Nordwärts von Königsberg führt die Chaussee durch ein Land, das sich
glatt wie ein Tischtuch bis zum Kurischen Haff erstreckt. Wogende
Kornfelder, grüne Wiesen, soweit das Auge reicht, nur hie und da von
schmalen Waldstreifen unterbrochen, deren Eichen ihre knorrigen,
zackigen Äste in tausend abenteuerlichen Formen nach allen Richtungen
der Windrose recken -- ein Zeichen all der Stürme, mit denen sie um ihr
Leben kämpfen mußten. Nach ein paar Stunden glatter Fahrt, vorüber an
strohgedeckten Häuschen und großen schmutzigen, lärmenden Kneipen,
wendet sich der Weg nach links. Dicke, kurzgeschnittene Weidenstämme,
deren lichte junge Kronen so drollig wirken wie blondes Lockengewirr
über einem runzligen Greisengesicht, fassen ihn zu beiden Seiten ein.
Über die tiefgefahrenen harten Geleise holpert der Wagen, während das
junge, unruhige Viergespann, die Nähe des Stalles witternd, weiter
ausgreift. In eine breite Allee, über die sich uralte Linden zu
lebendigem Dome wölben, schwere Duftwellen ringsum verbreitend, mündet
der Weg. Und durch ein Tor, von dicken Steinmauern flankiert, die, aus
unbehauenen Blöcken, wie von Zyklopenhänden aufgerichtet erscheinen und
das Ganze einer Festung ähnlich machen, geht es hinein auf den breiten,
vom Reichtum seiner Besitzer Zeugnis ablegenden Gutshof von Lablacken.
Ringsum langgestreckte, massive Ställe, auf die, von der Weide kommend,
die vierbeinigen Bewohner gemächlich zuschreiten; die schwarz weiß
gefleckten Rinder von der einen Seite, die sich ängstlich
zusammendrängende Herde der Schafe von der anderen, und schließlich in
hellem Galopp unter fröhlichem Wiehern der Trupp der jungen Pferde,
deren schmale Fesseln und schlanken Hälse von ihrer edlen Abstammung
Zeugnis ablegen. Am Herrenhaus, das nur eine niedrige Mauer und ein paar
himmelhohe Pappeln vom Gutshof trennen, müssen sie alle vorüber. Ein
seltsames Haus ist es: Jahrhunderte haben an ihm gebaut, ohne Rücksicht
auf Stil und Schönheit, nur bestrebt, Platz zu schaffen für die mit dem
Wohlstand steigenden Bedürfnisse der Bewohner. Im Grunde sind es drei im
Halbkreis aneinandergereihte zweistöckige Gebäude; über jedem der Tore
prangt ein in Stein gehauenes Wappenschild, das derer von Ostau und von
Wnuk und zuletzt das der Gustedts: die drei eisernen Kesselhaken im
goldenen Felde. Der Mittelbau enthält die Eingangshalle: Elchfelle auf
dem Boden, Elchgeweihe an den Wänden, schwere alte Eichensessel, Tische
und Schränke als Einrichtung, dazwischen als einzige helle Flecke in dem
dämmigeren Raum ein paar Ritterrüstungen, auf denen das Licht in weißen
Reflexen spielt. Zu beiden Seiten steigt im Hintergrund die dunkle,
braune Treppe empor, nur geradeaus, wo die große gedeckte Veranda nach
dem Park mündet, schimmert das Grün der hohen Linden herein. Fast
endlos, so scheint es, ist die Flucht der Zimmer, die sich oben und
unten, von Fluren, Treppen und Winkeln vielfach unterbrochen, rechts und
links durch die langgestreckten Häuser ziehen. Alle Zeiten, alle Stile
spiegeln sich ab in ihnen: verblaßte Rokokostühlchen, von deren alter
Pracht nur noch flüchtige Reste von Vergoldung zeugen, mächtige Truhen
und Schränke, die einst den selbstgesponnenen und gewebten Leinenschatz
der Hausfrau bargen, steife, feierliche Empiremöbel mit Bronzebeschlägen
und gelbem Seidenbezug, und die ehrbar-gemütlichen Biedermeierkommoden,
Servanten und breiten, schwerfälligen Sofas aus der Großväterzeit
erinnern an die Generationen, die hier geboren wurden, arbeiteten,
lebten und starben. Auch am lichtesten Sommertage ist alles wie von
graugrünen Schleiern umhüllt, und ein Geruch, wie von feuchtem, welkem
Herbstlaub durchströmt die Räume, denn dicht um das Haus stehen alte
Pappeln und Linden, so daß ihre rissigen Stämme die Mauern berühren,
ihre Äste an die Fenster klopfen, ihre Kronen sich über das Dach hinweg
grüßen. Zu ebener Erde, im Eßsaal, vor dessen breiter Glastür die
älteste der Linden Wache hält, hängen ringsum dunkelgerahmte Bilder an
den Wänden: Männer mit dem Lockenhaupt des großen Kurfürsten, mit
Allongeperücken und Galanteriedegen, mit dem steifen Zopf des großen
Friedrich, im braunen Wertherfrack oder mit hohen Vatermördern -- alte
und junge, harte, finstere, und fröhliche, weiche Gesichter, ohne einen
gemeinsamen Zug darin, der darauf deuten ließe, daß sie eines
Geschlechtes wären -- und zwischen ihnen die Frauen, solche mit dichter
Haube und glatt gescheiteltem Haar, die Arme verschränkt unter der
züchtig bedeckten Brust, oder die Hände, das weiße Tüchlein haltend,
gekreuzt über dem Leib, und solche mit gepudertem Köpfchen,
hochgeschnürtem Busen und enger Taille, oder im klassisch frisierten
Lockengewirr und tief ausgeschnittenem Empiregewand -- alte und junge
auch unter ihnen, und doch alle einander ähnlich, wie Schwestern.
Es ist des Hauses seltsam geheimnisvolles Schicksal, das aus diesen
Bildern spricht: Schon lange, lange ist es her, daß hier nur Mädchen
geboren wurden, daß der alte Besitz sich vererbte von Tochter zu
Tochter, mit den Namen ihrer Gatten den Namen des Besitzers wechselnd.
Und eine dieser Frauen, aus deren todblassem Gesicht ein paar dunkle
Augen feindselig funkeln, hat, so erzählt man, von irgendeinem finsteren
Geheimnis belastet, keine Ruhe gefunden im Grabe; mit hohen
Stöckelschuhen geht sie allnächtlich durchs Haus, und das Klappern ihrer
Tritte, das Rauschen ihrer seidenen Röcke, die tiefen, schweren Seufzer,
die sie ausstößt, will schon manch einer gehört haben, wenn der Sturm,
vom Kurischen Haff herüberbrausend, draußen heulte und pfiff und die
alten Baumäste knarrten und die Blätter an die Fenster schlugen. Auch
die Buchenallee im Park, die vor hundert Jahren ein zierlich
beschnittener Laubengang war, soll sie zuweilen auf und nieder gehen.
Vielleicht war sie es, die diese Bäume, die die geraden Wege mit den
Blumenrabatten zu beiden Seiten anlegen ließ und die undurchdringlich
dichten Lauben von Flieder und Jasmin! Einer der Wege durchschneidet
den großen Garten von Osten nach Westen. Wo er beginnt und wo er
aufhört, ist die Mauer von einem hohen hölzernen Bogenfenster
unterbrochen. Wer abends durch das eine gen Westen hinausschaut, der
sieht, wie jenseits der Felder und Wiesen am äußersten Horizont der rote
Sonnenball in den grauen Fluten des Kurischen Haffs versinkt, und wer
durch das andere am frühen Morgen die Blicke schweifen läßt, den soll
auch der dämmernde junge Tag an das Scheiden gemahnen, denn hinter dem
fernen Kirchturm von Legitten, unter dem die Toten von Lablacken
begraben werden, steigt er auf. -- -- --
Hier war es, wo Jenny Gustedt ihres Lebens letzte Station gefunden
hatte. In der geräumigen Wohnung des Erdgeschosses von einem der drei
Häuser richtete sie sich in alter, vertrauter Weise ein. Ihr zuliebe --
denn Luft und Licht war ihr ein Lebensbedürfnis -- ließ ihr Sohn zwei
der großen beschattenden Bäume vor ihren Fenstern fällen, so daß die
Sonne von allen Seiten freien Zutritt hatte. Monatelang versammelten
sich jeden Sommer ihre Kinder und Enkel um sie, und da die
Gastfreundlichkeit ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter keine Grenzen
kannte, so war in der schönen Jahreszeit für sie fast zu viel der
Unruhe, der sie freilich durch ein mit dem zunehmenden Alter immer
häufigeres Zurückziehen in ihre stillen Stuben entgehen konnte. Die
fremden Gäste brachten ihr auch allzu wenig, denn so sehr sie sich
fröhlicher Jugend freute und für harmlosen Witz ein heiteres Verständnis
besaß, so vertrug sie doch schwer den herrschenden Ton der dortigen
Gesellschaft. Die Signatur ihrer Unterhaltung war die Oberflächlichkeit;
man hätte fast ein stillschweigendes Übereinkommen aller vermuten
sollen, durch die jede Vertiefung eines Gesprächs verhindert wurde.
