Ralph Waldo Emerson

[Illustration]

[Illustration: =Brita und ich.=]

[Illustration: =Karin und Kersti.=]

[Illustration]

_Sundborn, am Heiligabend 1898._

Gerade am Heiligabend, und gerade hier in Sundborn will ich diesen

Text zu den Bildern aus meinem lieben Heim in Dalekarlien beginnen.

Ich denke dadurch etwas Weihnachtsstimmung hereinzubekommen und Dich,

lieber Leser und Beschauer, in Deiner frohesten Stimmung anzutreffen.

Um es so wagen zu können, Dich für mich und das Meine zu interessieren.

Ich habe Dich ja so lieb! Du wirst bald merken, daß es gerade das

Interesse dafür, wie Du es hast, ist, welches mich veranlaßt, die

hier vorliegenden Bilder herausgeben zu lassen. Nimm es nun auf, wie

Du willst, jedenfalls, ich ~muß~ sie Dir zeigen. Sei mein Freund!

Dann wirst Du mich weniger anmaßend, und meine Betrachtungen weniger

sentimental finden.

Also! Wenn ich jetzt so bei Dir an Deine Stimmung appelliere, muß ich

gestehen, daß ich selbst ein klein wenig mißgestimmt bin, denn, bei

näherer Betrachtung sehe ich soeben, daß meine Kinder viel zu viel

„Julklapps“ bekommen. Damit werden sie verwöhnt und ~das~ ist nicht

gut. Ich erhielt während meiner ganzen Kindheit nur ein einziges

Weihnachtsgeschenk, das aber war mir zeitlebens von Nutzen, denn aus

ihm erwuchs in meinem kleinen, vertrockneten Herzen die Tugend der

Dankbarkeit:

Vater, Mutter und ich saßen eines Heiligabends in dem einzigen

Zimmer, welches wir besaßen, vor dem Kaminfeuer. Viel Armut war darin

zu finden, aber keine Mißgunst. Mutter betrachtete die sogenannten

„besseren“ Leute, als seien sie in der Tat so etwas wie höhere Wesen,

denen es ganz selbstverständlich gut gehen müsse, Vater dagegen fand

alles um sich herum so ausgezeichnet, wie es nicht besser hätte

sein können; und wäre er plötzlich -- na, sagen wir mal -- zum

Staatsminister ernannt worden, so würde ihn „diese kleine Veränderung“

weder erstaunt, noch sonderlich beglückt haben.

[Illustration: Die Mutter des Künstlers]

Weil uns so gänzlich alles Weihnachtliche fehlte, so fing der Vater,

wohl in der Absicht, uns dennoch etwas in Weihnachtsstimmung zu

versetzen, an, von seiner Heimat in Sörmland zu erzählen. Er erzählte,

wie ~wir~ im fünfzehnten Jahrhundert den Bauernhof „Hammarby“ gegen

„Klein-Löfhulta“ eingetauscht hatten: „Von der alten Fräulein Lillie“

sagte er so ruhig, als sei es gestern gewesen. Von wem er es selbst

wußte, weiß ich nicht. Er erzählte weiter, daß der See früher bis zu

der uralten Kirche reichte und meinte, das sei ihm auch ganz klar,

weil er einst, noch als kleiner Knabe, dort einen, in einen Stein

festgenieteten eisernen Ring gefunden habe, einen solchen, an dem

Schiffe festgekettet wurden, so daß ja als sicher anzunehmen sei, daß

unsere Vorfahren Wikinger gewesen wären.

(Diese anmutige, behende Art, seine Vorfahren anzudeuten, hat eine

gewisse Ähnlichkeit mit der grundlegenden Absicht dieses Buches. Auch

dieses soll dartun, wie beim schwedischen Bauern die Anhänglichkeit an

Heimat und Scholle zu tief wurzelt, als daß es möglich wäre, sie selbst

durch den neuesten amerikanischen Patentpflug auszuroden.)

Während er noch so halblaut plauderte, tat sich die Tür ein wenig auf,

um dann sofort wieder zuzuschlagen. Aber ich hatte doch gehört, daß

etwas hereingeworfen wurde, und meinen Augen war das Vorüberhuschen des

Rockes einer Dragoneruniform nicht entgangen.

Auf dem Fußboden lag ein kleines Paket mit der Aufschrift „Carl“ und

es enthielt ein Bonbon, ein stattliches Bonbon, ein königliches, mit

Fransen aus Seidenpapier und mit einem, in Spiralform darauf geklebten

Vers. Es war ein Begräbnis-Bonbon. Und deshalb war der Vers sehr

trostreich.

Seitdem steht der Name von Sergeant Erbsmann mit goldenen Lettern in

flammender Schrift auf der reinsten Seite meiner Erinnerungen.

* * * * *

Und jetzt sitze ich selbst und verteile Weihnachtsgaben im eigenen

Nest. In diesem Nest, von dem ich erzählen will.

Zunächst etwas darüber, wie es mein wurde.

Vor einigen Jahren machten mein Schwiegervater und ich eine kleine

Reise nach Dalarna, um Siljan herum. Dann aber führte uns ein kleiner

Abstecher nach dem Heimatort meines Schwiegervaters, Sundborn, wo zwei

alte Schwestern von ihm in einem ihm gehörenden Häuschen wohnten.

Es war ein kleiner, häßlicher, unansehnlicher, auf einem Schlackenhügel

gelegener Bau. Man nannte ihn „Klein-Hyttenäs“, zum Unterschiede

von dem, dem Nachbarn gehörenden „großen“ Hyttenäs. -- Das bißchen

Erde, auf dem Kartoffeln gebaut wurden, war von anderswo hierher

gebracht worden, und nur eine Hand voll Lehm ermöglichte es einigen

Fliedersträuchern, den Duft und die Pracht Persiens über das Ganze

zu verbreiten. Das Hüttlein steht unweit derjenigen Stelle, wo der

Sundbornsbach eine Biegung macht, und wo er sich eine Kleinigkeit

erweitert. Ein schmaler, abschüssiger Fußpfad führt unmittelbar zum

Wasser, und dort liegt ein alter Nachen, um anzudeuten, daß hier

„der Hafen“ sei. Neun schlanke Birken hatten unaufgefordert in der

Schlacke Fuß, d. h. Wurzeln, gefaßt und sie machten in der Tat nicht

den Eindruck, als litten sie hier unter Langerweile. Auch den beiden

Alten konnte man keine Not ansehen. Zwei Muster von Ordnung. Und hatten

doch nicht mehr, als sie so gerade zum Leben brauchten. Im Hause war

alles sauber und nett. Die Möbel vom einfachsten Schlage, altmodisch

und haltbar, ein Erbstück ihrer Eltern, die auf einem Gut in der Nähe

gewohnt hatten.

