Carl Alexander."

* * * * *

Als im Herbst 1845 dem Gardener Ehepaar ein Töchterchen geboren wurde,

das den Namen der toten Großmutter erhielt, sah Jenny ihre Tätigkeit

nach außen für eine Zeitlang unterbrochen und auf die Kinderstube

beschränkt. Ihrer vergessenen Künste erinnerte sie sich nun wieder und

zauberte in zarten Aquarellfarben die reizenden Köpfe ihrer vier Kinder

aufs Papier. Otto, einen schlanken, feinen Jungen mit dem klassischen

Profil der Bonapartes, "der," wie sie schrieb, "für mein Mutterauge das

vollkommenste Idealchen ist," malte sie am liebsten keck auf seinem Pony

sitzend; Mariannen, mit den großen Märchenaugen, gab sie blasse Rosen in

die Hand; während Jenny, "der kleine blondgelockte Engel, bei dessen

Anblick mir Thränen der Liebe und Dankbarkeit in die Augen steigen,"

mit ernstem Gesichtchen auf der Gartenfußbank Sandkuchen backt oder das

kleine Dianchen, den Liebling aller, auf dem Schoße hält. Die zwei

älteren Kinder gingen schon in die Dorfschule -- eine Maßnahme, die

Freunde und Verwandte entsetzte -- während daheim eine junge

Schweizerin, die Jenny aus der einfachen Bonne ihrer Kinder allmählich

zur lieben Freundin wurde, sie im Französischen unterrichtete. In

Religion und Geschichte unterrichtete Jenny selbst und nach einer

Methode, die damals noch eine ganz neue war: mit der Geschichte der

engsten Heimat begann sie. Beim eigenen Vorstudium hatte sie sich dabei

für die Geschichte der preußischen Ordensritter so begeistert, daß sie

einzelne Gestalten daraus, wie z. B. die Winrichs von Kniprode, zum

Vorbild aller Rittertugenden erwählte. Als noch größerer Held jedoch

erschien ihr der große Friedrich, dessen Lebensgeschichte sie in

schlichten Reimen zusammenfaßte, um sie den Kindern recht genau

einzuprägen. Auch die Enkel lernten sie, als sie noch nicht lesen

konnten, und keine historische Persönlichkeit ist mir infolgedessen so

lebendig geblieben wie der "alte Fritz".

Noch mehr als ihr historischer wich ihr religiöser Unterricht vom

Gewohnten ab. Die Kinder lernten weder Bibelsprüche noch

Gesangbuchverse, von der biblischen Geschichte erfuhren sie wie von

schönen Märchen, an die zu glauben, im Sinne des Fürwahrhaltens, sie nie

gezwungen wurden. Nur ein Gesetz gab es für sie als das unbedingte, dem

zu folgen Tugend sei und selig mache, das zu verletzen, den Weg zu

moralischem Zusammenbruch, zu Unglück und Elend betreten heiße: Du

sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst. Wie Jenny ihren Kindern

dies Gesetz verständlich zu machen suchte, wie sie ihnen an Beispielen

aus dem täglichen Leben die Folgen des Gehorsams und des Ungehorsams ihm

gegenüber auseinandersetzte, das hat sie in einem kleinen Büchlein

zusammengefaßt, dessen vergilbte Seiten mich wehmütig anschauen, und

hinter denen die Köpfe all der Kinder, die daraus lernten, aufzutauchen

scheinen. Auf dem weißen Marmorkreuz aber, das auf ihrem Schreibtisch

stand, leuchten noch immer in goldenen Lettern die Worte: Die Liebe

höret nimmer auf.

Im Herbst 1846 traf Jenny der schwerste Schlag: die kleine Diana starb

-- die große Diana zog sie nach ins Grab! Was Jenny empfand, kann ihr

niemand nachempfinden als eine Mutter, und zum ersten Male fühlte sie

sich, trotz der liebevollen Nähe des Gatten, allein mit ihrem Schmerz.

Niemand begriff, daß der Tod eines so kleinen Kindes einen

unausfüllbaren Lebensabgrund aufreißen kann; niemand konnte verstehen,

daß für eine Mutter das Kind ein Teil ihrer Selbst ist, und sie immer

verstümmelt bleibt, wenn es ihr entrissen wird -- wie sie denn

eigentlich nur vollkommen wird durch ihre Kinder.

Wilhelmine Froriep gegenüber, die eine Mutter war wie sie, sprach sie

sich aus: "Seitdem ich den tiefen unauslöschlichen Schmerz empfunden

habe, den Dein Mutterherz doppelt gekannt hat, habe ich unzählige Male

mit dem Gedanken in Deiner milden wohltuenden Nähe verweilt, mein

liebes, liebes Minele, und sehnte mich, in Deinen Augen das volle

Mitgefühl zu lesen, das nur Mütter empfinden können, namentlich bei dem

Tode eines so jungen Kindes; -- aber Du weißt, ich war fast den ganzen

Winter so krank, daß ich, statt meine Einsamkeit zu nutzen, sie als eine

große Bürde fühlte; -- meine drei mir gebliebenen Kinderchen hatte ich

sehr viel um mich, aber ich war zu schwach, um dies so recht freudig und

dankbar zu empfinden, und hätte mein Körper das Wort führen dürfen, so

hätte er sich sogar sehr darüber beklagt. Im Seebad fühlte ich mich

wohl, die Luft war so herrlich, und das Meer scheint so ganz ohne

Abschnitt mit der Ewigkeit zusammenzuhängen, daß die Seele ruhiger wird;

doch meiner Rückkehr nach Garden folgte eine unbeschreiblich trübe Zeit.

Wenn die Leiden der Phantasie sich zu denen des Herzens gesellen, werden

beide unendlich vermehrt, und ist dann der Körper nicht stark genug, um

den Willen zu unterstützen, kann die Thätigkeit nicht den Damm der

Gedanken bilden, so wird das Leben recht schwer, ich kämpfe noch

fortwährend mit dem traurigen Einfluß, den die alte Umgebung ohne das

heißgeliebte Kind auf mich übt, und noch sehne ich mich stündlich von

hier weg; da dies Gefühl sich aber mildert, meine Gesundheit sich

stärkt, und meine Thatkraft zunimmt, so fasse ich Geduld mit mir, und wo

Vernunft und Ergebung nicht ausreichen, hoffe ich auf die Zeit."

