Johann Gottlieb Fichte's
sämmtliche Werke.
Herausgegeben
von
I. H. FICHTE.
Achter Band.
Berlin, 1846.
Verlag von Veit und Comp.
Johann Gottlieb Fichte's
sämmtliche Werke.
Herausgegeben
von
I. H. FICHTE.
Dritte Abtheilung.
Populärphilosophische Schriften.
Dritter Band:
Vermischte Schriften und Aufsätze.
Berlin, 1846.
Verlag von Veit und Comp.
Inhaltsanzeige
des achten Bandes.
Seite
1) Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen, 1801 3-93
2) Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren 97-204
Lehranstalt, 1807
Beilagen zum Universitätsplane (ungedruckt):
a. Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke 207-216
an einer deutschen Universität, 1805
b. Rede bei einer Ehrenpromotion an der Universität zu 216-219
Berlin, am 16. April 1811
3) Vermischte Aufsätze:
A. Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks, 223-244
ein Räsonnement und eine Parabel, 1791
B. Zwei Predigten aus dem Jahre 1791 (ungedruckt) 245-269
C. Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie, 1794 270-300
D. Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der 301-341
Sprache, 1795
E. Ueber Belebung und Erhöhung des Interesse an 342-352
Wahrheit, 1795
F. Aphorismen über Erziehung, 1804 (ungedruckt) 353-360
G. Bericht über die Wissenschaftslehre und die 361-407
bisherigen Schicksale derselben, 1806 (ungedruckt)
4) Recensionen:
A. Von Creuzers skeptischen Betrachtungen über die 411-417
Freiheit des Willens, 1793
B. Von Gebhard über sittliche Güte, 1793 418-426
C. Von Kant zum ewigen Frieden, 1796 427-436
5) Poesien und metrische Uebersetzungen:
A. Das Thal der Liebenden, Novelle, 1786 (ungedruckt) 439-459
B. Kleinere Gedichte (meist ungedruckt) 460-471
C. Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen 472-479
und Italiänischen (meist ungedruckt)
Vorrede des Herausgebers.
Der vorliegende achte Band der Werke enthält Alles, was von gedruckten
und von ungedruckten Aufsätzen vermischten Inhaltes der Aufbewahrung
werthgehalten wurde, und was im dritten Theile der »Nachgelassenen
Werke« noch nicht erschienen ist. Diese beiden Bände stehen daher in
nächster ergänzender Beziehung zueinander.
Die Schrift, welche hier die Reihe eröffnet: »Nicolai's Leben und
sonderbare Meinungen« (1801), wird bei ihrem Wiedererscheinen, da ihr
Gegenstand unserer unmittelbaren Erinnerung und unserem parteinehmenden
Interesse entrückt ist, wohl so heiter und so objectiv aufgenommen
werden, als sie ursprünglich entworfen ward. Gleichwie wir aus den
Selbstbekenntnissen des Dichters wissen, dass er sich mit dem ihm
Feindlichen am Sichersten versöhnt habe, indem er es zum Gegenstande
poetischer Darstellung machte: so ist es die ächte, überwindende und
abschliessende Polemik des Denkers, wenn er das Gegnerische aus seinem
Principe begreift und in der unwillkürlichen Consequenz seiner
Verkehrtheit erschöpfend darlegt. Als Beispiel dieses Humors der
Gründlichkeit wird das kleine Werk eine eigenthümliche Stelle behaupten
neben den wenigen polemischen Musterstücken unserer Literatur. Das
dreizehnte oder Schlusscapitel aus demselben: »Von den letzten Thaten,
dem Tode und der wunderbaren Wiederbelebung unseres Helden,« (Bd. VIII.
S. 89 ff.) welches der ursprüngliche Abdruck nur bruchstückweise enthält
(S. 128 ff.), ist zwar im Manuscripte noch vollständig vorhanden; doch
bleibt es, aristophanischer Derbheiten voll, auch jetzt kaum
mitzutheilen.
Der »Universitätsplan« gehört in jene Reihe von Entwürfen zur
Umgestaltung der gesammten Nationalbildung, von denen wir in der Vorrede
zum siebenten Bande Bericht erstattet. Er schrieb ihn auf Anregung des
damaligen preussischen Cabinetsraths Beyme, der in Betreff desselben
»sein ganzes Vertrauen auf ihn setzte« und bei dem Entwurfe selbst ihn
davon lossprach, »an das Alte und Ueberlieferte sich zu binden« (Worte
aus einem ungedruckten Briefe des Letzteren).
So entstand jener Plan auf einer völlig neuen Grundlage des Begriffes
einer Universität, und war ebenso auf ein neues Ziel gerichtet. In
ersterer Beziehung wurde geltend gemacht, dass die Universität weit
weniger Lehranstalt seyn solle, als Bildungsschule des freien
Verstandesgebrauches: leitender Grundsatz sey, durchaus nichts mündlich
zu lehren, was auch im Drucke vorliege und auf diese Weise weit besser
und sicherer an den Zögling gebracht werden könne; vielmehr solle der
akademische Unterricht nur in dem ununterbrochenen und innigen
Wechselverkehr zwischen Lehrer und Lernenden bestehen, in
Modificationen, welche der Plan ausführlich darlegt, um eben dadurch zur
»Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches« sich zu
erheben. Als Ziel aber wurde gezeigt, dass dem Zöglinge dieser
Kunstschule nach dem Eigenthümlichen seines Talentes und nach dem
Ergebnisse seines Fleisses und seiner Ausbildung, auch die sichere
Aussicht auf die höchsten Staatsämter eröffnet werde, ohne dass dabei,
wie bisher, dem Stande oder sonstigen zufälligen Unterschieden der
geringste Einfluss bleibe, damit der auch von daher neu umgestalteten
Staatsverwaltung (auf Preussen wurde nemlich dabei zuerst gerechnet) die
höchste Blüthe der Wissenschaft und des Talentes zu steter Erfrischung
und Selbsterneuerung immerfort zu Gute komme.
Es ist leicht erklärbar, nachdem zugleich die oberste Leitung der
Universitätsangelegenheiten in andere Hände gekommen war, warum unter
den damaligen Umständen, die guten Theiles noch jetzt fortdauern, ein
solcher Plan, sowohl in seinem Ausgangspuncte, als in seiner letzten
Absicht, unausführbar befunden werden musste. Berlin wurde eine
Hochschule, wie jede andere auch; und was ihr höheren Glanz verlieh, war
nicht das Vollkommene oder Rationellere ihrer ursprünglichen
Organisation, sondern der Ruf einzelner Lehrer, die verschwenderische
Fülle der Lehrmittel, welche sie darbot, endlich das äussere Ansehen,
das ihre eigenthümliche Stellung in der Nähe der obersten
Regierungsgewalten ihr verlieh.
Dies Verhältniss erzeugte jedoch im weiteren Verlaufe eine andere, also
noch nie dagewesene Erscheinung. Man sah vor Augen, wie mächtig der
Einfluss der Wissenschaft sey auf die geistigen Bewegungen der Zeit, und
so empfahl es sich als höchste Maxime der Staatsklugheit, eine
Universität vor allen Dingen zur Bildungsanstalt künftiger Beamten zu
stempeln, und den Geist derselben den jedesmal herrschenden Wünschen und
Absichten der Regierung anzupassen. Hätte man bedacht, was eigentlich in
diesem Grundsatze liegt, und könnte es gelingen, consequent ihn
durchzuführen, so würde ans Licht kommen, dass er in Wahrheit nichts
Geringeres fordert, als jeden Keim der Zukunft der jedesmaligen
Gegenwart aufzuopfern und so den Stillstand zu verewigen!
Wird nun irgend einmal unter den Gegenständen, welche in unserem
Vaterlande einer nothwendigen Umgestaltung entgegengehen, die Reihe auch
an unsere Universitäten kommen; wird man sich sodann die Frage zur
klaren Entscheidung bringen müssen, ob sie auch künftig bloss
Pflanzschulen für Beamte seyn sollen, oder wirklich und ungeschmälert
freie Pflegerinnen der Wissenschaft, von denen der erste Antrieb zu
jedem Weiterschreiten im Staate selber ausgehen müsse: so wird man
gewiss auf denselben höchsten Grundsatz und wenigstens auf ähnliche
Einrichtungen zurückkommen müssen, wie sie in Fichte's Universitätsplane
vorgeschlagen sind, und dieser näheren oder ferneren Zukunft mag dann
eine erneuerte Erwägung desselben vorbehalten bleiben. --
Von den nun folgenden »vermischten Aufsätzen« schien uns jeder
beachtenswerth in verschiedener Beziehung, als Zeugniss von den
Interessen, welchen sich Fichte's Geist zu verschiedenen Zeiten
zugewandt. Ehe er ganz von der Kantschen Philosophie dahingenommen
wurde, war es sein höchstes Ziel, sich zum Kanzelredner zu bilden: was
er darin erstrebte und für das Rechte hielt, mögen die abgedruckten
Predigten zeigen, zusammengehalten mit der schon früher, im dritten
Bande der »Nachgelassenen Werke« (S. 209.), mitgetheilten. Alle drei
scheinen uns nicht ohne urkundliche Kraft und Eigenthümlichkeit, den
künftigen wissenschaftlich-popularen Redner ankündigend.
