Köpfe zur Seite und blinzelten rasch mit
verklärter Miene, indes die Herren langsam nickten und sich in die
Schnurrbärte bissen, um auf männliche Art ihre Ergriffenheit zu
bemeistern ... Ja, das war schön, und die Kinder fühlten sich beteiligt
an dieser Wirkung, die alles übertraf, was Kammersänger Schramm mit
seinen seligsten Tönen erzielte, und schmiegten sich stolz an Mama. Denn
Klaus Heinrich wenigstens sah ein, daß es uns dem Wesen der Dinge gemäß
nicht anstand, einfach zu fühlen und damit glücklich zu sein, sondern
daß es uns zukam, unsere Zärtlichkeit im Saale anschaulich zu machen und
auszustellen, damit die Herzen der Gäste schwöllen.
Zuweilen bekamen auch die Leute draußen in Stadt und Park zu sehen, daß
Mama uns lieb hatte. Denn während Albrecht am frühen Morgen mit dem
Großherzog ausfuhr oder ritt -- obgleich er so schlecht zu Pferde
saß --, so hatten Klaus Heinrich und Ditlind von Zeit zu Zeit und
abwechselnd Mama auf ihren Spazierfahrten zu begleiten, die im Frühjahr
und Herbst nachmittags um die Promenadezeit stattfanden, in Gegenwart
der Freifrau von Schulenburg-Tressen. Klaus Heinrich war ein wenig
erregt und fieberhaft vor diesen Spazierfahrten, mit denen
schlechterdings kein Vergnügen, sondern im Gegenteil viel Mühe und
Anstrengung verbunden war. Denn gleich, wenn zwischen den
präsentierenden Grenadieren der offene Wagen das Löwenportal am
Albrechtsplatze verließ, so stand viel Volks dort versammelt, das die
Ausfahrt erwartet hatte, Männer, Frauen und Kinder, die riefen und
gierig schauten; und es galt, sich zusammenzunehmen und anmutig
standzuhalten, zu lächeln, die linke Hand zu verbergen und so mit dem
Hute zu grüßen, daß es Freude im Volke hervorrief. Das ging so fort auf
der Fahrt durch die Stadt und im Grünen. Die anderen Fuhrwerke mußten
wohl Abstand wahren von unserem, die Schutzmänner hielten darauf. Jedoch
die Fußgänger standen am Wegessaum, die Damen ließen sich knicksend
nieder, die Herren hielten den Hut am Schenkel und blickten von unten
mit Augen voll Andacht und dringlicher Neugier -- und dies war Klaus
Heinrichs Einsicht: daß alle da waren, um eben da zu sein und zu
schauen, indes er da war, um sich zu zeigen und geschaut zu werden; und
das war das weitaus Schwerere. Er hielt seine linke Hand in der
Paletottasche und lächelte, wie Mama es wünschte, während er fühlte, daß
seine Wangen in Hitze standen. Aber der »Eilbote« schrieb, daß die
Wangen unseres kleinen Herzogs wie Rosen gewesen seien vor Wohlbefinden.
Klaus Heinrich war dreizehn Jahre alt, als er an dem einsamen
Perlmuttertischchen inmitten des kalten Silbersaales stand und das
Eigentliche zu ergründen suchte, um das es sich für ihn handelte. Und
wie er die Erscheinungen innig durchdrang: den leeren, zerschlissenen
Stolz der Gemächer, der über Zweck und Behagen war, die Symmetrie der
weißen Kerzen, in welcher ein hoher und angespannter Dienst, eine
beherrschte Entsagung ausgedrückt schien, die kurze Verstörung auf
seines Vaters Gesicht, wenn man ihn freihin ansprach, die kühl und
streng gepflegte Schönheit seiner Mutter, die sich lächelnd der
Begeisterung darstellte, die andachtsvollen und dringlich neugierigen
Blicke der Leute draußen -- da ergriff ihn eine Ahnung, eine ungefähre
und wortlose Erkenntnis dessen, was seine Angelegenheit war. Aber zur
selben Zeit kam ihn ein Grauen an, ein Schauder vor dieser Art von
Bestimmung, eine Angst vor seinem »hohen Beruf«, so stark, daß er sich
wandte und beide Hände vor seine Augen warf, beide, die kleine runzlige
linke auch, und an dem einsamen Tischchen niedersank und weinte, weinte
vor Mitleid mit sich und seinem Herzen, bis man kam und zu Gott
emporblickte und die Hände zusammenschlug und fragte und ihn wegführte
... Er gab an, daß er Furcht gehabt, und das war die Wahrheit.
