Er ging und kam wieder, einen Arm voll Bierflaschen herbeischleppend --

»Bums -- lagst du am Boden. Wir waren so erschrocken, daß wir die

Karten hinwarfen -- Teufel, wenn ich an meine schönen drei Asse

denke! -- und dich schleunigst aufhoben, wobei du mir übrigens einen

niederträchtigen Fußtritt gegeben hast, mein Junge. Du schriest wie

besessen und erzähltest allerlei Blödsinn von einer Uhr. Zuerst dachten

wir, es sei der Wein. Aber wir hatten doch gar nichts getrunken.

Dann schickten wir den Antonio ins Hauptquartier zum Major, und ein

Stabsarzt kam, der sagte, du seiest sehr krank, und am frühen Morgen

brachten wir dich ins Hafenhospital. Als ich tags darauf dort wieder

vorfragte, hieß es, du seist auf die Gelbfieber-Insel geschafft worden

und wahrscheinlich schon tot. Du hättest Gelbes Fieber. Dann hieß es,

du lägest im Sterben. Adieu, dachten wir uns. Der arme Teufel ist schon

längst begraben!«

* * * * *

So also war es zugegangen an dem Abend im Kabelbureau. Ich wußte

nichts davon. Die langen Stunden jener ersten Gelbfiebertage sind mir

wie trübes undurchsichtiges Grau, aus dem nur da und dort grell und

schrecklich das Erinnern leuchtet. Ich weiß, daß ich, erwachend, um

mich sah und mich auf einer Matratze liegend fand, in einem großen

hellen Raum, mit vielen anderen Soldaten, die auch am Boden lagen,

auch auf Matratzen -- und daß mir dies und alles andere unendlich

gleichgültig war. Daß ich mich auch nicht mit einem einzigen Gedanken

darum kümmerte, was eigentlich geschehen war mit mir, ob ich krank sei

oder nicht, und wo ich mich befand. Weder etwas sehen wollte ich, noch

etwas hören, noch etwas wissen. Nur schlafen, schlafen. Meinetwegen

konnte geschehen, was da wollte, wenn man mich bloß schlafen ließ

und meine Ruhe nicht störte. Schlafen, nur schlafen! Dem Zwang der

bleiernen Müdigkeit gehorchend, die über mir lag wie schwerer Alp.

Eine Hand erfaßte meinen Arm, fühlte nach dem Puls, schob meinen Aermel

zurück, griff mit harten Fingern in die Haut am Oberarm, zog sie empor,

ließ sie zurückschnellen. Da und dort betastete mich die Hand. Sie

riß meine Kleider auf und legte sich mir auf den Leib. Ich spürte das

alles und wurde ärgerlich. Zu dumm, daß die -- die Hand da einen nicht

in Ruhe lassen konnte! Eigentlich hätte ich mir die dumme Hand ja ganz

gern angeguckt, aber es war doch nicht ganz so einfach, die Augen zu

öffnen. Es machte wirklich zu viel Mühe! Nein, lieber nicht.

»Wie fühlen Sie sich?« fragte eine Stimme.

»Du meinst wohl, ich werde dir antworten?« dachte ich. »Du bist ein

großer Esel, wer du auch sein magst. Siehst du denn nicht, daß ich

schlafen will?«

»Wie geht es Ihnen?«

»Zu dumm -- die Fragerei,« dachte ich bloß.

Da betastete mich wieder die Hand. Ein Finger legte sich auf mein

Augenlid, und eine Stimme, die laut zu dröhnen schien, schrie dicht an

meinem Ohr:

»Tut das weh?«

»Geh weg!« brummte ich.

Und es wurde wieder hübsch still und dunkel. Nach langer Zeit dann

schien es mir, als ob meine Matratze sich bewege und aufgehoben würde

und fortgetragen. Ich hörte Stimmen und fühlte helles Sonnenlicht mehr

als ich es sah. Da wachte ich endlich auf und öffnete wirklich die

Augen. Ich war mitten auf dem Wasser, in einem großen Boot. Deutlich

sah ich den breiten Rücken des Ruderers vor mir, sah wogendes Wasser,

Häusermassen, grüne Hügel in der Ferne; sah eine große gelbe Flagge

über mir flattern. Diese gelbe Flagge kam mir bekannt vor. Sie war es,

die das erste halbwegs klare Denken in mir auslöste.

Hm -- ich wußte doch -- natürlich! Gelbe Flaggen waren

Krankheitsflaggen. Pest bedeuteten sie, Cholera, Gefahr der Ansteckung.

Hm ja. Zu dumm. Halbbegriffen huschte mir der Gedanke durch den Kopf,

daß ich also doch wahrscheinlich recht krank sein mußte. Aber -- wenn

man krank war, dann war man eben krank -- andererseits -- wie konnte

man denn krank sein, wenn einem gar nichts fehlte als Schlaf? Zu dumm!

Zu dumm, daß sie einen nicht schlafen ließen.

Und ich machte die Augen wieder zu.

Um nichts in der Welt hätte ich sie geöffnet, denn nun war es

wunderschön still und ruhig. Leise nur und wie aus weiter Ferne hörte

ich gedämpfte Geräusche, und undeutlich war das traumhafte Empfinden,

daß irgend etwas mit mir geschah. Daß man mich trug -- daß sie mich

irgendwo hinlegten ...

Plötzlich fuhr ich empor.

Luft -- Luft! Oh -- der fürchterliche Schmerz im Leib! Das Brennen!

Luft, zum Teufel!

Es war dunkel. Ich sah nichts. Wo war ich? Was war geschehen? Souder,

der Tölpel, mußte gestolpert sein, als er ins Zelt kam in der

Dunkelheit -- auf den Bauch hatte er mich getreten mit den schweren

Stiefeln -- ah, wie das brannte. Ich preßte die Fäuste gegen den Leib.

So, jetzt war's besser. Wo bin ich? Was -- ist -- das?

Und wie mit einem Schlage kam durch den aufrüttelnden Schmerz die Kraft

des Sehens in mein Auge, und in mein Hirn die Fähigkeit des Denkens.

Ich sah die Männer auf dem Boden liegen, sah den Neger in der Uniform

eines Sanitätssoldaten, begriff, daß es Schwerkranke waren, unter denen

ich mich befand, und daß ich selbst sehr krank sein mußte. Mühsam

richtete ich mich auf, die Fäuste immer noch gegen den Bauch gepreßt,

denn das half.

»Heh, du!«

Der Neger kam einen Schritt näher.

»Was fehlt mir? Was ist das hier?«

»Inselhospital, Herr. Für Gelbes Fieber und Typhus. Bin selber erst

heute früh mit den ersten Kranken hergeschickt worden. Morgen kommen

die Betten --«

»Was -- fehlt -- mir?«

»Weiß ich nicht,« antwortete der Neger mürrisch. »Bißchen Typhus, denk

ich mir, oder 'n bißchen Fieber. Is nich schlimm, Herr. Furchtbar viel

Arbeit hier für mich. Ich bin ganz allein ---- «

Angst packte mich, furchtbare Angst. Gel -- bes Fieber -- die Schmerzen

im Leib -- das schreckliche Müdesein ------ Regungslos hockte ich da

und starrte um mich. Unter mir lag ein Strohsack. Ich war in einem

kleinen Raum, der arg verwahrlost aussah vom roten Ziegelsteinboden

bis zu den beschmierten Kalkwänden. Die schmutzigen Fenster ließen nur

trübes Licht herein. Nackt und kahl war alles. An der einen Wand stand

ein kleiner Tisch mit Gläsern und Flaschen und einem Stuhl davor. Links

und rechts von mir und gegenüber lagen der Wand entlang auf Strohsäcken

die Kranken. Wenige nur. Ich begann zu zählen -- eins, zwei, zehn ...

Wieder packte mich die Angst. Gelbes Fieber -- die Schmerzen im Leib

-- die, die ---- verdammt, es war ja gar nicht so schlimm mit den

Schmerzen, wenn man nur die Fäuste ordentlich gegen den Bauch preßte --

Mein Auge hatte sich jetzt an das Halbdunkel gewöhnt. In der Ecke

schräg gegenüber kauerte auf einem Strohsack, an die Mauer gelehnt, ein

riesiger Trompetersergeant, die glitzernde Trompete noch umgeschlungen.

Sein weißes Gesicht war nach vorne gebeugt, und ein gefrorenes Grinsen

klebte auf seinen Zügen. Der Oberkörper bewegte sich ruckweise, in

immer gleichem Takt, immer ein wenig vorwärts, immer ein wenig zurück.

Mit jeder Bewegung kam und ging ein röchelndes Rülpsen aus seinem Hals,

regelmäßig wie das Ticken einer Uhr. Ueber das Hellbraun seines Rocks

und das Metallgelb der Trompete tropfte trickelnd ein schwarzrotes

Blutbächlein. Immer gleich blieben sich das Grinsen und das Rülpsen.

Bei jedem Ruck nach vorwärts floß ein wenig schwarzes, dickes Blut aus

dem Mund.

Da verschwand auf einmal das Grinsen von dem Gesicht.

Die Augen öffneten sich weit, der Mund sperrte sich auf, daß er aussah

wie ein schwarzes Loch, und etwas Rotschwärzliches schoß strömend

hervor aus ihm, sich über Mann und Strohsack ausbreitend in dunkler

Lache. Der Körper aber schnellte vorwärts in gewaltigem Ruck und sank

dann langsam zur Seite. Auf dem Strohsack daneben hatte der schlafende

Mann den Arm weit von sich gestreckt, und seine gelbe Hand lag flach

mit gespreizten Fingern auf dem Ziegelsteinboden. Um diese Finger und

diese Hand ging langsam der Blutstrom. Er kroch hinein zwischen die

Finger. Wie ein gezackter, weißer Fleck ragte die Hand aus der Lache.

Es würgte mich.

Der Neger kam langsam und faul herbei, nahm gleichgültig eine Decke und

warf sie über den toten Trompeter. Sonst rührte und regte sich niemand.

Die Männer auf den Strohsäcken lagen still da, schweratmend die einen,

wie tot die anderen. Der Neger ging wieder an den Tisch, setzte sich

auf den Stuhl und blickte stumpf vor sich hin. Ueber mich kam wieder

die alte Müdigkeit, großes Gleichgültigsein, willenlose Erschlaffung.

Ich fiel zurück auf den Strohsack. Und es wurde Nacht um mich.

Müde, müde erwachten meine Sinne wieder. Ich schlug die Augen auf und

sah, da links, im trüben Licht der Laterne in der Ecke, etwas glitzern.

Neben mir. Die silbernen Schulterstreifen eines Offiziers waren es,

eines Leutnants. Ich sah schärfer hin. Der Offizier lag ruhig da, lang

ausgestreckt, und sein Leib hob und senkte sich im Auf und Nieder ganz

langsamer, sehr tiefer Atemzüge. Aber --

Nein, es war nicht möglich! Ich sah Gespenster im Fieber. Herrgott, das

gab es doch nicht!! Ich versuchte nachzudenken, aber es wollte nicht

gehen. Herrgott, das konnte doch nicht sein! War ich schon wahnsinnig?

Mit einem Ruck richtete ich mich auf -- beugte mich hinüber --

streckte tastend die Hand danach aus -- mit schwachen, zitternden,

täppischen Fingern ----

Denn etwas Furchtbares war da.

Mit leisem Gesurre umschwebten mich Hunderte und Aberhunderte von

winzigen, schwarzen Pünktchen, wogten unruhig auf und ab, schwebten,

sanken tiefer und ließen sich wieder dort nieder, von wo sie gekommen

waren -- in den starren, weit geöffneten Augen des Leutnants ...

Der Offizier lag im Sterben. Noch ging und kam sein Atem in langen

Zügen, doch die Kraft, die Augen zu schließen, hatte er nicht mehr.

Aber er lebte noch -- er lebte noch! Und die Augen des Lebenden sahen

schwarz aus wie Kohlensäckchen. Viele, viele kleine Fliegen wimmelten

in entsetzlichem Gekribbel in den Höhlen des menschlichen Lichts. Auf

den armen, wehrlosen Augen! Auf den Augen!!

Ich wollte aufschreien, aber aus dem Schrei wurde nur ein Stöhnen.

»Was gibt's?« fragte brummig der Neger vom Tisch.

»Komm her, du schwarzer Hund!«

»Wa -- as?«

»Komm her, du -- schwarzer -- Hund!!«

Ich hatte suchend herabgetastet an mir selber und wirklich im Gürtel

den Revolver gefunden. Sie hatten ihn mir noch nicht abgenommen. Ich

riß ihn aus dem Holster und nahm die Waffe in beide Hände und richtete

sie auf den Neger --

»Komm her, du ----!«

Seine Augen wurden groß und erschrocken, daß ihr Weiß sonderbar abstach

gegen die schwarze Haut. Langsam schlich er herbei, die Augen starr auf

den Revolver.

