Bei der amerikanischen Zeitung.
Bob bei den Münchner Neuesten Nachrichten. -- Die armen Teufel von
deutschen Journalisten. -- Ein Münchner Zeitungspalast. -- Im
amerikanischen Reporterzimmer. -- Wie das Zeitungsbaby sein
Handwerk erlernte. -- Das Geheimnis der Presse. -- Im Presidio. --
Ich lerne telegraphieren. --- Die Sprache des Kupferdrahts. --
Telegraphisches Lachen. -- Vom großen Lebenswert.
Ein Jahr mag es her sein oder zwei, als ich in meiner Vaterstadt
München einen alten amerikanischen Zeitungsfreund auf der Straße
traf. Wir gingen zunächst zum Frühschoppen ins Hofbräuhaus, und gegen
Ende der zweiten Maß weinte Bob beinahe. Zu traurig fand er es, daß
einer, dem es einmal vergönnt gewesen war, die Nase in die Welt der
amerikanischen Zeitung zu stecken, sich nun für deutsche Zeitungen
plagen und schinden mußte!
Er nahm die Münchner Neuesten Nachrichten vom Tisch und zerknüllte sie.
=»You poor devil!«= sagte er. »Du armer Teufel -- du ganz armer Teufel.
Euer Bier ist ein Wunder! Eure Gemütlichkeit ist prachtvoll! Eure Kunst
ist grandios! Aber eure Zeitungen -- großer Gott, Mann, das ist doch
keine Zeitung -- das ist ja ein Miniaturblättchen -- =damn it=, das
ganze Dings da, das sich eine Zeitung nennt, hat nicht einmal Raum
genug für einen einzigen anständigen Prozeßbericht!«
Worauf er des weiteren ausführte, daß es ihm ja an und für sich schon
unverständlich sei, wie irgend jemand irgend wo anders leben könne als
in =God's Country=, im Lande Gottes, in den gottbegnadeten Vereinigten
Staaten, denen zur absoluten Vollkommenheit nichts, aber auch nichts
fehle, als das nicht weniger gottbegnadete Bier der Kunststadt München.
Ein ewiges, mit sieben zolldicken Brettern vernageltes Geheimnis jedoch
sei und bleibe es ihm, daß einer, dem es vergönnt gewesen sei ---- usw.
usw.
Ich lachte und führte ihn in das Gebäude der Münchner Neuesten
Nachrichten.
Die Männer der Münchnerin sind allezeit gastfreundlich und gar
liebenswürdig gegen ihre Mitarbeiter, wovon der, der dieses Buch
schrieb, ein dankbar Lied zu singen weiß. Bob bekam manches zu sehen
und manches zu hören. Wir plauderten mit dem Feuilletonredakteur über
das Wesen des künstlerischen Feuilletons (das dem amerikanischen
Journalisten ein Buch mit sieben Siegeln ist) -- wir unterhielten
uns mit dem Mann der inneren Politik über den Leitartikel (der den
Zeitungen Amerikas etwas völlig Nebensächliches bedeutet) -- wir
suchten die Lokalredaktion heim, und ihr Schriftleiter benutzte
natürlich die gute Gelegenheit, ein nettes Interview über die Münchner
Eindrücke des amerikanischen Journalisten herauszuschinden.
»Gut!« sagte Bob draußen auf dem Korridor. »Verdammt gut! Die Leute
verstehen ihr Geschäft. Sie haben ihre Arbeit lieb. Schade nur, daß den
armen Teufeln so lächerlich wenig Zeilenraum zur Verfügung steht.«
Dann blieb er kopfschüttelnd stehen. »Da sagt man immer, in =Germany=
seien die Leute so überaus vorsichtig mit ihren Dollars!« brummte er.
»Aber ich will gehängt werden, wenn's bei uns eine einzige Zeitung
gibt, die ihre Leute auch nur annähernd so luxuriös beherbergt wie das
Blättchen da! =It's remarkable!=«
Immer erstaunter wurde sein Kopfschütteln, je mehr der Räume der
Redaktion er sah. Da waren Möbel, deren jedes Stück ein großer Künstler
entworfen hatte, und Wunder von künstlerischen Schreibtischen und
Beleuchtungskörper aus Bronze und kostbare Klubsessel und zauberhafte
Tapeten und Perserteppiche und Jugendoriginale an den Wänden, und von
der Hast und der Hetze des Zeitungslebens war äußerlich aber auch
gar nichts zu sehen. Leise nur wie ein Summen drang das Dröhnen und
Stampfen der riesigen Rotationsmaschinen aus dem betonumpanzerten
Erdgeschoß. Dann plauderten wir wieder mit anderen Männern, und Bob
sah, daß der Zeitungsgeist ein Weltgeist ist und die Zeitungsarbeit
überall die gleiche, gewaltige, gigantische trotz aller Unterschiede
der Art und des Formats. Er gluckste vor Wonne, als wir hinübergingen
in das Reich der »Jugend« und Saal auf Saal der wundervollsten
Kunstdruckmaschinen durchschritten, der vielen Dutzende stählerner
Bilderzauberer, die noch viel wunderbarer sind als das größte
Rotationsungetüm.