Er hatte nichts gewußt, nichts begriffen, nichts geahnt von der
Schwierigkeit und Strenge des Lebens, das ihm vorgeschrieben war; er war
lustig gewesen, hatte sich sorglos fahren lassen und viel Anlaß zum
Entsetzen gegeben. Aber früh mehrten sich die Eindrücke, die es ihm
unmöglich machten, sich der wahren Sachlage zu verschließen. In der
nördlichen Vorstadt, unweit des Quellengartens, war eine neue Straße
entstanden; man eröffnete ihm, daß sie auf Magistratsbeschluß den Namen
»Klaus-Heinrich-Straße« erhalten habe. Gelegentlich einer Ausfahrt
sprach seine Mutter mit ihm beim Kunsthändler vor; es galt einen
Einkauf. Der Lakai wartete am Schlage, Publikum sammelte sich an, der
Kunsthändler eiferte beglückt -- das war nichts Neues. Aber Klaus
Heinrich bemerkte zum erstenmal seine Photographie im Schaufenster. Sie
hing neben denen von Künstlern und großen Männern, hochgestirnten
Männern, deren Augen aus einer berühmten Einsamkeit blickten.
Man war im ganzen zufrieden mit ihm. Er nahm zu an Haltung, und ein
gefaßter Anstand kam in sein Wesen, unter dem Druck seiner Berufenheit.
Aber das Seltsame war, daß zu gleicher Zeit sein Verlangen wuchs: diese
schweifende Wißbegier, die zu befriedigen Schulrat Dröge der Mann nicht
war, und die ihn getrieben hatte, mit den Lakaien zu plaudern. Er tat
das nicht mehr; es führte zu nichts. Sie lächelten »Du Reiner, du
Feiner«, sie bestärkten ihn durch eben dieses Lächeln in der dunklen
Vermutung, daß seine Welt der symmetrisch aufgesteckten Kerzen in einem
unwissenden Gegensatz zur übrigen Welt dort draußen stehe, aber sie
halfen ihm gar nicht. Er sah sich um auf den Spazierfahrten, auf den
Gängen, die er mit Ditlind und Madame aus der Schweiz, gefolgt von einem
Lakaien, durch den Stadtgarten unternahm. Er fühlte: wenn alle einig
gegen ihn waren, um zu schauen, indes er einzeln und herausgehoben war,
um geschaut zu werden, so war er also ohne Teil an ihrem Treiben und
Sein. Er begriff ahnungsweise, daß sie mutmaßlich nicht immer so waren,
wie er sie sah, wenn sie standen und grüßten mit frommen Augen, daß wohl
seine Reinheit und Feinheit es sein mußte, die ihre Augen fromm machte,
und daß es ihnen ging wie den Kindern, wenn sie von Märchenprinzen
hörten und so eine Verschönerung der Gedanken und Erhebung über den
Wochentag erfuhren. Aber er wußte nicht, wie sie unverschönt und
unerhoben am Wochentage blickten und waren -- sein »hoher Beruf«
enthielt es ihm vor, und es war wohl also ein gefährlicher und
ungehöriger Wunsch, sein Herz berühren zu lassen von Dingen, die seine
Hoheit ihm vorenthielt. Er wünschte es dennoch, wünschte es aus einer
Eifersucht und jener schweifenden Wißbegier, die ihn zuweilen trieb,
Forschungszüge in unbewohnte Gegenden des Alten Schlosses zu
unternehmen, mit Ditlind, seiner Schwester, wenn es sich machen ließ.
Sie nannten es »Stöbern«, und der Reiz des »Stöberns« war groß; denn es
war schwer, mit dem Grundriß und Aufbau des alten Schlosses vertraut zu
werden, und jedesmal, wenn sie weit genug ins Entlegene vordrangen,
fanden sie Stuben, Gelasse und öde Säle auf, die sie noch nie betreten
hatten, oder doch seltsame Umwege zu bekannten Räumen. Aber einmal bei
solchem Streifen hatten sie eine Begegnung, stieß ihnen ein Abenteuer
zu, das, äußerlich unscheinbar, Klaus Heinrichs Seele doch mächtig
ergriff und belehrte.
