Die übrige Zeit der Sitzung, welche acht Tage dauerte (das heißt,
nachts schliefen wir und da ließ ich das Gör los), schrie sie aus
Leibeskräften.
Denkt Euch, mit dieser kleinen Wildkatze, heulend, an den Haaren
ziehend, (ja!) und Fußtritte austeilend, und bei alledem mit Hand und
Auge sicher die Linien mit Feder und Tusche ziehen zu sollen. Ja, ja,
Ihr!
Und dann noch mein linker Arm, der geradezu wie gelähmt wurde! Dieses
war ein Rekord in seiner Art.
Wenigstens meiner eigenen, bescheidenen Meinung nach.
[Illustration]
Ferienaufgaben.
Das Bild hat wohl bald eine ~historische~ Bedeutung, denn ich bin
gewiß, daß unser jetziger Kultusminister, der frühere Rektor meiner
Jungens, diese Unsitte abschaffen wird.
Sieh diesen armen Jungen, Pontus, an, der hier sitzt und sich zu den
Vögeln hinauslehnt und dem der Fliederduft in die Nase zieht, ihm
zurufend: Komm hier heraus!
Als ich mich soeben Pontus gegenüber groß tat, daß ich in diesem
Buche so in verschmitzter Art für die Abschaffung der Ferienaufgaben
einträte, antwortete er trocken: „Einen Menschen einen halben Sommer
hindurch mit Modellsitzungen zu quälen, müßte auch gesetzlich verboten
werden!“
[Illustration: Ferienarbeiten.]
Jetzt ist er schon weit draußen auf dem Hof.
Es ist nicht der Mühe wert, mit solchen Schlingeln Mitleid zu fühlen!
[Illustration]
[Illustration]
[Illustration: =Erbsendöppen.=]
[Illustration: =Geburtstagsmorgen.=]
[Illustration: Puppentheater.]
[Illustration]
Apfelblüte.
Wenn man doch jetzt Dichter wäre. Dann könnte man sich der Sache
schnell entledigen. Sicher ist, daß ich in Prosa nicht mehr daraus zu
machen vermag, als was Ihr mit eigenen Augen auf dem Bilde seht.
Aber mein allerfeinster Instinkt läßt es mich ahnen, wie die Versfüße
im Takt mit Lisbeths kleinen Beinen und allen andern um den kleinen
Apfelbaum herumtanzen würden. Und wenn wir so eine Weile getanzt
hätten, würde sich die ganze Welt um uns im Kreise drehen! Heißa! Sie
könnte es nicht lassen!
[Illustration]
Das Frühstück der Siebenschläferin.
Aber wie sieht sie verweint und häßlich aus, meine kleine süße Kersti!
Ist es vielleicht, weil Esbjörn auf ihrem Hut Rad gefahren ist?
Oder aus demselben Grunde, wie die Katze, oder um ihre eigenen Worte
zu gebrauchen: „Pamphilos hat, seitdem Suzanne fortfuhr, so traurig
ausgesehen, sie ist gar nicht mehr vergnügt!“
Nein, mein Lieber, das ist nur deshalb, weil sie, wie die Überschrift
andeutet, in die für ihr empfindsames Ehrgefühl peinliche Lage geraten
ist, aus den auf dem Frühstückstisch befindlichen Resten sich ihre
Mahlzeit suchen und diese dann ganz allein verzehren zu müssen.
Und das genügt, um die Lebensfreude eines solchen kleinen Menschen zu
zerstören.
Und dann Du, Erwachsener! Warum glaubst Du wohl, daß Du mit saurer
Physiognomie umherläufst!
[Illustration]
[Illustration]
Gratulation.
„Du wirst es Dir denken können, daß Karintag heut’ ist,
Wir haben deshalb draußen die blau-gelbe Fahne gehißt“
und dann folgt ein langes, unbeschreiblich schönes, zärtliches
Namenstagsgedicht, dessen Schluß lautet:
„Du wirst aus unseren so dargebrachten Gefühlen wohl hören,
Wie hoch wir Dich als Gattin, Mutter und Herrin verehren.“
Sehr schön!
Der Dichter liegt übrigens lauschend im Nebenzimmer und hört
glückstrahlend zu, wie die Mädels deklamieren.
[Illustration]
Achtzehn Jahre.
