J. A. Blanqui."

Von dem Verlaufe des Briefwechsels, der bis 1854, Blanquis Todesjahr,

sich ausdehnte, sind nur noch einige Stücke von Jennys Hand vorhanden.

So schrieb sie ihm einmal folgendes: "Mit Ihrer schroffen Ablehnung

aller kommunistischen Ideen bin ich nicht ganz einverstanden. Warum

sollte, eine lange vorbereitende Entwicklung, vor allem eine gute,

gleichmäßige Erziehung vorausgesetzt, nicht ein Zustand möglich sein,

der eine Gemeinsamkeit des Lebens und des Besitzes zur Grundlage hat?

Selbstverständlich stehe ich, was die Utopistereien der heutigen

Kommunisten anbelangt, auf Ihrer Seite: mit Blut und Schrecken wird

solch ein Zustand ebenso wenig erreicht werden, wie man durch

Verbrennung der Ketzer das Christentum förderte. Er muß das Ergebniß des

allgemeinen Fortschritts der Menschheit sein, und ich kann nicht

leugnen, daß an ihn zu glauben etwas sehr wohltuendes für mich hat."

Unter den ihr durch alte und neue Freunde und durch die politischen

Ereignisse zuströmenden Anregungen wuchs ihr Interesse an ökonomischen

und politischen Fragen, aber soweit sie sich dabei auch, getrieben von

ihrem tiefen Mitgefühl mit den Enterbten des Glücks und von ihrer

religiösen Überzeugung, sozialistischen Anschauungen näherte, so blieb

sie doch, soweit die Gegenwart in Betracht kam und in bezug auf

politisch-rechtliche Fragen, auf dem Boden patriarchalisch-konservativer

Anschauungen stehen. Wenn sie z. B. die Möglichkeit des Kommunismus

anerkannte, so doch nur für eine ferne Zukunft und auf Grund

allmählicher Erziehung und Entwicklung der Menschheit zu einer gewissen

Höhe moralischer und geistiger Kultur. Im Unterschied aber zu der

überwiegenden Mehrzahl gläubiger Christen, die wie sie die Tugend als

Voraussetzung des Glücks erklärten, erkannte sie die ökonomische Lage

der Menschen als Bedingung auch ihrer sittlichen Entwicklungsfähigkeit.

Darum legte sie den Ärmsten gegenüber so gut wie keinen Wert auf das

Predigen der Moral, den allergrößten aber auf die Beseitigung der Not in

jeder Form. Erst auf dem Grunde einer gesicherten Existenz, die durch

eine möglichst beschränkte Arbeitsleistung gewonnen werden soll, also

auch genügend Zeit gewährt, um sich geistige Bildung anzueignen, hielt

sie ein Fortschreiten der Menschheit zu ihren höchsten Zielen für

möglich. Den auf tiefer Kulturstufe Stehenden gleiche politische Rechte

zu geben, hielt sie jedoch für ebenso widersinnig, als wenn reife

Menschen unmündige Kinder als ihresgleichen behandeln würden. Es

erschien ihr angesichts des ihr so wohlbekannten armen, verrohten,

scheinbar zur Freiheit unfähigen westpreußischen Volks ungeheuerlich,

ihm politische Macht und damit politischen Einfluß zu gewähren. Sie

übersah dabei zweierlei: daß auch in den Reihen derer, die physisch und

geistig nicht Not leiden, die Herzens- und Geistesroheit überwiegt, wenn

sie sich auch hinter reiner Wäsche und gewählten Formen verbirgt, und

daß das Moralpredigen bei ihnen ebensowenig nützt wie bei den Armen,

weil es von einer herrschenden Klasse in ihrer Gesamtheit

Übermenschliches verlangen hieße, daß sie sich in der Erkenntnis der

vollendeten Reife der ihnen bisher Untergebenen ihres Einflusses und

ihrer Macht freiwillig entäußern sollte, indem sie die volle

Gleichberechtigung gewährt. Wenn Jenny zu dieser Überlegung nicht

gelangte, so ist der Grund dafür in der Tatsache zu suchen, die ihres

Lebens Glück und zugleich die Bedingung seiner Beschränkung war: in der

Epoche, unter deren Einfluß sie sich entwickelte. Das Kennzeichen ihrer

Erziehungsmethode war besonders im Hinblick auf die Frauen die

Treibhauskultur des Gefühls. Der Intellekt mußte sich in seiner

Weichheit und Schwäche vor der bis zum äußeren verfeinerten Empfindung

nur zu oft für besiegt erklären. So war es zuerst die Empfindung, die

Jenny für die Not der Massen so hellsichtig machte -- dieselbe

Empfindung, die sie für die Unzulänglichkeit der eigenen Klasse nur zu

oft mit Blindheit schlug. Sie empfand die Roheit des Volkes als etwas

Schmerzhaftes, Peinliches, sie empfand das gesittete Benehmen ihrer

Standesgenossen als etwas Wohltuendes, Gutes, und da die schöne Form

für sie persönlich nichts anderes war als ein schönes Gewand auf einem

vollendeten Körper, so mußte die Häßlichkeit eines Körpers schon sehr

groß sein, um von ihr auch durch die Hülle bemerkt zu werden.

Nach diesen Gesichtspunkten muß man eine Anzahl Briefe Jennys über

politische Fragen betrachten, wenn man ihnen gerecht werden will. Für

den Oberflächlichen müßte vieles widerspruchsvoll erscheinen, was

tatsächlich von ihr vollkommen konsequent gedacht war. Lesen wir z. B.,

was sie im ersten Jahre der preußischen Reaktion an Gersdorff schrieb:

"Ich glaube nicht, daß, so lange diese Generation mit ihren Erinnerungen

an 48 und 49 lebt, irgend eine Aussicht auf Revolution ist -- denn der

Demokratie fehlen erstlich die Massen und zweitens die Hälfte ihrer

aufrichtigen Bekenner von 48, welche sich in der politischen Reife des

Volkes geirrt haben, und nun einsehen, daß man zu Johanni zwar

Johannisbeeren, aber keine Weintrauben keltern kann. -- Ich würde auch

mit einem großen Teil des jetzigen Verfahrens einverstanden sein, wenn

ihm die Idee zu Grunde läge, in der Bevormundungszeit, die wieder

begonnen hat, die Entwicklung zu fördern, die zur Reife und mithin zur

Beseitigung der Vormundschaft führt; die Innigkeit und Einigkeit mit

Österreich und Rußland deutet aber leider auf den Willen zu einer in

alle Ewigkeit fortgeführten Vormundschaft.

"Ich kann auch die Kriegsantipathie von Regierenden und Volk nicht

schelten -- ich sehe darin keine Feigheit und Schlechtheit, sondern ein

Überwiegen der wahren Ehre im christlichen und göttlichen Sinn über die

falsche Ehre des Mittelalters, die uns noch in den Junkerknochen liegt.

Diese Begriffe von Ehre waren von A bis Z falsch, unvernünftig und

unphilosophisch -- die einzige Ehre ist die Ehre, die das Christentum

anerkennt: 'ohne Sünden bleiben'; nichts und niemand hat die Macht uns

zu schänden, als wir selbst durch unsere eigene Sünde, nichts und

niemand kann uns wieder zu Ehren bringen als unsere eigene Buße und

Tugend."

Hier steht der schärfste Radikalismus im einzelnen -- mit ihrer

Verurteilung des Ehrenkodex der Offiziere und Aristokraten stand sie

sicherlich in ihren Kreisen allein -- neben einem gewissen Verständnis

der Maßnahmen der Reaktion, von denen sie hoffte, daß sie im Interesse

des Volksfortschritts und der Erziehung zur künftigen Freiheit

gehandhabt würden. In einem Brief an Scheidler aus derselben Zeit tritt

diese Auffassung der Bevormundung als eines notwendigen

Erziehungsmittels noch deutlicher hervor. Sie schrieb:

"Was Ihre politische Meinung über Preßfreiheit betrifft so kann ich ihr

noch nicht unbedingt beistimmen, die Sache hat zu viel für und wider

sich, als daß ich mich nach so wenig reiflicher Überlegung für eine

Partei erklären könnte, nur scheint mir, daß Sie die Gründe wider die

Preßfreiheit nicht für gewichtig genug halten. Wäre darin nur der

Verkehr zwischen Gebildeten und mehr oder weniger Gelehrten zu

verstehen, so müßten Sie unbedingt Recht behalten, allein die Frage ist:

kann es zum Besten des Volkes, der größeren Massen sein, oberflächliche

Begriffe von Dingen zu erhalten, welche sie nur halb verstehen und nie,

ihrer Lage und Beschäftigungen wegen, ganz ergründen können? Und ist es

räthlich für die Oberhäupter eines Staates, einen Einfluß zu gestatten,

welchem oft keine reine Absicht zu Grunde liegt und wo persönliches

Interesse sich meist hinter dem Universal-Interesse verbirgt? Jedes

Warum und Aber in Staatsregierungen zu begreifen, dazu gehört mehr

Kenntniß und Einsicht, als der gewöhnliche Mann je erwerben kann. Sie

werden mir sagen, daß gefährliche oder falsche Artikel widerlegt werden

können, allein wo haben Geschäftsleute wohl die Zeit, jeden Tag zwanzig

Artikel zu widerlegen? Ist bei diesem Fall die Bemerkung der Madame de

Staël nicht allgemein zu brauchen: _'Que sert la justification là où le

plus souvent on n'écoute pas la réponse?'_

"Die Gründe für Preßfreiheit sind freilich sehr gewichtig, und es geht

mir mit meiner Meinung darüber wie mit der über Republiken: ich fände

beide Staatseinrichtungen unbedingt jedem anderen Gegensatze

vorzuziehen, wenn die Menschen, besonders die Massenführer und

Massenaufreger, besser und redlicher wären."

