Die nächsten Jahre verflossen, nur von Reisen zu ihren Kindern und nach
Karlsbad unterbrochen, still und friedlich. Meine Korrespondenz mit
meiner Großmutter drehte sich mehr und mehr um religiöse Fragen und
Zweifel, die mich um so stärker beschäftigten und quälten, als ich durch
einen ultraorthodoxen Geistlichen für meine Einsegnung vorbereitet
wurde, dessen Ansichten mit denen meiner Großmutter in schroffem
Widerspruch standen. Ihre aus diesem Anlaß an mich geschriebenen Briefe
bilden in ihrem Zusammenhang ihr religiöses Glaubensbekenntnis, das sie
in den letzten Jahren ihres Lebens nur noch wenig modifizierte. In einem
ihrer ersten Briefe schrieb sie: "Alle meine Gedanken sind bei Dir, mein
liebes, liebes Kind, nicht blos weil die Bestrebungen unserer Seelen
sich gleichen, sondern weil ich Dich vor allen Klippen, Rückfällen und
Kämpfen bewahren möchte, die auf meinem Wege lagen und einen langen Teil
meines Lebens recht rauh gemacht haben ... Das Erforschliche erforscht
zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren, giebt Goethe als des
Menschen würdigste Seeleneinrichtung an, und bei der Umarbeitung seiner
morphologischen Studien ein Jahr vor seinem Tode schrieb er: 'Man muß
ein Unerforschliches voraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher
selbst keine Grenzlinien ziehen. Muß ich mich denn nicht selbst zugeben
und voraussetzen, ohne jemals zu wissen, wie es wirklich mit mir
beschaffen sei, studiere ich mich nicht immerfort, ohne mich jemals zu
begreifen? Und doch kommt man frisch und fröhlich weiter!' Du siehst
daraus, daß der größte Geist, den seit Jahrhunderten die Welt gesehen
hat, nicht wie jetzt die naseweisen Schulbuben, ein letztes
Unerforschliches zugab. Die ganze Welt ist ja voller Materien, von der
Eichel an, die zur Eiche, bis zum Kinde, das zum Propheten, zum Dichter,
zum Helden wird. Für den klügsten Menschen bleibt also stets unendlich
viel, was sein Verstand nicht erreicht, was entweder zur Glaubenssache
wird, oder was dahingestellt bleiben muß. Unerkennbares zu glauben wird
gegeben, aber nicht ergrübelt. Es kommt aber auch gar nicht auf dies
'Glauben' im Sinne eines Fürwahrhaltens an. Laß Alles dahingestellt.
Folge Christus nur auf dem Wege, den er vorgeschrieben hat: 'Tut nach
meinen Worten und ihr werdet sehen, ob es Gottes Worte sind oder ich aus
mir selber rede.' Beten und arbeiten, mit den Menschen Frieden halten,
Alles fröhlich genießen, was sich ohne Sünde genießen läßt, barmherzig,
wahr, liebevoll sein -- das ist des Weges Anfang ... Das erste aller
Geheimnisse -- das Leben -- hat noch niemand ergründet, obwohl wir es
sehen, fühlen, haben; es ist auch ganz gleichgültig, wie wir uns seine
erste Entstehung denken -- einen allerallerersten Anfang uns denken zu
wollen, bleibt so wie so unmöglich -- aber darauf kommt es an, was wir
daraus machen. Christus ist mit seinen Jüngern auch nicht den Weg des
Grübelns gegangen, sondern den der Tat, die unter der ganz schlichten,
ganz begreiflichen Weisung stand: Liebe deinen Nächsten als dich selbst.
Er brauchte gar nicht existiert zu haben, wir brauchten gar nichts von
ihm zu wissen und dieses einzige Gebot -- 'darinnen hänget das ganze
Gesetz und die Propheten' -- würde die höchste Richtschnur sein ...
Niemals dürfte die Idee von der Erlösung von der Sünde so verstanden
werden, als ob etwa ihr bloßes Fürwahrhalten uns los und ledig spräche
von allem Unrecht, das wir begehen. Wir müssen sie uns vielmehr täglich
und stündlich im Kampf gegen das Böse, Selbstsüchtige in uns erringen.