[Illustration]

An dieser Stätte überfiel mich das herrliche Gefühl der

Abgeschiedenheit vom Lärm und Getriebe der großen Welt, so, wie ich es

nur einmal vorher empfunden hatte. Und das war in einem ~französischen~

Bauernhof gewesen.

Als mein Schwiegervater mir daher vorschlug, mir im selben Dorf ein

nicht zu großes Gut zu kaufen, lehnte ich mit absoluter Bestimmtheit

ab, und begründete das, indem ich ihm erklärte, daß sich nur etwas, was

diesem kleinen Idyll gleiche, für einen Künstler eignen würde.

Einige Jahre später starb die eine der Schwestern. Die andere mochte

nicht allein so einsam wohnen bleiben, und da erinnerte sich mein

Schwiegervater meiner damaligen Äußerung, und schenkte mir das Haus mit

allem, was darin war.

Dafür soll er bedankt sein! Es tut mir in der Seele leid, daß dieser

Ehrenmann starb, ehe er sehen konnte, wieviel Segen seine Gabe brachte.

Denn sie hat viel zu unserm Glück beigetragen. Dort ist gezimmert und

gemauert worden, jeden Sommer, soweit die Zeit und der Geldbeutel es

zuließen. Meine Arbeit floß so leicht, ich hätte fast gesagt im Takt

mit den Axtschlägen und dem Hämmern der Zimmerleute aus dem Dorf. Jedes

Brett, jeder Nagel, jeder Wochenlohn kostete mich einen kummervollen

Seufzer, aber ich dachte, kommt Zeit, kommt Rat. Das Haus ~mußte~ ich

so haben, genau so, wie ich haben ~wollte~, sonst hätte ich mich nie

darin wohl gefühlt, und daß meine Arbeit darunter hätte leiden müssen,

war mir klar.

Das Ergebnis dieser Umgestaltung meiner Hütte ist es, welches ich Euch

zeigen will. Euch, die Ihr zum Teil größere Landhäuser besitzen möget

als ich. Zum Teil vielleicht auch nur Luftschlösser. Es geschieht nicht

in eitler Absicht, zu zeigen, wie ich es habe, sondern weil ich meine,

hierbei so verständig zuwege gegangen zu sein, daß es, wie ich glaube,

als -- soll ich riskieren, es geradeaus zu sagen? -- ~Vorbild~ dienen

könnte -- (so, jetzt ist es raus!) für Viele, welche das Bedürfnis

haben, ihr Heim in netter Weise einzurichten.

Hier ist es, ein Haus, welches nicht viele Taler wert war, und dessen

Möbel noch wertloser waren. Die „Renovierung“ (klingt das nicht

großartig?) wurde durch geradezu lebensgefährliche Hiebe auf das

jährliche Einkommen -- welches mitunter so, manchmal aber auch anders

war -- bestritten.

Und jetzt ist die Hütte fertig -- glaube ich.

* * * * *

Wenn Du dieses Hauses Schwelle betrittst, bist Du bei glücklichen

Menschen. Sonst ist nichts Merkwürdiges hier, außer der Hütte selbst.

Der liebe Gott hat mich in reichstem Maße mit den guten Gaben des

irdischen Lebens gesegnet. Meine Frau ist sicher einer von seinen

Engeln, der meinetwegen soweit irdisch wurde, als erforderlich ist,

um einem einfachen Haushalt vorzustehen und dafür zu sorgen, daß die

Kinder ordentlich und sauber sind.

Doch, wenn sie, Karin, in später Dämmerstunde in einer Ecke kauert, und

kaum ~mehr~ von ihr zu erkennen ist als die runden, träumenden Augen,

welche still, aber tiefernst zu mir herüberblicken, so voll von ewiger,

unveränderlicher Liebe, da ... da stürze ich zu ihren Füßen, berge

meinen häßlichen, kahlen Kopf in ihren Schoß und fühle, wie ich mit ihr

fortschwebe, still und sanft, in reine Luftschichten, in Gefilde, wo

nur Friede herrscht, wo das Grün im hellsten Schimmer steht, wo eine

Silberflut durch die herrlichste Landschaft flieht, wo die Luft nicht

durch die ~Sonne~ erwärmt und erleuchtet wird, sondern durch Gottes,

des Vaters strahlendes Lächeln.

[Illustration: Karin.]

Da wandern selige Geschöpfe in unschuldsvoller Nacktheit, schön und

rein, wie die Blumen. Bei diesem oder jenem glaube ich irgend etwas

wiederzufinden, irgend einen Zug, etwas, ich weiß nicht was, was ich

glaube gesehen zu haben bei ... Ist es nicht? ... Ja ... nein .:: wie

eigentümlich!

Die wunderbarsten Akkorde ertönen, die diese Gestalten bald zum

Lächeln, bald zum Weinen bringen. Mitten in dieser Glückseligkeit sehen

wir sie zu uns herabsinken und ihre Blicke fragen: „Woher? Daher? Wir

waren so grenzenlos unglücklich dort, wo nur Haß und Bosheit regieren!

Oder zehrende Langeweile! Und ihr, ihr lächelt das Lächeln der Seligen?“

Karin, deren Augen auch ~reden~ können, war gerade im Begriff, etwas zu

antworten, worüber ich mich sicher gefreut, und was mir geschmeichelt

hätte, als ein durchdringendes Heulen aus dem Jammertal uns rasch in

die gute Stube zurückrief. Es war Kersti, unser jüngstes Kind, die wild

schreiend hereingestürzt kam.

Da war irgend etwas, was sie haben ~wollte~. Ob es der Mond oder ein

Stück Zucker war, weiß ich nicht mehr, nur, daß Karin das Gör in

die Küche warf, „bis sie wieder lieb wäre“. Brita, die diese Strafe

grauenhaft fand, heulte. Und Lisbeth kam herein, Laute von sich gebend,

die nie enden zu wollen schienen. Bei Suzanne, die auch nur ein Mensch

ist, tropften schwere Tränen auf die Schürze herunter, Ulf schluchzt

nun ein für allemal ohne Grund und Ursache, und Pontus, der keine

richtigen Tränen herausbringt, schneidet Gesichter -- in einer höchst

unangenehmen Weise. Mitten in diesem ganzen Elend geht Lisbeth in die

Küche heraus, kommt mit Kersti an der Hand zurück, und führt sie mit

festem Schritt und den Blick streng und resolut auf uns gerichtet, zu

ihrem Platz am Eßtisch.