Meiner Großmutter Auffassung, wonach Vornehmheit Ruhe ist, erschien hier
in ihrer Karikatur: man war ruhig, weil man sorgfältig alles zu berühren
vermied, was Uneinigkeit und damit Unruhe hätte hervorrufen können.
Seine tiefsten Gedanken, seine eigensten Sorgen behielt ein jeder für
sich. Durch Reiten und Kutschieren, durch Jagd und Segelfahrt und durch
den ostpreußischen Nationalfehler langer und häufiger Mahlzeiten war der
Tag für die Gäste ausgefüllt; um gesellschaftlichen und nachbarlichen
Klatsch drehte sich die allgemeine Unterhaltung; kam das Gespräch auf
politische Fragen, so wurde es ausschließlich eins der in der Hauptsache
-- in ihrer parteipolitischen Stellung dazu -- von vornherein einigen
Männer. Auch der beste, naheliegendste Anknüpfungspunkt zur Entwicklung
tieferer Interessen, die praktischen Fragen der Landwirtschaft, bildeten
das Sondergebiet des Gutsherrn, für das er ein ernsteres Verständnis bei
anderen weder voraussetzte noch zu wünschen schien. Selbst seiner
Mutter, die seine Pläne und seine Tätigkeit, zwischen Freude und Sorge
schwankend, verfolgte, gewährte seine Zurückhaltung nicht den Einblick,
den sie sich so dringend gewünscht hätte.
Das schöne große Gut, ein kleines Fürstentum nach mitteldeutschen
Begriffen, bot dem tätigen Landwirt die größten, abwechslungsreichsten
Aufgaben. So hatte es seit Menschengedenken durch die Überschwemmungen
der Wasser des Kurischen Haffs zu leiden gehabt; Felder, Wiesen und
Weiden waren so und so oft auf Jahre hinaus dadurch ihres Wertes beraubt
worden. Jetzt erhoben sich unter der Leitung des neuen Besitzers
allmählich Dämme und Deiche gegen die anstürmenden Wogen, und Kanäle
durchzogen nach allen Richtungen hin die Felder, so daß ganze Strecken
sumpfigen Landes in üppige Wiesen verwandelt wurden. Der Wald, dessen
uralter Baumbestand und dessen Bewohner, die riesigen Elche, an jene
dunkle Vorzeit erinnerten, wo noch kein menschlicher Fuß die öde Wildnis
des Samlandes betrat, wurde allmählich licht und schön. Das Haff, das
bisher nur wenigen armen Fischern kärgliche Nahrung geboten hatte und
allen wie ein finsterer Feind erschien, in dessen unergründlicher Tiefe
die letzte der heidnischen Göttinnen, Neringa, die Riesin, hauste, Jahr
um Jahr Steinblöcke emporschleudernd, um die Menschen zu verderben,
wurde nicht nur zu einem fröhlichen Tummelplatz für die elegante Jacht
des Gebieters, auch ein fester Hafen wurde gebaut, wo die Fischer
Zuflucht fanden und wo allmählich mehr und mehr große Kähne landeten, um
den Reichtum an Steinen zu verfrachten. Alljährlich hatte der Landmann
die seltsamen, immer wieder neu auftauchenden erratischen Blöcke beim
Bestellen der Felder sprengen und sammeln müssen, hatte überall, nur um
sie beiseitezuschaffen, breite Mauern aufgeschichtet; jetzt fuhr eine
Feldeisenbahn sie zum Hafen, und sie wurden zur Quelle reicher
Einnahmen. Die Vermehrung der Wiesen und ihres Ertrags führte zu einer
Vergrößerung und Modernisierung der Milchwirtschaft. Für alle Gebiete
der Landwirtschaft wurden neue Maschinen aller Art angeschafft und, als
einer der ersten, der den Versuch wagte, wurden in Haus und Gut
telephonische Verbindungen angelegt. Aber neben diesen großen
praktischen Reformen steigerten sich die Luxusbedürfnisse: der
altmodische Garten, mit seinen Georginen und Malvengängen, seinen
verwachsenen Lauben und versumpften Teichen wurde in einen englischen
Park verwandelt, das Haus wurde vielfach erweitert, die alten Möbel
wanderten in die Fremdenzimmer und machten neuen Platz; die Zahl der
Reit- und Wagenpferde vermehrte sich, eine kostbare Pferdezucht, eine
Fasanerie wurde eingerichtet -- kurz, wenn sich die Mutter auf der einen
Seite der rastlosen landwirtschaftlichen Tätigkeit ihres Sohnes freute,
so wuchsen auf der anderen ihre Sorgen.
Nach einem langen Aufenthalt bei ihr schrieb sie mir: "Als der Wagen,
der mein bestes, geliebtes Kind und ihre zwei trautsten Töchter auf
lange entführte, verschwunden war, ging ich wie im Traum in meine Stube
und sammelte meine Gedanken und Gefühle. Mein großmütterliches Herz war
überfließend weich, als ich mit Rührung die 5 Monate an mir vorübergehen
ließ, in der mein liebes Enkelkind mir nur noch mehr ans Herz wuchs ...
Ruhe und Friede ist um mich, auch treue, gute kindliche Liebe. Wer aber
kürzlich doppelt so viel besaß, muß sich erst an Herzensgenügsamkeit
gewöhnen, um so mehr, als ich mir auch wieder das Schweigen angewöhnen
muß über all die vielen Dinge, die wir, mein Lilychen, miteinander
beredeten ... Ich bekomme von allen Freunden Kondolenzbriefe über meine
bevorstehende Einsamkeit, wenn Werners ihren Winteraufenthalt in
Königsberg nehmen, aber ich empfinde sie doch nur an solchen Tagen
ernst, wo meine Augen zur Schonung mahnen und Freundschaftsstündchen wie
in Weimar wohltätig wären. Ich habe aber Gott Lob eine Virtuosität, in
Gedanken und Briefen mit meinen Lieben in der Ferne weiter zu leben, und
mein Körper bedarf immer mehr der Ruhe und Einförmigkeit, so daß ich den
Winter nicht allzusehr fürchte."
In einem anderen Briefe heißt es: "Werners fahren diese Woche zum
Rennen, da ihre Pferde beteiligt sind. Auch diese Sache hat nicht meine
Billigung, doch mache ich meinen Tadel nicht breit, wenn ich weiß, daß
er nichts nützt. Hier sind in diesem Jahr ungeheure Arbeiten gemacht
worden, Gott segne sie und lasse aus dem Überstürzen keine Sorgen
entstehen und aus der zu vielen Arbeit keine Abspannung für meinen
lieben Sohn. Er ist jetzt oft recht hypochonder, was bei dem vielen
Regen, der Erschwerung der Kanalarbeiten, den sich mehrenden Lasten
durch Verwöhnungen und der vollkommenen Unfähigkeit, sich
einzuschränken, mich nicht Wunder nimmt. Seine Frau hat es dann um so
leichter, um ihre Abneigung gegen das Landleben -- das herrliche,
segensreiche, natürliche Landleben! -- einzuimpfen und ihm den
Aufenthalt in Königsberg oder Berlin als viel angenehmer erscheinen zu
lassen. Und dann wundern sich die Gutsbesitzer, wenn ihre Arbeiter
demselben Zug nach der Stadt folgen! ..."
Einem Brief des folgenden Jahres entnehme ich diese Zeilen: "Mein Werner
war drei Tage hier. Sie könnten so schön sein, wenn die Flut
unangenehmer Geschäfte ihn nicht immer unter Wasser brächte und die
Sorgen ihn mir gegenüber nicht so verschlossen machten, daß ihn selbst
mein stilles ängstliches Lesen in seinen müden Zügen nervös macht. Dabei
immer neue Pläne und Wünsche, die er befriedigen soll, unaufhörliche
Ansprüche an Amüsements, wo doch hier aus der täglichen Erfüllung der
Pflichten ein so tiefes, reiches Glück blühen könnte, vor dem jedes
Vergnügen nichts ist als ein Rausch, aus dem man krank erwacht ... Glück
suchen die lieben Beiden, d. h. stete Erfüllung ihrer Wünsche, und es
ist doch so leicht zu sehen, daß auf Erden nichts darauf eingerichtet
ist. Im alltäglichen Leben kommt ähnliches Erkennen so ganz von selbst,
z. B. eine Schulstube nicht für ein Theater, eine Scheune nicht für
einen Ballsaal zu halten, sie sind eben nicht darauf eingerichtet. Man
sollte das Leben gleich klar und tapfer und freudig nehmen als das, was
es ist: als Schule, Schule mit Freistunden, Sonntagen, Ferien, aber
immer Schule. Es giebt selten Schüler, die die Schule lieben, aber alle
lieben das Gelernte ... Nimm dir kein Beispiel, mein Lilychen, an dem
Styl dieses Briefes, der meinen alten französischen Professor noch im
Grabe ängstigen könnte: ein Brief, sagte er, muß wie ein Bächlein
fließen, das tausend kleine Wellen hat, aber nur einen Lauf. Ein Thema
muß unweigerlich aus dem andern sich entwickeln, ohne daß der Faden
verloren geht! ..."