»Da! Die Augen!!« keuchte ich.

»Nicht schießen, Herr -- Jesus Christus, nur nicht schießen!« stotterte

der Schwarze.

»Die Fliegen!!«

»Er -- spürt nichts mehr -- ganz gewiß nicht ...«

»Du verfluchte Bestie! Nimm ein Tuch! Deck es über ihn!«

»Ich -- ich hab aber kein Tuch, Herr --«

Da hob ich den Revolver. Der Neger riß sich mit furchtbarer Kraft

ein Stück Hemd von der Brust, verscheuchte die Fliegen mit heftigen

Schlägen und warf den Fetzen dem Sterbenden übers Gesicht ... Surre --

surre -- umschwirrte es mich. Langsam hob und senkte sich der Leib des

Leutnants.

»Ruhe da drüben!« murmelte von einem Strohsack gegenüber eine Stimme.

»Laßt einen doch schlafen ...«

* * * * *

Schlafen, nur schlafen.

Nichts mehr sehen wollen, nichts mehr denken müssen. Der Neger schlich

zum Tisch zurück, plumpste auf den Stuhl, griff nach einer Flasche,

aus der er etwas in ein Arzneiglas schüttete, und leerte es auf einen

Zug. Ah! Das -- Herrgott, das war Whisky -- oder Rum -- oder ... irgend

etwas, das betäubte, Ruhe schenkte! In der Flasche dort steckte das

Vergessen! Ich wollte aufspringen, aber ein furchtbarer Schmerz schoß

mir durch den Leib. Schwer fiel ich zurück. Da drückte ich die eine

Hand in den Bauch und wälzte mich vom Strohsack. Ich schob den Revolver

vor mir her und kroch über den Boden hin. Der Neger flüchtete sich in

eine Ecke. Endlich, endlich, war ich am Tisch. Packte ein Tischbein.

Zog mich langsam, ganz langsam empor. Griff nach der Flasche --

»Nicht trinken, Herr!« schrie der Neger.

Gegen das Tischbein gelehnt, hob ich die Flasche mit beiden Händen,

denn sie dünkte mich schwer, und trank; trank etwas, das im kranken

Magen wie Höllenfeuer brannte. Der Revolver war klirrend zur Erde

gefallen. Und ich trank und trank und ließ betäubt die Flasche aus den

Händen gleiten und mußte gewaltig husten und war inmitten sprühender

Lichtfluten und sah weißglühende Sterne tanzen. Dann wurde es wieder

dunkel.

* * * * *

Stechender Schmerz über dem Herzen erweckte mich. Ich schlug die Augen

auf und machte sie schleunigst wieder zu, denn das Licht blendete mich,

schlug sie wieder auf und blinzelte verwundert auf die Gestalt, die

sich über mich beugte. Hm ... verwirrter, verwilderter Haarschopf --

braunes Gesicht mit warmen gütigen Augen hinter der goldberänderten

Brille -- hohe Stirn mit schwerer Hiebnarbe -- massige Schultern in

weißer Jacke -- eine lange, schmale Hand, die etwas Glitzerndes hielt

... Die Hand senkte sich, und wieder verspürte ich den leise stechenden

Schmerz in der Brust --

»Lassen Sie die Dummheiten!« murmelte ich ärgerlich und wunderte mich

im gleichen Augenblick, wie sonderbar dünn und fade meine Stimme klang.

»Das sind keine Dummheiten!« sagte ein lachender Mund dicht über meinen

Augen.

»Zu -- dumm!«

»Pst -- psst!« Die schmale Hand legte sich auf meine Stirn. »Sch ...!

Wer wird so unhöflich sein! Wenn Sie es aber durchaus wissen wollen

-- die Dummheit war eine kleine Strychnineinspritzung, die Ihr Herz

notwendig braucht. So! Nun wollen wir wieder schlafen!«

»Aber ...«

»Pscht! Sie haben auf der ganzen weiten Welt nichts zu tun jetzt als zu

schlafen!«

Und ich machte gehorsam die Augen zu.

Am gleichen Tag noch folgte dem ersten Erwachen das zweite, und wieder

kam die glitzernde Spritze, und abermals fühlte ich den stechenden

Schmerz auf der Brust. Ein Löffel voll kondensierter Milch wurde mir

eingeflößt.

»Pfui Deibel!« knurrte ich.

»Sagen Sie das lieber nicht!« meinte der Mann in der weißen Jacke

lächelnd. »Denn diese nahrhafte Milch wird, ein Löffel jede Stunde,

noch lange Ihr einziges Nahrungsmittel bilden.«

»Wieso denn? Ich -- ich habe Hunger!«

»Aha! Hunger haben wir? Wir sind schon wieder ganz intelligent? Können

reden und denken, nicht wahr? Schön. Wollen Sie mir versprechen, sofort

wieder einzuschlafen, wenn ich Ihnen alles sage?«

»J -- ja.«

Die sonderbar großen, warmen Augen sahen mich unverwandt an und die

ruhige Stimme erzählte kurz, ich sei recht krank gewesen an gelbem

Fieber. Jetzt aber könne ich mich wieder so gut wie gesund nennen,

immer vorausgesetzt, daß ich recht viel schlafen würde in den nächsten

Tagen. Ueberhaupt nur schlafen! Und recht geduldig sein und nicht

murren. »Denn sehen Sie, wenn man vier Tage lang getobt und geschrien

hat, dann ist der Körper arg mitgenommen und muß ausruhen. Schlafen

Sie! Freuen Sie sich, daß Sie eine Krankheit, wie gelbes Fieber es ist,

überstehen konnten!«

»Da hab ich wieder einmal Glück gehabt!« murmelte ich.

»Ganz gewiß!« sagte der Mann in der weißen Jacke. »Aber nun wollen wir

wirklich schlafen!!«

Ich nickte nur.

Viele Stunden gingen noch hin in diesem Halbbewußtsein des

arbeitsunfähigen Hirns, das mit dem geschwächten Körper litt und

schwach war. Ich sah alles nur wie durch Schleier. Die Menschen, die

Dinge um mich schienen Schatten zu sein. Dann aber regte sich gewaltig

der ursprünglichste Lebensdrang: Hunger hatte ich! Fürchterlicher

Hunger quälte mich. Im Wachen und Schlafen hatte ich keinen anderen

Gedanken als den einzigen: Essen! Gebt mir doch zu essen! Wollt Ihr

mich denn verhungern lassen? Wenn der Mann in der weißen Jacke sich

blicken ließ, bat und bettelte ich um ein Stück Brot wie ein Kind, und

meinen bittersten Feind sah ich in ihm, wenn er mit unerschütterlicher

Ruhe mir immer erklärte, das gelbe Fieber habe meine Magenwände und

meine Därme so beschädigt, daß jede andere Nahrung als flüssige mein

Tod sein würde. Ich glaubte es ihm nicht. Denn ich hatte ja solchen

Hunger!

Ich hörte nichts und sah nichts, sondern träumte nur vor mich hin und

stellte mir vor, wie köstlich ein Butterbrot schmecken müßte -- ein

kleines Butterbrot. Ich träumte nicht etwa von üppigen Mahlzeiten mit

vielen Gängen, sondern von Brot nur, einfachem Brot. Die Herrlichkeiten

des Paradieses hätte ich dahingegeben für ein kleines Stück Brot. Ich

hörte Menschen schreien in bitterer Leidensnot und wandte nicht einmal

den Kopf. Die hatten ja nur Schmerzen. Ich aber hatte Hunger. Und dann

kam der Tag, an dem ich vier oder fünf Löffel Suppe bekam, schlechte

Tomatensuppe, aus einer Konservenbüchse zusammengepantscht, mit einem

Stückchen oder zwei aufgeweichten Brots. Da dünkte ich mich glücklich

und reich.

Mehr Suppe am nächsten Tag. Mehr aufgeweichtes Brot. Milch dann im

Glas, nicht mehr im Löffel, dünnen Reisbrei -- Suppe endlich mit

viel Brot. Der Tag kam, an dem ich die zitternden Füße aus dem Bett

streckte und hinauskroch und verlegen dastand, mich krampfhaft an den

Eisenstangen des Betts festhaltend. Langsam fing ich an, die Dinge

um mich wirklich zu sehen und wirklich zu begreifen. Mit tastenden

Schritten ging es zurück ins Land der Gesundheit.

* * * * *

Eines Tages schlich ich hinter Doktor Gonzales her (das war der Mann in

der weißen Jacke) und erwischte ihn gerade noch bei der Türe.

»Ich möchte entlassen werden,« bat ich.

Er lächelte, faßte mich am Arm und zog mich zur Türe hinaus in den

grellen Sonnenschein. Kaum war ich im Freien, da merkte ich, wie

schwach ich in Wirklichkeit war, denn sauer genug wurden mir die

wenigen Schritte zu dem Zelt des Doktors, das auf dem Rasen vor dem

gelben Gebäude aufgeschlagen war. Doktor Gonzales schüttete ein paar

Tropfen Whisky in ein Glas, goß Sodawasser darauf und gab mir das

Getränk. Hei, wie stark und hellhörig das machte --

»Von einem Zurückkehren zur Truppe kann keine Rede sein, Sergeant,«

erklärte er. »In vier Wochen vielleicht!«

»Bin ich denn Sergeant?« fragte ich.

Da bekam ich Billys Brief und vom Doktor eine gedruckte Liste der

Beförderungen im Signalkorps -- ich war Sergeant ... Und ich las Billys

Brief und mußte mich schleunigst hinsetzen, denn es wurde mir schwarz

vor den Augen. Der Arzt lächelte.

»Sie sind noch lange nicht dienstfähig, Sergeant,« sagte er. »Zum

mindesten nicht unter den Verhältnissen in Santiago. Dagegen glaube

ich, daß Beschäftigung Ihnen gut sein wird. Sie können mir nützlich

sein. Sie haben in Ihren Fieberzeiten Ihr ganzes Leben hinausgeschrien

und -- ich kann Sie brauchen.« Er wurde sehr ernst. »Die Zustände hier

sind entsetzlich. Wir haben nur gelbes Fieber und Typhus in schwerster

Form. Meine Hilfsmittel sind lächerlich gering. Es fehlt am Nötigsten.

Ich kann weder Hilfskräfte noch Arzneimittel bekommen. Meine beiden

Krankenwärter sind willig genug, aber ich müßte sechs haben nicht

zwei. Ich werde Ihnen Arbeit geben, die Ihren Kräften entspricht. Sie

sind also für die nächsten Wochen,« er lächelte ein wenig, »nicht mehr

Sergeant erster Klasse des Signalkorps, sondern mein Assistent!«

* * * * *

Das kleine Inselchen mitten in der Santiagobai, die Gelbfieberinsel,

war eigentlich die Quarantänestation des Hafens. Ein morscher

Landungssteg führte vom Wasser auf ein Stück Rasen. Dann kam das Haus,

eine echt spanisch verwahrloste Krankenbaracke. In den Mauern des

niederen, langgestreckten Gebäudes klafften Risse. Es enthielt nur

einen einzigen Raum und einen noch älteren Anbau, in dem die Wände von

Wasser trieften und die Fußbodenbretter verfault waren. Hinter dem Haus

lagen Bretterhütten; eine Kochhütte die eine, Kloaken die anderen, mit

tiefen Löchern im Boden und Schwärmen von Fliegen. Dahinter erstreckte

sich gelber Sand. Im Hause reihte sich Bett an Bett. Schwerkranke

waren es alle, Sterbende viele. Hier kämpfte Tag und Nacht, in einem

Alleinsein, das schrecklich gewesen sein muß, ein einziger Arzt für

das Leben vieler Menschen. Als Hilfe hatte Doktor Gonzales nur zwei

Krankensoldaten und mich und einen alten Kubaner, der kochen mußte und

Eimer hinein und hinausschleppen und Gräber graben. Nicht einmal die

nötigsten Kräftigungsmittel hatte der Arzt für die Kranken -- nicht

einmal reine Wäsche für sie -- nicht einmal Arzneien in genügender

Menge und Auswahl -- nicht die Möglichkeit einmal halbwegs sorgfältiger

Pflege ... Es war ein fürchterliches Krankenhaus.

»Wenn ich nicht wüßte, daß sich das hier bald ändern muß,« sagte

Doktor Gonzales zu mir am ersten Tag der Arbeit, als wir einen Toten

hinaustrugen, »so würde ich -- ja, ich weiß nicht, was ich tun würde

... Aber das Hospitalschiff ist abgegangen von New York, und bei seiner

Ankunft bekommen wir alles, was wir brauchen, im Ueberfluß.«

»Man könnte doch wenigstens Soldaten zur Arbeit herkommandieren!« wagte

ich zu sagen.