In einem späteren längeren Brief an Professor Scheidler zeigte sich

dagegen mit um so größerer Klarheit der Standpunkt, den sie dauernd als

festen Boden unter den Füßen behielt: daß der Staat für das

menschenwürdige Dasein seiner Bürger verantwortlich sei. "Mir blieb eine

Lücke in den von Ihnen angeführten Gleichheitsansprüchen," schrieb sie,

"ich möchte nämlich, Sie führten dabei noch die Gleichheit der

menschlichen Naturbedürfnisse, Nahrung, Wärme etc. an, woraus die

Gleichheit ihrer Ansprüche zu deren Befriedigung auf die einfachste

Weise, als Verpflichtung der Staaten, deducirt werden müßte. Dahin

gehört auch die Verpflichtung, frühzeitige Ehen, ohne Unvernunft,

möglich zu machen. Diese Hauptfragen treten immer wieder viel zu sehr in

den Hintergrund, anstatt gerade vorn und obenan zu stehen, und in einer

Weise obenan, daß gar nichts Anderes vorgenommen werden müßte, ehe diese

große Aufgabe gelöst wäre, die ohne allen Zweifel nach der materiellen

Beschaffenheit der Erde gelöst werden kann. Wenn alle Regierungen, auch

nur die von Europa, unablässig dahin strebten, Einrichtungen zu treffen,

daß ohne übermäßige Arbeit jeder Mensch seine Lebensbedürfnisse auf die

einfachste Weise befriedigen könnte, daß bei selbstverschuldetem Elend

der Eltern die Kinder gerettet würden, so würden sie es erreichen.

Deshalb habe ich mich im Jahre 1848 zu dem ersten Erscheinen der

Socialisten und Communisten so hingezogen gefühlt, weil sie sich dem

näherten, was ich für das Wichtigste hielt.

"Keine Nation sein, keinen Kaiser haben, als Volk gedemütigt und

gekränkt sein, das sind zwar gerechte Schmerzen und verbittern das Leben

Vieler; aber kein Brot und keine Wärme haben, vor Sorgen und Arbeit

nicht zum menschlichen Dasein gelangen, als Eltern entweder täglich

bittere Kummerthränen weinen oder einer thierischen Gleichgültigkeit

anheimfallen, das sind ganz andere Schmerzen, ganz andere

Ungerechtigkeiten, das verbittert in unendlich höherem Maße das Leben

von unendlich mehr Mitbürgern, die dieselben Ansprüche an Beseitigung

ihres Elends haben als die, welche mit ihren Klagen die Sturmglocke

läuten, weil sie den Strang in der Hand halten, während die Elendesten

stumm bleiben. Die oben genannten politischen Leiden sind _des douleurs

de luxe_ neben den Leiden des wahrhaft armen Mannes."

* * * * *

Inzwischen hatte Jennys persönliches Leben eine tiefgreifende Wandlung

erfahren: im Jahre 1850 war ihr Mann Landrat des Riesenburger Kreises

geworden, hatte zu gleicher Zeit Garden verpachtet und sich in

Rosenberg, einem Gute in der Nähe der Kreisstadt, neu angekauft. Der

Abschied war Jenny nicht leicht geworden: das mit so viel Liebe

eingerichtete und alljährlich vervollkommnete Haus, der schöne Garten,

in dem jeder Baum und jeder Strauch ihr etwas Lebendiges war, der

stundenlang sich hinstreckende Wald, der kaum zwanzig Schritt vor der

Haustür anfing, der blaue spiegelnde See, im Sommer und Winter der

Kinder beliebtester Tummelplatz -- das alles wurde ihr zu verlassen

doppelt schwer, als der Weg sie wieder in eine fremde Umgebung und nicht

nach Weimar führte, was sie so sehr gewünscht hatte.

"Für meine Kinder," so schrieb sie damals, "wäre ich gern wurzelfest

geblieben, denn ich glaube, es liegt ein großer Segen darin, eine Heimat

im engsten Sinn des Wortes zu haben, aber ich sehe ein, daß das immer

seltener wird, und hoffe, daß andere Werte an Stelle des verloren

gegangenen treten werden ... Doch bin ich sehr froh, daß Werner bei

seiner gemeinnützigen Tätigkeit, die seinen Geschäften sehr hinderlich

ist, endlich zum Entschluß kommt, zu Johanni zu verpachten; lieber wär

mir der Verkauf, er schien sich aber dazu nicht entschließen zu können.

-- Die Sparkassen des Kreises sind im Gang, die Chaussee naht ihrer

Vollendung, und nach einer 4 monatlichen mühsamen Verwaltung der

freiwilligen Unterstützungen der zurückgebliebenen Landwehrfamilien

des Kreises hat er einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, der die Gemeinden

zu deren Unterhalt verpflichten will und den er dem Oberpräsidenten

eingesandt hat. Es sind drei Werke, auf die er mit Befriedigung

hinblicken wird, wenn sie vollendet sind; sie waren notwendig und werden

Segen bringen, und in unserer Zeit ist es doppelt wichtig, daß es auch

Männer gebe, die im Schatten Fundamente bauen."

In Rosenberg stand der Gustedtschen Familie zunächst nur ein primitives

Heim zur Verfügung, das gegen das wohnliche Gardener Herrenhaus sehr

abstach. Auf einem hoch über dem See gelegenen, von Linden und Buchen

gekrönten Hügel bauten sie sich ein neues Haus. Jenny, die oft von sich

sagte, daß ein Baumeister und ein Tapezier an ihr verloren gegangen

wären, entwarf die Pläne für den Bau wie für die Einrichtung selbst,

eine Arbeit, die ihr große Freude bereitete und ihre Gedanken lange Zeit

von allem anderen abzog. Nach einem Jahre war das Werk vollendet und

zeugte von dem mit praktischem Verständnis verbundenen Schönheitssinn

seiner Schöpferin.

Nachdem Jenny sich und den Ihren die wohltuende Umgebung geschaffen

hatte, wandte sie sich mit frischen Kräften den öffentlichen Aufgaben

zu, die sie mehr als je zum gegebenen Tätigkeitskreis der Frau hatte

betrachten lernen. Auf die Unterstützung Armer und Kranker, auf die

Aufnahme von verlassenen Kindern hatte sie ihr Haus von Anfang an

eingerichtet: "Den Raum für Alles, sehr groß, hell, leer, weiß

gestrichen, mit gut heizendem Ofen, sollte auf dem Lande jedes Guts- und

Pfarrhaus haben," schrieb sie; "stelle Betten hinein, so ist es ein

Lazareth, zieh Leinen durch, so ist es Wäschetrocken-und Bügelraum,

mach Streu, Kopfkissen, Decken, so ist es für die Einquartirung

geeignet, bei schlechtem Wetter Kinderspielplatz, bei großen Festen

Speisesaal; stell ein Harmonium hinein, so wird es eine Capelle."

Aber sie verfolgte noch größere Pläne, als die bloßer privater

Hilfsarbeit, und fand in dem Pfarrer des Kreisstädtchens -- Pfeil --

einen verständnisvollen Förderer ihrer Ideen. Ein Rettungshaus für

uneheliche Kinder wollte sie gründen, das eine bleibende Zufluchtsstätte

für diese allerärmsten sein sollte. Da sie, seit sie Kinder besaß, sich

nicht mehr als unumschränkte Herrin ihres Vermögens, sondern sich ihnen

gegenüber in bezug auf seine Verwendung verantwortlich fühlte, so

glaubte sie das, was deren Zukunft sicherstellen sollte, nicht für ihre

Interessen angreifen zu dürfen. Auch ihren Gatten wollte sie nicht in

Anspruch nehmen; sie hatte sich ihre wirtschaftliche Selbständigkeit

neben ihm gesichert und respektierte die seine -- ein Verhältnis, das

sie einmal brieflich folgendermaßen verteidigte: "Für mich selbst halte

ich fest an der Überzeugung: '_qu'il ne faut pas faire les affaires avec

le sentiment;_' und ich trenne so scharf Gefühl und Geschäft, daß ich

sogar mit meinem Manne, wenn wir einander Geld leihen oder dergl.,

Schuldschein und Interessen gebe und empfange, genau berechne und

pünktlich zahle oder einziehe ... Ich habe zu viel Erfahrungen gemacht,

daß dadurch ein üppiges Unkraut aus der Aussaat zum Familienglück

herausgesammelt wird, und es entsteht wirklich weder Kälte noch irgend

ein Nachteil daraus, denn das Schenken steht ja doch jedem frei und

gehört zum Bereiche des Gefühls; so bin ich auch für Heiratscontrakte,

genaue immer vorrätige Testamente, genaues Feststellen jedes Eigentums

von Mobiliar u. dergl."

Wollte sie also ihren Lieblingsplan zur Wirklichkeit werden lassen, so

galt es auf andere Weise die Mittel dafür zu beschaffen, denn wenn auch

Stadt und Kreis Unterstützungen bewilligten, so mußte sie den Grundstock

des Ganzen liefern. Sie entschloß sich, einen großen Teil ihres

Schmuckes, der durch Geschenke Jeromes sehr bereichert worden war, zu

verkaufen, und fuhr deswegen selbst nach Berlin. Ein breites schweres

Kettenarmband der Herzogin von Orleans, Perlengehänge der Großfürstin

Maria Paulowna, Ringe der Prinzessin Augusta von Preußen, vor allem aber

die Rubinen und Brillanten, die als Rahmen ein in ein Armband

eingelassenes Miniaturbild Jeromes umgaben, verwandelten sich auf diese

Weise in schützende Mauern für die von der Gesellschaft Ausgestoßenen.

Nur ihre Kinder erfuhren später, was sie getan hatte, da sie sich

verpflichtet fühlte, ihnen auch darüber Rechenschaft abzulegen. Das

Rettungshaus aber steht heute noch. Ob es in dem halben Jahrhundert im

Sinne seiner Schöpferin wirkte, oder ob es vor lauter Mühe, Seelen zu

retten, die Menschen zu retten vergaß?

