Schwätzerin vom Walde."

Der zweite Brief war auch an einen jungen Freund gerichtet:

"Denken -- --. Unter zehn Menschen können nicht zwei denken, und ein

richtiger, wahrer Denker findet sich noch unter tausend nicht -- und

ich sage tausend Deutsche -- die denkendste unter allen Nationen.

Denken -- die meisten Menschen haben noch keinen Begriff, was dieses

Wort in sich faßt -- alle Fähigkeiten des Geistes auf einen Gegenstand

heften, ihn durchdringen, ihn von allen Seiten beleuchten, ihn dem Für

und Wider des Scharfsinns wie einer Wasser- und Feuerprobe unterwerfen

-- ihn durch anderer Menschen Weisheit behutsam durchsichten und dabei

recht Acht haben, daß uns nichts Falsches imponiere, nichts nur

Liebliches irre leite, daß nichts Äußerliches uns unterjoche -- die

Vernunft als Mentor nie aus dem Auge lassen -- dann das Herz reinigen

von Nebenabsichten und in letzter Instanz an das Gefühl als Bestätiger

appellieren -- dies ist, meines Erachtens, der Prozeß des guten und

nützlichen Denkens.

"Zuerst sei unser Denken auf uns selbst gerichtet -- wir sind das

wichtigste Studium für uns selbst. Haben wir schon einen Charakter

oder nur die Fähigkeiten dazu? d. h. ist unser Inneres mit bestimmten

Strichen gezeichnet und hingestellt -- oder ist es noch ein Chaos, in

dem sich die Elemente kreuzen, stoßen, verwirren? Wissen wir schon, was

aus uns werden kann und muß? oder haben wir von der Wiege an Tag für Tag

hingespielt und genießend oder leidend hinweggelebt? Haben wir einen

Lebenszweck? Stehen wir und unsere Bestimmung als Ganzes vor uns?

Sind wir Arbeiter oder Müßiggänger im Weinberge des Herrn? -- Was haben

wir gethan, seitdem wir von der Welt etwas wissen? was haben wir in

unserem Beruf geleistet? was haben wir vor allem an uns selbst

hervorgebracht? welche Fähigkeit entwickelt, welche Fehler

zurückgeworfen, welche Tugend gekräftigt? Haben wir uns ein Bild gemacht

von uns selbst, was wir erreichen können, haben wir danach gestrebt, es

einst in höchster menschlicher Vollkommenheit darzustellen? -- und

dürfen wir ohne zu erröthen uns selbst im Innersten der Seele beschauen?

Und wenn nein auf alle diese Fragen erfolgte, und wenn wir noch nichts

gedacht, erreicht, begonnen oder erstrebt hätten -- nun denn frisch ans

Werk -- es ist immer Zeit; aber klar und stark und muthig muß man daran.

Wehe dem, der sich nicht herausraffen kann aus der schlaffen

Sinnesexistenz, wehe dem, der seine Kräfte versauern läßt im Kochtiegel

des täglichen Wasser- und Brodlebens, er wird auch an das Lebensziel

angeschlendert kommen, d. h. er wird gegessen, getrunken, geschlafen

haben und dann gestorben sein, aber er weiß nichts von neuen blühenden

Gefilden im innersten Sein, er weiß nichts von den reichen Fruchtgärten

der Wissenschaft, er weiß nichts von dem edeln Selbstgefühl, das zu Gott

aufsieht und sagt: Herr, ich war ein Kind, und vor dir und durch dich

bin ich zum Manne geworden; Herr, ich war arm, und vor dir und durch

dich bin ich reich geworden; Herr, ich klebte an der Erde und war

erdrückt von ihren Sorgen und ihrem kleinen Treiben und ihren elenden

Interessen, und vor dir und durch dich habe ich mich emporgeschwungen

und kenne eine höhere Heimath und ein höheres Ziel! Wie ruhig schaut der

irdisch vollendete Mensch auf die Ewigkeit; und wäre sie nicht, und

täuschte uns die eigene Seele über eine Zukunft ihres Lebens, doch

hätten wir auch hier schon schöneren Gewinn, denn so eng ist die Tugend

und das Recht in der Sphäre unserer irdischen Laufbahn mit der höheren

Tugend, die nur auf die Ewigkeit ihre Kreditbriefe zieht, verschwistert,

daß der Mensch, der in sich hoch steht, schon einen erhöhten Standpunkt

im Kreise der menschlichen Gesellschaft einnimmt, und er wird ihm

instinktmäßig von seinen Mitmenschen ohne Gesetz und ohne Zwang

eingeräumt. Dieselbe Weisheit, die seine eigene Seele erzieht,

dieselbe Vernunft, die seinem Herzen Gesetze giebt, thut sich auch

kund in den Handlungen, die er in die äußere Welt hinausschickt, so wird

ohne sein Zuthun, ohne weltliches Interesse sein Wirkungskreis

erweitert, weil er in stetem Verkehr mit seiner Vernunft ist, werden

auch seine bloß weltlichen Handlungen vernünftig sein. Weil er denken

gelernt hat, wird er auch die täglichen Lebensereignisse besser

durchdenken und leiten können als sein nicht denkender Bruder, und so

dient ihm zum irdischen weltlichen Wirken das erstrebte Große in seiner

Brust. Dem Nebenabsichtslosen vertrauen die Menschen, den eisern

Tugendhaften suchen sie sich zur Stütze, dem Wahren glauben sie, dem

Edlen unterwerfen sie sich; hat also der Mensch sich selbst bemeistert,

erkannt und gebildet, so fällt ihm von selbst die Herrschaft über andere

zu, und nun kann er sein Leben ausfüllen, nun kann er Gutes stiften, nun

kann er jeden Tag einen Kranz des treuen, guten Wirkens auf den Altar

seines Gottes legen -- da ist das Leben nicht mehr leer, öde und wüst

und langweilig, da braucht man des Frivolen nicht mehr, um die schöne

heilige Zeit zu tödten, sie zieht nicht mehr zürnend, rächend, strafend

vorüber, sie schüttet freundlich ihr Füllhorn aus vor unsere Füße, und

jede Stunde winkt gern ihrer Schwerer, daß sie uns neue Gaben spende.