Ist unser Wille darauf gerichtet, ist nicht das Glücklichsein im Sinne
einer Anhäufung materieller Genüsse, sondern das Gutsein, im Sinne des
Freiwilligendienstes der Menschheit, unser Ziel, so werden wir auch
glücklich sein, weil Schmerz und Unglück uns nicht mehr bitter, trotzig,
menschenverachtend machen, sondern milde, ergeben, liebevoll, stark." In
einem anderen Briefe heißt es: "Mit all meinen Gedanken bin ich bei Dir,
mein Kind, und es bekümmert mich tief, daß Du, wie es scheint, mehr von
einem Theologen als von einem Christen unterrichtet wirst. Es ist der
Fluch der Theologie, daß sie Glaubenssätze aufstellt und daran festhält,
wenn der wirkende Geist Gottes längst darüber hinausging, wenn sie
erklären will, was nur erfahren werden kann, und wenn sie oft so alberne
Erklärungen giebt, die sie Glauben nennt. Nicht nach dieser
vorgeschriebenen Weise glauben zu können, ist kein Unglauben, aber in
Hochmuth und Übereilung die Glaubenslehren wegwerfen, das führt zum
Unglauben, weil es verhindert, daß Geist und Herz nach dieser Seite hin
thätig sei, innere Erfahrungen machen und auf diesen weiter bauen kann.
Ich glaube jetzt an Christus als an den geistigen Sohn Gottes, an sein
liebevolles Werk, an sein Einssein mit dem Vater, an das großartige
Erziehungswerk, wodurch nach Aeonen alle Menschen selig werden; ich
glaube jetzt an den heiligen Geist als an die schaffende Kraft Gottes,
die das Universum erfüllt, in Menschen, Kunstwerken, Erkenntnissen der
Wissenschaft zu Form und Gestalt sich bildet ... Du fragst, wie es
möglich sei, eine Entscheidung zu treffen, wenn Glaube und Wissenschaft
einander widersprechen. Handelt es sich um echte Wissenschaft, um das
Ergebniß sorgfältiger Untersuchung, so ist sie Wahrheit, und der Glaube,
das Fürwahrhalten, wird ihr selbstverständlich weichen, wie er vor der
Erkenntniß der Kugelgestalt der Erde weichen mußte. Sagt dir aber jemand
im Namen der Wissenschaft, daß es z. B. eine Seele nicht geben könne,
weil er sie nicht unter dem Mikroskop gefunden habe, so fordere ihm den
Beweis für das Leben ab, denn alles Sichtbare ist todt, eigentliches
Leben ist unsichtbar. Das entflohene Leben des Körpers hast Du nie
gesehen, der todte Körper ist ja als Leiche derselbe, der Dir sichtbar
war. Liebe, Dankbarkeit, ja, sogar die unedlen Empfindungen sind
unsichtbar, und wo sie sichtbar sind, werden sie es nicht durch Form,
sondern durch Ausdruck und Gefühl. Der eben abgehauene Baum ist das, was
Du vom Baume siehst, sein Leben siehst Du nicht, den Duft der Rose
siehst Du nicht, die gewaltigsten Naturkräfte, Magnetismus,
Electricität, siehst du nicht ... Das Christenthum verlangt von seinen
Anhängern gar keinen Wunderglauben, es bekämpft nur den geistigen
Hochmut -- der übrigens auch menschlich ein Zeichen der Unbildung ist
--, der alles zu wissen und erklären zu können behauptet. Nicht Wunder
als Ausschreitungen der Natur brauchst Du anzunehmen, bekenne Dich nur
in Demuth, daß Deine Intelligenz noch nicht bis zur Erkenntniß aller
göttlichen Gesetze reicht, durch die diese Wunder erklärt werden. Hätte
Christus vor fast 2000 Jahren gesagt: 'Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr
ein Mikroskop hättet, ihr würdet Tausende von lebenden Geschöpfen in
einem Wassertropfen sehen, oder wenn ihr ein Fernrohr hättet, ihr
könntet Millionen Welten entdecken, wenn ihr ein Telephon hättet, ihr
würdet die Sprache eurer fernen Freunde hören,' sie hätten den Herrn
ebenso verspottet, als da er sprach: 'Wahrlich, ich sage euch, so ihr
Glauben hättet, ihr könntet Berge versetzen!'"