All dem eifrigen Wirken und fröhlichen Gedeihen sollte plötzlich ein

Ende gemacht werden. Marianne und Jenny erkrankten an jenem seltsamen

Landesübel, dem Weichselzopf. Die Ärzte nehmen noch heute an, daß diese

Verwirrung der Haare zu einem dicken unauflöslichen Ballen und die damit

zusammenhängende körperliche Schwäche auf Schmutz und Vernachlässigung

zurückzuführen ist. Nun gab es ringsum keine schöneren, gepflegteren

Kinder als die der Gustedts; die Mägde des Hauses sprachen angesichts

ihrer Erkrankung von Hexerei; man wollte, wie im Märchen von

Schneewittchen, von einer Landstreicherin wissen, die den Kindern eine

vergiftete Frucht gereicht habe, aus Rache dafür, weil man ihr Kind im

Rettungshaus untergebracht und ihr zwangsweise genommen hatte. Der Arzt

ordnete bei Mariannen, bei der das Übel am stärksten auftrat, das

Abschneiden der Haare an. Trotz der Warnungen einiger Bauernfrauen, die

bei der einheimischen Bevölkerung in weit höherem Ansehen standen als

der Doktor und behaupteten, daß gerade die Haare die Krankheitsstoffe

aus dem Körper zögen, griff Jenny kurz entschlossen selbst zur Schere.

Nach drei Tagen lag ihr holdseliges Töchterlein zum ewigen Schlaf auf

der Bahre.

Es scheint, als ob die Türe nur einmal vom Unglück geöffnet zu werden

braucht, um auch sein ganzes großes Gefolge hereinzulassen. Der

schwergeprüften Mutter, die ihr blühend schönes, fast erwachsenes Kind,

das begabteste von allen, sich von der Seite gerissen sah, blieb keine

Zeit, ihrem Schmerz sich hinzugeben.

"Du hast von meinen schweren und harten Prüfungen gehört," schrieb sie

im Herbst 1854 an Wilhelmine Froriep, "Du weißt, wie eine Mutter fühlt,

obgleich Du nicht die trübe Nachhaltigkeit kennst, die der Verlust eines

geliebten, fast erwachsenen Kindes für das Mutterherz hat; andere auch

recht schmerzliche Schicksalsschläge folgten diesem Unglück, -- der

verflossene Winter war eine Reihenfolge der sorgenvollsten Tage durch

die langwierige Krankheit meines Jennchen, und diesem Kummer folgte die

schwere Krankheit Werners -- aber Gottlob, er ist vorgestern ganz gesund

von Karlsbad zurückgekehrt, und so bereue ich nicht die zweimonatliche

Trennung, so schwer sie mir auch geworden ist. Jenny, ein sehr

niedliches, frisches Mädchen, hat ihren Weichselzopf glücklich

überstanden, und ihre lockigen Goldhaare sind in alter Fülle

zurückgekehrt. Mein Wernerchen hat auch Masern, Ziegenpeter u. dergl.

Kinderkrankheiten durchgemacht, und ich natürlich doppelt mit ihm, aber

es sind doch mäßige Sorgen, die man auf der armen, so folgenreichen Erde

noch nicht schwer ins Gewicht fallen läßt; dazu bin ich viel, sehr viel

allein, zu alt, um Freundschaften zu schließen, zu austauschbedürftig,

um mir selbst zu genügen -- was denn die Zeiten der Strohwittwerschaft

recht grau macht." Von Otto, dem ältesten, ihrem Sorgenkind, schrieb sie

im selben Brief: "Er ist ein großer, schlanker Junge, eigentlich schon

Jüngling, der als Freund neben mir steht, und so wie er unter

fortwährendem Kränkeln doch groß, muskelstark und blühend wird, ein

Reiter, Schwimmer, Turner, ein Dominierender bei Kriegen und Prügeln

der Gymnasiasten, so entwickelt sich auch sein Charakter unter allen

Anfechtungen der Sünde recht erfreulich; im Lernen bleibt er allerdings

durch die vielen Krankheitsversäumnisse, trotz seines tadellosen Fleißes

zurück, in der Charakterbildung ist er jedoch seinem Alter sehr voraus."

Die Eltern waren, des Gymnasiums wegen, genötigt gewesen, ihn in dem

nahen Marienwerder in Pension zu geben. Der Vater hatte von der Trennung

des Sohnes von der Mutter sehr viel gehofft, weil ihre liebevolle,

nachsichtige Erziehung dem zu allen Jugendtorheiten geneigten Knaben

nicht förderlich zu sein schien. Vor allem hatte er den Eindruck

gewonnen, daß seine Kränklichkeit ihm vielfach nur ein willkommener

Vorwand war, um sich dem Lernen zu entziehen, während Jenny von der

Echtheit seiner Leiden überzeugt und immer geneigt war, ihn zu schützen

und zu entschuldigen. So entwickelte sich in immer stärkerem Maße jener

stille Kampf um die Erziehung des Kindes, der, mit so zarten Waffen er

auch geführt wird, dem Eheleben so schwere Wunden schlägt: der Vater

denkt an das Leben, für das der Sohn sich entwickeln soll, die

Mutterliebe will ihn so lange wie möglich vor diesem Leben schützen.

Zunächst schien die Mutter recht behalten zu sollen; der an Freiheit und

Selbständigkeit, an Liebe und Nachsicht gewöhnte Knabe empörte sich

gegen die strenge Zucht der Pension und des Gymnasiums, die damals noch

weit mehr als heute in der Individualität des Schülers nichts als eine

verdammenswürdige Verletzung der vorgeschriebenen Ordnung sahen, und

deren Ziel daher nicht ihre Entwicklung, sondern ihre Unterdrückung war.

Otto Gustedt wurde relegiert. Daheim kam es zu bösen Auftritten, unter

denen die Mutter weit nachhaltiger litt als das Kind. Hochmut und

Faulheit warf der Vater ihm vor, wo Jenny die Berechtigung beleidigten

Selbstgefühls und körperliche Schwäche zu sehen glaubte. Ihre

Zärtlichkeit und Sorgfalt ihm gegenüber wuchs um so mehr, je härter ihn

der Vater behandelte. "Das Spannen auf das Bett des Prokrustes, das man

Erziehung nennt, war mir immer widerwärtig," schrieb sie; "man soll der

jungen Menschenpflanze eine Stütze geben, wie dem jungen Bäumchen, aber

man soll sie nicht je nach Laune und Wunsch, wie die Gartenkünstler des

18. Jahrhunderts, zu allerlei künstlichen Gestalten beschneiden und

zurecht stutzen." Bei dieser an sich zweifellos richtigen Auffassung

vergaß sie nur, was heute, wo sie zu allgemeinerer Geltung gelangte,

fast stets vergessen wird: daß, wie der unbeschnittene Buchsbaum doch

nicht zur hochragenden Buche wird, es auch Menschenpflänzchen gibt, die

durch alle Freiheit und Entwicklung doch keine starken Individualitäten

zu werden vermögen, die wie Lehm und Wachs erst durch die Hand des

künstlerischen Erziehers Wesen und Form erhalten. Jennys Hand aber war

weich: sie streichelte die Falten von der Stirn, sie zeigte ihren

Kindern die großen und schönen Ziele und die Wege, die zu ihnen führen,

wenn sie jedoch abseits gingen, so fehlte ihr zum Zurückziehen die

Kraft. "Ich weiß, wie oft meine Augen und der Ton meiner Stimme um

Verzeihung gebeten haben, wenn ich schalt, und dadurch wurde das

Schelten fast wirkungslos," schrieb sie später einmal. "Sie erzog ihre

Kinder, wie man Genies erziehen müßte," sagte eine alte Freundin von

ihr, und wer damals den schönen, schlanken, fünfzehnjährigen Otto sah,

aus dessen klassisch geschnittenen Zügen zwei Augen hervorstrahlten, die

jeden gefangen nahmen, der mochte die Nachsicht der Mutter verstehen.

War er ihr doch von allen ihren Kindern noch am meisten wesensverwandt:

seine Güte, seine himmelstürmende Phantasie, die ihn auf immer neuen

Wegen immer neuen Zukunftsträumen nachjagen ließ, verband sie nicht nur

zu genau, sie wußte auch aus eigener bitterer Lebenserfahrung, zu welch

inneren Konflikten und harten Enttäuschungen sie ihn im Leben führen

würden. Und Zukunfts- und Gegenwartsleiden vereint steigerten nur noch

ihre sorgende Mutterliebe.

So glücklich ihre Ehe war, es fehlte nun nicht mehr an Bitternissen: wie

sie zu schweigen gelernt hatte, wenn ihre politischen Anschauungen

auseinandergingen, so schwieg sie angesichts der Angriffe des Gatten auf

ihre Erziehungsprinzipien. Als trennendes Element, nicht als

verbindendes, standen die Kinder zwischen ihnen. Gerade das glücklichste

Eheleben wird selten von dieser Liebesprüfung verschont: die Zeit, da

die Kinder sich zu Menschen entwickeln, ist immer die gefährlichste, und

die harmonischste die, die ihr vorangeht und ihr folgt.

Da Werner Gustedt infolge seines Berufs viel abwesend sein mußte, war

der Anlaß zu Differenzen zwischen den Gatten kein häufiger. Abends, wenn

über dem runden Tisch die Lampe brannte und die Familie sich um ihn

sammelte, plaudernd, lesend, mit Handarbeit beschäftigt, war immer

Feierstunde; mit der Arbeit war das Arbeitskleid und die Arbeitsstimmung

abgelegt, und der blitzende, summende Teekessel sah zufriedene Gesichter

um sich und sang seine leise Melodie nur zur Begleitung frischer, froher

Stimmen. "Wer keinen Sonntag hat und keinen Feierabend, der hat keine

Familie." Diese Worte aus Pücklers Briefen eines Verstorbenen finden

sich in Jennys Abschriften doppelt unterstrichen. Oft, wenn der graue

Alltag die Harmonie des Lebens zu zerstören drohte, stellte der Sonntag

und der Abend sie wieder her. Dann wurden Bücher gemeinsam gelesen und

besprochen, und Gedanken, die sie anregten, wohl auch schriftlich

fixiert, um Stoff zu neuer Unterhaltung zu geben. Carlyles "Helden und

Heldenverehrung" -- "diese Offenbarung von Wahrheit, Mut und Glauben der

Menschenseele" --, Feuchterslebens "Diätetik der Seele" -- "eines der

klarsten, menschenfreundlichsten und überzeugendsten Bücher, die ich

kenne" --, Moritz Arndts "Wandlungen mit dem Freiherrn von Stein",

Schleidens naturhistorische Vorträge, Moses Mendelssohns "Phädon" und

eine Reihe kleinerer historischer und naturwissenschaftlicher Werke

wurden bei der abendlichen Lektüre durchgenommen. Aus dem eben

erschienenen Leben Goethes von Lewes las Jenny manche Teile vor; "diese

höchst interessante Biographie," schrieb sie in ihre Bücherliste, "ist

leider voller falscher Thatsachen über Weimar, dabei mit wenig

poetischer Befähigung geschrieben, aber durch tiefe, neue Auffassungen,

viel philosophischen Sinn und viel Wahrheit in den geistigen

Darstellungen und Urtheilen werth, von jedem Deutschen gelesen zu

werden."