Gelegenheit bot sich. Während Madame aus der Schweiz sich in Urlaub zum
Nachmittagsgottesdienst befand, hatten sie bei der Großherzogin in
Gesellschaft zweier Ehrendamen ihre Milch aus Teetassen getrunken, waren
entlassen und angewiesen worden, Hand in Hand in die unfernen
Kinderzimmer zu ihren Beschäftigungen zurückzukehren. Er bedürfe keines
Geleites; Klaus Heinrich sei groß genug, Ditlinden zu führen. Das war
er; und auf dem Korridor sagte er: »Ja, Ditlind, wir wollen nun
allerdings in die Kinderzimmer zurückkehren, aber es ist nicht nötig,
weißt du, daß wir es auf dem kürzesten, langweiligsten Wege tun. Wir
wollen zuerst ein bißchen stöbern. Wenn man eine Treppe höher steigt und
den Gang verfolgt, bis die Gewölbe anfangen, so ist da hinten ein Saal
mit Pfeilern. Und wenn man von dem Saal mit den Pfeilern die
Wendeltreppe hinaufklettert, die hinter der einen Tür ist, dann kommt
man in ein Zimmer mit hölzerner Decke, wo eine Menge sonderbare Sachen
herumliegen. Aber was hinter diesem Zimmer kommt, das weiß ich noch
nicht, und das wollen wir auskundschaften. Nun gehen wir also.«
»Ja, gehen wir,« sagte Ditlinde, »aber nicht zu weit, Klaus Heinrich,
und nicht, wo es zu staubig ist, denn auf meinem Kleide sieht man
alles.«
Sie trug ein Kleidchen aus dunkelrotem Sammet, mit Atlas von derselben
Farbe besetzt. Sie hatte damals Grübchen in den Ellenbogen und
goldblankes Haar, das sich in Locken gleich Widderhörnern um ihre Ohren
legte. Später wurde sie aschblond und mager. Auch sie hatte die breiten,
ein wenig zu hoch sitzenden Wangenknochen ihres Vaters und Volkes, aber
sie waren zart gebildet, so daß sie der Feinheit ihres herzförmigen
Gesichtchens keinen Abbruch taten. Aber bei ihm waren sie kräftig und
ausgeprägt, so daß sie seine stahlfarbenen Augen ein wenig zu bedrängen,
zu verengern und ihren Schnitt in die Länge zu ziehen schienen. Sein
dunkles Haar war seitwärts glatt gescheitelt, an den Schläfen mit
Genauigkeit rechtwinklig beschnitten und schräg aus der Stirn
hinweggebürstet. Er trug eine offene Jacke mit hochgeschlossener Weste
und weißem Fallkragen. In seiner Rechten hielt er Ditlindens Händchen,
aber sein linker Arm hing dünn und zu kurz mit seiner bräunlichen,
runzligen und unentwickelten Hand von der Schulter hinab. Er war froh,
sie sorglos hängen lassen zu dürfen und nicht geschickt verbergen zu
müssen; denn niemand war da, der schaute und verschönt und erhoben sein
wollte, und er selbst durfte schauen und forschen für sein eigenes Herz.
So gingen sie und stöberten, wie sie Lust hatten. Ruhe herrschte in den
Korridoren, und sie sahen kaum von fern einen Lakaien. Sie stiegen eine
Treppe höher und verfolgten den Gang, bis die Gewölbe begannen und sie
also in dem Teil des Schlosses waren, der aus den Zeiten Johanns des
Gewalttätigen und Heinrichs des Bußfertigen stammte, wie Klaus Heinrich
wußte und erklärte. Sie kamen in den Saal mit den Pfeilern, und Klaus
Heinrich pfiff dort mehrere Töne schnell nacheinander, weil die ersten
noch hallten, wenn der letzte kam, und so ein heller Akkord unter dem
Kreuzbogen schwebte. Sie kletterten tastend und manchmal auf Händen und
Füßen die steinerne Wendeltreppe hinan, die hinter einer der schweren
Türen mündete, und kamen in das Zimmer mit der hölzernen Decke, wo sich
mehrere seltsame Gegenstände befanden. Es gab dort einige täppisch
große, zerbrochene Flinten mit dick verrosteten Schlössern, die wohl zu
schlecht fürs Museum gewesen waren, und einen Thronsessel außer Dienst
mit zerrissenem roten Sammetpolster, kurzen, weit geschwungenen
Löwenbeinen und schwebenden Kinderchen oberhalb der Rückenlehne, die
eine Krone trugen. Dann aber war da ein arg verbogenes und verstaubtes,
käfigartiges und gräßlich anmutendes Ding, das sie lange und sehr
beschäftigte. Trog sie nicht alles, so war es eine Rattenfalle, denn man
erkannte die eiserne Spitze, woran der Speck zu befestigen war, und
furchtbar zu denken, wie hinter dem großen und widrig bissigen Tier die
Klapptür niedergefallen war ... Ja, das nahm Zeit in Anspruch, und als
sie sich von der Falle aufrichteten, waren ihre Gesichter erhitzt, und
ihre Kleider starrten von Rost und Staub. Klaus Heinrich klopfte sie
beide ab, aber das machte nicht vieles gut, denn seine Hände waren
ebenfalls grau. Und plötzlich sahen sie, daß die Dämmerung
vorgeschritten war. Sie mußten rasch umkehren, Ditlinde bestand
ängstlich darauf; es war zu spät geworden, noch weiter vorzudringen.