Dann erst sehen wir mit tiefem, wahrem Jammer hin auf die armen

Menschen, die so gar nichts vom eigentlichen Leben wissen, und wir

möchten sie herbeirufen und heranziehen und ihnen die Schätze in ihrer

eigenen Seele zeigen, und ihnen begreiflich machen, daß sie die Tasche

voll Dukaten haben und sich mit Zahlpfennigen herumplagen. Wohl dem, der

dieser Stimme folgt und nicht blind ist seinem eigenen Heile, der nicht,

wie Mummius in Athen und Korinth, sein reichliches Mahl verzehrt und den

Beutel mit schlechten Drachmen füllt, während die schönsten Werke des

Alterthums unbeachtet oder verstümmelt oder mit roher Gleichgültigkeit

auf den Straßen gelassen oder auf die Schiffe als Ballast gepackt

wurden.

"Was oft den ersten Schritt hindert auf dem Wege der Selbsterkenntnis

und der Veredelung, ist ein gewisses Ungeschick im, ich möchte sagen,

Mechanischen des Werkes, man weiß die Art, die Stunde, die Gelegenheit

nicht; aber Gelegenheit ist der erste Gedanke und Entschluß, jede

Stunde ist gut, und die Art verlangt nur Beharrlichkeit, Geduld und

Klarheit. Man setzt sich hin und beschaut seine Seele wie einen fremden

Gegenstand, man macht sich eine Liste der Fehler, der guten

Eigenschaften, der Schwächen, der Fähigkeiten, die man hat. Ist man

heftig und aufbrausend, so muß dieser Fehler ganz gemildert werden --

das thut die Vernunft, wenn man ihr ununterbrochene Wache gebietet --,

und ist er gemildert, so muß von seinem Feuer so viel Kraft übrig

bleiben, daß es unsere Thätigkeit aufregt und uns frischen Enthusiasmus

für das Gute giebt; ist man neidisch, so muß dieser Fehler total weg,

davon kann kein gutes Hälmchen kommen, er muß mit der Wurzel heraus --

zu diesem braucht man nicht allein Vernunft, sondern auch Gefühl; da muß

die Nächstenliebe eingreifen und gestärkt werden und mit

ununterbrochener Sorge wachen, daß der häßliche Gast unter keiner Form

und keiner Maske sich einschleiche. Ist man faul, so muß dieser Fehler

total weg, denn nichts Gutes gedeiht dabei; dazu gehört nur

Consequenz und eine unerbittliche Disziplin über den Fehler; man muß

sich vorschreiben wie einem Kinde, was an jedem Tage gethan werden soll,

und dieses muß ohne einen Erlaß Monde und Jahre durchgeführt werden.

Ist man leichtsinnig, so muß der Ernst herausgebildet werden, dazu ist

Denken, fortgesetztes Beschäftigen mit gehaltvollen Büchern und

Männern der Weg; doch kann dieser Fehler bis zur Tugend gemildert

werden, und es darf uns der philosophische leichte Sinn bleiben, der

unnöthige Sorgen über Bord wirft, übertriebenen Schmerz nicht

aufkommen läßt und uns durch Abwenden oder heiteres Aufnehmen der

Schattenseiten des Lebens die innere Kraft zum Wirken erhält.

"Sind wir nun im Reinen mit unseren Fehlern und Mitteln dagegen, so

müssen wir eine ebenso strenge Prüfung unserer Fähigkeiten vornehmen,

damit wir unser Pfund nicht vergraben.

"Haben wir uns so nach jeder Richtung geprüft, so haben wir zunächst

einen Blick auf die uns umgebende Welt zu werfen, um zu sehen, was wir

in Bezug auf sie wirken können, was ihre Hauptmängel sind, wo wir ihnen

abhelfen können; der Frau ist ein enger Kreis gezogen, aber weit genug,

um ihr Leben, ihre Seele, ihre Bestimmung auszufüllen -- so verzweigt

mit seinen Wurzeln in die ganze Welt und die ganze Zukunft, daß ihr

stiller magischer Einfluß unberechenbar in seinen guten und schlimmen

Wirkungen ist. Dem Manne ist die ganze Welt offen, und auf einmal

tritt sie ihm entgegen, da beschaue er sie vom engsten Kreis aus in

immer sich ausdehnendem Bogen, bis daß er an die fernsten Ufer mit

seinen Gedanken reiche; er möge denselben Proceß ausführen wie der

Stein, den man ins Wasser wirft: von seinem Centrum aus bilden sich

Kreise, die vom engsten zum weitesten nach und nach das entgegengesetzte

Ufer berühren. Er betrachte mithin zuerst seine nächste Umgebung, prüfe

ihr Thun und Treiben, den Grund, den Erfolg desselben, den Geist, der

sie beseelt, frage sich, was sie leisten und ausführen, was sie sind und

werden, was sie sein sollten und könnten -- und diesem Gedanken

schließt sich unmittelbar der an: was kannst du zu ihrer Förderung thun?

Und so ist das erste Glied geschmiedet, das unsere Veredelung mit der

Veredelung des Nebenmenschen verkettet. Hier fängt schon der Einfluß

eines stillen Beispiels an. Nun blicken wir weiter um uns und machen uns

bekannt mit dem Staat, in dem wir leben, überlegen uns seine Thätigkeit

und seine Mängel, ob und was wir dabei zu wirken fähig sind oder

werden können; jetzt schon erklären wir innerlich den Krieg allem

unredlichen Treiben, allen Irrungen, allen Übelständen -- der Kreis

dehnt sich aus. Sind wir Deutsche, so liegt uns nun Deutschland als

Ganzes am nächsten, das Verhältniß unseres Staates zu den

vaterländischen Nachbarstaaten, ihr Einfluß, ihr Zustand, ihr

Fortschritt -- nun muß nothwendig die Geschichte uns zur Seite stehen,

damit wir die jetzigen Zustände aus den früheren entwickeln und

beurtheilen und die Wurzel der Übelstände kennen lernen, um sie

womöglich ausrotten zu helfen, und die Wurzel des Guten, um sie zu

schonen. Von Interesse zu Interesse steigert sich schon in uns die

Wißbegierde aufs Höchste, unsere Kreise erweitern sich, unsere Ansichten

gewinnen neue Formen, unsere Erkenntnis bildet neue Regionen, und schon

ist ein tieferes, gehaltvolleres Leben in uns eingegangen, ohne daß wir

noch die philosophischen und politischen Höhen erstiegen haben.