»Damit sie sterben?« antwortete der Arzt scharf. »Sehen Sie sich doch

die Kloaken an! Die Fliegenschwärme überall! Den Schmutz! Hier wimmelt

es von Krankheitserregern in jedem Sonnenstäubchen. Sehen Sie sich die

verfluchte gelbe Baracke nur an! Die Gelbfieber-und Typhuskeime, die

in ihr stecken, könnten eine Armee auffressen. Nein, hierher kommt

mir kein Gesunder! Deswegen lasse ich Sie arbeiten. Wer Gelbes Fieber

gehabt hat, ist immun. Er ist gesalzen gegen Fieberkrankheiten, wie

man zu sagen pflegt. Und in fünf, sechs Tagen, =please God=, ist das

Hospitalschiff da, und dann wollen wir diesen Höllenfleck mit Karbol

überschwemmen und -- ja, dann wird's anders werden!«

Wir begruben den Toten.

Der Kubaner hatte ein Loch in den Sand gegraben, hundert Schritte

vom Haus, auf einem winzigen Hügel, von dem die gelbe Fläche sich in

sanfter Neigung zum Meer senkte. Auf dem eisernen Feldbett trugen wir

den toten Mann zu seinem Grab, der Arzt und ich und der Kubaner und der

Neger. Wir stellten das Bett neben das Grab, packten die Zipfel der

Wolldecke, auf der der Tote lag, und hoben die Last vorsichtig über die

Graböffnung. So standen wir, an einer Ecke des Grabes ein jeder, und

bückten uns und knieten dann und legten uns flach hin und ließen die

Leiche hinabgleiten. Aber unsere Arme reichten nicht weit genug. Das

Bündel in der Decke schwebte einen halben Meter hoch über dem Boden des

Grabes.

»Loslassen!« befahl Doktor Gonzales.

Ich sah, daß es nicht anders ging, daß wir uns nicht anders helfen

konnten -- aber doch schüttelte mich ein unbezwingbares Grauen, als die

Leiche plumpsend unten aufschlug und die Wolldecke sich verschob, das

geistergelbe Gesicht bloßlegend, das nun aus der Tiefe gen Himmel zu

starren schien. Der Arzt nahm rasch die Schaufel vom Sandhaufen, bückte

sich und schob mit dem Stiel die Decke wieder über das tote Gesicht.

»Ruhe in Ehren!« sagte er leise. »Du bist für dein Land gestorben.«

Wir nahmen die Hüte ab, und der Kubaner schickte sich an, das Grab

zuzuwerfen.

Das war das Begräbnis.

Ein toter Mann wurde in der verschmutzten Wäsche, in der er gestorben

war, in ein Loch geworfen -- ein mürrischer Kubaner schaufelte Sand

hinein -- ein schwitzender Neger stand daneben und half, leise fluchend

über die schwere Arbeit in der heißen Sonne. Roh war's, fürchterlich

roh, nicht zum Beschreiben brutal. Und doch hätte jeder Narr sehen

müssen, daß es eben nicht anders ging in der Not der Verhältnisse.

Weil ich so schwach war vielleicht, erschien mir alles noch roher und

furchtbarer -- der trostlos öde Sand -- die niederen Grabhügel links

und rechts mit ihren Holzstückchen, auf denen große Nummern standen --

der schmutzige, gefühllose Totengräber ...

Der Arzt sah gedankenvoll auf die Grabhügel. »Fünfundzwanzig tödlich

verlaufene Fälle bis jetzt!« sagte er zu mir. »Ein verhältnismäßig

günstiges Resultat!!«

Wir gingen ins Haus, während Neger und Kubaner das Grab zuschaufelten.

Von Bett zu Bett führte mich Doktor Gonzales. Er zeigte mir, wie man

die Schnelligkeit der Atmung maß, und wie man ungebärdige Fieberkranke

durch kräftigen Druck auf das Rückenmark beruhigte, während das

Fieberthermometer eingeführt wurde. Das Ueberwachen der Temperaturen

sollte meine Arbeit sein. Darauf kam es, so erklärte mir der Arzt,

vor allem an, denn von seinem rechtzeitigen Eingreifen beim Steigen

und Fallen der Fieberkurve hing Leben und Tod ab. Auf den Neger und

den anderen Krankensoldaten konnte er sich nicht verlassen. Die

Leute waren nicht nur beinahe zu Tode gearbeitet mit hunderterlei

Pflichten, sondern es war auch ganz unmöglich, den einfachen Menschen

beizubringen, daß ein Unterschied von wenigen Graden auf dem

Thermometer der Unterschied zwischen Leben und Sterben war.

»Und ich kann ja nicht überall zugleich sein!« murmelte der Arzt, und

etwas Trauriges kam in sein ruhiges, kraftvolles Gesicht.

Ich schrieb mir die Namen auf von Bett zu Bett und begann meine

Arbeit, während er mir zusah und bald ein Fiebermittel gab, bald eine

Strychnineinspritzung machte. Dabei erklärte er mir leise, daß er sich

hier so starker Mittel bediene, wie sie so leicht kein Arzt anwenden

würde.

»Wir wissen so wenig von den Erscheinungen dieser Krankheit. Ihre

Bekämpfung ist sogar in geregelten Verhältnissen ein Problem. Hier aber

muß ich mit Keulenschlägen auf das Fieber losschlagen. Es muß herunter

um jeden Preis, steigt es auf vierzig Grad; und das Herz muß gezwungen

werden zur Arbeit, koste es was es wolle an Kraft, fällt es bis zu

fünfunddreißig Grad.«

So ging ich von Mann zu Mann und legte die Hand auf feuchte Leiber

und lernte, mit unendlicher Geduld und vielen kleinen Kniffen,

Fiebermessungen zu machen bei Menschen, die sich fortwährend hin

und her wälzten und keinen Augenblick still hielten. Heiße, dumpfe,

schweißgeschwängerte Luft erfüllte den Raum. Vierzig Menschen lagen in

eisernen Feldbetten die Wände entlang. Einige wenige, die Glücklichen,

hatten Nachthemden und weiße Jacken; die meisten aber lagen in den

schmutzigen blauen Flanellhemden da, in denen sie gekommen waren. Die

einen waren still und schienen ruhig zu schlafen. Die anderen lallten

und schrien und tobten wie lärmende Kinder. Hier schrie einer nach

seiner Mutter, dort johlte ein anderer ein Negerlied, dort gab einer

mit dünner zitternder Stimme kreischende militärische Befehle: »Feuer

aus dem Magazin -- auf dreihundert Meter -- Schne -- eell -- feuer!!«

Der Neger und der Krankensoldat liefen fortwährend auf und ab. Bald

halfen sie einem ins Bett, der im Fieberwüten herausgefallen war; bald

unterstützten sie sich gegenseitig, einem sich verzweifelt Wehrenden

ein wenig Milch im Löffel einzuflößen; bald liefen sie zur Türe und

holten die Eimer, denn schon wieder hatte ein Kranker sein Bett

beschmutzt.

Da rief mich der Arzt. Auf dem Bett, an dessen Fußende er stand, lag

ein junger Mensch, der kaum achtzehn Jahre zählen mochte. »=Corporal

Clancey, F troop, Rough Riders=« hieß es auf dem Zettel an der Wand

über dem Bett. Das Gesicht, das in der Krankheit eine sonderbare, fast

olivengelbe Farbe angenommen hatte, war von mädchenhafter Schönheit und

Weiche. Die wunderbar großen, braunen Augen glänzten irre in feuchtem

Fieberglanz. Der Arzt sah bald den Mann an, bald das Thermometer, das

er in der Hand hielt, und schüttelte den Kopf.

»Helfen Sie mir, ihm den Mund öffnen,« sagte er.

Ich tat es mit einem Löffel, und der Arzt schüttete dem Kranken ein

Pulver in den Rachen und träufelte ein wenig Wasser tropfenweise in

den regungslosen Mund. Die Wirkung war eine fast augenblickliche. Der

bebende, zitternde Körper streckte sich. Die Augen schlossen sich fast

ganz, und die unruhig fuchtelnden Hände sanken kraftlos auf die wollene

Decke.

»Der Mann hatte über vierzig Grad,« erklärte Doktor Gonzales. »Ich

fürchte, er ist nicht mehr zu retten. Bleiben Sie bei ihm, messen Sie

ihn alle zehn Minuten und rufen Sie mich sofort bei Untertemperatur.«

Ich holte mir eine Kiste aus der Mitte des Zimmers -- amerikanische

Munitionskisten waren die einzigen Stühle in diesem Krankenhaus -- und

setzte mich ans Bett. Nach zehn Minuten maß ich: Sechsunddreißig.

Der Kranke lag still da. Sein Mund war halbgeöffnet. Die glänzenden

Augen schienen zwischen halbgeöffneten Lidern hervorzublinzeln. Da

huschte plötzlich ein Lächeln über das weiche, schöne Gesicht, als

träume der Knabe einen wunderschönen Traum. Die schlaffen Hände auf

der Bettdecke begannen sich zu regen und leise auf und nieder zu

bewegen in langsamem Tasten. Die Hände öffneten und schlossen sich und

griffen wunderbar weich zu, als suchten sie etwas. Lächelnd betrachtete

ich diese Hände. Wie schlank sie waren, wie kindlich fein, wie sie

erzählten von guter Rasse und sorgsam gelernter Pflege! Und wie

zierlich sie tasteten -- husche, husche -- zugreifend -- fein, ganz

fein -- behutsam -- wie die Fingerspitzen über die rauhen Deckenhaare

glitten -- als suchten sie etwas -- als wollten sie greifen -- pflücken

------

Da sprang ich entsetzt auf. Was war das? Dieses Tasten, dieses

Suchen! Hatte mir nicht einst die alte Kinderfrau in ihren gruseligen

Dämmerstundengeschichten erzählt, daß Sterbende Himmelsblumen pflückten

--

»Doktor Gonzales!« schrie ich.

Er kam mit raschen, geräuschlosen Schritten von gegenüber, beugte

sich über das Bett, sah scharf auf die rastlos gleitenden Hände, zog

die Spritze aus dem Ledertäschchen, füllte sie und stach ein über dem

Herzen. Die Hände wurden sofort still. Ich starrte wie gebannt in das

Gesicht auf dem Kissen und sah in fast unmerklichem Uebergang das Gelb

sich langsam röten. Dann schoß plötzlich gesunde Blutfarbe in die

Wangen. Das aufgepeitschte Herz tat seine Schuldigkeit. Eine winzige

Gabe eines furchtbaren Gifts hatte einen Sterbenden von den Pforten des

Todes zurückgerissen.

Da schnellte in jähem Wechsel der Körper mit gewaltigem Ruck empor. Die

großen Augen starrten, der Mund wollte sich öffnen, wollte schreien --

aber die Kehle brachte nur lallende Töne hervor. Die Hände wurden in

die Höhe gerissen und schlugen wild nach links und nach rechts, und

die Füße zuckten und stießen, daß die Eisenstäbe unten am Bett dumpf

klirrten. In gewaltigen Stößen schnellte der Leib auf und nieder.

Der Mann wäre aus dem Bett gefallen, hätten wir ihn nicht krampfhaft

gehalten. Und während ich noch verspürte, wie unter meinen Händen die

zuckenden Muskeln sich wehrten, sank der Rauhe Reiter steif zurück und

lag still da. Sein Mund schien zu lächeln.

»Lassen Sie ihn hinaustragen!« sagte der Arzt ganz langsam und ganz

leise.

Ich legte meine Hand auf seinen Arm. »Hat er schlimme Schmerzen leiden

müssen?« fragte ich entsetzt.

»Nein!« antwortete Doktor Gonzales. »Nein -- aber wir wissen diese

Dinge ja nicht. Er mag in Himmelsseligkeiten geschwelgt haben oder

Höllenqualen erlitten in seinen letzten Sekunden im lebendigen Leib

-- wir wissen es nicht. Unter anderen Verhältnissen hätte ich ihn

vielleicht retten können. Durch sorgfältige, ständige Ueberwachung,

durch mildere Mittel zur rechten Zeit. Nach meiner besten Ueberzeugung

jedoch hat der Junge nicht gelitten. Das ist ja der einzige freundliche

Fleck in diesem Höllenbild: Sie wissen es nicht, unsere Kranken, wie

elend es ihnen geht! Sie wissen nicht einmal, wie krank sie sind!!«

* * * * *

Nein, sie wußten es nicht.

Ein Mitleid, wie ich es nie in meinem Leben gekannt hatte, packte

mich, wenn ich von Bett zu Bett, von Mann zu Mann schritt; ein

Mitleid, das mich stark machte, denn es ließ vergessen, wie schwach

ich selbst noch war. Die Männer des Krieges waren zu Kindern geworden.

Das unbegreifliche, geheimnisvolle Walten der Fiebermächte hatte den

rauhen Soldaten alles genommen, was stark und männlich und roh und

brutal an ihnen war. Nicht äußerlich hilflos nur waren sie geworden

wie Kinder, sondern kindlich im Geist in allen ihren Lebensäußerungen.

