Die Mutter hatte ihn ruhig angehört und nichts erwidert. --

Das Abendessen verlief sehr still. Mignon vermochte kaum einen Bissen

hinunterzubringen. Der einzige, der den Speisen tüchtig zusprach, war

Doktor Braun.

Es fiel ihm nicht auf, daß, auch als abgetragen war, alle gegen ihre

Gewohnheit still und einsilbig blieben, denn er war auf den Bau eines

Silberbergwerkes gekommen, in Anlaß eines Artikels, den er kurz zuvor

gelesen hatte, und nun versuchte er, ihnen einen Begriff davon zu

geben.

Es kam trotzdem keine Unterhaltung in Gang. Willy brach frühzeitig

auf. Anna versuchte, Mignon noch zurückzuhalten; allein diese

erklärte, sehr müde zu sein, und ging mit Willy fort, der sie

heimbrachte.

Am folgenden Morgen saß Mignon mit quälenden Gedanken beschäftigt

im Jagdzimmer, wo sie sonst mit dem Vater das Frühstück zu nehmen

pflegte, als sie von einem Besuche Frau Annas überrascht wurde.

Obgleich sie vorgab, wegen eines Stickmusters zu kommen, das ihr

Mignon vor geraumer Zeit versprochen hatte, wußte das junge Mädchen

sofort, daß nur ein einziger Grund sie hergeführt hatte.

Sie ging mit Frau Braun hinauf in ihr Zimmer, um das Muster zu suchen,

auf das sie sich mit bestem Willen nicht mehr besinnen konnte.

Frau Anna setzte sich auf das graue Ripssofa des schlicht

ausgestatteten Zimmerchens, mit seiner hellen Blumentapete, das sich

Mignon ganz wie in der Pension am Genfer See hatte einrichten lassen.

Anna betrat es zum ersten Male; und in diesem keusch einfachen Raume

verlor sie plötzlich allen Mut.

Ihr war, als habe sie sich auf ein fremdes Gebiet gewagt und sei

Mignon nicht gewachsen. Dieses schlichte Mädchenzimmer mit seiner fast

puritanischen Einfachheit brachte die Salondame in Verwirrung.

Und während Mignon kniend vor ihrer Schublade ohne Hast, absichtlich

zögernd suchte, dachte sie darüber nach, was sie hier eigentlich

wollte, und wie sie auf den Zweck ihres Besuches kommen sollte.

Sie mußte doch irgend etwas sagen, und so fing sie an, sie nach ihren

einstigen Pensionsverhältnissen auszufragen, und ohne Uebergang kam

sie auf Willy zu sprechen: daß er den Sommer nach Bonn gehen werde.

Der Satz klang scharf, absichtlich bedeutungsvoll, und Mignon fühlte

die Herausforderung.

Einen Augenblick hielt sie mit ihrem Suchen inne. Jetzt hatte jene

gesagt, weshalb sie gekommen war.

Sie blickte sich im Knien um, und der Ausdruck in Annas Augen ließ

keinen Zweifel zu.

Wie sie dasaß, steif auf dem Sofa, den Schleier noch immer vor dem

Gesichte. Und durch das feine Gewebe hindurch konnte man deutlich

sehen, wie überwacht das Gesicht war, wie tief die Augen lagen. Wie

über Nacht gealtert sah sie aus.

Der Mund war zusammengepreßt, so herb, daß zwei Falten von den

Nasenflügeln zu den Mundwinkeln herab deutlich hervortraten.

Und während sie sich ansahen, fast drohend, sagte sie:

»Willy muß einmal von Haus fort, in andere Verhältnisse, um die Welt

kennen zu lernen. Es ist Zeit, daß er lernt, sich auf sich selbst zu

stellen.«

»Er hat mir noch kein Wort davon gesagt.«

»Wir haben auch nur im allgemeinen davon gesprochen. Er wollte immer

einmal nach Bonn oder Heidelberg.«

»Und wann geht er fort? ..«

»Mit dem nächsten Semester.«

»Und wann ist das?«

»Zu Ostern!«

»Zu Ostern? .. Weshalb soll er fort?«

»Weil er muß! ... um in andere Verhältnisse zu kommen.«

Sie sahen sich wieder an, und in ihren Blicken erklärten sie sich

Feindschaft von nun an.

Mignon erhob sich, und indem sie die Sachen, die sie aus der Schublade

sich in den Schoß gelegt hatte, zurückfallen ließ, fragte sie voller

Erregung:

»Sie sind gekommen, um mir ~das~ zu sagen?«

Einen Augenblick zauderte Frau Anna, dann antwortete sie ruhig:

»Ja, deshalb bin ich gekommen.«

Auch Frau Anna hatte sich erhoben. Jetzt, wo sie sich dicht einander

gegenüberstanden, fiel es ihr zum ersten Male auf, daß das junge

Mädchen fast um einen halben Kopf größer war als sie.

»Und weshalb sagen Sie mir das?« fragte Mignon.

Anna schwieg.

»Weil Sie mich hassen! Ich weiß es. Ich habe es vom ersten Tage an

gefühlt. Weil Sie Willys Liebe für sich allein haben wollen. Sagen Sie

doch, daß es ~nicht~ so ist.«

»Es ist nicht so!«

»Es ist nicht? ... Was für einen Grund haben Sie dann, um zwischen uns

zu treten? So sprechen Sie doch! ...«

Mignon war einen Schritt näher getreten und sah ihr fest in die Augen.

»So sprechen Sie doch! ...«

»Mignon, liebst Du Willy?«

»Ja! ...«

Es leuchtete in ihren Augen auf, und sie schien verwandelt zu sein.