Kürzlich ist Suzanne aus London, wo sie bei ihrer, mit einem Engländer
verheirateten Tante weilte, zurückgekehrt; und nun lebt sie mit vier
Geschwistern, welchen sie die Wirtschaft besorgt, in Falun.
Gerade jetzt kamen sie nach Hause -- es ist Sonnabend. Stolz auf die
uralte Mähre „Lisa“ geklettert, ritt ich ihnen entgegen. Ulf kam
per Rad und die andern von Braune gefahren. Denkt Euch, diese ganze
Kavalkade über Sundborns Brücke!
Suzanne legte sehr ordentlich ihr Wirtschaftsbuch vor. Die Buchführung
stimmte.
Ich glaube, sie haben sich meistens von Blaubeerensuppe und Eierkuchen
ernährt.
[Illustration: Suzanne und noch Jemand]
Genesung.
Ja, es gibt Ereignisse, bei denen unsere ganze Philosophie nicht
ausreicht.
[Illustration]
Ich philosophierte so, wie Dickens seinen Mark Tapley philosophieren
ließ: geradezu seine ganze Ehre daran zu setzen, froh und vergnügt zu
sein, mitten in niedrigster Selbstsucht allem Betrug und menschlicher
Jämmerlichkeit.
Ja, froh zu sein, ja! Das kann in recht verschiedener Weise geschehen.
Der, welcher gedankenlos grinsend durch das Leben geht, der ist es
nicht, den ich meine.
Nein, der, welcher es in klarer Winternacht unternimmt, in das Weltall
hinauszusteigen und dort einen Spaziergang macht -- einen ganz kleinen
-- um Gottes willen nicht zu weit, nicht weiter, als daß er sich
wieder zurückfindet! -- und hier und da auf der Milchstraße einen
Abstecher macht, und denen auf den Sternbildern freundlich zunickt und
nicht vom Entsetzen gepackt wird vor des Raumes und der Zeit ewigem
und unendlichem Fortgang, sondern der, welcher im starken Vertrauen
auf das Rechte und Gute, und auf eine sichere Allmacht es riskiert,
lächelnd, fest und ruhig, sich in allen versteckten Winkeln der Natur
umzuschauen, von dem meine ich, daß er der rechte sei. Mein froher
Mensch.
Ich selbst? Ach, ich bin ein armes, suchendes, zagendes Menschenkind,
aber ich besitze wenigstens so viel ~Verstand~, froh ~auszusehen~, auch
wenn mir das Herz in der Kehle steckt. Und schon das rechne ich mir zur
Ehre an.
Aber ....
Dann kommt das Totengerippe klappernd Deine Treppe hinauf. Du schlägst
die Tür ins Schloß und hältst zu. Näher und näher kommt es. Es faßt an
die Klinke und zieht, stärker und stärker; Du vermagst nicht länger
.... Die Spalte wird größer und größer, jetzt kannst Du ihm in seine
unergründlichen Augen schauen, die Dir alles und nichts sagen.
* * * * *
Welch’ eine Welt! Deine Kräfte sind zu Ende. Du warst eben im Begriff,
Deinen Griff loszulassen, weil Deine Finger erstarren ...
Da geht er. So ganz ohne weiteres!
Sie ist gerettet! -- „Alle Gefahr vorüber!“ sagt der Arzt, und ich
finde ihn herrlich und mächtig, ich würde seine Knie umfassen,
dürfte ich meinen Gefühlen nachgeben. Aber das, was ich küsse, sind
ihre, meines geliebten, armen, kleinen, abgemagerten Weibes schmale
Fingerspitzen, die Ärmelspitzen und der von der Pflegerin geflochtene
Zopf, der sich so schwarz abhebt von dem weißen Bett.
Mit welcher bezaubernden Pracht schimmert einem das Leben wieder!
Und Du gehst auf den Zehenspitzen, und Du flüsterst, aber Du
fühlst, daß Du vor Glückseligkeit strahlst, und Du ziehst Dich
in die Einsamkeit zurück, setzt Dich hin und läßt es unbehindert
heruntertropfen in das Gesangbuch, an der Stelle, wo Du gestern lasest:
„Siehe, das Grab wird geöffnet und in dessen Tiefe verschwindet
Dein Freund. Er kehret nicht zu Dir zurück, aber bald wirft Du ihm
nachfolgen. Bald ruhen unsere erstarrten Glieder, und weder Sommerwind
noch Sonnenschein wird ihnen wieder Leben spenden.“
[Illustration]
[Illustration]
[Illustration: =Genesung.=]
[Illustration: =Das Weihnachtsmahl.=]
[Illustration: Karin und Lisbeth.]
