Jetzt war alles wieder gut. --

Sie sprang durch das Haus, sang leise vor sich hin, war lustig und

aufgeräumt wie nie, so daß die alte Minna aus dem Kopfschütteln nicht

herauskam.

»Ganz wie Deine Mutter, Kind. Die tollte auch immer so durch das Haus.

Wollte Gott, sie hätte diese Schwelle nie betreten, dann lebte sie

vielleicht noch.«

»Aber Minna!«

»Laß nur ... laß nur! Es ist doch so. Und ich ... ich sah nichts, rein

gar nichts. Aber so geht es immer. Man denkt an ganz was anderes, und

eines Tages hat man die Geschichte. Eines schönen Tages war die Liebe

da, und nun gab es kein Halten mehr. Und ich dummes Geschöpf glaubte,

nun würde alles gut, und sah zu, ohne die Hand zu regen. Deine Mutter,

Kind, war ein Engel. Ich konnte ihr nicht raten, durfte ja nichts

sagen. Und dann dachte ich immer, wenn ~Du~ erst mal da sein

würdest, dann mußte er sie ja zur Frau nehmen. Und da ist nun doch

nichts draus geworden.«

Sie wischte sich mit der Schürze über das alte runzlige Gesicht.

»Ja, ja! sie war immer so lustig, ganz wie Du. Sie sang und sprang den

lieben langen Tag. Und nur, wenn die Nacht kam, so in der Dämmerung,

dann saßen die beiden still in der Stube, und keiner sagte ein Wort.

Wenn ich dann mal was Wichtiges hatte, traute ich mich nicht, es zu

sagen. -- Ach Gott, ja! Und er hat Deine Mutter recht lieb gehabt,

das muß man ihm lassen. Ganz recht war es ja nicht. -- Wenn das seine

selige Mutter noch erlebt hätte! ... Na ja! -- Nur das eine hätte er

nicht tun sollen. Siehst Du, Kind, Deine Mutter war katholisch, wie

ich, und das hätte er nun nicht tun sollen, daß Du nun lutherisch

bist. Wenn Du sie nun niemals wiedersiehst? -- Na ja, Kind, ich weiß

ja nicht, wie das ist, und bin man 'ne dumme Person. Ich bin gar nicht

so, und die Mutter Gottes wird schon ein Einsehen haben. Ich verstehe

nichts davon. Aber es kann doch noch mal ein Unglück geben. Gut ist es

nicht, gewiß nicht.«

»Aber Minna, was redest Du nur.«

»Ja -- ja -- ich rede. -- Ich schwatze und schwatze, und dabei gibt es

tausend Dinge zu tun. Ich finde gar nicht mehr durch. Du könntest mir

wohl ein bißchen behilflich sein.«

»Aber mit dem größten Vergnügen, Minna.«

Und während Mignon forteilte, um sich eine große weiße Küchenschürze

vorzubinden, sah ihr die alte Minna nach und murmelte vor sich hin:

»Und es gibt doch noch ein Unglück, daß er das Kind zu den

Lutherischen gebracht hat.«

15.

Als Willy am folgenden Tage in der Dämmerung herauskam, fand er Mignon

im großen Wohnzimmer bei der Lampe, mit einer Stickerei beschäftigt,

eine Visitenkartentasche für ihn zu Weihnachten. --

Den ganzen Tag war das junge Mädchen sehr vergnügt gewesen. Sie hatte

dem Vater einen langen Brief geschrieben, in dem sie allerlei halbe

Andeutungen gemacht hatte, so daß er recht neugierig geworden sein

mußte.

Dann hatte sie an Will gedacht und die Minuten gezählt, bis er endlich

kam.

Sie eilte ihm entgegen, hing sich an ihn und ließ sich von ihm küssen,

indem sie ihn schalt, daß er so lange hatte auf sich warten lassen.

Dann erzählte sie ihm von den beiden Besuchen, wie erst seine Mama zu

ihr gekommen und sie dann zu Onkel Jack gegangen war.

Er zog sie auf seinen Schoß und sie legte die Arme um ihn.