Der alte Freund -- Arbeit -- der ihr noch immer geholfen hatte, sollte

auch jetzt wieder helfen. "Ich lebe nur meinen Kindern, die mir viel

Freude machen, ohne daß freilich die Schatten fehlen," schrieb sie. "Oft

sitze ich auch auf alte deutsche Art mit meinem Mädchen in der

Jungfernstube, weil meine Lampe und mein Buch ihnen vortheilhaft sind,

und mich der fleißige Kreis erfreut ... Wäre meine Seele ohne Sehnsucht

nach Mutter und Kind, und hätte ich eine Freundin, der ich mich so recht

innig mittheilen könnte, so wäre diese Existenz ganz nach meinem

Geschmacke."

Bald jedoch sollte sich zeigen, daß das tiefe Leid eine große seelische

Umwälzung in ihr hervorgerufen hatte: Garden, die traute Heimat ihrer

Kinder, wo ihr die Wälder so freundlich gerauscht, die Seen ihr

lachendes blaues Auge vor ihr aufgeschlagen hatten, erschien ihr nur

noch wie das Grab des einen Kindes, und ihr Geist und ihr Herz, die

verlernt hatten, ein eigenes Leben zu leben und darum so qualvoll

litten, wenn ein Teil ihres Lebens, das Kind, ihnen genommen wurde,

sehnten sich hinaus, zurück nach der Heimat ihrer Jugend. In einem ihrer

Briefe aus jener Zeit heißt es:

"Daß meine Wünsche sich nach Weimar richten, kann ich nicht leugnen und

zeigt sich auch jetzt keine, auch gar keine Aussicht, uns dorthin zu

verpflanzen, so mag man sich doch gern bereit halten, glückliche

Zufälligkeiten und Schickungen zu ergreifen. -- Den Winter dort

zuzubringen, hat immer große Schwierigkeiten: den Kindern ist der

hiesige gleichmäßige Winter zuträglicher, Otto hat Schlitten, Pferd und

alles Zubehör eigen, und fährt nach Belieben, bis es 10 Grad Kälte

übersteigt, dann ist die Freude kurz und er bleibt auch gern zu Hause.

Das Kleinste, wenn es Gott giebt und erhält, macht schon nächsten Winter

die Reise, wenn nicht unmöglich, doch ganz unwahrscheinlich. Der

günstige Einfluß unseres Schullehrers auf Mariannchen wird schwerlich

ersetzt werden, eine französische Bonne steht mir seit Ostern in diesem

Zweige der Erziehung bei, und für Jennchen sind die großen ganz

durchwärmten und zugfreien Räume und die Spiele mit den kleinsten meiner

Stiftskinder auch schwer zu ersetzen. Werner hat sein Gut und seine

Provinzialinteressen, auch angenehme Männer zum Umgang und meistens eine

Reise, die den Winter durchschneidet, und seine Laune ist so

gleichmäßig, und sein Ausdruck so zufrieden, daß er keinen hinreichenden

Grund zu einem andern Winteraufenthalte bietet. Nun bleibe ich, die sich

wohl oft die Abende in Weimar vormalt, wo alles Lebenslustige bei Ball

und Theater und ich mit Emma, Dir, Luise, meiner lieben Cecile zusammen

wäre, oder der Familienkreis, der jetzt so gemüthlich geworden ist, mit

Karls und Beusts und Papa -- aber ich bin eins gegen 5, und da außerdem

das Beste meines Selbstes in den 5 steckt, ist das, was davon übrig

bleibt, nicht lebensfrisch genug, um egoistisch zu sein."

Viele ihrer Freunde teilten ihren Wunsch und suchten ihn dadurch zu

verwirklichen, daß sie an berufener Stelle Schritte taten, um Werner

Gustedt den Weg in den weimarischen Staatsdienst zu eröffnen, der auch

ihm als angenehme Aussicht erschien. Jenny zweifelte von vornherein an

dieser Möglichkeit, ihr Mann war zu sehr Preuße, zu wenig Hofmann, um

willkommen zu sein. Sie wußte außerdem, daß auch von seiten des

Stiefvaters, der mit ihrem Mann nicht gut stand, nur Opposition zu

erwarten war, daß auch der Erbgroßherzog, so sehr er ihr nahestand, für

ihn keine Sympathie besaß, und zwar um so weniger, je mehr seine

Schwester, die Prinzessin von Preußen, für ihn eintrat. Aber trotz

dieser Erwägungen der Vernunft, überließ Jenny sich eine Zeitlang nur zu

gern ihrer Phantasie, die ihr ein Leben in Weimar in den schönsten

Farben malte. Selbst wenn der Aufenthalt dort kein dauernder würde sein

können, so hätte sie ihn doch der drückenden Einsamkeit Gardens

vorgezogen; "nach ein paar Jahren," so schrieb sie, "könnten wir im

schlimmsten Fall wieder werden, was wir jetzt sind, nur in der Nähe

einer großen Stadt, unserer Verwandten und im Mittelpunkt des

Fortschritts und eines regen geistigen Lebens."

Wie anders klingen diese Worte der Sehnsucht, als ihre

Einsamkeitsschwärmerei der dreißiger Jahre! So fern ab sie den

Weltereignissen lebte, sie spiegelten sich doch in ihrer eigenen Seele

wider: der Traum der Romantik war ausgeträumt, die Wirklichkeit forderte

ihre Rechte; dem Schauspiel wich die Idylle. Wenn sie sich, in innerster

Seele unbefriedigt von einem Leben, das trotz aller selbstgewählten und

geschaffenen Arbeit doch nur ein Leben des Genießens, wenn auch des

reichsten geistigen Genießens gewesen war, in die ländliche Einsamkeit

zurückgezogen hatte, um dort in ihrem Mann, in ihren Kindern, in ihren

Armen und Pflegebefohlenen aufzugehen, so hatte sie dabei vergessen, was

den Mädchen ihrer Zeit zu vergessen freilich zur Pflicht gemacht wurde,

daß sie selbst eine Persönlichkeit war, die ihre Rechte früher oder

später zur Geltung bringen mußte. Unter dem Druck der Erziehung und der

Vorurteile war die Wandlung von einem geistig lebendigen Mädchen in eine

gute Hausfrau, deren höchster Ruhm es war, die eigene Individualität

mehr und mehr abzustreifen und das Ideal weiblicher Pflichterfüllung

dadurch zu erreichen, daß sie dem Willen und den Wünschen der Familie

blindlings nachkam, niemals aber die eigenen laut werden ließ, bei dem

größten Teil des weiblichen Geschlechts damals eine selbstverständliche.