Das Weihnachtsmahl.
Gute Gewissen und gute Mägen sind für den Weihnachtsabend so sehr
notwendig, um pro primo, alles gut schmecken zu lassen, und pro
secundo, damit der Magen alles vertragen kann.
All’ diese Herrlichkeit wird zunächst von den alten Männern und den
Gören in Augenschein genommen. Dann erscheinen Johann, Johanna und
Sanna, alle drei kerzengrade und mit feierlichem Ausdruck. Aber Johann
trägt seine Geige unter dem Arm, und Johanna hat einen ganz, ganz
kleinen Schelmenblick im Auge.
[Illustration: Weihnachtsmorgen.]
Wenn alles in der Küche fertig ist, kommen die drei Dienstmädchen,
Anna, Tilda und Martina herein, Nürnberger Puppen gleichend, so adrett
und aufgeputzt, frisch gestärkt und gebügelt, die gesunden, fröhlichen,
tüchtigen, ehrlichen Mädels! ... Na, und da, sieh mal an, da kommt der
kleine Bäckström mit seiner Alten. Sie strahlen wie ein paar Kerzen bei
der Weihnachtsmesse. Ja, die besitzen Liebe und Zufriedenheit! Zuletzt
kommt Tekla, eigensinnig am Schürzenzipfel kauend und schüchtern
lächelnd.
Jetzt sagt Karin: -- Bitte seid so gut! und Suzanne und Lisbeth reichen
das Brot herum. Bald darauf klirren Messer und Gabeln, die Männer
räuspern sich, aus irgend einer angenehmen Veranlassung, und Johanna
bringt die Mädchen zum Erröten und Lachen.
Nach einer Stunde ruht ein Schimmer von Zufriedenheit auf allen
Zügen, man hat das Bewußtsein, daß man seine Sache gut gemacht hat,
ohne Unordnung und Betrug. Und dann kommt der Kaffee mit Bretzeln und
Schürzkuchen. Und dann wird geknixt und treu drückt man sich die Hände.
Johann aber stimmt die Geige: Der Reigen geht durch die ganze Hütte, in
jeden Winkel hinein, hinauf und hinunter über alle Treppen, zuletzt im
Kreis um die alten Greise herum.
Die lächeln zufrieden und geehrt.
[Illustration]
[Illustration]
Frosinchen geht einst mit zur Stadt
Die sie noch kaum gesehen hat.
Ein =A-B-C=-Buch kauft sie dort:
Drin prangt ein Huhn, das immerfort
Nur süßes Zuckerzeug tut legen.
Frosinchen, stolz auf solchen Segen,
Verläßt voll Wissensdurst den Laden!
O weh! wie kam sie bald zu Schaden!
[Illustration]
Zu Hause sagt das Mütterlein:
„Nun wollen wir mal fleißig sein“.
[Illustration]
„Zuerst da lernen wir geschwind
Die fünf Vokale, liebes Kind!“
[Illustration]
„Sodann, so merk’ Dir, dies ist „=b=“,
Nach links gedreht wird es ein „=d=“.
[Illustration]
„Na, sieh mal an, Du dummer Daus!
Bei Dir das „=t=“ wie „=f=“ sieht aus!“
[Illustration]
„Nein, nein, wie bist Du schrecklich dumm,
Mir dreht das Herz im Leib sich um!“
[Illustration]
„Ganz spielend lernt sonst eine Jede!
Doch Du, mein Kind, bist mir ~zu~ blöde“!
[Illustration]
Der Mutter Schelten kränkt Papa,
~Er~ übernimmt das Lehramt da.
Indes Mama erzürnt entweichet,
Frolinchens Backe sanft er streichet.
[Illustration]
Und Kind und Vater still beglückt
Man hier auf diesem Bild erblickt.
[Illustration]
Doch balde folgt dem Glücke Pein,
Denn die Gelehrsamkeit bleibt klein.
[Illustration]
Verzweifelt fliegt das Buch zur Wand,
Indes der Vater fortgerannt.
