"Wir schrieben noch einmal an Charlotte und bekamen im Dezember 1833
ihre merkwürdige Antwort:
"'Ich flatterte ängstlich am Lebensbaum umher, von Zweig zu Zweig; ich
brachte ihm Frucht um Frucht hinab, und er erstarkte nicht; ich sang,
und er erstarkte nicht; ich hob ihn liebend empor auf meinen Flügeln,
und er erstarkte nicht; und da ich alle Mittel meines durch Liebe und
Pflicht geschärften Denkens umsonst versucht hatte, da dachte ich des
erziehenden Unglücks.'
"Wenige Monate später ward sie Schicksal und Opfer durch eigenen Willen
und durch eigene Kraft! Irrte auch der Gedanke in dieser treuen Frau,
war auch ihre That ein grauenvoller Wahn -- die Absicht trägt das
edelste Gepräge, und im Gefühl offenbart sich in reiner Glorie das 'ewig
Weibliche'! --
"Triumphiret nicht, ihr Alltagsfrauen; rufet ihr nicht über dem
Strickstrumpf und der Kartoffelsuppe ein 'überspannte Närrin' nach;
denkt sinnend ihres keuschen, muthigen Todes. Sie starb für einen
Irrthum, doch sie starb groß, wie jede Heilige für ihren Glauben. Ihr
nennt, die Brust bekreuzend, die Namen der Märtyrerinnen, keine ging
muthiger in den Tod; ihr beugt das Knie vor Müttern, Gattinnen,
Geliebten, die freudig für die Lieben starben; ihr singet ewige Lieder
den Helden, die für das Vaterland die blutige Weihe suchten, -- aus
Herzen wie Charlottens gingen diese Thaten!
"Der Irrthum, unser ewiger Erbfeind, hat dies schöne Opfer zu sich
hingelockt.
"Laßt dies stille Grab unentweiht, lernet daran Selbstverleugnung,
Opfermuth, Liebe!"
* * * * *
Jennys Jugendbild würde ein unvollkommenes bleiben, und vieles in ihrer
späteren Entwicklung bliebe unverständlich, wenn des Mannes vergessen
würde, der ihr unter ihren männlichen Freunden nicht nur am nächsten
stand, sondern auch den nachhaltigsten Einfluß auf sie ausübte: der
Jenaer Professor der Philosophie K. H. Scheidler. Dieser tapfere
Menschenfreund, der trotz seiner Taubheit sein Leben lang ein Optimist
geblieben ist, brachte dem schönen, klugen Mädchen freilich mehr als
Freundschaft entgegen, aber erst sehr viel später, als sie längst Frau
und Mutter war, erfuhr sie von seiner tiefen, stummen Liebe. Er blieb
auch dann, und mit noch größerem Recht als zuvor, ihr Hausphilosoph, und
als er sich nach Jahren doch noch zur Ehe entschloß, wurde seine Tochter
ihr Patenkind. Ihre philosophischen Studien betrieb sie unter seiner
Leitung und pflegte in Erinnerung daran zu sagen: "Er führte mich vom
Kinderparadies durch das Dunkel irdischer Hölle zum Himmel reiner
Menschlichkeit," und ihre in ihren Kreisen so seltene Fähigkeit, auch
den politischen Idealen der äußersten Linken ein weitgehendes
Verständnis entgegenzubringen, hatte sie ihm, dem ehemaligen
Fahnenträger der Wartburgfeier, zu verdanken. Das Bild, das sie von ihm
zeichnete, ist der beiden Menschen und ihrer Freundschaft würdig:
"Ich war einsam und betrübt. Ich hatte gebetet ohne Trost. Ich hatte ein
geschichtliches Buch zu lesen versucht, es war mir in den Schoß
gesunken. Der graue Himmel hatte einen Sonnenstrahl für meine Blumen und
keinen Strahl der Freude für mein Herz. Vergebens hatte ich zu den
Schriften gegriffen, in denen ich in Weihestunden des lebendigen
Auffassens edler Weisheitslehren angestrichen hatte, was mir als
zuverlässiger Leitstern, als Pilgerstab auf meinem Lebenswege erschienen
war. Nichts war mir übrig als die Geduld; sie flüsterte mir jenes Wort
immer wieder zu, das zugleich landläufige Redensart und tiefes Geheimnis
Gottes als ein Lebensräthsel für Jung und Alt in Jedermanns Munde ist:
Alles geht vorüber. Ich schlug die Arme ineinander, senkte das Haupt und
sagte mir leise: es geht vorüber. Ich wollte das abwarten. -- Da tönt
auf dem Corridor ein fester sporenklingender Schritt, man meldet den
Professor Scheidler. Ich stehe auf, reiche ihm die Hand und heiße ihn
durch Zeichen willkommen, denn das traute Wort hätte er nicht gehört;
seit mehr als zehn Jahren unheilbar taub, lebt er von Todesstille
umgeben. Dieser Mann der Tapferkeit, der Reinheit, des tiefen Denkens
und edlen Thuns, der Mann, welcher höher steht als das Unglück, der Mann
ursprünglicher Natur, er ist mein Freund.
