Er eilte hinunter ... Es schien, als sei das Haus ausgestorben. --
-- Endlich fand er die Köchin und jagte sie hinauf. Dann kam das
Hausmädchen und dann der Diener von der Apotheke zurück. Den schickte
er sofort zum Arzt.
Inzwischen hatten die Mädchen sich um Anna bemüht und die
Besinnungslose zu Bett gebracht.
Der Diener kam endlich zurück mit dem Doktor.
Als der Arzt sie zu untersuchen anfing, schlug sie einen Augenblick
die Augen auf. Dann fiel sie in die Ohnmacht zurück.
Und nun brach das Fieber durch, das die letzten Tage schon in ihr
gewühlt, das sie mit der äußersten Willensanstrengung beständig
niedergekämpft hatte, um nicht zu unterliegen. Sie mußte bei Verstand
bleiben, sonst war es um sie alle geschehen. Sie mußte handeln, damit
sie nicht alle zugrunde gingen.
Aber sie war doch zu schwach gewesen. Nun lag sie und phantasierte,
wirr und sinnlos, bald aufschreiend, dann wieder flüsternd, als ob sie
ein krankes Kind besänftigen wolle.
Als der Arzt, ein alter Freund des Hauses, sich nach Willy umsah, fand
er ihn im vordersten Zimmer im Dunkeln sitzen. Er suchte ihn, der
gleichgültig abgestumpft dasaß, zu beruhigen, daß er noch nichts sagen
könne, aber er hoffe, daß es nur ein heftiges, hoffentlich schnell
vorübergehendes Fieber sei.
Er fragte, ob Doktor Braun benachrichtigt sei.
Niemand hatte an ihn gedacht, und der Doktor selbst ging zu ihm hinauf
und fand ihn über seinen Zeitungen eingeschlafen. -- --
* * * * *
Es hatte Willy nicht im Hause gelitten.
Er ging in den Garten hinaus und irrte durch die verlassenen Wege.
Es war bitterlich kalt geworden, allein er fühlte die Kälte nicht.
Barhäuptig, wie er war, ging er vor sich hin, ohne Gedanken, um die
Rasenplätze, die Gebüsche; nur zuweilen griff seine Hand achtlos in
die kahlen Zweige, an denen noch vereinzelte dürre Blätter zitterten,
die er gedankenlos abriß und zu Boden warf.
Dann setzte er sich auf eine Bank, die unter einem Schutzdache an der
Mauer vom Regen fast ganz verschont geblieben war, und vergrub das
Gesicht in die aufgestützten Hände.
Vom Hause her drang zuweilen leises Geräusch zu ihm herüber, und durch
die kahlen, schwarzen Aeste sah er die erleuchteten Fenster, und er
wußte: dort hinter jenen Fenstern lag seine Mutter.
Seine Mutter!
Es war also ~doch~ so ...
Er versuchte es, sich an alte Zeiten zu erinnern, die hinter ihm
lagen; aber er vermochte es nicht.
Es war wie flutender Nebel, nach dem die Hand greifen will, und der
vor uns gleich wieder zerrinnt.
Nur an die eben erlebte Szene konnte er denken, und er sah immer jenen
angstvollen Blick des Entsetzens auf sich gerichtet.
Und es war seine ~Mutter~! -- seine Mutter, die er über alles
geliebt, die er angebetet hatte. --
Ueber den Gedanken kam er nicht hinweg.
Weshalb brach nicht alles um ihn zusammen? .. Aber es änderte sich
ringsum nichts. Es blieb alles beim alten. Nur er selbst war ein
anderer geworden.
Er war aufgestanden, und aufstöhnend in seinem Schmerz hatte er sich
an einen Baum gelehnt, dessen feuchte glatte Rinde seine heißen Hände
umklammerten.
Wie in sinnloser Wut schüttelte er jetzt den Stamm, um der Qual einen
Ausweg zu schaffen, die ihn zu ersticken drohte.
Dann mußte er über sich selbst lachen.
Was wollte er denn? ..
Alles ging seinen ruhigen Gang weiter. Es war ja schon ~immer~ so
gewesen, alles -- alles! Seit Jahrzehnten war alles so, immer schon
gewesen, nur nicht für ~ihn~.
Er irrte wieder durch den Garten.
Am dunklen Abendhimmel jagten schwarze Wolken, als ob die graue Decke
geborsten und zerrissen sei und nun einzelne Fetzen vom Winde dahin
getrieben würden.
Durch eine Lücke brach der Mond.
Nur einen Augenblick. Dann verschwand er wieder.
Willy starrte zum Himmel auf. Dort hinter jener Wolke mußte er jetzt
stehen.
Langsam schob sich die breite Fläche vorüber, jetzt ward der Rand
heller, dann brach das Licht aufs neue durch. --
Und nun sah der Garten ganz anders aus.
Die dünnen Aeste der Bäume und das feine Gewirr der Gebüsche
zeichneten sich als schwarze Striche auf dem feuchten Boden ab, und
wie eine gewaltige Silhouette gegen den hellen Himmel erhob sich die
Villa, in die er noch immer nicht zurückzukehren wagte.
Er stand unter einer Kastanie und blickte zu den erleuchteten Fenstern
hinauf, während seine nervös unruhigen Finger die kleinen morschen
Zweige eines kahlen Strauches mit fieberhafter Hast zerbrachen.