Eine ungewöhnlich starke Natur mußte es sein, die nicht zwischen den

Mühlsteinen der Weibespflichten zerrieben wurde, und es mußten ihr

Kräfte von außen zu Hilfe kommen.

Hatte der Tod ihres Kindes sie aufgeschreckt aus

gefühlvoll-träumerischem Versunkensein in das friedliche Glück des

Hauses, so rissen die politischen Zeitereignisse sie aus einem

Gedankengang, der sich nun um das Wohl und Wehe der sie zunächst

Umgebenden drehte. Es war nicht nur die Not daheim, die um Abhilfe

schrie und der mit persönlichen Maßnahmen beizukommen sein mochte, es

war der furchtbare Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, der sich wie

ein dunkler klaffender Abgrund deutlicher und deutlicher vor jedem, der

sehen wollte, auftat. Wer war geneigter als die Kinder der Romantik,

sich von der Not der schlesischen Weber, der hungernden preußischen

Bauern, bis zu dem Elend der englischen Fabrikarbeiter aufs tiefste

bewegen zu lassen und sich mit der ganzen Überschwenglichkeit ihrer

Liebes- und Mitleidsempfindungen ihnen zuzuwenden? Bettinens Buch an den

König, George Sands Begeisterung für die Sache des Volkes liefern den

Beweis dafür. Kam eine religiöse Überzeugung dazu, wie die Jennys, die

vom christlichen Glauben ausging und in der Forderung der Nächstenliebe

der Tat gipfelte, so mußten die Ereignisse der Zeit auf sie wirken wie

Frühlingswetter auf wohl vorbereiteten Ackerboden. Mit noch weit

größerem Eifer als in ihrer Mädchenzeit vertiefte sie sich wieder in

ernste Studien, deren Zweck für sie jetzt nicht mehr allein die

persönliche Aufklärung war, deren praktische Ergebnisse sie vielmehr

hoffte, dem Allgemeinwohl einmal nutzbar machen zu können.

Für ihre Betrachtungsweise ist ein Brief an Gersdorff aus dem Jahre 1846

charakteristisch, der an die Lektüre philosophischer Schriften anknüpft,

und in dem es heißt:

"Die Wahrheit, an die ich glaube, liegt zwischen Seneca und Bacon;

Bacons Ziel: der Nutzen und materielle Fortschritt durch die

Wissenschaften, als Mittel zu Senecas Ziel: die größte moralische und

geistige Entwicklung des Menschen. Diese Entwicklung ist das Endziel

alles Strebens; wäre es im rohen Naturzustande erreichbarer als durch

Civilisation, so würde ich für den rohen Naturzustand stimmen, so aber

glaube ich: es liegt der Wissenschaft ob, Raum, Kraft, Zeit, Mittel zu

schaffen, um den Geist möglichst unabhängig von der Materie zu machen,

zugleich die Intelligenz zu üben und zu schärfen, und dem flügellosen

Menschen Flügel zu schaffen. -- Die Mittel, welche mit dem wenigsten

Zeitaufwande und dem geringsten Verbrauch an Kräften die Bedürfnisse der

physischen menschlichen Natur befriedigen, mithin das Vergessen des

Körperlichen erleichtern, entfesseln den Geist und geben ihm Zeit, Raum,

Kraft und Mittel zum Wachsen und Gedeihen. -- Deshalb thut die

Wissenschaft göttlichen Dienst, wenn sie Dampfmaschinen,

Luftheizungen, Gasbeleuchtungen, Hebel, Wölbungen, Heilmethoden,

Ackerwerkzeuge, Produktionsmittel aller Art erfindet, und so lange muß

sie rastlos diesem göttlichen Dienste vorstehen, bis die Massen der

Menschen Muße gewinnen, um geistige Entwickelung pflegen zu können."

Als dann das Jahr 1847 erschien, mit hohlen Augen und eingefallenen

Wangen, eingehüllt in das fadenscheinige Gewand des Hungers, und die Not

auf Schritt und Tritt Jenny mehr als je entgegenstarrte, sah sie noch

deutlicher als je die Unzulänglichkeit bloßer privater Hilfe ein. Zwar

schuf sie einen großen leeren Raum ihres Hauses zur Volksküche um und

stellte Frauen an, die in großen Kesseln die Mahlzeiten für die Scharen

von Hungernden kochten, die Tag für Tag herbeiströmten; zwar gelang es

ihr, Nachbarn und Gemeinden zu ähnlichen Einrichtungen anzuregen, aber

sie gehörte nicht zu denen, die voll eitler Freude über die eigene

Leistung die große allgemeine, nicht zu erreichende Not vergessen, weil

ein paar Menschen während ein paar Tagen satt werden. Unbekannt mit all

jenen politisch-ökonomischen Systemen, die die Sozialisten Englands,

Frankreichs und Deutschlands aufgestellt hatten, um für alle

menschenwürdige Verhältnisse zu schaffen -- in ihren Bücherlisten und

Auszügen ist kein einziges Buch der Art aufgeführt -- und immer noch

durchdrungen von der Macht des guten Willens der einzelnen mußten ihre

Ideen, sobald sie sich auf Bekämpfung der allgemeinen Mißstände bezogen,

notwendigerweise unzureichende bleiben. Aber daß sie sich überhaupt mit

ihnen beschäftigte, daß sie, die gläubige Christin, niemals in den

verbreiteten Fehler ihrer Glaubensgenossen verfiel, der so bequem ist

für die, denen es gut geht, und so einschläfernd für beunruhigte

Gewissen: die Armut für eine göttliche Einrichtung anzusehen, und Not

und Jammer für göttliche Prüfungen -- das allein beweist, daß eine

Faustnatur in ihr lebendig war. Die Eindrücke der Zeit diktierten ihr

folgenden Brief an Gersdorff:

"... Alle Welt stimmt darin überein, daß der Augenblick gekommen ist, wo

für das Wohlergehn der breiten Masse des Volks etwas gethan werden muß,

-- der edelste wie der egoistischste Mensch begegnen sich heute in

dieser Erkenntniß. Es ist interessant zu beobachten, was ein Jeder

heranschleppt, um den Damm gegen jene Sturmfluth bauen zu helfen, die

näher und näher kommt, um uns zu ertränken. Die einen sehen in schönen

Parlamentsreden die Rettung, die anderen in der Organisation der Arbeit.