"Niemals hat der Schmerz weniger Gewalt über einen Sterblichen gewonnen,
obwohl er vielleicht keinen mit grausamerer Hartnäckigkeit angefallen
hat. Denn dieser Mann mit der heiteren Stirn und dem Blick eines Kindes,
mit seinem sicheren Auftreten, seinem Ausdruck von Zufriedenheit, dieser
Mann, der nie klagt, nie müde wird, nie murrt, ist inmitten alles
menschlichen Treibens allein, allein mit seinem Herzen voll Teilnahme
und Liebe. Keine Familie, kein Herd, an dem er einem Blick begegnete,
der ihm sagte: ich gehöre dir an. Kein Haus, wo er Karl genannt wird, er
ist für jeden nur der Professor Scheidler. Keine Frau, die 'wir' sagte,
kein Wesen auf Erden, dessen erste und oberste Neigung ihm gehörte.
Dieser thatkräftige Mann, der alle Mißbräuche, alle Irrthümer bekämpfen
möchte, der seine hochgegriffenen Überzeugungen auszubreiten sich
berufen fühlt, der den Drang empfindet, seine Lehren der
Uneigennützigkeit und des Fortschritts in die Seele jedes Jünglings
hineinzudonnern, als Apostel der Sittlichkeit das Böse zu zerschmettern,
das Gute bis in sein kleinstes Fünkchen hinein zu schützen, dieser Mann
ist ausgeschlossen vom vertrauten und lebendigen Verkehr mit
Seinesgleichen, oft verliert seine Stimme sich ins Leere, bei jedem
Schritt ist er gefesselt und aufgehalten, eine eherne Wand ist zwischen
ihm und der Welt, und der Gedanke der Vervollkommnung, für den er lebt,
kann sich bloß für ihn selbst und einen engen Kreis von Freunden geltend
machen. Nicht einmal von Sorgen um das tägliche Brot ist dieser Mann der
Hilfe und des Rathes für die Leidenden frei, bei aller Einfachheit und
Einsamkeit; er, der niemals an sich denkt, wenn es gilt, Einem, der
weniger hat als er, zu geben. Er hat keine Vorkehr getroffen gegen das
Kommen der Armuth im Krankheitsfalle oder in dem des frühen Alters: sein
Vermögen sind einzig sein Arbeiten und seine Bedürfnißlosigkeit. Er hat
aber Zeiten erlebt, wo die schwere Last des Leides, das er dauernd zu
tragen hat, durch äußere Entbehrungen noch schwerer wurde. Auch da hat
er sich nicht beklagt, niemals dem Schmerz gegenüber die Waffen
gestreckt; nein, diese Stirn hat sich nicht gebeugt, auch wenn ihre
Heiterkeit von dunklen Prüfungswolken überschattet wurde. Der Kampf hat
ihn niemals erschöpft, stets behielt er, um dem Nächsten zu helfen, die
Hand frei. Einst legte er mir Rechnung über das, was ich mit ihm
zusammen für einen in Not befindlichen jungen Gelehrten an Hilfe zu
schaffen gesucht hatte, und da ich mich wunderte, wie viel er
zusammengebracht hatte, obwohl, wie ich wußte, er selbst nicht bei Casse
war, fragte ich nach dem Woher. 'Das ist nicht schwer,' antwortete er in
aller Schlichtheit: 'ich habe täglich zwei Stunden mehr gearbeitet.'