Weich und anschmiegend, dankbar über alle Maßen für ein gutes Wort,

für ein Streicheln, das sie im Fiebertraum zu empfinden schienen und

mit einem Lächeln beantworteten. Die wenigen, die auf dem Wege der

Besserung waren, hatten alle Hunger. Aber sie fluchten nicht und

zeterten nicht nach Soldatenart, sondern sie bettelten alle um Milch,

sie baten um Brot -- wie ein Kind seine Mutter bittet. Sie lachten

lustig im Fieberlallen und sangen Lieder, die sie ganz gewiß nicht

gesungen hätten bei gesunden Sinnen. Das nur und das nur allein machte

die Hölle erträglich. Man sah selbst all das Furchtbare mit kindlichen

Augen, ohne viel nachzudenken darüber ... Es mußte so sein -- das mit

den übelriechenden Eimern -- das mit den schmutzigen Blechlöffeln, mit

denen man von Mann zu Mann ging, Milch fütternd, ohne sie abzuwischen

oder gar zu waschen -- das mit den Kloaken draußen, die fürchterliche

Pestluft in den Raum strömen ließen, wenn man im Ein-und Ausgehen die

Türen öffnete. Es mußte so sein, denn es war nun einmal nicht anders.

Und ich maß und maß und fütterte hilflose Menschen mit Milch und wusch

beschmutzte Menschen aus einem schmutzigen Eimer mit einem schmutzigen

Fetzen eines alten Hemdes. Ruhe gab es keinen Augenblick. Bald schritt

der Arzt meine Bettseite ab, bald ich die seine. Dutzende Male mußte

ich ihn rufen, weil die Fieberbilder sich fortwährend veränderten.

Am Spätnachmittag war der Neger verschwunden. Doktor Gonzales und ich

suchten endlich nach ihm und fanden den armen Kerl in einer Ecke bei

einer Kloake, dumpf vor sich hinstarrend. Der Sandboden zeigte, daß

er sich erbrochen haben mußte. Jetzt sah ich den Arzt zum ersten Male

erregt.

»Herrgott, nimmt es denn kein Ende?« schrie er. »Neger sind doch

sonst immun! Muß denn das verfluchte Fieber gerade den schwarzen

Krankensoldaten packen, den ich brauche!«

Mit vieler Mühe trugen wir ihn hinein und legten ihn auf das Bett, auf

dem vor kurzem der Rauhe Reiter gestorben war. Die Leiche hatten wir

draußen in einer schattigen Ecke auf dem Boden liegen lassen müssen,

um das Bett frei zu bekommen. Und wieder ging es an die Arbeit, mit

einem Mann weniger. Gegen Abend wurden die Kranken ruhiger und die

Fiebertemperaturen gleichmäßiger.

»Wir wollen schnell etwas essen,« sagte Doktor Gonzales, »-- dann den

Toten beerdigen -- und dann müssen Sie Ruhe haben. Sie können in meinem

Zelt schlafen, damit Sie wenigstens in frischer Luft sind.«

Wir aßen ein Gemengsel von Reissuppe und Brot und tranken dünnen

Tee, und ich durfte eine halbe Zigarette rauchen, die mir wie ein

Göttergeschenk erschien.

»Und jetzt müssen wir wieder Totengräber spielen!« sagte Doktor

Gonzales, halb lächelnd, halb traurig.

Das Grab war gegraben. Er rief den Kubaner und den Krankensoldaten, und

zusammen trugen wir den Knaben, der sich die Himmelsblumen erpflückt

hatte, zu seiner Ruhestätte im heißen Kubasand. Tiefe Finsternis

umhüllte die Insel des Gelben Fiebers, denn Nacht folgt auf Tag im

kubanischen Land ohne Uebergang. Der Arzt, der neben mir schritt,

trug eine Laterne, die trübe brannte und das Dunkel nur in winzigem

Umkreis erhellte. Stolpernd, suchend, tappten wir vorwärts mit unserer

Last, fanden den Sandhügel, fanden das Grab. Wir schlugen die Decke

auseinander, faßten die Zipfel an, hoben den Körper über die schwarze

Oeffnung im Sand, bückten uns --

Da fühlte ich, wie der Sand unter meinen Füßen nachgab, und griff

mit der freien linken Hand in den aufgeworfenen Sandhaufen, mich zu

stützen. Aber ich rutschte. Ich rutschte langsam. Ich rutschte immer

mehr. Da packte mich jähes Entsetzen, und ich ließ den Zipfel der Decke

los, mochte auch die Leiche hinabstürzen. Aber im gleichen Augenblick

bröckelte der Boden unter meinen Füßen weg. Ich schrie gellend auf.

Wie ein Tier brüllte ich. Ich hörte jemand fallen mit mir -- hörte die

Laterne klirren.

Und stand in furchtbarer Finsternis in einem tiefen Loch und schrie

wie ein Verrückter und trampelte auf etwas entsetzlich Weichem herum

und wußte, daß die Masse unter meinen Füßen der Rauhe Reiter war. Ich

brüllte -- ich brüllte in einem hysterischen Grauen ohne Grenzen.

So schwach und elend war ich noch nach dem langen Kranksein. Mit

den Nägeln krallte ich mich in die Sandwand ein und versuchte mich

emporzuziehen, und sprang. Aber der lose Sand gab unter meinen Fingern

nach, und ich prallte in hartem Stoß auf das nachgebende weiche

Fleisch, das sich zu rühren und lebendig zu werden schien. Als ob der

tote Mann nach mir greifen wollte -- mich festhalten ----

»Hilfe!« brüllte ich.

Da flammte ein Zündholz auf, eine eiserne Faust packte mich, zog, half

mir. Und ich sank erschöpft auf den Sand. Ich hörte, halb bewußtlos,

wie das Grab zugeschaufelt wurde und spürte, wie der Arzt mich unter

dem Arm faßte und mir aufhalf. Der Kubaner schritt mit der wieder

angezündeten Laterne voran. Als wir in seinem Zelt waren, sprach Doktor

Gonzales kein Wort, sondern goß nur mit zitternder Hand ein wenig

Whisky in ein Glas und gab es mir zu trinken. Auch er trank. Dann

setzte er eine kleine silberne Spritze an meinen Arm ...

* * * * *

Mit dem Morgen begann wieder das Tagewerk. Es setzte sich fort durch

zehn Tage hindurch, im gleichen Raum, unter den gleichen Verhältnissen,

im gleichen schrecklichen Einerlei der Hilflosigkeit, und viele

Menschen sah ich sterben in diesen Tagen. Die einen schliefen ermattet

ein, die andern starben in kämpfendem Sichaufbäumen. Aber sie kämpften

im Fieber nur und wußten es nicht und erlitten keine Todesangst, denn

der Fiebertod ist ein gütiger Tod. Und ich half die Lebenden füttern

und in ihren Körpern nach dem geheimnisvollen, unberechenbaren Auf

und Nieder der Fieberkobolde spüren, und oft dünkte es mich, als sei

das kleine Quecksilberwerkzeug eines der großen Wunder der Welt. Gar

schnell hatte ich mich an den Jammer und das Elend gewöhnt und sah

stumpfe, alltägliche Notwendigkeit im alltäglichen Erleben von Grauen

und Sterben. Heute, im rückschauenden Betrachten, weiß ich, daß es eine

Hölle war, in der ich lebte damals. Eine Hölle --

Am zehnten Tag jedoch ward der Insel der Verdammten Hilfe. Boote

landeten. Junge Frauen in schneeweißen Kleidern schritten über den

Rasen vor dem gelben Haus. Sie sprachen nicht viel, sie fragten nichts,

sondern packten Wäsche aus und bekleideten die Kranken und wuschen sie.

Sie putzten und säuberten und pflegten.

Man stand da, wollte seinen Augen nicht trauen, glaubte, ein Wunder

zu erleben. Kiste auf Kiste, Korb auf Korb, Sack auf Sack wurde aus

den Booten an Land geschafft. Es war, als wollte das reiche Volk eines

reichen Landes in verschwenderischem Geben gut machen, was die Not des

Krieges an den armen Männern auf der Insel des Gelben Fiebers gesündigt

hatte. Da waren schwere Weine in ungezählten Flaschen und teurer

Schaumwein in ganzen Körben und feine Hemden und große Schinken und

Fleisch und Eßwaren in sorgsam geschlossenen Blechbüchsen und weißes

Brot. Zelte erstanden auf dem Rasen und auf dem Sand. Das gelbe Haus

wurde mit Karbol überschwemmt und verlassen, denn die Kranken sollten

nun in luftigen Zelten liegen.

Wie ein Märchen war es.

Am Spätnachmittag führte mich der Arzt in sein Zelt. Er füllte zwei

Gläser mit Schaumwein, trank mir zu und sagte mit lachenden Augen:

»Hier endet Ihre Arbeit, Sergeant!«

Zwei Wochen aber blieb ich noch im Aerztezelt, denn Doktor Gonzales

verweigerte mir immer wieder lachend den Gesundheitsschein.

* * * * *

Die Wandlung war groß.

Nicht nur äußerlich veränderten sich die Dinge auf der Gelbfieberinsel:

das Elend in Ueberfluß, der Schmutz in Sauberkeit, das ohnmächtige

Zusehenmüssen in kraftvolles Eingreifen mit reichen Mitteln -- sondern

auch im Tiefsten. Die kleine Welt um uns schien anders. Es war, als

liege ein gar fremdartiges, sonderbares Klingen in der Luft. Wie

wiegender schmeichelnder Walzerklang.

In harter Männerwelt hatte man gelebt viele Wochen lang. Sich gebalgt

mit dem Feind. Nicht viel Federlesens gemacht um Hunger und Strapazen

und Wunden. Das ging einmal nicht anders. Man war marschiert und hatte

gefochten -- im Dreck kampiert, gefiebert auf den Hügeln ------ Der Tag

brachte es mit sich. Was war weiter dabei!

Da tönte der neue Klang.

Was uns Selbstverständliches, Alltägliches gewesen war, schien

den jungen Frauen, die uns pflegten, eine Wunderwelt. Sie waren

freiwillige Krankenschwestern, aus guten amerikanischen Familien.

Ideale Begeisterung hatte sie nach Kuba geführt, ihr Scherflein

beizutragen im Krieg. Sie sahen keine Selbstverständlichkeiten; sie

sahen die Dinge mit ganz anderen Augen an. Für sie waren die blassen

genesenden Männer in den Zelten alle mitsammen Helden, die heldenhaft

mit Tod und Teufel gekämpft hatten.

Sie setzten sich auf die Betten zu den Kranken, auf die Feldstühle

vor die Zelte zu den Genesenden, und baten und bettelten so lange,

bis ihnen die Geschichten von der Schlacht vom San Juan-Hügel und vom

Lagerleben und vom Krankheitselend immer und immer wieder erzählt

wurden. Dann glänzten ihre Augen, und sie wurden weich und wußten gar

nicht, was sie einem alles Gutes antun sollten. Ich hab's hundertmal

selber erlebt und hundertmal mit angehört --

»Was mußt du gelitten haben, du armer Junge!«

»Hm -- eh -- 's ist nicht so schlimm gewesen,« war gewöhnlich die

verlegene Antwort.

»Oh, du armer Junge! Soll ich dir ein Schlückchen Wein bringen?«

»=Oh yes, please. Thank you, miss!=«

»Du mußt nicht Fräulein zu mir sagen. Ich bin Schwester Irene. Du --

bist du denn nicht fast gestorben vor Angst, du armer Junge, als du den

fürchterlichen Hügel hinaufstürmen mußtest?«

»Nee!«

»Aber es muß doch entsetzlich gewesen sein!«

»Ja. Da kletterte einer vor mir« (der Erzähler war ein junger Sergeant

der 5. Regulären), »der zappelte immer mit den Beinen und ich mußte

höll -- hm -- sehr aufpassen, daß mir der verfl ... hem -- der Kerl

nicht ins Gesicht trat. Es _war_ scheußlich!«

»Und die Todeskugeln!«

»Oh, an die Schießerei hatte man sich gewöhnt!«

Und keinen einzigen Mann gab es auf der Insel des gelben Fiebers, der

nicht seinen wohlgefüllten Sack voller Heldenruhm eingeheimst hätte.

Zuerst war das etwas Unbehagliches. So prahlhänsig kam man sich vor.

Man horchte immer scheu zum Nachbar hinüber, ob der nicht lachte,

wenn Schwester Irene oder Schwester Edith oder Schwester Lizzie einem

dickgestrichene Heldenkomplimente machte. Aber gar bald wirkte die

Bewunderung merkwürdig wohltuend. Es war doch sehr nett, in schönen

Augen immer wieder lesen zu dürfen: du bist ja ein famoser Junge!