Von den weiteren Abhandlungen müssen wir »die Briefe über Geist und
Buchstab in der Philosophie« (1794, ursprünglich für Schillers Horen
bestimmt) auszeichnen. Sie stammen aus der ersten, frischesten Zeit der
Erfindung seines Systemes, und geben zugleich am Ausführlichsten von
seinen ästhetischen Principien Kunde. Der ästhetische Trieb wird darin
als das Mittlere zwischen dem Erkenntniss- und dem praktischen Triebe
bezeichnet, als das Ideelle, die Vernunft, aber in Form der Natur, der
^Unmittelbarkeit^ des Bewusstseyns, wodurch der ästhetische Sinn, beiden
Welten angehörend, beide eben vermitteln kann, weil Vernunft und Natur
in ihm auf ursprüngliche Weise als Eins gesetzt sind. So hätte, diesem
unmittelbarsten Entwurfe seines Systemes nach, die Aesthetik die
dritte vermittelnde Disciplin zwischen den beiden Theilen der
Wissenschaftslehre, dem theoretischen und dem praktischen, seyn sollen,
-- eine Auffassung, welcher indess keine weitere Folge gegeben worden
ist, wiewohl sie auch in Fichte's Sittenlehre (Bd. IV. S. 353.) noch dem
Begriffe des Schönen und der Kunst zu Grunde gelegt wird, indem er das
Princip derselben dort also bezeichnet: »dass die schöne Kunst den
^transscendentalen Gesichtspunct^« (den der Vernunft) »zum gemeinen«
(unmittelbaren) »mache.« Wir finden in dieser Bestimmung keinen
wesentlichen Unterschied von der in den späteren Systemen, das Schöne
sey die Idee in sinnlicher Unmittelbarkeit, vielmehr dasselbe, wiewohl
noch unausgeführt und in unbestimmtem Umrisse. Nur dies hinderte bei
Fichte die fruchtbare Entfaltung dieses Gedankens, dass ihm das
eigentlich nächste und unmittelbarste Gebiet dieses Sinnlichwerdens der
Idee, die Natur, fortwährend ^blosse^ Sinnenwelt, ein schematisches, der
Idee untheilhaftes Bewusstseyn blieb. Er konnte kein ^Naturschönes^
anerkennen, und ^deshalb^ musste er auf die Frage, wo die Welt des
schönen Geistes sey, antworten: »Innerlich in der Menschheit, ^und sonst
nirgends^« (S. 354.). Diese Ausschliesslichkeit gegen die Natur tritt
nun in jener Abhandlung noch nicht hervor: das neue Princip sucht noch
das Reich der Wahrheit sich zu gewinnen, ohne genau die Grenzen
abzustecken oder Etwas von sich auszuschliessen, und solche
ursprünglichen Urtheile müssen immer für die bezeichnendsten und dem
eigentlichen Sinne des Principes gemässesten gehalten werden.[1]
Vielleicht auch eines Kunsturtheils wegen kann der Aufsatz für
merkwürdig gelten. In jener Zeit, als ganz andere Dichter das Publicum
beherrschten, verkündete er, als einer der frühesten, die Grösse des
Goetheschen Dichtergeistes, nicht in seinen damals allein etwa beliebten
Jugendwerken, sondern in seinen späteren Dichtungen, indem es ihnen
gelungen sey, gerade durch Mässigung der höchsten Kraft, die in sich
harmonische Schönheit darzustellen. --
Die Abhandlung: »über Sprachfähigkeit und Ursprung der Sprache« wird auf
den ersten Anblick vielleicht merkwürdig erscheinen durch das
befremdliche Resultat, auf welches sie hinausgeht. Entschieden ist
wenigstens, dass Fichte späterhin die Sprache nicht bloss mehr für
freies Erzeugniss einer schon ausgebildeten Vernunftthätigkeit hielt,
wiewohl zuzugeben ist, dass er die volle Bedeutung der Sprache überhaupt
zur Verwirklichung des Vernunftbewusstseyns im ^Einzelsubjecte^, in
keiner von seinen wissenschaftlichen Darstellungen vollständig gewürdigt
hat.
[Fußnote 1: Bekanntlich hat Solger im Erwin (I. S. 77.) Fichte's
ästhetisches Princip einer Kritik unterworfen; ebenso ist es neuerdings
von Th. W. Danzel charakterisirt worden in einer sehr beachtenswerthen
Abhandlung: »über den gegenwärtigen Zustand der Philosophie der Kunst«
(in des Herausgebers Zeitschrift für Philosophie etc. Bd. XIV. S. 165
ff.). Das Obenangedeutete und Fichte's hier wiederabgedruckte Abhandlung
mögen dafür zur Ergänzung und Berichtigung dienen.]
Dennoch war der Grund von diesem Allem, wie eben aus jener Abhandlung
deutlich erhellt, ein tiefer und ächt idealistischer. Die Vernunft ist
das Ursprünglichste, Selbstständigste, Unabhängigste im Menschen; sie
bedarf zu ihrer Wirklichkeit nicht, sich an Tonbildern zu befestigen,
die sie vielmehr -- (so sah man überhaupt damals dies Verhältniss an) --
nur in zufällig willkürlicher Gestaltung aus sich hervorbringt. Statt
sprechend, kann sie sich daher auch in der stolzen Innerlichkeit des
Schweigens genügen. Deshalb behauptete er, dass man die Tonsprache für
viel zu wichtig gehalten habe, wenn geglaubt worden sey, dass ohne sie
kein Vernunftgebrauch habe stattfinden können. So war er auch bei
anderer Gelegenheit auf die Frage: ob man nur in Worten zu denken
vermöge, geneigt, darauf mit Nein zu antworten, wo jedoch die genauere
Selbstbeobachtung ihn im Stiche lässt.
Es sey daher gestattet auf den gegenwärtigen Standpunct dieser Frage
einen Blick zu werfen, um das Verhältniss jener Abhandlung zur
philosophischen Sprachwissenschaft der Gegenwart bestimmter
festzustellen. Seit W. von Humboldts Untersuchungen über diesen
Gegenstand steht fest, dass von der Vorstellung, die auch Fichte hier
vertritt, die Tonsprache sey erst ein Product des Bedürfnisses bei schon
erwachter Vernunftthätigkeit gewesen, völlig abgesehen werden müsse. Das
tonbildende Vermögen, so zeigte Humboldt, ist ein durchaus
ursprüngliches, vom Seyn des Menschen unabtrennliches, mit
unwillkürlicher Kraft, aber in tiefer Gesetzlichkeit, sich Luft machend:
-- was er nun an einer vergleichenden Physiologie und Semiotik der Laute
weiter durchführt und mit grossem Reichthume der Beobachtung im
Einzelnen begründet. Bis so weit nun, als Humboldt hierin führt, und von
dieser Seite, ist der Grund und Ursprung der Sprachbildung aufgedeckt;
aber die eigentliche Mitte des Problems ist damit noch nicht erreicht
worden. Dies zum Bewusstseyn zu bringen, ist Fichte's Abhandlung
geeignet, die zugleich noch eine andere, von jener unabtrennliche Frage
anregt, die Frage über das Verhältniss der Zeichen- zur Tonsprache.
Die erstere macht er zur ^Ursprache^, und fügt hinzu, dass sich diese
vielleicht erst nach Jahrtausenden in Gehörsprache verwandelt habe, weil
für Ausbildung der letzteren schon eine wirkliche Thätigkeit der
Vernunft vorauszusetzen sey, wie er dies im weiteren Verlaufe der
Abhandlung an der Erzeugung der grammatischen Formen ausführlich
nachweist. Dies ist ein bedeutender Wink, der nur weiter auszubilden
wäre, und auch der dabei geforderte Zeitverlauf ist ein wichtiges, wohl
zu beachtendes Moment.
Zunächst jedoch muss es als ungerechtfertigt erscheinen, Zeichen- und
Tonsprache in ihrem unmittelbaren Ursprunge überhaupt von einander zu
trennen, und diese später entstehen zu lassen. Unstreitig treten beide
ursprünglich ^mit^ einander hervor, und gehen sogar noch immer, wie wir
täglich bei lebhaft Sprechenden bemerken können, sich ergänzend und
unterstützend nebeneinander her; ja bei Armuth der Tonsprache (wie im
Chinesischen), oder bei dem Mangel derselben (wie in Taubstummheit),
kann die Zeichensprache durch Reflexion und Absicht ebenso zur
articulirten gesteigert werden, wie jene. Dennoch hat Fichte recht: nur
allmählig, im Zeitverlaufe, wird die Tonsprache zum gegliederten
Sprachorganismus, indem die bewusstwerdende Vernunft, das Denken, immer
reicher in sie sich einbildet.
Hier sind wir nun, dem unmittelbaren Anscheine nach, in einen Cirkel
gerathen, zu dessen Vermeidung Fichte eben seine Hypothese von dem
allmähligen Uebergange der Zeichen- in Tonsprache ersann. Ohne
Vernunftgebrauch keine Sprache; aber wie vermag umgekehrt die Vernunft
sich auszubilden, wenn sie nicht eine Sprache vorfindet, als das
gefügige Element ihrer eigenen Verwirklichung? Was ist hier das Erste,
was das Letzte? Fichte hat, seinem Principe gemäss, der Vernunft den
Primat gegeben, und was schon seine nächsten Vorgänger behaupteten, in
der Abhandlung mit neuen, in ihrer Begrenzung schwer zu widerlegenden
Gründen durchgeführt: die Sprache kann nur allmählig entwickelt seyn
durch die steigende Vernunftthätigkeit. Die entgegengesetzte Ansicht
(Bonalds, Franz Baders, Fr. Schlegels u. A.) legt den Nachdruck auf die
andere Seite: die Sprache kann dem Menschen nur verliehen seyn, weil
erst durch sie vermittelt die eigene Vernunft ihm objectiv, er ihrer
bewusst wird. Am Sprechen lernt der Mensch erst zu denken; -- was nicht
minder richtig und unstreitig bleibt. Humboldt endlich hat die
natürliche Grundlage hervorgehoben, aus deren unmittelbarer, aber tief
gesetzmässiger Wirksamkeit alle Lautsprache hervorgeht, das ursprünglich
tonbildende Vermögen des Menschen. Und so kann jetzt abschliessend
ausgesprochen werden, dass zwischen jenen beiden Gegensätzen gar kein
Widerstreit obwaltet, dass beide Geltung haben, aber in gegenseitig sich
beschränkendem Sinne, der jedem daher seine scharfbegrenzte Wahrheit
giebt. Die Sprache ist ebenso »eingeboren,« -- ^Ursprache^, äusserlich
bedingt durch das tonbildende Vermögen des Menschen, innerlich durch die
Immanenz der Vernunft im Menschengeiste -- als sie zu ihrer Ausbildung
und Gliederung doch des steten Fortwirkens jener beiden Factoren bedarf.