»Das ist unendlich schade«, sagte Klaus Heinrich. »Wer weiß, was wir
noch entdeckt hätten und wann wir wieder Gelegenheit zum Stöbern
bekommen, Ditlinde!« Aber er folgte der Schwester doch, und sie sputeten
sich, die Wendeltreppe wieder zurückzulegen, durchquerten den
Pfeilersaal und traten hinaus in den Bogengang, um eilig und Hand in
Hand den Heimweg aufzunehmen.
So wanderten sie eine Strecke; aber Klaus Heinrich schüttelte den Kopf,
denn ihm schien, als sei dies der Weg nicht, den sie gekommen waren. Sie
wanderten weiter; aber mehrere Anzeichen bewiesen, daß sie die Richtung
verfehlt hatten. Diese steinerne Bank mit den Greifenköpfen war hier
vorhin nicht gestanden. Dies spitze Fenster ging auf den westlichen,
tiefer gelegenen Stadtteil statt auf den inneren Hof mit dem Rosenstock.
Sie gingen irr, es half nichts, das fortzuleugnen; sie hatten vielleicht
den Saal mit den Pfeilern durch einen falschen Ausgang verlassen und
hatten sich jedenfalls gründlich verlaufen.
Sie gingen ein Stückchen zurück, aber ihre Unruhe litt den Rückschritt
nicht lange, und so machten sie wiederum kehrt und zogen es vor, bei dem
einmal eingeschlagenen Weg aufs Geratewohl zu beharren. Sie gingen in
dumpfer, eingeschlossener Luft, und große, ungestört ausgearbeitete
Spinngewebe breiteten sich in den Winkeln aus; sie gingen in Sorge, und
Ditlinde zumal war reuevoll und dem Weinen nah. Man werde ihr Ausbleiben
bemerken, sie traurig ansehen, vielleicht gar dem Großherzog Meldung
machen; sie würden niemals den Weg finden, vergessen werden und Hungers
sterben. Und wo eine Rattenfalle sei, Klaus Heinrich, da seien auch
Ratten ... Klaus Heinrich tröstete sie. Es gelte einzig, die Stelle zu
finden, wo an der Wand die Harnische und gekreuzten Fahnen hingen; von
diesem Punkte an sei er der Richtung sicher. Und plötzlich -- sie hatten
eben ein Knie des Wandelganges zurückgelassen -- plötzlich geschah
etwas. Sie schraken zusammen.
Was sie hörten, war mehr, als der Widerhall ihrer eigenen Schritte; es
waren andere, fremde, schwerer als ihre, sie kamen ihnen bald rasch,
bald zögernd entgegen und waren von einem Schnaufen und Brummen
begleitet, das ihnen das Blut erstarren ließ. Ditlind machte Miene,
davonzulaufen vor Schrecken; aber Klaus Heinrich gab ihre Hand nicht
frei, und sie standen mit weiten Augen und ließen kommen, was kam.