»Wie naß Du bist -- und so kalt, gib mal Deine Hände, daß ich sie

wärmen kann.«

»Ja, es ist bitter kalt. Mich wundert, daß es noch nicht zu schneien

anfängt.«

»Dann fahren wir aber Schlitten, ja?«

»Und laufen Schlittschuh. Kannst Du's?« --

»Nein, aber ich werde es lernen. Du mußt es mich lehren. Es wird sehr

schön sein.«

»Ja, es soll herrlich werden.«

Sie küßte ihm den feinen Tau von seinem Schnurrbarte und fuhr

liebkosend mit beiden Händen über sein Haar.

»Ich habe mich so nach Dir gesehnt,« schmeichelte sie und legte ihre

Wange an die seine. »Und ich habe von Dir geträumt: Wir gingen über

eine große bunte Blumenwiese. Und in dem grünen Grase waren Tausende

von gelben und roten Blumen. Davon pflückten wir uns, bis wir beide

Hände voll hatten. Es war mitten im Sommer. Der Himmel war so tiefblau

und um uns ein leises Summen, wie von einer Orgel in einer fernen

Kirche. Es mußten wohl die Insekten sein, die Bienen, die von Blume

zu Blume flogen. Und dann nahmst Du mich bei der Hand, und wir gingen

immer weiter, aber das Gras war so lang, daß ich müde wurde, und Du

mußtest mich tragen. Und dann kamen wir an ein großes breites Wasser,

das war gelb und schäumte wie ein wilder Fluß. Und wir standen am Ufer

und konnten nicht hinüber -- und dann wachte ich mit einem Male auf --

und da regnete es ganz laut gegen das Fenster ...«

Er lachte und küßte sie, bis sie sich zum Scheine wehrte, laut und

lachend, um sich einen Augenblick ihm hinzugeben und im nächsten

wieder spröde zu tun.

Bis jetzt hatten sie sich nur flüchtig im Hause die Hand gedrückt oder

ganz verstohlen einen Kuß getauscht.

Jetzt waren sie weniger vorsichtig geworden, es währte ja nicht mehr

lange, und alle Welt konnte es wissen, daß sie sich gern hatten, und

sie konnten sich küssen nach Herzenslust.

Willy mußte erst noch einmal zur Mutter hinüber, wo sie sich zum

Abendessen treffen wollten. Mignon dachte fast mit Angst an die

Stunden, denn Doktor Braun war ans Bett gefesselt, und sie würden zu

dreien sein.

Willy versprach ihr sofort wiederzukommen, damit sie noch eine Weile

ungestört plaudern konnten.

Mignon begleitete ihn hinunter und blieb in der offenen Tür stehen, um

ihm nachzusehen. Dann trällerte sie vergnügt durchs Haus, ohne mehr

die geringste Lust, irgend etwas zu tun. --

* * * * *

So fand Minna sie nach einer halben Stunde, die Hände auf dem Rücken

gekreuzt, im Zimmer auf- und abgehen.

Mignon lächelte so geheimnisvoll, daß Fräulein Minna sich nicht

enthalten konnte, zu fragen, was sie habe.

»Nichts -- gar nichts! Ich bin nur sehr glücklich!«

»So! so! ...«

Dann nach einer Pause:

»Minna, Du! -- Bin ich eigentlich schon alt genug, um zu heiraten?«

»Heiraten, wie kommst Du dummes Ding zu solchen Fragen?«

»Na, fragen kann man doch. Es heiraten doch genug Leute.«

»Die sind auch gescheiter als Du, Kindskopf.«

»Du meinst also, ich sei noch zu jung?«

»Red' doch nicht solches Zeug.«

»Aber ans Verloben, da darf ich denken?«

»Was Du nur heute hast. Warte nur, wenn der Herr Professor

zurückkommt.«

»Ich möchte mich gar zu gern verloben.«

»Nun seh mal einer!«

»Was meinst Du, wenn ich es täte?«

»Aber Kind, mit solchen Dingen treibt man keinen Scherz.«

»Ich scherze auch gar nicht.«

»Es ist kein ~Scherz~?«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Ja -- aber ...«

»Du hast also auch nichts gemerkt? Seid ihr denn alle blind?« --

»Was denn?«

»Na, Willy! ... Will! ... Daß er mich liebt, und ich ihn, und daß ...