Und zu diesen gehöre ich: vom König bis zum letzten Straßenkehrer müßte

jeder sich der Vollendung dieser Aufgabe widmen, alles Andere als

nebensächlich bei Seite schiebend, kein Opfer zur Erreichung dieses

Zieles für zu gering haltend. Die Schwierigkeiten sind enorme, aber sie

sind nicht unüberwindlich, und die Arbeit lohnt der Mühe, weil ihr Ziel

die erste Stufe zu vollkommener Radicalcur der kranken Menschheit ist.

Preußen ist von allen europäischen Staaten derjenige, der zu ihrer

Ausführung am geeignetsten erscheint; seine militairische Organisation,

die Gewohnheit jedes Preußen, zu gehorchen und den Gesetzen persönliche

Opfer zu bringen, das Princip der Bevormundung, das die Regierung immer

befolgt hat, kurz ihre ganze Machinerie haben das Terrain vorbereitet.

Ueberall herrscht Ordnung, nur in der Arbeit herrscht blinde Anarchie.

Die Philosophen machen Preußen gerade aus der Bevormundung einen großen

Vorwurf, wer aber tiefer sieht, kann nicht so sehr in ihr das größte

Uebel erblicken, als in ihrer Einseitigkeit. Ein Kind muß getragen

werden, ehe es selbst gehen kann: aus der Organisation der Arbeit, die

Willkür ebenso ausschlösse wie Ausbeutung und Unbotmäßigkeit, würde nach

und nach erst die Kraft, die Freiheit, die Selbständigkeit sich

entwickeln .... An einer uns Landbewohnern naheliegenden Aufgabe könnte

die Organisation der Arbeit durch den Staat einsetzen: Der Errichtung

von Fabriken auf dem Lande, die auch im Winter der Landbevölkerung

Arbeit böte, damit die Einführung der Dreschmaschine sie nicht mehr und

mehr zum Hungern verdammt."

Zu dem starken Einfluß, den die Zeitereignisse auf Jenny ausübten, und

dessen Grad sich an ihren ebenso vertieften wie gesteigerten und

erweiterten Interessen ermessen läßt, der auch den Wunsch in ihr weckte,

der Entwicklung näher sein, an ihr mitwirken zu können, trat noch ein

anderer, rein persönlicher hinzu: die Aufklärung über ihre Herkunft.