Zu den Sorgen um die Kinder und ihr Ergehen kamen die um die Enkel
hinzu: da war der Sohn ihres armen Ältesten, der nicht recht
fortzukommen vermochte in der Welt, da war das Töchterchen ihres
Jüngsten -- wieder ein Mädchen, ein einziges, das unter Lablackens Dach
geboren worden war --, dessen Leiden eine langwierige Kur notwendig
machte, an deren Erfolg die Großmutter nicht glauben konnte, da war
meine schwere Erkrankung, die mich ein paar Jugendjahre kostete.
"Ich wache jetzt regelmäßig im Morgengrauen mit starkem Herzklopfen
auf," schrieb sie damals, "wobei alle meine Angst um Kinder und Enkel
mir recht lebendig wird. Dann wird es recht schwer, den kategorischen
Imperativ, den ich am Tage zu meinen Pflichten stelle: Sorget nicht! zu
erfüllen. Menschliche und Herzensgründe habe ich wohl nach allen Seiten
hin: hier die durch überwältigende Lasten eines Luxuslebens gesteigerten
landwirtschaftlichen Nöte, die auch meines lieben Sohnes Gesundheit
erschüttern, dazu der Stoizismus des Schweigens über die Dinge, die man
glaubt, nicht ändern zu können oder die man nicht ändern will, und der
allmählig bei meinen Kindern zur Verkehrstradition geworden ist. Und bei
Ottos die Existenz auf einem Ast, der sie widerwillig trägt, bei ihm wie
bei Werner Gedankenwechsel auf eine große Zukunft, bei denen die
Millionen in der Luft hängen -- das ist, mein Lilychen, nicht die Art
Deiner alten soliden Großmutter, aber leider die Art unserer
Gesellschaft, die sich selbst ihr Grab gräbt ... Die Vertrauensfähigkeit
ist bei mir zu sehr ausgegangen, als daß ich mit hoffen könnte ..."
Ich befand mich damals, als die Krankheit mir Zeit zum Grübeln ließ, in
jenem inneren Konflikt, den viele Mädchen unserer Kreise, die nicht im
oberflächlichen Genußleben aufzugehen vermögen und weder einen ernsten
Beruf haben noch heiraten wollen ohne Liebe, durchkämpfen müssen. Als
ich einmal wieder in Lablacken war, erriet meine Großmutter mehr, was
mich quälte, als daß ich es verraten hätte -- zum "Stoizismus des
Schweigens" war auch ich dressiert worden. Es kam zu ernsten Aussprachen
zwischen uns, und was sie sagte, gipfelte immer in dem Rat: schaffe dir
durch dein Talent so viel innere und äußere Selbständigkeit, um nicht
heiraten zu müssen! Sie regte mich mündlich und brieflich immer wieder
zu schriftstellerischer Arbeit an, bat mich, ihr alles zu schicken, was
ich geschrieben hatte, "Du brauchst Dich dabei vor mir nicht zu
fürchten, mein geliebtes Herzenskind," schrieb sie, "höchstens binde
ich einige zu üppige Schlingpflanzen Deiner Phantasie an, damit der
Sturm sie nicht zerzaust." "Entschließe dich," heißt es in einem anderen
Brief, "nicht zu einer Heirat, weil irgend jemand Dir zuredet, oder etwa
gar aus Mitleid mit einem Kurmacher -- das ist schon das allerdümmste!
-- oder weil Du fürchtest, zu alt zu werden. Glaube fest, daß die späten
Heiraten die besten sind. Junge Eheleute entwickeln sich fast immer
auseinander, und da Scheidungen, so notwendig sie oft sein mögen, immer
ein Gefolge schwerer Schmerzen und Bitterkeiten nach sich ziehen, so ist
es besser, zu warten, bis der reife Verstand, das reife Herz ihre Wahl
treffen." Ein paar Jahrzehnte früher hatte Jenny Gustedt im Hinblick auf
Lewes' und George Sands Apostelschaft für freie Ehen noch geschrieben:
"Ich betrachte die Ehe in ihrer Heiligkeit und Unauflösbarkeit als einen
Hebel des Göttlichen, als die Stütze wahrer Reinheit und Liebe, als
Schutz und Schirm von Frauenehre und Frauentugend, als das festeste Band
bürgerlicher Ordnung und geselliger Anmuth. Diese außerehelichen
Verhältnisse, auch bei edleren Naturen, lassen immer in Kampf und
Irrgängen mit der Welt und mit sich selbst, sie tragen das Gepräge des
selbstgemachten Geschickes, sie werden nicht wie ein Gegebenes fest und
demüthig hingenommen, weil sie eben lösbar sind und dem Menschen den
Versuch gestatten, einen Mißgriff durch einen zweiten und dritten
Mißgriff zu verbessern. Es ist deshalb nicht genug zu betonen, wie groß
Goethes Charakter sich zeigte, als er sich gerade mit der alternden
Geliebten ehelich verband und sich selbst damit befahl: Sie ist Dir
gegeben, bleibe ihr treu! Wir kommen schnell dahin, weltliche Stellungen
und Verhältnisse als etwas Gegebenes anzunehmen, uns ihnen in Treue und
Demuth anzupassen, und wir sollten vor allen Dingen Menschen als
Gegebene betrachten und uns dahin erziehen, wie Goethe es that, uns,
unser Glück und unser ganzes Wesen so zu bilden, daß wir damit an keinem
der uns gegebenen Menschen Schiffbruch leiden. Von den Verhältnissen
zwischen Eltern und Geschwistern wird dies noch eher eingesehen, bei der
Ehe wird es so selten und so spät verstanden, weil man sich einbildet,
den Mann oder die Frau gewählt und nicht empfangen zu haben. Wer hat
aber je die und vollends den Gewählten im engsten Zusammenleben
wiedergefunden? Besser -- schlimmer -- jedenfalls anders, und dem echten
Menschen -- ich erinnere wieder an Goethe -- muß es dann so recht sein,
er muß dem Gegebenen halten, was er dem Gewählten versprach."
Und sie hatte, als man sie auf die vielen unglücklichen Ehen verwies,
gesagt: "Ich bin trotz alledem ein Advokat der Ehe, die doch, trotz Wenn
und Aber und Ach und Leider, das beste ist, was man wählen kann." Jetzt,
auf der Höhe ihrer Lebenserfahrung, schrieb sie mir: "Ich habe meine
alten Ansichten vielfach modifiziert, nachdem ich Menschen kennen
lernte, die nichts zusammenhielt als ihre treue Liebe, und Ehen sah, die
auch vom strengsten christlichen Standpunkt aus nicht aufrecht erhalten
werden durften, ohne die sittliche Verderbniß von Eltern und Kindern
nach sich zu ziehen. Auch die unbedingte Empfehlung der Ehe vermag ich
nicht mehr aufrecht zu erhalten. Jedenfalls sollte sie nicht wie bisher
als einziger Beruf des Weibes aufgefaßt werden; das Resultat davon ist
auf der einen Seite die Tragik der beschäftigungslosen alten Jungfer,
die vergebens auf die Ehe gewartet hat, auf der anderen die oft noch
größere der Frau, die den Gatten verlor, die Kinder fortgeben mußte und
nun verzweifelnd vor einem leeren Leben steht. Darum mag Dir bescheert
sein, was da will, sichere Dir auf alle Fälle den inneren Schatz, den
der Rost und die Motten nicht fressen und der unter allen Umständen die
reichsten Zinsen trägt ... Ich möchte Dir gerne dabei behülflich sein
und kann es nicht in dem Maß, wie ich möchte. Mir fehlt leider gute
Lektüre, wie sie mir in Weimar von allen Seiten zufloß. Ich scheue die
Anschaffungskosten wertvoller Werke, und was Werners aus der
Leihbibliothek kommen lassen, ist zwar ein Zweig der Litteratur, den ich
bisher zu gering schätzte -- Tendenzromane und Sittennovellen -- und der
manches Gute und Belehrende bringt, aber doch nur für ein Publikum, das
es in anderer Form nicht annehmen mag. In meinen stillen Stunden würde
ich mich noch gern mit Übersetzen beschäftigen, da das Selbstproduzieren,
wozu ich früher Kräfte hatte und keine Zeit, und jetzt Zeit habe und
keine Kräfte, doch nicht mehr mit 73 Jahren in Angriff genommen werden
kann; aber auch dazu fehlt Gelegenheit und Material ..."
Es war die geistige Einsamkeit, die ihr dann am drückendsten fühlbar
wurde, wenn sie unter Menschen war. Sie empfand, was Goethe aussprach,
der bis in seine letzten Lebensjahre ein freudig Empfangender blieb und
darum als Geber so überschwenglich reich sein konnte: "Wir sind Alle
kollektive Wesen ... Wir müssen empfangen und lernen, sowohl von denen,
die vor uns waren, als von denen, die mit uns sind. Selbst das größte
Genie würde nicht weit kommen, wenn es Alles seinem eigenen Innern
verdanken wollte." Und wenn sie auch niemals darüber sprach, so mochte
die Sehnsucht nach Weimar, das ihre Heimat war und blieb, doch oft ihr
Herz mit stiller Wehmut füllen. Die Liebe zu ihren Kindern hatte sie
fortgetrieben, aber was sie ihnen von den Schätzen ihres Innern geben
konnte, das galt ihnen nichts, und was sie empfing, war nicht viel mehr
als ein wenig pflichtmäßige Zärtlichkeit, die einer Mutter galt, deren
tiefstes Wesen allen ihren Kindern fremd und unverständlich war. Wie oft
krampfte sich mir das Herz zusammen, wenn ich sah, wie ihre Gedanken und
Empfindungen mit einer Art nachsichtigen Mitleids belächelt wurden, wie
ein spöttisches Wort über ihren "liederlichen" Freund Goethe sie
verstummen machte, welch beziehungsreiche Stille eintrat, wenn "die gute
Mama" von Seelenerfahrungen zu sprechen versuchen wollte. Nein, hier
fand sie die Saiten nicht, aus denen ihr Spiel Töne hätte hervorlocken
können, hier war niemand, der für ihren nie verlöschenden geistigen
Durst einen frischen Trunk bereithielt.