Seit der nahen Verbindung mit Frankreich fehlte es natürlich auch nicht

an französischer Lektüre. Memoiren, Briefwechsel und historische Werke

über Napoleon und seine Zeit spielten darin eine Hauptrolle. Neben den

_"Dictées de Ste. Hélène"_ findet sich die Bemerkung: "Welch ein Aufwand

von Genie, Kraft, Fleiß, Urteil und Regierungskunst, um in St. Helena zu

enden! Aber tragischer noch als das persönliche Ende ist das Ende des

Werks -- es stürzte zusammen wie ein Koloß ohne Fundament. Die alte Welt

unter sich zu begraben, muß wohl schließlich Napoleons gottgewollte

Aufgabe gewesen sein." Louis Napoleons Thronbesteigung im Jahre 1852

erregte ihr Interesse für seine Person. Sie las seine "Napoleonischen

Ideen," nicht ohne bei ihnen die sarkastische Randbemerkung zu machen:

"Ideen -- ja, Napoleon -- nein!" Wie manche der alten Bonapartisten,

vermochte sie ein gewisses Mißtrauen, ja direkte Antipathie gegen ihn

nicht zu überwinden, obwohl sie sich der neueinsetzenden napoleonischen

Ära freute und auch, im Gegensatz zur allgemein herrschenden Meinung in

Preußen, das Mittel des Staatsstreichs billigte, das sie eingeleitet

hatte.

"Über den Staatsstreich von Louis Napoleon," heißt es in einem Brief an

Scheidler, "stimmen wir nicht überein: ich billige ihn, ohne mich jedoch

für die Zukunft zu verbürgen. Durch den Stall des Augias mußte ein Strom

geführt werden, während eine holländische Milchwirthschaft durch blanke

Wassereimer gereinigt werden kann. Seit zwei Jahren steigerte sich in

Frankreich eine nach und nach in alle Parteien übergegangene Sehnsucht

nach dieser Ausmistung, mit anderen Worten nach einem Herrn ...

Frankreich kennt seine eigenen Zustände, deshalb die Riesenmajorität

von sieben Millionen bei geheimer Abstimmung; ich dächte, dies schlüge

alle Einwendungen, da der liberalste aller Grundsätze doch ist, daß ein

Volk am besten selbst wissen muß, wo es der Schuh drückt. Ich kann Louis

Napoleon auch nicht des Meineids schuldig finden, denn ein Eid hat nicht

nur Worte, sondern auch einen Sinn. Wenn er überzeugt war, daß er es

nicht mit den Vertretern des Volkes, sondern mit Parteimännern zu thun

hatte, so war die Auflösung der Nationalversammlung gerechtfertigt.

Dabei betone ich noch meine alte Ansicht, daß, streng genommen, alle

Menschen meineidig sind, weil Keiner je gehalten hat und halten kann,

was man in verkehrter Weise bei Einsegnungen, Trauungen, Taufen u. dgl.

versprechen läßt. Die wahre, letzte Instanz des Menschenwerthes liegt

doch nur in seinem Charakter, in seinem ganzen Sein. Man müßte nie

einen Eid auf die Zukunft ablegen, nur für den auf die Vergangenheit

kann ein Mensch bürgen."

Im dritten Jahr von Louis Napoleons Kaisertum -- 1855 -- als die unter

dem Protektorate ihres Stiefbruders Napoleon stehende erste

internationale Industrie-Ausstellung in Paris stattfand, unternahm

Jenny, diesmal in Begleitung ihres ältesten Sohnes, wieder die weite

Reise, um Jerome und Pauline zu besuchen. Vater und Stiefbruder waren

nun anerkannte kaiserliche Prinzen; ein glänzender Hof residierte wie

einst in den Tuilerien; viele der Verwandten Jennys, lauter treue

Bonapartisten, fand sie im Besitz von Rang und Würden; der junge Hof und

die glänzende Ausstellung lockten Scharen hervorragender Ausländer nach

Paris, die Monarchen von Portugal, England und Sardinien waren unter

ihnen. Mehr noch als vor sechs Jahren war es der Mittelpunkt der Welt,

in den Jenny sich versetzt fühlte. Aber leider findet sich kein Brief,

der ihre persönlichen Eindrücke geschildert hätte. Nur einmal erwähnte

sie ihre Reise, indem sie schrieb: "Der Pariser Aufenthalt hat mich sehr

erfrischt. Ich finde die Sage vom Jungbrunnen darin betätigt, daß wir,

um innerlich jung zu bleiben -- was für uns und noch mehr für unsere

Kinder eine Lebensnotwendigkeit ist --, in den sprudelnden Quellen

geistigen Lebens von Zeit zu Zeit untertauchen müssen, auch auf die

Gefahr hin, dabei zuweilen in Schlamm zu treten." Wie Schlamm erschien

ihr die realistische Richtung in der Literatur, die während des zweiten

Kaiserreichs die Romantik allmählich aus dem Felde schlug. "Um auf

wirtschaftlichem und sittlichem Gebiet klar zu sehen und die bösen

Schäden, die entstanden sind, mit richtigen Waffen zu bekämpfen, ist es

notwendig, daß diese Zustände mit rücksichtsloser Wahrhaftigkeit

geschildert werden," schrieb sie an ihren Stiefbruder Gersdorff, "das

ist jedoch Aufgabe der Wissenschaft. In das Bereich der Kunst, die uns

über uns selbst erheben, uns begeistern und erfreuen soll, gehört

dergleichen nicht." Es ist wieder das Kind der Romantik, das sich hier

ausspricht, dessen Geist an den märchenhaften Romanen und romanhaften

Märchen der Fouqué und Tieck und Novalis sich entzückte. Ihr mußten auch

die Neuromantiker Frankreichs verständlicher sein als die jungen Führer

des Realismus. Alfred de Vigny zitierte sie häufig in ihren

Sammelbüchern, Sainte-Beuves kulturgeschichtliche Bücher schätzte sie

sehr hoch, während Mussets "Poesie der Verzweiflung nur für diejenigen

zu ertragen ist, ja auch von ihnen genossen werden kann, die selbst noch

nicht verzweifelten oder die Verzweiflung heroisch überwunden haben. Ich

gehe, bei aller Anerkennung des großen Talents, Dichtungen wie den

seinen gern aus dem Wege, weil sie mich bis zum körperlichen Schmerz

martern." Sehr merkwürdig für ihre Auffassungsweise ist ihre Stellung zu

Stendhal und Balzac, in denen sie die Vorkämpfer des Realismus nicht zu

erkennen schien. Nach zahlreichen Auszügen aus den Werken beider, die

fast immer die Charakteristik der weiblichen Natur und ihrer Schicksale

zum Inhalt haben, schreibt sie: "Um ihrer Erkenntniß der weiblichen

Seele willen, die nur dem Auge eines gottbegnadeten Künstlers möglich

ist, verzeihe ich ihnen alle bittere Medizin, die sie zu schlucken

geben und die auch der zu nehmen gezwungen ist, der ihrer gar nicht

bedarf, also nichts davon hat als den widerwärtigen Geschmack. Wenn

Balzac sagt: 'Fühlen, lieben, sich aufopfern, leiden wird immer der Text

für das Leben der Frauen sein', und selbst seine unvergleichlichen

Illustrationen dafür liefert, so hat er damit eine so starke Wahrheit

ausgesprochen, daß alle Revolten einer George Sand und ihrer

Gesinnungsfreunde wie Strohhalme daran zerbrechen werden. Streubt Euch,

so viel Ihr wollt, fordert Rechte und erringt sie, zerstört in blindem

Fanatismus das feste Gebäude der Ehe, das Euch zwar einsperrt -- und

Eingesperrtsein ist oft ganz entsetzlich! -- aber auch schützt, laßt auf

Euren weichen Händen die harte Haut der Arbeit erstehen: fühlen, lieben,

sich aufopfern und leiden wird nicht nur immer das gleiche Schicksal

bleiben für Euch, je mehr Ihr ihm vielmehr entrinnen wollt, desto fester

wird es seine Krallen in Eure blutenden Herzen schlagen."

* * * * *

"Meinen Koffer mit Geistesnahrung für Jahre, mein Herz mit

Abschiedsqualen und Dankbarkeitsfreuden gefüllt" -- so kehrte Jenny von

Paris und vom Elsaß, wo sie noch ihre Verwandten besucht hatte, nach

Hause zurück. Doch nicht auf lange sollte sie sich der ländlichen Ruhe

erfreuen. Werner Gustedt hatte sich in den preußischen Landtag wählen

lassen, und wenn auch seine Frau nicht daran denken konnte, alljährlich

auf Monate Haus und Kinder zu verlassen und mit ihm nach Berlin zu

gehen, und es noch weniger für rätlich hielt, Tochter und Söhne

wiederholt der ländlichen Ruhe und der Stetigkeit des Lernens zu

entreißen, so wollte sie doch wenigstens einmal versuchen, den Winter

mit der Familie in Berlin zuzubringen.