Es ist derselbe Process, nur energischer und reicher, der sich auch in
den schon gebildeten Sprachen fortwährend entdecken lässt, indem die
Denkweise eines Zeitalters unwillkürlich in den Veränderungen der
Sprache sich abbildet, sie erweiternd oder verengend, vergeistigend oder
entgeistend. Ebenso scheint von hier aus die Frage nach der Einheit und
Verwandtschaft aller Sprachen von selbst sich zu lösen. Jene »Ursprache«
ist als vollendete und für sich bestehende, nicht geredet worden bei
irgend einem Volke oder in einer bestimmten Zeit: sie wird noch immer
geredet und spricht sich hinein in alle individuellen Sprachen, deren
grössere oder geringere Verwandtschaft von daher stammt; denn sie ist
nur jene im tonbildenden Vermögen liegende Gesetzmässigkeit alles
Sprechens. --
Das philosophische Fragment endlich, »Bericht über den Begriff der
Wissenschaftslehre und die bisherigen Schicksale derselben« (1806),
dessen erster Abschnitt bereits in den »Nachgelassenen Werken«
erschienen war, glaubten wir jetzt, trotz seines polemischen Inhaltes,
in seiner Vollständigkeit nicht mehr zurückhalten zu dürfen, indem es
als Actenstück in der Geschichte des Fichteschen und Schellingschen
Systemes eine wesentliche Stelle einnimmt. Wenn es aber überhaupt
mitgetheilt wurde, so musste dies in ungeschmälerter Ursprünglichkeit
geschehen. Was dagegen zu erinnern wäre, verschwindet grossentheils vor
der Betrachtung, dass hierbei die Erneuerung alter Kämpfe nicht zu
besorgen steht: beide Systeme in ihrer damaligen Gestalt gehören der
Geschichte an, und sind uns zu parteilosem Urtheile schon in eine so
bedeutende Ferne gerückt, dass der Kundige, nach der einen wie der
anderen Seite hin des Rechten nicht verfehlen oder aus anderen Quellen
es leicht sich aneignen kann.
* * * * *
Unter den wiederabgedruckten Recensionen machen wir namentlich auf die
beiden letzten aufmerksam. Die eine (von Gebhards Schrift über sittliche
Güte, 1793) stellt an ihrem Schlusse, hier am Frühesten und zum
Erstenmale, das neue Princip auf, mit welchem Fichte über Kants
Idealismus hinausging. Es wird in der Wendung ausgedrückt: die
praktische Vernunft habe nicht bloss, wie bei Kant, den Primat über die
theoretische, sondern das Praktische, die That, sey als die Eine
Grundbestimmung aller Vernunft und als Fundament alles ^Wissens^ zu
bezeichnen. -- Ebenso ist die kurze Recension von Kants Schrift »zum
ewigen Frieden« (1796), gedankenreich und bedeutend: sie enthält in
gedrängter Darstellung das Unterscheidende der eigenen Rechtslehre von
der Kantischen, und kann so zur Ergänzung des dritten Bandes der Werke
und unserer Vorrede desselben dienen. Aber sie erhebt sich auch zu
weiteren Fragen über die Zukunft der Geschichte; und hier werden
Ansichten über die nothwendige Fortbildung der Gegenwart zum wahren
Staate angedeutet, welche schon im Keime die Ideen seiner späteren
Staatslehre zeigen.
* * * * *
In Betreff der am Schlusse des Bandes mitgetheilten poetischen Versuche
sind wir nicht frei von der Besorgniss, dass mancher Leser einen anderen
Maassstab des Urtheiles zu ihnen hinzubringe, als hier zulässig wäre.
Nicht eigentlich als dichterische Erzeugnisse sind sie aufzufassen, --
ob überhaupt nemlich poetische Productivität zum Talente des Denkers
sich gesellen könne, welcher in der bildlosen Reine des Begriffes und in
der Virtuosität der Abstraction waltet, ist durchaus zu bezweifeln, --
sondern um das Bild von Fichte's Charakter nach einer Seite hin zu
vollenden, die in diesen Werken bisher am Wenigsten hervortreten konnte;
-- wir meinen die gesammte Gemüthsweise, welche in solchen Productionen
am Unverkennbarsten sich darstellt, und die in ihm allezeit ebenso
entschieden zur Einheit ausgeprägt war, wie seine wissenschaftliche
Denkart, ja in dieser nur ihr übereinstimmendes Gegenbild fand. Jene
nun, der tief religiöse Ernst, das kraftvolle Erfassen des Lebens auch
in seinen äusseren und scheinbar gleichgültigen Spitzen, aus diesem
höchsten Mittelpuncte, ist der gemeinsame Faden, der sich auch durch
seine Poesien zieht, selbst bis in den Humor hinein; darum schienen sie
uns charakteristisch und aufbehaltenswerth, und so möge auch die
Aufnahme seines ältesten poetischen Versuches (einer »Novelle« aus dem
Jahre 1786, überhaupt des Frühesten, was im Nachlasse übriggeblieben
ist) erklärt und gerechtfertigt seyn. Vielleicht verdient sie als
literarische Merkwürdigkeit selbst einige Beachtung, wenn man sie mit
dem damals herrschenden Geiste in solchen Erzählungen vergleichen will.
Von hier aus können wir zugleich auf seine ästhetischen Neigungen noch
einen Blick werfen. Wie er in der neueren Poesie dem objectiven Werthe
nach Goethe unbedingt am Höchsten stellte und unter seinen Werken, gegen
die gewöhnliche, auch bis jetzt noch geltende Annahme, seine »natürliche
Tochter,« könnte aus seinem Briefwechsel bekannt seyn (Leben und
Briefwechsel, Bd. II. S. 326 ff.). Dennoch war er auch der Romantik,
namentlich der religiösen, bis in ihre Nebenabsenker mit Vorliebe
zugethan, während ihm Jean Pauls Gefühlsweichheit ebenso, wie sein
geschraubter Humor, ungeniessbar blieb. In Novalis, besonders seinen
geistlichen Liedern, sah er neue Quellen ächter, tieferfrischender
Poesie seinem Zeitalter geöffnet, und Tiecks »heilige Genoveva« erregte
bei ihrem ersten Erscheinen ein so nachhaltiges Interesse in ihm, dass
er diese Gattung romantisch religiöser Dramen selbst zur Darstellung
philosophischer Ideen glaubte erheben zu können. Es ist noch von ihm der
ausführliche Entwurf eines romantischen Trauerspiels: »der Tod des
heiligen Bonifacius« vorhanden, in welchem er den Sieg der Idee eben
dadurch, dass sie äusserlich sich opfert und in sinnlicher Gegenwart
untergeht, zu schildern gedachte. -- In späteren Jahren endlich, als ihn
das Studium des Italiänischen, Spanischen und Portugiesischen
beschäftigte, war es besonders Dante, der ihn mächtig ergriff und zu
dessen Betrachtung er mit immer neuem Interesse zurückkehrte. Von seinem
^Purgatorio^ ist eine zum Theil metrische Uebersetzung mit Commentar im
Nachlasse vorhanden (wovon ein Fragment in der Zeitschrift: »Vesta,
Königsberg 1807« abgedruckt ist). Die anderen grossen Dichter jener
Nationen, Petrarca, Cervantes, Calderon, Camoens schlossen sich in
diesen Studien an, und von vielen Uebersetzungsversuchen aus ihren
Werken haben wir einige zum Abdruck ausgewählt, welche uns die nach Wahl
eigenthümlichsten, nach Ausführung gelungensten schienen.
Friedrich Nicolai's
Leben und sonderbare Meinungen.
Ein Beitrag zur Literargeschichte des vergangenen und zur
Pädagogik des angehenden Jahrhunderts.
Von
Johann Gottlieb Fichte.
Herausgegeben
von
A. W. Schlegel.
Erste Ausgabe: Tübingen, in der J. G. Cottaschen Buchhandlung.
1801.
Vorrede des Herausgebers.