[Illustration]

Es war nämlich Abendbrotszeit. Niemand wagte, die Sache weiter zu

berühren -- denn Lisbeth ist ein Charakter. Nach kaum fünf Minuten

strahlt die ganze Familie in Glück, Friede und Einvernehmen. Kersti

fragt, ob Papa ein von ihr gedichtetes, schönes Lied hören will,

ähnlich wie sie immer zu dichten pflegt:

„Und der Kuckuck er ruft,

auf der Wiese so blau.“

Jetzt küßte ich Karin vor all den Gören. Mögen sie denken, was sie

wollen.

* * * * *

Einst sagte ich in einem verzweifelten Augenblick meines Lebens zu mir

selbst: „Es muß doch spaßhaft sein, weiter zu leben, um zu sehen, wie

es später wird.“

Seitdem sind zwanzig Jahre vergangen.

Als ich einst einem guten Freund, Kamerad und ehemaligen Schüler die

Bilder dieses Buches zeigte, sagte er: „Du hast das Rätsel des Lebens

gelöst!“ Das verstand ich nicht sogleich, aber einige Jahre später

schlug ich mir mit der Hand vor den Kopf und sagte: „Ja, das hab ich!“

Und zwar als ich mich verheiratete!

Wenn -- o, möge es so werden! -- die verheirateten Leute ein klein

wenig Freude an diesem Buche haben, so soll es andererseits den

Unverheirateten zum großen Nutzen dienen!

Junggeselle! Es gilt das Leben! Löse eine Fahrkarte nach Falun. Dort

wirst Du von Johann und meinem kleinen wohlgenährten „Braune“ abgeholt.

Nachher darfst Du ganz ungestört in meiner ländlichen Equipage

sitzen und Dich der schönen Landschaft von Dalarna erfreuen, die Du

durchfährst. Da die Fahrt wenigstens ein und eine viertel Stunde

dauert, hast Du Zeit genug. Du darfst Dich mit Johann unterhalten und

erfährst, daß Du „Sveden“ berührst, den Ort, wo Svedenborg geboren

wurde, und wo Linné seine Hochzeit mit Sara Morea feierte. Dann fährst

Du hinauf und herunter über ein paar langgestreckte Hügel, und wenn Du

ein praktischer Mann bist, so wirst Du Dich über die gut gepflegten

Wälder freuen oder darüber, wie gleichmäßig und schön der Hafer steht.

Bist Du aber eine gefühlvolle Seele, so luge hinein zwischen die

Baumstämme und erfrische Dein an Staub gewöhntes Auge, indem Du Dir den

mit weichem Moos bewachsenen Waldboden ansiehst, auf dem die kleinen

Elfen sich tummeln und tanzen zwischen dem Preißelbeerkraut und den

Waldblumen. (Dies aber geschieht erst spät am Tage.)

Dann kommst Du (vorbei am Krokfors -- dem Anwesen, auf dem die letzten

drei Generationen der Vorfahren meiner Frau lebten --) zum Bach

herunter, der Dir murmelnd zuruft: „Eile Dich doch, sie warten auf Dich

mit dem Essen.“

Endlich poltert der Wagen über die Brücke in das Kirchdorf Sundborn.

Unter Euch braust der Fluß, der die Holzflöße nach Korsnäs und Runn

herunterbringt.

Der Wagen holpert herein zwischen altem Gerümpel und dampfenden

Düngerhaufen, über des Nachbars Hof durch die kleine grüne

Gartenpforte, die Hühner, halb besinnungslos, aus ihrem Mittagsschlaf

aufschreckend.

Johann hält vor der Veranda, wo Kapo, der Ordnung halber, etwas knurrt,

aber Euch gleich den Rücken kehrt, um seinen Freund Braune zu begrüßen.

Dann machst Du es genau so, wie alle andern Leute, anstatt uns zu

umarmen, stehst Du und begaffst die Wandmalereien über dem Schrank,

worin die Feuerspritze verborgen ist, und mit mildem Gesichtsausdruck

liest Du den lieblichen Vers über der Haustüre:

„Sei willkommen, Lieber Du,

Bei Carl Larsson und seiner Fru!“

* * * * *

Nun gehst Du in einen kleinen Vorplatz hinein, wo es Dir kaum möglich

sein wird, zwischen all den Kindersachen einen Haken ausfindig zu

machen, auf dem Dein Überzieher Platz hätte. Wirf ihn Helena zu, sie

wird ihn Dir irgendwo hinlegen, wo Du ihn nie wiederfindest.

Du wirfst einen Blick auf Dein angenehmes Gesicht im Spiegel,

„striegelst“ Dein Haar mit der Bürste, und entledigst Dich durch

Stampfen des äußerlichen Schmutzes dieser sündhaften Welt. Du wählst

eine der drei Türen. Natürlich die, die zum Eßzimmer führt. Du

machst sie auf und begegnest einem „Gottes Friede“, das an der Wand

geschrieben steht.

Durch die Glastüren des Schrankes siehst Du all das Tischgerät blinken

und strahlen. Auf dem Büfett stehen Reihen von Flaschen und Krügen, die

eine Auswahl Deiner Lieblingsgetränke enthalten. Karin kann dies nicht

leiden, aber ich finde immer, daß es so gediegen und solide aussieht.

Über dem Schrank hängen drei Teller, bemalt von Liljefors und Kreuger.

Jetzt ist der Tisch gedeckt, die Kinder stehen ungeduldig wartend

hinter den Stühlen und Dein Platz neben mir auf dem Sofa erwartet Dich.

Ulf betet salbungsvoll (wir glauben, daß er mal Prediger wird):

„Gott, gib jedem Kinde seine Nahrung, fleißigen Männern und Frauen

ebenfalls!“

Da Du ein sehr fleißiger Mensch bist, so ißt Du dementsprechend. Und

darüber freuen wir uns alle. Du genießest, was das Haus zu bieten

vermag, und obwohl dieses oder jenes anders ist, als Du es gewohnt

bist, läßt Du es Dir gut schmecken, und daran tust Du recht. Jeden

Sonntag essen wir zum Frühstück sogenannte „Flottmölja“, hier in

Dalarna ein allgemein bekanntes Gericht, bestehend aus in Milch

gekochtem „Knäckebröd“, gemengt mit einer Sauce aus Ziegenkäse und

Gott weiß, was die Köchin alles hineingetan hat. Als Fleisch ißt man

gebratenen Speck dazu oder ebensolchen grünen Hering.