Welch ein Unterschied: das Paris, das sie eben verlassen hatte, wo das

Leben kraftvoll pulsierte und das Kaisertum der Bonapartes, wie einst,

aus den Flammen der Revolution siegreich emporzusteigen schien -- jenes

Kaisertum, von dem Gerlach in seinen Briefen an Bismarck schrieb, es sei

die inkarnierte Revolution --, und das Berlin, in das sie eintrat, wo

jede Lebensregung niedergeknüttelt wurde, und Hinkeldey, der allmächtige

Polizeipräsident, seine Rute über eine Gesellschaft von Duckmäusern

schwang -- jenes Berlin, die inkarnierte Reaktion!

Die politische Stellung Werner Gustedts bestimmte seiner und seiner

Gattin gesellschaftliche Position: Offiziell schloß er sich keiner

Partei an, ganz in Übereinstimmung mit den Ansichten Jennys, die an

Scheidler schrieb: "Meiner Meinung nach kann ein Staatsmann, wenn er

praktisch, rechtlich, vernünftig, für das Wohl des Volkes recht eifrig

ist, keiner Partei angehören, weil er unter Umständen mit allen Parteien

abwechselnd stimmen muß. Bei Gelehrten, die nur über Theorien

wissenschaftlich streiten, ist es natürlich anders, die können sich

freilich für eine Partei als die beste entscheiden, wo aber der Riegel

des Möglichen vorgeschoben ist, den Sie so vollkommen anerkennen, kann

man eben doch nur das Mögliche fordern, nur für das Mögliche Partei

nehmen, mithin in jetziger Zeit alle drei Monate für etwas Anderes.

Gerade das Unterordnen der individuellen Meinung unter die Autorität

eines Parteiführers ist es, was ich nicht für recht halte und weßhalb

ich gewiß nie, wenn ich Staatsmann wäre, mit einer Partei gehen würde,

außer natürlich in konkreten Fragen." Als ausgesprochener Gegner des

Manteuffelschen Regimes ging Werner Gustedt in den entscheidenden Fragen

mit den Liberalen. Die persönliche Freundschaft Jennys mit der

Prinzessin von Preußen kam hinzu, um das Gustedtsche Ehepaar vollends in

die Kreise der Opposition zu führen, die durch einzelne ihrer Glieder,

wie Bethmann-Hollweg -- den Führer der sogenannten Gothaer --, Usedom

und Pourtalès, stets in Verbindung mit der damals in Koblenz regierenden

Prinzessin standen. Mehr als je gehörte ihr in dieser Zeit der

Herrschaft der Dunkelmänner die wärmste Sympathie Jennys. Sie waren

beide echte Kinder Weimars, und was Bismarck nicht aufhörte, der

Prinzessin von Preußen zum Vorwurf zu machen: ihr Wurzeln in den großen

Traditionen ihrer Jugend -- das gereicht ihr wie ihrer Freundin zum

Ruhm. Ihr Briefwechsel würde psychologisch und zeitgeschichtlich von

größtem Werte sein, und nicht nur die Einheitlichkeit ihrer

Anschauungen, auch der Einfluß, den sie aufeinander ausübten, würde

dabei zutage treten. Gerade in der Reaktionszeit Preußens hatten die

beiden Frauen viel Gemeinsames: ihre Bewunderung für England, ihre

Abneigung gegen Rußland, ihr Wunsch nach Schaffung gründlicher, vor

allem sozialer Reformen, ihre Versuche, mit den eigenen schwachen

Kräften nach dieser Richtung tätig zu sein. "Das Jahr 1848," berichtete

Jenny, "war ihr, wie sie mir schrieb, verständlich und hätte ihrer

Ansicht nach zu einem guten Ende führen müssen", aber ihre Gegner --

Bismarck an erster Stelle -- hielten ihr weitherziges Verständnis auch

für die Ansichten der Gegner nur zu oft für ein Einverständnis mit

ihnen, so z. B. in bezug auf ihre Stellung zum Katholizismus und zum

Judentum. "Sie hatte es sich zum Ziel gesetzt," schrieb Jenny, "die

Wunden, die die Politik schlug und schlagen mußte, mit der weichen Hand

der Frau zu heilen, und auch das ist ihr vielfach zum Vorwurf gemacht

worden. Immer wieder wollte sie zeigen, daß die Politik eines Menschen

uns falsch, ja sogar verderblich erscheinen kann, ohne daß der Mensch

selbst deshalb verdammenswerth ist. So war ihr die Politik der

katholischen Kirche widerwärtig, ohne daß sie sich deshalb von dem

einzelnen Katholiken, dessen großen Charakter sie erkannt hatte,

abgewandt hätte. Ebenso verachtete sie den jüdischen Geist, zog aber den

einzelnen edlen Juden in ihre Nähe. Ähnlich war ihre Stellung England

gegenüber; sie bewunderte rückhaltlos den freiheitlichen, großzügigen

Geist seiner Politik, der seit Jahrhunderten so erzieherisch gewirkt

hat, daß auch der einzelne Engländer ein Stück von ihm in sich trägt,

aber sie verabscheute seine Unersättlichkeit, wenn es galt, sich fremde

Länder anzueignen, und seine Grausamkeit in der Unterdrückung armer,

wilder Volksstämme." Ist das nicht, als ob Jenny sich selber schildert,

und liegt der Wunsch nicht nahe, zu erfahren, von welcher der

Freundinnen der bestimmende Einfluß ausging? Aber die Briefe Augustas

sind verabredetermaßen zum größten Teil verbrannt worden, und die Briefe

Jennys, die ein lebendiges Zeitbild gewesen sein müssen, ruhen, falls

sie nicht auch dem Feuertode geweiht wurden, in den unerreichbaren

Schränken des kaiserlichen Hausarchivs.

Zur Zeit des Berliner Aufenthalts der Gustedts gaben sie der Prinzessin

zweifellos auch den Eindruck wieder, den das dortige politische und

gesellige Leben auf Jenny machte. Ein einziges Brieffragment, das sich

unter ihren Papieren befindet, enthält folgende charakteristische Sätze:

"Die Berliner Luft wirkt geradezu lähmend. Es ist, als ob der Geist

Hinkeldeys sie so durchdringt, daß gar kein anderer daneben Platz hat.

Was groß und gut und zukunftsfroh erschien, ist fort und hält sich im

Hintergrund oder ist über das Alter lebendigen Wirkens hinaus, wie

Bettina, wie Varnhagen, wie Alexander von Humboldt. Es kommt mir hier

vor, wie in einem Kinderzimmer, wo die strenge Gouvernante Ordnung

gemacht hat: alles Spielzeug ist verschlossen -- die Kinder können beim

besten Willen nichts mehr entzwei machen. Aber ich fürchte, das Bild

behält auch in seiner weiteren Entwicklung seine Gültigkeit: sie werden

nun erst recht unzufrieden und unartig werden. Ich würde es auch, wenn

ich hier zu leben verurteilt wäre."

Alte Freunde, wie Fürst Pückler und Karl von Holtei, liebe Verwandte,

wie der Schwager ihres Mannes, Graf Kleist-Nollendorf, und seine Frau,

verscheuchten ihr die trüben Stunden, und ein schönes Bild, das Peter

Cornelius' begabter, leider jung verstorbener Schüler Strauch von ihren

Kindern malte, wurde der schönste Gewinn ihres Aufenthalts. Das Motiv

dazu gab sie ihm: Christi Wort "Lasset die Kindlein zu mir kommen":

unter einem Palmenbaum sitzt er selbst, Diana, das Erstverstorbene, in

weißem Hemdchen, weiße Rosen auf dem Kopf, ihm auf den Knien; die tote,

schöne Marianne, gleich gekleidet, neben sich, während die drei anderen

weiter entfernt, in den bunten Gewändern des Lebens sich ihm nähern. Zu

den Köpfen der Verstorbenen hatte Jenny die Skizzen entworfen.

Kurz vor ihrer Abreise von Berlin schrieb sie einem Freunde: "Können Sie

sich vorstellen, daß ich mich nach den, von Ihnen oft verhöhnten

barbarischen Gefilden Westpreußens wie nach dem gelobten Lande der

Freiheit sehne?! Machte der unhaltbare Zustand Preußens, der bei der

merkwürdigen Geistesart des Königs, seinem Sprunghaften, Phantastischen,

Unberechenbaren, nur immer unhaltbarer werden wird, mich nicht

aufrichtig traurig, ich würde mich der nahen Abreise rückhaltlos

freuen." Das "natürliche, gesunde, heitertätige Leben" trat wieder in

seine Rechte, es stellte aber auch immer höhere Anforderungen an die

Mutter wie an die Gutsherrin. "Viele Mütter atmen erleichtert auf,"

schrieb Jenny, "wenn die Kinder der Schule entwachsen, dann, meinen sie,

sind die Sorgen vorbei. In Wirklichkeit aber wachsen sie nur mit den

Kindern. Oder ist es nicht viel leichter, ein Kind zu pflegen, das die

Masern hat, als eines Kindes Seele gesund zu machen, die die bösen

Miasmen der Welt zu vergiften begannen? Und ist es nicht viel einfacher,

ihm das Einmaleins beizubringen als die einzige Wahrheit, daß Freiheit

von der Sünde die Freiheit an sich ist?"

Otto, ihr Sorgenkind, der es mit nahezu sechzehn Jahren mühsam bis

Untersekunda gebracht hatte, weil nach der Mutter Wort: "seine

schwankende Gesundheit und sein schlechtes Gedächtnis ihm das Lernen

erschweren," sollte auf die landwirtschaftliche Schule nach Jena kommen,

um alle Zeit und alle Kräfte seinem künftigen Beruf als Landwirt zu

widmen. "Aber" -- so fährt Jenny in ihrem Bericht an eine Freundin fort

-- "die stille Schmach, die in Preußen auf denen ruht, die nicht das

Abiturientenexamen gemacht haben, hat das Gewicht nach Werners Wunsch

hinsinken lassen. Seit seinem Abgang von Marienwerder, den ich nicht

weiter berühre, da ich denke, Sie haben durch Emma und meine Schwester

die fatale Geschichte, die uns nun seit 8 Monaten peinigt, hinreichend

erfahren, ist er hier von unserem lieben herrlichen Prediger

unterrichtet und eingesegnet worden. Diese Feier war, durch die, ich

kann sagen, heilige Persönlichkeit des Predigers, so schön, wie ich sie

nie erlebt habe."