"Jeder Fähigkeit sind ihre besonderen Wissenschaften angewiesen. Haben

wir uns geprüft, unseren Geschmack und unsere Kräfte erwogen, so

entscheiden wir uns für einen oder zwei Zweige, und diese treiben wir

nun mit Ernst und Eifer. Wir müssen uns nach den besten Büchern in

diesen Zweigen erkundigen, nach den Autoren, die darüber geschrieben

haben; wir machen eine Liste von ihnen, um sie nach und nach

durchzunehmen, wir nehmen ein Werk und machen Auszüge, ein anderes lesen

wir nur durch, je nachdem wir es rathsam finden -- schämen uns vor uns

selbst, wenn wir uns von den Schwierigkeiten abschrecken lassen,

erlauben uns nicht, feuern uns immer von Neuem an und werden so nach und

nach ein tüchtiger, brauchbarer, befriedigter Mensch, dem seine

Stellung in der Gesellschaft und in der Welt nicht fehlen kann, -- weil

leider diese Klasse noch sehr in Minderzahl steht -- und der mit Ruhe,

Zuversicht und Hoffnung jeder Zukunft in die Augen zu sehen vermag."

Die Ratschläge, die sie hier anderen erteilte, hatte sie selbst befolgt

und erprobt. Für sie gab es jenen Widerspruch nicht, durch den wertvolle

Menschenkräfte der Wirkung auf die Allgemeinheit so oft entzogen werden,

jenen Widerspruch zwischen einem bis in seine letzten Konsequenzen

verfolgten Individualismus, der sich die Ausbildung des eigenen Ich zum

Ziele setzt, und dem sozialen Altruismus, der im Wirken für andere seine

Aufgabe sieht. Verfolgen wir Jenny in ihrer Selbsterziehung, die sie so

früh schon zu einer harmonischen Persönlichkeit machte, so dürfen wir

freilich nicht aus dem Auge lassen, unter welchen günstigen äußeren

Bedingungen sie aufwuchs: Nur an den großen Schmerzen und Kämpfen des

Herzens und des Geistes entwickelte sich ihre Kraft; jene quälenden,

zehrenden Nöte des Lebens, die Sorgen ums tägliche Brot, die schon im

Kinde, das der Angst der Eltern zusieht, die besten Keime ersticken

können, kannte sie nicht. Noch andere Ursachen aber mußten

zusammenwirken, um sie zu dem werden zu lassen, was sie war. Ein

Durchschnittsmensch wird weder durch den Reichtum geistiger Anregungen,

der ihm zuströmte, noch durch die bittere Erfahrung getäuschter

Liebeshoffnungen, die ihm zuteil wurde, solcher Entwicklung teilhaftig

werden. Lebt doch so mancher inmitten geistigen Überflusses und bleibt

selbst blutarm, und anderen begegnet ein großes Geschick, um, wie es

scheint, nur ihre Kleinheit durch den Vergleich besonders scharf

hervorzuheben. Jennys Natur dagegen war ein fruchtbarer Boden, dessen

Atem nach dem Gewittersturm doppelt erquickend ist, weil er den ganzen

Reichtum der Früchte ahnen läßt, den er hervorbringen wird. Ihre

natürliche Anlage war es, die sie befähigte, aus allem -- dem Guten und

dem Bösen, den Menschen und den Büchern -- den für das Wachstum ihres

Geistes und für die Bereicherung ihres Herzens nötigen Nährstoff zu

saugen.

So wenig sie über sich selbst geschrieben hat -- im Unterschied zu der

Mehrzahl der Memoirenschreiber, bei denen die Lebens- und Seelenanalyse

der eigenen Person stets im Vordergrund steht -- so läßt sich die

Bedeutung dieser Seite ihres Wesens für ihre Entwicklung ziemlich genau

nachweisen. "Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer

du bist", das gilt für die lebendigen wie für die toten Freunde -- die

Bücher.

In ihrem oben zitierten Brief legt Jenny ihnen im Hinblick auf die

Selbsterziehung die größte Bedeutung bei. Die Lektüre war für sie nicht

eine Ausfüllung müßiger Stunden, und danach richtete sich auch ihre

Auswahl. Mit Hilfe der schöngebundenen, mit zierlicher Goldpressung

versehenen, von anmutigen Bronzeschließen zusammengehaltenen Quartbände,

die Jenny mit Auszügen füllte, läßt sich nicht nur verfolgen, was sie

las, sondern auch wie sie gelesen hat. Da sind Seiten und Seiten mit

Auszügen aus Byrons, Scotts und Shelleys Werken gefüllt. Aber bald

darauf zeigt sich schon, daß die Beschäftigung mit den englischen

Dichtern sie zu England selbst geführt hat: Auszüge aus historischen und

kulturhistorischen Werken folgen, denn mit jenem Feuereifer, den sie bei

allem entwickelte, was sie ergriff, studierte sie englische Geschichte.

Ihr Interesse und ihre Sympathie für England, für seine demokratische

Verfassung, seine Art der Erziehung, der Armenpflege, der sozialen

Gesetzgebung wurden dadurch geweckt und blieben dauernd lebendig; die

politische Überzeugung ihrer späteren Jahre wurzelte in diesen

Jugendeindrücken.