"Er führt ein durchaus geistiges Leben; seine Bücher trösten, beleben,
erquicken ihn; sie sind sein Genuß und gegen das Andringen innerer
Feinde seine Waffe. Auch war kein Arsenal jemals so wohlversorgt, kein
Vorrath von Verteidigungs- und Angriffswaffen, um allezeit bereit zu
sein, so wohlgeordnet. Scheidler ist ein Mann der strengen Wissenschaft,
ohne daß er darum aufhörte, ein Freund der schönen Literatur zu sein;
ein zierliches Gedicht, ein guter Roman findet bei ihm offenen Eingang
neben den tiefsten Gedanken über Philosophie und Geschichte. Und wie die
es tun, die Freunde und Familie haben, teilt er zwischen seinen stillen
Gefährten seine Zeit ein; er hat regelmäßige Stunden für das Studium,
für den Broterwerb, für die Erholung. Er redet mit den großen Geistern
der Vergangenheit, die in ihren Werken fortleben. Ist dann der lange
Morgen würdig verwendet, so fordert der Körper eine Rücksicht: nach dem
einfachen Mittagsmahl ein Spazierritt, hierauf eine Fechtübung, abends
zuweilen Schach oder Whist, häufiger einsames Denken. Menschenfurcht,
Eigennutz, Neid, Unwahrhaftigkeit kennt Scheidler nur, soweit er sie in
Anderen zu bekämpfen hat, seinem eigenen Herzen sind sie fremd; er hat
jene Unschuld der Seele, die das Böse kennt, wie man Geschichte weiß,
niemals aber damit durch eigene Erfahrung befleckt ist; die mit der
Sünde zu schaffen gehabt, nie aber sie in sich aufgenommen hat; eine
Unschuld, die nicht, wie bei einem Kinde, Unwissenheit ist, vielmehr
angeborene Reinheit, Unnahbarkeit, ein Tugendgranit, dem Sturm und
Tropfenfall nichts anhaben, über den die Zeit keine Macht besitzt. --
Von Luxus wird Scheidler in keinerlei Form berührt. Auf Gold und Purpur
der Kaiser würde er blicken, ohne daß seine schwarze Tuchweste mit der
einfachen Stahlkette darüber, sein noch nicht zur Cravatte gewordenes
schwarzes Halstuch, sein blauer, je nach den Umständen neuerer oder
älterer Überrock und seine derben Sporenstiefel ihm auch nur in den Sinn
kämen. Ob ein Zimmer elegant ist, sieht er nicht, und wenn man ihm das
Auge auf ein komfortables Möbel oder eine hübsche Zierlichkeit lenkt, so
lacht er, wie wir über eine ingeniöse Spielküche für Kinder lachen; er
findet sie allerliebst, aber in seiner Miene erscheint kein Gedanke, daß
er sie besitzen möchte.
"So war der Mann, der in mein Zimmer trat. Und ich, ich wagte ihm
gegenüber traurig zu sein, zu klagen, den Schmerz zu fliehen.
"'Ihr letzter Brief war betrübt; ich bin herübergekommen, um Ihnen zu
sagen: seien Sie tapfer. Machen Sie es wie ich. Kommt mir ein Leiden, so
sehe ich ihm ins Gesicht, und dann sage ich: Bagatelle! -- und nehme es
auf mich. Dergleichen Gäste sind der Seele heilsam; ich weise sie nicht
ab, ich nehme sie auf in mein Herz und lasse sie da arbeiten. Sie
bringen die Seele in Bewegung, sie sind für unsere Entwicklung, was der
Sauerteig für das Brot, sie machen, daß sie sich hebt. Und greift der
Schmerz tief, so sieht man ihm noch tiefer ins Antlitz und ermißt daran
seine eigene Kraft, die, um ihn eine Minute auszuhalten, allemal reicht.
Halten Sie ihn so eine Minute nach der anderen aus, und wenn Sie nachher
in der Erinnerung die Minuten zusammenrechnen, so werden Sie froh sein
über den guten Kampf und den guten Sieg. Daß wir im Kampfe mit dem
Schicksal unsere Kraft zu entwickeln streben, ist einmal unser
Lebenszweck. Frisch sein! Das Göttliche in uns zur Erscheinung bringen!
Für einen edlen Gedanken leben und gegen Alles furchtlos kämpfen, was
sich ihm entgegenstellt! Keine Schwachheiten. Einem vernünftigen Wesen
gestattet ist sie höchstens im Falle der Krankheit, das aber ist die
einzige Ausnahme. Niedergeschlagenheit ist Zeitverschwendung. Immer
arbeiten! Immer seine Ideen klären! Die Philosophie in die That
umsetzen! Sie darf nicht verwahrt werden, wie der Schatz eines Geizigen,
vielmehr sie muß Zinsen tragen. An andere denken lernen -- voran an die
Armen! Alles, Alles, Alles, was uns auf diesem Wege begegnet, aufnehmen!
Immer inwendig tätig, immer gegen den Irrthum bewaffnet sein! Dann hat
man so viel zu tun, daß man gar nicht einmal Zeit hat, seine Thür dem
Schmerze aufzuschließen.'