Der herbe Trotz, der eben noch in ihrem Gesichte gelegen hatte, war

gewichen, und eine Glückseligkeit lag darüber ausgebreitet, daß Anna

ausrief:

»Es ist nicht wahr! -- Sag' doch, daß es nicht wahr ist.«

»Doch, es ist wahr. Und Ihr mögt tun, was Ihr wollt: es soll mich

~keiner~ zwingen, ihn nicht zu lieben.«

»Mignon, ich bitte Dich ...«

»Nein! -- Liebe gegen Liebe! ... Sie sind seine Mutter, Sie haben das

erste Recht auf ihn; allein Sie müssen wissen, daß Sie ihn nicht ewig

für sich behalten können. Weshalb also stellen Sie sich zwischen uns,

weshalb?«

Als Anna schwieg, fuhr sie immer erregter fort:

»Weil Sie mich hassen, um meiner Mutter willen. Ich weiß alles! --

Weil Sie meine Mutter gehaßt haben, ~deshalb~ können Sie mich

nicht lieben. Ich habe es am ersten Tage gefühlt. Dann sind Sie

scheinbar gut und freundlich zu mir gewesen, bis ich alles vom Vater

erfahren habe, und da habe ich gesehen, was unter der Maske verborgen

lag. Und jetzt, jetzt -- da meine Mutter tot ist, wollen Sie sich an

~mir~ rächen ...«

Das bescheidene junge Mädchen war geschwunden, und es war nur mehr das

leidenschaftliche Weib geblieben, das rücksichtslos um seine Liebe

kämpfte und deshalb alle Waffen gebrauchte, die ihm zu Gebote standen.

Anna war von diesen unerwarteten Worten so bestürzt und überrascht,

daß sie sich nicht zu fassen vermochte.

Sie sah jetzt, daß sie es nicht mehr mit zwei leicht zu lenkenden

Kindern zu tun hatte.

Wie sollte sie die Aufgeregte davon überzeugen, daß keinerlei

Abneigung von ihrer Seite im Spiele war, daß es nur eine peinigende

Angst war, eine Gewissensfurcht grausamster Art, die sie dazu trieb,

alles zu versuchen, um die beiden auseinander zu bringen.

Sie mußte sprechen, denn sonst war es vielleicht zu spät. Und sie fing

an zu bitten und zu flehen.

»Nein, Mignon, Du irrst Dich -- gewiß, Du irrst Dich. Ich habe Dich

gern, und wenn Du ruhiger bist, wird Dir Dein Papa dasselbe sagen.

Doch, Mignon -- doch! .. Sieh, Kind, Du hast Deine Mutter früh

verloren, so daß Du nicht weißt, was es heißt, eine Mutter haben,

die für Dich denkt und sorgt. Hör' ein wenig auf meinen Rat. Du bist

zu jung, um selbst urteilen zu können, zu unerfahren, um zu wissen,

was Liebe ist. Ich habe das alles Willy schon gesagt, ich muß es Dir

wiederholen. Siehst Du nicht ein, daß wir gewissenlos handeln würden,

wenn wir Euch gewähren ließen? .. Hast Du nie darüber nachgedacht, wie

alt Ihr beide erst seid, wie vieler Jahre es noch bedarf, ehe Will

sich ein wenig Selbständigkeit erringen kann? -- Ihr habt hier beide

nur für Euch gelebt, wie in einer Idylle, an die Ihr zurückdenken

mögt und Euch an der Erinnerung erfreuen. Allein mehr wird und darf

es nicht werden. Du weißt, ich habe bei Willy kein Gehör gefunden.

Vielleicht finde ich bei ~Dir~ mehr Verständnis. -- Geh' doch

hin und frage andere Leute, wie die darüber denken. Onkel Jack --

Du hältst ja viel auf ihn -- frag' ihn einmal, was ~er~ davon

denkt, willst Du? Und Du wirst sehen, er hat nur ein Lächeln für Eure

Kindlichkeit. -- Ich will Euch nicht drängen, zu nichts zwingen. Und

damit Du siehst, daß ich nichts -- aber auch gar nichts gegen Dich

habe, mache ich Dir noch einen Vorschlag: Wenn Dein Papa zurückkehrt,

sag' ihm alles, und höre auf das, was er Dir antworten wird. Ist es

Dir recht? .. Und nun gib mir Deine Hand. Du verkennst mich, Mignon,

wenn Du glaubst, ich wolle nicht Dein Bestes. Es mag Dir ja anders

scheinen, allein es ist so. Und um Dich völlig zu überzeugen, werde

ich mich in Euer Verhalten zueinander nicht einmischen. Glaubst Du nun

noch immer, daß ich Dir feindlich gesinnt bin? ...«

Mignon nahm die dargereichte Hand, allein Annas Worte hatten keinen

Eindruck auf sie gemacht. Sie fühlte aus all dem nur das Bestreben

heraus, sie und Willy voneinander zu trennen.

Alle Versuche, ihr das Unhaltbare ihrer Neigung zu beweisen, dienten

nur dazu, ihre Liebe noch mehr zu befestigen.

Und auch Frau Anna ging mit dem Gefühle fort, daß sie mit all ihren

Worten nichts erreicht hatte.

Ein paarmal war sie nahe daran gewesen, flehentlich zu bitten, allein

rasche Ueberlegung hatte sie noch immer vor dieser Demütigung gerettet.

Und doch mußte sie die beiden trennen, koste es, was es wolle.

Mutter!.. · 第 13 / 62 题