Auf meine Frage, ob ich nach ihrer Auffassung gezwungen wäre, an Gott zu
glauben -- mein Lehrer hatte mir mit allen Strafen der Hölle gedroht,
wenn ich die drei Artikel des Glaubensbekenntnis nicht eidlich zu
bekräftigen vermöchte -- antwortete sie: "Zum Glauben zwingen wollen ist
ein Verbrechen an der Menschenseele und kann nur zum Bösen führen, wie
es nur zum Bösen führt, wenn man einen Menschen dadurch zum treuen
Arbeiter machen will, daß man ihn in Sklavenketten legt. Gott wird die
Seelen nicht fragen: glaubst Du an dies und das? sondern: wie war Dein
Herz, was hast Du gethan? Dann wird Mancher, der sonntäglich in die
Kirche ging und den Morgen- und Abendsegen nicht vergaß, wohl aber die
thätige Menschenliebe, vor dem zurücktreten müssen, der sagte: wer darf
ihn nennen, wer ihn bekennen? und der betete: gieb mir große Gedanken
und ein reines Herz ...
"Beängstigend, einengend ist mir immer so Vieles gewesen, was aus dem
Christenthum herausgequält und als Glaubensartikel hingestellt wird, wie
z. B.: 'Gottes Gerechtigkeit fordert ein Opfer, deshalb stirbt der
Sündlose für den Sünder,' was aber die größte Ungerechtigkeit wäre.
Oder: 'Meine Sünden haben den Herrn ans Kreuz geschlagen,' was auch
unverständlich ist, fast 2000 Jahre nach Christus. Oder das
Allerschwerste: 'Das ist mein Leib, das ist mein Blut,' während das neue
Testament so einfach und erklärend hinzufügt: 'Solches thut, so oft ihr
es thut, zu meinem Gedächtniß' ... Da ich demnächst bei Euch zu sein
hoffe, so wollen wir vor Deiner Einsegnung uns noch gründlich
aussprechen. Es soll Dir in keiner Weise Gewalt angetan werden. Das Eine
aber laß Dir jetzt noch sagen und halte daran fest: Es kommt nicht auf
das Glauben an Gott, sondern auf das Handeln im Sinne Gottes an. Der
Glaube, jenes unerschütterliche Vertrauen in Gott, das uns seine Wege
nicht nur tapfer gehen läßt, sondern auch die härtesten zu denen macht,
die uns am meisten vorwärts führen, ist ein Geschenk höherer
Seelenentwickelung, eine Gnade, ein Glück, aber kein Sittengesetz ..."