"Ich begann freier zu atmen. Ich horchte auf jedes Wort und blickte in
das Angesicht, das für so tapfere Worte den Stempel der Wahrhaftigkeit
trug. Ich schämte mich meiner Schwäche; das ist der erste Schritt,
wieder Kraft zu gewinnen. Ich mit meinen gesunden fünf Sinnen, meiner
Jugend, meinen Zukunftsaussichten, mit der gesicherten und bequemen
Fülle meiner Lebenslage, mit meiner Familie und meinen Freunden ließ
mich niederschlagen durch ein Leid, und Er, der Arme, Einsame, dem die
Welt keinerlei Aussicht bot, redete mir zu. Dafür hatte ihn der Himmel
mit seinem heiligen Geiste erfüllt und mit seinem göttlichen Feuer
entzündet. -- Dennoch wagte ich noch, das Wort 'Glück' aufzuschreiben.
Er schüttelte den Kopf, und indem er mit gütigem Lächeln meine Hand
ergriff: 'Auch da soll man sagen: Bagatelle. Glück ist ein ganz
gleichgültiges Ding. Man muß nicht daran denken, dazu ist die Welt nicht
da. Hätten Sie, was Sie Glück nennen, Ihr ganzes Leben lang, was wollten
Sie damit im Grabe? Glauben Sie, Sie würden Ihre Anlagen dann entwickelt
haben? Glauben Sie, daß in der lauen Luft eines beständigen Wohlseins
Sie das Bild des Menschen, wie Gott ihn gewollt hat, würden dargestellt
haben? Nein, dazu ist Sturm und Wirbelwind nöthig. Sie müssen dahin
kommen, den Schmerz zu segnen. -- Das Leid, das mich selbst betroffen
hat, ermißt Niemand: es kann sich Keiner vorstellen, was es heißt, dies
niemals eine Menschenstimme vernehmen, dies Gestorbensein für die Musik,
die ich leidenschaftlich liebte, die ich so gut kannte, daß ich noch
heute neue Compositionen lese wie ein Buch. Sie wissen, wie ich bei
jedem Schritt im Verfolgen meiner Lebensziele gehindert bin, und andere
Genüsse haben keinen Werth für mich. Dennoch, wenn Gott mir zur Wahl
stellte, das Gehör niemals wiederzuerhalten oder niemals verloren zu
haben, ich würde das Nichtwiedererhalten wählen, denn der Verlust hat
mich umgewandelt, mich durchgearbeitet, mich zum Philosophen gemacht,
mich mehr gelehrt als ein Leben voll Glück. Ja, wenn ich jetzt wieder
hören könnte. Aber das wäre zu glücklich, ich könnte es vielleicht nicht
ertragen. Jedenfalls,' setzte er mit Nachdruck hinzu, 'soll es nicht
sein, denn es ist nicht.' Es war das erste und einzige Mal, daß er mir
von seinem Unglück gesprochen hat. Ich blickte zu ihm auf mit der tiefen
Verehrung, die ein Mann, der sein Leben mit dem Heiligenschein eines
einzigen göttlichen Gedankens umgeben hat, einflößt. Ich allerdings war
nicht imstande, sein Leid zu ermessen; ich stand davor wie vor einem
jener großen grauen Gefangenhäuser, die man anschaut, ohne alle die
Seufzer und Thränen zu kennen, die sie umschließen. 'Ja,' schrieb ich
ihm auf, 'daß Glück nicht die Hauptsache ist, weiß ich und fühle ich,
und verspreche, mein erster und oberster Leitstern soll allezeit das
Gutsein bleiben. Aber nach dem Gutsein kommt mir das Glücklichsein.
Bietet es sich mir dar ohne Sünde, so will ich, indem ich es ergreife,
Gott auf meinen Knien danken, daß Er es mir geschenkt hat. Es
gleichgültig zu finden, werde ich niemals stark genug sein.' Er
schüttelte sein Haupt. Seine Philosophie erschien mir riesengroß; aber
er redete von außerhalb der Welt her und ich war inmitten der Welt; er
stand zu fern und zu hoch, um zu verstehen, was ich zu erwidern hatte.
Niemals war ihm der Kreis nahe getreten, in den ich vom Schicksal
gestellt war, mit seinen Irrthümern und Fesseln, seinen Kleinlichkeiten
und seiner Eleganz, seinem Glanze und seinen Pflichten, seinen Masken,
seinen Regeln, seinem Katechismus des Scheins. Seine Versuchungen waren
ihm fremd, seine lästigen Anforderungen thöricht; er nannte Schwachheit,
was ich als ein pflichtgemäßes Opfer empfand. Dennoch, vor dem Gerichte
der unbeirrten und gesunden Vernunft war alles richtig, was er sagte,
alles gut, was er rieth. Die Welt hatte allemal Unrecht, wo er und sie
Entgegengesetztes verlangten. Allein sie ist die mächtigere: Scheidler
rieth, die Welt befahl.