Der Verfasser dieser Schrift hatte anfänglich die Absicht, sie unter
seinen Augen dem Drucke zu übergeben. Da hiebei zufällige Hindernisse
eintraten, und der nächste Zweck derselben durch die Unterhaltung,
welche er bei ihrer Abfassung gefunden und seinen Freunden durch die
Mittheilung verschafft hatte, eigentlich schon erreicht war, so wollte
er von keiner weiteren Bemühung damit etwas wissen und zog seine Hand
gänzlich von ihr ab. Das Manuscript kam in dem Kreise seiner Freunde
auch an mich; ich bin durch keine Bevorwortung des Verfassers bei dem
Gebrauche, den ich etwa davon möchte machen wollen, eingeschränkt, und
so gestehe ich, dass ich mir ein Gewissen daraus machen würde, diese
bündige und erschöpfende Charakteristik eines in seiner Art merkwürdigen
Individuums dem Publicum vorzuenthalten. Der Würde Fichte's wäre es
vielleicht angemessener, sein bisheriges verachtendes Stillschweigen
auch jetzt nicht zu brechen: allein da er einmal die gutgelaunte
Grossmuth gehabt hat, so viel Worte und Federzüge an Nicolai zu wenden,
so muthe ich ihm auf meine Gefahr auch die zweite zu, die Welt seine
ausgeübte Herablassung erfahren zu lassen. Was Nicolai betrifft, so
weiss ich wohl, dass ich ihm durch die Herausgabe dieser Schrift die
grösste Wohlthat erweise. Was könnte ihm, der seine hauptsächlichen
Gegner nicht einmal dahin bringen kann, seine weitläufigen
Streitschriften zu lesen, geschweige denn zu beantworten, der ihnen
höchstens nur einige hingeworfene Sarkasmen abgelockt, glorreicheres
begegnen, als dass Fichte auf ihn, als auf ein wirklich existirendes
Wesen, sich förmlich einlässt, ihn aus Principien construirt, und ihn wo
möglich sich selbst begreiflich macht? Der Tag, wo diese Schrift
erscheint, ist unstreitig der ruhmbekrönteste seines langen Lebens, und
man könnte besorgen, er werde bei seinem ohnehin schon schwachen Alter
ein solches Uebermaass von Freude und Herrlichkeit nicht überleben.
Verdient hat er es ganz und gar nicht um mich, dass ich ihm ein solches
Fest bereite, da er mir die Schmach angethan, mich in früheren Schriften
ordentlich zu loben, und noch in den letzten mir Kenntnisse und Talente
zuzugestehen. Indessen die Lesung der folgenden Schrift hat mich in die
darin herrschende grossmüthige Stimmung versetzt, und wenn er sich diese
Anmaassung nicht wieder zu Schulden kommen lassen will, so sey das
bisherige vergeben und vergessen.
Einleitung.
Ich habe zu Friedrich Nicolai's zahllosen Schmähungen und Verdrehungen
meiner Schriften stillgeschwiegen, so lange es lediglich die Schriften
traf; indem ich in demjenigen Theile des Publicums, wenn es einen
solchen noch giebt, in welchem Nicolai über literarische Angelegenheiten
eine Stimme hat, keine zu haben begehre. Nunmehro hat Nicolai auch meine
persönliche Ehre angegriffen; -- denn dass er der Verfasser sey von der
in der neuen deutschen Bibliothek, 56. B. 1. St. zu Ende des zweiten und
zu Anfange des dritten Heftes befindlichen Anzeige, in welcher jene
Angriffe geschehen, leidet keinen Zweifel und bedarf keines Beweises.
Selbst auf den unerwarteten Fall, dass Nicolai seine Autorschaft
abläugnete, werde ich diesen Beweis nicht führen; denn es ist jedem, der
die lebenden Schriftsteller kennt, unmittelbar klar, dass nur Einer, nur
Friedrich Nicolai, dies schreiben konnte. -- Ich bin es zwar nicht dem
Herrn Nicolai, der die gegen mich vorgebrachten Beschuldigungen entweder
selbst nicht glaubt, oder durch den Leichtsinn, mit welchem er sie
vorbringt, auf alle persönliche Achtung Verzicht thut, -- wohl aber dem
Publicum, welches dieselben ganz oder halb glauben dürfte, schuldig,
mich vor ihm zu stellen und mich zu verantworten. --
Nachdem es nun Nicolai endlich erzwungen, dass ich noch während seines
Lebens von ihm spreche, so führe ich hiebei zugleich, früher als ich
gerechnet hatte, einen alten Vorsatz aus. Nemlich ich scheue mich nicht
zu gestehen, dass, seitdem ich die mich umgebende Welt kenne und selbst
eine Meinung habe, nichts mir verhasster und verächtlicher gewesen ist,
als die elende Behandlung der Wissenschaften, da man allerlei ^Facta^
und Meinungen, wie sie uns unter die Hände kommen, zusammenrafft, ohne
irgend einen Zusammenhang oder einen Zweck, ausser dem, sie
zusammenzuraffen und über sie hin und her zu schwatzen; da man über
alles für und wider disputirt, ohne sich für irgend etwas zu
interessiren, oder es ergründen auch nur zu wollen, und in allen
menschlichen Kenntnissen nichts erblickt, als den Stoff für ein müssiges
Geplauder, dessen Haupterforderniss dies ist, dass es ebenso
verständlich sey am Putztische, als auf dem Katheder; jene schaale
Wisserei und Stümperei, Eklekticismus genannt, die ehemals beinahe
allgemein waren, und auch gegenwärtig noch sehr häufig angetroffen
werden. -- Ausser eignen Arbeiten und Untersuchungen, die für einen
ernsthaften Zweck unternommen, und mit einem bessern Geiste geführt
würden, und die immer das Gegenmittel gegen jenen verderblichen Hang
bleiben müssen, schien mir auch noch ein zweites Gegenmittel sehr
zweckmässig zu seyn: die lebendige Darstellung der unausbleiblichen
Folgen jener Behandlung der Wissenschaft zur absoluten Ertödtung alles
Sinnes für Wahrheit, Ernst und Gründlichkeit, und zur radicalen
Verkehrung und Zerrüttung des Geistes. Das vollendetste Beispiel einer
solchen radicalen Geisteszerrüttung und Verrückung in unserm Zeitalter
war mir, seitdem ich ihn gekannt habe -- ich lernte ihn in dem Streite
zwischen Mendelssohn und Jacobi kennen -- Friedrich Nicolai. Sein Bild
wollte ich, wenn er seine verkehrte Laufbahn geschlossen haben würde,
welches er freilich nur mit seinem Tode thun wird, allen studirenden
Jünglingen, in denen ein Hang seyn könnte, seine Bahn zu betreten, und
allen, die auf die Bildung dieser Jünglinge Einfluss hätten, zum
warnenden Beispiele hinstellen.
Diesen alten Vorsatz werde ich gleich bei der gegenwärtigen Gelegenheit
ausführen; und dadurch einem Geschäfte, an welches ich, wenn es für eine
blosse Vertheidigung meiner selbst gegen Nicolai angesehen würde, nicht
ohne tiefe Beschämung gehen könnte, eine liberalere und allgemeinere
Richtung zu geben suchen. Nicolai selbst, wenn darnach gefragt werden
könnte, kann dies nicht übelnehmen. Er hat Zeit seines Lebens die
grössten und verdientesten Männer der Nation auf eine Weise behandelt,
dass er selbst, wenn er nur fähig wäre einen Augenblick lang andern
dieselben Rechte gegen sich zuzuschreiben, die er sich gegen andere
zuschreibt, es ganz billig finden müsste, dass man eine Rücksicht, die
er nie gekannt hat, auch gegen ihn nicht beobachtet, keine Notiz davon
nimmt, dass er noch unter den Lebendigen existirt, und ohne Bedenken
eine Untersuchung, die ihn zum blossen Thema macht, unter seinen Augen
anstellt.
Zwar sehe ich bei diesem Unternehmen den Tadel zweier durchaus
entgegengesetzter Parteien voraus. Zuvörderst den Tadel derjenigen,
welche über Kunst und Wissenschaft im Wesentlichen mit mir gleich
denken. Ihnen ist, so viel ich habe bemerken können, Nicolai ein so
unbedeutender und verächtlicher Gegenstand, dass man in ihren Augen nur
sich selbst herabsetzt, wenn man ihn einer Erwähnung und Beachtung
würdigt. Sie haben vollkommen recht, und ich bin ganz ihrer Meinung,
wenn von Nicolai als von einer Person geredet werden sollte. Als Object
aber, als vollendete Darstellung einer absoluten Geistesverkehrtheit ist
er, meines Erachtens, dem Literarhistoriker und Pädagogen wichtig, und
so interessant, als dem Psychologen ein origineller Narr, oder dem
Physiologen eine seltene Misgeburt nur immer seyn kann. Ich bekenne,
dass es meine Schuld seyn würde, wenn ich dieses Interesse für meinen
Gegenstand nicht zu erregen vermöchte.
Sodann habe ich mich auf den Tadel der gutmüthigen Mittelmässigkeit
gefasst zu halten, welche, seit die Urtheile der grössten deutschen
Männer, eines Kant, Goethe, Schiller, über jenen Gegenstand in das
Publicum gekommen, aus mehrern Winkeln der Literatur uns erinnern, denn
doch auch die bedeutenden Verdienste des Mannes nicht zu vergessen. Ich
werde tiefer unten meine Ueberzeugung, dass Nicolai für seine Person
sein ganzes Leben hindurch nie etwas Kluges, sondern eitel Verkehrtes
und Thörichtes angefangen habe, und dass auf ihm nicht das mindeste
Verdienst, sondern eitel Schuld ruhe, weder verläugnen, noch sie zu
begründen vergessen. Dass jene Stimmführer der Mittelmässigkeit wirklich
zu wissen wähnen, was sie von jenen Verdiensten sagen, will ich glauben.