Aber es kann auch sein, daß man Dich mit einem Essen anzuführen

versucht, welches auf italienische Manier zubereitet ist. Dieses

lernten die Frauen von der Signora Bellio, als sie sich mal einige

Wochen hier oben bei uns ausruhte. Und Du bekommst Zwiebeln zum

Hammelbraten auf französische Art. Du darfst Gesichter schneiden so

viel Du Lust hast, aber muckse Dich nicht! Bei uns ~sollst Du unser~

Essen haben. Damit basta! Ich war kürzlich bei einem sehr netten

jungverheirateten Ehepaar eingeladen; bei dem Abendessen hörte ich

jemand sagen: „Es ist keine Frage, daß die junge Frau gut kocht, wenn

sie bloß die verwünschte Muskatblüte weglassen möchte beim Spinat.“

Nein sie ~soll~ gerade dies Gewürz in ~ihrem~ Essen haben, ebenso

wie sie in allen andern Dingen ihren eigenen Geschmack haben sollen,

geradeso, wie ihr eigenes Wesen, so daß man auch merkt, daß man bei

~ihnen~ ist. Nur wenn das Essen nicht sauber oder nicht mit Sorgfalt

zubereitet ist, oder nicht mit einem freudigen Herzen dargeboten wird

--, dann darfst Du Dich beschweren.

Übrigens -- da von Essen und Trinken die Rede ist: -- fanden wir

da kürzlich ein altes Buch mit dem schönen Titel „Adelige Übungen,

viertes Heft, mit dazugehörigen Kupferstichen, gedruckt in dem Sal

der Königlichen Buchdruckerei. Niclas Wankyfs Druckerei. Anno 1690“.

Darin stehet zu lesen: „~Usus Globorum~, das heißt: Den Nutzen, den

man von den Globen in der Astronomie und der Geographie hat: Von

Skantz Oeconomia oder Wirtschafts- und Landwirtschaftsbuch: Ärztebuch,

Gartenbuch und zuletzt Kochbuch.“

Karin beabsichtigt, Dir nach einem Rezept des letzteren ein Gericht zu

kochen. Das Rezept ist folgendes:

„~Kraft-Brühe.~ Nimm 3 Rebhühner, 2 Kapaune, das Viertel eines Schafes,

eine Kalbskeule, schneide von allen das Fett ab, zerschlage die Knochen

der Vögel, lege alles zusammen in eine Zinn- oder Kupferflasche, ohne

irgendwelche Flüssigkeit, tue den Deckel fest darauf und verklebe ihn

mit Brotteig. Laß das Ganze in einem Kessel voll Wasser kochen, sieh

aber zu, daß der Deckel der Flasche nicht ins Wasser kommt. Wenn man

nicht alles verderben lassen will, nimm die Flasche heraus, wenn es 12

Stunden gekocht hat, siebe es durch ein Leinentuch und drücke den Saft

gut aus.“

Karin meint, daß es im ganzen einen Teller Suppe geben wird: aber wenn

Du diese Suppe erst verzehrt hast, denke ich, wirst Du heben können,

was Du willst, wenn es auch noch so schwer wäre. Sicherlich wirst Du

leise in das Tischgebet einstimmen:

„~Gestärkt~ verlasse ich den Tisch,

hab’ Dank, o guter Vater.“

[Illustration]

[Illustration: =Apfelblüte.=]

[Illustration: =18 Jahre!=]

[Illustration]

* * * * *

Wenn die Kinder im Bett waren und die Dienstmädchen sich auf ihr

Kämmerchen neben der Waschküche verzogen hatten, pflegten Karin und

ich uns im Eßzimmer besonders wohl zu fühlen. Ich las ihr etwas vor,

während sie die Löcher und Risse flickte, die im Laufe des Tages in

den verschiedenen Kleidungsstücken der Gören entstanden waren. Jetzt,

seitdem ich ein gar zu unwohnliches Garderobenzimmer zu einer Art

Atelier umgemodelt habe, sitzen wir meistens dort. Es liegt in einer

Reihe mit den beiden Schlafzimmern, und von da aus kann Karin ihre

Kleinen hören, wenn sie aufwachen und eines beruhigenden Wortes, eines

Kusses oder einer Abreibung bedürfen, sofern ihnen zu heiß ist, um

einschlafen zu können.

An den sonnigen, regenfreien Tagen essen wir unter der großen Birke

hinter dem Wohnhaus. Weißt Du, diese Birke ist das schönste von allem!

Wenn dieser Baum nicht wäre, hätte die ganze Besitzung gar keinen Wert

für mich. Er gibt einen so herrlichen Schatten, und es ist dort gerade

so ein ganz klein wenig zugig, so viel, daß sich weder Mücken noch

Motten dort wohlfühlen.

Die Manieren sind dort noch ungezwungener, und die Kleinen mit den

bloßen Füßchen verzehren dicke Milch mit einem Eifer, der himmlisch

ist. Und wie sie sich unterhalten und herumtummeln! Wenn Karin jemand

klar machen will, wie wundernett es ist, sich mit der munteren Schar

abzugeben, pflegt sie mit leuchtenden Augen, voll Überzeugung zu sagen:

„Es macht viel, viel mehr Spaß, als ins Theater zu gehen!“

Als ich heute mit hausväterlicher Würde zwischen ihnen saß und so

erbaulich wie möglich versuchte, ihnen auseinanderzusetzen, daß es

Gottes Fügung war, daß der einfache Soldat Bernadotte aus Pau König

von Schweden und Norwegen wurde, und daß dies sicher auf einem Blatt

im Buche des Schicksals vorher bestimmt gewesen sei, sagte Lisbeth mit

einer unnachahmlichen Schulterbewegung: „König? Ah, man verheiratet

sich ganz einfach mit einer Prinzessin und die Sache ist fertig!“

Es ist ja gewiß recht dumm, aber man muß darüber lachen. Und so sind

sie immer. In der Schule fragte der Lehrer, was man unter „Schmarotzer“

verstehe -- nach meiner Ansicht nichts, was man den Kindern

beizubringen braucht! -- Keiner in der Klasse konnte diese Frage

beantworten, außer Pontus, der einen Finger hochhielt (das Schäfchen)

und sich dann äußerte: „Ja, das sind solche, die immer im Sommer zum

Besuch kommen, wenn man auf dem Lande wohnt“ ... Als mir dies erzählt

wurde, lachte ich wahrlich nicht.

Ein anderes Mal gab Lisbeth folgendes zum besten: „Ich hatte gestern

Namenstag und ~Pontus~ heute, wir sind beinahe Zwillinge.“

Also -- um auf meine Hütte zurückzukommen, können wir ja auch so tun,

als wäre draußen ein Platzregen und wir müßten in der „guten Stube“

Kaffee trinken.

Diese Stube ist der Tempel der Faulheit.

Hier auf dem Sofa hat vorhin ein Mann seine vor Faulheit gebrochenen

Glieder ausgestreckt und sowohl seinen Körper als seinen Geist in

wonnigem Nichtstun gedehnt; und dieser Mann schämt sich jetzt, hier

einem -- nehmen wir an -- ~großen~ Publikum solches zu beichten.

Es ist mir wahrlich, wenn die Gewissensbisse zuweilen sehr schlimm

sind, ein großer Trost, zu wissen, daß mein Hund ~noch~ fauler ist als

sein Herr.