Um Gottes willen, Minna, was ist Dir, Minna, liebste Minna, was hast

Du denn? So sprich doch! ... Aber mein Gott, Du bist ja ganz blaß. --

Wird Dir schlecht? ... Komm, setz Dich hin ... so! -- Aber was ist

denn nur?«

»Laß ... laß nur! Es ist ... nichts. Ich ...«

»Trink' etwas Wasser. -- Aber Du zitterst ja an allen Gliedern.«

»Ja, ich zittere ... Glaub's wohl ... Laß nur, es geht schon vorüber.«

Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn, während Mignon ratlos vor

ihr stand.

»Das ist das Alter, das kommt.«

»Minna, gute Minna!«

»Ja, Kind -- ja ... und Du sagst, ... Du ... Du willst Dich verloben?«

»Ja, Minna.«

»Und mit wem, sagst Du?«

»Mit Willy, mit wem denn sonst? Ach, wenn Du wüßtest, wie lieb ich ihn

habe; noch lieber als Papa.«

Minna zitterte am ganzen Leibe. Nach einer langen, peinlichen Pause

fragte sie, stockend, jede Silbe mit Mühe herausbringend:

»Mit Willy Braun?«

»Ja doch, Minna!«

»Weiß das schon wer?«

Mignon sah sie forschend an.

»Ja! -- Will hat seiner Mama alles gestanden.«

»Und ...«

Sie starrte das junge Mädchen angstvoll an, mit den Händen nach ihr

greifend.

»Sie weigert sich. Sie sagt: niemals! ...«

Es entfuhr Minna wie ein Seufzer der Erlösung.

»Aber wir lassen nicht voneinander, niemals, hörst Du, was die andern

auch tun mögen.«

»Mignon!«

»Was ist denn, Minna?«

»Heilige Mutter Gottes, wie soll das enden?!«

»Mit einer Hochzeit! Denn wenn Papa einwilligt ...«

»Das kann ja ~nie~ sein.«

»Das kann nicht ~sein~?«

»Nein, frag' nicht, ich bitte Dich. Ich kann es Dir ja nicht sagen,

ich ~darf~ es nicht.« --

»Das sagt Ihr alle; aber ich verstehe Euch nicht.«

»Quäle mich nicht. -- Frag' Deinen Vater, der kann es Dir vielleicht

sagen, daß Du Willy Braun nicht lieben darfst.«

»Ich darf nicht? -- Aber ich liebe ihn ja, grenzenlos, mehr als mein

Leben.«

»Um Gottes willen, sprich nicht weiter, Kind, ich bitte Dich, sprich

nicht weiter. -- Und jetzt ... jetzt laß mich. -- Ich bin nicht ganz

wohl. Ich weiß ja nicht mehr -- was ich spreche.«

Sie erhob sich; allein Mignon mußte sie stützen, daß sie nicht wieder

auf den Stuhl zurückfiel, und dann führte sie sie langsam auf ihr

Zimmer, wo sie allein bleiben wollte. --

* * * * *

Mignon war durch die erlebte Szene, deren Veranlassung sie nicht

begriff, in die größte Bestürzung geraten.

Und Willy blieb länger fort, als sie erwartete.

Unruhig ging sie durch das Haus und mehrmals hinunter, um in die Nacht

hinauszuspähen.

Als sie an Minnas Zimmer vorbeikam, blieb sie stehen, und sie hörte,

als ob drinnen Gebete gemurmelt würden, allein sie wagte es nicht,

Minna zu stören.

Endlich kam Willy.

Hastig erzählte sie ihm alles.

Was konnte das zu bedeuten haben? Denn es steckte was dahinter. Das

war gewiß. --

Und ohne weiter auf Mignon zu hören, ging er zu Minna hinauf.

Er fand sie in ihrem Zimmer, einem kleinen, klösterlich einfachen, nur

mit ein paar Heiligenbildern ausgestatteten Gemache.

In der einen Ecke hing ein Christus am Kreuz, ein hagerer, weißer

Leib, der sich scharf von dem breiten dunklen Holze abhob, auf das er

geschlagen war.

