Auf diesen Brief kam keine Antwort mehr. Die Hand der
Achtundsiebzigjährigen war müde geworden, und ein Schleier nach dem
anderen umhüllte ihren Geist. Wohl suchten auch ihre Träume den
Frühling, aber nicht den, der draußen die Bäume mit Blüten bedeckte, der
vor ihren Fenstern Veilchen und Reseden duften ließ, der mit holden
kleinen Lenzesgrüßen ihre Zimmer schmückte. Sie schlief -- sie träumte
-- und wenn sie die Augen öffnete und des Sohnes oder der Tochter Hand
leise drückte oder zärtlich über das Köpfchen ihres jüngsten Enkelkindes
strich -- dann war das ihres Gegenwartlebens einziges Zeichen. Kam der
Abend, und deckte der dunkle Schleier der Nacht Haus und Garten, dann
erst, so schien es, ward es lebendig um sie: wie leise Schritte war's,
wenn die Lindenblätter weich über die Scheiben strichen, wie Rauschen
von Gewändern, wenn durch den wilden Wein an der Mauer der Westwind
strich, wie Flüstern von Stimmen, wenn über das Dach hin die alten Äste
sich berührten. Alle sah sie, grüßte sie, lächelte ihnen zu und rief sie
mit Namen: die Mutter mit dem schimmernden Lockenhaar, die Kinder im
weißen Rosenkränzchen, den fernen Geliebten mit den durchgeistigten
Zügen des frühe vom Tode Gezeichneten, den Dichter mit den leuchtenden
Augen des Unsterblichen und den Vater, über dem leise und feierlich der
Adler Napoleons seine Kreise zog. Und es kam eine linde Juninacht, da
zogen sie die Tochter, die Mutter, die Geliebte, die Freundin mit in
ihren Reigen. Niemand sah, wie sie ihr nahte -- die Wandelung zu höheren
Wandelungen! Sie starb allein. Ihre Augen waren geschlossen, ihre Hände
gefaltet, jede Falte hatte der Tod, ein sanfter Freund, aus ihrem
Antlitz weggewischt, ein hoheitsvoll-feierlicher Ernst lag auf ihren
Zügen. -- -- --
Der Haffwind pfiff über die wogenden Felder, rüttelte die toten Äste von
den Bäumen und streute weiße und rote und gelbe Blüten über die Wege,
als sie zu Grabe getragen wurde. Niemand dachte daran, die Tote dorthin
zu führen, wo ihres Geistes Geburtsstätte, ihres Herzens Heimat war;
niemand schenkte ihr den letzten Ruheplatz an der Seite der Mutter, in
der Mitte der Freunde, wo ein treues Gedächtnis ihn geschmückt, Liebe
ihn gepflegt hätte. In Legitten, mitten im öden Land, dicht an der
staubigen Straße, wo ein einsames Kirchlein zwischen spärlichen Bäumen
sich erhebt, umgeben von eines kleinen Dorfes armseligem Friedhof, dort,
dicht an der Mauer, liegt ihr Grab. "Die Liebe höret nimmer auf" steht
in goldenen Lettern auf dem eisernen Kreuz. Aber die, denen sie ihres
ganzen Lebens Liebe schenkte -- ihre Kinder -- sind weit, weit fort. Nur
die Blumen, die der Zufall zwischen dem Efeu wachsen läßt, und die
Blüten, die der Wind von den Linden herüberweht, schmücken die Stätte,
wo sie ruht, und statt daß Worte der Liebe und des Erinnerns sie grüßen,
zwitschern die Schwalben unter dem Kirchendach und das Glöcklein singt
sein Sterbelied, wenn neue Schläfer unter ihm einziehen.
Fühlt sie die Einsamkeit, die liebelose? Oder weiß sie, daß Blumen ihrem
Grab entsprießen, die nie verwelken, daß ein Ton aus ihm klingt, der
sich dem Siegeslied der Menschheit vermählt? Mir war's, als hätte ich
ihn gehört und müßte ihn weiter verkünden.