Sie fanden sich prachtvolle Menschen gegenseitig, die bewundernden

Frauen und die bewunderten Männer. Sie gingen miteinander spazieren

im Inselland halbe Nächte lang, Genesende und ihre Pflegerinnen. Sie

saßen immer zusammen und tuschelten und hatten sich schrecklich viel zu

sagen. Man wurde arg verwöhnt auf der Gelbfieberinsel in jenen Tagen.

In der Zeltstadt von Montauk Point.

Die Friedensbotschaft. -- Ein brutaler Krieg. -- Die böse Lage der

amerikanischen Invasionsarmee. -- Auf den General folgt der

kaufmännische Organisator. -- Wie die Zeltstadt von Montauk Point

erstand. -- Mein letzter Tag in Santiago de Cuba. -- Im

Gesundheitslager. -- Die Komplimente des Trusts. -- Wie mir ein

Vermögen entging. -- Die New Yorker Invasion. -- Von begeisterten

=Ladies=. -- Das Sicherheitsventil. -- Wie Leutnant Hobson in der

Welle der Hysterie ertrank.

In einer Augustnacht war es.

Wir saßen vor dem Aerztezelt, der Doktor und ich, rauchten eine

beschauliche Zigarette und schauten auf die Bai hinaus. Wundersam

funkelten und glitzerten im Wasser die Sternenbilder. Da erklang ein

dumpfes Brausen, wurde mächtiger, schwoll an zu Getöse. Eine Rakete

zischte empor über der Stadt, eine zweite, eine dritte. Drüben über dem

Wasser jubelten und schrien viele Menschen.

»Eine Schlacht in Portorico!« rief der Doktor aufspringend.

Ich widersprach ihm. Die letzten Nachrichten von der benachbarten

spanischen Insel hatten besagt, daß die Besetzung Portoricos durch eine

amerikanische Armee unter General Miles nach unblutigen Kämpfen nun

vollendete Tatsache sei. Während wir noch hin und her sprachen, kam das

Boot vom Hafenhospital. Der Kubaner, der es ruderte, sprang auf uns

zu, aufgeregt mit den Armen in der Luft fuchtelnd.

»=Cuba libre!=« brüllte er. »=Cuba libre, Señores!!=«

Und er übergab dem Doktor einen Zettel. Das hektographierte Stück

Papier enthielt die kurze Mitteilung des amerikanischen Gouverneurs

von Santiago an die einzelnen kommandierenden Offiziere, daß heute, am

12. August, in Washington das vorläufige Friedensprotokoll zwischen

den Vereinigten Staaten und Spanien unterzeichnet worden sei. Spanien

gab der Insel Kuba ihre Unabhängigkeit, trat Portorico an die

Vereinigten Staaten ab und erklärte sich bereit, über einen Ankauf

der Philippinen durch die Vereinigten Staaten zu unterhandeln. Die

kriegsgefangenen Spanier wurden auf Kosten der Amerikaner nach ihrer

Heimat zurückgesandt. Kriegsentschädigung verlangten die Vereinigten

Staaten nicht.

»=Cuba libre!=« brüllte der Kubaner wieder und tanzte schreiend und

jubelnd umher.

Doktor Gonzales aber streckte herrisch die Rechte aus, sagte irgend

etwas auf Spanisch in scharfem Ton, und der überfreudige Patriot

schlich brummend zu seinem Boot zurück.

»Was sagten Sie eben?« fragte ich neugierig.

»Oh nichts!« antwortete Doktor Gonzales und zündete sich eine frische

Zigarette an. »Ich sagte ihm nur, er solle sich zum Teufel scheren

... =Cuba libre!= Kuba Blödsinn! Ein freies Kuba, regiert von freien

Strolchen, die eigentlich in ein Zuchthaus gehörten! Es tröstet

mich nur, daß unser guter alter Onkel Sam der Gesellschaft früher

oder später einen gewaltigen Tritt vor den Hintern geben und einen

amerikanischen Staat aus Kuba machen wird. Daß er es nicht gleich jetzt

tut, ist Schwäche, Verschwendung, Hinauswerfen an Zeit und Geld!«

Da lachte ich leise vor mich hin, denn der Doktor war zwar

amerikanischer Bürger und amerikanischer Offizier, stammte aber selber

von kubanischen Eltern und mußte es ja wissen! Und dann gingen wir in

die Zelte der Damen und in die Krankenzelte und lösten Hurrageschrei

aus mit der großen Neuigkeit. Doch der Jubel über den Frieden bei

uns in den Zelten hatte nicht die geringste Aehnlichkeit mit dem

urgewaltigen, donnernden, brausenden Siegesschrei, der von den Hügeln

des Santiagotals gellte, als das Sternenbanner damals an dem Mangobaum

emporstieg. Da hatte Mann über Mann triumphiert -- jeder einzelne Mann

im Santiagotal in die eigenen Hände das Göttergeschenk des schwer

errungenen Erfolgs empfangen. Die große politische Friedensaktion aber

am grünen Tisch interessierte die Armee sehr wenig.

»Recht nett!« sagte ein typhuskranker Infanterieleutnant der Regulären,

als wir ihm die Friedensbotschaft vorlasen. »Nun wollen wir gemütlich

sein und nach Hause gehen!«

»=Goodbye Cuba! To hell with Cuba!!=« riefen die Rekonvaleszenten in

den Zelten.

Das war das Leitmotiv des Wiederhalls, den die Friedensklänge in den

Männern der Armee von Kuba ertönen ließen:

»Adieu Kuba! Hol dich der Teufel! Wir gehen nach Hause!«

* * * * *

So war denn der Krieg beendet.

Dieser wunderschön brutale Krieg mit seinen wunderschön klaren und

einfachen Ursachen. Ein Krieg der Macht. Ein brutaler Faustkampf.

Unmoralisch über alle Maßen. Der Große fraß den Kleinen -- denn ich

bin groß und du bist klein. Und doch wieder moralisch im höchsten

Sinne. Unter dem starken neuen Herrn wurden in wenigen Jahren auf den

Philippinen, auf Kuba, das immer eine Art amerikanischen Protektorats

sein und nie ganz selbständig werden sollte, auf Portorico, überall

in Westindien, ungeheure Werte geprägt, die in alle Ewigkeit brach

gelegen hätten unter der spanischen Mißwirtschaft. Spanien aber, das

gedemütigte, zu Boden geschlagene Spanien, das beraubte Spanien, das

die Neue Welt entdeckt hatte und zum Dank bis in den Staub gedemütigt

wurde von der Neuen Welt, erstarkte nur unter den Schlägen des Krieges.

Es lernte. Seine kraftvolle Arbeit in Marokko während der nächsten zehn

Jahre erstaunte jeden, der früher spanische Beamte und Gouverneure in

spanischen Kolonien bei der Arbeit gesehen und sie höchstens für eine

Operette tauglich befunden hatte. So wurde im letzten Ende Unmoral zu

Moral.

Der unersättliche Große aber atmete erleichtert auf, als der kleine

Gegner davonschlich. Teufel -- es war doch gar nicht so einfach

gewesen, und recht viel Glück hatte man nötig gehabt! Zwar ließ es

sich leicht berechnen von Anfang an, daß man am Ende erfolgreich

sein mußte. Die Siege der amerikanischen Flotte im pazifischen Ozean

wie im westindischen konnten auf dem Papier auskalkuliert werden.

Kein Sieg jedoch, kein Gebietszuwachs, keine neue imperialistische

Weltmachtstellung hätten es in der öffentlichen Meinung des eigenen

Landes gutmachen können, wenn amerikanische Männer zu Tausenden im

Tal von Santiago zugrunde gegangen wären, weil der leichtsinnige

Krieg sie in leichtsinniger Ausrüstung ins Fieberland geschickt

hatte. Die Invasionsarmee war dezimiert von Fieberkrankheiten. In den

ersten Tagen des August schon hatten, ein unerhörtes Geschehnis vom

militärischen Standpunkt aus, ihre Generale in einem scharfen Schreiben

an den Obergeneral Shafter die sofortige Zurückbeförderung der Armee

nach den Vereinigten Staaten verlangt. Der Krankheitsstand lasse das

Schlimmste befürchten. Das merkwürdige Vorgehen der hohen Offiziere,

das wahrscheinlich mit General Shafter verabredet worden war, sollte

starken Eindruck auf die obersten militärischen Behörden in Washington

sowohl wie auf die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten

ausüben. Daß ein solcher Schritt überhaupt notwendig wurde, beweist die

Unsicherheit und Gefährlichkeit der Lage für die Truppen vor Santiago

beim Ende des Krieges. Zwar war die spanische Flotte vernichtet,

Portorico besetzt, die Provinz Santiago de Cuba erobert, eine spanische

Armee von 23000 Mann kriegsgefangen. Damit hatte man gewaltige

Erfolge errungen, war aber auch auf dem toten Punkt angelangt. Eine

spanische Armee von über 80000 Mann, auf die verschiedenen Provinzen

verteilt, hielt Kuba noch besetzt. Ein Vordringen der amerikanischen

Invasionsarmee auf dem Landwege schien unmöglich -- das Angreifen

Havannas, des Herzens der Insel, durch die Flotte ein zum mindesten

gewagtes Unternehmen.

So ergab sich eine beinahe lächerliche Lage: der tote Punkt. Die

amerikanische Armee kampierte noch immer im Santiagotal und litt

entsetzlich unter Klima und Fieber. Niemand wußte, was anfangen mit

ihr. Der Leichtsinn, die Ueberhastung des ganzen Krieges rächte

sich. In den Vereinigten Staaten regte sich scharfe Kritik. Schon

zu Beginn des Krieges, als im Süden Amerikas die in rasender Eile

zusammengetrommelten Freiwilligenregimenter in Feldlagern untergebracht

wurden, in die bei dem völligen Mangel an allem Nötigen rasch der

Typhus einzog, war die Regierung scharf angegriffen worden. Und

jetzt das Fiebertal von Santiago! Noch sickerte die Wahrheit nicht

ganz durch; noch wußte man im Heimatland nicht, daß seit dem Tag

der Uebergabe der spanischen Armee mehr amerikanische Soldaten an

Krankheiten gestorben waren, als die Gefechte an Menschenleben gekostet

hatten. Die militärische Führung war ratlos.

Da kam der Friede.

Und es war, als ziehe der amerikanische Dollarmann jubelnd den

Soldatenrock aus, der überall ein wenig drückte und nirgends so recht

passen wollte, weil er in solcher Eile hatte zurechtgeschneidert

werden müssen. Die Nation des Organisierens entsann sich ihres

Berufs. Der Leichtsinn, die Ueberstürzung, das Ueberhasten verschwand

im zauberischen Wechsel. Kühle Ueberlegung trat an ihre Stelle. Dem

General folgte der kaufmännische Organisator -- der echte Amerikaner,

der mit Geld nicht knausert, wenn das Ziel der Mühe wert ist, und sich

bei Kleinigkeiten nicht lange aufhält.

Das Klima des Santiagotals war unerträglich in dieser Jahreszeit? Dann

weg mit der Armee! Sie ersetzt durch Regimenter von Negern und Weißen

der Südstaaten, die gegen Fieberkrankheiten immun waren! Die Armee war

krank? Dann in ein ungeheures Krankenhaus mit ihr, auf daß sie gesund

werde! Ansteckungsstoffe waren zu befürchten in jedem Uniformrock, in

jedem Hemd? Weg dann mit der gesamten Ausrüstung der Armee!

»=Regardless of cost!=« hatte Präsident McKinley kurz gesagt. »Der

Kostenpunkt ist Nebensache!«

Die Amerikaner waren's zufrieden. Sie, die keine direkten Steuern

bezahlten und ihre Kriegskosten einfach durch eine Biersteuer und eine

Schecksteuer aufbringen konnten, wußten recht gut, daß die über Nacht

errungene Weltmachtstellung, die neue Ausdehnung des amerikanischen

Reichs, Milliarden an kaufmännischen Dollars wert war. Niemand murrte,

als die leitenden Hände in den reichen Yankeesäckel griffen. Ströme von

Gold flossen dahin.

Eine ungeheure, kahle, sandige Fläche auf der Insel Long Island wurde

zum Gesundheitslager der Armee erwählt. Dort war es kühl, jetzt im

August schon. In allen Richtungen fegte Tag und Nacht vom Meer her der

frische Wind. Der sollte sie wegblasen, die Fieberschlaffheit und das

Tropenmüdesein. Die Zeltstadt von Montauk Point entstand. Gassen und

Straßen schneeweißer Zelte. Die Gewerbe des Landes arbeiteten wie im

Fieber, die Stadt zu erbauen. Jedes Zelt wurde aus neuem Segeltuchstoff

neu zurechtgeschneidert, denn kein altes Schmutzstäubchen sollte Raum

haben im Gesundheitslager. Jedes Zelt erhielt einen Fußboden aus

sorgsam zusammengefügten und geglätteten Brettern, ein jedes einen

kleinen eisernen Ofen, ein jedes neue schneeweiße Betten und Stühle

und Regale. Die Straßen wurden sorgfältig ausgebaut und ein System von

Abgußkanälen angelegt. Aerzte und Krankenpflegerinnen versammelten

sich. Die Eisenbahnen schleppten gewaltige Mengen von Uniformen und

Wäsche herbei. Um das Lager wurde ein Postenkreis von besonders

ausgesuchten Regimentern gezogen, die keinen Menschen hinauslassen

durften und keinen hinein, jede neue Ansteckung zu verhüten.

