Ein Leichenbegängnis

Ich grabe im Herzen ein tiefes Grab

Und senke den bleichen Freund hinab,

Und decke es zu mit Tränen und Weh

Damit kein Fremder es jemals säh!

Es tritt die Erinnerung leis hinzu,

Sie singet milde den Freund zur Ruh

Und baut im Herzen ein Monument,

Darauf eine ewige Lampe brennt.

Tief in der Nacht dann schleich ich hin

Und grabe mit treuem, liebendem Sinn

Ein Lebewohl auf den Grabesstein

Und ein Wiedersehen auf die Lampe ein!

"... Ich stieg jene breite klassische Treppe empor, die meine Schritte

schon so oft durchmessen hatten -- mit fünfzehn Jahren, als ich im

runden Hut, im Pensionskleid und grünen Spenzer mit kindlicher Erregung

und jugendlichem Enthusiasmus an der Seite meiner Mutter hinausging, um

zum ersten Male den Nestor, den Herkules des deutschen Parnassus zu

besuchen; mein Herz grüßte ihn mit jener heiligen Ehrfurcht, die uns die

Arme über der Brust kreuzen läßt, mit jener vertrauenden Zärtlichkeit,

die voll Hingebung einen Vater in dem erhabenen Greis mit den weißen

Haaren, mit der Jupiterstirn findet; mit sechzehn Jahren ging ich

denselben Weg, um mein Püppchen (Alma von Goethe) zu finden, ein

reizendes Kind, das ich wickeln und umhertragen durfte; später wurde

seine Mutter meine Freundin. Mit wie viel verschiedenen Gemütsbewegungen

betraten meine Füße diese Stufen! Sie fühlten den leichten Schritt des

jungen Mädchens, das, zum Fest geschmückt, nur dem Gedanken an das

Vergnügen nachhängt, jenem Gedanken, der die Füße beflügelt und die

runden Wangen abwechselnd weiß und rosig färbt; sie fühlten denselben

Tritt, unsicher und zögernd vor Hoffnung und Furcht wegen einer

möglichen Begegnung, die das Herz nicht mehr ganz gleichgültig ließ, und

wenn die Füße wieder langsam die Stufen hinuntergingen, hätten sie

fühlen müssen, ob andere sie begleiteten und oft für ein Wort, für einen

Blick still standen, oder ob das junge Mädchen enttäuscht und allein,

fast gedankenlos den gewohnten Weg betrat. Während vieler trauriger Tage

stieg ich empor, teils um zu trösten, teils um selbst getröstet zu

werden, um zu klagen, um zu lernen, um Gewißheit zu erlangen über dunkle

Gerüchte oder um manchmal an der Freude über gute Nachrichten

teilzunehmen. Als Krankenpflegerin stieg ich empor wie als harmloser

Besuch, als Geladene zu einer geistreichen Gesellschaft, die sich am

Flügel oder um den runden Tisch mit seinen zwei Kerzen versammelte. Mit

brennenden Wangen ging ich hinauf, getrieben vom wild pochenden Herzen,

zurückgehalten von zitternden Knien -- ich glaubte unter diesem Dach

mein Glück, meine Zukunft zu finden; -- dann, eines Tages, schritt ich

dieselben Stufen abwärts; an einer Stelle hörte ich ein Wort, und das

Wort hieß 'Lebewohl'; und es war so mächtig, daß es sich den Mauern, der

Treppe einprägte; und noch nach acht Jahren, wenn ich eintrat, schrien

Mauern und Treppe mir dies Wort bis in die Tiefe des Herzens zu."

Wie Jenny einmal von Goethe gesagt hatte, daß er zu denen gehöre, die

ihre Größe mit dem "Pfahl im Fleisch" bezahlen müssen, so erging es ihr:

jede seelische Erschütterung ergriff auch den Körper. Jener furchtbare

Abschied, der wohl den Abschied fürs Leben schon ahnen ließ, schien sie

aller Lebenskraft zu berauben, und da keiner der Weimarer Ärzte ihr

helfen konnte, wandte sich ihre Mutter schließlich an _Dr._ Samuel

Hahnemann, den Begründer der Homöopathie, der nach langem Wanderleben

und Anfeindungen aller Art sich endlich in Köthen als Hofrat und

Leibarzt des Herzogs Ferdinand niederlassen konnte. Er nahm den wärmsten

Anteil an dem Ergehen seiner Patientin, und seine Briefe an sie --

winzige Zettelchen mit winziger Schrift -- gewähren Einblick in die

originelle Art seines Verkehrs mit ihr. So schreibt er im November 1827:

"Mein gnädiges Fräulein!

"Die pünktliche Folgsamkeit, mit welcher Sie meinen Wünschen nachkommen

und die Offenheit in Darlegung Ihres körperlichen und Gemütszustandes in

Ihrem Berichte verdienen meinen ganzen Beifall. Seyn Sie versichert, daß

ich den innigsten Theil an Ihrem Wohle nehme und daß ich Alles thun

werde, Sie herzustellen. Auch Ihre trüben Ideen sind bloß Folgen Ihres

körperlichen Unwohlseyns, was bei Ihnen schon in zartester Kindheit

begonnen haben muß. Mit der Gesundheit Ihres Körpers weichen aber jene

niederschlagenden Vorstellungen gänzlich. Bis hierher hatte diese

melancholische Gemüths-Verstimmung doch den großen Vortheil für Ihre

Sittlichkeit, Sie vor dem Leichtsinn zu bewahren, welcher so oft junge

Frauenzimmer Ihres Alters von dem edelen Ziele ihres Daseyns entfernt

und der modigen Frivolität Preis giebt ...

"So hat der Allgütige selbst durch dieses Seelenleiden Ihnen eine

Wohlthat erwiesen in Sicherstellung Ihrer Moralität, deren Reinheit mehr

als alle Güter der Erde werth ist ..."

Wenige Monate später hieß es:

"Mein liebes gnädiges Fräulein!

"Sie haben allerdings bei reiferen Jahren, wenn Ihr jetzt noch zu zartes

und daher so viel bewegtes Herz mehr Kraft und ruhigere Schläge bekommen

wird, auch Ihr inneres Siechtum noch mehr sich gebessert hat, frohere,

gleichmäßigere Tage zu verleben. Die unnennbaren, Sie jetzt noch

bestürmenden Gefühle werden sich dann am besten in einer, wie Sie

verdienen, glücklichen Ehe zu einem ruhig frohen Leben auflösen unter

schönen Mutter- und Gattenpflichten. Nur getrost; bei Ihrer edlen

Denkungsart wird es Ihnen noch recht wohl gehen, da, wie ich sehe, Sie

nicht zu große Ansprüche an diese etwas unvollkommene Welt machen und

mehr bei sich selbst an Vervollkommnung arbeiten. Ich bitte mir ferner

Ihre Körper- und Geisteszustände treu zu berichten, und versichert zu

sein, daß ich auf Alles achte, was Ihnen zum Wohlsein gereichen kann als

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 35 / 80 题