Und Mignon? --

Sie war die Tochter Petris ... seine Schwester!

Und er hatte sie zu lieben geglaubt ...

Wenn er jetzt nachdachte, so war es nicht anders wie früher. Er liebte

sie, seine Schwester.

War denn alles, alles eine Lüge?

Nichts -- nichts hatte ihm je gesagt, daß sie seine Schwester sei. Er

hatte ihre Schönheit geliebt, ihre Anmut. Sie hatte in seinen Armen

gelegen, und er hatte sie geküßt.

Er hatte eine Mutter und eine Geliebte verloren, um eine Schwester zu

finden.

Er hatte also doch noch ein Wesen auf der Erde, das ihm nahe stand,

nach dem er sich sehnte, seine Schwester! --

Aber jetzt konnte er sich noch nicht in den Gedanken finden.

Anfangs hatte er selbst nach Charlottenburg hinausgehen wollen. Dann

sandte er einen Boten, um Nachricht zu erhalten.

Das Fieber hatte nicht nachgelassen, und die Mutter war noch nicht zum

Bewußtsein gekommen.

Mignon war bei der Kranken und ließ ihn bitten, sobald als möglich

herauszukommen. Auch sein Vater verlange nach ihm.

Und wieder dieses Wort: Sein ~Vater~! ..

Er brachte es nicht fertig, jetzt hinauszugehen, es war ihm unmöglich.

Er versuchte, seiner gewohnten Arbeit nachzugehen, um seine Gedanken

abzulenken, aber er vermochte es nicht. --

* * * * *

Als er am Nachmittage in seine Wohnung kam, fand er eine Karte Mignons

vor, die ihn beschwor, zu kommen.

Weshalb er gestern fortgegangen sei, weshalb er sich heute nicht sehen

lasse?

Sie hatte recht.

Einmal mußte er der Mutter ja doch wieder entgegentreten. Mehrmals war

er im Begriff hinzugehen, wenn er daran dachte, daß die Mutter krank

und hilflos dalag.

Mochten sie denken, was sie wollten; er konnte es nicht.

Mutter!.. · 第 28 / 62 题