Außer der Faulheit und der Treue teilt er mit mir noch eine

Eigenschaft, nämlich seine Vorliebe für Hühner. Er kann kein Huhn

sehen, ohne sofort hinter ihm herzulaufen, und trotz meiner energischen

Kommandorufe, welche meine ganze Willenskraft und meinen vollen Zorn in

sich vereinen, ist das Huhn mit einem Biß ins Jenseits befördert. So,

als hätte es nie existiert.

Ich versuche jedesmal, ihm die Untugend durch eine gehörige Tracht

Prügel auszutreiben. Aber es hilft nichts. Da sagte mir so ein Weiser,

wie sie uns mitunter auf unserm Lebenspfade begegnen, daß es nichts

leichteres gäbe, als dem abzuhelfen.

„Binde dem Hund das totgebissene Huhn um den Hals, und wenn es da

gehangen hat, bis es anfängt, übel zu riechen, da, glaube ich, hat der

Hund für alle Zeiten den Geschmack an Hühnern verloren.“

Kaum war der Rat erteilt und von mir angenommen, als ich die wilde Jagd

in Hauptmann Linderdahls Hühnerhof hörte. Es war ein außerordentlich

fettes, gesprenkeltes Huhn, welches sein Leben hatte hergeben müssen.

Ich befolgte den Rat des Weisen, und führte das arme Hundevieh so

ausgestattet an einer Kette durch das ganze Dorf. Hin und wieder gab

ich ihm einen kleinen Hieb, um ihm meine Absicht begreiflicher zu

machen.

Etwas so Jämmerliches sah die Welt noch nie. Die ganze Bevölkerung

war Zeuge dieser schandbaren Prozession. Das Huhn zwischen den

Vorderbeinen, mit eingezogenem Schwanz und düsterem Blick, so wurde der

Hund vorwärts getrieben. Das Jungenspack jubelte. Mein Herz krümmte

sich. Endlich, zu Hause angelangt, wurde er an die Kette gelegt.

Als ich nach einer Weile herauskam, um mich voller Grausamkeit in aller

Stille an seiner Schmach zu weiden ... war das Huhn bis auf den letzten

Rest verzehrt, und Kapo kam auf mich zu voller Dankbarkeit, mit dem

Schwanze wedelnd, um mir verständlich zu machen, wie ~ausgezeichnet~

ihm das Huhn geschmeckt habe.

Du reizender Kapo! Du verwöhnter Liebling der Familie!

[Illustration]

* * * * *

Da Suzanne gerade im Salon ist bei ihren geliebten Blumen, nehme ich

die Gelegenheit wahr, eine oft an mich gerichtete Frage zu beantworten,

nämlich die, ob meine Kinder „Talente besitzen“. Gar keine! Sie sind,

Gott sei Dank, so wie die Leute im allgemeinen. Anfangs glaubte man,

daß Suzanne eine Künstlerin werden würde. Diese Meinung kam auf,

nachdem sie dieses und ähnliche Bilder vollbracht hatte:

[Illustration]

Seitdem haben alle die andern Kinder auch Figuren gezeichnet, und immer

sollten sie Papa und Mama vorstellen.

Als ich klein war, zeichnete ich nur Offiziere und Birnen, das war wohl

das, was mir am besten gefiel. Und mit diesem Fünkchen Talent habe ich

es allmählich soweit gebracht, daß ich richtige Bilder male, die mir

meine Freunde abkaufen.

* * * * *

Bitte, sei so gut und tritt näher in mein Atelier! Wenn ich jemand da

hineinkomplimentiere, so geschieht das nur aus purer Höflichkeit und

mit dem geheimen Wunsch, daß Betreffender irgend einen Grund finden

möge, dieser Einladung ~nicht~ Folge zu leisten.

Denn es ist für beide Teile angenehmer, wenn ich bei der

Atelierbesichtigung nicht zugegen bin, damit die Leute ungestört und

nach Herzenslust darin kritisieren können. Sie dürfen meinetwegen

herzlich gern „finden“, so viel und was sie wollen.

Es ist unmöglich, allen zu gefallen. Wer ~den~ Versuch macht, der

gefällt keinem, schrieb mir mal der selige Professor Scholander.

Also, Du wirst mir eben so lieb sein, auch wenn Dir meine Kunst kein

Vergnügen bereitet, aber sei um alles in der Welt nicht ~bös~, weil ich

nicht ganz nach Deinem Geschmack malen kann; -- so etwas war auch schon

da. -- Denn dann finde ich, daß Du ein wenig dumm und sehr ungerecht

bist.

Zurzeit ist es kein Risiko, einen Blick hineinzuwerfen. Es steht

weiter nichts drin als eine alte Studie von Lisbeth und eine Skizze zu

einem der Wandgemälde für die Mädchenschule in Gotenburg. Es ist die

alte Anna, die dort als Modell für eine Hausfrau aus dem fünfzehnten

Jahrhundert sitzt.

Die Anna gehört nicht zu meinen Verehrerinnen, sie findet, daß ich sie

so alt „abmale“: und sie ist doch ~nur~ neunundsechzig Jahre alt (wie

sie sagt).

Ihr verdanke ich die Entdeckung, daß die Hütte ihr Gespenst hat.

Eigentlich muß man Kapo die Ehre dieser Entdeckung lassen. „Denn die

Tiere sehen, was unseren Blicken verborgen ist,“ so sagt wenigstens

Anna. Während der langen Wintermonate, die wir in Stockholm verbringen,

wird die Hütte von Anna und Kapo versorgt und bewacht. Eines Nachts

fuhr Kapo aus dem Schlaf, zitternd, bellend und winselnd, und das,

was die Alte da über den Fußboden schreiten sah --, ja, das war das

Gespenst der Hütte! Jetzt kennt und weiß es die ganze Gemeinde; und hat

seitdem um die Weihnachtszeit, während der wir stets in Sundborn sind,

irgend einer der Dorfbewohner etwas bei uns zu suchen, so benutzt er

sicherlich die kurze Zeit am Tage, wo es noch hell ist, um die Hütte

nicht nach Eintritt der Dunkelheit betreten zu müssen.

Ja, auch ich habe das Gespenst wohl bestimmt ~gehört~. Aber ~gesehen~

hab’ ich es nie.

Als ich meinen Kindern einmal erzählte, daß es aussehe wie eine alte

magere Frau, in einer Mütze mit langen Bändern unter dem Kinn -- uhh

-- mit, man weiß nicht was -- uuhh -- in ihrer gestreiften Schürze, da

schrieen sie mir alle, wie aus einem Munde entgegen: „Nein, so sieht

es ganz und ~gar nicht~ aus. ~Es ist ein schwarzer Mann mit glühenden

Augen!~“ Ich muß wirklich gestehen, daß ich mich furchtbar schämte

darüber, daß ich so wenig über das Aussehen meines eigenen Gespenstes

orientiert war! Meinetwegen darf es ja freilich aussehen wie es will;

ich sage nur, „Gott segne es, weil es so viel dazu beigetragen hat, die

Poesie der Hütte zu erhöhen“.