Es war ein Mann, der im Halbdunkel sichtbar wurde, und ruhig betrachtet,
war seine Erscheinung nicht grauenerregend. Er war gedrungen von
Körperbau und gekleidet wie ein Veteran im Festzuge. Er trug einen
Gehrock von altfränkischem Schnitt, einen wollenen Schal um den Hals und
eine Medaille auf der Brust. Er hielt in der einen Hand einen
geschweiften Zylinderhut und in der anderen die beinerne Krücke seines
knotig gerollten Regenschirms, den er im Gehen taktmäßig auf die Fliesen
stieß. Sein spärlich graues Haar war von dem einen Ohr aufwärts in
verklebten Strähnen über seinen Schädel gestrichen. Er hatte
bogenförmige, schwarze Augenbrauen und einen gelblich-weißen Bart, der
ihm wuchs wie dem Großherzog, schwere Oberlider und blaue, wässrige
Augen mit Säcken aus welker Haut darunter; er hatte die landesüblichen
Wangenknochen, und die Falten seines geröteten Gesichtes waren wie
Risse. Ganz nahe herangekommen, schien er die Geschwister zu erkennen,
denn er stellte sich gegen die Außenwand des Ganges, machte gleichsam
Front und fing an, eine Anzahl Verbeugungen auszuführen, dergestalt, daß
er seinen ganzen Körper von den Fußballen an mehrmals kurz und ruckhaft
nach vorn fallen ließ, wobei er seinem Mund einen biederen Ausdruck gab
und seinen Zylinderhut, die Öffnung nach oben, vor sich hielt. Klaus
Heinrich gedachte mit einer Kopfneigung an ihm vorüberzugehen, aber
betroffen blieb er dennoch stehen, denn der Veteran begann zu sprechen.
»Um Vergebung!« stieß er tief und plötzlich hervor und fuhr dann
gemächlicher fort: »Suche ausdrücklich um Vergebung nach bei den jungen
Herrschaften! Aber würden die jungen Herrschaften es wohl für ungut
nehmen, wenn ich ihnen die Bitte unterbreitete, mir gefälligst den
nächsten Weg nach dem nächsten Ausgang bekanntzugeben? Es braucht nicht
gerade das Albrechtstor zu sein -- gar nicht mal nötig, daß es das
Albrechtstor ist. Aber irgendein Ausgang aus dem Schloß, wenn ich so
frei sein darf, das Ersuchen an die jungen Herrschaften zu richten ...«
Klaus Heinrich hatte seine linke Hand in die Hüfte gestemmt, weit
hinten, so daß sie fast schon im Rücken saß, und sah zu Boden. Man hatte
einfach das Wort an ihn gerichtet, hatte ihn geradeswegs und in
unbehilflicher Form zur Rede gestellt; er dachte an seinen Vater und zog
die Brauen zusammen. Er arbeitete hastig an der Frage, wie er sich in
dieser fehlerhaften und unordentlichen Lage zu verhalten habe. Albrecht
hätte seinen kleinen Mund gemacht, hätte mit seiner kurzen, gerundeten
Unterlippe ein wenig an der oberen gesogen und wäre schweigend
weitergegangen -- soviel war sicher. Aber warum stöberte man, wenn man
an dem ersten ernsthaften Abenteuer steif und gekränkt vorübergehen
wollte? Und der Mann war rechtschaffen und führte sicher nichts Böses im
Schilde, das sah Klaus Heinrich, als er sich zwang, die Augen
aufzuschlagen. Er sagte einfach: »Gehen Sie mit uns, das ist das beste.
Ich will Ihnen gerne zeigen, wo Sie abbiegen müssen, damit Sie zu einem
Ausgang kommen.« Und sie gingen.
»Danke!« sagte der Mann. »Danke aufrichtig für alle Freundlichkeit!
Hätte wahrhaftigen Gott nicht gedacht, daß ich eines Tages noch mal mit
den jungen Herrschaften im Alten Schloß herumspazieren würde. Aber so
geht es, und nach all meinem Ärger ... denn ich hab' mich geärgert,
mächtig geärgert, das bleibt wahr und bestehen ... nach all meinem Ärger
hab' ich nun doch noch diese Ehre und dieses Vergnügen.«
Klaus Heinrich wünschte sehr, zu fragen, was der Grund von soviel Ärger
gewesen sei; aber der Veteran fuhr schon fort (und stampfte taktmäßig
dabei seinen Regenschirm auf die Fliesen): »Und ich hab' die jungen
Herrschaften auch gleich erkannt, trotzdem es ein bißchen dunkel ist
hier in den Gängen, denn ich hab' sie doch manches liebe Mal in der
Kalesche gesehn und mich immer gefreut, denn ich hab' selbst so'n Paar
Würmer zu Haus, will sagen, meine sind Würmer, meine ... und der Junge
heißt auch Klaus Heinrich.«
»Gerade wie ich?« sagte Klaus Heinrich aus unmittelbarem Vergnügen ...
