Der Umschlag trägt das Wappensiegel: ein Stern -- für einen anderen
war daneben kein Platz mehr! Ein Jahr später folgte ein kleiner Zug von
Trauernden einem einfachen Sarge, dessen Blumenschmuck schon auf dem Weg
der rauhen Winterkälte erlag.
"Heute haben Sie meinen lieben Wolf neben seiner Mutter begraben,"
schrieb Jenny Gustedt an diesem Tage. "Napoleons Sohn ging jammervoll zu
Grunde wie er: an der Kraft, die nach innen zehrte, weil sie sich nach
außen nicht entfalten durfte. Viele Generationen müssen sang- und
klanglos versinken, ehe der Eine aus ihnen hervorgeht, dessen Name in
die ewigen Sterne geschrieben wird -- das ist eine gerechte Entwicklung
--, aber daß die Nachkommen an der Größe dieses Einen zu Grunde gehen,
gehört zu den grausamen Räthseln, die wir nicht lösen können! -- Bald
wird Walter dem Bruder folgen -- ich wollte, es wäre auch Zeit für mich
zu gehen."
Der Kummer, der aus diesen Zeilen spricht, hatte seinen Ursprung nicht
in der Erlösung des Freundes von einem Leben der Schmerzen, auch um sie
hatten sich die Nebel wieder zusammengeballt. "Daß ich meinen Kindern so
fern bin," schrieb sie, "daß mein Alter mir das Reisen zu ihnen fast
unmöglich macht, daß ich sie in meinen eigenen Räumen nicht beherbergen
kann und nicht die Mittel habe, mir zu dem Zweck eine geeignete Wohnung
zu nehmen -- ich muß ängstlich zusammen halten, denn immer wieder
kommen Überraschungen, die mich nötigen, einzuspringen, -- das macht
meine letzten Lebensjahre zu recht traurigen." Nach langen Kämpfen, die
ihr durch ihre Weimarer Freunde und deren inständiges Bitten, sie nicht
zu verlassen, noch schwerer gemacht wurden, als sie durch den Zwiespalt
ihres eigenen Herzens sowieso schon waren, entschloß sie sich, nach
Lablacken, dem Gute ihres jüngsten Sohnes, überzusiedeln. "Ich bedarf
eines Heims, wo ich ohne Skrupel meine Kinder bei mir haben kann, und
eines Lebens, dessen völlige Einfachheit mir ermöglicht, ihnen, was ich
erübrige von meinem Einkommen, zuzuwenden," heißt es in einem ihrer
letzten Briefe aus Weimar.
Im Frühling 1883, als der Park seine erste duftende Lenzespracht
entfaltete, kam ich zu ihr. Vierzehn Tage blieben wir zusammen dort. Nur
wenige Freunde wußten, daß sie von der Karlsbader Reise, die sie
vorhatte, nicht mehr nach Weimar zurückkehren wollte. Leise, ohne
Abschiedsschmerzen, sollte die Trennung sich vollziehen. Wir gingen noch
einmal all die schönen Wege nach Tiefurt, nach Belvedere, in die
geheimnisvolle Stille von Goethes Gartenhaus, und auf den Kirchhof an
das Grab ihrer Mutter und an das von Ottilie -- von Wolf; wir schritten
hinab in die Dämmerkühle der Fürstengruft und standen schweigend vor den
irdischen Resten ihres väterlichen Freundes. Dann aber stiegen wir
hinauf zu dem letzten Lebendigen, den er hinterlassen hatte: über die
klassische Treppe in die kleinen, stillen Dachstuben. Ich ließ die
beiden Freunde allein und betrat die Zimmer wieder, wo Goethe wirkte,
bis der Tod ihn von der Arbeitsstätte mit sich nahm. Es war eine Stunde
heiliger Andacht, aus der Großmamas leise Stimme mich weckte. "Komm,"
sagte sie leise, und ihre Augen schwammen in Tränen. Ich gab ihr den
Arm. Zum erstenmal sah ich, daß sie alt, sehr alt war, denn sie ging
gebückt, und ihre Füße zitterten auf den breiten Stufen der Treppe, die
sie nie wieder betreten sollte.