"Ich hatte mein Gleichgewicht wieder. Ich fühlte, dieser Mann war mein
Freund, er hatte Recht, ich mußte ihn hören und seinen edlen Grundsätzen
gehorsam sein. Als er mich neu belebt sah, gewann sein Gesicht den
Ausdruck reinster Befriedigung. 'Nicht wahr?' sagte er, 'wir sind von
einer Partei. Es gibt bloß zwei in der Welt, die eine für das Gute,
die andere für das Schlechte, für eine muß man, wie Solon von den
Athenern es verlangte, sich entscheiden. Wir beide kämpfen für das Gute,
wir sind Krieger desselben Heeres, und auf unserer Seite kämpfen alle
Menschen, die das Gute wollen. Keine Schwachheit! Man muß sie
wegweisen. Kein Schmerz um ein Ding der Welt! Man muß ihn bekämpfen und
zu ihm sagen, wie ich: Bagatelle. Sie wissen, meine Philosophie ist die
der Tapferkeit. Keine Feigheit! Keine Klage! Man soll die Erde nicht zum
moralischen Krankenhause machen, sondern zu einer lebenskräftigen Schule
und zu einem Schlachtfelde, auf welchem man Siege erficht.' -- Er stand
auf, drückte mir die Hand mehr wie es seiner männlichen Stärke, als wie
es meinen schwachgebauten Mädchenfingern entsprach, seine Sporen
verhallten auf dem Korridor und er kehrte zurück zu seiner einsamen
Arbeit.
"Scheidler ist recht eigentlich ein Kind deutscher Erde. Er ist der
echte deutsche Mann. Vor allem, er ist der Mann von deutschem Gemüt,
dessen angeborene Redlichkeit und festgewurzelte Gerechtigkeit ein so
freies und offenes, allem Menschlichen mit brüderlichem Vertrauen
entgegenkommendes Herz gibt. Er ist der Mann der Güte, der zwar durch
Erfahrung vorsichtig wird, aber ohne einen Tropfen von Galle; der Mann
der Uneigennützigkeit, der niemals sich als souveränes Ich fühlt, dem
andere nachstehen müßten. Zum Nächsten sagte er nicht: trage die Last,
denn ich habe Macht, sie dir aufzulegen, er nimmt sie auf die eigenen
Schultern und sagt: ich bin der Stärkere, ich will sie tragen. Niemals
hat die Frivolität mit ihren graziösen Oberflächlichkeiten diesen Mann
zum Diener gehabt. Seine Manieren sind brüsk, und auch das kommt vor,
daß von dem gewaltigen Schwunge des Gedankenrades, das die härtesten
Gegenstände, die inhaltreichsten Körner zermalmend, unablässig in ihm
arbeitet, kleine Blumen der Freundschaft und der Freude ohne Erbarmen
erfaßt und gestaltlos, duftlos, leblos uns vor die Füße geworfen werden.
Einerlei. Gott sei gedankt, daß Er den guten und starken Mann
geschaffen, ihm Seinen Geist der Wahrheit und der Liebe geschenkt, ihm
den Stempel edler Menschlichkeit auf Stirn und Herz gedrückt hat."
Folgende Briefe Jennys an ihn mögen als Ergänzung seiner Charakteristik
dienen und zugleich die Art ihrer Freundschaft beleuchten:
25./7. 32.
"Manche Erfahrung hat mich gelehrt, daß das Beispiel auch bei intimen
Freunden die beste Predigt ist und dieser stille, sich immer
wiederholende Vorwurf viel mehr Eindruck macht als ausgesprochener
Tadel. Strafpredigten lassen fast immer eine kleine Bitterkeit zurück,
das liebe Ich fühlt sich gekränkt, die Eitelkeit, diese mächtige Gewalt
in jedem Menschen, wird beleidigt, und oft entsteht wenig Gutes aus
diesem directen Erziehen.
3./1. 33.
"Ich halte die Freude für ein solches Mittel zur Kraft, zum Leben, zum
Fortschreiten, ich betrachte sie so sehr als den erwärmenden Strahl der
Sonne, ohne welchen nichts zur Reife kommt, bei dessen gänzlicher
Abwesenheit die Seele verkümmert und zusammenschrumpft, daß ich beim
letzten Bettler neben dem Nutzen der Gabe auch die Freude
berücksichtige.
"So kaufe ich dem jungen Mädchen einen warmen Rock im Winter und gebe
einige Groschen mehr aus, um bunte Streifen daran zu sehen, weil dies
das Theilchen Freude ist; so gebe ich zu Weihnachten jedem Kinde neben
dem Nützlichen auch Spielsachen und ein Zuckerbäumchen, und wenn ich der
Mutter Mehl gekauft habe, so bekommt jedes Kind zwei Groschen, um auf
das Schießhaus zu gehen. Dann erst glänzen die Augen, und die Armen
sagen sich: Das Leben ist nicht immer hart! Diese Momente sind etwas
wert, das nenne ich das Freudenalmosen.