Auch mit ihrer Anteilnahme für das Wohl und Wehe der Gutsinsassen, der
Knechte und Mägde, der Instleute und Dorfbewohner stand sie allein. Hier
geschah nichts, das an jene umfassende Tätigkeit erinnerte, die sie in
Garden und Rosenberg ausgeübt hatte. "Am Notwendigsten fehlt es zwar
nicht," schrieb sie, "aber dafür am Freiwilligen vollständig, und es
wird, fürchte ich, so lange daran fehlen, bis dies unterwürfige demütige
Volk aufhören wird, den Rocksaum der Herrin und die Hand des Gebieters
zu küssen, und fordern wird, was man ihm von selbst nicht gab.
Unendliches wäre hier zu leisten: den armen elenden Weibern die
notwendigsten Begriffe von Reinlichkeit und Haushaltung beizubringen,
die Männer in ihren Feierstunden mit unterhaltender und belehrender
Lektüre zu versorgen, statt daß sie im Krug alles Verdiente durch die
Gurgel jagen. Und was wäre Alles für die Kinder zu tun, bei denen
überhaupt jede Arbeit anzufangen hat! Sie wachsen buchstäblich zwischen
den Schweinen und im Straßenkot auf, von klein an gewöhnt an die
widerlichsten Eindrücke der Unzucht und der Trunkenheit, und von der
Schule, die für sie der lichte Punkt des Lebens, der Ausgang von
geistiger Erweckung, Sittlichkeit und Frohsinn sein sollte, erwarten sie
nichts als Prügel." Um den Wünschen und Ratschlägen der Mutter in etwas
nachzugeben, richtete ihr Sohn einen Kindergarten ein, für den eine
ehemalige Krankenschwester als Leiterin gewonnen wurde. Meine Großmutter
hatte die größte Freude an den vielen strohgelben Kinderköpfchen, die
sich nun zu fröhlichem Spiel alltäglich versammelten, und den ärmsten
unter ihnen, den armen vaterlosen, wandte sie wie immer ihr größtes
Mitleid, ihre weitestgehende Sorgfalt zu. Es waren ihrer nicht wenige,
denn uneheliche Geburten waren an der Tagesordnung, Trunksucht und
Roheit förderten ihre Vermehrung. Da gab es z. B. ein armseliges Weib --
Großmamas Hauptschützling --, das als ganz junges Ding von ein paar
Burschen betrunken gemacht und im Straßengraben vergewaltigt worden war;
nachher hatten sie ihr ein paar Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf
gegossen, und als sie zu sich kam, war sie halb gelähmt und blödsinnig.
Sie erholte sich so weit, um die Puten hüten und -- fast alljährlich ein
neues elendes Würmchen in die Welt setzen zu können. Der Kindergarten
nahm sie alle auf und brachte ein bißchen Sonnenschein in das dunkle
Leben der Kleinen, etwas Freude in das graue Leben der Mutter. Wo sie
meine Großmutter sah, den einzigen Menschen, der ihr anders begegnete
als mit Fluchen, Schelten und Spotten, humpelte sie von weitem schon
eilig auf sie zu, um ihr die Hand zu küssen; dabei huschte über ihr
blödes Gesicht ein seliges Lächeln, und ein Blick grenzenlosen Erbarmens
antwortete ihr aus den Augen ihrer Wohltäterin. Als aber nach einiger
Zeit die fromme Schwester, die Leiterin des Kindergartens, ihn selbst um
ein kleines, schreiendes Baby vermehrte, wurde trotz aller
Gegenvorstellungen meiner Großmutter der Anlaß benützt, ihn aufzulösen.
"Du siehst, wohin solche Sentimentalitäten führen, dadurch wird die
Unsittlichkeit nur unterstützt -- die Leute verdienen es eben nicht
besser!" hieß es, und die armen Kinder kamen wieder zurück in den
Schmutz und das Elend des Elternhauses. Nicht einmal die Schule, in der
nur neue und andere Qualen ihrer warteten, befreite sie daraus. Der
Anblick dessen, was sie dort erlitten, war ein neuer Anlaß für meine
Großmutter, um einzuschreiten und hier wenigstens ihren Willen so weit
durchzusetzen, daß der alte rohe Lehrer durch einen neuen ersetzt wurde.
In einem ihrer Briefe darüber heißt es:
"Es sind Vereine gegen Tierquälerei entstanden -- und ich begrüße sie
freudig -- aber ruhig sehen wir zu, wie die Kinder gequält werden, wie
vor allem die ländlichen Schullehrer ihr Züchtigungsrecht in
unbarmherziger Weise gebrauchen. Zu Folterkammern der Kinder werden die
Schulen; der Lehrer versucht einzuprügeln, was ein armes, schlecht
genährtes, schlecht begabtes Kind nicht begreifen kann, und nun, aus
Angst vor der Mißhandlung, erst recht nicht begreift. Man spricht viel
über die Fürsorge des Staates für den armen Mann, läßt aber inzwischen
ruhig des armen Kindes ohnehin recht graue Kindheit durch qualvolle
Schuljahre vollends verbittern. Es kommt bei jedem Wetter, schlecht
bekleidet, schlecht genährt, erfroren, durchnäßt in die schlecht
erwärmte enge Schule, wo beim geringsten Vergehen strenge Strafen seiner
warten. Dabei muß es den Lehrern noch Garten-, Feld- und andere Arbeit
leisten, zu Hause Aufgaben lernen und den armen Eltern nach Kräften
helfen ... Ich habe einen Jungen infolge der Ohrfeige eines Lehrers
sterben sehen, einen anderen desgleichen, der bis Mitternacht in Schweiß
gebadet zitternd sein Pensum lernte, bis ein Gehirnschlag ihn erlöste.
Ich habe die Bitte gehört: Vaterchen, schneid mir die Haare nicht zu
kurz, sonst tut der Stock des Lehrers so weh! Oder: Mutterchen, nur
heute noch laß mich zu Hause, ich habe so große Angst -- und das von
Kindern, deren arme Kathe nichts verlockendes für sie hatte, für die
eine freundliche Schule, ein froher Unterricht, ein gütiger Lehrer ein
wahrer Lebenssonnenschein sein müßte; ich habe es gesehen und gehört ein
halbes Jahrhundert nach Goethe, den man als unseren größten Dichter
preist, dem man Denkmäler errichtet, auf dessen Namen man Vereine
gründet und der gesagt hat: Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden."
Wenn sie sich schon, soweit die Prügelstrafe der Kinder in Betracht kam,
in schroffem Gegensatz zu der allgemeinen Auffassung konservativer
Kreise befand, so noch entschiedener in bezug auf die Art in der
Behandlung der Erwachsenen. Ich habe sie oft bebend und totenblaß sich
zurückziehen sehen, wenn ein Knecht oder ein Diener mit einer Ohrfeige
traktiert wurde und sie doch nicht die Macht besaß, es zu verhindern.
"Ihr erzieht Sklaven, und aus den Sklaven werden notwendig Aufrührer,"
sagte sie, "während ihr Menschen erziehen solltet, die nur in Liebe
folgen." Sie selbst empfand allen Untergebenen gegenüber "ein
instinktives Schuldbewußtsein, ein Gefühl der Scham, wenn ich in
bequemem Wagen an ihren schmutzigen Hütten vorüberfuhr. Ich habe immer
versucht, durch besondere Güte, Rücksicht und Liebe diese Schuld
abzutragen, aber mit dem Alter ist das peinigende Gefühl nur immer
drückender geworden. Warum bist Du nicht die alte Frau, die auf dem Feld
Rüben zieht oder mit der Holzkiepe auf dem Rücken nach Hause wankt, um
dort noch von der Ungeduld, der Armut und Lieblosigkeit ihrer Kinder
empfangen zu werden -- frage ich mich immer wieder, und die rätselvollen
Beziehungen zwischen Schuld und Unglück werden nur immer dunkler.
Erfahre ich, wie Millionen und Abermillionen Jahr aus, Jahr ein im
Schweiße ihres Angesichts die widerwärtigste Arbeit verrichten und kaum
das nackte Leben dafür haben, während Andere, nicht weil sie besser,
sondern nur weil sie glücklicher sind, im bequemen Lehnstuhl Kupons
schneiden, so verdunkelt sich das Auge meiner Seele nur zu oft und
vermag den allgütigen Vater im Himmel nicht mehr zu erkennen."