Von den deutschen Dichtern steht Goethe, was die Häufigkeit und den

Umfang der Auszüge betrifft, an erster Stelle, Schiller findet sich

seltener, dagegen Jean Paul um so häufiger; selbst Zacharias Werner, der

wie seine Freundin Schardt katholisch geworden war und dessen "Kreuz an

der Ostsee" viel gelesen wurde, erscheint neben den Klassikern. Sehr

früh schon -- ein Zeichen für das persönliche künstlerische Empfinden

Jennys, das Schönes selbständig zu finden wußte -- wird Grillparzer und

Heinrich Heine zitiert. Einen weit größeren Raum aber als Poesien nahmen

Prosastellen ein. Goethe erscheint wieder als der Bevorzugte, auch die

Briefwechsel mit seinen Freunden, die Schriften, die über ihn

erschienen, verfolgte sie genau. Zuweilen werden auch die Eindrücke, die

die Bücher hervorriefen, kurz festgehalten. So schrieb sie über Goethes

Briefe an Lavater:

"Für das große Publikum sind vielleicht diese Briefe von keinem großen

Interesse, für das deutsche Publikum aber von dem allergrößten, denn

wenn auch die eigentlich bedeutenden und kräftigen Gedanken in zehn

Seiten zusammengefaßt werden können, so läuft doch durch jede Zeile die

jugendlich wirksame, strebende Kraft, welche unsere Litteratur und

Sprache gewaltsam aus dem Schlummer der Zeiten zu herrlichem Leben rief.

Der Riesengeist, der sich fühlt, das Jünglingsherz, das sich innig an-

und aufschließt, die reife Männerseele mit der großartigen Toleranz und

dem sicheren Adlerblick, der planende Kopf, der die Zukunft mit Schönem

bevölkert, der feine, satirische Witz, der den Mephisto schuf -- es

liegt Alles skizzirt in nicht zweihundert kleinen Seiten. Und dann

welches Leben und Regen, welches geistige Zusammenleben, welcher

Frühlingshauch von Luft und Frische! Es kam mir vor, als ob ich unter

Gräbern wandle, und auf einmal zöge sich vor mir ein Vorhang auf, und

Karl August, Herder, Wieland, Lavater, Jacobi etc. etc. ständen lebendig

vor mir.

"Es war nur Traum, denn bloß Knebel ist noch nicht hinter den großen,

dichten, räthselhaften Vorhang getreten!"

Und über Schillers Leben von Frau von Wolzogen:

"So, ganz so, wie sie ihn schildert, stand Schillers Bild seit meiner

frühesten Jugend vor meiner Seele, so rein, so groß, so erhaben über

alles Kleinliche schwebte mir sein edler Geist vor, und in jeder Zeile

fand ich eine Ahnung meines Herzens in schönste Wirklichkeit getreten!

"Mir fällt dabei ein, was Goethe zu Ottilie sagte, als sie meinte,

Schiller langweile sie oft: 'Ihr seid viel zu armselig und irdisch für

ihn!'"

Herder, Schleiermacher, Schelling, Jean Paul sind weiter viele Seiten

gewidmet, und wenn wir ihren Inhalt prüfen, ihn mit den französischen

Abschriften aus Chateaubriands und Lamartines Werken zusammenstellen, so

geht die Neigung Jennys zu religiöser Vertiefung, ihre Sehnsucht nach

einem festen Gottes- und Unsterblichkeitsglauben deutlich daraus hervor.

Von jener Zeit sprechend, heißt es in einem ihrer Briefe an mich: "Als

ich zwanzig Jahre alt war, schrieb ich mein Glaubensbekenntniß, das also

begann: Ich verehre den Gott, den Pythagoras verehrte," und in einem

anderen: "Mein Verstand befand sich mit meinem Gefühl dauernd im Streit;

Beide thaten einander weh wie bittere Feinde."

Neben den philosophischen Schriften gehörten naturwissenschaftliche zu

ihrer bevorzugten Lektüre, und auch an Auszügen aus Memoiren und

Reisebeschreibungen fehlt es nicht. In bezug auf die erstgenannten

bevorzugte sie die französischen, besonders alles, was sich auf

Napoleons Zeit bezog. Unter den Reisebeschreibungen wurden den Auszügen

aus Fürst Pücklers "Briefen eines Verstorbenen", die leider heute zu den

vielen vergessenen guten Büchern gehören, viele Seiten gewidmet. Pückler

war ein alter Weimaraner und Jenny persönlich gut bekannt, was ihr

besonderes Interesse an ihm erklären dürfte. Charakteristisch für sie

ist folgendes Urteil über ihn, das sie 1833, also mit 22 Jahren,

niederschrieb: "... Ich kann nicht leugnen, daß ich seine Briefe mit

wachsender Sympathie gelesen habe. Wie oft habe ich sein Gefühl und

seinen Geschmack für die Natur, die reine ungekünstelte Natur,

mitempfunden, und die Leere in der großen Welt, die doch durch ein

unwiderstehliches Beobachtungsbedürfniß bei heitrer Stimmung eine

philosophische Ausfüllung findet, und dann dies Gefühl von Einsamsein

unter Menschen, und vereint mit allen Lieben in der einsamen Natur. Es

liegt eine tiefe Religiosität in der Seele dieses geistesadligen

Menschen, und ich habe durchaus nicht jene Frömmigkeit vermißt, wegen

deren Mangel ihn die Pietisten verdammen. Starke Geister mögen ihre

menschenrechtlich angeborene Freiheit benutzen, um sich ihren Glauben

selbst zu bilden ... In vielen kleinen Geschmackssachen habe ich meine

Meinungen, ja oft meine Worte gefunden, in Frauen- und Gartenschönheiten,

in seiner Ansicht über Häuslichkeit und geselliges Leben. Auch in

größeren Dingen: seinem poetischen Aberglauben, seiner Geister-Ahnung

und seinen metaphysischen Träumen über Seelenwanderungen, vor allem auch

in seiner Bewunderung Napoleons und seiner Entrüstung über das seiner

Familie bereitete Ende."