Aber, wir wollten uns ja im Atelier umsehen: Du siehst einen alten

gestützten Tisch, der einige Jahrhunderte hindurch wohl noch ausreichen

wird. Auf dem kolossalen, alten Lehnstuhl dort, der sicherlich

wenigstens zwei Jahrhunderte hinter sich hat, habe ich gesessen und

alle die Bilder gezeichnet für „Sehlstedts Lieder“ und Victor Rydbergs

„Singoalla“. Er leistet einem ordentlich Gesellschaft, denn er spricht

und räsonniert während der ganzen Zeit, die man dasitzt, vor sich hin.

Er hat die gleichen Eigenheiten und Manieren, wie die meisten Alten.

„Du warst ein Windhund und Durchgänger, Carl Larsson,“ sagt er, „glaube

nur, ich weiß schon Bescheid über Deine Vergangenheit. Du bist ein

ganz verwöhnter Schlingel, der immer gelobt wurde, statt etwas auf

die Finger zu bekommen. Und wie unverschämt Du ältere Leute wie mich

behandelst! Es geschieht Dir ganz recht, wenn Du jetzt getadelt wirst,

gerade, wenn Du ~versuchst~, etwas Ehrbares aus Dir zu machen. Und

jammerst Du auch etwas, so verringert das doch keineswegs Deine große

Schuld. Sei dankbar für die Schläge, Tunichtgut!“ ...

Ho, ho, ist das ein alter Nörgler. Mitunter wird er so unangenehm, daß

ich fortgehen muß. Dann wird er ganz still und verlegen. Im Grunde

genommen mag er mich wohl doch ganz gern leiden. Das habe ich gemerkt,

wenn ich zuweilen in einem Augenblicke tiefsten Mißmuts meinen Kopf an

seine eine Seitenlehne legte, denn da fühlte ich es so weich und sanft.

Und deutlich hörte ich ihn dann murmeln: „Weine Dich ruhig aus, mein

Junge, aber nimm Dich in acht, daß es niemand merkt!“

Vielleicht ist es unfein von mir, das Verhältnis zwischen dem alten

Lehnstuhl und mir der Öffentlichkeit preiszugeben. Aber nein, wieso!

Am Paneel läuft ein Wandfries entlang, der das Leben des Erlösers

darstellt. Es ist ein im vorigen Jahrhundert gemaltes Bauerngemälde

aus der Provinz Halland. Alle Personen außer Christus selbst, in

der damaligen Tracht jenes Landes. Es besitzt dieselbe ursprüngliche

Naivität und Grazie wie Giottos Fresken, aber für mich hat es ein weit

höheres Interesse.

Diese schwedischen Bauernmaler aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts

sind es, die mir, ich gestehe es offen ein, als Vorbild dienen. Denke

zum Beispiel an die alten Gemälde, die man in den Bauernhöfen hier

in Dalarna oder in Norrland findet. So ein tiefes, ernstes Gefühl,

gepaart mit einem so drastischen, gesunden Humor. Und welch’ nationales

Stilgefühl! Sie sind für mich ein weit kostbarerer Schatz, als es die

Erzgrube von Gellivara jemals für jemanden werden kann.

So, jetzt machen wir kehrt. Du wunderst Dich über die hohe Säule an

dem Sofa. Das ist mein Farbenschrank, richtig schlau eingerichtet,

mit Fächern und Namen der Farben versehen; obendrauf sitzt ein Mann,

nach meiner Zeichnung von Tischlermeister Bergström ausgesägt. Auf die

Schiebetür habe ich mein Teuerstes (~meine~ Karin) gemalt.

Seit einiger Zeit bin ich damit beschäftigt, mir einen richtigen,

großen Kasten von Atelier zu bauen, mit Nordlicht und viel Platz, damit

man sich ordentlich darin bewegen kann. Seitdem nun dieses seiner

ursprünglichen Bestimmung entzogen ist, nennt man das neue nur noch

~das~ Atelier. Das, in dem wir uns jetzt befinden, hat nach und nach

einen ganz anderen Charakter angenommen und ist der Arbeitssaal der

Kinder geworden. Die Jungens hobeln und hämmern, und Suzanne webt darin.

Hier pflegen wir den Weihnachtsheiligabend zu feiern. Und dann ist hier

echte Weihnachtsstimmung, mit den beiden Alten und all den Kindern und

den netten Dienerinnen und dem braven Johann. Und hier sitze ich wie

ein Patriarch und verteile alle „Julklapps“. Von allen für alle. Im

Kamin knistert und knastert das lange Klafterholz, und mitten im Saal

steht die schönste der Tannen, die wir am Morgen aus dem Walde geholt

haben.

Du herrliches Weihnachtsfest hier oben im hohen Norden. Wie rein und

heilig du bist!

[Illustration]

* * * * *

[Illustration]

Übrigens bei dieser kleinen Vignette will ich Dich einen Augenblick

mit hinausnehmen auf den Hof. Da war, als wir hierher kamen, nicht

viel Grünes zu sehen. Aber ich schaffte die Schlacken hier und da

beiseite, kaufte gute Muttererde, womit ich die Gräben ausfüllte, und

setzte Pflänzlinge von Birken, Linden, Kastanien, Weiden, Weißdorn,

Berberitzen und anderen „dummen Ziersträuchern“, Erlen, Holunder,

Faulbaum, Espen, ja sogar Eichen, Apfelbäume, Jasmin, Rosen, Stachel-

und Johannisbeersträucher, eine kleine Fichte und eine kleine Kiefer.

Diese kleine Zeichnung stellt die zuletzt genannte dar, wie sie im

Winter aussieht, geschützt durch einige lange Klafterhölzer. Alle sind

gut gediehen, nur diese eine nicht. Sie steht jetzt im achten Jahr und

lebt ihr kleines, elendes Leben, aber sie ist mein liebstes Kind. Jeden

Morgen besuche ich sie zuerst, um zu sehen, ob sie nicht über Nacht

etwas gewachsen ist.

* * * * *

Anna und die Köchin sind zwei Potentaten, denen es schwer wird, sich

unter einer Decke wohlzufühlen. Unter der Küchendecke nämlich.

