Es durfte, es konnte ja nicht sein! ...
Und sie hatte bisher nichts geahnt. Sie hatte nichts anderes als einen
freundschaftlichen Verkehr bei ihnen vorausgesetzt.
Der Kopf war ihr heiß zum Zerspringen, und je mehr die Stunde
vorrückte, um so erregter wurde sie.
Sie setzte sich an den Schreibtisch und wollte an Petri schreiben.
Aber nein! -- was sie bewegte, konnte sie dem Papier nicht anvertrauen.
Einen Augenblick war sie versucht gewesen, noch jetzt hinüberzugehen.
Vielleicht, daß sie ihn daheim traf.
Aber sie durfte es nicht wagen. Es blieb ja nicht unbemerkt. Und was
konnte es in den Augen der anderen so Wichtiges geben, daß sie es in
so später Stunde noch mit dem Professor bereden mußte.
Und dabei immer der Gedanke, daß er morgen nach Kopenhagen fuhr und
sie ihn vielleicht vorher nicht mehr sprechen würde.
Sie sah keinen Ausweg. Sie fühlte, daß der Widerstand ihres Sohnes
nicht leicht zu brechen war. Mit einem ~einzigen~ Worte
~konnte~ sie ihn brechen. --
Aber ~dieses~ Wort wagte sie sich nicht einmal im ~geheimen~
zu sagen. Sie durfte es nicht aussprechen.
Und es gab ja auch noch andere Mittel, um ihn wieder zur Vernunft zu
bringen.
Wenn man ihm nur Zeit zur Ueberlegung ließ.
Sie war ja noch immer seine Mutter, und sie gab die Hoffnung nicht
auf, ihn sich wieder zu gewinnen.
13.
Willy mußte jemand haben, mit dem er sich aussprechen konnte. Lautner
gegenüber traute er sich nicht recht, weil er dessen Sarkasmus
fürchtete.
Deshalb ging er am folgenden Nachmittage zu Adolf Wurm, der in der
Tieckstraße im Hinterhause eine bescheidene Wohnung hatte.
Er stieg die vier schmalen steinernen Treppen hinauf und fand ihn
daheim.
Das einzige Fenster des Zimmers, dessen Kleinheit noch durch das Bett
und ein altes Klavier beschränkt wurde, führte auf einen Hof, so daß
man gegen die rote Wand eines mächtigen Lagerhauses sah, wo die Winde
unablässig große Wollballen emporhob.
Ein beständiges lautes Rufen der arbeitenden Leute, drunten im Hofe
das Ein- und Ausfahren der Wagen und dazu das Geräusch einer nebenan
befindlichen Fabrik.
Und in diesem beständigen Lärmen hatte Wurm seine Oper vollendet, die
jetzt in Hamburg angenommen war. Daraufhin hatte er sich mit seiner
Paula, einer Jugendliebe, verlobt.
Sie wohnte bei ihrer Mutter, einer Kaufmannsfrau in Rixdorf, wo Wurm
sie bei einem Stiftungsfeste kennen gelernt hatte.
Er hatte sich durch Stundengeben ein hübsches Sümmchen erspart und mit
ein paar Märschen und Tänzen bisher ziemlich Glück gehabt. Jetzt war
ihm zum Ueberfluß eine kleine Erbschaft von einer Tante, an die er nie
mehr gedacht hatte, zugefallen, so daß er es schon seit langem nicht
mehr nötig hatte, in dieser engen Bude zu hausen. Allein es gefiel
ihm nun einmal hier, und er wollte bleiben, bis er heiraten konnte,
aber nicht eher, als bis er irgendwo einen kleinen Kapellmeisterposten
erhalten hatte.
Ohne Kragen und Schlips, im Schlafrock arbeitete er gestikulierend mit
den Händen in der Luft herum, während er dem schweigsamen Willy seine
Pläne auseinandersetzte. Er schwatzte in einem fort, von seiner Braut,
seinem Glück, seinen Hoffnungen, ohne zu ahnen, daß Braun gekommen
war, ihm sein Herz auszuschütten.
So verlor Willy allen Mut, -- und nachdem er länger als eine
Stunde bei dem Musiker gewesen war, verließ er ihn wieder, trüber
gestimmt als zuvor, im Ohre noch dieses ganze lärmende Geschwätz des
Glücklichen. --
Er hatte anfangs Mignon gegenüber schweigen wollen, allein als er zu
ihr hinaus kam und seine Bedrücktheit ihr auffiel, fragte und bat sie
ihn so lange, bis er ihr die Szene mit der Mutter ausführlich erzählte.
Sie hörte ihn ruhig an, sehr ruhig und sehr bleich. Sie hatte gewußt,
daß es so kommen würde, und deshalb war sie über den Ausgang nicht
weiter erstaunt.
Wenn nur der Vater dagewesen wäre.
Jetzt, wo Frau Anna von ihrer Liebe wußte, brauchte sie auch dem Vater
das Geheimnis nicht länger vorzuenthalten.
Er mußte Rat wissen, mußte helfen -- allein sie hatte ihn in aller
Frühe zur Bahn gebracht und war nun allein im Hause.
Schreiben konnte sie ihm das nicht. Sie mußten schon warten, bis er
von Kopenhagen zurückkam.
Er hatte bestimmt, daß sie die Tage während seiner Abwesenheit bei
Brauns zubringen sollte, und es gab keinen Grund, daß sie fortbleiben
konnte.
Sie fürchtete sich vor dem Abend. Allein Will würde ja anwesend sein,
und er hatte die Mutter gebeten, nichts zu erwähnen, da Mignon von
seiner Erklärung nichts wisse.