Dein Dich liebender Vater

Jerome.

Paris, 26. Januar 1851.

Meine geliebte Jenny!

Alle Tage seit längerer Zeit greife ich zur Feder, um Deine guten

zärtlichen Briefe, die mich so beglücken, zu beantworten, und alle Tage

lege ich sie wieder fort, weil ich hoffe, Dir endlich einmal über die

Situation, die mich so sehr bewegt, etwas Tröstliches sagen zu können.

Ich hoffe, daß der gute Genius meines Vaterlandes es dem Unheil

entreißen wird: Du weißt, liebes Kind, daß ich es mir zum Gesetz gemacht

habe, ungefragt keinen Rat zu erteilen, und mich aller Politik fern zu

halten; auch sehe ich meinen Neffen höchst selten, damit man nicht

behaupten kann, daß ich ihn nach irgend einer Richtung hin beeinflusse.

Ich sehe aber nur zu deutlich die ganze Gefahr der Lage, die, durch die

Intrigen der Herren Thiers und Konsorten, alle Tage kritischer wird.

Ich habe voller Freude die Bilder Deiner Kinder erhalten, ich habe sie

einrahmen lassen und sie stehen vor mir; küsse sie zärtlich von mir. --

Unserer lieben Pauline geht es besser, und ich hoffe, ihr Auge wird

erhalten werden. Ich freue mich, daß das gerechte Avancement Deines

Onkels Dich beglückt hat; ich habe sehr wenig Teil daran; er hat es sich

durch seine Talente und seinen eigenen Wert selbst geschaffen. Ich

bedaure nur, daß er den alten Invaliden vergessen hat und ich ihm nicht

die Hand drücken kann.

Ich presse Dich an mein Herz, geliebtes Kind, und segne Dich. Wollte

Gott, alle meine Kinder wären so gut wie Du und die liebe Pauline!

Jerome.

Gourdex, den 22. Februar 1851.

Das Bildchen unseres lieben Otto, meine geliebte Jenny, macht mir die

größte Freude; von Dir gemalt, liebes Kind, ist es eine doppelte Freude

für Deinen alten Vater. Ich danke Dir und segne Dich für die Freude, die

Du mich empfinden läßt. Umarme Deine Kinder, indem Du meiner gedenkst!

Ich hoffe, meine Jenny, daß ich nicht sterben werde, ohne Dich und Deine

Kinder wiederzusehen. Wenn Gott es will, daß die Geschicke meiner

Familie sich konsolidieren, so sollen die, die meinem Herzen nahe

stehen, nicht vergessen werden! -- Seit einem Monat erfreue ich mich

hier der vollkommensten Ruhe bei einem Wetter, einer Sonne, die ich in

gleicher Jahreszeit selbst in Italien nicht erlebt habe. Aber ich denke

doch am 1. kommenden Monats zurückzukehren, denn Deine gute Schwester

leidet unter meiner Abwesenheit, und ihr lieber Napoleon genügt ihr

nicht! ...

Im Schatten der Titanen: Erinnerungen an Baronin Jenny von Gustedt · 第 22 / 80 题