Dampfertransporte mit den neuen fiebersicheren Truppen gingen nach

dem Santiagotal; Frachtdampfer mit großen Mengen von Lebensmitteln,

die sehr sorgfältig ausgesucht wurden; Hospitalschiffe, deren

Aufgabe es war, das Schmutznest Santiago nach allen Regeln moderner

Desinfektionskunst sauber zu machen. Dann dampften die Schiffe mit den

kranken Regimentern heimwärts zum Gesundheitslager.

Und ein so großzügiges, ein so bewunderungswürdig zielbewußtes Arbeiten

setzte ein auf der windumbrausten Sandfläche beim atlantischen Ozean,

daß es alles wieder gut machte, was der Leichtsinn gesündigt hatte

in Kuba. Mann für Mann der kranken Armee wurde betreut, gepflegt,

gewaschen, gesäubert, neubekleidet wie ein Kindlein. Man stellte

die Kompagnien in langen Linien auf, wenn sie vom Schiff kamen, und

ließ sie sich splitternackt ausziehen und verbrannte auf großen

Scheiterhaufen jeden Fetzen, den sie am Leibe getragen hatten;

man badete sie, gab ihnen reine Wäsche, neue Uniformen, nagelneue

Ausrüstung bis zum Tornister, erklärte ihnen, sie möchten sich um

Gottes willen nur pflegen. Nichts auf der Welt hätten sie zu tun als

ihre Waffen zu reinigen und instandzusetzen. Nicht einmal zu kochen

brauchten sie. Dafür sorgten große Feldküchen, und Sachverständige

wachten darüber, daß das Soldatenessen ja recht schmackhaft und

wohlbekömmlich war. Im Land stritt man sich um die Ehre, Liebesgaben

für das Gesundheitslager schenken zu dürfen. Damen der Gesellschaft

zankten sich um den Vorzug, die Kranken zu pflegen.

* * * * *

Als das Ruderboot an einem der letzten Tage des August den

Signalkorpssergeanten von der Gelbfieberinsel nach Santiago brachte,

war dieser Sergeant kerngesund und wunderte sich sehr, wie ihm nach

diesen Schlemmertagen das Soldatenleben wohl behagen würde. Sie hatten

ihn schrecklich verwöhnt auf der Insel, der Doktor und die Frauen in

Weiß, die so heroisch ihre Pflicht taten und doch immer Zeit und Lust

übrig hatten für manches Gekicher und vielen Uebermut. Sie hatten

dem Sergeanten gar noch einen großen Korb zurechtgepackt, in dem

Schaumweinflaschen einträchtiglich neben altem Burgunder und allerlei

guten Sächelchen in Blechbüchsen lagen, auf daß es Mr. Sergeant wohl

ergehe auf dem Heimatsdampfer. Und ich beguckte mir gesättigt und

gesund das tiefblaue Wasser und die grünen Berge über der Bai und das

Städtchen mit seinen grellen Farbenflecken in rot und blau und gelb und

meldete mich beim Gouverneur und empfing den Befehl, mit der »City of

Galveston« noch am gleichen Nachmittag die Heimreise anzutreten -- als

einer der letzten der alten Armee vom Santiagotal.

Es war gerade noch Zeit zu einem kurzen Spaziergang die Plazza entlang

und zu kleinen Einkäufen. Und in großer Wut schied ich von Santiago de

Cuba!

Die grünen und gelben Scheine, die Billy mir geschickt hatte,

knisterten so wunderschön in den Taschen, und eine Stunde nur wurde

einem da gegeben, sich die Stadt zu begucken, die Stadt des Feindes,

die so viele Wochen lang eine märchenhafte Vorstellung nur gewesen war!

Hätte man sich da nicht einen Gaul mieten müssen und den Schlammpfad

noch einmal abreiten! Die San Juan-Hügel erklettern! Sich bei der alten

Zuckermühle das alte Loch betrachten, das jene Granate gerissen! Oh,

zum Teufel mit dieser unanständigen Eile ... Höchst ärgerlich ging ich

an Bord.

* * * * *

Der Laderaum des kleinen Dampfers war von oben bis unten vollgepfropft

mit Waffen und Munition. Die Mausergewehre, die Bajonette, die

Patronenvorräte der Kriegsgefangenen spanischen Armee wurden in

das Arsenal von New York geschafft. Ein kranker Offizier, den eine

Pflegerin begleitete, und ich waren die einzigen Passagiere. Als wir

Long Island sichteten, fiel mir ein, daß ein Mausergewehr und ein

Bajonett oder zwei recht nette Andenken sein würden.

»Sind die Dinger eigentlich abgezählt?« fragte ich den Kapitän beim

letzten Mittagessen. »Ich meine, nimmt man es genau oder nicht so

genau? Ich möchte gern ein paar von den spanischen Schießprügeln haben!«

»Ih wo!« antwortete der lachend. »Sie sind ja in meinen Laderaum nur so

hineingeschaufelt worden.«

»Dann werde ich ein bißchen stehlen!« erklärte ich vergnügt.

»Meinetwegen,« grinste der Kapitän, »wenn Sie sich durchaus abschleppen

wollen mit den alten Dingern. Nehmen Sie sich, so viele Sie wollen. Im

übrigen ist's gar kein Stehlen. Das verrostete Zeug ist wenig genug

wert. Greifen Sie zu! Auf ein paar hundert Stück mehr oder weniger

kommt's nicht an.«

So ging ich an Land mit zwei Mausergewehren und zwei Bajonetten unterm

Arm und warf sie irgendwohin im Sergeantenzelt des Signalkorps und

verlebte einen langen Abend voller Erzählens mit meinen Kameraden. Die

hatten mich ja für tot gehalten.

Ich konnte mich gar nicht fassen vor Erstaunen über die wundersame

Zeltstadt --

»Der Soldat ist Trumpf heutzutage!« erklärte Souder lachend. »In der

Armee von Kuba gewesen zu sein ist jetzt wertvoller als vier Asse beim

Pokern. Menschenkind, 's ist einfach ein Wunder, daß sie uns nicht auch

noch in Watte packen!«

Mr. Soldat aus Kuba war tatsächlich Trumpf. Nicht nur die amtlichen

Stellen hatten beschlossen, daß er eine Zeitlang leben sollte wie der

Herrgott in Frankreich, sondern alle Welt wetteiferte obendrein, ihm

gute Sachen zuzustecken. Die bösen Trusts sogar.

Ueberall in der weißen Stadt hatte die Amerikanische Tabakgesellschaft

kleine Zelte errichtet, die große Plakate trugen: »Tabak für die Männer

von Santiago! Kommt, Jungens, und greift zu!!« Trat man an das kleine

Zeltfensterchen, so erkundigte sich ein liebenswürdiger Verkäufer so

beflissen danach, was man zu haben wünsche, als sei man ein wertvoller

alter Kunde. Zigaretten? Welche Sorte? Kautabak? Die neue Marke mit

dem Champagnergeschmack sei besonders zu empfehlen! Pfeifentabak? Und

alles war hübsch eingewickelt und auf jedem Päckchen stand: »Mit den

Komplimenten der Amerikanischen Tabakgesellschaft.« Große Brauereien

hatten Bierzelte eingerichtet und verschenkten ein besonders leicht

eingebrautes »Krankenbier« in reizenden kleinen Flaschen -- mit den

Komplimenten der oder jener Brauereigesellschaft. Teufel, Teufel! Zwar

taten sie's nicht aus Liebe und Begeisterung allein, sondern es mochte

auch ein bißchen Sinn für die famose Reklame dabei sein! Es gab Zelte

mit Sodawasser; es gab Bonbons und Schleckereien; es gab Streichhölzer,

Taschentücher, Bleistifte, Briefpapier, Briefmarken sogar -- immer mit

den verschiedensten Komplimenten. Auf den Briefmarken hatte der Spender

seine Firma eingelocht -- mit seinen Komplimenten. Mr. Soldat lebte vom

Fetten des Landes.

Doch es sollte noch besser kommen, viel besser.

Am Tag meiner Ankunft war das Lager für seuchenfrei erklärt und die

Sperre aufgehoben worden. Eine Stunde später verkündeten große Plakate

in New York Vergnügungszüge der Long Island-Eisenbahngesellschaft zur

Armee von Santiago. Um elf Uhr morgens am nächsten Tag kam die erste

Invasion. Zwischen den Zelten der weißen Stadt flutete es schwarz von

Menschen, dollarjagenden New Yorkern, die aber augenblicklich an gar

nichts zu denken schienen, als einen Soldaten der Armee von Santiago zu

erwischen und ihm die Hände aus den Gelenken zu schütteln. Fünf Minuten

nach Ankunft des Zuges konnte man sich in unserem Sergeantenzelt

überhaupt nicht mehr rühren, ohne einem eleganten New Yorker auf

die Fünf-Dollar-Stiefel zu treten. Es regnete Zigarren, und aus den

Fläschchen in den New Yorker Hüftentaschen ergossen sich schnäpsige

Getränke.

=»Good morning, good morning! Fine morning!!«= redete ein New Yorker

auf mich ein und packte meine Hand. Teufel, wie der Mensch drückte!

Während ich mir noch überlegte, ob ich liebenswürdig lächeln oder ihm

einen Stoß vor den Magen geben sollte, fiel sein Blick auf meine beiden

Mausergewehre in der Zeltecke.

=»Oh! Spanish guns!«= rief er entzückt.

»Jawohl; =Mausers=!« antwortete ich.

=»Fine, fine! How much?«=

Ich sah ihn verblüfft an, aber da hatte der Mann aus New York das

Gewehr schon gepackt und mir einen Zwanzigdollarschein in die Hand

gedrückt, und während ich noch nach Worten suchte, war das andere

Gewehr auch schon weg und ein zweiter Zwanzigdollarschein da.

Teufel! Ich drängte mich durch die händeschüttelnde Gesellschaft

und warf mich auf mein Bett und schalt mich siebenundzwanzigmal

hintereinander den fürchterlichsten Esel seit Erschaffung der Welt.

Eselhaft, begriffstützig, blödsinnig über alles erlaubte Maß hinaus.

Niemals würde ich ein Amerikaner werden! Niemals würde ich Hornochse

den Wert der Dinge und den Wert des Geldes wahrhaft begreifen lernen!

Welch ein Geschäft ging hier zum Teufel! Hundert Mausergewehre hätte

ich an Land schleppen können, umsonst, zollfrei, geschenkt! -- Hundert

Stück zu zwanzig Dollars macht zweitausend Dollars -- hundert Bajonette

obendrein zum allermindesten -- hundert Stück zu fünf Dollars macht

fünfhundert Dollars, macht zusammen zweitausendfünfhundert Dollars.

Verdammt, verdammt, verdammt nochmal!

Ueber zehntausend Mark -- heiliges Donnerwetter!

Durch die Hände schlüpfen lassen hatte ich mir mein erstes wirkliches

»Geschäft« auf amerikanischem Boden. Den idealen amerikanischen

=business-job= -- den Humbugschlager -- mit Intelligenz -- ohne Kapital

------

Ich Esel -- ich Hornochse!

Doch nicht einmal ein junger Teufel frisch aus der Hölle hätte es übers

Herz bringen können, inmitten dieser überliebenswürdigen, überfrohen,

übergütigen Menschen auf längere Dauer zu fluchen. Sie, die harten New

Yorker mit dem harten Dollarsinn, waren in der Laune, das Hemd vom

Leibe wegzuschenken. Der sentimentale Romantiker kam zum Durchbruch,

der in jedem richtigen Amerikaner steckt in merkwürdigem Gegensatz zu

dem rohen Kampf ums Dasein in der Neuen Welt. Kein Südfranzose, kein

italienischer Heißsporn, kein spanischer Leidenschaftsmensch hätte

naiver und kindlicher begeistert sein können als diese gewitzten Männer

aus der =matter of fact= Dollarwelt. Man sah es ja förmlich, wie diese

Leute ihr Hirn anstrengten, einem etwas Gutes zu tun. Wie jungenhaft

einfach und natürlich sie sich gaben -- wie der warmblütige Mensch

hervorguckte unter der abgeworfenen kühlen Geschäftsmaske -- und wie

doch wieder die Gewohnheit so stark war, daß sie nur in klingender

Münze begeistert sein konnten, diese Männer New Yorks. Der leiseste

Vorwand genügte ihnen, mit Geld um sich zu werfen. Sie ersannen sich

ständig neue Vorwände, den Wohltäter zu spielen. Und im Grunde war das

heilsam für die New Yorker Dollarmenschen, denn sie begriffen nun,

daß man mit dreizehn Dollars Einkommen im Monat ein ganzer Mann sein

konnte! -- Sie wurden daran erinnert, daß es noch andere Werte auf der

Welt gab als =business=!!