Am 1. Oktober 1847 hatte Jerome Napoleon nach zweiunddreißigjährigem

Exil den Boden Frankreichs wieder betreten. Ob er über den Aufenthalt

von seiner und Dianens Tochter Pauline im Kloster immer unterrichtet

gewesen war, ob sie sich ihm als "Mutter Maria vom Kreuz" auf Grund der

Briefe Dianens erst zu erkennen gab, als er Paris wieder zur Heimat

wählen durfte -- darüber fehlten mir Nachrichten. Ob Briefe der Nonne an

Diana von Jenny gefunden wurden und zur Verbindung der Schwestern

führten, läßt sich auch nicht mehr feststellen, ebensowenig wie der

erste Brief der Nonne an Jenny mit der Mitteilung, wessen Töchter sie

beide waren, erhalten wurde, eines nur steht fest: daß Diana selbst es

war, die es Pauline zur Pflicht gemacht hatte, Jenny aufzuklären und sie

zu bitten, den zu lieben, dem sie das Leben dankte. Wie groß mußte

Dianens Liebe gewesen sein, wenn sie über den Tod hinaus dem Mann, der

Schmach und Leid und Verlassenheit über sie heraufbeschworen hatte, die

Liebe ihrer Tochter zu sichern suchte. Wie erschütternd aber mußte die

Nachricht von der Mutter heimlichem Liebesbund, die ihr Ende des Jahres

1847 zugegangen war, auf Jenny wirken. Zwar hatte sie in Weimar nie

gelernt, die Beziehungen der Menschen zueinander mit dem Maßstab der

Prüderie zu messen, aber von der Heiligkeit der Ehe war sie doch tief

durchdrungen, und in ihrer Mutter hatte sie das Muster aller

christlichen Tugend verehrt, und nun: welch ein Aufruhr all dieser

Gefühle. Ihre gute, edle Mutter war die Geliebte eines der verrufensten

Könige gewesen, sie war sein Kind, Bastardblut floß in den Adern ihrer

Kinder! Wie mochten die bösen Zungen der Welt ihre Mutter beurteilt

haben und noch beurteilen, was für ein Schicksal stand ihren Kindern

bevor, wenn man erfahren würde, daß sie eine außerehelich Geborene zur

Mutter haben. Sie kannte ja diese Welt nur zu gut: hatte sie sich nicht

mit einem merkwürdigen Ahnungsvermögen am meisten zu den unehelichen

Kindern hingezogen gefühlt, die von allen Enterbten die unschuldigsten

und die verachtetsten sind? Und während sie so empfand, klang zu

gleicher Zeit die flehende Stimme der toten Mutter an ihr Ohr, die um

Liebe bat, um Liebe für sich und den Vater. Sie sah sie vor sich in

ihrer ganzen Lieblichkeit, die doch stets von leiser Melancholie

beschattet blieb; sie sah sie, wie sie selbst in ihren Todesqualen ihrer

Kinder in heißer Liebe gedachte. Wie mochte sie gelitten haben ein

ganzes Leben lang, von dem Augenblick an, da ihr der Säugling vom Herzen

gerissen und fern von ihr im Kloster aufgezogen wurde. Hatte sie nicht

dies furchtbare Opfer -- entsetzlicher noch, als wenn der Tod ein Kind

entführt -- ihren anderen Kindern zu Liebe gebracht? Jennys Herz, das

noch blutete von der Wunde, die des Töchterchens Tod ihm geschlagen

hatte, erbebte vor Mitleid und Liebe, und alles, was die hergebrachte

Moral ihr an erkältender Weisheit noch eben gepredigt hatte, verschwand

vor dem einen großen Gefühl. Nun aber begann auch ihre Phantasie, sich

ihrer Gedanken zu bemächtigen. Stets, selbst als der Haß gegen ihn in

Deutschland noch alles beherrschte, hatte ihr Geist dem großen Korsen

Altäre gebaut. Und nun war sie seines Blutes, und die Stimme dieses

Blutes war es gewesen, die sie gezwungen hatte, dem Schicksal der

Bonapartes voll tiefer Anteilnahme zuzusehen, es in seiner tragischen

Größe zu erkennen, als alles um sie her voll Genugtuung in ihm nur die

gerechte Strafe Gottes erblickte. Und hatte sie sich nicht doch des

Vaters zu schämen?! Ihre Mutter hatte ihn bis zur Selbstvergessenheit

geliebt, ihre Schwester schilderte ihn als einen der besten Menschen,

und zweiunddreißig Jahre des Exils waren auch für schwere Sünden eine

harte Buße. Gehörte er aber zu den vielen von der Welt über Gebühr

Verlästerten und Verfolgten, dann war er der Liebe doppelt bedürftig.

So stieg endlich aus dem Chaos der Empfindungen und Gedanken all jene

Zärtlichkeit hervor, die sie, nach der Innigkeit seines Dankes zu

schließen, dem Vater entgegengebracht haben muß. Aber die neue

Verbindung des Herzens gab auch ihren Interessen eine neue Richtung.

Hatte sie bisher die politischen Ereignisse Frankreichs lebhaft verfolgt

-- die Freundschaft mit der unglücklichen Helene von Orleans hatte dazu

beigetragen --, so fühlte sie sich von nun an innerlich mit ihnen

verknüpft, und die rege Korrespondenz ließ sie ihr vollkommen

gegenwärtig erscheinen. Der Wunsch Jeromes, die Tochter in seine Arme zu

schließen, fand in ihrem Herzen ein lebhaftes Echo. Wie ihre Empfindung

sie zu dem Vater zog, so ihr geistiges Ich zu jener Stadt, die wie eine

Feuerkugel wieder einmal nach allen Richtungen Europas die erleuchtenden

und erwärmenden ebenso wie die zündenden Strahlen ihres Wesens zu werfen

schien.

Die Märzstürme der Revolution machten zunächst die Reise nach Paris für

Jenny unmöglich. Aber auch aus anderen Gründen war sie ans Haus

gefesselt: im Juli 1848 wurde ihr ein Sohn -- ihr letztes Kind --

geboren, und die nächsten Monate gehörten seiner Pflege. Ihr Mutterherz

klopfte so stark und heiß für dieses Kind wie für die anderen, aber ihre

Gedanken, die sich sonst bei jedem neuen kleinen Erdenbürger um so mehr

auf die Kinderstube konzentriert hatten, konnte sie diesmal nicht

hindern, weit über die Mauern des Hauses hinauszuschweifen. Was sie

fühlte und dachte, als der Widerhall der Berliner Barrikadenkämpfe bis

an ihr Ohr drang, als Preußens König sich dem Willen des Volkes beugen

und die Gefallenen mit entblößtem Haupte ehren mußte, und als der Gatte

ihrer lieben Freundin, Prinzeß Augusta, heimlich das Land verließ --

darüber befindet sich nichts mehr unter ihren Papieren. Daß sie die

Ereignisse aber mit anderen Augen betrachtete, als es in der Sphäre

streng konservativen preußischen Junkertums, in der sie lebte, üblich

war, dafür legt ein merkwürdiger Artikel von ihr: "Meine Ideen zur

Reorganisation des Staates nach 1848" Zeugnis ab, den sie ihrem

Stiefvater sowohl wie dem Erbgroßherzog von Weimar und der Prinzessin

Augusta von Preußen zusandte. Ihre Antworten sind leider nicht mehr

vorhanden -- wenn sie überhaupt jemals geschrieben wurden. Der Artikel

lautet:

"Ein großer mächtiger Geist zieht durch die Welt -- ein Geist des

Schreckens, der Leidenschaft und -- der Gerechtigkeit; Schrecken und

Leidenschaften müssen weichen vor einem reinen, guten Willen, der Geist

der Gerechtigkeit muß bleiben, denn er ist der Geist Gottes, der heilige

Geist des Evangeliums; -- laßt uns tun nach seinem Gebote, denn ein

höheres gibt es nicht; laßt uns hell sehen bei seinem Lichte, denn es

ist dasselbe Licht, das jenseit des Grabes leuchtet, das Licht, das

nimmer vergeht -- die Wahrheit und die Liebe!!