Die Alte will im Winter dort in der Wärme wohnen, und wenn ihr Bett

herausgeschleppt wird und Emma hineinzieht, wird es ihr jedesmal von

neuem schwer. Darüber sind sie sich aber einig, daß die Küche der

einzige, noch „vernünftige Raum“ im Hause ist. Diese Küche ist nämlich

außerordentlich stillos, aber sauber und für ihre Zwecke einigermaßen

gemütlich geordnet. Eines Winters sollte während unserer Abwesenheit

etwas renoviert werden, da nahmen sie die Gelegenheit wahr, den alten,

aus gewaltigen Steinblöcken gemauerten Herd beiseite zu schaffen, um

statt dessen diesen lächerlich-jämmerlichen Eisenkasten hinzustellen,

geschmückt mit Ornamenten, schaurigen, gefühllosen Schnörkeln, und

(-- schöner Gedanke, woher bekamst du ihn, du Bosinders Mechanische

Werkstatt?) -- Thorwaldsens „Nacht!“

Diese Eisenblechbepanzerung statt des alten, gemauerten Herdmantels!

-- Zuerst, als ich diesen Vandalismus entdeckte, war ich alles andere,

als gut gelaunt. Um die heiligen Steine des Herdes zu retten, baute ich

aus ihnen zwischen zwei Kirschsträuchern im Garten eine Bank und einen

Tisch, wo wir im Sommer unsern Nachmittagskaffee zu trinken pflegen.

In der Küche seht ihr meine älteste und meine jüngste Tochter mit

Buttern beschäftigt. Denke mal an, wie gut für Suzanne, Kerstis sichere

und feste Unterstützung zu genießen! Willst Du wissen, wie das kleine

Kätzchen heißt? Es heißt Hans.

[Illustration]

[Illustration: =Das Frühstück der Siebenschläferin.=]

[Illustration: =In der Küche.=]

[Illustration: Lebende Bilder.]

* * * * *

[Illustration]

Die entzückendsten Szenen aber spielen sich im Schlafzimmer der Kinder

ab. Karins Vergleich mit dem Theater war kein Zufall.

Über dieses Zimmer äußerte sich einst Tante Emmy, als ich (um mehr Luft

zu bekommen) das feine platte Dach herunter gehauen, ein Seitenfenster

zugebaut, kleine Fensterscheiben in der Vorderwand angebracht und die

fast neuen Tapeten mit einem weißen Anstrich versehen hatte, daß ~sie~

auf keinen Fall in einem solchen Gefängnisloch schlafen möchte.

Nein, Tantchen, wiederhole das nicht noch einmal!

Ihr seht doch, daß es auf dem Bilde ein Sonntagmorgen ist. Es heißt, es

~wurde~ ein solcher. Mein geliebtes Weib war soeben nach einer schweren

und ernsten Krankheit vom Tode errettet. Sie hatte die Kinder wieder

zu sich hereinbekommen; und da so alles wieder Glück und Freude war,

verbreitete dieser Glücksschein seinen goldenen Schimmer sowohl über

die Kinderschar wie über die Wände und die Decke.

Das leuchtet Euch doch gewiß ein.

[Illustration]

* * * * *

Unter der Hütte hausen Ratten und eine Ameisengemeinde. In der

Dielenfüllung führen Bienen das Regiment. Ihren Ein- und Ausgang

bewerkstelligen sie dadurch, daß sie zwischen zwei Wandbalken hin- und

herlaufen.

Gleich nach unserer Übersiedelung nach hier hing ich drei Starenkästen

in die Bäume, und sehr bald war der in der großen Birke von einem

Starenpaare bevölkert. In zwei von den Kästen nisten zu unserer

Freude diese netten Vögel regelmäßig im Frühjahr. Den dritten hat

Sperlingspack erobert.

Wo aber die Fledermäuse hausen, die abends um unsere Hütte flattern,

weiß ich nicht.

Ich wußte nicht recht, wo ich diese Zeichnung hinbringen sollte,

aber mein Lieber, Du gestattest, daß ich sie hier einschiebe. Sie

stellt meine Frau dar, wie sie mir die Haare schneidet da draußen

auf dem Schlackenhügel, so im Spätherbst, wenn wir nach Stockholm

zurückzukehren gedenken und ich so aussehe, daß niemand in meiner

Gesellschaft die Eisenbahn benutzen kann.

[Illustration]

* * * * *

Eben als ich dieses schrieb, zogen Donner und Blitz über das Dorf

Sundborn hin. Es war ein richtiger Platzregen, und das war ein Segen

nach der langen Dürre. Jetzt bestrahlt die Sonne mit ihrem weichen,

warmen Glanz das nasse Laub, welches sich so schön abhebt von der noch

grollenden schweren Gewitterwolke, die noch immer hinter dem Wättberg

steht.

Ich nehme Papier, Tintenfaß und Feder mit, um unter der großen Birke

fortzufahren.

Was möchtet Ihr nun wohl noch wissen?

* * * * *

Alle Gedenktage werden bei uns in der gleichen Weise gefeiert.

Frühmorgens, spätestens um fünf Uhr, fängt es mit Pulverdampf und

Böllerschüssen an.

Die Jungens aus Bjus und des Müllers Svea spielen auf Gitarre und Geige

das Lied vom „Neck“, welches Anna Sundin, die im Dorf die schönste

Stimme hat, mit ihrem Gesang begleitet.

Einst wurde auch ich so gefeiert an einem Olofstag. Ich war ganz

unvorbereitet, denn wer in aller Welt konnte ahnen, daß jemandem

dieser, mein überzähliger Name bekannt sei, und daher hatte ich auch

meine Gefühle nicht in eine auf einen solchen Belagerungszustand

gerichtete Stimmung versetzt. Ich heulte, und es pochte in mir vor

Bewegung, als mir eins der Kinder einen von Mama gedichteten Vers

vortrug, worin die Rede davon war, wie edel, wie über alle menschlichen

Begriffe erhaben ich sei, o ... wir wollen lieber nicht davon reden.

* * * * *

Es ist keine Kleinigkeit, etwas über Wände, Fenster und Decken zu

schreiben. Deshalb empfinde ich es als eine Erholung, mit Dir einen

Spaziergang durchs Dorf zu machen. Wir hätten ein Stück den Bach

herunter rudern können und zusehen, wenn die Kinder baden. Da ist eine

gute Badestelle. Der Platz heißt „das Lärmeiland“ und gehört mir jetzt

als Eigentum. Seit jener Zeit, in der ich frühmorgens die Jungens

direkt aus den Betten dort hinaus mitnahm (wir ruderten hinüber --

zuerst warf ich die Kinder, dann mich selbst in die Tiefe --) ist es

die allgemeine Badestelle für die ganze Gegend. Im Sommer krabbelt und

wimmelt es da drüben den ganzen Tag von nackten schönen Gestalten. Sie

machen sich ein Sprungbrett, und es klatscht und plumpst und spritzt

hoch auf; sie klettern hinauf in die Kähne, balancieren dort einen

Augenblick, fallen pardautz ins Wasser und kommen pustend, schreiend

und lachend wieder heraus.

