Carl Alexander."

Auf diesen Brief kam keine Antwort mehr. Die Hand der

Achtundsiebzigjährigen war müde geworden, und ein Schleier nach dem

anderen umhüllte ihren Geist. Wohl suchten auch ihre Träume den

Frühling, aber nicht den, der draußen die Bäume mit Blüten bedeckte, der

vor ihren Fenstern Veilchen und Reseden duften ließ, der mit holden

kleinen Lenzesgrüßen ihre Zimmer schmückte. Sie schlief -- sie träumte

-- und wenn sie die Augen öffnete und des Sohnes oder der Tochter Hand

leise drückte oder zärtlich über das Köpfchen ihres jüngsten Enkelkindes

strich -- dann war das ihres Gegenwartlebens einziges Zeichen. Kam der

Abend, und deckte der dunkle Schleier der Nacht Haus und Garten, dann

erst, so schien es, ward es lebendig um sie: wie leise Schritte war's,

wenn die Lindenblätter weich über die Scheiben strichen, wie Rauschen

von Gewändern, wenn durch den wilden Wein an der Mauer der Westwind

strich, wie Flüstern von Stimmen, wenn über das Dach hin die alten Äste

sich berührten. Alle sah sie, grüßte sie, lächelte ihnen zu und rief sie

mit Namen: die Mutter mit dem schimmernden Lockenhaar, die Kinder im

weißen Rosenkränzchen, den fernen Geliebten mit den durchgeistigten

Zügen des frühe vom Tode Gezeichneten, den Dichter mit den leuchtenden

Augen des Unsterblichen und den Vater, über dem leise und feierlich der

Adler Napoleons seine Kreise zog. Und es kam eine linde Juninacht, da

zogen sie die Tochter, die Mutter, die Geliebte, die Freundin mit in

ihren Reigen. Niemand sah, wie sie ihr nahte -- die Wandelung zu höheren

Wandelungen! Sie starb allein. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Hände

gefaltet, jede Falte hatte der Tod, ein sanfter Freund, aus ihrem

Antlitz weggewischt, ein hoheitsvoll-feierlicher Ernst lag auf ihren

Zügen. -- -- --

Der Haffwind pfiff über die wogenden Felder, rüttelte die toten Äste von

den Bäumen und streute weiße und rote und gelbe Blüten über die Wege,

als sie zu Grabe getragen wurde. Niemand dachte daran, die Tote dorthin

zu führen, wo ihres Geistes Geburtsstätte, ihres Herzens Heimat war;

niemand schenkte ihr den letzten Ruheplatz an der Seite der Mutter, in

der Mitte der Freunde, wo ein treues Gedächtnis ihn geschmückt, Liebe

ihn gepflegt hätte. In Legitten, mitten im öden Land, dicht an der

staubigen Straße, wo ein einsames Kirchlein zwischen spärlichen Bäumen

sich erhebt, umgeben von eines kleinen Dorfes armseligem Friedhof, dort,

dicht an der Mauer, liegt ihr Grab. "Die Liebe höret nimmer auf" steht

in goldenen Lettern auf dem eisernen Kreuz. Aber die, denen sie ihres

ganzen Lebens Liebe schenkte -- ihre Kinder -- sind weit, weit fort. Nur

die Blumen, die der Zufall zwischen dem Efeu wachsen läßt, und die

Blüten, die der Wind von den Linden herüberweht, schmücken die Stätte,

wo sie ruht, und statt daß Worte der Liebe und des Erinnerns sie grüßen,

zwitschern die Schwalben unter dem Kirchendach und das Glöcklein singt

sein Sterbelied, wenn neue Schläfer unter ihm einziehen.

Fühlt sie die Einsamkeit, die liebelose? Oder weiß sie, daß Blumen ihrem

Grab entsprießen, die nie verwelken, daß ein Ton aus ihm klingt, der

sich dem Siegeslied der Menschheit vermählt? Mir war's, als hätte ich

ihn gehört und müßte ihn weiter verkünden.

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 77 / 80 题