17./6. 33.
"Die in unserer Zeit Neugeadelten kommen mir vor wie jene Ruinen, die
nie Schlösser oder Tempel oder Klöster gewesen sind, jene Trümmer ohne
Vergangenheit, die hingebaut werden, um einen Park zu zieren. Man sieht
sie an ohne Ehrfurcht, ohne das philosophische Gefühl der Richtigkeit
auch des Großen und Festen auf Erden, ohne den Forscherblick, der auf
den Steinen die Geschichte der Jahrhunderte lesen möchte; man betrachtet
sie lächelnd und lobt die Nachahmung, wenn sie wirklich gut, bemitleidet
sie, wenn sie geschmacklos ist. Sie gilt nur als Zierde, wie der
Neugeadelte auch nur zum Putz eines Hofes oder Höfchens gestempelt wird.
Die Macht des Adels ist an der Zeit und der Unvernunft ihrer
Geschlechter zersplittert, die geschichtliche Erinnerung ist geblieben
und wird bleiben, solange man lieber einer Reihe von Herren als von
Dienern angehört, -- das aber läßt sich nicht erkaufen.
17./8. 33.
"Der Charakter ist die Composition des Menschen, seine Tugenden sind die
Melodie, seine Fehler das Accompagnement, das Instrument ist das Leben,
wohl dem, der es zu stimmen versteht! Das Schicksal schlägt den Tact
dazu, und nur ein großer, starker Menschengeist wird es selbst thun
können und ihn fest und ohne Schwanken beibehalten.
10./9. 33.
"Es giebt einen anscheinenden Leichtsinn, den die Philosophie gerade den
tiefsten Gemütern lehrt, es ist das oft mühsame Ueberbordwerfen von
Schwerem und Trübem. Wenn die Leiden der Menschheit das innerste Herz
zerreißen und die Trauer darüber fast jede Kraft lähmt, so muß man das
zu lebhaft fühlende Herz zu einem gewissen Leichtsinn erziehen, damit
die Kraft ungebrochen und das Leben erträglich bleibe, damit man Muth
und Stärke habe, wo es Hülfe und Thaten giebt.
"Wenn Sie wüßten, wie schwer und wie nötig gerade mir dieser Leichtsinn
ist, wie sehr ich schon meinen Hang zur Schwermuth bekämpft habe, wie
tödtend die fortwährende Verletzung meines Herzens war! Jetzt habe ich
durch Selbsterziehung Kraft gewonnen zum Unvermeidlichen und Einsicht
zum Wegräumen des Vermeidlichen. Ich empfinde für Thiere ebenso wie für
Menschen, und seit den zweiundzwanzig Jahren, die ich lebe, habe ich
mich noch gar nicht an den Mord der Thiere und das Recht des Menschen
dazu gewöhnen können. Der Gedanke an einen geblendeten Vogel oder selbst
das Prügeln eines Hundes verbittert mir jede Freude.
5./12.33.
"Nur kranke Herzen mißtrauen und mißverstehen einen wahren Freund. In
dem ganzen klaren Spiegel steht hell und deutlich das Bild, welches er
reflectirt, in dem zerbrochenen steht es zerstückelt, zerschnitten,
verdoppelt, verdreht, und das Auge, das wir uns anlächeln sahen, wird
zur Carricatur, während es doch eben so heiter vor dem Spiegel steht,
als zur Zeit, da er ganz war.
21./9.34.
"Ich fühle mich oft wie eine Taube mit Adlersgedanken; meine eigentliche
Täubchengesellschaft langweilt mich, fliege ich zu den Adlern, dann
athme und lebe ich erst, aber die Luft drückt meinen Taubenkopf, die
Sonne füllt meine Taubenaugen mit Thränen und ich schaudere vor den
zermalmten Gliedern der Adlernahrung, so daß ich zu meinen Körnern
zurückfliege und Tauben wie Adlern fern bleiben möchte. Soll ich mir nun
die Flügel beschneiden, um gewiß bei den Tauben zu bleiben? oder soll
ich mich auf einen befreundeten Adlerssittig stützen und Luft und Sonne
suchen und die Wildheit der Höhe mir zur Heimath gewöhnen?
13./10.35.