Daß bei der jungen Aristokratin, die den beginnenden Kämpfen um die

Rechte der Frauen persönlich zunächst fernstehen mußte, das Verständnis

für deren geistige Bedeutung in vollstem Maße vorhanden war, zeigt ihre

Beurteilung jener drei Frauengestalten, die als letzte Repräsentantinnen

der Romantik gelten können, von denen zwei jedoch, auch von der fernen

Warte unserer Zeit aus betrachtet, als Führerinnen in die neue Welt der

Frau angesehen werden müssen: Rahel Varnhagen, Bettina von Arnim und

Charlotte Stieglitz. Im Anschluß an Varnhagens Buch des Andenkens an

Rahels Freunde, an Bettinas Briefwechsel Goethes mit einem Kinde und an

Theodor Mundts Madonna, Gespräche mit Charlotte Stieglitz -- jener

unglücklichen Frau, die sich das Leben nahm, weil sie glaubte, die durch

ihren Opfertod hervorgerufene ungeheure Erschütterung würde ihren

geliebten Gatten aus geistiger Lethargie erwecken -- schrieb Jenny das

folgende über sie:

"Drei wunderbare Erscheinungen im weiten Bereiche der Litteratur und

Psychologie sind in neuerer Zeit wie glänzende Meteore in der Frauenwelt

Deutschlands erschienen; die tiefe Beschaulichkeit des Nordens mit

seiner sinnenden Philosophie, mit seiner nebelhaft ossianischen

Ideenpoesie, mit der schwärmerischen Aufopferungslust, mit allen Reizen

und Gefahren der reinen Geistigkeit, stehen feenhaft, hinreißend, in

tief empfundener Seelen- und Herzensverwandtschaft vor den deutschen

Frauen. Jedem der drei Genien in ihrer Größe und in ihren Irrthümern

tönt ein leiser, geistiger Schwesterngruß aus dem heiligsten Innern

ihrer Landsmänninnen entgegen. Unberechenbar ist daher der Eindruck, das

Fortwirken dieser Bücher auf die Frauenwelt: als geistige

Heerführerinnen treten diese Erscheinungen an die Spitze der sich längst

im stillen Sinnen, Bilden, Denken emancipirenden Frauen Deutschlands;

sie erkämpften sich mit ihrem Geist Sitz und Stimme unter den

Intelligenzen ihres Landes, sie räumten den Platz zu dem einflußreichen,

weiblichen Wirken, was zwar höher in Deutschland anerkannt ist als in

allen anderen Ländern Europas, was aber doch noch lange nicht zu seiner

Blüthe, zu seinem eigentlich angemessenen Umfang sich entfaltete. Sie

zeigen, wie die reine, nebenabsichtslose, unegoistische Seele der Frau

in jede Geistesfaser eingreifen kann, sie zeigen die Gewalt ihres

Denkens, ihres Fühlens, ihres Wollens und Vollbringens. Sie fordern

durch ihre weise Erkenntniß und klare Auffassung, ja, mehr vielleicht

durch ihre Irrthümer, die Bildung, die ihren Geist von den Schlacken des

Falschen befreien und in lichtem Wissen und Erkennen darstellen kann;

sie fordern die sorgsame Beachtung ihres intellectuellen Fortschreitens,

um ihres edlen Selbstes willen; sie fordern sie mehr noch als Mütter der

Vaterlandssöhne, als Geliebte seiner Jünglinge, als Gattinnen seiner

Männer. Sie treten hervor in aller Würde ihrer Geistesmacht, und ist

auch seit den ältesten Zeiten die Stellung der deutschen Frauen ihrer

Bestimmung und ihrer inneren Höhe angemessener gewesen als in anderen

Theilen der Welt, hat sich auch gern der deutsche Mann in Liebe und

Verehrung vor ihrer Reinheit gebeugt, so war doch im Allgemeinen ihre

Schätzung noch viel zu sehr auf das bloß dienstbare häusliche Wirken,

nicht eigentlich auf die Würde ihrer Bestimmung, auf die Macht ihres

Einflusses gerichtet.

"Jetzt, in dem Jahrhundert der Berechnung und eines oft kleinlichen

Nützlichkeitsprincips, tritt die große Seele einer Rahel an das Licht

der Welt, mit dem Princip des allgemein Großartigen, des ewig Rechten,

mit der einzigen Berücksichtigung des Wahren, mit der enthusiastischen

Liebe des Schönen und Guten. Sie geht umher in Ländern, in

Verhältnissen, in Charakteren mit der gigantischen Fackel, die sie am

Altar der Wahrheit entzündete; sie beleuchtet das Kleinliche, Lügenhafte

und Elende vor der ganzen Welt, und manches Johanniswürmchen, das uns

ein Edelstein schien, stellt sie auf seine Füße, und es wird dunkel, und

manchen Edelstein, den wir für einen Kiesel hielten, schleift sie

zurecht, und er wird leuchtend. Sie selbst greift mit ihrer Philosophie

in das Leben ein, ihr Denken wird zur That, und wie sie mit ihrem Geiste

in anderen Seelen unermüdlich Geistesfunken weckt, wie sie das

kleinliche Interesse in allen Herzen abzustreifen sucht, wie sie im

Kreise ihrer Pflichten beglückt und wirkt, wie sie ohne aus ihrem

weiblichen Beruf herauszutreten, das Große in den Männern fördert und

die kleinen Räder der Staatsmaschine, die ihrer Sorgfalt anvertraut

sind, fleißig von jedem Stäubchen reinigt, ohne die schwache Frauenhand

in die großen Räderwerke zu wagen, bei einem doch so richtigen Blick in

die großen Verhältnisse, so steht sie in dem praktisch häuslichen Kreise

mit voller Berufskenntnis da, in schweren Kriegszeiten die Trösterin und

Pflegerin der Verwundeten, die Retterin der Elenden, Arzt, Näherin,

Wartfrau, Bittende bei Reichen, Ermunternde bei Armen, ohne Ruhe und

Rast, voll Einsicht und ununterbrochener Aufopferung, unbekümmert um

ihre eigenen Körperleiden, unbekümmert um Dank oder Undank, die

Gutesthuende um des Guten willen, die echte, wahre, reine deutsche Frau!