Eine Feier in Haus und Herzen, wie sie wenige so gut zu gestalten

verstanden als Ottos gütige Mutter, war der Einsegnungstag gewesen. Alle

Arbeit hatte geruht, dunkle Tannenzweige und leuchtendes Herbstlaub

hatten das Haus mit Duft und Glanz erfüllt, und stolz und voll Hoffnung

sahen die Augen der Mutter auf den nunmehr erwachsenen Sohn. In das

Tagebuch, das sie ihm zur Eintragung seiner Gedanken und Erfahrungen

schenkte, hatte sie als Richtschnur für sein Leben folgendes

geschrieben:

"Am Tage, der Dich aus der Kindheit entläßt, sei das erste Wort der

Mutter an Dein Herz das Wort der höchsten, reinsten Liebe, sei die Lehre

Christi von der Menschenliebe; der Geist des Herrn gebe meiner Rede

Licht und Kraft, daß sie in Deine innerste Seele dringe, daß sie Dich

erfülle, Dein ganzes Sein durchglühe, Dich gegen Undank, Irrthum und

Bosheit stähle, daß Du befähigt werdest, zu lieben und zu helfen, nur um

der Liebe willen, ohne Wunsch oder Hoffnung auf Dank und Lohn, daß Du

erkennen mögest, wie Alles eitel ist, was nicht aus dem reinen Quell der

Liebe entspringt, daß Du es klar in Deinem Herzen lesen mögest, das

einzige höchste Gesetz, das Gott mit glänzenden Buchstaben aufgezeichnet

hat, das alle guten Geister in tausend Chören an seinem Throne singen:

Liebe deinen Nächsten als dich selbst.

"Ich gebe Dir, mein Sohn, als einziges Studium Deines Lebens, als

einzige Aufgabe vom ersten Erwachen Deiner Seele bis zu dem letzten

Gedanken: die Erkenntniß und Ausübung der Liebe nach des Heilands Wort.

Und Du mußt fleißig und thätig sein, wenn Du die heilige Aufgabe lösen

willst, denn die Liebe verzweigt sich in allen Fähigkeiten, in alle

geistige Erkenntniß, in alles Wissen, in alle Verhältnisse, in alle

Thaten der Menschen. Du mußt vor Allem Dich erkennen und vergessen

lernen, denn aus dem Mittelpunkte Deiner Seele, aus den Triebfedern, die

Du darin entdeckst; entspringt die Erkenntniß und Nachsicht für andere

Seelen, und nur im Vergessen Deiner selbst, im Aufopfern von Vergnügen,

Bequemlichkeiten, weltlichen Vortheilen, sobald sie in Widerspruch mit

der Menschenliebe stehen, sproßt der göttliche Keim der wahren Liebe.

Ihr erstes Erforderniß ist, daß Du Dich ganz in die Lage, in die

Empfindungen, in die Denkungsweise Deines Nächsten versetzen zu können

lernst, darum mußt Du die Mühe der Beobachtung nicht scheuen, darum mußt

Du den Standpunkt kennen lernen, aus dem die fremde Seele fühlt, denkt

und handelt, darum mußt Du Dich mit dem Leben in allen seinen Formen

bekannt machen, darum mußt Du jede äußere Erscheinung genau prüfen und

die Sitten und Ansichten aller Stände kennen lernen; Du mußt klar sehen

in den tausend verschiedenen Verhältnissen, die Zeit und Umstände,

Weisheit und Irrthum so bunt gestaltet haben, um weder durch Härte noch

durch falsches Mitleid Fehlgriffe in dem Werke der Menschenliebe zu

thun ...

"Mußt Du auch ruhig den Contrasten der geselligen Verhältnisse zusehen,

so hüte Dich, daß Du die Grenze genau erkennen mögest, wo Armuth in

Mangel, und Einfachheit in Bedürftigkeit übergeht, hüte Dich vor dem

Urtheil der Bequemlichkeit so vieler Reichen, welche sagen: Die Leute

wissen es nicht besser, sie sind einmal daran gewöhnt. Man gewöhnt sich

nicht an Frost und Hunger, an Erschöpfung und Krankheit, man gewöhnt

sich nicht an die dumpfe Einförmigkeit täglicher Sorge und freudeloser

Arbeit; eine Mutter gewöhnt sich niemals daran, ihr Kind Mangel leiden

zu sehen, und immer bleibt die Stimme der Natur wach, welche dem

Leidenden zuruft: 'So sollte es nicht sein', bis daß seine Seele von der

Sorge zur Bitterkeit, von der Bitterkeit zum Unrecht, vom Unrecht zum

Verbrechen übergeht, und ist es erst so weit gekommen, so tritt die

strenge, unabwendbare Macht der Gesetze ein, die als Selbstschutz der

Gesellschaft das Verbrechen strafen muß, ohne auf dessen Quelle

zurückzugehen; aber der heilige Beruf der Liebe ist es, unermüdlich in

dem ganzen Kreise, der uns zum Wirken angewiesen ist, diese Quellen zu

erspähen und zu verstehen.

"Alles Unglück sucht die Liebe auf und tilgt es, wenn sie die Macht dazu

hat. Wo Du gebietest, muß die Liebe herrschen und die Gerechtigkeit; daß

Du aber die Mittel dazu behältst und Deine Liebe nicht in Schwäche

ausarte, darum lerne Welt und Menschen kennen. Was Dir zunächst liegt,

lerne zuerst, gehe mit Deinen Untergebenen selbst um, suche sie zu

durchschauen, begegne ihnen mild, ernst, konsequent und

menschenfreundlich. Nicht Deine Macht muß Dich als ihren Vorgesetzten

zeigen, Deine Seele muß das Übergewicht behaupten, Du mußt ihr Herr im

Geiste sein, Du mußt es sein in Christi Sinn, und Undank, Tadel und

Unvernunft müssen Dich unangefochten lassen in Deinem Werke der

Menschenliebe, in Deinem Glauben an das Gute.

"Darum, mein Sohn, läutere erst Deine eigene Seele. Um Gutes zu stiften,

mußt Du gut sein, um zu herrschen, mußt du Dich selbst beherrschen,

keine Launen dürfen Dich herabwürdigen, sie reizen die Pfiffigkeit, die

Schmeichelei deiner Untergebenen, die auf Deinen Edelmuth, nicht auf

Deine Schwächen bauen müssen. Wenn der Arme mehr zu tragen hat, so hat

der Reiche mehr zu thun. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel

gefordert werden.

"Das, mein Sohn, ist Christenthum; keine Religion der Gefühlsseligkeit,

der Schwärmerei, der Wortgefechte, sondern eine Religion der That, der

lebendigen Liebe."

An eine Freundin richtete Jenny kurz nach Ottos Einsegnung folgenden

Brief: ... "Ich bin mir bewußt, ihm das Beste gegeben zu haben, was ich

fühle, glaube und denke, und werde und will es ihm weiter geben, wenn es

sein müßte bis zur Selbstauflösung. Ich bin auch überzeugt, daß er Alles

bereitwillig aufnahm, daß die beste Absicht ihn beherrscht und daß er,

wenn keine zu schweren Anforderungen an seinen Körper und an seinen

Geist gestellt werden, ein tüchtiger Mensch werden wird. Aber mich

überfällt oft die quälende Sorge, daß er zu denen nicht gehört, die

großen Schmerzen, großen Pflichten, großen Verführungen gewachsen sind,

und das Räthsel der angeborenen Anlage mit all seinem Gefolge an

Zweifeln und Qualen steigt dann drohend vor mir auf." Eine wehmütige

Resignation klingt aus diesen Worten, jene schmerzlichste, zu der ein

enttäuschtes Mutterherz sich durchdringt: daß das geliebte Kind nicht

dem Bilde entspricht, das die Mutter von ihm entwarf. Alle

Enttäuschungen des eigenen Lebens wiegen leicht für ein Weib, das die

eigenen unerfüllten Wünsche und Hoffnungen auf ihr Kind übertragen kann.

Mit ihm ist es noch einmal jung und geht mit starkem Vertrauen die alten

Wege des Lebens wieder, überzeugt, daß sie nun zum Ziele führen müssen.

Eine geheimnisvolle Stimme aus den unergründlichen Tiefen ihres Innern

raunt ihr zu, daß die Wunden, die ihr das Leben schlug, nur darum so

zahlreich waren, so schmerzten und so bluteten, weil sie die ihrem Kinde

bestimmten Leiden mit auf sich nahm. Und als ein Glück empfindet sie

dann ihr Unglück. Über spitze Steine mußte ich gehen und glühendes

Eisen, sagt sie zu sich selbst, um mein Kind unverletzt auf meinen

Schultern hinüberzutragen; von den Dornen am Weg mußte ich die Haut mir

zerreißen lassen, aber auf starken, hocherhobenen Armen halte ich mein

Kind, damit es ohne Schaden das Ziel erreiche.

"Da Gott nicht überall sein kann, schuf er die Mütter," heißt es in

Jennys Sammelbuch. Aber wehe der Mutter, die die Machtlosigkeit ihrer

Gottesvertretung langsam begreifen lernt und sieht, daß ihr Blutopfer

umsonst war. Nur die Kraft eines Glaubens, der Berge des Leids zu

versetzen vermag, und der Quell der Hoffnung, der in stets gleicher

Stärke sprudelt, ob er auch schon tausendmal dem Verdurstenden das Leben

retten mußte, vermögen über die furchtbarste Offenbarung des Lebens

hinwegzuhelfen. Jenny besaß jenen Glauben, aber ihre Hoffnung war

wasserarm, sie schien nur zu oft im Sande der Sorge zu versiegen. Da war

es der lebenskräftige Gatte mit seinem gesunden Optimismus, der sie

immer wieder den trüben Vorstellungen entriß und sie über ihre traurige

Wahrheit hinwegtäuschte, und wo es ihm nicht gelang, da war es die

Arbeit, die sie davon befreite.