Nicolai und sein Anhang haben es ja über ein Vierteljahrhundert lang
genugsam wiederholt, dass Nicolai Verdienste habe, so dass endlich in
dem Gedächtnisse jener wohl hangengeblieben seyn mag, dass so etwas
gesagt worden. Sollten sie dieselbe Behauptung auch bei der
gegenwärtigen Veranlassung wiederholen wollen, so ersuche ich sie, nur
diesmal nicht so, wie sie immer zu thun pflegen, bloss ins unbestimmte
hin zu versichern, sondern mir eines jener Verdienste namentlich
anzugeben; mir irgend ein richtiges, treffendes Urtheil, das Nicolai
gefällt, irgend eine gründliche Abhandlung, die er über etwas, das des
Wissens werth ist, geschrieben, nachzuweisen, damit ich sie auch kennen
lerne. Ich ersuche jene Stimmführer bei dieser Gelegenheit, sich
zugleich vor sich selbst die Frage zu beantworten, welche Geisteskraft,
oder welches Talent sie denn etwa Herrn Nicolai in einem vorzüglichen
Grade zuschreiben möchten, ob Phantasie, oder Witz, oder Scharfsinn,
oder Tiefsinn, oder, ich sage nicht eine vorzügliche, sondern auch nur
richtige Schreibart; ob sie irgend etwas Eigenthümliches an ihm finden,
als ein unversiegbares Geschwätz und die Kunstfertigkeit, alles, was ihm
unter die Hände kommt, zu verdrehen; ich ersuche sie, diese Frage
zuvörderst sich selbst, und sodann auch mir zu beantworten. Da ich sehr
wohl wusste, dass sie keins von beiden befriedigend leisten würden, so
mögen sie mir immer verzeihen, dass ich so gethan, als ob sie gar nichts
sagen würden, und als ob sie überhaupt nicht vorhanden wären.
Wir gehen an unser Vorhaben.
Sollen das Leben und die sonderbaren Meinungen unsers Helden nicht
rhapsodisch, so wie jedes uns in den Wurf kommt, oder chronologisch,
sondern systematisch, in einer festen Charakterschilderung dargestellt
werden: so müssen wir ein Grundprincip dieses Charakters nachweisen, aus
welchem, und aus welchem allein, alle Phänomene in dem Leben unsers
Helden sich befriedigend erklären lassen. Es kommt hierbei nicht auf
Häufung der Phänomene an. Ein einziges, das sich durchaus nicht erklären
lässt, ausser aus dem vorausgesetzten Princip, beweist so gut, wie
tausende, dass dieses Princip und kein anderes dem zu erklärenden Leben
zum Grunde gelegen habe.
Jedem nur festen und ausgebildeten Charakter liegt ein solches Princip
der Einheit zum Grunde; und der Unterschied dabei ist nur der: ob der
Besitzer dieses Charakters wisse, dass dies sein Princip sey, oder ob er
es nicht wisse. Ist der Charakter mit Freiheit und Bewusstseyn nach
jenem Grundsatze gebildet, so ist dieser Grundsatz freilich dem Besitzer
des Charakters bekannt; ist er ihm durch das Ungefähr, durch Natur und
Schicksal angebildet, so ist ihm dieses Princip nicht bekannt. Unser
Held befand sich in dem letztern Falle; es ist daher gar nicht zu
glauben, dass ihm der Grundsatz alles seines Denkens und Handelns je
bekannt geworden.
Wir haben nach allem Gesagten zuvörderst das Grundprincip von unsers
Helden intellectuellem Charakter (denn von diesem allein soll hier die
Rede seyn) aufzustellen, und von gewissen Phänomenen zu zeigen, dass sie
durchaus nur aus jenem Princip erschöpfend und vollkommen hinreichend zu
erklären sind. Auf diesem Puncte der absoluten Unmöglichkeit jeder
andern Erklärung beruht die Richtigkeit unserer Angabe des Princips; wir
ersuchen daher unsere Leser, darauf vorzüglich ihre Aufmerksamkeit zu
richten. Wir werden sodann noch einige originelle Grundzüge des
Charakters unsers Helden, die sich nur aus jenem Princip erklären
lassen, anführen, sie mit ihren Phänomenen belegen, und so den Beweis
der Richtigkeit unsers Grundprincips vollenden.
Wir werden in dieser ganzen Schilderung unsern Helden betrachten als
einen todten Mann, und von ihm reden, wie von einer Person aus der
vergangenen Zeit. Dies ist jeder Charakterschilderung eigen. Der Grund,
warum anderwärts man den Charakter eines Mannes während seines noch
fortdauernden Lebens nicht zu schildern vermag, -- weil nemlich die
Reihe der Erscheinungen noch nicht geschlossen und es nie sicher ist,
dass nicht neue Phänomene eintreten, die auf ein anderes Princip der
Erklärung führen dürften, auch man nicht wissen kann, ob nicht etwa die
Person noch durch Freiheit ihre Maximen ändern werde -- fällt bei
Nicolai ganz weg. Es wird sich hoffentlich in der folgenden Schilderung
zeigen, dass das Princip seiner Denkweise die Unabänderlichkeit
unmittelbar in sich selbst enthält. Unser Held ist befestigt, er kann
sich nicht mehr ändern oder geändert werden; ist auch die Reihe der
Phänomene seines Lebens nicht beschlossen, so ist es doch der Charakter.
Der Verfasser dieser Beschreibung ist dessen so innig überzeugt, dass er
sehr gern allen seinen Anspruch auf Menschenkenntniss aufgeben will,
wenn sich finden sollte, dass Friedrich Nicolai vor seinem Ende noch
irgend einen der ihm hier als charakteristisch beigelegten Grundzüge und
Handelsweisen abänderte.
Erstes Capitel.
Höchster Grundsatz, von welchem alle Geistesoperationen unsers
Helden ausgegangen sind.
Unser Held war seit seinen reifen Jahren der festen Meinung, dass alles
mögliche menschliche Wissen in seinem Gemüthe umfasst, erschöpft und
aufbewahrt sey, dass sein Urtheil über die Ansicht, die Behandlung, den
Inhalt und den Werth aller Wissenschaft untrüglich und unfehlbar sey,
und dem Urtheile aller andern vernünftigen Wesen zur Richtschnur und zum
Kriterium ihrer eignen Vernünftigkeit dienen müsse; mit Einem Worte,
dass er alles, was in irgend einem Fache richtig und nützlich sey,
gedacht habe, und alles dasjenige unrichtig und unnütz sey, was er nicht
gedacht hätte, oder nicht denken würde.
Diese Meinung setzte ihn nicht nur vor sich selbst über alle Zweifel,
alle spätere Untersuchung und alle Besorgniss hinweg, dass er sich doch
etwa über dieses oder jenes im Irrthume befinden möchte; sondern er war
noch überdies von allen andern Menschen ebenso fest überzeugt, und
muthete es ihnen an, dass sie über alle Zweifel hinausseyn müssten,
sobald sie nur recht wüssten, wie er selbst eine Sache fände. Alle seine
Widerlegungen gingen von dem Hauptsatze aus: ich bin anderer Meinung;
daher er denn zu diesem Hauptgrunde noch andre Nebengründe hinzuzufügen
gewöhnlich unterliess. Die Gegner, glaubte er, könnten schon daraus
sattsam ersehen, dass sie unrecht hätten. Bei allen Verweisen und
Züchtigungen, die er in seinen spätern Jahren an das ausser der Art
schlagende Zeitalter ergehen zu lassen genöthigt wurde, hob er nur immer
davon an, dass er zeigte, man habe nicht nach seinem Rathe gehandelt;
dies allein, glaubte er, würde sie schon dahin bringen, dass sie sich
schämten und in sich gingen.
In dieser Voraussetzung liess er sich denn auch durch keinen noch so
sonderbaren Vorfall, der sich etwa ereignen mochte, irre machen. Sogar
wenn ihm, wie dies in seinem spätern Alter häufig begegnete, von allen
Seiten her einmüthig zugerufen wurde: er werde wohl selbst eines
Urtheils über gewisse Dinge sich bescheiden, oder auch -- er sey ein
geborner Dummkopf, ein Salbader, ein alter Geck, und was man noch alles
für Freiheiten sich mit ihm herausnahm, mochte er doch immer lieber
voraussetzen, man sage dies bloss aus Schalkheit, und um sich für die
empfangenen Züchtigungen zu rächen, als dass er irgend einem Menschen
die Verkehrtheit zugetraut hätte, dass er fähig wäre, in allem Ernste
und im Herzen einen Nicolai nicht anzuerkennen.
Diese Meinung von ihm selbst war ihm nach und nach so zur fixen Idee
geworden, hatte sich so mit seinem Selbst verwebt und war selbst zu
seinem innersten eigensten Selbst geworden, dass man keine Spur hat, er
habe dieselbe je deutlich in sich wahrgenommen und sie zum bestimmten
Bewusstseyn erhoben. Er räsonnirte, urtheilte, richtete ^von ihr aus^,
als seinem einzig möglichen Standpuncte, niemals ^über sie^. Er starb
daher alt und lebenssatt, ohne je mit seinem Denken, auch nur in sich
selbst zu Ende gekommen zu seyn.
Zweites Capitel.
Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten Grundsatze
gekommen seyn möge.