"Die Natur hat nicht, wie bei Ihnen, alle Linien meines Charakters
deutlich gezeichnet, sie hat hie und da zu schwach aufgedrückt, da habe
ich nachhelfen müssen und das wird leicht krumm und verkehrt. Ich habe
viel anschaffen müssen, was am Ganzen fehlte, ich habe viel wegschaffen
müssen, was verunstaltete, und noch fühle ich zu deutlich, wie
unvollkommen mein Wesen ist. Doch gerecht und treu für meine Freunde,
das bin ich, und darum werde ich Sie nie durch meine Schuld verlieren
und nie durch irgend eine Schuld verkennen.
2./4. 37.
"Die dogmatisch historischen Fragen über Christus haben mich lange sehr
gequält, dann bin ich zu der Ueberzeugung ihrer Unerweislichkeit gelangt
und bin eigentlich ganz zufrieden mit dem Dahingestelltseinlassen. Ich
verehre Jesum auf dem Throne der Tugend und Wahrheit und dieser ist mir
mit so viel glänzenden Wolken umgeben, daß ich die anderen Throne der
Weisen daneben nicht sehe und auch nicht ausmessen wollte, in welchen
Graden sie von- oder aneinander stehen. Wie oft höre ich, was meiner
Ansicht ganz zuwider ist, daß der Glaube an Christi vollkommene
Persönlichkeit, das Hängen an ihm als Person das Haupterforderniß zum
Christsein sei. Meiner Seele ist hingegen unerschütterlich gewiß, daß
einzig und allein der ein Christ sich nennen darf, der, wie der Heiland
sagt: 'seine Gebote hält', daß Christus uns fremd, sogar unbekannt sein
könnte und daß wir doch echte Christen wären, wenn wir den Geist seiner
Worte kennten, glaubten und übten.
"Darum erscheint mir auch das Beweisen der Sündlosigkeit oder
Göttlichkeit etc. gar nicht so wichtig, und ich kann mir vorstellen, daß
Christus ganz aus den Annalen der Geschichte verschwände und daß es noch
eben so vollkommene Christen geben könnte. Wie Rahel sagt: 'Ein gutes
Buch muß gut sein und wenn es eine Maus geschrieben hätte', so müßte das
Christenthum herrlich sein und wenn es aus der Erde gewachsen wäre."
* * * * *
Inzwischen war Jenny 26 Jahre alt geworden, ein Alter, das das übliche
Heiratsalter der jungen Mädchen ihrer Kreise bei weitem überstieg. Ihre
Stiefschwester war erwachsen, sie, wie ihre lieben Schüler Walter und
Wolf Goethe bedurften ihres Unterrichts nicht mehr, Ottilie, deren
unruhiger Geist nicht mehr durch Goethe gezügelt wurde, und die haltlos
ihren Leidenschaften folgte, rüstete sich, um Weimar zu verlassen, die
Freundinnen hatten sich alle ihren eigenen Herd gegründet, Emma Froriep
zog mit ihrem Vater nach Berlin -- es wurde merkwürdig einsam um sie
her, und jeder Abschied mahnte leise an den Abschied der ersten Jugend.
An ihr Herz klopfte, stärker und stärker Einlaß begehrend, jene
natürliche Weibessehnsucht, die sich, wenn das Herz schon entschied, im
Verlangen nach Mannesliebe äußert, die aber, solange eine leise Stimme
an den auf immer verlorenen Geliebten mahnt, im Verlangen nach dem Kinde
zum Ausdruck kommt. Um so stärker wird die Sehnsucht nach dieser
Richtung alle Empfindungen beherrschen, je reicher die weibliche
Persönlichkeit ist, je mehr sie also, bewußt oder unbewußt, danach
drängt, einen ihr entsprechenden Lebensinhalt zu finden. Auf dieser
Stufe ihrer Entwicklung, die keiner unverdorbenen Frau erspart bleibt,
die nicht sehr jung schon geheiratet hat, war Jenny angelangt. Ein paar
Worte aus dem Briefe einer Freundin an sie, die sie zur Hochzeit
beglückwünscht hatte, zeugen dafür: "Mein Lieblingsgedanke ist, Sie mir
in einem ähnlichen Verhältniß zu denken. Ich wünsche es um Ihret- und um
der Welt willen. O Jenny, wie müssen Sie beglücken können! Mir war es
sehr lieb, Sie der Ehe geneigt sprechen zu hören. Sie haben recht, man
macht Ihnen den Vorwurf, daß Sie mit der Liebe nur tändeln, alle ernsten
Bande verschmähen. Doch ich weiß es besser! ein Blick in dies Auge, in
Ihr Innerstes hat mich belehrt, daß Sie die Liebe kennen, daß Sie ihrer
bedürfen."
