"Weimar, den 20. März 1890.
"Die Verlegenheit, meine teuerste Freundin, scheint mir den schlimmsten
aller Momente zu schaffen, um einen Brief zu schreiben. Dieser Gedanke
ist für mich zur Überzeugung geworden, als ich die Feder ergriff, um
Ihnen -- endlich! -- für Ihren liebenswürdigen Brief zu danken und für
die interessanten und wertvollen Notizen, die ihn begleiteten. Ich
bedarf von Seiten Ihrer alten und treuen Freundschaft aller Nachsicht
und all der Güte, die sich mir gegenüber stets bewährt hat, um Ihrer
Vergebung angesichts meiner Nachlässigkeit und Undankbarkeit sicher zu
sein. Ich habe aber trotzdem ein Recht, zu versichern, daß meine Sünden
nur scheinbare sind: Sie werden die erste sein, mir zu vergeben, wenn
Sie sich erinnern wollen, welch traurige Pflichten mich Anfang des
Monats nach Berlin geführt haben. Nun aber bin ich wieder zu Ihren Füßen
mit meinem aufrichtigsten Dankgefühl. Nehmen Sie es als solches an.
"Ihre Notizen haben den doppelten Reiz eines wichtigen und interessanten
Inhalts und einer entzückenden, faszinierenden Form. Wir sollten Ihr
Gedächtnis und Ihre Feder in Anspruch nehmen, um ein Bild der
Gesellschaft Weimars zu zeichnen. Ich habe mir immer gewünscht, daß ihre
Geschichte geschrieben würde. Das könnte nicht besser geschehen, als
wenn Zeitgenossen einzelne Personen darstellen, und Niemand in der Welt
wäre dazu besser imstande als Sie. Und so sehen Sie mich abermals als
Bittenden nahen, um Sie zu beschwören, es zu tun! Die Biographie
Ottiliens wäre das erste, was Sie unternehmen sollten. Ein Lebensbild
Walter Goethes zu zeichnen, würde ich sehr gern unternehmen. Wolf hat
einen ebenso treuen wie geschmackvollen Biographen in seinem Freunde
Mejer gefunden. Der Salon von Johanna Schopenhauer ist von Stephan
Schütze geschildert, aber noch nicht veröffentlicht worden. Eine
Sammlung würde auf diese Weise entstehen, die an Interesse zunehmen
würde, je mehr die Epoche sich entfernt, die sie schildert, und je mehr
die litterarischen Publikationen des Goethe-Schiller-Archivs
fortschreiten. Diese würden für unsere Sammlung erst die Atmosphäre
schaffen. Lassen Sie mich Ihrem Nachdenken meine Überlegungen
anvertrauen, während die Vögel von Liebe singen und die Blumen den
Frühling predigen. Zahllose Kindererinnerungen sind durch Ihre Notizen
erweckt worden wie Blumen aus dem Lenz meines Lebens, und es ist nicht
ohne tiefe Bewegung -- Sie können nicht anders empfunden haben! -- daß
ich diese Zeugen der Vergangenheit vor mir lebendig werden sah! ...
"... Wie fehlt mir dauernd mein treuer Beust, und wie anders wäre es,
wenn Sie mir nicht auch fehlen würden!
"Die Reichstagswahlen haben uns hier sehr beschäftigt, wir sind von den
Resultaten degoutiert. Ich finde übrigens, daß der Moment für den
Abschied des Reichskanzlers sehr schlecht gewählt ist. Daß er es so
wollte, vermindert beinahe den Eindruck des Unglücks, das im ersten
Moment empfunden wurde.
"In der Verlegenheit habe ich angefangen, ich schließe mit der Politik
-- Beide begegnen einander öfters -- Der Himmel wolle, daß wir von der
einen entfernt bleiben und daß Sie aus der anderen befreien
"Ihren treuesten, anhänglichsten und ganz ergebenen Freund