»Gut -- gut -- verdammt gut!« sagte Bob. »Aber wenn ich mich nicht sehr
irre, so habt ihr doch eins nicht: Unseren amerikanischen Reporter ...«
Da lachte ich und gab keine Antwort.
Denn meine Zeiten amerikanischen Reportertums sind mir wie ein liebes
Märchen erster Jugendliebe, und ein gar verknöcherter Kritikus muß der
sein, der Zeiten erster Liebe kritisch urteilend betrachtet. Ich glaube
nicht, daß wir in der deutschen Zeitungswelt gerade amerikanische
Reporterart haben. Ich weiß nicht einmal, ob es wünschenswert
wäre, hätten wir sie. Ich weiß nur, daß mein eigenes Erleben als
zwanzigjähriger Lausbub im amerikanischen Zeitungsdienst mir eines der
Jugendmärchen bedeutet, von denen man zehrt in den Tagen der Reife.
* * * * *
Äußerlich war nichts Märchenhaftes daran.
Der Tag eines Reporters beim =San Francisco Examiner= begann mit
Arbeit, war ausgefüllt mit Arbeit, endete mit Arbeit, und des Nachts
träumte man von der Arbeit.
Als ich zum erstenmal meinen Platz an einem Ecktisch im Reporterzimmer
einnahm, kam ich mir so unendlich hilflos, so geistesarm, so über alle
Maßen unfähig vor, daß ich am liebsten wieder davongelaufen wäre.
Ich starrte auf das weiße Papier, das vor mir lag, betrachtete das
Tintenfaß, sah mißtrauisch auf die Schreibmaschine auf dem kleinen
Tischchen neben mir und wunderte mich, was in Dreikuckucksnamen ich nun
eigentlich anfangen sollte. Zwölf Männern, dem gesamten Reporterstab
der Zeitung, war ich hintereinander vorgestellt worden, und ein jeder
hatte gelächelt und ein jeder irgend etwas Liebenswürdiges gesagt, um
sich dann in keiner Weise mehr um meine gräßlich verlegene Wenigkeit
zu bekümmern. So saß ich da, mit dem krampfhaften Gefühl, daß es die
Aufgabe eines Reporters war, irgend etwas zu schreiben. Aber was, zum
Teufel?
Ueberall um mich klapperten Schreibmaschinen. Die Türe wurde
fortwährend aufgerissen, und Leute kamen herein und gingen hinaus.
Meine neuen Kollegen schwatzten und lachten -- mitten in ihrer Arbeit.
Wie es möglich sein konnte, in diesem Höllenlärm einen vernünftigen
Gedanken zu Papier zu bringen, war mir vorläufig ein Rätsel.
Es roch nach frischer Druckerschwärze. Papier bedeckte knöcheltief
den Boden, allerlei Papier, handbeschrieben, maschinenbeschrieben,
bedruckt. Die Wände entlang standen zerschnitzelte und
tintenbeschmierte Pulte und kleine Tischchen, auf denen blanke
Schreibmaschinen thronten. Die eine Schmalseite des Zimmers nahm der
Bücherständer ein mit seinen unzähligen Nachschlagewerken. Eine Notiz
in roter Tinte besagte, daß der Sünder, der dabei ertappt würde, ein
Buch nicht an seinen richtigen Platz zurückzustellen, zu Pön und Strafe
jedem Anwesenden ein Glas Bier zu stiften habe. Da waren Telephone
an den Wänden und der elektrische Meldeapparat der Feuerwehr und
das Spezialtelephon zum Polizeihauptquartier und eine Karte von San
Franzisko und ein Tisch stand in der Zimmermitte, fußhoch mit den
neuesten Zeitungen bedeckt. Ueberall glitzerten elektrische Glühbirnen,
denn der Raum war zu groß, als daß das einzige Fenster selbst am
hellsten Sonnentag ihn hätte erleuchten können. Die geweißten Wände
waren dicht bekritzelt. Gegenüber der Eingangstüre stand in großen
Lettern:
»Fremdling, der du hier eintrittst, mach schleunigst, daß du wieder
hinauskommst, denn unsere Zeit brauchen wir selber!«
Und darunter deutete eine roh hingezeichnete Hand auf den großen
Schreibtisch in der Ecke beim Fenster:
»Allan McGrady, Lokalredakteur, Oberbonze, Hohepriester! Achtung, der
Kerl beißt!!«
Und mit einemmal waren alle die Männer verschwunden und der Raum leer.
Nur der Mann, der biß, war noch da. Er sah von seiner Arbeit auf und
rief mich beim Namen.
»Mr. McGrady?«
Allan McGradys scharfe Augen blinzelten vergnügt über die
Ränder der goldenen Brille hinweg. Ein Lächeln huschte über das
scharfgeschnittene, glattrasierte Gesicht. »Sagen Sie lieber gleich Mac
zu mir, mein Sohn,« meinte er grinsend, »denn in ein paar Tagen tun
Sie es doch. Hier hat jeder seinen Spitznamen, und ich werde wohl Mac
genannt werden bis zu meinem seligen Ende. Ihren Spitznamen kann ich
Ihnen übrigens prophezeien: als jüngster Reporter sind Sie und bleiben
Sie das =baby= bis Einer kommt, der noch jünger und noch dümmer ist wie
Sie!«