Minna saß am Tische, die Hände im Schoß gefaltet, und nur bei Willys

Eintritt hob sie den Kopf und warf einen fast ängstlichen Blick auf

ihn, um sich dann hastig abzukehren.

Sie hatte geglaubt, es sei Mignon, sonst hätte sie ihn nicht

eingelassen.

Jetzt war es zu spät, und er stand vor ihr und fing an zu fragen,

unruhig, wie gequält von einem Geheimnisse, dessen Inhalt er ahnte.

Minna mußte alles aufbieten, um sich nicht schon mit den ersten Worten

zu verraten.

Die alte Abneigung gegen Frau Anna keimte wieder in ihr auf. Wenn sie

alles verriet? .. Damit konnte sie jene am empfindlichsten verwunden,

wenn sie dem Sohne die Augen über die Mutter öffnete.

Aber noch hielt sie an sich, obgleich es in ihr wühlte, die grausame

Lust, ihm die volle Wahrheit zu sagen. Aber je drängender er mit

seinen Fragen wurde, eine um so unerschütterlichere Abwehr setzte sie

ihm entgegen.

Erst als er anfing, fast roh gegen sie zu werden, brauste sie auf,

höhnisch, mit einem Lachen, das ihn beleidigte:

»So fragen Sie doch Ihre Frau Mutter!«

Er fühlte die sinnlose Erbitterung aus ihren Worten heraus.

»Lassen Sie meine Mutter aus dem Spiele!«

»Schau -- schau, junger Herr! ... Nur nicht gar so giftig gegen ein

altes Weib.«

»Das ist mir gleich ...«

»Nun seht doch! .. Ich dächte, ich hätte noch nichts getan, was ich

nicht vor aller Welt verantworten könnte.«

Er wußte, es war eine versteckte Beleidigung dahinter, deshalb brauste

er wild auf:

»Was soll das heißen?«

»Daß ~Sie~ noch lange nicht das Recht haben, so gegen mich

aufzufahren. Wenden Sie sich an eine andere.«

»Weib! Ich ...«

Er war auf sie zugetreten und hatte sie am Arme gepackt, indem er

scharf durch die Zähne, wie zum äußersten entschlossen, langsam sagte:

»Ich will jetzt alles wissen! Hörst Du, alles!«

»Alles? -- Da mußt Du schon Deine Mutter fragen.«

»Was soll meine Mutter damit?«

»Oho, junger Herr, zerbrechen Sie einer alten Frau nicht die Knochen,

ja?«

Allein er ließ sie nicht los.

»Willst Du es jetzt sagen?« knirschte er fast und schüttelte sie.

Und jetzt sagte sie langsam, indem sie vor ihm zurückwich, während er

sie frei gab:

»Frag' sie doch, wessen Kind Du bist ...«

Er hatte sie losgelassen und starrte sie an. Im nächsten Augenblicke,

als sie auflachte, sagte er sich, die Alte sei verrückt geworden.

Aber nun, wie mit einem Schlage, veränderte sich ihr Gesicht, und sie

stürzte auf ihn zu, faßte ihn am Arm und jammerte:

»Jesses Maria, was hab' ich gesagt. Es ist ja nicht wahr! -- Glaub's

nicht, es ist nicht wahr!«

Jetzt, wo sie zu leugnen, wo sie sich zu verteidigen suchte, wußte er,

daß sie das nicht im Wahnsinn gesprochen hatte.

Als er eine Bewegung machte, um das Zimmer zu verlassen, hielt sie ihn

auf, mit zitternden Händen:

»Hörst Du, es ist nicht wahr. Glaub' nicht, was ein altes Weib Dir

vorschwatzt. Gib mir Deine Hand, daß Du niemand was sagen wirst,

versprich es mir doch ...«

Ohne auf sie zu hören, riß er sich von ihr los und stürzte aus dem

Hause, hinaus in die Nacht.

Er lief und lief in den strömenden Regen hinein.

Die ganze Welt kam ihm wie ein wüster Traum vor, und ein

erstickendes, beängstigendes Gefühl lag auf seiner Brust, eine dunkle

Schmerzempfindung.

Ihm war, als ob er sich nur zu ermannen brauchte, um den Alp

abzuschütteln, aber er war so lässig und matt.