Mitleid, auch in dieser höchsten Steigerung, mit dem Unglück zu haben,
ist eine Empfindung, die sie mit anderen weichen Herzen teilte, aber bei
ihr erschöpfte sie sich weder in bloßen sentimentalen Gefühlen, sie
löste vielmehr auf der einen Seite stets eine eingehende Überlegung über
die Maßnahmen zur Abhilfe des Unglücks aus und steigerte sich auf der
anderen nicht zur Verdammung, sondern zu tiefstem Mitleid mit der
Schuld. Englands sozialpolitische Gesetzgebung, ebenso wie die
Selbsthilfe der englischen Arbeiter durch Gewerkschaften und
Genossenschaften, über die sie durch ihre Korrespondenz mit ihrem
Freunde Hamilton genau orientiert war, erschienen ihr vorbildlich. "Das
Bedürfniß," so schrieb sie mir einmal, "das große Kreise der Besitzlosen
jetzt nach besseren Lebensbedingungen empfinden, ist der klarste Beweis
für ihren geistigen Fortschritt. Verurteilt, in ihrem Elend zu
verharren, sind eigentlich nur die ganz Stumpfsinnigen, die sich, wie
die Verblödeten im Schmutz, darin wohl fühlen." Sie stand mit ihrer
Auffassung im Kreise Lablackens ziemlich allein, und jede Roheit, jede
Gemeinheit, die unter den Arbeitern oder den Instleuten zutage trat,
wurde als Gegenbeweis benutzt. Ich erinnere mich, wie sie z. B. einmal
ihrer Entrüstung über die sich wiederholenden schamlosen
Vergewaltigungen ihres Schützlings, der armen Lahmen, lebhaften Ausdruck
gab und man ihr sagte: "Und diesen Leuten, die Du so verdammst, glaubst
Du eine höhere Kultur zuführen zu können? Verlangst für diese gemeine
Bande alle möglichen Arbeits- und Lebenserleichterungen? Verteidigst es
sogar, daß ein so elender, besoffener Kerl dasselbe Wahlrecht hat wie
ein gebildeter Mann?" Sie aber erwiderte darauf: "Seid ihr vielleicht
stets dieselben gewesen, die ihr heute seid? Seid ihr und euresgleichen
nicht auch vor Jahrhunderten aus solch physischer und moralischer
Vertiertheit aufgestiegen? Daß es bei euch um so viel früher geschah,
ist nicht euer Verdienst, sondern Gottes Gnade, die euch nun die
Verpflichtung auferlegt, den Anderen, Zurückgebliebenen herauszuhelfen.
Und was das Wahlrecht betrifft, so ist, wenn sein Besitz von sittlicher
Wertung abhängen soll, der arme rohe Trunkenbold dessen noch immer
würdiger als der reiche und vornehme Mann, dessen Körper, Geist und
Seele die Jahrhunderte bildeten, und der doch sein größtes Vergnügen im
Saufen, Spielen, Pferde- und Leuteschinden und Mädchenverführen findet."
Ihre Entrüstung über Gemeinheit und Ungerechtigkeit ihrer
Standesgenossen löste aus der sonst so milden, sanften Frau zuweilen
eine so große Erregung aus, daß die ursprüngliche, durch Erziehung und
Leben gebändigte Leidenschaft ihrer Natur dabei wieder zum Vorschein
kam. "Wenn der Adel, nachdem die alte Welt zertrümmert ist, nicht die
Bausteine trägt zur neuen, so ist er selbst Schuld daran, wenn er Ruine
bleibt und allmählich ganz verschwindet," schrieb sie. "Adlig sein heißt
eine adlige Gesinnung haben," heißt es an anderer Stelle, "und sie ist
zugleich die christliche; sie verbietet üppiges Leben, Schulden machen,
über die Verhältnisse hinauswollen, die Armen und Abhängigen verletzen
und ausnutzen ... Wenn ein Leutnant für dreißig Mark diniert und
fünfzehnhundert Mark verspielt, dessen Vater sich sein gewohntes Glas
Bier versagt, dessen Mutter stirbt, weil sie keine Badereise an sich
wenden kann, dessen Schwester eine widerliche Geldheirat macht, um die
Familie zu retten, so ist das ein größeres Verbrechen, als wenn ein
armer Kerl einem reichen Mann das Portemonnaie aus der Tasche zieht ..."
"Ihr entrüstet Euch," schrieb sie ein anderes Mal, "über die zunehmende
Unzufriedenheit, über die wachsenden Lebensansprüche der Armen, statt
über den Grad ihrer bisherigen Zufriedenheit zu staunen und Euch über
Euch selbst zu entsetzen, die Ihr im Besitz aller höchsten Güter der
Welt doch noch immer unglücklich seid. Was ist unglücklich in Euch?
Neid, Genußsucht, Geldgier, gekränkte Eitelkeit -- ach, wenn sie doch
vor lauter Unglück sterben wollten! ... Ihr seid mit Allem unzufrieden,
außer mit Euch selbst, kehrt die Sache um und seid mit Allem zufrieden,
außer mit Euch selbst! Lernt das Beichtgebet der katholischen Kirche,
aber nicht nur mit den Worten, sondern mit dem Herzen: mein ist die
Schuld, mein ist die große Schuld --, statt daß Ihr die Schuld nur immer
auf Andere schiebt. Ihr habt Euch entwickelt, habt Euch genährt, habt
die Kultur der Welt für Euch allein in Anspruch genommen, während die
Anderen, die stillen, dunkeln, demütigen Massen im Schweiße ihres
Angesichts für Euch arbeiteten, und Euch noch die Hände küßten, wenn ein
gnädiges Lächeln sie dafür belohnte. Jetzt ist ihre Zeit gekommen, und
wenn sie mit Gewalt und Verbrechen protestieren gegen die lange
Leidensnacht, so ist Euer die Schuld."
Eine andere Variation desselben Standpunktes war es, wenn sie gegenüber
dem zunehmenden Antisemitismus ihrer Kreise die Juden verteidigte. "Ich
teile den Haß gegen die jüdischen Gesinnungen," schrieb sie, "nur daß
ich das 'jüdisch' als Eigenschaftswort für unsere Zeit und nicht blos
für die Juden ansehe. Wenn heute alle Juden verschwänden, blieben
unzählige Christen aller Nationen, um den jüdischen Geist fortzusetzen.
Wenn der Ursprung dieser Gesinnung den Juden nicht ganz, aber vielfach
zur Last fällt, so müssen wir nicht vergessen, daß die Folgen von Druck,
Qual, Mißhandlungen während vieler hundert Jahre nicht durch
Emancipation von einem halben Jahrhundert ausgeglichen werden können und
ein mehr als tausendjähriger Haß sich nicht in fünfzig Jahren verwischt.
Daß sie ohne Vaterland eine compacte Nation geblieben sind, gereicht
ihnen zum Ruhm, uns Namenchristen aber zum Vorwurf. Im Eifer für ihre
Idee leugnen die Antisemiten fast die Geschichte, ignoriren Foltern,
Judengäßchen, Judensteuern, Qualen jeder Art, Ausschließen von fast
jedem Amt und Erwerb. Nennen sie Krämer, nicht Handelsherren, angesichts
eines Rothschild! Läuten die Sturmglocke gegen hunderttausend Juden und
ihre Siege über Millionen Christen, doch gehören zu jedem Betrüger
Leute, die sich betrügen lassen, und die Armeen sind auch nicht zu
finden, mit denen uns die Juden vertilgen. Sind es denn geistige,
diabolische Waffen, so laßt uns nur Christen sein, anstatt zu Millionen
überzulaufen in das Lager des Schwindels, des Betrugs und der Gründerei,
die nirgends so schamlos sind wie in Frankreich, wo es sehr wenig Juden
giebt. Laßt uns in unseren christlichen Bestrebungen so zäh, so klug, so
ausdauernd sein wie die Juden, laßt uns, wie sie, erst erwerben und dann
ausgeben, anstatt uns beim Ausgeben so lange aufzuhalten, bis wir den
Halsabschneidern selbst in die Arme laufen, weil es für faule
Verschwender keine rechtlichen Leiher giebt."
Daß sie mit diesen Ansichten ziemlich allein stand, kann weder
wundernehmen noch ihrer Umgebung zu persönlichem Vorwurf gemacht werden.
Im Geiste Goethes lebte und dachte sie; für sie war des irdischen Lebens
höchster Inhalt, wie für Faust vor seiner Vollendung: die Arbeit im
Dienste der Menschheit, das Schaffen eines neuen Bodens für ein neues
Geschlecht. "Solch ein Gewimmel möcht ich sehn, auf freiem Grund mit
freiem Volke stehn," darin gipfelten auch ihre Wünsche angesichts des
grenzenlosen Elends in der Welt. Und auch ihr Christentum war das
Goethes. Wenn er sagte: "Ich bin ein dezidierter Nichtchrist," so
drückte er damit dieselbe Absage an das kirchliche Christentum aus, das
sie kennzeichnete, wenn sie von ihrer "Gräfin Thara" sagte: "Sie
bezeichnete ihre Herzensstellung mit dem 'Ich bete allein'." Und wenn
sie erklärte: "Religion ist Tat," so geschah es auch in der treuen
Gefolgschaft ihres großen Meisters.