"Wir wissen im Augenblick nicht, wo wir zuerst Hand anlegen sollen; das

Elend der uns umgebenden Menschen, Cholera, Kälte, Hunger, Teuerung

lasten schwer auf uns und ihnen, und es ist doch im Ganzen nur sehr

kärgliche Hilfe möglich, am meisten noch durch Suppenanstalten, und

diese bemühen wir uns in den Städten des Kreises einzuführen. Daneben

suche ich die Kinder in unser großes, warmes Haus zu retten und freue

mich ihrer Fröhlichkeit, die besser ist als aller Dank ... Ich schreibe

im Angesichte einer Rechenstunde von sechs kleinen Knaben, die eine Art

Schule bei mir bilden und neben meiner Jenn, die eine französische

Übersetzung macht, -- wenn ich also einen uneleganten Brief in Styl und

Ausstattung schreibe, so halte es mir zu Gute," schrieb sie im Jahre

1856 an Emma Froriep, und äußerte ungefähr zu gleicher Zeit ihrer

Schwester Cecile Beust gegenüber: "Es ist mir jetzt erschreckend

deutlich geworden, welch großen Vorzugs wir uns in unserer Arbeit

erfreuen: Wir müssen alle Gedanken auf sie verwenden, und werden daher

gezwungen, sie von unseren Kümmernissen abzulenken. Sieh dagegen einen

Tagelöhner oder einen Scheerenschleifer: der eine mäht die Wiese und

der andere schleift die Messer, ohne daß ihm diese Wohltat wird, seine

Gedanken können sich nach wie vor um die kranke Frau, um die hungrigen

Kinder, um den kommenden Winter, um den leeren Beutel drehen ..." -- --

Eine lange Periode der Schweigsamkeit beginnt mit dem Jahre 1859, nicht

nur, weil die etwa geschriebenen Briefe unerreichbar blieben, sondern

wohl auch, weil unter der Folge von Ereignissen ihrer nicht viele

geschrieben wurden. Die befreiende Gabe, sich auch im tiefsten Leid

aussprechen zu können, kommt vor allem der Jugend zu, die noch an den

Trost und die Hilfe der Freunde glaubt und glauben kann. Je älter man

wird, um so einsamer wird man; die persönliche Atmosphäre der eigenen

Lebenserfahrungen entfernt den einen von dem anderen, je dichter sie uns

umschließt. Ein jeder wird eine Welt für sich mit ihren eignen Gesetzen.

Jenny Gustedts ältester Sohn war inzwischen, nachdem er zur Empörung

seines Vaters das Abiturientenexamen nicht gemacht hatte, auf die

landwirtschaftliche Schule gekommen.

Mitten im Studium erwachte in ihm die Passion für die militärische

Laufbahn mit solcher Gewalt, daß er die Eltern vermochte, ihr

nachzugeben, und als er im schmucken Schnurenrock des Danziger Husaren

zum erstenmal wieder nach Rosenberg kam, war er so strahlend vor Glück

und bot ein so bezauberndes Bild junger, schöner Ritterlichkeit, daß es

wirklich schien, er habe endgültig gefunden, was seinem Wesen entsprach.

Mit Leib und Seele war er Soldat, ein tollkühner Reiter, ein

unermüdlicher Tänzer, ein verwöhnter Liebling der Damen. Seine kecken

Streiche wurden bald zum Stadtgespräch; als er einmal auf Grund einer

Wette während der Vorstellung zu Pferde in einer Loge des Theaters

erschienen war, kam er zur Strafe in eine kleinere Garnison. Trotzdem

war er bei jedem Ball in Danzig und morgens pünktlich in der Reitbahn

bei den Rekruten: er ritt nach Danzig und setzte sich, heiß vom Tanz,

wieder aufs Pferd, um in den eisigen Winternächten, so rasch der Gaul

ihn trug, die Garnison zu erreichen. Pochend auf seine Jugendkraft,

rücksichtslos vergeudend, was für ein ganzes Leben reichen sollte,

schlürfte er in vollen Zügen den süßen, perlenden Wein sorglosen, liebe-

und lusterfüllten Daseins. Die Mutter zitterte bei jeder Nachricht von

ihm und wagte doch dem Gatten ihre Angst nicht zu zeigen, weil sie

wußte, wie ungeduldig ihre ahnungsvollen Sorgen ihn machten, weil sie

fürchtete, ihn, der gerade anfing, mit dem Sohn zufrieden zu sein,

vielleicht unnötigerweise zu reizen. Wie gerne wollte sie unrecht haben,

und doch gab ihr die Zukunft recht. Otto brach vollkommen zusammen, so

vollkommen, daß es schien, als würde er für immer dem bunten Rock

entsagen müssen. In der aufopfernden Pflege der Mutter genas er nach und

nach. Kaum, daß sie aufzuatmen wagte, kamen beunruhigende Nachrichten

aus Paris: das Alter, das Jerome bisher nichts anzuhaben schien,

überwältigte ihn nun mit doppelter Schnelligkeit, und in der Ahnung des

nahen Endes wünschte er sehnlich Tochter und Enkel noch einmal

wiederzusehen. Jenny entschloß sich mit den drei Kindern zur Reise nach

Frankreich und verlebte ein paar stille Sommerwochen bei dem geliebten

Vater auf dem Lande, überzeugt davon, daß es das letzte Zusammenleben

sein würde. Kaum ein halbes Jahr später -- 1860 -- wurde der letzte der

Brüder Napoleons zu Grabe getragen, und die Kuppel des Invalidendoms,

die sich über die sterblichen Reste des Welteroberers wölbte, wölbte

sich nun auch über ihm. Aber während Hunderte und Tausende noch immer

zum Sarge des Kaisers wallfahrten, und trotz all der Wunden, die er

schlug, trotz all des Lebens, das er zertrat, in Ehrfurcht bewundernd,

das Haupt vor dem Toten entblößen, werfen sie kaum einen Blick auf das

Grabmal Jeromes -- der Schatten des Gewaltigen warf seinen dunklen

Schleier auch noch über den Toten. Nur seine Kinder weinten um ihn, und

unter ihnen wohl keine so heiß als Dianens Töchter.

Was Jenny so sehr gewünscht hatte: dem Vater die letze Ehre zu erweisen,

war unerfüllt geblieben, denn seine Todesnachricht traf sie mitten in

der Auflösung ihrer ländlichen Häuslichkeit: Werner Gustedt hatte die

Wahl zum Landrat des Halberstädter Kreises angenommen. Seit alten Zeiten

hatte ein Mitglied der Familie Gustedt diese Vertrauensstellung inne

gehabt, so auch sein 1860 verstorbener ältester Bruder, und die

Tradition war eine so fest gewurzelte, daß die Kreisstände ihn wählten,

obwohl die meisten ihrer Mitglieder ihn zum erstenmal gesehen hatten,

als er, eben von Preußen kommend, sich noch im Reisepelz an das offene

Grab des Bruders stellte. Die trüben Ahnungen tapfer überwindend, in

Gedanken an die guten Seiten einer Übersiedlung in die Stadt, in die

nächste Nähe der Verwandten, besonders im Interesse der Kinder,

unterwarf sich Jenny widerspruchslos der Entscheidung des Gatten. In

dreiundzwanzig Jahren hatte sie sich durch Kampf und Arbeit, durch Freud

und Leid im fernen Osten die Heimat erworben; die lebenden Kinder, die

ihr entsprossen waren, die toten, die sie ihr wieder hatte zurückgeben

müssen, fesselten sie an diesen stillen trauten Winkel. In ihm begrub

sie zum Abschied ihre Jugend. Aber wenn sie auch einst gekommen war mit

rosigen Wangen und dem leichten Schritt jugendlicher Freude und nun

ging, blaß und schmal, zögernden Fußes, als ob der Boden ihn festhalten

wollte: ihre dunklen Augen leuchteten strahlender als einst, und ihre

reine Schönheit verleugnete ihre fünfzig Jahre.

Ein großes, schönes Haus in grünem Garten nahm Gustedts in Halberstadt

auf, mit offenen Armen und Herzen kamen ihnen die vielen Verwandten

entgegen, deren Güter in der Nähe waren, und die den Winter in der Stadt

zuzubringen pflegten. Die liebliche, eben erblühte Tochter war des neuen

Heimes Schmuck und wurde die stärkste Anziehungskraft für die Jugend des

Städtchens. Ein neues, fröhliches Leben trat an Stelle des alten,

stillen; das gastliche Haus des neuen Landrats, in dem mit ihrer

Vornehmheit seine gütige, geistvolle Gattin eine Atmosphäre von Behagen

verbreitete, wurde zum Mittelpunkt der Geselligkeit, das reizende

Töchterchen das umworbenste Mädchen der Gesellschaft. Unter den 7.

Kürassieren war manch ein Offizier mit altpreußischem Namen, der sie

gern für sich erobert hätte und auch die Gunst des Vaters gewann. Jenny

selbst enthielt sich jeden Einflusses, nur das Herz der Tochter sollte

entscheiden. Und es entschied rasch genug: auf einen Infanterieleutnant,

von dessen Familie kaum jemand viel wußte, der nur ein kleines Vermögen

besaß und in der Gesellschaft keine große Rolle spielte, weil er besser

zu unterhalten als zu tanzen verstand, fiel ihre Wahl. Als er zum

erstenmal in Helm und Waffenrock vor den alten Gustedt trat, ihn um die

Hand der Tochter bittend, wurde er schroff zurückgewiesen, und Jenny

mußte auf längere Zeit Halberstadt verlassen, um sich die Liebe zu Hans

von Kretschman womöglich aus dem Sinn zu schlagen. In Begleitung ihres

ältesten Bruders trat sie eine Verwandtenreise nach dem Elsaß an, wobei

die jungen Leute es sich wohl sein ließen: die Schwester, in der

Zuversicht ihr Ziel doch zu erreichen, der Bruder, im Vollgefühl der

wiedergewonnenen Gesundheit.