Einen Augenblick sagte er sich, Minna habe das nur gesagt, um ihren

Haß zu befriedigen; allein er konnte sich nicht mehr belügen. --

Und wie er grübelte, war ihm, als ob das nicht ihm, sondern einem ganz

Fremden geschehen sei. Er hatte das Bewußtsein seiner selbst verloren.

Wie er so durch die Nacht lief, mußte er an tausend nichtssagende

Kleinigkeiten denken, die in gar keinem Zusammenhange standen mit dem,

was er eben erfahren hatte ...

Endlich kam ihm der Gedanke an seine Mutter, und nun trieb es ihn nach

Hause, um der Mutter eine Frage zu stellen, die er jetzt stellen

mußte, wenn er nicht verrückt darüber werden wollte.

16.

Als Willy mit diesem festen Entschlusse in das Haus trat, begegnete

ihm der Diener, den seine Mutter zur Apotheke schickte.

Seit jener Unterredung mit Mignon hatte auch sie keinen ruhigen

Augenblick mehr gehabt. Bei dem kleinsten Geräusche schrak sie

zusammen. Sie konnte keine Minute mehr ruhig bleiben; eine fieberhafte

Rastlosigkeit hatte sich ihrer bemächtigt, daß ihre Pulse schlugen.

Sie saß und grübelte und grübelte, wie sie das Entsetzliche abwenden

konnte ... und sie fand nichts.

Nur das eine: die volle Wahrheit. -- Ein ~einziges~ Wort genügte,

und ~alles~ war gelöst; aber damit vernichtete sie ihre ganze

Existenz, damit stieß sie ihren Sohn für immer von sich.

Es mußte ein anderes Mittel geben. Aber all ihr Grübeln fruchtete

nichts. Sie machte sich nur krank damit.

Willy stieg langsam das hellerleuchtete Treppenhaus hinauf, Stufe um

Stufe, schwerfällig, langsam.

Er suchte nach seiner Mutter.

Im ersten Zimmer war sie nicht ... er traf sie im Boudoir, dort, wo er

einst den Brief gefunden hatte, den Brief, dessen Inhalt jetzt eine

ganz andere Bedeutung für ihn erhalten hatte. --

Ohne anzuklopfen, war er in das Zimmer getreten, denn die Tür war nur

angelehnt, und er hatte geglaubt, er werde sie auch dort nicht finden.

Sie schrak zusammen, als sie ihn so plötzlich vor sich sah.

Das eine Fach des Schreibtisches stand offen, und die Briefe lagen im

wirren Durcheinander vor ihr.

Sie drehte sich um, damit sie ihm all diese Briefe verdeckte, und

lächelte ihm gezwungen zu, während er auf der Schwelle stehen blieb.

»Nun?« fragte sie, »weshalb kommst Du nicht herein?«

Eine jähe Ahnung hatte sie ergriffen, als er dort stehen blieb. Aber

sie verstand die Kunst, sich zu beherrschen.

Er trat näher und legte den Hut auf einen Stuhl.

Jetzt, wo sie im Schein der Lampe sein Gesicht sehen konnte, erschrak

sie noch mehr.

Sie war so bleich geworden wie er.

So hatte sie ihn noch nie gesehen. Was wollte er?

»Was ist denn, Willy?« wagte sie endlich zu fragen.

Er schwieg noch immer, denn er fürchtete, sich mit dem ersten Laute zu

verraten. Die Stimme drohte ihm zu versagen.

Sie saß vor dem Schreibtische, halb mit dem Rücken dagegen gelehnt,

während ihre Hand die Lehne des Stuhls umkrampfte.

Er bereitete ihr mit seiner Ruhe Angst.

Endlich sah er sie an, aber in seinen Augen lag eine fremde

Feindseligkeit.

Sie lächelte ihm zu, als sei nichts zu befürchten.

Sie wollte auf ihn zugehen, aber sie fühlte sich durch die fieberhafte

Aufregung, in der sie sich den ganzen Tag über befunden hatte, so

schwach, daß sie es bei dem Versuche ließ und ihn nur schmeichelnd

beim Namen rief.

Mutter!.. · 第 15 / 62 题