Und meine beiden Nachen sind während des ganzen Tages verliehen,

verliehen nach Reih’ und Ordnung an die Jungens und an die Mädels.

[Illustration]

Am 15. August fängt das Krebsfischen an. Dann ist es, als sei neues

Leben in uns gekommen. Alle Netze und Angelruten sind bereit, und wenn

die Uhr Mitternacht schlägt, rudere ich hinaus, das Wetter mag sein

wie es will, und in tiefschwarzer Nacht versenke ich die Netze in das

~noch~ schwärzere Wasser, schlafe dann bis fünf Uhr, um welche Zeit

die größeren Kinder geweckt werden; und dann ziehen wir die Netze ein,

während die Sonne wie ein ~Eier~kuchen über den Schilfwipfeln aufsteigt.

[Illustration]

[Illustration]

_~Sundborn~, im Sommer 1902._

Karin.

Streng genommen, wäre ich vor fünfzig Jahren geboren. Aber mein

eigentliches Dasein fing im Jahre 1882 an. Denn da trafen wir uns in

Frankreich, Grèz-par-Nemours: Karin und ich.

Singdudelidudelidudelidej!

Ein lang aufgeschossener Norweger und ich lebten ein glückliches

Kameradschaftsleben, als einzige Skandinavier zwischen den anderen

Ausländern, dort in der kleinen Künstlerkolonie, als wir von Madame

Laurent hörten, daß eine Schar Malerinnen zu uns herauskommen wollte.

„Dann laufen wir weg!“ sagte ich zu Lundh; aber ~er~ wollte sie sich

erst ansehen.

Wir gingen nach dem Bahnhof, um ihnen zu begegnen. Es waren zwei

„Fuhren“. Wir begrüßten sie, und sagten einige freundliche Worte. Als

wir auseinandergingen, sagte ich zu Lundh, daß es schade sei, daß

Fräulein Bergöö eine solche Kartoffelnase habe.

Bei mir zu Hause machte ich Versuche, die senkrechte Wand

hinaufzulaufen -- und ich ~tat~ es auch.

Da wurde mir klar, daß ich in Karin Bergöö verliebt war.

* * * * *

Darauf folgte so viel. Der Sommer verging, mit ~wenig~ Malerei, aber

viel Esserei, Tanz und ... vielem, vielem noch.

Und dann kamen die Kostüm- und Maskenfeste. Auf einem solchen sollte

der lange Lundh der „Letzte der Mohikaner“ sein. Er hatte sich zwei

Pferdeschwänze gekauft und dachte, daß diese gemeinsam mit einer

Schwimmhose und roter Farbe die Erscheinung, wie man zu sagen pflegt,

„illusorisch“ machen würde. Ich sollte den Freundesdienst der Bemalung

übernehmen. Es war Pastellmalerei.

Während dieser Arbeit vertraute mir der eingebildete Mensch an, daß die

kleine Karin Bergöö ihn angesehen habe, mit Blicken ...

Ich war gerade mit seinem Rücken beschäftigt, so daß er ~meine Blicke~

nicht sehen konnte. Jetzt bemalte ich ihn nicht länger, sondern

wechselte die Technik und ~zeichnete~ mit Kreide. Ich wählte die

blauen, weil es die härtesten waren, und drückte sie erbarmungslos

hinein in seine zarte Haut, aber dieser Teufel ertrug die Martern wie

ein echter Indianer. Nun ja, wenn sein armer Leib auch litt, was war

seine Pein gegen die Qual meiner Seele!

Immerhin muß dies meinem Wesen etwas, ich weiß nicht was, verliehen

haben, wodurch die Sache ihrem Ziele näher gebracht wurde, denn gerade

bei diesem Maskenfest bekam ich eine Ahnung davon, ~wer~ der rechte war.

Lundh war es jedenfalls durchaus nicht.

Als Karin mir einige Tage später (auf ihre niedliche Art) einen Antrag

machte, gab ich ihr mein Jawort.

Und dann malten wir die „=mère Morot=“ zu gleicher Zeit.

Die Schuppen fielen mir von den Augen! Bis dahin hatte ich keine Form

in mein sogenanntes Talent hineinbekommen, aber jetzt schuf ich, wie

ich annehme, gleich ein kleines Meisterwerk.

Denn ich erhielt einen Preis für das Bild, ein Kaufangebot vom

französischen Staat und durch Vermittelung meiner Freunde Birger und

Pauli wurde es telegraphisch an Pontus Fürstenberg verkauft.

* * * * *

Für das Geld kaufte ich mir eine Uhr, und für das, was übrig blieb,

fuhr ich nach Hause und verheiratete mich. -- --

Karin war schon seit vielen Monaten zu Hause, um die Handtücher zu

säumen. Und da wurden wir in den Kirchen aufgeboten -- und der Freier

kam nicht. Die Frist war fast verstrichen, und es wurde fraglich, ob

das Aufgebot nicht wiederholt werden müßte.

Aber endlich kam ich in gewaltigem Staat und herrlicher Pracht, mit

goldener Uhr, blauer Weste und ebensolchen Beinkleidern.

Mein Schwiegervater, ein Kaufmann, warf mich heraus, weil er glaubte,

ich sei ein Handlungsreisender, und diese Menschensorte war ihm

verhaßt; aber ich klammerte mich fest an den Türpfosten und sagte, wer

ich sei. Ungern ließ er mich verweilen.

Wenn ich jetzt das Bild dieses jungen einfältigen Mädchens betrachte,

ist es mir unbegreiflich, wie ich mich in so eine verlieben konnte.

Aber das kam wohl daher, daß ich damals selbst noch jung und dumm war.

Gewiß hatte sie schon zu jener Zeit ein wenig Lieblichkeit an sich,

und im übrigen wählt man seinen Lebenskameraden wohl immer „nach

Gefühl“. Aber, wenn ich diese Karin mit jener vergleiche, für die ich

jetzt noch, nach fast zwanzigjähriger Ehe schwärmen kann, daß ich fast

verrückt werde: Ja dann.

Von Jahr zu Jahr wird es hiermit schlimmer.

Die Altertumsforscher verwundern sich so, wenn sie finden, daß die

von den Männern am heißesten geliebten Frauen stets im Alter zwischen

vierzig und sechzig Jahren standen.

Ich verstehe das so gut. Karin ist jetzt dreiundvierzig Jahre alt, und

wenn sie sechzig wird, ist meine Liebe wahrscheinlich lästig.

Weil dann noch die Eifersucht hinzukommt.

* * * * *

Das Haus in der Sonne · 第 6 / 9 题