Aber zwischen diesen Auffassungen, die einer inneren Befreiung von
Vorurteilen und Selbstsucht und einer geistigen Höhe entstammen, von der
aus alles Materielle auf gleicher Ebene liegt, und denen der Generation,
die ihre Kinder angehörten, lag eine Welt, lag vor allem der große
Kampfplatz der sozialen Gegensätze, auf dem ein ungeheures Ringen ums
Dasein begonnen hatte, bei dem auf allen Seiten die persönlichen
Interessen die Führer waren. Den Wünschen der zum Bewußsein ihres Elends
gelangten Massen nach Freiheit, nach Gleichheit der Lebenshaltung
nachgeben, bedeutete für die privilegierten Klassen ein allmähliches
Aufgeben ihrer selbst, das dem einzelnen zwar möglich erscheinen konnte,
der, wie Jenny Gustedt, das Menschheitsinteresse allein im Auge hatte,
für die Gesamtheit aber unmöglich war. Diese historisch notwendige und
in seiner Entwicklung psychologisch folgerichtige Kampf entzündete
unausbleiblich jenen Haß, der sich bei zwei Gegnern immer entwickelt,
die um ihr Leben miteinander ringen, und dieser Haß wird wieder
notwendig das Urteil über den Feind irreführen und die besten Absichten
verdunkeln. Meiner Großmutter ging dafür jedes Verständnis ab, und das
erschwerte noch ihre Stellung.
Ihres Sohnes Wahl in den Reichstag, durch die zwar die Sphäre seiner
Interessen erweitert wurde, brachte sie noch mehr als früher in innere
und oft auch in äußere Konflikte, da sein schroffer, konservativer
Standpunkt ihren Widerspruch herausforderte. "Meines Sohnes neue
Tätigkeit hat dem geistig oft recht öden Leben einen neuen Inhalt
verliehen," schrieb sie an eine Freundin, "es kommen Bücher, Broschüren,
Zeitungen ins Haus, und vor allem die außerordentlich unterrichtenden
stenographischen Reichstagsberichte, die meine fast eingeschlafenen
politischen Interessen wieder rege machen und meinen alten Kopf oft mit
einer Flut von Ideen erfüllen, die wie gepanzerte Ritter im Turnier auch
wohl gegeneinander streiten. Wie viel Kraft, Klugheit, Erfahrung in den
Köpfen und Worten der Volksvertreter! Statt der Zeitungen, die Alles
parteipolitisch färben und mehr und mehr auf den sittlich tiefsten
Standpunkt gelangt sind, in jedem Gegner ohne weiteres einen Schurken zu
sehen -- wodurch die demoralisierendste Wirkung, die sich denken läßt,
von ihnen ausgeht -- sollten die Reichstagsberichte allgemein gelesen
werden. Bei mir befestigt sich dabei die theoretische Neigung nach
links, während ich doch wohl einsehen muß, daß praktisch die jetzige
konservative Regierung die beste ist. Das Ideal der Linken, das sich in
den viel verpönten und doch, christlich aufgefaßt, herrlichen Worten:
'Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit' ausdrückt, ist auch das meine
und entspricht der Reinheit der Theorie, steht aber im Widerspruch mit
der Unreinheit im praktischen Leben: es baut auf dem Fundament und der
Voraussetzung tugendhafter Menschen, während das praktische Leben auf
der Voraussetzung sündhafter Menschen bauen muß. Das große
Erziehungswerk aber der Geschichte und der Menschheitsentwicklung nähert
uns beständig dem Ideal, denn trotz aller Qualen und Greuel der
Gegenwart läßt sich der allgemeine, für unsere Wünsche freilich sehr
langsame Fortschritt doch nachweisen: von der unaufhörlichen
Kriegsplage, den Hexenverfolgungen und Ketzergerichten des Mittelalters,
über die Schauer der Negersklaverei bis heute -- ein stufenweises
Aufsteigen, zu dessen gottgewolltem Tempo wohl der Hemmschuh
konservativer Politik ebenso notwendig ist wir die Peitsche der
Sozialisten ... Nur wo die Konservativen schärfster Observanz sich nicht
mit dem Aufhalten begnügen, sondern erhalten wollen, was dem Tode
verfallen ist, da befinde ich mich in Gegensatz zu ihnen. Wie gute
Eltern sollten sie ihre Arbeit als ein Erziehungswerk betrachten, das ja
auch oft darin besteht, der zu großen Heftigkeit der Kinder Zügel
anzulegen, und sollten sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß sie,
wie alle Alten, der Jugend weichen müssen, wenn ihre Rolle ausgespielt
ist." In einem anderen, aus dem Jahre 1886 datierten Briefe schreibt
sie: "Ich möchte wohl mit den Plänen unseres eisernen Kanzlers
einverstanden sein, aber ich kann es nicht immer und bin froh, daß ich
mit meinem Gewissen nicht an der Stelle meines Sohnes im Reichstag
sitze. Allein die Kolonialpolitik ist mir nicht sympathisch, so sehr ich
den Schutz zum Auswandern billige -- Goethe sagt: wo wir nützen, ist
unser Vaterland! -- aber doch nur in Gegenden, die ein schönes Vaterland
werden können, nicht in die Glutöfen der Welt, wo man noch dazu mehr
Eisenbahnen brauchen wird, um zu besseren Ländern zu gelangen, als wir
in Deutschland noch brauchen, um das nötigste Verkehrsnetz zu vollenden,
und wo es, wie ich fürchte, nicht ohne jene Kolonialgreuel der
Unterdrückung und Ausrottung der Eingeborenen abgehen wird, die Englands
großartige Politik so beflecken. Auch mit der Polenausweisung bin ich
nicht einverstanden, ich halte sie für hart, grausam, ungerecht,
unpolitisch, erbitternd. Unter den Tausenden sind eine Masse harmlose,
gehorsame, genügsame Leute, die jetzt erst ein Polenbewußtsein bekommen,
und wenn Bismarck an eine Vorbereitung zu einem Polenaufstand glaubt, so
ist er es, der ihnen die Soldaten zutreibt. Einen ähnlichen Standpunkt
habe ich immer gegenüber der Sozialisten-Ausweisung eingenommen: es ist
selbstverständlich, daß der Staat Verbrecher verfolgt und ihnen die
Möglichkeit zum verbrecherischen Handeln nimmt, aber wie Wenige der
Ausgewiesenen mögen von Natur Königsmörder sein. Und wie viel
Idealismus wie viel ehrliche, aufopfernde Menschenliebe spricht aus den
Worten ihrer eigentlichen Vertreter im Reichstag! Sie sind nicht nur ein
notwendiger Sauerteig in unserer inneren Politik, sie wirken auch als
Strafgericht Gottes an all denen, die, befriedigt vom eigenen Wohlleben,
an der grenzenlosen Not der Millionen achtlos vorübergingen. Wollte
Gott, daß die Herrschenden sich dieses Strafgericht zu Herzen nehmen und
sich ihrer ungeheueren Unterlassungssünden ebenso bewußt werden wie der
großen Verantwortlichkeit, die eine Folge ihrer bevorzugten Stellung
ist. Du siehst, mein Lilychen, worauf alte Leute verfallen, die nichts
Tatsächliches aus ihrem Leben zu berichten haben: sie treiben sogar ihre
stille Privatpolitik, und im Hintergrund will der Wunsch nicht zur Ruhe
kommen, daß sie sogar damit noch nützen können. Meine Kinder habe ich
nach der Richtung aufgegeben, mein Enkelkind aber ist noch ein
unbeschriebenes Blatt und läßt sich vielleicht die großmütterlichen
Zeichen gefallen, die sich darauf einprägen möchten."
Nichts kann den Wesensunterschied zwischen meiner Großmutter und der
Welt, die sie umgab, deutlicher bezeichnen, als diese Briefe. Sie war
zwar weit entfernt davon, sich zu irgendeiner der sozialistischen
Theorien zu bekennen, sie beschäftigte sich gar nicht mit ihnen und wäre
z. B., hätte sie sich damit beschäftigt, zu einer Anerkennung der Idee
des Klassenkampfes nie gelangt, aber daß sie in ihr Beurteilung einen
Sozialisten menschlich auf gleiche Stufe stellte mit anderen Menschen,
daß sie praktische Forderungen, die von jener Seite kamen, als
berechtigt anerkannte -- das machte sie in diesem Kreise zu einer ganz
ungewöhnlichen Erscheinung und begegnete nur darum meist einem gewissen
nachsichtigen Schweigen und fand eine verzeihende Beurteilung, weil ihr
weltfremder Idealismus und ihr hohes Alter als die eigentlichen Ursachen
dafür angesehen wurden.
Ihre Lektüre der stenographischen Berichte der Reichstagsverhandlungen
-- "die ich mit einem Eifer lese, wie Backfische einen spannenden Roman"
-- bestärkten sie indessen in ihren Auffassungen. "Ich gewinne," schrieb
sie, "besonders durch die Reden der Mitglieder der Linken, Einblicke in
Zustände, deren Grauen ich zwar ahnte, die mich aber doch angesichts
ihrer Wirklichkeit ganz außer Fassung bringen. Das Elend der Schuldlosen
-- das gräßlichste Rätsel der Welt! In den Dorfkathen hockt es und sieht
mich aus blöden Augen an, und in den Fischerhütten am Strand, wo ein
hartes Geschlecht in ständigem Kampf mit Wasser und Wind um das Bißchen
armseliges Leben ringt, und aus Zolas Romanen schreit es mir entgegen,
daß aller Rest von Lebensfreude davor die Flucht ergreift."