Ich weiß nicht mehr, warum, aber Großmama kam nicht. Ich blieb allein,
auch innerlich, denn in der tiefen Zerrissenheit meines Gemüts -- einer
Folge des Religionsunterrichts, den ich genoß -- blieben ihre Worte ohne
tieferen Eindruck, und ich wagte ihr nicht zu schreiben. Erst am Tage
meiner Einsegnung, als die Kirchenglocken mir wie die Stimmen des ewigen
Gerichts in die Ohren gellten und ich das Glaubensbekenntnis sprach in
der Überzeugung, einen Meineid zu leisten, sah ich sie wieder. Mit den
Sorgen um ihren ältesten Sohn und das Ergehen ihrer Tochter mehr denn je
beschäftigt, hatte sie für die blasse, stille, vierzehnjährige Enkelin
wohl Worte zärtlicher Liebe, aber sie pochten nur an die Türe meines
Herzens, die eine fremde Gewalt in das Schloß geworfen hatte und darin
festhielt. Wir reisten zusammen nach Ostpreußen, aber ich ging dem
Alleinsein mit ihr aus dem Wege. Dann kam ich aus dem Hause, und die
Korrespondenz schlief ein, weil die gestrenge Tante, bei der ich mich
zur Erwerbung des letzten Erziehungsschliffs aufhielt, die Briefe las,
die ich schrieb oder zu bekommen pflegte. Aber die Erinnerung an Weimar,
an Großmama war um so lebendiger in mir und steigerte sich um so mehr
zur Sehnsucht, je schroffer der Gegensatz zwischen dort und hier mir
fühlbar wurde, und ich ergriff schließlich die erste Gelegenheit, die
sich mir bot, um wieder in die alte Verbindung mit ihr zu treten. "Du
wirst vor all dem Neuen an Menschen und Dingen, die Dir begegnen, Deine
alte Großmutter wohl fast vergessen haben," schrieb sie mir, "aber sie
denkt um so mehr an Dich, mein Herzenskind. Deine Mutter teilte mir nur
Gutes von Dir mit und schickte mir einige Deiner neuesten Gedichtchen,
die in der Form sehr hübsch, im Inhalt aber gar zu einförmig sind. Liebe
und Frühling sind sehr schöne Dinge und können ein junges
sechzehnjähriges Herz wohl ausfüllen, aber mein Enkelkind kenne ich zu
gut, als daß ich nicht wüßte, daß sie mehr zu sagen hat. Die
hauswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Talente, die Deine Tante bei
Dir pflegt, sind sehr nützliche, aber die wertvolleren sind die des
Geistes. Weder darfst Du das Große und Gute von Dir werfen, noch über
die Gaben stolpern, die Gott Dir vor die Füße legte, Du mußt sie
aufheben und pflegen.
"Ich sehe jetzt gerade die preußische Geschichte von Voigt; selten ist
ein Werk so treu, so vollständig und so langweilig geschrieben worden.
Ich möchte Dir nur raten -- als Anregung zu poetischer Gestaltung -- die
ungeheuer poetische und und brillante Episode aus der Ritterzeit in
Marienburg nachzulesen, wo Johann von Bendorf wegen Bruchs der
Ordensgesetze vom Kriegszug der Ritter nach Livland ausgeschlossen wird
und aus Rache und Verzweiflung den Hochmeister Winrich von Kniprode
ermordet im Augenblick, da dieser die Kapelle verläßt. Johann wird im
Hof der Burg enthauptet, während die Ritter an ihm vorüber in den Krieg
ziehen. Was meinst Du dazu? Wage Dich an große Stoffe, spanne Deinen
Bogen so stark Du kannst, damit die Pfeile Deines Geistes weitgesteckte
Ziele erreichen! ... Und dann habe ich ein anderes Büchlein wieder
gelesen, das mir mein armer, lieber Wolf Goethe wortlos übergab, ehe er
auf immer von hier Abschied nahm: seine Erlinde. Sie hat mich sehr
ergriffen, und ich schrieb ihm darüber nach Leipzig, wo er jetzt lebt.
Da sein rechter Arm durch furchtbare neuralgische Schmerzen beinahe
gelähmt ist, antwortete er mir nur diese wenigen Zeilen: 'Rühre die
Wunde nicht an, denn nur dünn ist die Haut, die darüber wuchs; daß meine
Erlinde einen lebenskräftigen Keim hatte, glaube auch ich, aber es war
niemand da, der sie pflegte.' -- Hier hast Du das Buch, mein
Herzenskind. Wenn es Dir etwas sagt, wird doch vielleicht, auch ohne es
in Worte zu kleiden, ein warmes Gefühl das Herz des einsamen
Unglücklichen berühren, dessen letztes, tragisches Bekenntniß er in
diesen Versen niederlegte:
Alle Blumen sind gepflückt,
Alle Lieder sind verstummt,
Und ich geh einher gebückt
In mein dumpfes Leid vermummt.
Ich stehe stets daneben,
Ich trete niemals ein;
Nur einmal möcht ich leben!
Und Mensch nur einmal sein! ..."