Gleiche Ursachen bringen allenthalben die gleichen Wirkungen hervor. Nun
haben die ausser unserm Helden selbst liegenden Umstände, welche unsers
Erachtens die beschriebene sonderbare Meinung in ihm erzeugt, sich auch
bei andern Menschen gefunden, und haben auch bei ihnen in einem gewissen
Grade denselben Erfolg gehabt. Aber so unerschütterlich auf jenem
Princip beharrt, so allumfassend und so consequent durchgeführt hat es,
so viel uns bekannt ist, keiner, ausser unserm Helden; und dies eben ist
es, was ihm die Ehre erwirbt, als Muster seiner Gattung aufgestellt und
der Nachwelt überliefert zu werden. Es muss sonach bei ihm, zu jenen
anzuführenden äussern Umständen der Entwickelung jenes Princips, noch
eine vorzügliche innere Empfänglichkeit seiner Natur dafür hinzugekommen
seyn. Zum grössten Glücke für die Menschheit hat unser Held selbst --
denn warum sollte ich nicht ebensowohl wie Klopstock, in seiner
Zueignungsschrift vor Herrmanns Schlacht, als schon geschehen
ankündigen, was geschehen wird, und weit sicherer geschehen wird, als
das durch Klopstock Verkündigte geschehen konnte -- er selbst hat,
nachdem im Jahre 1803 sein letzter Feind, der transscendentale
Idealismus, ausgetilgt, und die A. D. B. wiederum gehörig in den Gang
gebracht war[2], seine glorreich errungene Musse dazu angewendet, die
Geschichte seiner Bildung bis in seine Knaben- und Kindesjahre, und bis
zu seiner Wiege zurückzuführen; hat diese Krone seiner Werke vollendet,
und dann seinen Geist dem Himmel wiedergegeben. In den ersten drei
Bänden dieses klassischen Werks können die Leser sich unterrichten, wie
der erste Schrei des Neugebornen die Schriftstellerwelt erschütterte und
alle Sünder in ihr erbeben machte, und wie schon seine Windeln von dem
attischen Salze dufteten, das er seitdem in unsterblichen Worten
ausgehaucht und angesetzt hat, so dass alle Umstehenden sich
verwunderten, und sprachen: was will aus dem Kindlein werden? In den
folgenden Bänden können sie finden, wie er, seitdem er sich seiner
erinnern kann -- und er kann sich seiner seit den frühesten Jahren
erinnern -- durch seine lebhafte Phantasie, einen Trieb zu lernen und
eine Fassungskraft, weit über alle Kinder seiner Gesellschaft und seines
Alters in sich verspürt, so dass er von seinen Eltern und seinen Lehrern
als ein wahres Wunderkind ausgerufen worden. Aber wir überlassen den
Lesern, dieses in der ausführlichen und grazienvollen Beschreibung des
Helden selbst nachzulesen, und schränken uns, sowohl hier als ins
künftige, auf dasjenige ein, was der berühmte Verfasser übergeht, und
was wir nur aus andern Denkmälern jenes Zeitalters schöpfen können.
Ich will hier nicht untersuchen, ob es nothwendig sey, dass der
Uebergang der Schriftstellerei einer Nation aus der gelehrten in die
lebende Sprache eine Epoche des Verfalls der wahren gründlichen
Gelehrsamkeit bei sich führe. Bei den Deutschen wenigstens war dies der
Erfolg. Man bildete sich etwas ein darauf, endlich deutsch schreiben
gelernt zu haben; man wollte, dass es auch für Deutsch anerkannt würde,
und bemühte sich daher, über alle Gegenstände so zu schreiben, dass denn
auch in der That nichts weiter zum Verstehen gehöre, als die Kenntniss
der deutschen Sprache. Der Vortrag wurde die Hauptsache, das
Vorzutragende mochte sich bequemen; was sich nicht so sagen liess, dass
die halbschlummernde Schöne an ihrem Putztische es auch verstände, wurde
eben nicht gesagt; -- und da man nur um sagen zu können lernte, auch
nicht weiter gelernt, -- späterhin verachtet, als elende Spitzfindigkeit
und Pedanterie: kurz, das elende Popularisiren kam an die Tagesordnung
und von nun an wurde Popularität der Maassstab des Wahren, des
Nützlichen und des Wissenswürdigen. In diese Epoche fiel unsers Helden
erste Bildung. Er wollte schon früh etwas bedeuten, und dünkte sich
schon früh etwas zu bedeuten; ohne alle klassische Gelehrsamkeit, wie er
damals war, und trotz des Anscheins derselben, mit dem er späterhin sich
behängte, immer blieb, musste dieser Dünkel bei ihm um so verderblicher
werden. Zu seinem Unglücke kam er in die Bekanntschaft zweier Männer,
deren erster ohne Zweifel weit mehr Ernst und Reinheit der Gesinnung
hatte, als Nicolai; aber dieselbe Beschränktheit des Geistes, der
Einsicht und des Zwecks. -- Hatte wohl im Grunde einer von diesen beiden
anfangs eine höhere Tendenz, als die, dieses und jenes Aberglaubens
ihrer Kirchen sich zu erwehren, ihre Confessionen so vernünftig zu
machen, als sie selbst wären, und, wenn das Glück gut wäre, sich eine
natürliche Religion zu bauen, bei der sie jener Confessionen ganz
entbehren könnten; nur dass es der Andere auch hierin ernstlicher und
herzlicher meinte, als unser Held? -- Der zweite dieser Männer, in deren
Bekanntschaft unser Held kam, war ein allumfassender, lebendiger,
rastloser Geist, und ein Charakter, für das Wahre, Rechte und Gute
gebildet; nur dass er damals in der Unendlichkeit seines Wesens noch
nichts Bestimmtes zu ergreifen und festzuhalten vermochte. Unser Held,
der damals noch nicht alle Fähigkeit verloren hatte, eine Superiorität
ausser sich anzuerkennen, anerkannte die dieses gewaltigen Geistes; aber
nachdem er sich mit Mühe und Noth einiges Vermögen erworben hatte,
mitzutreiben, womit dieser noch nicht fixirte Geist sein Spiel trieb,
hielt er dieses Spielwerk für das Höchste, und sich selbst für jenes
Geistes gleichen.
Mit diesem Augenblicke war er vollendet und fiel. Er ist seitdem nicht
weiter gekommen, und nicht zur Besinnung. Später hat er sich noch für
einen weit höhern Geist gehalten als jenen, den er nun für ein, gutem
Rathe nicht folgendes, überspanntes Genie ausgab.
Unser Held hatte, mit jenen vereinigt, einen kritischen Kreuzzug gethan;
entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, z. B. dem
der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein grosser Mitkämpfer wurde
allmählig inne, dass dies ein schlechtes Geschäft sey, und dass er es
nicht in der besten Gesellschaft treibe. Er zog sich zurück, und unser
Held beschloss nunmehro, die Sache in das Weitere zu treiben, und sich
selbst, sich allein, zum Mittelpuncte der deutschen Literatur und Kunst
zu constituiren. Die allgemeine deutsche Bibliothek entstand, schon an
sich ein widersinniges Unternehmen, verderblich durch die Art, wie es
ausgeführt wurde, am allerverderblichsten für den Urheber selbst.
Unser Held mag von dem sehr richtigen Vordersatze ausgegangen seyn: der
Redacteur eines die ganze Literatur und Kunst umfassenden periodischen
Werks muss selbst die ganze Literatur und Kunst umfassen; muss, und zwar
in jedem besonderen Fache, höher stehen und alles besser wissen, als
irgend einer seiner Zeitgenossen. Er muss in jedem Fache die grössten
Meister, zu Beurtheilung derer, die unter ihnen sind, wählen, sie zu
finden, sie sich zu verbinden wissen; er muss aber sogar diese grössten
Meister der Fächer übersehen, um ihre eingesendeten Beurtheilungen zu
prüfen und ersehen zu können, ob sie mit dem gewohnten Fleisse und
Gründlichkeit bearbeitet sind, ob nicht etwa diese Männer sinken, ob
nicht jüngere grössere neben ihnen aufkommen.
Anstatt nun von diesem richtigen Vordersatze aus weiter so zu folgern:
Ich wenigstens habe diese notwendigen Erfordernisse nicht an mir, und
von mir wird jene Idee einer allgemeinen deutschen Bibliothek wohl
unausgeführt bleiben; schloss er umgekehrt: da ich nun jene Idee
ausführen will, so muss ich annehmen und mich betragen, als ob ich alle
jene Erfordernisse an mir hätte; als ob ich ein allumfassender
Polyhistor und der geistreichste und geschmackvollste Mann meines
Zeitalters und aller vergangenen und künftigen Zeitalter wäre. Ich muss
Untrüglichkeit mir kräftigst zueignen. Da ein Ausführer jener Idee die
grössten Männer aller Fächer erkennen, wählen und mit sich verbinden
muss, so muss ich den Satz umkehren und annehmen, dass diejenigen, die
ich erkennen, wählen und mit mir verbinden werde, die grössten Männer in
ihren Fächern sind.
Es ist schwer auszumachen, ob unser Held schon damals im ganzen Ernste
von sich selbst geglaubt, was er von nun an freilich gegen alle Welt
behaupten und unerschütterlich voraussetzen musste. Das
Wahrscheinlichste ist, dass es ihm ergangen, wie allen, die in die Lage
kommen, unaufhörlich eine Aussage zu wiederholen, von der sie selbst
nicht recht überzeugt sind. Am Ende glauben sie selbst an ihre Wahrheit.
Für möglich konnte Nicolai jene Voraussetzung von sich immer halten; er
fand nirgends ausser sich eine höhere Weisheit, als die seinige, indem
er nur die seinige begriff, derjenigen Seelenkraft aber, die da Ahnung
eines Höhern heisst, von jeher gänzlich ermangelte. Auf die Wirklichkeit
dieser Voraussetzung hätte er damals vielleicht noch nicht geschworen.
Aber seitdem er die Redaction seiner Bibliothek ergriff, musste er alle
Stunden seines Lebens jene Meinung voraussetzen, sie behaupten, jeden
Zweifel dagegen kräftigst niederschlagen, und kam von dieser Arbeit nie
zur ruhigen Besinnung; so dass es durchaus begreiflich wird, wie dieser
Glaube diese langen Jahre hindurch sich ihm fest einverleiben und mit
ihm zusammenwachsen musste.