Noch mehr aber spricht dafür ein Gedicht von ihr, in dem folgende Verse
sich finden:
"... Mein Auge sucht auf Erden sehnend Liebe,
Im Himmel nur erscheint sie hehr und groß;
Da sie verzehrend mir im Herzen bliebe,
War, Herr, du weißt's, mein jugendtödtend Loos,
Und weil ich Irdisches durch sie verloren,
Hab ich sie mir als Himmelsglück erkoren ...
Doch willst du freundlich mir das Leben schmücken,
So gieb mir, Gott, ein Herz voll Liebe nur,
Ich faß es feurig dann, und mit Entzücken
Leist' ich dem Himmel meinen Liebesschwur.
Gieb, Herr, mir Einsamkeit im Schoß der Liebe,
Daß ich dir treu in meinen Kindern bliebe ...
Um diese Zeit kam Werner von Gustedt als Gast seiner Tante, der
Hofmarschallin von Spiegel, nach Weimar. Er war nicht viel älter als
Jenny, der Typus eines vornehmen jungen Mannes seiner Zeit mit dem
feinen, glattrasierten Gesicht, vom hohen Biedermeierkragen eingefaßt,
den vollen kurzen Locken, der schlanken, hohen, biegsamen Gestalt. Er
gehörte einem braunschweigischen Geschlechte an, das sich rühmen konnte,
älter zu sein als die Hohenzollern, und dessen Güter seit
Menschengedenken keinen anderen Herrn gehabt hatten als einen Gustedt.
Hofdienst war nie dieser echten Freiherren Sache gewesen, von keinem
Fürsten besaßen sie den Adelsbrief; sie saßen stolz und selbstzufrieden
auf ihrem Besitztum und kümmerten sich wenig um die Schicksale der
großen Welt. Wenn Werner eine höhere Bildung genossen hatte, als es
sonst bei diesen Landjunkern für gut befunden wurde, so hatte er es dem
Umstand zu verdanken, daß er als Zweitgeborener keine Anwartschaft auf
das väterliche Gut besaß und sich durch akademisches Studium zu einer
anderen Laufbahn als der des Gutsbesitzers vorbereiten sollte. Wie Jenny
aber später oft selbst erzählte, war es weder die äußere Erscheinung,
noch die Geistesbildung -- die in Weimar als etwas Selbstverständliches
bei jedem vorausgesetzt wurde --, die ihn anziehend machte, sondern
neben der großen Frische und Natürlichkeit die unberührte Reinheit
seines Wesens. Problematische Naturen, sogenannte interessante Männer
mit bewegter Vergangenheit und differenzierten Gefühlen, oder
sentimentale Schwärmer, bei denen die Empfindung Modesache war, hatte
sie bisher kennen zu lernen Gelegenheit genug gehabt. Hier trat ihr die
durchsichtige Natur eines einfach-klaren Mannes entgegen, und jenes
Gefühl, das nächst dem Mitleid bei den Frauen so oft der Übergang zur
Liebe ist -- Vertrauen -- mag wohl das erste gewesen sein, was sie ihm
gegenüber empfand, und blieb das Grundelement ihrer Beziehung zu ihm.
Eine Natur wie die ihre, die in ihren Gefühlen wie in ihren Taten ihr
ganzes ungeteiltes Selbst ausströmte, hatte die volle Glut der
Leidenschaft nur dem einen, dem Toten, geben können; als sie Werner
Gustedt ihr Jawort gab, geschah es in ruhiger, vertrauender Liebe. Daß
sie sich dabei glücklich fühlte, daß sie der Zukunft hoffnungsvoll
entgegensah, geht aus einem Glückwunschbrief der Herzogin von Orleans
hervor, der also lautet:
Petit Trianon, d. 8. Oktober 1837.
"Wie sehr hat mich die Kunde Deines Glückes erfreut, meine liebe teuere
Jenny -- wie innig teilt mein Herz die Gefühle, welche das Deinige
erfüllen und ihm in der Zukunft so schöne gesegnete Tage verheißen. Laß
mich es Dir aus voller Seele aussprechen, wie ich Dir das reiche Glück
wünsche, welches der Himmel mir bescheert hat, wie ich von dem Leiter
unserer Schicksale und unserer Herzen die Erfüllungen Deiner goldenen
Hoffnungen erbitte. Schon einige Tage vor Empfang Deines so lieben
Briefes, für den ich Dir den wärmsten Dank sage, erfuhr ich, daß Dein
Loos bestimmt sei, Du meine liebe Tante verlassen würdest -- was mir
recht leid thut -- und die glückliche Braut eines vortrefflichen jungen
Mannes wärst -- dessen Name Dein guter Onkel wohlweislich vergessen
hatte ... Rechne in allen Verhältnissen des Lebens auf meine Liebe und
auf die warme treue Theilnahme, welche Dir immer widmen wird