"Wir, die Reichen, die irdisch Begünstigten, haben seit einer Reihe von

Jahren die Lawine beobachtet, welche die ganze bürgerliche Verfassung zu

zertrümmern droht; wir haben die Notwendigkeit kommen sehen, daß der

Arme, auch der fleißige und genügsame Arme, im Schweiße seines

Angesichts, mit Aufopferung aller Lebensfreuden, nicht mehr das

tägliche Brot für sich und die Seinen verdienen kann; wir haben eine

Einsicht in die mercantilischen, statistischen, politischen Verhältnisse

haben können. -- Mancher hat einzeln gern etwas, auch viel, aber lange

nicht genug gethan, um dem Übel zu steuern, und eben weil es einzeln

geschah und ein Jeder begriff, daß er doch nicht helfen könne, ist es

dürftig geschehen, und je greller die Schauer und der Jammer des Elends,

welches Jeder allein nicht bewältigen konnte, in die Seele schnitt,

desto mehr beschränkte man sich, und mit Recht, auf einen kleinen

Kreis, auf Hilfe an Einzelnen, desto mehr sorgte, sparte, erwarb,

vermehrte man, um für die eigenen Kinder allen irdischen Unglücksfällen

vorbeugend zu begegnen, weil man an den verhungerten, mißhandelten,

verkümmerten, elenden, an der Seele gekränkten Kindern, an den

vernachlässigten Greisen und Kranken, an der nicht zu bewältigenden

Fluth moralischer und physischer Versunkenheit und Verzweiflung ein

schreckliches Bild von dem hatte, was möglicher Weise den Liebsten und

Nächsten geschehen konnte. Ich brauche nur an das Hungerjahr 1847, an

die Webernoth in Schlesien, an die Nothjahre durch Dürre und

Überschwemmungen in der Provinz Preußen, an die Thatsachen z. B. in

Bettinens Buch an den König über die Berliner Zustände zu erinnern, ich

brauche nur Jeden zu bitten, in der Residenz, auf dem Lande, namentlich

in den kleinen Provinzstädten, auf der Straße sich umzusehen; wer Arzt,

Bürgermeister, Schullehrer, Fabrikherr oder Landwirth ist, der braucht,

dem Elende zu Gefallen, noch keinen Schritt außer seiner Berufssphäre zu

machen, um zu wissen, zu sehen, zu fühlen, daß unter Menschen, unter

Christen die Zustände nicht so bleiben können. -- Es ist grauenhaft,

daß eine Mutter vom Staate gezwungen werden kann, ihr Kind verhungern

zu sehen -- und dem ist so: sie läuft zehnmal zum Bürgermeister, der sie

nicht einmal anhört -- er ist nicht härter, nicht gewissenloser als ein

Anderer, aber er hat täglich zwanzig Fälle, wo Hülfe Noth thut, und er

hat nicht die Mittel, er kann nicht helfen; so die Gemeinde namentlich

in Jahren von Mißwachs, und so endlich der Staat -- Willen, Einsicht,

Mitleid, Wünsche sind da, aber keine Mittel -- diese sind es, die

geschafft werden müssen, und wehe, wenn der Spruch des Heilandes auch

jetzt in Erfüllung gehen müßte: 'Wahrlich ich sage euch, es ist

leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in

das Himmelreich komme!'

"Ich frage, was der Reiche verliert, wenn er den Überfluß abgiebt, um

die Armuth möglichst aus der Welt zu schaffen? Der Bessere unter den

Reichen genießt im Angesicht so vielen Elends seinen Luxus mit

schlechtem Gewissen; Seide, Silber, Diener, Paläste sind Dinge der

Eitelkeit, der Convenienz, der Sitte, sind aber weder Glück noch Genuß,

wenigstens keine höheren, als ein komfortables bürgerliches Leben auch

gewährt; Vielen sind sie Gewohnheit, deshalb ihre Entbehrung ein

anzuerkennendes Opfer, bei weitem den Meisten sind es nur

Nothwendigkeiten des Standes: man möchte ebenso gern ein wollenes als

ein seidenes Kleid tragen, ebenso gern eine behagliche Stube als zehn

besitzen, ebenso gern zwei Gerichte als zehn essen, ebenso gern ein

tüchtiges Dienstmädchen als zwei anspruchsvolle Kammerjungfern haben,

aber man meint, es ginge nicht, man wird als Sonderling zum Gespräch und

Spott der Leute, man muß demüthigenden Momenten Trotz bieten, sich

vertheidigen, seine Einfachheit erkämpfen, und das thut man nicht -- man

braucht es ja nicht. -- Der Reiche wird nicht mehr große Feste geben,

aber fragt, wieviel wahrhaft Fröhliche auf diesem Feste sind? Wo hundert

Hausstände auf ein jährliches Fest in Wohnung, Dienerschaft und

Hausgeräth versehen sein mußten, wird ein einziges Etablissement, wie

jede Stadt es jetzt hat, mit wenig Kosten für den Einzelnen dieselben

Freuden und größere gewähren, weil sie sich nicht bis zum Überdruß

häufen können. -- Der Reiche wird nicht mehr reisen können? O ja,

dieselbe Reise, die er noch vor zehn Jahren mit vier Postpferden in

acht Tagen für sechs- bis achthundert Thaler machte, macht er mit der

Eisenbahn für sechzig oder achtzig, und so wird nicht einmal sein Genuß

geschmälert werden.

"Der Luxus befördert die Industrie -- dieser Satz entbehrt alles

wahren Gehaltes. Gewinnt die Industrie nicht mehr, wenn eine

geschäftige Hausfrau zwei Cattunkleider zerreißt, als wenn eine Dame ein

seidenes Kleid auf dem Sopha aufträgt? Gewinnt nicht die Industrie mehr,

wenn sechs Porzellan-Milchtöpfe zerbrochen, als wenn alle hundert Jahre

eine silberne Milchkanne umgeschmolzen wird? Die Kostbarkeit des Stoffes

macht nicht den Verdienst des Arbeiters, sondern die Masse der Arbeit.

Wenn statt einer Brüsseler Spitze, die die Augen der Stickerin verdirbt,

zehn sächsische geklöppelte Spitzen gebraucht werden, welche von den

ärmsten Leuten im Erzgebirge gemacht werden, wo ist da für das

Allgemeine der Nachtheil? -- Der Luxus befördert nicht die Industrie,

aber ein reges Leben, eine allgemeine Wohlhabenheit thun es im wahren

Sinne des Wortes -- der obige Satz war ein Trost, den sich der Reiche

machte, eine Rechtfertigung, die man für ihn erfand, aber keine

Wahrheit.