Ihr Mitleiden, das kein gefühlsmäßiges Mitleid mehr war, steigerte sich
fast bis zum Krankhaften. Kein Mensch, ja kein Tier war ihr zu gering,
als daß ihr Herz sich vor ihm verschlossen hätte; es wurde ihr zum
körperlichen Schmerz, wenn sie Unrecht sah, das sie nicht verhindern,
Kummer sah, dem sie nicht abhelfen konnte. Wenn sie sich früher
angesichts des unverschuldeten Unglücks dadurch beruhigt hatte, daß die
Schuld der Gesellschaft an Stelle der Schuld des einzelnen trat, so
vermochte sie jetzt nicht mehr dabei stehenzubleiben. Es gab für die
Greisin, die sich am Ende ihrer Tage demselben Sphinxrätsel des Lebens
gegenüber sah wie in ihrer Jugend, nur einen Ausweg, der sie davor zu
bewahren vermochte, den Glauben an den allgütigen Gott -- die Stütze
ihrer inneren Welt -- nicht selbst zu zertrümmern, ihn mit dem
namenlosen Unglück, das sie sah und empfand, in Einklang zu bringen: der
Glaube an Vor- und Nachexistenzen der Seele. Die christliche Idee von
einer künftigen ewigen Seligkeit hatte sie sich nie zu eigen gemacht,
"in ihr liegt weder ein Trost für die Unglücklichen," sagte sie, "noch
eine Erklärung dafür, warum der Eine ins Elend, der Andere in den Glanz
geboren wurde," aber der Gedanke einer unendlichen Entwicklung, in der
das Erdendasein nur eine der Episoden ist, hatte für sie etwas
außerordentlich Beruhigendes und Befriedigendes. Scheinbar
unverschuldetes Unglück war danach die Folge der Schuld früherer
Existenzen, und selbst für die Qualen der Tiere fand sie eine Erklärung
in der Seelenwanderung, wie sie der Buddhismus auch im Hinblick auf sie
lehrt. Ihr Glaube war so unerschütterlich, daß keine Einwendung dagegen
sie aus der Ruhe brachte. "Du glaubst nicht an Vorexistenzen, weil Du
Dich ihrer nicht erinnern kannst, und hältst sie, selbst ihr
Vorhandensein vorausgesetzt, für wertlos, wenn wir von unserem
persönlichen Vorleben nichts mehr wissen?" schrieb sie mir. "Kennst Du
nicht jenes merkwürdige Erinnern, das uns in Gegenden und in Situationen
befällt, die wir zweifellos auf Erden noch nicht sahen oder erlebten,
oder das Geheimniß der Sympathie, das Menschen gegenüber nicht anders
wirkt wie ein Wiedererkennen längst Vertrauter? Oder die Bilder des
Traums, die uns mit aller Lebendigkeit in Länder und unter Menschen
führen, die wir auch in diesem Leben noch nicht gesehen haben? Und was
den Wert der Erinnerung betrifft, so vergessen wir doch schon von
unserem irdischen Leben neun Zehntel aller Thatsachen und noch unendlich
mehr aller Worte; schon hier liegen die Lebensresultate nur in dem, was
wir geworden sind, schon hier lösen sich Hunderte von scheinbar nahen
Verhältnissen bis zur Vergessenheit. Ist es nicht sogar in tausend
Fällen eine Erlösung, wenn die Erinnerung verblaßt und verlischt? Es
kommt gewiß in früheren und späteren Existenzen des Geistes nicht auf
Erinnerung, sondern auf Gewordensein an."
Und in einem ihrer letzten Briefe schrieb sie: "Am Schlusse meines
Lebens ist das innere Drängen, Stürmen, Fragen, das Hin- und
Hergeworfensein zwischen Glauben und Zweifeln beseitigt; mit den Dogmen
habe ich abgeschlossen ... Das Unglück der Schuldlosen, Kinderqualen,
Leiden, die vor unseren Augen nicht zur Besserung, sondern zum Verderben
zu führen scheinen, die geringe Zahl der Namenchristen und die noch
geringere der Christen im Geiste und in der Wahrheit, die Millionen in
Irrthum und Grausamkeit hereingeborener Menschen -- Rätsel, die mich
mein Leben lang quälten und meine Freuden vergällten, sind mir zu
Mysterien geworden, Folgen oder Beziehungen von Vor- und Nachexistenzen.
Darüber hinaus dringt siegreich mein Hoffen, und ich glaube, daß
schließlich allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntniß der
Wahrheit kommen. Es scheint mir begreiflich, daß, wie ein Maulwurf das
Licht nicht sehen, wie ein unmündiges Kind den Faust nicht verstehen
kann, wir auf unserer Erdenstufe die höheren Stufen noch nicht zu
erkennen vermögen. Auch der ungeheure Fortschritt der Wissenschaft und
der trotzdem noch so geringe Umfang unseres Wissens dient mir zum
Beweise dafür, wie viele Erkenntniß-Entwicklungen wir sowohl in der
irdischen wie in anderen Existenzen noch vor uns haben. Wo aber der
Verstand sich entwickelt, sollte die Seele es nicht vermögen, sollte
nicht reifen und wachsen und Höhen erreichen, die auf Erden nur wenige
-- ein Christus, ein Goethe -- erreicht haben!?"
Aber wie ihr ganzes Lebensgebäude zusammengestürzt wäre, wenn dieser
Glaube nicht die Brücke gebaut hätte zwischen ihrem Gottesglauben und
ihrer Menschenliebe, so wäre sie auch an dem Schmerz und an der Größe
ihrer Mutterliebe zugrunde gegangen, wenn sie die Hoffnung auf ihrer
Kinder endliche höchste Entwicklung hätte aufgeben müssen.
Die letzte Eintragung in ihr Sammelbuch besteht in jener düsteren
spanischen Ballade, die von dem Jüngling erzählt, der der Mutter das
Herz aus der Brust reißt, um es der grausamen Geliebten zu bringen. Er
stürzt auf dem Wege zu Boden --
"Da sieh, dem Mutterherzen
Ein Tropfen Bluts entrinnt,
Und fragt mit weicher Stimme:
Tat'st Du Dir weh, mein Kind? ..."
So groß, so stark war auch ihre Liebe, die durch alle Wunden, die ihr
geschlagen wurden, nicht sterben, sondern nur immer noch wachsen konnte.
Aus dieser Empfindung heraus schrieb sie mir: "Mir ist oft, als müßte
ich denen Glück wünschen, die nicht heiraten und keine Kinder haben. Wie
gering ist die Zahl der Mütter, bei denen das Glück das Unglück
überwiegt! Für Muttermühe, Muttersorge, Mutterarbeit entschädigt die
Liebe zu den Kindern und die Freude an ihnen -- aber der Schmerz und
Stachel über ihre Leiden und ihre Sünden und ihre schweren Schicksale,
die sind _par-dessus le marché_, und je mehr man liebt, desto schwerer
ist dies Mitleiden, und je älter man wird, desto kraftloser ist man
dagegen, sogar Gebet, Glaube und Frömmigkeit lassen darin schmerzliche
Lücken. Eine Mutter trägt nicht nur ihre eigene Last, sondern noch die
Lasten ihrer Kinder und Kindeskinder bis zum Grabe, und das schlimmste
ist, daß sie sie ihnen dadurch nicht einmal abnimmt ... Und wenn ihr
Nest leer geworden ist, sie keine oder oft keine erfüllbaren Pflichten
mehr hat, ihre Kinder ihr fremd und fremder werden, ihr Rat nicht gehört
wird und ihre Erfahrungen nichts nützen -- wie furchtbar, wie
unerträglich würde diese entsetzlichste Lebensenttäuschung sein, die
Enttäuschung an dem, was wir aus unserem Blut entstehen sahen, mit
unserem Herzblut nährten, wenn es den einen Trost nicht gäbe: den
Glauben an immer neue Verwandlungen, bis für Alle die höchste Stufe der
Seelenentwicklung erreicht ist. Der Schmerz freilich bleibt: hat das
Erdenfegefeuer sie nicht genug gereinigt, so sinken sie in eine noch
tiefere Hölle der Prüfungen -- vielleicht, daß die Thränen der Mutter,
auch die ungeweinten, die am schwersten wiegen, sie davor bewahren! Wenn
ich rückwärtsschauend mein Leben betrachte und mich frage, welches
Gefühl das mächtigste, welche Erkenntniß die folgenreichste, welche
Hoffnung die sicherste ist, so lautet die Antwort: Das tiefste Gefühl
ist die Mutterliebe; die wichtigste Erkenntniß: Die Sünde ist der Welt
Verderben; die sicherste Hoffnung: Die Entwicklung der Menschheit bis
zum höchsten Sein. Ohne diese würden Gefühl und Erkenntniß nur die
Qualen der Erdenkinder erhöhen, und es gäbe nur einen Ausweg aus dieser
Hölle: Die Selbstvernichtung der Menschheit."
So war sie am Ende des Lebens da angelangt, wo Goethe gestanden hatte,
als er schrieb:
"... Und solang Du dies nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde,
Bist Du nur ein müder Gast
Auf der armen Erde."
Und sie sah dem Tode entgegen im Sinne seiner letzten Worte, die sie oft
wiederholte: "Nun kommt die Wandelung zu höheren Wandelungen."
