Mignon stand auf der Schwelle. --

Im grauen Mantel, ein schon winterliches Barett auf dem Kopfe, aber

ohne Schleier, blieb sie einen Augenblick in der Tür stehen.

»Mignon!«

Und ehe er es wehren konnte, war sie auf ihn zugeeilt und lag an

seiner Brust, indem sie die Arme fest um seinen Hals kettete, daß er

sich nicht freimachen konnte.

Als er ihr Gesicht sah, flüchtete der Gedanke, daß sie etwas wisse.

Als er versuchte, sich frei zu machen und sich abkehrte, fragte sie

voll Bangen:

»Will! -- Was ist? ..«

Er antwortete nicht.

Sie faßte mit beiden Händen nach seiner Schulter, aber er unterbrach

sie:

»Was willst Du hier?«

Und sie vergaß sich selbst und ihre Angst:

»Will, Deine Mama verlangt nach Dir.«

Er schüttelte den Kopf.

»Aber Will! Der Doktor ist in Unruhe. Ich glaube, er hat seine

anfängliche Hoffnung verloren. Er sagt nichts Bestimmtes, aber ich

höre es heraus, aus all seinen Worten. -- Deine ~Mutter~ ruft

Dich, und Du stehst hier und bedenkst Dich? -- Nein Will, was sie uns

auch Böses getan hat, ~das~ darfst Du nicht ... Will, um alles in

der Welt, so ~sprich~ doch. -- Was ist denn?« --

Er suchte sich von ihr abzukehren.

»Will, Du hörst nicht auf mich. Du hast mich nicht mehr lieb!«

»Doch Mignon, doch ...«

Sie klammerte sich an ihn und bat:

»Du liebst mich nicht mehr! -- Was ist geschehen? Ich bitte Dich, sag

mir ~alles~ ...«

Was sollte er ihr sagen? ... wie ihr die Wahrheit beibringen?

Und sie suchte seinen Kopf an sich zu ziehen, und jetzt, da sie

fühlte, daß ihn irgend etwas ihr entfremdet hatte, fing sie an zu

flehen; und in dem aufdämmernden Gefühle von einem Ereignis, das

sie selbst bedrohte, suchte sie ihr Angstgefühl in Liebkosungen zu

vergessen.

Sie ahnte nicht, daß sie durch ihre Leidenschaftlichkeit, der sie

völlig freien Lauf ließ, ihm grausame Qualen bereitete.

Sie fühlte den Widerstand, und wie gebrochen gab sie es auf. Sie

erreichte doch nichts für sich. Aber sie bat für seine Mutter.

Und gemartert von ihrer Liebe, von ihren Bitten, gab er endlich nach,

nur um Ruhe zu finden, um diesen schrecklichen Zustand nicht länger

ertragen zu müssen.

18.

Mit dem Sinken der Sonne war ein dichter grauer Nebel eingebrochen,

der alle Gegenstände mit seinen flutenden Schleiern umhüllte, daß die

Flammen der Laternen von einem breiten regenbogenfarbigen Schleier

umgeben waren.

Es war frierend kalt geworden, und der Nebel schlug sich in feinen

Eiskristallen auf allen Gegenständen nieder, so daß die Bäume und

Sträucher des Tiergartens im weißen Reifschmucke prangten.

Willy fuhr mit Mignon nach Charlottenburg hinaus. Auf der ganzen Fahrt

sprach keiner von ihnen ein Wort. Zuweilen nur griff sie nach seiner

Hand, die er ihr willenlos ließ und ihr durch einen leichten Druck

dankte.

Jeder von ihnen war mit seinen eigenen trüben Gedanken beschäftigt.

Als sie vor dem Garten der Sophienstraße standen, zauderte Willy einen

Augenblick, als wolle er noch jetzt wieder umkehren.

Mignon ging voran, und er folgte ihr.

Er hatte sie gebeten, bei ihm zu bleiben, und sie führte ihn zu seiner

Mutter. --

Frau Anna lag noch immer im Fieber. Am Nachmittage war sie eine halbe

Stunde zum Bewußtsein gekommen und hatte Mignon angefleht, Willy

aufzusuchen.

Gegen Abend war sie wieder besinnungslos geworden und hatte heftiger

gefiebert als zuvor.

Jetzt warf sie sich unruhig.

Sie hatten die Wärterin fortgeschickt und waren allein mit der

Kranken, die undeutlich im heftigsten Fieberschauer murmelte.

Mignon bat ihn, daß er näher kam.

Er empfand fast Grauen vor ihr, und erst als Mignon ihm erzählte, in

welch fürchterlicher Angst die Mutter gewesen sei, daß sie sterben

könne, ehe er ihr vergeben habe, ehe sie noch einmal ein Wort

miteinander gesprochen hatten, -- traute er sich nach ihrer Hand zu

fassen, die sie mit tastenden Fingern krampfhaft umschloß.

Er fühlte diese heiße Hand in der seinen, und nun war ihm das Recht

genommen, sie noch zu verdammen.

Er kehrte sich zu Mignon um, er wollte sich der Schwester vertrauen,

als der Diener kam mit der Bitte von Doktor Braun, er möge zu ihm

kommen.

* * * * *

Mutter!.. · 第 30 / 62 题