"Dem Armen muß ein menschliches Leben geschaffen werden, Kinder, an

denen sich sein Herz freuen kann, deren Geburt nicht ein Unglück, deren

Dasein nicht eine Last, deren Tod nicht eine Erleichterung ist; Frauen,

die im Hause walten und wachen können, die seinen Herd erfreulich, seine

Feierstunde sanft, seine Mahlzeit reichlich bereiten können; ein ruhiges

Krankenbett, wo er nicht mit Angst und Kummer über das versäumte

Nothwendigste liegt, wo er sich nicht zur Arbeit quält, ehe er halb

genesen ist, wo er nicht den Vorwurf der Seinigen über ihre Last und

Mühe zu ertragen hat, einen warmen Rock gegen die Kälte, eine gesegnete

Einsicht gegen Aberglauben und Irrthum, ein unvergälltes Herz beim

Anblick der Wohlhabenden -- endlich einen ungebettelten Sarg und ein

gepflegtes Grab. -- An diesem Gewinne ermeßt seine Entbehrungen, an

diesen Entbehrungen seine namenlose Geduld. Wer dürfte sich einen

Christen nennen, der zu diesen nächsten, selbstverständlichsten Zielen

einer Reorganisation der Gesellschaft nicht gelangen und seine ganze

Kraft dafür einsetzen wollte?"

Professor Scheidler, dessen brieflich geäußerte Ansichten sie wohl am

meisten in ihrer Gegnerschaft zu der landläufigen Auffassung ihrer

Standesgenossen unterstützten, schrieb ihr darauf: "Wären Sie ein Mann,

so würde ich von Ihrer öffentlichen Tätigkeit Großes von Ihnen erwarten,

so aber fürchte ich fast, daß Ihre Ideen nicht zu Ihrem Glück

gereichen."

Seine Befürchtungen sollten sich nur zu bald bewahrheiten. Zum erstenmal

kam es zu tieferen Differenzen zwischen dem Ehepaar. Werner Gustedt

rechnete sich zwar zu keiner bestimmten Partei; er war seiner Gesinnung

und seinen Bestrebungen nach eher liberal als konservativ, aber er war

ein Gegner jeden Philosophierens und Spintisierens über

Zukunftsprobleme, war ein Mann praktisch-nüchterner Gegenwartsarbeit.

Den Phantasien seiner Frau war er niemals gefolgt, ihre Vorliebe,

umfassende Pläne zu schmieden, hatte ihn stets geärgert, und er war

immer nur froh gewesen, wenn sie sich bei der Ausführung einer

praktischen Aufgabe eine Zeitlang beruhigte. Vielleicht hätten ihn ihre

radikalen politischen Gesinnungen auch nur verstimmt oder ihm ein

Lächeln abgelockt, wenn sie nicht den Versuch gemacht hätte, in weiteren

Kreisen für sie Propaganda zu machen. Das wünschte er nicht, und diesem

Wunsch gab er deutlichen Ausdruck. Für Jenny war es, wenn nicht eine

Folge verstandesmäßiger Erwägungen, so doch eine Folge instinktiven

Gefühls, daß die geistige Selbständigkeit der Frau ein die Ehe

auflösendes Moment in sich trägt, und zwar um so mehr, je mehr sie

öffentlich zum Ausdruck kommt; daß sie sich in ihrem Tun und Lassen

ihrem Gatten unterzuordnen hatte, war für sie selbstverständlich. Aber

das Recht auf ihre persönliche Überzeugung wollte und konnte sie darum

nicht preisgeben. Weder der Wunsch ihres Mannes, noch seine abweichenden

Meinungen konnten ihr daher so wehe tun, wie die geringschätzige Art,

mit der er ihren eigenen Ansichten begegnete -- eine Art, die ihr

deutlich genug zeigte, daß er ihnen die Existenzberechtigung absprach.

Das war für sie das schmerzlichste, weil es ihr Rechtlichkeitsgefühl

verletzte, und um des häuslichen Friedens willen lernte sie, was so

viele Frauen glauben lernen zu müssen: Schweigen -- jenes Schweigen, das

den Frieden nur vortäuscht, in der Tat aber zwischen den Menschen eine

höhere Scheidewand aufrichtet, als der bitterste Streit es vermag. Denn

dem Streit kann Einigung oder Versöhnung folgen, das Schweigen ist der

Anfang eines leisen, langsamen Voneinandergehens.

Jenny beschränkte sich von nun an wieder auf den Austausch ihrer Ideen

im Briefwechsel mit ihren Freunden. Zu ihren alten Korrespondenten:

ihrem Stiefvater Gersdorff, Prof. Scheidler und einem alten englischen

Freund, Mr. Hamilton, der sie über die innere und äußere Politik

Englands auf dem laufenden erhielt, sollten bald neue hinzutreten, und

auch an neuen, großen Anregungen sollte es nicht fehlen.

Im Jahre 1849, als die politische Situation es gestattete, folgte Jenny

der Einladung Jeromes nach Paris. Mit welchen Empfindungen mögen Vater

und Tochter sich zum erstenmal umarmt haben, und wie merkwürdig muß das

erste Begegnen zwischen den beiden Schwestern gewesen sein: der

preußischen Protestantin und der französischen Nonne! -- Eine neue,

reiche, wunderbare Welt tat sich auf vor ihren Augen: die Welt bewegten

politischen Lebens, in deren Mittelpunkt die Familie Bonaparte stand;