"Nicht nur aus ihrem Buch habe ich das Alles gelesen, in ihren Augen, in

ihren Worten, in ihrem ganzen Benehmen war es ausgedrückt. 'Da werdet

ihr Bedeutendes kennen lernen,' sagte Goethe zu uns. Einfach und ohne

Prätensionen trat sie auf, schien mit ihren klugen, forschenden Blicken

in unseren Seelen zu lesen, regte uns an zu frohem Geplauder, scherzte

und lachte mit uns und wußte nach und nach das Gespräch auf die höchsten

Dinge zu lenken. In wenigen Stunden lernte ich sie kennen und sie mich,

denn in der reinen Luft ihres Seins vermochte ich mich nicht anders zu

geben als ich war, mein Herz lag auf der Zunge, sie erreichte, was sie

wollte; denn ausgebreitet, wie der Entwurf eines Gemäldes, lag meine

Seele vor ihr.

"'So jung und schon so viel gekämpft,' sagte sie, 'kämpfen Sie

nur weiter, immer weiter; hüten Sie sich vor der Ruhe, der

Seelenbequemlichkeit; das giebt's nicht für uns. Faust ist auch in

weiblicher Gestalt vorhanden, in Ihnen, in mir.'

"'Ist nicht aber Ruhe das, wonach alles in uns strebt?' wandte ich ein.

"'Nicht Ruhe, Leben ist es und immer wieder Leben. Nur der allzeit

Lebendige, Wache, Thatkräftige erreicht große Ziele, übt große Wirkungen

aus. Glauben Sie nicht den Propheten der Ruhe, glauben Sie dem

Allmächtigen, der schaffend überall in der Natur ihnen entgegentritt.'

"'Aber ich bin Christin, möchte Christin sein,' bemerkte ich schüchtern,

'und dem folgen, der sagt: Meinen Frieden lasse ich euch!'

"Rahel sah mich gütig lächelnd an und erwiderte: 'Folgen Sie ihm

getrost, aber lernen Sie ihn verstehen. Den Frieden, den Christus meint,

übersetze ich mit Befriedigung. Sie allein giebt innere Ruhe, giebt

Kraft und Lebensfreude; sie wird aber auch nur durch Thätigkeit in uns

und außer uns, durch Pflichterfüllung, Gott und den Menschen gegenüber,

erreicht.'

"Das war meine kurze und doch nachhaltig wirkende Bekanntschaft mit ihr.

Varnhagen schenkte mir nach ihrem, ach, so schmerzlich beweinten Tode

das erste Buch 'Rahel', das nicht im Buchhandel erschien. Auch meine

Freundinnen Ottilie Goethe, Alwine Frommann und Adele Schopenhauer waren

dadurch erfreut worden.

"In der Absicht, unserem tiefgefühlten Dank würdigen Ausdruck zu geben,

schenkten wir ihm eine Schreibmappe, auf der ich Rahels schönen Traum

illustrirte. Sie träumte von einem ungeheuren Sturm, und mitten in den

Wogen ihr Lebensschiffchen; aber vom Himmel herab rollte der blaue

Mantel Gottes, sie fühlte sich als kleines Kind, legte sich in eine

große Falte des Gottesmantels und schlief ein. Einige Widmungsverse

begleiteten die Gabe. Unbegreiflich blieb mir immer, wie dieser Mann

der Welt, der Reclame, des Egoismus zu dieser Frau nach dem Herzen des

Höchsten passen konnte. Die Erinnerung an ihre reine Erscheinung wollte

ich mir durch den Verkehr mit ihrem Gatten nicht trüben lassen, deshalb

gab ich möglichst schnell die Correspondenz mit ihm auf. Das Buch, das

er mir gab, läßt mich jedoch dankbar seiner gedenken, und so oft ich es

aufschlage, weht Rahels lebendiger Geist mir daraus entgegen.

"Sie trat ein in unsere Krümel liebende Zeit, die gigantische, ganze

Seele. Es hebt sich die Brust der Frau, daß sie Frau, des Menschen, daß

er Mensch ist, und mit neuem Schwunge regt sich mancher Geist, und ein

großartiger Maßstab wird von Tausenden an die Bestimmung des Lebens, an

die Forderungen unserer Welt gelegt. Rahels magische Gestalt schwebt

über der Atmosphäre der Gebildeten, und vor dem leuchtenden Kreis ihres

Wesens zieht sich das Kleinliche beschämt zurück.