Auf einmal aber traten die Männer in dem dunkeln Grau oder Braun oder

Blau der Herrenkleidung völlig und gründlich in den Hintergrund. Die

wandelnden Träume im duftigen Weiß und den leuchtenden Farben in den

Zeltstraßen nahmen die Zügel in die Hand. Das duftige Weiß regierte.

Die Männer waren weg. Schlanke Frauengestalten erschienen.

=»Goodbye, Johnny!«= hauchte ein blauer Märchenhut. »Geh und amüsiere

dich, Männchen! Um vier Uhr (das war geschlagene drei Stunden

vordatiert) treffen wir uns bei der Station. Weißt du, ich muß mir von

den Jungens alles, alles erzählen lassen und da kann ich dich doch

nicht brauchen dabei. =Goodbye, Johnny!!=«

Und die zweite Invasion begann.

Die zweite Form von amerikanischer Begeisterung. Diese Mädchen und

Frauen empfanden erstens das Bedürfnis, diesen unglaublichen und ihnen

ganz ungewohnten Helden vom Santiagotal, an deren Ohren wirkliche,

echte Todeskugeln vorbeigepfiffen waren, ihre dankbare Reverenz zu

erweisen. Zweitens wollten sie sich aber amüsieren. Sie saßen auf

unseren Betten, wippten mit allerliebsten Füßchen.

Rische-Rasche machten die seidenen Unterröckchen.

»Hast du dich gar sehr gefürchtet in der Schlacht vom San Juan-Hügel?«

fragte mich ein Dinglein in roter Seidenbluse.

»Ach nein,« antwortete ich verlogen.

»Das Schwarz und Weiß deiner Sergeantenstreifen steht dir

ausgezeichnet!« meinte das Dinglein in sonderbarem Gedankensprung --

sonderbar für mich -- damals ...

Ich war paff.

»Was bedeuten denn die komischen Flaggen auf deinen Aermeln?«

»Weißt du,« sagte der Lausbub (das war auch ein Gedankensprung) »------

wenn hier nicht so viele Leute wären, so möchte ich dir einen Kuß

stehlen!«

»Oh pfui!!« hauchte sie. Aber ihre Augen sagten gar nicht pfui.

Es war ein Idyll. Es war eine Orgie in Begeisterung. Es war praktischer

Humor ersten Ranges, wie die gutgezogenen New Yorker Männer ihre

Dollarfrauen dem Flirt überließen -- und ich wunderte mich mehr

als einmal, ob nicht mancher gute Ehemann das verfluchte Heldentum

verdammt ungemütlich empfand. Sie saßen auf unseren Betten, die

Mädelchen und die Frauen, und sie naschten mit großen verwunderten

Augen Soldatenessen von unseren blechernen Soldatentellern. Sie waren

sehr nett. Sie küßten wohl auch einmal -- in dem erhebend moralischen

Bewußtsein, daß sie durchaus unpersönlich küßten. Sie küßten Helden

fürs Vaterland. Die Männer wollten ihre Dollars los werden. Die Frauen

ihre Liebenswürdigkeit.

Ich plauderte lange mit dem Dinglein in der roten Bluse. Das war ein

kluges Mädchen. Auch sie wollte Andenken haben, aber es fiel ihr nicht

im Traum ein, mit teuren Dollars zu operieren wie die Männer. Sie

machte süße Augen -- und drehte mir einen vergoldeten Sergeantenknopf

ab. Sie machte noch süßere Augen -- und holte ein Scherchen aus

der Handtasche hervor, um mir kaltblütig die kostbaren seidenen

Sergeantenabzeichen von den Aermeln zu trennen. Sie schenkte einen Kuß

-- und stopfte sich alle Taschen voller Patronen und Messingflaggen,

wie wir sie an den Mützen trugen, und den verschiedenen Dingen im

allgemeinen, wie sie überall umherlagen.

»Hast du denn auch ein liebes kleines Mädel?« fragte die rote Bluse.

»N -- nein!« flüsterte ich, mit tiefem und ehrlichem Bedauern, denn

rote Blusen und die lieben kleinen Mädchen darin schienen mir gerade

jetzt etwas besonders Reizendes.

»Ach du armer Junge!!« (bums dich -- war wieder ein vergoldeter Knopf

weg!) »Weißt du -- ich möchte sehr gut zu dir sein!«

Und da führte ich sie durch unsere weiße Stadt und zeigte ihr all

die Zelte und sah sie erschauern vor der Bedeutung des riesigen

seidenen Sternenbanners, das vor dem Zelt des kommandierenden

Generals im Windgebrause flatterte. Erschrecklich viel Limonade trank

sie. Erschrecklich viele kleine Paketchen von Tabak und winzigen

Bierfläschchen und Soldatenbonbons nahm sie mit als Andenken und

versprach hoch und heilig, sie in Ehren zu halten für alle Ewigkeit.

Ich aber wunderte mich, wie das kleine Persönchen es fertig brachte,

all die gemopsten und geschenkten Sächelchen zu verstauen. Des Rätsels

Lösung fand ich nicht. Und wir verzehrten noch mehr Süßigkeiten und

tranken noch mehr Limonade und gingen eine lange Nachmittagsstunde

am sandigen Strand spazieren, weit von der Zeltstadt, aber keineswegs

in Einsamkeit, denn wo man auch hingeriet irgendwo um Montauk Point

herum, ergingen sich reizende Frauen mit den Männern der Armee vom

Santiagotal. Sie mußten sich Helden nennen lassen, die armen Männer,

bis sie erröteten wie Backfische.

Es war eine Orgie.

»Adieu, lieber Junge!« sagte das Dinglein bei der Station, und ich

hätte darauf geschworen, daß der feine vielsagende Händedruck sieben

verschiedene Wahlverwandtschaften zum mindesten bedeutete. Doch im

gleichen Augenblick schoß das gleiche Dinglein in der gleichen roten

Bluse auf einen mageren Jüngling in korrektem Schwarz und allerneuestem

korrekten New Yorker Hut zu und warf sich, jawohl, warf sich, an seinen

Hals!

»Freddy,« jubelte sie -- »ach, du lieber guter Freddy, es war ja so

süß!«

Da begriff ich, daß ich im Erleben der roten Bluse eine ganz

gewöhnliche Episode war. Ein Röhrchen war ich, ein lächerliches

Sicherheitsventil, eine mechanische Vorrichtung, dem Hochdruck der

Begeisterung der amerikanischen Frau Luft zu verschaffen. Er wäre sonst

gefährlich geworden.

»Du verflixter kleiner Fratz!« murmelte ich.

* * * * *

Es dauerte aber gar nicht lange, so erreichte der Hochdruck der

Begeisterung in Amerika das überspannte Stadium. Es wurde allerorten

und in allem gewaltig übertrieben im Siegesjubel. Man war wie ein

glücklicher Spieler, der im ersten Taumel des Gewinnens nicht weiß was

tun vor Freude und links und rechts mit vollen Händen die Goldstücke

hinausschleudert. Ein solches Schleudern war es im Dollarland damals!

Und bald wurde das echte, starke, wahre Gefühl der Begeisterung zum

sentimentalen Gefühlskitsch.

Die Frauen vor allem machten lächerliche Dummheiten.

Eine Flutwelle der Hysterie ergoß sich über das Yankeeland. Zuerst

natürlich erreichte die Welle das nahe New York. Die Zeitungen

berichteten, lächelnd anfänglich, dann entrüstet, daß mit den Jungens

in Blau eine Abgötterei getrieben werde, die in ihren Formen schon ein

Unfug genannt werden müsse!

»Mann! Bringe mir heute abend zehn Helden zum =supper=!« befahl die

New Yorker Ehefrau. Und Mr. Ehemann, wohldressiert von Kindesbeinen

an, ging los, ob's ihm nun besonders gefiel oder nicht, und gabelte

gehorsam zehn Helden auf. Frisch von der Straße weg.

Heidi, es war lustig!

Mrs. Ix, die New Yorkerin und Milliardärin, gab schleunigst einen

Soldatenball. Mrs. Ypsilon, gleichfalls Milliardärin, trumpfte über

und erließ =prestissimo= die Einladungen zu einem Sergeantenball, bei

dem es märchenhaft wohlhabend herging. Mrs. Zett, auch sie natürlich

Milliardärin, fuhr von morgens früh bis abends spät mühsam überredete

Helden in ihrem vornehmen Landauer in den Straßen New Yorks spazieren.

Die großen Blumengeschäfte erhielten Anweisungen von Damen der

Gesellschaft, jedem Soldaten Blumen zum Begeisterungsgeschenk zu machen

-- was reizend gewesen wäre, wenn die gütigen Spenderinnen nicht gar so

deutlich dafür gesorgt hätten, daß ihre Namen in allen Zeitungen und an

allen Blumenladenfenstern recht laut und kräftig in Erscheinung traten.

Die nervöse Welle lief weiter -- wuchs an. In Washington wurde sie zur

Sturmflut.

Eines Tages meldete sich in der Stadt des Kapitols ein junger Leutnant

beim Marineminister. Er hieß Hobson und war ein Held. Hatte mannhaft

Leib und Leben darangesetzt mit offenen Augen und war nur wie ein

Wunder dem Tode entgangen, als er in der Santiago-Felsenenge den

Merrimac in die Luft sprengte. Nun war der junge Leutnant der Held

des Tages in Washington. Seine Kommandeure, der Marineminister, der

Präsident der Vereinigten Staaten überschütteten ihn mit Glückwünschen

und Danksagungen. Man gab einen Ball zu seinen Ehren.

Und damit fing das Unglück an.

Als Hobson den Ballsaal betrat, schritt eine junge Dame der

Washingtoner Gesellschaft auf ihn zu, überreichte ihm einen großen

Blumenstrauß und bestätigte ihm in wohlgesetzten Worten, daß er ein

Held sei und sein Name unvergänglich auf den Tafeln des Vaterlandes

leuchten werde. Dann kam ihr besonderer Dank. Im Namen der

amerikanischen Frau; im Namen der fraulichen Gesamtheit; im Namen der

Weiblichkeit:

Schlanke, weiße Arme legten sich um des Leutnants goldbestickten

Uniformkragen und ein amerikanischer Frauenmund küßte ihn lang und

innig.

Vor versammeltem Mannsvolk und bewundernder Frauenschar.

Am nächsten Tag wurde das weihevolle Ereignis in vielen Zeitungsspalten

geschildert. Die Gesellschaftsreporter fanden mühelos die richtigen

Töne. Sie lachten sich zwar wahrscheinlich halbtot dabei im

Redaktionssanktum bei Bier und Zigarette -- aber die Töne fanden sie!

Sie sprachen ernsthaft und gediegen von allerhöchster Ehre. Sie

flöteten zart vom symbolischen Weihekuß. Sie nahmen gedankenvoll das

Konversationslexikon zur Hand und fanden auch glücklich klassische

Vorbilder, die sich prachtvoll zu Vergleichen eigneten und die ganze

sentimentale Geschichte auf ein anständiges Niveau hoben. Am nächsten

Tag durcheilte die wichtige Nachricht Amerika.

Ueber das weibliche Amerika brauste ein Sturm der Begeisterung.

Das war groß. Edel. Ungeheuer. Das war Heldenlohn. Schöner und reicher

als alle Schätze an Gold und Ehren.

Man gab einen zweiten Ball in Washington, wiederum zu Ehren des

Leutnants, und wiederum begann er mit einem Weihekuß. Diesmal jedoch

schlossen sich die anwesenden Damen der ersten Weiheküsserin ziemlich

vollzählig an. Es schien ihnen wohl Anstandsgebot, einem wirklichen

Helden wahrhafte Ehren auch reichlich genug zu erweisen. Es hagelte

Küsse auf Hobson herab -- und der arme Leutnant wurde verrückt! Der

mannhafte Mann, der Held, der Todeskämpfer wurde zum Schwächling

und eitlen Toren. Er wurde hysterisch, genau so hysterisch wie die

»Küsserinnen«. Er ließ sich überallhin einladen, zu Dutzenden von

Bällen in Washington allein, in Boston, in Baltimore, und wurde überall

geküßt.

Es war tragikomisch. Nein, tragisch mehr als komisch. Der Amerikaner

verträgt und ermutigt sogar sentimentale Dinge, wenn sie mit Frauen

zusammenhängen, namentlich bis zu einem gewissen Punkt. Dann aber

schnappt irgend etwas bei ihm.