»Das ist ein hübscher Zufall!«
»Nö, Zufall? Nach =Ihnen=!« sagte der Mann. »Das ist denn doch wohl kein
Zufall nicht, wo er doch ausgesprochen nach Ihnen so heißt, denn er ist
ein paar Monat jünger als Sie, und da gibt es viele in Stadt und Land,
die auch so heißen, alle nach Ihnen. Nö, Zufall kann man doch das wohl
nicht nennen ...«
Klaus Heinrich verbarg seine Hand und schwieg.
»Ja, gleich erkannt«, sagte der Mann. »Und hab' mir gedacht: Gottlob,
dacht' ich, und das nenn' ich Glück im Unglück, und die werden dir aus
der Falle helfen, worein du alter Tölpel getappt bist, und kannst wohl
lachen, dacht' ich, denn hier ist schon mancher herumgestolpert, den die
Kujone auf den Leim geführt haben und der's so gut nicht getroffen
hat ...«
Kujone? dachte Klaus Heinrich ... Und auf den Leim? Er blickte starr
geradeaus, er wagte nicht zu fragen. Eine Furcht, eine Hoffnung kam ihn
an ... Er sagte ganz leise: »Man hat Sie ... auf den Leim geführt?«
»An der Nase!« sagte der Veteran. »An der Nase haben sie mich geführt,
die Halunken, und das mit Glanz! Aber das kann ich den jungen
Herrschaften sagen, so jung Sie sind, aber das wird Ihnen gut tun, zu
wissen, daß es eine große Verderbnis ist hier mit den Leuten. Da kommt
man und liefert mit allem Respekt seine Arbeit ein ... Ja, Gott soll
mich bewahren!« rief er plötzlich und schlug sich mit seinem Hut vor die
Stirn. »Ich hab' mich den Herrschaften wohl noch nicht mal präsentiert
und bekanntgegeben? -- Hinnerke!« sagte er. »Schuhmachermeister
Hinnerke, Hoflieferant, gedient und ausgezeichnet!« Und er wies mit dem
Zeigefinger seiner großen, rauhen und gelblich gefleckten Hand auf die
Medaille an seiner Brust. »Die Sache ist so, daß Königliche Hoheit, der
Herr Papa, die Gnade gehabt hat, ein Paar Stiefel bei mir zu bestellen,
Schaftstiefel, Reitstiefel, mit Sporenkäppchen und in Lackleder von
prima Qualität. Die mach' ich denn, ich hab' sie ganz allein gemacht mit
aller Akkuratesse, und heut sind sie fertig und blitzten nur so. Sollst
selbst gehen, sag' ich zu mir ... ich hab' einen Jungen, der austrägt,
aber ich sage zu mir: Sollst selbst gehen, es ist für den Herrn
Großherzog. Und zieh' mich denn an und nehm' meine Stiefel und gehe aufs
Schloß. ›Schön!‹ sagen gleich unten die Lakaien und wollen sie mir
abnehmen. ›Nein!‹ sag' ich, denn ich trau' ihnen nicht. Ich hab' meine
Aufträge und meinen Hoftitel für mein Renommee, will ich den
Herrschaften sagen, und nicht, weil ich die Kammerlakaien bezahle. Aber
die Bursche sind verwöhnt mit Trinkgeldern von den Lieferanten und
wollen bloß was von mir für die Besorgung. ›Nein,‹ sag' ich, denn ich
bin nicht für Durchstecherei und schleichendes Wesen, ›ich will sie
persönlich einliefern, und wenn ich sie nicht dem Herrn Großherzog
selber geben kann, so will ich sie Herrn Kammerdiener Prahl geben.‹ Sie
giften sich, aber sie sagen: ›Dann müssen Sie da hinaufgehen!‹ Und ich
gehe da hinauf. Da oben sind wieder welche und sagen ›Schön!‹ und wollen
die Stiefel besorgen, aber ich verlange nach Prahl und bleibe dabei. Sie
sagen: ›Er trinkt Kaffee‹, aber ich bin fest und sage, dann will ich
warten, bis er ausgetrunken hat. Und indem ich das sage, wer kommt
vorbei in seinen Schnallenschuhen? Kammerdiener Prahl. Und sieht mich
denn, und ich gebe ihm die Stiefel mit ein paar angemessenen Worten, und
er sagt ›Schön!‹ und sagt noch eigens: ›Hübsch sind sie!‹ und nickt mir
zu und trägt sie weg. Nu bin ich ruhig, denn Prahl, auf den is Verlaß,
und nu will ich gehen. ›Hö!‹ ruft einer. ›Herr Hinnerke! Sie gehen ja
falsch!‹ ›Verdammt!‹ sag' ich und kehre um und gehe nach der andern
Seite. Aber das war das Dümmste, was ich tun konnte, denn sie hatten
mich in den April geschickt, und ich gehe, wohin ich nicht will. Ich
gehe ein Stück und treffe wieder so einen und frage ihn nach dem
Albrechtstor. Aber er merkt gleich, was los ist und sagt: ›Dann gehen