Auf dem Schloß der Familie Bussières, deren weibliches Haupt, eine

geborene Türkheim, Jennys rechte Cousine und alte Pensionsfreundin war,

trafen sie eine Schar fröhlicher Vettern und Cousinen. Die eine von

ihnen eroberte im Sturm Ottos leicht zu entflammendes Herz, und die

Geschwister kehrten nach Halberstadt zurück, die Schwester ihrer Liebe

nur noch sicherer, der Bruder entschlossen, die seine zu verteidigen. Er

fand unerwarteten Widerstand bei seiner Mutter: seine Jugend, die ihm

fehlende Lebensstellung, seine Kränklichkeit, vor allem aber die nahe

Verwandtschaft des jungen Paares waren für sie Gründe genug, sich mit

allen Kräften gegen die Verbindung zu sträuben. Aber trotz der

Unterstützung, die sie bei ihrem Manne und bei ihrer Cousine, der

Mutter des jungen, von Otto geliebten Mädchens, fand, unterlagen

alle Gründe und Erwägungen der Vernunft der Liebesleidenschaft

des Sohnes. Im Jahre 1863 fand die Hochzeit des jungen Paares statt,

das zunächst nach Straßburg übersiedelte. Und kaum ein Jahr später

hatten Kretschmans Energie und Jennys Treue den Widerstand des Vaters

gebrochen, und den alten Dom von Halberstadt füllte eine glänzende,

frohe Hochzeitsgesellschaft.

Als auch die Tochter das elterliche Haus verlassen hatte und nur noch

der Jüngstgeborene noch übriggeblieben war -- wie einsam erschien es da

der Mutter! Sie wußte ihre Kinder glücklich in ihrem selbstgewählten

Los, sie wußte von sich, daß ihre Liebe durch keine Spur von Selbstsucht

vergiftet war, und doch konnte sie so recht nicht froh werden. Ihr

fehlte auch die Arbeit, alles Vertiefen in ihre Bücher bot ihr keinen

Ersatz. Nur Jeromes Memoiren, die um jene Zeit anfingen, zu erscheinen,

und aus denen ihres Vaters Bild ihr lebendig entgegentrat, vermochten

sie von der Gegenwart abzulenken. "Sie enthalten nicht nur," so schrieb

sie, "äußerst wichtige historische Tatsachen, sie geben vor allem den

richtigsten wahren Abglanz seines Wesens, Wollens, seines Charakters und

seiner Liebenswürdigkeit." Mit ihrem Mann begann sie wieder die

gemeinsame abendliche Lektüre, aber zu einem stillen Einleben in die

neue Art des Daseins schien es nicht kommen zu wollen. Eine innere

Unruhe trieb Werner Gustedt hin und her, ließ ihn sich auf der einen

Seite wieder in politische Angelegenheiten mischen, während ihn die

Reiselust andererseits in die Ferne trieb. Eines schönen Morgens packte

er denn auch seinen Koffer und fuhr trotz der Sommerhitze über Italien

nach Algier. Zu Beginn des Herbstes, als Hans von Kretschman im Manöver

sein mußte, traf Jenny in Heringsdorf mit der Tochter zusammen. Am 10.

September 1864 schrieb sie von dort aus an ihren eben heimgekehrten

Gatten:

"Mein lieber Werner!

Einen schriftlichen Gruß sollst Du wenigstens finden, wenn Du an unseren

lieben häuslichen Herd zurückkehrst, wo ich Dir so gerne entgegenkäme,

ich halte aber mich und meine Jenn gewaltsam hier fest ... Meine

Meerpassion wurzelt immer tiefer im Herzen, in den Nerven und in der

Phantasie, obwohl ich immer schlecht schlafe. Am Tage aber fühle ich

mich leicht an Körper und Geist. Wald und Umgegend erinnern an unser

geliebtes Garden ohne Meer, und ich träume mich oft um zwanzig Jahre

zurück! ... Leben, Licht, Friede, Größe, Ewigkeit, Wechsel bei der

göttlichen Ruhe des stillen Meeres und dann das majestätische Losdonnern

des Sturmes wie der Zorn Gottes, und das geduldige Tragen der kleinen

Schiffchen, wie das Tragen des kleinen Menschen durch die göttliche

Liebe -- es ist zu wunderbar schön und mit nichts auf der Welt zu

vergleichen! Hätte ich meine Lieben Alle um mich, ich möchte nie von

hier fort. So aber werde ich gerne abreisen ... Habe ich Jennchens

Wohnung in Magdeburg eingerichtet, wo sie, so Gott will, im nächsten

Sommer als glückliche Mutter hausen wird, dann setze ich, vereinsamte

Mutter, mich zu meinem lieben alten Mann. Lebe wohl, mein guter, lieber

Werner, ich hoffe, das Zuhause wird Dir doch wieder recht sein."

"Beantwortet am 12. September," steht von Gustedts Hand auf dem Briefe

vermerkt. Es war der letzte, den er erhalten hatte. Am 30. September war

er tot. Still und starr in ihrem Schmerz, mechanisch verrichtend, was

für sie zu tun war, ohne Anteilnahme für alles, was um sie her vorging

-- so sahen die Kinder ihre Mutter, wie sie sie noch nie gesehen hatten.

Nicht nur der Gatte war tot, nein auch in ihr war etwas gestorben: ihm

hatte sie sich in Liebe hingegeben, ihm hatte sie nicht nur jene banale

Treue des geschriebenen Rechts, sondern die Treue der Seele

unverbrüchlich gehalten, ihm hatte sie sich untergeordnet, wenn beider

Willen nicht zu vereinigen war, ihm hatte sie vieles geopfert, was ihr

Leben reicher und glücklicher hätte machen können, und gerade darum war

es ein Stück ihrer selbst, das mit ihm starb. Die Opfer, die sie ihm

bringt, verbinden das Weib dem Manne viel stärker als die Freuden, die

sie von ihm empfängt, und je mehr sie sich hingibt, desto furchtbarer

ist die Leere, die sein Tod hinterläßt.

Folgender Brief Jennys an Wilhelmine Froriep, die ihren Mann auch

verloren hatte, gibt den Zustand ihrer Seele am besten wieder:

"Halberstadt, den 16. Oktober 1864.

"Mein liebes teures Minele!

"Was ich damals zu verstehen glaubte, verstehe ich erst jetzt -- deinen

Schmerz. Daß du nach Jahren noch Tränen hast, ist die Erleichterung, um

die ich dich jetzt beneide; seitdem der geliebte Sarg meinen Augen

entschwunden ist, kann ich selten weinen, und es ist mir, als

versteinere etwas in mir. Nur dafür kann ich Gott nicht genug danken,

daß er mir Frieden gibt, Frieden in mir, Frieden in der Erinnerung --

Frieden im Gedanken an meinen Werner, dessen heiliges teures Totenbett

von lauter lieblichen Bildern und Gefühlen umgeben war. -- Gottlob, daß

ich ihn pflegen, lieben, bedienen konnte bis zuletzt! Seine Krankheit

lag eigentlich zwischen zwei Reisen für mich -- ich kam eben von

Heringsdorf und wollte im November zu Otto und meiner lieben

Schwiegertochter nach Straßburg, wo sie ihre erste Entbindung erwartet.

Mein armer Otto mußte den bittern Kelch des 'zu spät' ohne sein

Verschulden leeren; am Sonnabend früh um halb ein Uhr war sein lieber

Vater entschlafen, und am Abend um 7 Uhr kam er an. -- Die andern Kinder

standen um sein Bett; mich traf sein letzter Blick, ich hatte 13 Stunden

um, mit, durch ihn gelebt, ohne von mir selbst etwas zu wissen -- vorher

glaubte ich an keine Gefahr. Wie du, mein Minele, gehört der Rest meines

Lebens meinen Kindern, wenn ich aber übersehe, daß ich nur noch wenige

Jahre Arbeit für sie habe, denke ich, dann wird mich der Herr im Frieden

abrufen -- wie gern beschlöß ich mein Leben in Weimar, aber meiner

Kinder Schicksal will sich da nicht einschichten lassen, und so weiß ich

jetzt noch nicht wohin. Mein liebes Jennchen und ihr vortrefflicher

Mann nehmen meinen Sohn Werner in Leitung und Obhut -- ihr Beruf ist,

oft umherzuziehen, Otto hat noch keine feste Häuslichkeit, so daß ich

wirklich nicht sagen kann, wo ich wieder eine finden werde ..."

"Ich muß mich selbst erst wieder finden," heißt es in einem anderen

Brief aus Straßburg, wo sie zwei Monate später der Niederkunft ihrer

Schwiegertochter entgegensah, "muß Vergangenes und Gegenwärtiges mit dem

Zukünftigen zu verknüpfen suchen, muß lernen, allein zu sein. Wer sich

so lang und so fest wie ich auf den Arm des Lebensgefährten stützte, den

überfällt ein Gefühl des Schwindels, wenn er plötzlich selbständig

vorschreiten soll. Ich brauche Stille und weiß, daß ich sie nirgends

sicherer finde als bei meiner lieben Nonne, zu der ich von hier aus

reise, und bei der ich bleibe, bis meine Tochter mich braucht ..."

Als die schwere Türe der Deersheimer Familiengruft sich hinter Werner

Gustedts Sarg geschlossen hatte, schien auch das Leben hinter ihr leise

die Türe zuzuziehen. An ein neues, das Wert und Inhalt für sie haben

konnte, glaubte sie nicht mehr. Zu intensiv hatte sie für Mann und

Kinder gelebt -- er war tot, sie gingen ihre eigenen Wege -- sie

vermochte nicht zu begreifen, daß sie für sich selbst noch zu leben

vermöchte.

An einem grauen Januartag klopfte eine schwarz verschleierte Frau an die

Pforte des stillen Klosters in der brausenden Weltstadt Paris. Keine der

Jungfrauen, die hier um Einlaß gebeten hatten, um eine Zuflucht wider

die Verführungen und Schmerzen der Welt zu finden, war so voller

Sehnsucht nach Ruhe hierhergekommen wie diese Frau, in deren Seele und

in deren Herzen Ehe und Mutterschaft ihre unvergänglichen Zeichen

hinterlassen hatten. Weit öffnete sich ihr die Pforte, unhörbar schloß

sie sich hinter ihr.

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 54 / 80 题