"Was soll aber in dem sogenannten vernünftigen, überpraktischen

Jahrhundert eine Bettina? Was will die kleine Elfe unter den

Nützlichkeitsmenschen? Was fördern ihre gaukelnden Tänze, ihre

Wipfelspiele, ihre Blumenpaläste? Sie schwankt mit den Elfenschwestern

ihrer Phantasie in goldenen, glänzenden Rebeln, sie singt ihre

Herzensphilosophie in das Wehen der Frühlingslüfte, zuerst an niemand,

für niemand, wegen niemand. Die Menschen sind ihr nicht da, von Zweck

und Nutzen hat ihr nichts geredet, die Sünde hat sie nicht gesehen,

Gesetz und Regel hat sie nicht gekannt; sie träumt, sie spielt, sie

liebt, sie singt in die Welt hinein, und ihre auserwählten

Spielkameraden findet sie in der Natur. So tanzt und schwebt sie auf und

nieder in Gottes großen Schöpfungswerken; man überlegt sich lange, woher

sie kam. Da ist's, als hätte man auf einmal die Sage singen hören, daß

einst an einem schönen Maientage viel deutsche Kinderseelchen zurück zum

blauen Äther kehrten, und als sie an die Himmelspforte kamen, überzählte

Petrus ihre Reihen und sagte: 'Eine ist zu viel, nur neun hat der Herr

gerufen.' Die zehnte sah betrübt hinab auf die kleine dunkle Welt: 'Es

ist so kalt, so farblos auf der Erde, und ist so warm und farbenreich

bei Gott!' rief sie weinend. Das Gebot aber war unumstößlich; da gaben

alle Kinderseelen ihre Poesie dem einen Erdbestimmten und sagten: 'Damit

schaffe dir Wärme und Farben auf der irdischen Welt, wir schöpfen

schnell aus ewigem Borne, was wir dir jetzt geben,' und traurig lächelnd

flog das Kind zurück. -- Dies ist die Seele, die in Bettinens Briefen

lebt und dichtet. Sie konnte als Kind wohl unter Blumen schwelgen und

wild und ungebändigt mit der Natur verkehren, doch das Kind ward

Mädchen, und das Mädchen liebte. Nicht wie Undine wird sie dadurch

gezähmt, nein, sie bleibt die wilde, ungestüme, unfügsame Kinderseele,

und nun paßt nichts mehr auf der ganzen Welt, nicht andere Menschen,

nicht Verhältnisse, nicht die Lebensweisen und nicht ihr eigenes Ich. Da

sucht sie in Natur und Poesie die Elemente, um sich einen

Herzensliebling zu schaffen, denn tief in ihrer Seele fühlt auch sie das

einfach große Wort: 'Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.' Als

sie fertig mit dem Bilde ist und es nun schön und groß vor ihrer

Phantasie vollendet steht und ihre Herzensgluth ihm Leben giebt, da

sieht sie sich nach einem Namen um. Mit dem herrlichsten, den sie

erfahren kann, 'Goethe', benennt sie ihren selbstgeschaffenen Gott. Sie

umgaukelt in Elfentänzen und mit Elfenliedern unseren Hohenpriester, und

ihn, den ernsten mit der Götterstirne, will sie als Schäfer mit in ihre

Tänze ziehen. Er reicht ihr wohl die Hand, er läßt sich von ihren Blumen

umduften, er läßt den Elfenreigen im Mondenschein an sich vorüber

ziehen, doch der Genosse der Elfe kann der greise Denker nicht sein!

"Im reinsten Lichte, in der einzig klaren, ungetrübten Atmosphäre steht

sie der Mutter ihres Weisen gegenüber; ganz herrlich, ohne Irrthum, ohne

Verkehrtheit, ohne Mißverstehen läßt das Leben diesen Bund. Doch Goethes

Mutter stirbt, die Jugend flieht Bettinen, aber ihre wilde Poesie

bleibt; ihr Wesen tritt nun aus aller Harmonie, unheimlich werden beim

ergrauenden Haupte ihre Spiele und Tänze, und, wie Varnhagen von ihr

bemerkte, die Elfe tritt zurück, die Hexe tritt hervor.

"In diesem Stadium lernte ich sie kennen. In leidenschaftlichster

Aufregung kam sie nach Weimar. Sie hatte in Berlin eine Klatscherei über

Ottilie gemacht, die ihr Goethe sehr übel nahm; sie wollte sich

entschuldigen, er beharrte dabei, sie nicht zu sehen. Ottilie, die immer

groß und gut war, aber nichts für sie erreichen konnte, räumte ihr

schließlich ein Kämmerchen im Gartenhaus des Stadtgartens ein, wo sie

den Zürnenden wenigstens aus der Entfernung sah. Nachher sprach ich sie.

Ihre großen Augen, die etwas Nichtirdisches an sich hatten, musterten

mich mißtrauisch. Ich war jung, war täglicher Gast in Goethes Hause,

genug, um ihre flammende Eifersucht zu erregen. Sie war sehr

unfreundlich, und als ich mich in die Fensternische zurückzog, rief sie:

'Aha, ich gefalle wohl der Demoiselle nicht?' Ich wurde feuerroth, sagte

aber nichts, sondern versuchte das Fenster zu öffnen, um mich fortwenden

zu können; dabei klemmte ich mir die Hand, und während Ottilie

davoneilte, um einen Verband zu holen, wurde ich ohnmächtig. In

Bettinens Armen fand ich mich wieder. Voll Mitleid sah sie mich an und

sagte freundlich: 'Armes Kind, liebes Kind, thut es sehr weh?' Sie

kühlte und verband meine schmerzhafte Wunde, lief hinunter, um gleich

darauf mit einem Blumenstrauß und einer darin verborgenen Düte voll

Schleckereien wieder zu kommen. Ihr Groll, ihre Aufregung waren

vergessen, sie war ganz Weib: liebevoll und sorgsam. Da, wie ich

fortgehen wollte, verabschiedete ich mich unvorsichtigerweise von

Ottilie mit den Worten: 'Also morgen zu Tisch bei Goethe.' Bettina sah

mich starr an, brach in herzzerreißendes Schluchzen aus, lief wild im

Zimmer umher und stürmte dann an uns vorüber, die Treppe hinunter, zum

Hause hinaus, ohne Hut, ohne Handschuhe, gleichgültig gegen die

verwunderten Blicke der Menschen. So war sie und so erschien sie mir:

unordentlich in Geist, Haus und Wesen. Was ich am meisten bei ihr

schätzte, war ihre glühende Barmherzigkeit, durch die sie sogar

praktisch werden konnte, ihr Mitleid, das sie thatkräftig machte. Doch

was soll Bettinens Buch für unsere Zeit?

"Zwar hatte ihre Seele als bunter Schmetterling sich auf allen Blumen

geschaukelt, als emsige Biene aus allen gesogen: Weisheitssprüche,

Liebestöne, Schönheitshymnen, Philosophenworte, die tiefste Offenbarung

über das Reich der Töne; aber, wie es die Poesie des Augenblicks ihr

eingegeben, wie es der fliegende Gedanke ihr gebracht, wie es die

Phantasie ihr eben zugetragen; nicht wie bei Rahel, geht ein Princip des

ewig herrschenden Rechts, ein Streben des Erkennens, ein Lebenszweck der

höchsten Ausbildung durch ein ganzes herrliches Dasein; Bettina lehrt

nicht das Leben kennen, verstehen und im höchsten Sinn ergreifen -- was,

frag ich nochmals, soll uns dann ihr Buch?