die glanzdurchglühte, schönheiterfüllte Welt der katholischen Kirche und

der unvergleichliche Reichtum alter, künstlerischer Kultur. Welcher

Mensch, der von den Wäldern und Seen, der halbbarbarischen Bevölkerung

Westpreußens und dem engen Interessenkreis seines Junkertums an die

Gestade der Seine versetzt wird, könnte sich des gewaltigen Eindrucks

entschlagen? Um wie viel mehr mußte eine Frau, wie Jenny, von ihr

überwältigt werden, in deren Innern, ihr selbst fast unbewußt, die

Sehnsucht nach geistigem Leben, nach reifer Kultur gebrannt hatte. Paris

wird immer, trotz Revolution und Republik, die aristokratischste Stadt

der Welt bleiben -- wie Berlin ihren bourgeoisen Charakter nie zu

verleugnen vermag. Jenny, eine Aristokratin im besten Sinne, mußte sich

dort wie zu Hause fühlen. "Es giebt Augenblicke im Leben," schrieb sie

in Erinnerung an ihren ersten Pariser Aufenthalt, "die uns, wenn sie

eintreten, ganz vertraut erscheinen, weil eine dunkle Erinnerung uns

sagt, daß wir sie irgendwann und wo schon im Traume erlebten; in Paris

konnte ich mich tagelang auf Schritt und Tritt des gleichen Eindrucks

nicht erwehren; ich fühlte mich ebenso sehr hingehörig, wie ich mich in

Berlin immer fremd gefühlt habe." Warme Sympathie verband sie sehr rasch

mit Jerome und Pauline, ebenso mit ihrem Stiefbruder Napoleon, dessen

politisch-radikale Gesinnung sie auch in Zukunft mit ihm

freundschaftlich vereint bleiben ließ. Im Kreise der Ihren lernte sie

eine Reihe der führenden Geister der Zeit kennen, die der wieder

aufgehende Stern der Bonapartes an sich zog, und knüpfte die fast

zerrissenen Familienbeziehungen mit den Verwandten ihrer Mutter wieder

an. Nach ihrer Heimkehr entwickelte sich eine vielseitige, rege

Korrespondenz daraus, von der mir leider nur kärgliche Bruchstücke

zugänglich geworden sind.

Einer derjenigen, von dem sie, wie sie sagte, außerordentlich gefördert

wurde, war der bekannte Nationalökonom J. A. Blanqui, der sich durch

seine Geschichte der politischen Ökonomie in Europa, der ersten ihrer

Art, weit über die Grenzen seines Vaterlandes einen Namen gemacht hatte.

Als Jenny nach Paris kam, war sein infolge eines Auftrags der Pariser

Akademie der Wissenschaften entstandenes Werk über die Lage der

arbeitenden Klassen in Frankreich gerade erschienen und hatte durch die

rücksichtslose Enthüllung grenzenlosen Elends berechtigtes Aufsehen

gemacht. Seine Vorschläge zur Abhilfe der Not, die er auf Grund der

sieben Fragen der Akademie zum Schluß zusammenstellte, gipfelten in der

Forderung der Beseitigung aller Zollschranken und Monopole. In

Wirklichkeit aber ging er viel weiter, als er es hier im Rahmen eines

offiziellen Auftrags aussprechen konnte. Wenn er auch nicht, wie sein

Bruder, der Kommunist L. A. Blanqui, zum äußersten linken Flügel der

damaligen Sozialisten gehörte, so war er doch als alter Saint-Simonist

ein überzeugter Gegner der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung -- der

erste der Art, der Jenny Gustedt begegnete und bei ihr von vornherein,

ihrer ganzen eigenen Entwicklung nach, ein geneigtes Ohr finden mußte.

Den Briefwechsel mit ihm leitete sie durch eine Neujahrsgratulation ein,

auf die er folgendes zur Antwort gab:

Paris, 18. Januar 1850.

"Gnädigste Frau!

"Im Augenblick, wo ich mir gestatten wollte, meinen Dank für Ihr

freundliches Gedenken, das Prinz Jerome die Freundlichkeit hatte, mir

mitzuteilen, persönlich auszusprechen, erhalte ich Ihren überaus

liebenswürdigen Brief. Keine Unterstützung könnte mich mehr beglücken,

als die Ihre, und ich werde sie als die wertvollste Ermutigung treu im

Gedächtniß bewahren. Gewiß, gnädige Frau: es ist das parlamentarische

und politische Geschwätz, das uns heute tötet und ganz Europa gefährdet.

Alle unsere Revolutionen haben Millionen sogenannter Staatsmänner

hervorgerufen, die sich schmeicheln, Alles zu wissen, ohne jemals etwas

gelernt zu haben. In der Unkenntniß der elementaren Dinge besteht eine

große Gefahr. Unsere griechischen und lateinischen Studien -- und noch

dazu welches Griechisch und Lateinisch! -- haben aus uns kein

gebildetes, sondern ein halbbarbarisches Volk gemacht, ähnlich den

Griechen, die zur Beute der Türken wurden. Die Türken, die uns bedrohen,

sind aber gefährlicher als die Mahomets _II._ Denn die Barbaren, in

deren Mitte wir leben, haben es vor allen Dingen auf das Wohl des

Nächsten abgesehen. In dieser groben und vulgären Form taucht die

gleiche Frage überall auf: in Frankreich, in Preußen, in Deutschland.

Gegenüber den wenigen gewissenhaften Männern, die aus Überzeugung für

die Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen eintreten, giebt es so

und so viele, die diese Frage nur im Interesse ihrer egoistischen

politischen Passionen auszubeuten suchen. Wer aber heute den ersten

Schritt auf dem Wege zum wahren Volksglück tun will, der muß jede

persönliche Eitelkeit abstreifen, und zwar um so mehr, je mehr er von

Geburt der Bourgeoisie angehört, sich also eigentlich zum Besten der

Notleidenden in das eigene Fleisch schneiden muß. Sie werden jetzt

begreifen, warum gerade Ihre Sympathie mir doppelt rührend und wertvoll

ist. Sie haben mir die Ehre erwiesen, diese Korrespondenz durch Ihren

liebenswürdigen Neujahrsgruß zu eröffnen, gestatten Sie mir, gnädigste

Frau, das vergangene Jahr als das für mich glücklichste zu bezeichnen,

weil ich in seinem Verlauf das Glück gehabt habe, Sie kennen zu lernen.

Ich habe mich heute kurz gefaßt, um Sie nicht zu entmutigen, und auch

infolge einer respektvollen Zurückhaltung, die mehr als Sie glauben,

meine tiefe Sympathie zum Ausdruck bringt, die Ihr vornehmer Charakter

mir von Anfang an einflößte. Was Sie sonst sind, konnte ich erraten,

indem ich Sie sah, und ich bin stolz darauf. Es bedurfte auch nur kurzer

Zeit, um in der verschleierten Tiefe Ihres Frauenherzens das zu

entdecken, was Sie bescheiden vergebens zu verstecken suchen: einen

gereiften Geist, stolze und großmütige Empfindungen.

"Es würde mir zu höchstem Glück gereichen, Ihnen dienen zu können und

dafür das zu empfangen, was in allen Lebenskämpfen so unschätzbar ist:

das Verständniß der Freundschaft, die Ermuthigung durch Sie

"In größter Verehrung bleibe ich, gnädigste Frau, Ihr ergebener

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 53 / 80 题