Bei der Hobson Küsserei schnappte es! Noch einige Male berichtete die

amerikanische Presse in nicht ganz echt klingender Begeisterung über

die Hobsonbälle und die Weiheküsse. Dann war es aus. Eine New Yorker

Zeitung machte den Anfang:

»Mr. Hobson läßt sich schon wieder küssen! Die Sache wird zur üblen

Gewohnheit!!« überschrieb sie einen lustigen Bericht.

Und nun donnerte ein nimmer endenwollendes Gelächter herab auf den

armen Hobson. Man nannte ihn den geküßten Hobson -- den küssenden

Hobson. Man erwog ernsthaft, ob eine Veränderung seiner Mundlinien

zu befürchten sei durch die starke Inanspruchnahme der Lippen --

man hieß ihn den bestgeküßten Mann der Welt -- man zeichnete ihn in

bissigen Karikaturen umdrängt von kußlechzenden Frauenantlitzen --

man riet ihm ernsthaft, auch den Westen Amerikas abzugrasen. Ein

besonders niederträchtiger Schreibersmann empfahl ihm das Erheben von

Eintrittskußgeld. Ganz Amerika lachte drei Wochen lang.

Das Unglaubliche, das Brutale, das Tragische war geschehen. Ein braver

Mann, der sich den Dank seines Vaterlandes ehrlich verdient hatte,

war für alle Zeiten zu einer lächerlichen Hanswurstenfigur geworden.

Heute noch löst der Name Hobson in Amerika ein vergnügtes Schmunzeln

aus. Der Held der Santiagofelsenenge ist vergessen -- der Vielgeküßte

unsterblich geworden.

So ertrank Leutnant Hobson von der amerikanischen Marine in der Welle

der Hysterie.

* * * * *

Im Sergeantenzelt türmten sich die Zeitungen. Sie lagen in Haufen in

allen Ecken; sie stapelten sich in Ballen auf gegen die Zeltwand, da,

wo mein Bett stand; sie bedeckten oft genug sogar den Fußboden, daß man

so recht im knisterigen, raschelnden, dünnen Zeitungspapier watete. Die

Kameraden schimpften.

»Du bist verrückt!« erklärte Souder.

»Werft ihn doch hinaus mitsamt seinen alten Zeitungen!« schlug Hastings

gemütlich vor.

»Geht weg -- geht doch weg -- schert euch nur ja zum Kuckuck!« war

gewöhnlich meine Antwort, brummend in knurrigem Ton gegeben, aber

lachend gemeint.

Und doch wieder sehr ernsthaft. Die Mitbewohner des Zeltes wußten

recht genau, daß es nicht erlaubt war, den Sergeanten Carlé beim

Zeitungslesen zu stören (man mochte reden soviel man wollte, aber nicht

mit ihm), oder gar auch nur eine einzige seiner kostbaren Zeitungen

aus dem Zelt fortzunehmen, sofern man sich nicht Ungemütlichkeiten

aussetzen wollte. So ließ man ihn gewähren. Wenn die New Yorker

Invasion einen einmal nicht plagte, wurde Poker gespielt im Zelt,

unglaublich viel und unglaublich hoch, denn männiglich hatte Geld in

Menge und kein Mensch etwas zu tun, oder viel Bier getrunken, viel

geplaudert, viel gelacht. Der Zeitungssergeant aber -- so nannten sie

mich -- lag auf seinem Bett und las und las. Er war eben ein bißchen

verrückt.

Das Zeitungsfieber hatte mich wieder gepackt.

Ich las und las. Spalte auf Spalte verschlang ich, und Stunde auf

Stunde verrann. Für nichts hatte ich Sinn und alle Dinge waren mir

gleichgültig seit dem Morgen, an dem die Post die bestellten Zeitungen

gebracht hatte. Zwei gewaltige Pakete waren es gewesen. Alle Nummern

des =New York Journal= und des =New York Herald= vom allerersten Beginn

des Krieges bis zum heutigen Tag. Die Zeitungen des Krieges. Lückenlos.

Und ich lag langgestreckt auf meinem Bett und kicherte selig, wenn

in den Zeitungsspalten lustige Teufelchen der Uebertreibung tanzten,

und atmete keuchend in heller Begeisterung, wenn ich die glänzenden

Kriegsbilder las, die große Zeitungsmänner gemalt hatten. Murmelte in

Gedanken wohl auch einmal irgend etwas vor mich hin.

»Er ist ohne Zweifel blödsinnig geworden!« behaupteten dann lachend

die Sergeanten. Dabei stibitzten sie aber eifrig die Nummern, die ich

gelesen hatte.

Begeistert war ich, gebannt. Gefangen im Zauberkreis der Zeitung. Ich

suchte nach Namen, die ich kannte, nach Federn, die Meister waren in

jener Zeit. Wie ein Kolossalgemälde entstand vor den lesenden Augen

aus den Zeitungsspalten die Geschichte des Kriegs. In leuchtenden

Farben. In kleinsten Einzelheiten gemalt. Und doch wieder in wunderbar

großem Zug. Ein Irrtum war zwar da und dort einmal unterlaufen, ein

gar zu greller Farbenfleck einmal hingekleckst. Im ganzen aber --

welch ein Bild! Mit wenigem Aendern, mit Streichen, mit Ausscheiden

und Zusammenziehen, bedeuteten die vielen Aufsätze mit den schreienden

Ueberschriften in den Papierstapeln da neben meinem Bett die Geschichte

eines Krieges, wie sie glänzender, lebendiger, wahrhafter nicht

geschrieben werden konnte. Sie waren überall dabei gewesen, die Männer

der Feder mit ihren sehenden Augen, die das Große stets vom Kleinen

zu unterscheiden wußten. Lückenlos war der Krieg beschrieben von der

fieberigen Aufregung in Tampa bis zum Flaggenhissen am Friedensbaum;

vom Treiben in der Santiagostadt bis zum Elend in den Hospitälern.

Kriegskorrespondenten waren auf Dampfyachten ständig hin und her

geeilt zwischen Siboney und der nächsten Kabelstation auf Jamaica --

McCulloch war mit unter den ersten gewesen beim Sturm auf den San

Juan-Hügel -- Richard Harding Davis hatte sich einen unsterblichen

Namen errungen in der amerikanischen Zeitungswelt durch seine

Schilderungen des Santiagotals. Ich sah die Einzelleistungen in diesen

wunderbaren Schwarzdruckspalten und in ihnen die ungeheure Arbeit,

die Begeisterung, die Energie, die vor nichts zurückgeschreckt war.

Sah aber auch, als wäre ich dabei gewesen, die Arbeit der Zeitung

selbst; das Sammeln der wichtigen Nachrichten aus vielen Quellen, das

Ausscheiden, das Sichten, das Zusammenstellen -- das Malen des Bildes

von der reichen Farbenpalette.

Und oft lag ich stundenlang da in diesen Tagen und starrte träumend zur

Zeltdecke empor.

Ich sah wieder die alten zerschnitzelten Tische im Reporterzimmer

und die Männer an ihnen, zum Greifen deutlich, und roch

frische Druckerschwärze und hörte dumpf und dröhnend gewaltige

Rotationsmaschinen stampfen. Ich erlebte wieder im Traum die Hast und

die Hetze, das berauschende Arbeitsstürmen und den stillen schweigenden

Erfolgsjubel, die des Zeitungsmannes Teil sind. Große Sehnsucht kam

über mich. Davonlaufen hätte ich mögen. Lächerlich schien mir die

Uniform jetzt in den Zeiten des Friedens. Sie drückte mich. Sie wollte

so gar nicht passen. Firlefanz waren die breiten Sergeantenstreifen

in Schwarz und Silber nun; Tand die grellbunten Flaggen in weiß und

roter Seide auf den Aermeln. Ein erledigtes Stück Leben schienen mir

diese fünf Monate im Soldatenrock. Sie waren reich gewesen an farbigem

Schauen und köstlich würden sie einst sein in der Erinnerung, aber sie

durften beileibe nicht verlängert werden zu den langen drei Jahren, die

der Pakt eigentlich vorschrieb.

Eines Morgens ging ich zu Major Stevens ins Offizierszelt. Der Major

war nur wenige Tage früher als ich im Gesundheitslager eingetroffen,

nachdem er im Santiagoer Hospital eine bösartige Malariaerkrankung

überstanden hatte.

»Was gibt's, Sergeant?« fragte er knapp, gemessen, dienstlich, ganz

Offizier. Mit der Gemütlichkeit war es jetzt vorbei.

»Ein persönliches Anliegen, Herr Major!«

»Oh!« Sein Ton veränderte sich. »Nehmen Sie Platz, Sergeant, was kann

ich für Sie tun?«

»Ich möchte Sie bitten, Herr Major, meine Entlassung aus der Armee zu

befürworten.«

Er kaute auf seinem Schnurrbart. Dann schüttelte er energisch den Kopf.

»Geht jetzt nicht, Sergeant!« sagte er.

Die Worte trafen mich schwer.

Der Major lachte ein wenig. »Sie haben doch nicht etwa Grund zur

Unzufriedenheit?«

»Nein. Aber --«

»Ich weiß, ich weiß. Sergeantenstreifen locken Sie wohl nicht

besonders! Es war ein sehr gefährliches Experiment, Mr. Carlé, den Kopf

in die reguläre Armee zu stecken, denn unter drei Jahren wird so leicht

keiner losgelassen. Es wird aber gehen. Einige Monate jedoch müssen

Sie warten. Ich würde mich lächerlich machen, wenn ich gerade jetzt

ein derartiges Gesuch befürwortete. Außerdem würde es ohne Zweifel

abschlägig beschieden werden. Also in Ihrem eigenen Interesse --«

Und er erklärte mir, daß der Krieg die Notwendigkeit gezeigt habe, ein

Signalkorps in größerem Stil zu organisieren. Wir würden in wenigen

Tagen nach Fort Myer bei Washington kommandiert werden, um dort als

Stammtruppe Hunderte von neuen Signalisten heranzubilden. Da nur

gelernte Telegraphisten angeworben werden sollten, so würde diese

Ausbildung sehr schnell gehen und die Leute bald nach den Philippinen

und Kuba gesandt werden können, wo man sie brauchte.

»Unter diesen Umständen wird es dem Chef nicht einfallen, einem

Sergeanten die freiwillige Entlassung zu gewähren. Wird Ihr Gesuch aber

abschlägig beschieden, so können Sie es sobald nicht wieder einreichen.

Sie müssen warten. In drei, vier Monaten, dann wird's gehen. Solange

werden Sie es recht gut aushalten können. Wir bauen eine Ballonhalle --

wir beschäftigen uns mit dem Problem der Lenkbarkeit eines Luftschiffs

-- wir experimentieren mit der neuen Marconi-Telegraphie ohne Draht --

wir bekommen elektrische Automobile -- interessant genug wird's werden.

Ich bin übrigens zum Kommandeur des neuen Signalforts ernannt worden.

Sie werden vorläufig mein Sekretär sein. =Good morning, sergeant!=«

Da ging ich zum Strand hinunter und lief lange auf und ab. Nicht zu

ertragen schien mir mein Unglück ...

* * * * *

Ein lustiges Lächeln stiehlt sich über mich im Erinnern an jenen

Abschnitt in den jagenden Lausbubenzeiten. Ich war in Wirklichkeit

über alle Maßen unglücklich damals, daß ich den Sergeantenrock nicht

abschütteln konnte -- mit einem Halloh und einem Heidi, wie ich alles

Unbequeme abgeschüttelt hatte in der Vergangenheit und abschütteln

sollte in der Zukunft. Kreuzunglücklich bin ich gewesen. Und das

Lächeln wird zu einem großen Lachen, wenn ich mich daran erinnere,

wie prachtvoll die vier Monate meines Sergeantentums in Fort Myer bei

Washington werden sollten. Und wie alles ineinandergriff. Wie ich durch

das Signalkorps wieder zur lieben alten Zeitungsarbeit kam und wie es

wieder dahinging in Hast und Hetze über den amerikanischen Erdteil, ein

neues Wanderleben ...

Zeiten kamen und Verhältnisse, in denen kein Mensch geahnt haben

würde, daß der Mann der Feder je ein simpler Sergeant der Regulären

gewesen sein konnte -- und Zeiten kamen wieder, da der Sergeant

von dereinst sich auf das Soldatenblut besann und in einer der

Venezuela-Revolutiönchen Glückssoldaten kommandierte. Wie sich das

alles zutrug -- ja, das ist eine andere Geschichte und so umständlich,

daß sie leider noch in einem dritten Band geschrieben werden muß.

_Ende des zweiten Teils._

Der Deutsche Lausbub in Amerika: Erinnerungen und Eindrücke. Band 2 (von 3) · 第 23 / 26 题