"Weimar, den 9. April 1890.
"Goethe sagt irgendwo:
Du im Leben nichts verschiebe,
Sei Dein Leben Tat um Tat,
Und Dein Streben sei's in Liebe,
Und Dein Leben sei die Tat.
"Es steht gewiß nicht im Widerspruch dazu, wenn ich mit der Beantwortung
Ihres liebenswürdigen Briefs die Zusendung des Buchs von M. Mejer über
Wolf Goethe verbinde, das Sie sicherlich interessieren wird. Der Autor
hat es mit Liebe geschrieben -- es gelingt nichts, wie Sie wissen, wenn
man nicht auch mit dem Herzen bei der Sache ist! ... Nur Sie allein,
meine sehr liebe und verehrte Freundin, könnten, wenn Sie die Biographie
Ottiliens schreiben wollten, etwas noch weit Besseres leisten, denn ich
glaube, daß im allgemeinen die Feder einer Frau mehr dafür geeignet ist,
eine so merkwürdige, ungewöhnlich begabte, aber niemals im Gleichgewicht
sich befindende Persönlichkeit zu charakterisieren, wie Frau von Goethe
es war. Ich komme abermals, um Sie darum zu bitten, obwohl ich verstehe,
daß Ihre Freundschaft für Ottilie Ihnen dabei einige Skrupeln macht.
Gestatten Sie mir dazu zu bemerken, daß es nur menschlich ist, Fehler zu
haben, daß aber alles Menschliche notwendig die Kritik herausfordert,
noch mehr jedoch auf Verständniß und Vergebung rechnen kann. Die
Geschichte Ottiliens ist im übrigen so bekannt, daß es sich um
Indiskretionen dabei kaum mehr handeln kann. Die Biographie ihrer
Freundin, Mrs. Jameson, ist ein Beweis dafür. Nur um die Auferstehung
der großen Epoche Weimars, die durch Walter Goethes großherziges
Vermächtniß hervorgerufen wurde, zur vollständigen zu machen, bitte
ich Sie, Ihre Erinnerungen und Ihre Feder in den Dienst der Sache zu
stellen ... Meine Frau dankt Ihnen herzlich für Ihre Glückwünsche, meine
Kinder vereinigen sich mit mir im Gefühl der Liebe und der Dankbarkeit
für Sie, und ich danke Ihnen noch besonders und voll tiefer Bewegung für
die Worte, die Sie meiner geliebten, unvergeßlichen Mutter gewidmet
haben. Ich habe das Recht, so zu sprechen, denn auf der einen Seite
führen mich meine Pflichten in die Vergangenheit zurück, auf der anderen
lebt mein Herz in ihrem Kultus. Er wird mit Gottes Hilfe der Compaß
sein, der mich in die Zukunft leitet, die ich mich bemühe, im Vorhinein
zu verstehen, indem ich die Geschichte studiere, und für die ich mich
vorbereite, indem ich mich selbst immer weiter zu einer selbständigen
Individualität zu entwickeln trachte ... Offene Aussprachen wie diese
sind nur Fortsetzungen unserer unvergeßlichen Weimarer Unterhaltungen.
Die Freundschaft ist doch die süßeste aller Gewohnheiten. Meinen Sie
nicht auch? -- Jedenfalls ist es die Ansicht