"Vertreter soll es sein für das poetisch Schöne, das unabhängige Bereich

der Kunst und des Gefühls soll es beschützen, das nicht als dienende

Magd Moral und Recht befördern soll, sondern frei für sich selbst im

eigenen Reiche besteht. Im Schönen finden sich dann beide wieder, nur

Schönes kann vollkommene Kunst erschaffen und erwecken, nur Schönes kann

Moral und Recht im höchsten Sinn erzeugen, im Schönen reichen beide sich

schwesterlich die Hand. Im Schönen reift das echte, glänzende

Gefühlsleben, das durch Bettinens ganzes Werk die reichsten Farben

trägt. Auch dem Gefühl soll es Vertreter sein, auch ihm soll es sein

altes Recht beschützen, und weil es in früherer Zeit vom Lande der

Vernunft zu viel besessen, soll es jetzt nicht um Haus und Hof, um Sitz

und Stimme gebracht, aus seinem alten Erbteil vertrieben werden, um

ehrgeizigen Generälen der Vernunft einen bequemen Ruhesitz zu schaffen.

Zurückgeführt in seine Grenzen, soll das Gefühl dort Herr und Meister

bleiben; ist es doch die letzte Instanz für jede Wahrheit, die sich der

Überzeugung des tiefsten Innern vermählen will. Für unsere Frauenwelt

ist Bettinens Buch ein giltiges Meisterstück des weiblichen Vermögens,

für das Jahrhundert eine Bittschrift der Poesie, daß man sie nicht im

Schatten der Vernunft erstarren lasse, daß man die bunten Flügel vor dem

Verschrumpfen, die zarten Glieder vor dem Erfrieren retten möge! -- --

"Wie naht man dem Lager eines Fieberkranken, der einer schlimmen Seuche

unterliegt, weil er durch seine treue Pflege den Bruder von dem Übel

heilen wollte? Wie naht man wohl in Gedanken dem Menschen, der muthig,

stark, mit Engelsseelengröße für einen falschen Glauben starb? Mit

heiliger Scheu, mit tief ergriffenem Herzen, mit billigem Erkennen

seiner Größe, mit tiefem Schmerz um den unseligen Wahn. Nur so naht

würdig dem Todtenbette der Charlotte Stieglitz; laßt vor der Thür

ihrer stillen Kammer das Klatschgeschwätz der Basen eurer Stadt; paßt

Alltagsurtheil an die Alltagsmenschen, sprecht über Oberflächlichkeit

das schnelle, unbedachte Wort des Tadels aus, doch hier bleibt stehen,

denkt tiefer, fühlt besonders, ehe ihr redet, denn auch in große Seelen

schleicht der Irrthum ein, und dies ist der Fluch des engbegrenzten

Wissens, daß reines Wollen nicht vor dem Wahne schützt.

"Dem Gehalte dieses Denkmals nach, als Darstellung des

Lebensinhaltes[TN5] der Charlotte Stieglitz, steht es bei weitem hinter

Bettina und Rahel zurück; es enthält weder die ewig sprudelnde,

feenhafte Quelle der Poesie der einen, noch die tapfere, kugelfeste,

immer vorwärtsdringende, tiefe Philosophie der anderen. Die ersten

Briefe sind durchaus unbedeutend, ja sogar in einem Grade, der sogleich

im Leser die Vermutung aufsteigen läßt, daß der Herausgeber, der sie

wichtig finden konnte und nicht nur einen oder zwei als Probe und zum

Belege ihrer späteren Entwickelung dem Publicum gab, wohl nichts in dem

Leben seiner Heldin unbedeutend fand und einen Maßstab an ihr Wesen

legte, der nicht von der Vernunft allein gefertigt war. -- In den

letzten Jahren sind ihre Äußerungen und Tagebuchblätter größtenteils um

vieles bedeutender, das Sinnen, Denken, Erfahren, das reiche innere

Fühlen thut sich kund, und es ist nicht zu bezweifeln, daß sie in der

schönsten Blüte ihrer geistigen Entwickelungsperiode dem Leben

entschwand ...

"Zwei meiner Cousinen und ich hatten von Charlotte gehört und wünschten,

sie entweder in Weimar begrüßen zu können oder mit ihr in brieflichen

Verkehr zu treten; wir schrieben alle drei im Sommer 1833 an sie, an

Mundt und an Stieglitz und bekamen umgehend die drei Antworten, die

besser als jede Kritik die unglückliche Charlotte kennzeichnen. Sie

schrieb:

"'Meine inniggeliebte, unbekannte Freundin! Wahre Seelengröße zeigen Sie

mir, denn dieselbe setzt sich muthig im Gefühl ihrer Würde über

Hergebrachtes hinweg; darum fürchten Sie kein Mißverstehen von meiner

Seite. Ein gemeinsames Band umschließt uns Frauen, das des Leidens, und

leichter tragen wir die Bürde, wenn wir sie zusammen tragen. Sie sind

noch jung, so scheint es, denn es geht ein freudiger Zug durch Ihre

Worte, der mich wie aus anderer Welt berührt. Haben Sie noch nicht

gelitten? Haben Sie noch nicht Ihr Liebstes leiden sehen? Ihr Theuerstes

verloren? Glauben Sie noch an einen gütigen Gott? Oder lernten Sie,

wie ich, durch namenlose Schmerzen nur der eigenen Kraft vertrauen?

Kennen Sie die heiße Gewitterschwüle eines Sommertages und die Sehnsucht

nach Blitz und Donner? Lassen Sie mich tiefer in das Heilige Ihres

Inneren schauen, damit auch ich Ihnen meine Seele ganz enthüllen kann.

Aber erwarten Sie kein Frühlingsbild zu sehen, sondern einen tiefen,

dunklen See, zu dessen Spiegel nur selten ein Sonnenstrahl sich

verirrte. -- Leben Sie wohl, Sie liebes Herz; es drückt Sie, feuriger

Empfindung voll, an den Busen Ihre

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 43 / 80 题