Das Unternehmen jener Bibliothek ergriff das Zeitalter. Die leichte
Weisheit und die wohlfeile Gelehrsamkeit, welche durch das grosse Werk
herbeigeführt, und schnell von einem Ende Deutschlands bis zum andern
verbreitet wurden, fand Beifall. Der geringste unter den Lesern glaubte
sich selbst zu lesen; gerade so hatte er die Sache sich auch von jeher
gedacht, und nur nicht den Muth gehabt, es sich laut zu gestehen. Die
Unmündigen erhielten die Sprache, und das gefiel ihnen. Unser Held sahe
diese grosse Revolution, deren Stifter, die schnelle allgemeine
Erleuchtung, deren Urheber er war. Warum hätte nicht der Glaube andrer
an sein Werk seinen eignen Glauben an sich bestärken sollen?
Schriftsteller, denen an dem Beifalle des grossen Volks gelegen war,
versammelten sich um den Ausspender dieses Beifalls, gaben ihm Beiträge,
liessen sich von ihm berathen und erziehen, und schmeichelten auf jede
Weise seiner Eitelkeit[3]. Man glaubt leicht, was man wünscht; Nicolai
nahm in aller Unbefangenheit alles für baare Münze, und ihm fiel nicht
bei, dass diese Lobeserhebungen vielleicht nur dem Redacteur der
allgemeinen deutschen Bibliothek, keinesweges aber seinen persönlichen
Verdiensten gelten möchten. Jene Männer waren seinem Princip nach
ohnehin, als Mitarbeiter an der Bibliothek, die ersten Köpfe der Nation.
Er fand sich sonach von den ersten Männern der Nation gelobt, anerkannt,
zu ihrem Meister erhoben. Wer konnte es ihm verargen, dass er ihnen
glaubte?
Und so verschmolz allmählig in seiner Seele der Begriff von deutscher
Literatur und Kunst mit dem Begriffe seiner Bibliothek; diese mit dem
Begriffe von ihm selbst. Die Bibliothek wurde ihm zum Mittelpuncte des
deutschen Geistes, er selbst zur innersten Seele dieses Mittelpuncts. An
den Recensionen dieser Bibliothek mussten alle literarische und
artistische Bestrebungen der Nation, und hinwiederum an seiner Einsicht
-- diese Recensionen sich orientiren. Ausser jener Bibliothek war ihm
jetzt und zu ewigen Zeiten kein Heil und keine Wahrheit für die
Wissenschaft; und für die Bibliothek selbst kein Heil und keine Wahrheit
ausser ihm. Jene war seine Welt, und er die Seele dieser Welt; was er
erblickte, erblickte er durch jene hindurch, jene aber erblickte er
durch sich hindurch. In dieser beruhigenden Stimmung lebte er und starb
im frohen Glauben an die Unsterblichkeit seines Werks.
Anmerkungen.
[Fußnote 2: Mit dem im Texte erwähnten Jahre 1803 verhält es sich so:
Nicolai hatte im 11. Bande seiner Reisebeschreibung vorher verkündigt,
dass Fichte und alle seine Schriften im Jahre 1840 rein vergessen seyn
würden. Er wurde hierüber, wie über so manches andere, in gewissen
^Briefen über die Guckkastenphilosophie des ewigen Juden^ verspottet. In
dem Aerger hierüber decretirte und enuncirte er, -- in der Schrift gegen
die Xenien, wo ich nicht irre, -- es solle nunmehr mit Fichte nicht
einmal bis zum Jahre 1840 Frist haben, sondern schon Anno 1804 solle er
vergessen seyn. Das Jahr 1800 ist verflossen, das 1801 angebrochen; das
fatale Jahr der Vorhersagung tritt näher, und noch zeigen sich keine
Spuren, dass die Weissagung anfange in Erfüllung zu gehen. Dies fiel
unserem Helden bei Abfassung der im Eingange erwähnten Anzeige aufs
Gewissen; er fand nun doch, »dass ^andere^ Gelehrte wohl etwa glauben
möchten, hinter den Spitzfindigkeiten der neuen Philosophie u. s. w.
stecke etwas, dass ^er^ aber sagen könne, dass es durchaus eine Nullität
sey, und dass i. J. 1803 sich darüber mehr werde reden lassen.«
Freilich, wenn i. J. 1804 diese Philosophie rein vergessen seyn sollte,
so müsste wenigstens i. J. 1803 die Nullität derselben dargethan
werden.]
[Fußnote 3: Damit ja niemand in Zweifel stelle, ob deutsche Gelehrte
sich so weit herabgelassen, unserm Helden zu schmeicheln, hat er selbst,
in seiner Schrift gegen die Xenien, bezeugt: »ihm sey von jeher sehr
geschmeichelt worden.«]
Drittes Capitel.
Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz im Leben unsers
Helden sich geäussert habe.
Theils nach den öffentlichen Handlungen und Aeusserungen unsers Helden,
theils nach mehreren Anekdoten von ihm, die zu seiner Zeit im
allgemeinen Umlaufe waren, schrieb er sich selbst ausschliessend die
Fähigkeit zu, alle Gegenstände des menschlichen Wissens mustermässig zu
bearbeiten. Er pflegte, so oft in seiner Gegenwart das Gespräch auf
irgend einen solchen Gegenstand fiel, nur das zu beklagen, dass seine
übrigen Geschäfte ihm nicht Zeit liessen, ein Muster der Behandlung
desselben zu liefern. Alles, zu dessen Bearbeitung er ohnerachtet dieser
überhäuften Geschäfte denn doch noch Zeit fand, bearbeitete er auch
wirklich mustermässig. So war seine Topographie von Berlin das Muster,
wornach alle Arbeiten dieser Art gemacht werden sollten, und er ergriff
jede Gelegenheit, sie als solches zu empfehlen; keinesweges, wie er
hinzuzusetzen pflegte, aus Eigenlob, sondern weil sich die Sache
wirklich so verhielt[4]. Wozu er nicht Zeit fand, mochten seine
Zeitgenossen bearbeiten. Dass sie ihr Muster nie erreichen, dass sie nie
es so machen würden, wie unser Held es gemacht hätte, wenn er nur die
Zeit dazu gefunden, das verstand sich. Aber sie hatten ja ihn bei sich;
und er ertheilte gern Rath, wenn man ihn bescheiden darum ersuchte.
Diesen Rath sollten sie lehrbegierig und folgsam annehmen, fortarbeiten
und sich bestreben, seine Idee immer besser zu treffen. Sie sollten ja
nur die Zeit zur Ausführung hergeben, die ihm mangelte; den Geist und
die Uebersicht wollte er hergeben. So würden sie immer höher steigen,
und ihm, ihrem Muster, stets näher kommen. Auf diese Weise hatte er in
der Schule seiner Bibliothek und seines handschriftlichen Rathes die
grössten Schriftsteller der Nation gebildet: einen Lessing, der nur
leider in seinen spätern Jahren umschlug, rechthaberisch und unfolgsam
wurde, und dafür zur wohlverdienten Strafe in Zweifel an der
Gründlichkeit der bibliothekarischen Aufklärung und an der Evidenz der
Mendelssohnschen Demonstrationen verfiel; einen Mendelssohn; einen
Justus Möser, und so viele noch Lebende, deren Bescheidenheit mir
verbietet, sie zu nennen: -- hat er nicht Schriftsteller allein, sondern
durch die vortrefflichen Bildnisse deutscher Gelehrten vor der
Bibliothek und der Berliner Monatsschrift in seinem Verlage, welche, wie
ich als Augenzeuge betheuren kann, in Berlin noch immer regelmässig
ausgegeben wird -- hat er dadurch auch junge bildende Künstler
herangezogen, ermuntert und unterstützt. Die Bildung ging von ihm aus,
als ihrem Centrum, und verbreitete sich regelmässig umher.
Dieser gesetzte, geordnete, gemässigte Gang wurde nun durch einige
excentrische Köpfe gestört. In der Kunst erschien Goethe, Schiller, in
der Philosophie Jacobi, Kant, die transscendentalen Idealisten. Was
hätte an ihnen daran seyn können? -- Hatten sie sich denn erst in der A.
D. B. unter Nicolai's Aufsicht im Schreiben geübt? Oder hatten sie ihm
ihre Pläne vor der Ausführung vorher vorgelegt, und mit ihm darüber
correspondirt, wie Lessing in seiner guten Zeit, und Mendelssohn, und
alle die, welche Meisterwerke geliefert haben? Keins von diesen allen
hatten sie gethan; sie hatten ein so böses Gewissen gehabt, dass sie ihm
ihre Arbeiten nicht einmal zum Verlage angeboten; die letzte
Gelegenheit, bei der sie hätten erfahren können, wie sie mit denselben
daran wären, und was sie darüber zu urtheilen hätten.
Dass an ihren vermeinten Kunstwerken und Entdeckungen durchaus nichts
seyn konnte, war sonach ohne weitere Untersuchung und Prüfung, mit der
man nur die ohnedies so beschränkte Zeit verloren haben würde,
unmittelbar klar; und man konnte ohne weiteres mit den Waffen des
Lächerlichen, welche unser Held zu führen glaubte, wie kein andrer,
dagegen vorschreiten. So entstanden Freuden Werthers, die witzige
Schrift gegen die Xenien, der dicke Mann, Sempronius Gundibert, die
spasshaften Theile der Reisebeschreibung; und was weiss ich, was noch
alles entstand.