Sie man erst die Treppe hinauf und dann immer nach links und dann wieder
hinunter, dann schneiden Sie ein großes Stück ab!‹ Und ich habe
Vertrauen zu seiner Freundschaft und tue, wie er sagt und verbiestere
mich mehr und mehr und komme aus aller Kontenanz. Da merke ich, daß es
nicht meine Schuld ist, sondern die von den Spitzbuben, und mir fällt
ein, daß ich gehört habe, daß sie das oft so machen mit Lieferanten, die
ihnen kein Trinkgeld geben, und lassen sie herumirren, daß sie
schwitzen. Und der Ärger macht mich blind und dumm, und komme in
Gegenden, wo keine Seele mehr atmet und weiß nicht ein und nicht aus und
graule mich ordentlich. Und schließlich treff' ich die jungen
Herrschaften. Ja, so ist es mir gegangen mit meinen Stiefeln!« schloß
Schuster Hinnerke und wischte sich die Stirn mit dem Handrücken.
Klaus Heinrich preßte Ditlindens Hand. Sein Herz pochte so stark, daß er
ganz und gar vergaß, seine Linke zu verbergen. Das war es. Das war etwas
davon, ein wenig, ein Zug! Sicher, das war von den Dingen, die sein
»hoher Beruf« ihm vorenthielt, war von dem Treiben der Leute, wie sie
unverschönt und am Alltag waren! Die Lakaien ... Er schwieg, er fand
kein einziges Wort.
»Da schweigen sie nun,« sagte der Schuster, »die jungen Herrschaften!«
Und seine biedere Stimme war ganz bewegt. »Ich hätte es ihnen wohl gar
nicht erzählen sollen, weil es nicht ihre Sache ist, so was Schlechtes
zu erfahren. Aber dann denk' ich doch wieder,« sagte er, legte den Kopf
auf die Seite und schnippte mit den Fingern in der Luft, »daß es nicht
schaden kann, daß es ihnen gar nicht schaden kann für künftig und
späterhin ...«
»Die Lakaien ...« sagte Klaus Heinrich und nahm einen Anlauf ... »Die
sind wohl schlimm? Ich kann es mir lebhaft vorstellen ...«
»Schlimm?« sagte der Schuster. »Nichtswürdig sind sie. Das ist das Wort
für sie. Wissen Sie, wozu sie fähig sind? Sie halten die Waren zurück,
wenn sie nicht genug Trinkgeld bekommen, halten sie zurück, wenn der
Lieferant sie in aller Pünktlichkeit zur bestimmten Zeit übersendet, und
geben sie mit großer Verspätung ab, damit den Lieferanten die Schuld
trifft und er dasteht als pflichtvergessen in den Augen der höchsten
Herrschaften, und ihm die Aufträge entzogen werden. Das tun sie ohne
Skrupeln, und es ist ganz bekannt in der Stadt ...«
»Ja, das ist arg!« sagte Klaus Heinrich. Er lauschte, lauschte. Er wußte
noch kaum, wie sehr erschüttert er war. »Sie tun wohl noch mehr?« sagte
er ... »Ich glaube bestimmt, daß sie noch mehr tun in dieser Art.«
»Und ob!« sagte der Mann und lachte. »Nein, die lassen es nicht fehlen,
will ich den jungen Herrschaften sagen, die betätigen sich in mancher
Hinsicht. Da ist zum Beispiel der Spaß mit dem Türenöffnen ... Das
machen sie so. Jemand wird zur Audienz zugelassen bei Herrn Papa, unserm
gnädigsten Großherzog, und nehmen Sie an, daß er ein Neuling ist und
noch nie bei Hofe war. Und kommt denn im Frack und hat Frost und Hitze,
denn es ist ja natürlich keine Kleinigkeit, zum erstenmal vor der
Königlichen Hoheit zu stehen. Und die Lakaien lächeln über ihn, weil sie
hier zu Hause sind, und bugsieren ihn ins Vorzimmer, und er weiß nicht,
wie ihm geschieht, und vergißt denn auch richtig, den Lakaien Trinkgeld
zu geben. Aber dann kommt sein Augenblick, und der Herr Adjutant sagt
seinen Namen, und die Lakaien machen die Flügeltür auf und lassen ihn in
das Zimmer hinein, wo der Herr Großherzog warten. Da steht denn der
Neuling und macht Reverenz und sagt seine Antworten, und der Herr
Großherzog in seiner Güte gibt ihm die Hand, und nu is er entlassen und
geht nach rückwärts und denkt, die Flügeltür soll hinter ihm aufgehen,
wie man es ihm bestimmt versprochen hat. Aber sie geht nicht auf, sag'
ich den jungen Herrschaften, denn die Lakaien sind giftig auf ihn, weil
sie kein Trinkgeld bekommen haben, und rühren keinen Finger da draußen.