Innerlich fester verbunden wie je und nur äußerlich fern der alten
Heimat, schien sich der Kreislauf ihres Lebens leise zu schließen. Und
als ob die Harmonie ihres Wesens auch in ihrem Dasein zum Ausdruck
kommen sollte, so berührte das Ende den Anfang. Hatten sich beschattend,
aber auch schützend die Äste des Waldriesen über sie gebreitet, so
schmiegten sie sich jetzt wie Freundesarme um sie.
Mit denen, die sie in Weimar lieb hatte, war sie immer in Verbindung
geblieben und hatte an allem, was sie erzählten, den lebhaftesten Anteil
genommen. Nur einer, der zu den Nächsten gehörte -- der Großherzog --
war seit ihrer Abreise verstummt. Er hatte ihre Trennung von Weimar
nicht begriffen und sie als eine persönliche Kränkung empfunden, die er
nicht verwinden konnte; daß es vor allem pekuniäre Sorgen waren, die sie
dazu gezwungen hatten, daß sie geblieben wäre, wenn sie sich eine
größere, zur Aufnahme ihrer Kinder mögliche Wohnung hätte gönnen dürfen
-- das hatte ihr Stolz ihm verschwiegen, das verschwieg sie ihm auch
dann, als sein Mißverstehen, der scheinbare Verlust seiner Freundschaft
ihr tiefe Schmerzen bereitete. "Eure Generation, die so reich an
Verstandeserkenntniß und so bettelarm an Herzensreichtum ist, weiß
nichts von dem Wert treuer, lebenslanger Freundschaft," schrieb sie,
"sie ist die Wahlverwandschaft der Seelen, die uns die Fremdheit der
Beziehungen des Bluts vergessen läßt, sie ist der Hebel geistigen
Fortschritts, der größte menschliche Trost im Leid. Einen lebendig
verlorenen Freund beweinen müssen, ist darum viel schmerzlicher, als um
das unabweisbare Geschick seines Todes zu trauern. Daß der Großherzog
mich so mißverstehen konnte, wo die gute Kaiserin mich so ganz verstand,
war darum eine harte Prüfung für mich. Nun ist meines lieben Walter
Goethes Tod die Brücke geworden, die ihn wieder zu mir hinüberführte --
wie denn das Beste in meinem Leben immer in tiefer Beziehung zu dem
Namen Goethe gestanden hat." Walter Goethes Vermächtnis seines
großväterlichen Nachlasses an die Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar
war nicht nur ein Zeichen seiner großen Gesinnung, sondern auch ein
Beweis für seine Menschenkenntnis. Er wußte, daß es durch sie in der
rechten Weise zu einem Besitztum des deutschen Volkes werden würde. "Es
ist so viel über Goethes Nachlaß gestritten worden," heißt es in einem
Brief meiner Großmutter, "man hat oft mit mehr Neugierde als
Begeisterung darnach verlangt, mir selbst sind von allen Nachlässen die
geistigen Goetheflammen in seinen Enkeln als die wichtigsten und
liebsten erschienen, und daß ich recht hatte in meiner großen Meinung
über diese so viel Gescholtenen beweist Walters Testament. Die
großartige und würdige Weise, wie es zur Verherrlichung seines großen
Ahnen gewandelt wird, entspricht ihren Charakteren, die zwar nicht in
dieses Jahrhundert, aber in das Große und Edle aller Jahrhunderte
passen." Als nun auch das Goethe-Haus der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht und die Empfangszimmer wie zu Goethes Lebzeiten gestaltet werden
sollten, wandte man sich von Weimar aus an sie, die einzige, die von der
ehemaligen Beschaffenheit der Räume noch etwas Genaues wissen konnte.
Nach ihrer Beschreibung und einer Zeichnung, die sie sandte, wurden sie
in ihrer alten schlichten Vornehmheit wieder hergestellt. "Ich
beschäftige mich viel mit Weimar," schrieb sie mir, als sie davon
erzählte, "und es versinkt ein halbes Jahrhundert meines Lebens, während
in jugendlicher Frische die alte schöne Zeit vor mir aufsteigt. Ob die
Goethe-Gesellschaft ein Mittel sein wird, sie auch für die Menschheit
lebendig zu machen, wage ich nicht zu entscheiden. Es ist leider eine
Eigentümlichkeit des Deutschen, daß er gute und große Gedanken hat, sie
aber verknöchern und versumpfen, sobald er sie in die Paragraphen eines
Vereinchens zwängt. Auch der deutsche Gelehrte, so hoch ich ihn stelle
als gründlichen Wahrheitssucher, gerät mit seinem Forschungstrieb leicht
in Kleinigkeiten, und dann geht ihm der große Blick für das Ganze
verloren. Hoffentlich wird der Goethe-Verein nie vergessen, daß Goethe,
neben seinem Interesse für das Kleinste, das Große stets obenan stellte,
hoffentlich wird er seinen Geist zu erforschen und lebendig auszubreiten
suchen, was uns recht not tut ..." Der Großherzog, erfüllt mit
jugendlicher Begeisterung für die neue große Aufgabe Weimars, wandte
sich nun auch an die alte Freundin mit Fragen und Bitten, die die Zeit
Goethes und ihre Erinnerungen daran betrafen. Und die ferne Einsamkeit
Ostpreußens wurde ihr belebt und erfüllt mit den unsterblichen Gestalten
der Vergangenheit. Unermüdlich im Fragen war der Großherzog, unermüdlich
im Antworten war sie. Im Traum verloren machte sie ihre regelmäßigen
Spaziergänge durch Park und Wald oder saß still mit gefalteten Händen in
ihrem tiefen grünen Stuhl; ihr Mund zuckte nicht mehr so oft wie sonst
in schmerzlicher Sorge, ein weiches Lächeln umspielte ihn -- mit sanftem
Kuß grüßte sie der Genius ihrer Jugend.
Immer schattenhafter erschien ihr die Gegenwart, immer mehr lebte sie in
der Vergangenheit und in einer Zukunft, die sie jenseits des Grabes sah:
"Ich sehe von Stufe zu Stufe, von Licht zu Licht bis in den fernen,
gottdurchglänzten Raum des Allerheiligsten. Ein Reich des Lichts, voll
Musik, voll Liebe, hört und fühlt mein Geist mit einer Zuversicht, die
täglich wächst. Und lächelnd, fast ohne Schmerz winke ich denen, die
mir vorangingen, grüßend zu ..."
Es waren ihrer viele vorangegangen: Pauline, die blinde Schwester, war
in demselben Kloster gestorben, das des verlassenen Säuglings erster
Zufluchtsort gewesen war, und Beust, auf den sich alle schwesterliche
Liebe meiner Großmutter nun konzentriert hatte, war ihr gefolgt. "Er
war," schrieb sie von ihm, "ein reiner Mensch und darum eine vornehme
Natur, wie ich eine zweite nicht kenne." Sein Tod wurde, wie der Walter
Goethes, zu einem neuen Bindeglied zwischen ihr und dem Großherzog. Auf
ihren Brief, der den Freund über den Verlust des Freundes zu trösten
versuchte, antwortete er:
"Schloß Wartburg, am 9. September 1889.
"Ihr Brief, gnädige Frau, hat mich tief gerührt, ich wollte, ich könnte
Ihnen danken, wie ich es fühle. Jede Zeile erweckt Erinnerungen und
Bedauern, die sich darin gleichen, daß sie, die einen wie die andern,
sich in mir nur durch Schweigen ausdrücken. So tief ist die Furche, die
der Schmerz um den Verlust meiner Mutter in mein Herz grub, und so tief
ist auch die, die mir der Verlust meines Freundes gräbt. Er gehört zu
denen, deren Eindruck erst erkennen läßt, was man besessen hat. Und man
lernt die ganze Größe dessen, was man besaß, erst kennen, wenn der
Besitz verloren ging. So feste Bande zwischen den Menschen, wie die
zwischen mir und ihm, ziehen gleichsam, wenn sie auseinander gerissen
werden, ein Stück von unserem eigenen Ich mit sich ... So haben Sie mich
doch wider meinen Willen zu einer erlösenden Aussprache veranlaßt. Sie
allein können beurteilen, was ich leide! Der Glaube, daß mein treuer
Freund nun mit denen vereint ist, die ihm vorangegangen sind und die er
so zärtlich liebte, ist wohl ein Trost, aber den Verlust läßt er mich
nicht überwinden.
"Ihr Brief hat mich in Wilhelmsthal gesucht und in Weimar gefunden. Der
nahende Herbst hat mich und meine Tochter Elisabeth veranlaßt, die
Gegend zu verlassen, an die sich all die schönen Erinnerungen knüpfen,
die Ihr Brief heraufbeschwor. Ich gestehe Ihnen, daß ich an jenem lieben
alten Hause auch um anderer teurer Jugenderinnerungen hänge, die mit
unsichtbarer Schrift auf seinen Mauern geschrieben stehen. Wie bedaure
ich, gnädige Frau, mit Ihnen nur noch schriftlich verkehren zu können,
und wie sehr bedauerte es der Verstorbene, der in derselben Lage war wie
ich. Aber die Erinnerung kennt weder Zeit noch Entfernungen, und auch
das Herz weiß von beiden nichts. Das empfindet aufs tiefste und mit
aufrichtiger Dankbarkeit