Sein Name von den bittenden Lippen der Mutter hatte die alte Gewalt
über ihn.
Im nächsten Augenblicke lag er aufschluchzend zu ihren Füßen und
klammerte sich an ihre Kleider, während sie ihn zu umfassen suchte.
»Mutter! -- liebe Mutter!«
»Aber, Will! Was hast Du? ... Bist Du krank?«
Er schüttelte den Kopf. Und dann hastig:
»Ja doch! Vielleicht doch! ... nur krank.«
Sie zog ihn fester an sich und küßte sein Haar, während er sich
ausweinte.
Sie sagte kein Wort mehr, denn sie wagte es nicht, ihn zu fragen.
»Nicht wahr,« fragte er wie im Fieber, noch immer von der
halbschlummernden Ungewißheit geschüttelt: »Es ist ja nicht möglich!
... Wie einen die Leute erschrecken können!«
Als sie schwieg und er vergeblich wartete, daß sie etwas erwidern
sollte, die auf seine Worte lauerte, sagte er wie nebenher:
»Ich weiß, daß Mignon seine Tochter ist.«
Sie zuckte zusammen. Er merkte es nicht. Ihm war es wie im Traum, und
er sprach weiter, eigentlich ohne zu wissen, was er sagte. Er horchte
mehr auf den Klang seiner Stimme, und das schien ihm so seltsam, als
habe er sich nie sprechen hören, als sei er ein anderer, der sich
selbst zum ersten Male hörte.
»Ich habe hier einmal einen Brief gefunden, hier. Aber ich habe ihn
verbrannt ...«
Da wußte sie, daß es nun nichts mehr zu verbergen gab.
Sie lehnte sich zurück, um ihm nicht so nah zu sein, sie wollte ihn
abwehren, denn ihr schien, als halte er sie mit seinen Armen gefangen.
Die Sinne drohten ihr zu schwinden, und nur mit äußerster Anstrengung,
mit der Begierde, jetzt alles zu hören, was er ihr zu sagen hatte,
hielt sie sich aufrecht.
Sie atmete krampfhaft, und nun fühlte er, wie ein Zittern sie
durchlief. Das riß ihn aus seiner Schwäche.
Er hielt sie an den Armen gefaßt, beugte sich über sie und fragte mit
ausbrechender Heftigkeit:
»Sag' doch, daß es nicht wahr ist! ... ~sag~' es mir doch!«
Sie atmete schneller und schwerer, und nur ihr totenbleiches Gesicht
gab ihm Antwort.
Er schrie es fast, indem er ihren Arm schüttelte.
»Und nun sagen sie, ich .. ich sei ~auch~ sein Kind! ... Mutter
... Mutter ...! Ich! ...«
In ihren Augen stand die Antwort, deutlich, ohne Lüge. Und vor diesen
irren Augen wich er zurück, die Hände wie abwehrend ausgestreckt.
Bis jetzt hatte er gleichsam immer nur mit dem Gedanken gespielt, wie
mit einer Möglichkeit. Jetzt war Ernst daraus geworden, und er starrte
die Frau da vor sich an und sagte sich dabei fortwährend: Das ist
Deine ~Mutter~ ... das ist Deine ~Mutter~!
Mit einem Schlage sah er in ihr nichts anderes als ein Weib, das
seinem Vater die Treue gebrochen.
Bei diesem Gedanken stockte er und kam zur Besinnung. Es war ja gar
nicht sein Vater. Das war ja der ~andere~ ...
Und das kam ihm so grotesk vor, daß er auflachte, denn die ganze
Welt drehte sich um ihn wie eine große Lüge. Alles ringsum schien
zusammenzubrechen. Und er suchte sich an einen Gedanken zu klammern,
um nicht verrückt zu werden.
Sie erhob sich ... sie ... seine Mutter.
Es schien, als wolle sie den Mund öffnen, ihm etwas zu sagen, etwas zu
erwidern. Sie griff um sich, schwankte, und dann wortlos, mit dumpfem
Laute wie ein Aufstöhnen, brach sie zusammen.