Dieser Brief griff mir ans Herz. Mit der überschwenglichen Schwärmerei
eines sechzehnjährigen Mädchenherzens träumte ich mich in den Gedanken
hinein, dem Enkel Goethes ein Glück bereiten zu können. Und der Zufall
wollte es, daß ich einen Theaterdirektor kennen lernte, der die
Aufführung Erlindens wagen wollte. Meine Großmutter übermittelte dem
Verfasser seine Absicht. Wolf Goethe sandte ihr folgende Antwort.
"Leipzig, den 1. Januar 1881.
"Theuerste Jenny!
"Wie wunderbar und doch wie natürlich ist es, daß Dir jetzt die Erlinde
nahe getreten. Welche Reihe von Gedanken und Empfindungen sich hieran
für mich knüpfen muß, wirst Du Dir vorstellen können.
"Es giebt Dinge, die wir ablehnen müssen, ja die es unsere Pflicht ist,
abzulehnen, es giebt Dinge, bei denen wir zweifelhaft sein mögen, ob wir
nicht den Willen der Vorsehung stören, wenn wir hemmend eingreifen. Zu
solchen gehört wohl: später Erfolg, spätes Glück. Das Glück liebt es,
uns verhüllt, in fremder Gestalt zu nahen. Erst wenn es im Weggehen das
Haupt wendet und das unverhüllte Antlitz zeigt, erkennen wir es oft. Es
wäre unnatürlich gewesen, wenn ich nicht an die Erlinde Hoffnungen
geknüpft hätte. Daß sie nicht von den Menschen, von den Vielen,
aufgenommen wurde, hat auf mein Leben großen Einfluß ausgeübt; aber ich
empfinde keine Bitterkeit mehr deshalb! Es hat nicht sein sollen! Ob die
Zeit der Erlinde gekommen ist, weiß ich nicht. Ob gar meine Zeit
gekommen?! Ich glaube es nicht und wünsche es auch nicht. Der Mensch
steht in der Welt erst im Augenblick nach seinem Tode vollendet da, bis
dahin ist er für sie eine Gestalt ohne Haupt, sind die Glieder formlos.
"Wie Du, theuerste Jenny, halte ich die Erlinde für aufführbar, mit
einigen Abänderungen und Auslassungen ... Erlinde bedarf bei der
Aufführung einer mäßigen Ausstattung und einer mit Maß angewandten
Musik. Die Frage des Theaterdirektors, welche Du mir freundlichst
mitteilst, hat mir große Freude bereitet, die Antwort wird mir aber
nicht leicht. Die Gründe für sie, ja sie selbst, liegen schon in dem,
was ich früher ausgesprochen habe. Soll ich die Gestaltung für die
Aufführung der Erlinde ganz in die Hände von Anderen legen, Anderen ganz
überlassen? Denn ich selbst vermöchte nicht, mich an ihr zu beteiligen.
Wer weiß denn, ob sie nicht auch jetzt zurückgewiesen wird!? Soll ich
selbst mir noch etwas Neues, Schweres, Schmerzliches heraufbeschwören?
Ich weiß wohl, daß ein Erfolg viel unerwartetes Gutes für mich mit sich
führen könnte. Ich weiß wohl, daß es zu den großen Seltenheiten gehört,
wenn einer Dichtung die Stelle, die sie bei ihrem Erscheinen nicht
erlangte, später eingeräumt wird, und daß etwas Entscheidendes darin
liegt, auf einen bedeutenden Versuch in dieser Richtung nicht
einzugehen. Nun aber bleibt mir nach meiner ganzen Lage nichts anderes
übrig, als Dich zu bitten, in möglichst unscheinbarer Form, vielleicht
durch die Güte Deiner verehrten Enkelin, zu antworten, daß der Verfasser
der Erlinde, weil er nicht in der Lage ist, sich an ihrer Gestaltung für
die Bühne zu beteiligen, gegenwärtig auf eine solche verzichten müsse.
"Nun, theuerste Jenny, nimm, was ich schrieb, freundlich auf und lege
alles an die rechte Stelle."
Bis hierher ist der Brief ein Diktat. Darunter aber steht mit großer
zitternder Schrift:
"Treulichst
Dein Wolf.