Deine Helene."

Eine Bleistiftzeichnung Friedrich Prellers, des Meisters der Odyssee,

der ein häufiger Gast im Gersdorffschen Hause war und manch reizende

Skizze in Jennys Album zeichnete, hat das Bild der Braut festgehalten:

das kindliche Wangenrund hat dem feinen Oval des Antlitzes Platz

gemacht, um den Mund ruht ein Zug tiefen Ernstes, die Augen erscheinen

größer und tiefer als früher, die Locken an den Schläfen sind dem

glatten Scheitel gewichen, der sich um die hohe Stirn legt, von einem

Schmuckstück umschlossen wie von einem Königsreif. Den Bräutigam

schildert Jenny selbst: "seine dunkelblauen, glänzenden Augen, sein

etwas wolliges, dunkelblondes Haar über der schönen weißen Stirn, das

lebhafte Colorit, der scharf und fein geschnittene Mund, die fest und

edel geformte Nase, der männliche Schritt -- das alles vereinte sich zu

einem Bilde selbstbewußter, deutscher Vornehmheit."

Ehe sie sich ihm auf immer verband, nahm sie in aller Stille Abschied

von der Vergangenheit: im Kaminfeuer ihres Mädchenstübchens schichtete

sie aus ihren Tagebüchern den Scheiterhaufen, legte die Briefe dessen

darauf, den sie geliebt hatte, und weihte alles dem Feuertod. Zur

Dämmerstunde ging sie dann in jenes stille Goethe-Haus mit den

geschlossenen Fensterläden, das ihrer Jugend Glück und Weihe verliehen

hatte; die breite Treppe schritt sie hinauf und wieder hinab -- es war

vorüber!

Im Mai 1838 fand die Trauung statt. Noch einmal versammelte sich Weimars

glänzende Gesellschaft um das gefeierte Hoffräulein Maria Paulownas --,

weinend, glückwünschend, segnend umgaben sie die Gefährten und die

Beschützer ihrer Jugend, noch einmal zog vom offenen Hochzeitswagen aus,

der sie entführte, das Bild ihrer Heimat an ihren Augen vorüber: die

engen, holprigen Straßen, das Schloß mit seinen sonnenglitzernden

Fenstern, das Vaterhaus an der Ackerwand mit dem murmelnden Brunnen

davor, die hohen Bäume im Park und die rauschende Ilm, und zuletzt: das

stille Goethe-Haus mit den geschlossenen Fensterläden -- schluchzte

nicht doch in der jungen Frau das alte Leid noch einmal auf --? Oder

grüßte sie nur ernsten Blicks den Geist ihrer Jugend, ihm Treue

schwörend fürs Leben, wie sie sich dem Manne neben ihr zugeschworen

hatte?

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 47 / 80 题