Aber er darf sich nicht umdrehen, das darf er beileibe nicht, weil er
dem Herrn Großherzog seinen Rücken nicht zeigen darf, das wäre ein
großer Verstoß und eine Beleidigung für den hohen Herrn. Und sucht denn
hinter sich mit der Hand nach dem Türgriff und findet ihn nicht und
kriegt das Zappeln und springt an der Tür herum, und hat er schließlich
durch Gottes Erbarmen den Griff, so is es 'ne altmod'sche Klinke, und er
versteht sich nich drauf und fingert und renkt sich den Arm aus und
rackert sich ab und verneigt sich zwischendurch aus Verzweiflung, bis
der gnädigste Herr ihn womöglich zuletzt mit eigener Hand hinauslassen
muß. Ja, das ist das mit dem Türöffnen! Aber das ist noch gar nichts,
und nun will ich den jungen Herrschaften ...«
Sie hatten im Sprechen und Lauschen des Weges kaum acht gehabt, hatten
Treppen zurückgelegt und befanden sich im Erdgeschoß, unweit des
Albrechtstores. Eiermann, ein Kammerlakai der Großherzogin, kam ihnen
entgegen. Er trug einen violetten Frack und Backenbartstreifen. Er war
ausgesandt, Ihre Großherzoglichen Hoheiten zu suchen. Er schüttelte
schon von weitem in lebhaftem Bedauern den Kopf und machte einen
trichterförmigen Mund dazu. Aber als er den Schuster Hinnerke gewahrte,
der mit den Kindern ging und seinen Regenschirm vor sich herstieß,
versagten alle Muskeln seines Gesichtes, und es ward schlaff und dumm.
Es blieb kaum Zeit zu Dank und Abschied, so rasch wußte Eiermann den
Meister von den Kindern zu trennen und zu entfernen. Und unter schlimmen
Ankündigungen geleitete er Ihre Großherzoglichen Hoheiten in deren
Zimmer hinauf, zu Madame aus der Schweiz.
Man blickte zu Gott empor und schlug die Hände zusammen bezüglich ihres
Ausbleibens und des Zustandes ihrer Kleider. Das Schlimmste geschah: Man
»sah sie traurig an«. Aber Klaus Heinrich brachte nur das Notdürftigste
an Zerknirschung zustande. Er dachte: Die Lakaien ... »Du Reiner, du
Feiner«, lächelten sie, denn sie nahmen Geld und ließen die Lieferanten
auf den Korridoren irren, wenn sie keins bekamen, hielten die Waren
zurück, damit den Lieferanten die Schuld träfe, und öffneten nicht die
Flügeltür, so daß der Audienzhabende zappeln mußte. Das war im Schloß,
und wie mochte es draußen sein? Draußen unter den Leuten, die so fromm
und fremd auf ihn schauten, wenn er grüßend vorüberfuhr?... Aber wie
unterfing sich der Mann, es ihm zu sagen? Nicht ein einziges Mal hatte
er ihn Großherzogliche Hoheit genannt, hatte ihm Gewalt angetan und
seine Reinheit und Feinheit gröblich verletzt. Und warum war es
gleichwohl so seltsam süß, das von den Lakaien zu hören? Warum schlug
sein Herz mit solcher entsetzten Freude, da etwas von den wilden und
frechen Dingen es berührte, deren seine Hoheit nicht teilhaft war?