Das tanzte in dem spielenden Winde wie wild durcheinander. --

Gegen Mittag hatte Willy die Wärterin auf eine Stunde fortgeschickt.

Sie wollte einiges in der Stadt besorgen.

Willy war mit der Mutter wieder allein.

Der leichte Schnee trieb gegen die Fenster.

Die ersten Flocken tauten wieder fort auf der Erde, die noch die

letzte Sonnenwärme barg.

Dann blieb der Schnee an einzelnen Stellen liegen.

Zuerst verfing er sich in den Zweigen der Bäume, dann blieb er auf den

Staketen und Mauern liegen und der Wind trieb ihn über die feuchte

Erde, wo er sich auf dem nassen Schlickerschnee anhäufte.

Und jetzt mehrten sich diese Stellen.

Der Wind trieb immer neue Flocken an diese weißen Inseln, daß sie mit

jedem Augenblicke wuchsen und wuchsen.

Dann fegte er oft mit einem einzigen Stoße die ganze Arbeit wieder

auseinander, daß die tausend Flocken hoch emporwirbelten, sich mit

den eben erst niederfallenden mischten und nun einen augenverwirrenden

Tanz aufführten. --

Lange stand Willy am Fenster, um dem beginnenden Schneesturme

zuzuschauen.

Dann wandte er sich wieder der Kranken zu.

Ihre Hände glühten wie im Feuer, und zuweilen flog ein Frost

schüttelnd durch ihre Glieder.

Dann wieder lag sie eine Zeitlang reglos, als seien all ihre Kräfte

gebrochen, bis ihr schwerer Atem in heftigen Stößen aufs neue durch

das Gemach röchelte, wie das Stöhnen eines mit dem Tode Ringenden.

Es war totenstill im Hause. Niemand wagte es, auch nur das leiseste

Geräusch zu machen ...

* * * * *

Plötzlich schlug drunten die Tür.

Ein hastiges Stimmengewirr, daß die Kranke aus ihren Kissen auffuhr,

aber matt und kraftlos wieder zurücksank, bewußtlos.

Willy horchte.

War das nicht Mignon? ..

Jetzt hörte er seinen Namen.

Er eilte hinaus.

Das Mädchen suchte die Aufgeregte zu beschwichtigen, die sich den

Eintritt zu dem Krankenzimmer erzwingen wollte.

Als Willy in der Tür erschien, riß sie sich los und stürzte ihm

entgegen.

Sie zitterte am ganzen Leibe.

Er zog sie hastig in das erste Zimmer hinein. Allein sie entwand sich

ihm und eilte weiter, durch das Boudoir in das Krankenzimmer.

Vor dem totenblassen Gesichte Frau Annas jedoch wich sie wieder zurück

und warf sich in Willys Arme.

»Hilf mir, Will, hilf mir,« flehte sie fassungslos. »Sie haben mir

wehren wollen, zu Dir zu kommen. Horch! wer kommt. -- Bitte, bitte ...

mach' die Türen zu. -- Ich mußte zu Dir.«

»Komm, Mignon, komm'.«

Und er führte sie langsam in das kleine Zimmer, um die Mutter nicht zu

stören.

»Aber Mignon, was ist denn? So sprich doch.«

Sie strich sich über das wirre Haar, in dem die Schneeflocken

geschmolzen waren und wie Perlen hingen.

So wie sie gewesen, war sie durch das Schneetreiben geeilt.

Sie schmiegte sich an ihn, faßte nach seinem Kopfe, und in ihrer

Herzensangst liebkoste sie ihn mit irrer, zitternder Hand; ohne zu

wissen, was sie tat.

»Du verläßt mich nicht ... Ich bitte Dich, Will, Du verläßt mich

nicht. -- Ich weiß nicht, was sie reden. Ich verstehe kein Wort mehr.

Nur das ~eine~ fühle ich, daß sie Dich mir nehmen wollen ...«

Sie schmiegte sich fester an, und indem sie den Kopf an seine Brust

legte und ihn mit beiden Armen umfaßte, flüsterte sie:

»Du hast mich noch immer lieb, Du behältst mich auch lieb, ja? -- Wer

hat es mir denn eben gesagt, ich dürfe Dich nicht lieben? -- Du wärest

mein Bruder, und deshalb ...«

Sie lachte wie gequält und stöhnte auf:

»Es ist ja nicht wahr! ... Wie soll denn das sein? -- Nicht wahr,

es ist nicht möglich! Sie sagen das alles nur, weil sie uns trennen

wollen; aber sie werden es ~doch~ nicht können. -- Es ist nicht

so, -- sag' mir doch, daß es ~nicht~ so ist! ... Ich werde ja

sonst wahnsinnig! ... Ich weiß nicht mehr, was ich sage, was ich tue

...«

»Mignon, ich bitte Dich, werde doch ruhig.«

Sie machte sich halb von ihm los, ängstlich, und lauschte.

»Horch, es kommt jemand ...«

»Nein, Mignon, es kommt niemand.«

»Dulde es nicht, dulde es nicht, Will. Sie haben mich nicht fortlassen

wollen, Minna nicht und Vater. Ich bin ihnen doch entwischt. Sie

kommen ja doch und wollen mich holen ...«

»Aber Mignon, es will Dir niemand etwas zuleide tun.«

»Wie gut Du bist, wie gut! Nein, ~Du~ leidest es nicht. -- Mein

Kopf tut mir ja so weh ... Weshalb haben sie das nur gesagt? Es ist so

schlecht von ihnen. Ach Will ... Will! ..«

Ihr erregtes, fahriges Wesen erschreckte ihn, ihre Augen suchten im

Zimmer umher, und dabei schien sie angespannt zu lauschen.

Jetzt ging drunten wieder die Tür.

Die Stimme kannten sie beide.

Sie fragte nach Mignon.

Dann hörten sie hastige, suchende Schritte.

Sie wollte aufspringen, allein er hielt sie, so daß sie beide fast

über einen umgeschlagenen Teppich zu Boden gestürzt wären.

Mutter!.. · 第 48 / 62 题