-- -- -- --
[Illustration]
Doch andern Morgens liegt im Buch
Von süßem Zuckerzeug genug.
Und Vater, Mutter sowie Kind
Nun wieder froh und einig sind.
[Illustration: Sonnenblumen.]
[Illustration: =Das Blumenfenster.=]
[Illustration: =Das Angeln.=]
[Illustration: Großmutter und Enkelin.]
Die
Muster-Erziehung.
[Illustration]
Eufrosinchen, klein und putzig
Die ist heute schrecklich schmutzig.
[Illustration]
Doch als Mutter waschen will,
Schreit sie sehr und hält nicht still.
[Illustration]
Vatern macht das Schreien wild:
Was er tut -- zeigt dieses Bild.
Kaum sieht das der Galgenstrick,
Lacht er laut und voller Glück.
[Illustration]
Mutter wundert sich indessen,
Daß der Schmerz so rasch vergessen.
[Illustration]
Derweil Mädi mit Bedacht -- -- --
~Tut, was Vater vorgemacht~.
[Illustration]
Dies gefällt der Mutter nicht:
Furchtbar ist das Strafgericht.
„Wenn Du’s wagst -- --“
oder
„Der Respekt geht über alles.“
[Illustration]
„Du! mein Bild -- das ist noch naß!
Lisbeth Göre, läßt Du das!“
[Illustration]
Lisbeth läßt es gleich dabei
-- kehrt den Rücken der Stafflei.
[Illustration]
„-- Lisbeth, wage Dich nur dran,
gleich holt Dich der Kuckuck dann!“
[Illustration]
Lisbeth ihr Vorhaben läßt,
aber -- die Idee sitzt fest.
[Illustration]
„Lisbeth, rührst mein Bild Du an,
Haue kriegst gewiß Du dann!“
[Illustration]
Lisbeth, die vor Neugier bebt --
~Dennoch~ ihren Finger hebt.
[Illustration]
Niemand ernst noch bleiben kann,
Lisbeth tippt zuletzt doch dran.
[Illustration]
Hieraus lebt: Zu jeder Frist
~Lisbeth ein Charakter ist~.
[Illustration]
[Illustration: =Unter der großen Birke.=]
[Illustration: =Die Schneeschuhe.=]
[Illustration: Die Weihnachtsgarbe der Vögel.]
Eine Scherzfrage lautet: „Welche Ähnlichkeit besteht zwischen Kronos
und Carl Larsson?“ Und wenn der Dumme, der so gefragt wird, dann
zunächst nur den Mund aufsperrt, dann bekommt er zur Antwort: „Daß
beide von ihren Kindern leben!“
Allerdings. Doch laßt mich jetzt, bevor ich diese Zeilen schließe, auch
noch ein paar ernste Worte hinzufügen. Daß diese Bilder mit Motiven aus
meinem Heim in die Welt verstreut werden, macht wenigstens mich selbst
froh. Es liegt darin etwas von dem „Hinausgehen und allen Völkern
predigen“. Worüber? Über das Glück des Fünfzigjährigen? Glück? Ganzes
Glück gibt es nicht! Der Schuh drückt stets irgendwo, und das ebenso
gut bei denen, die viele Schuhe besitzen als bei denen, welche gar
keine haben. Aber die Kinder -- und von ihnen handelt eigentlich dieses
Buch -- sind die Träger unserer Hoffnungen und unserer Sehnsucht.
Diese sind ebenso wie Du und ich tot geboren. Und doch: ihre rosigen
Wangen und dicken krummen Beinchen, ihr fröhliches Geplapper, ihre
bitteren Puppen- und Schularbeitssorgen, ihre verdrehte Ausdrucksweise,
ihr Appetit, all’, all’ dieses erregt unser Entzücken, wir lachen,
bis uns die Tränen an den von des Lebens Sorge durchfurchten Wangen
herunterrollen, und wir drücken sie fast tot, diese Kleinen und danken
Gott, daß er sie uns gab, denn wenn wir einst fort sind, dann -- zum
Kuckuck! -- sind diese noch da! Schließet sie, diese ~meine~ Kleinen,
in ~Eure~ Arme, Ihr seid es mir schuldig, denn Eure Kleinen sind mir
fast ebenso lieb, wie meine eigenen. ~Ihnen gehört das Himmelreich!
Sowohl Deinen wie meinen Kindern!~