Zwar liess sich einigen jener excentrischen Subjecte und Querköpfe nicht
alles Talent und alle Kenntniss ganz absprechen, nur verhinderte sie
ihre eigenliebige Meinung, dass sie ausser dem Umkreise der richtigen
Schule für sich allein fortkommen könnten, daran, diesem Talente die
wahre Richtung zu geben. Man musste suchen, diese etwanigen Gaben doch
noch nützlich zu machen und sie der deutschen Literatur, d. i. dem
Umkreise der allgemeinen deutschen Bibliothek, wiederzugeben. Unser Held
fand sich sonach in der Nothwendigkeit, jene Menschen scharf zu
züchtigen, ob sie nicht etwa in sich gehen und den rechten Weg
einschlagen möchten. Man sah es ihm -- sein Geschichtsschreiber sagt
dies an seiner Urne mit der vollsten Ueberzeugung -- man sah es ihm an,
dass nie persönlicher Hass oder Feindschaft, sondern immer der
redlichste Eifer für die Literatur ihn trieb; dass er mit einer Art von
Wehmuth an das Amtsgeschäft einer solennen und ausführlichen Ausstäupung
ging (mit kleinen beiläufigen Hieben nahm er freilich es etwas
leichter); man bemerkte, wie ein geheimes väterliches Wohlwollen gegen
die Bestraften selbst seinem Feuereifer für die Literatur eine gewisse
rührende Milde beimischte, und wie er schon ein Vorgefühl von dem Danke
hatte, den ihm die Gezüchtigten selbst, wenn sie einst zu Verstande
kämen, bringen würden. Er war daher nicht leicht zu bewegen, alle
Hoffnung an einem Menschen aufzugeben, und er wusste geschickt diese
Hoffnung zu zeigen, um dem Sünder nicht allen Muth zur Besserung zu
benehmen.
Traf es sich nun, dass einer wirklich sich besserte, so war die Milde
rührend, mit der er ihn wieder zu Gnaden annahm. So gab es in diesen
Tagen einen gewissen höchst perfectibeln Krug, welcher freilich in der
allgemeinen Achtserklärung gegen die philosophischen Querköpfe
mitbegriffen war. Dieser ging in sich und gab unserm Helden eine
Aehrenlese von den Feldern anderer Philosophen zum Verlage, worüber er
vermuthlich auch Nicolai's Rath eingezogen; -- denn den pflegte dieser
keinem, der bei ihm verlegen liess, vorzuenthalten. Dafür segnete auch
Gott diesen Krug, dass ihm auf eignem Boden eine Rechtslehre erwuchs,
die einem philosophischen Recensenten an der allgemeinen deutschen
Bibliothek wie aus der Seele geschrieben ist[5]. Jederman war damals der
Meinung, dass wenn der junge Mann nur so fortführe, er es mit der Zeit
wohl selbst bis zum ordentlichen Recensenten an der allgemeinen
deutschen Bibliothek unter Nicolai's eigener Redaction bringen könnte.
Anmerkungen.
[Fußnote 4: M. s. z. B. den 6ten Band der Nicolai'schen Reisen. S. 337
ff.]
[Fußnote 5: M. s. in demselben Hefte der N. D. B., in welchem die
Eingangs erwähnte Anzeige sich befindet (56. B. St. 1. Heft 2.), kurz
vor derselben die Recension des Krugschen Buches.]
Viertes Capitel.
Worauf es, zufolge dieses höchsten Grundsatzes, unserm Helden
bei allen seinen Disputen angekommen sey.
So oft unser Held im Begriff war, seinen Mund öffentlich aufzuthun, um
dem Zeitalter einen Rath zu geben, oder eine Thorheit zu misbilligen und
zu züchtigen, so trieb ihn seine liebenswürdige Bescheidenheit immer an,
zuvörderst sich zu entschuldigen, dass er gerade die Sache zur Sprache
bringe, dass er sie jetzt, in diesem Zeitpuncte, bei dieser Veranlassung
zur Sprache bringe. Hierüber gab er immer seine guten Gründe an. Dass er
aber die Sache, wovon die Rede war, verstehe, und dass er die Wahrheit,
die pure lautere Wahrheit sagen könne, darüber gab er nie einen Beweis,
indem es ihm gar nicht beikam, dass über diesen Punct irgend ein Leser
oder Gegner den mindesten Zweifel hegen würde.
So hub er, als er im 11. Bande seiner Reisebeschreibung von Tübingen aus
auf die Horen, und von diesen aus auf die neue Philosophie schmälen
wollte, damit an, dass er beklagte: es scheine nun einmal sein Beruf,
dem Zeitalter unangenehme Wahrheiten zu sagen; und fuhr dann fort und
sagte seine unangenehme Wahrheit; und alle Leser waren überzeugt und
alle Gegner beschämt. Entweder hatten die letzten bisher, mit dem eignen
guten Bewusstseyn, dass sie unrecht hatten, ihr Wesen getrieben,
lediglich um etwas Neues, in der allgemeinen deutschen Bibliothek
Unerhörtes anzubringen und Aufsehen zu erregen, und Nicolai wollte dies
nun offenbaren; oder, wenn sie wirklich geglaubt hatten, recht zu haben,
so sollten sie jetzt aus Nicolai's Versicherung, dass er ihnen die
wahrste Wahrheit sage, vernehmen, dass sie denn also doch unrecht
hätten.
So sagt man, dass er allen mündlich geäusserten Vorstellungen und
Bedenklichkeiten seiner Freunde, besonders wegen seiner spätern
philosophischen Streitigkeiten, immer so zu begegnen gepflegt habe: man
müsse überall mit der Sprache gerade herausgehn und die Wahrheit sagen.
Ob sie gefalle oder nicht, ob man sich dadurch Feinde mache oder nicht,
darnach könne nicht gefragt werden. Wenn die entgegengesetzte Maxime
gelten solle, so hätten auch die Literaturbriefe nicht geschrieben
werden müssen. So war er auf ewig gegen die Vermuthung befestigt und
gesichert, dass irgend jemand glauben könne, er habe in der Sache selbst
unrecht, und hielt jene Warnungen für nichts weiter, als für die
zärtlichen Besorgnisse seiner schüchternen Freunde, durch die sie ihn
verleiten wollten, aus Sorgfalt für seine persönliche Ruhe die Sache der
Wahrheit zu verläugnen.
Fünftes Capitel.
Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus diesem höchsten
Grundsatze.
Kam es nun wirklich zum Dispute, so machte unser Held es sich zum
einzigen Augenmerk, die Wahrheit des Factums zu constatiren und dem
Gegner den Ausweg des Abläugnens seiner That oder seiner Aeusserung
abzuschneiden. Hierbei verfuhr er mit seiner gewöhnlichen Sorgfalt und
Genauigkeit. Hatte er nur diesen Punct erst ins Reine gebracht, so
schritt er ohne weiteres zum Endurtheile; denn er konnte den Glauben an
den gesunden Menschenverstand seiner Gegner nie so weit aufgeben, um
anzunehmen, dass sie der Thaten oder Aeusserungen, die sie aus seinem
Munde wieder hören müssten, und von denen sie leicht abnehmen könnten,
dass er sie misbillige, nicht sogleich sich innigst schämen, die
Unrichtigkeit derselben einsehen und sie bereuen sollten.
So kam in jenen Tagen zu Jena eine gewisse auch allgemeine
Literaturzeitung heraus, welche sogleich in ihr Nichts verschwand,
nachdem unser Held die Zügel der allgemeinen deutschen Bibliothek mit
starken Händen wieder ergriffen hatte, und jener Zeitung die, bei
Gelegenheit des Schellingschen und Schlegelschen Streits mit ihr zu Tage
gekommene Abhängigkeit vorrückte. Dieser Zeitung sagte er in der oben
angeführten unsterblichen Besitzergreifungsacte[6], zwar mit
grossmüthigem Bedauern, dass dieses ihr Factum gewesen, jedoch übrigens
kurz, fest und entschlossen, auf den Kopf zu, dass sie Kant gelobt
hätte, und Reinhold gelobt hätte, er fügte jedesmal in Schwabacher
hinzu, ^dass dies nicht zu läugnen wäre^. Freilich hatte jene Zeitung
gehofft und geglaubt, dass kein Mensch als Nicolai jenen Verstoss
entdeckt habe, und dass dieser es nicht weitersagen werde.
So muss in jenen Tagen ein gewisser Fichte, von dem seit dem Jahre 1804
alle Nachrichten verschwinden, sein Wesen getrieben haben. Diesem führt
unser Held in derselben klassischen Acte mehrere seiner
höchststräflichen Aeusserungen kurz und gut zu Gemüthe; dass z. B.
dieser Fichte, und noch dazu vom Anfange an, und noch dazu ganz laut
gesagt habe, kein einziger von Kants zahlreichen Nachfolgern habe
verstanden, wovon eigentlich die Rede sey, -- ausser er, Fichte, wie
sich verstehe, setzt unser Held dazu. (Wenn dieser Fichte nur die
gemeinste Logik hatte, so versteht sich dies freilich; wie hätte er
urtheilen können, dass alle übrigen es nicht verständen, wenn er nicht
selbst es zu verstehen geglaubt hätte?) Um allen Zweifel über die
Sträflichkeit und Absurdität dieser Aeusserungen zu heben, versichert
er, ^es seyen dies wirklich Fichte's eigne Worte^, und citirt
allenthalben Buch und Seite; und in einigen Blättern, welche dem
allgemeinen Austilgungskriege gegen Fichte vom Jahre 1803 entgangen,
findet sich auch wirklich, dass diese Citationen richtig sind.
Unser Held war ein unbarmherziger Gegner. Wie muss es den armen Fichte
niedergedrückt haben, durch Nicolai an den Tag gebracht zu sehen, was
von ihm zum Drucke befördert sey.
Anmerkung.
[Fußnote 6: Wir nennen die oft erwähnte Anzeige eine
Besitzergreifungsacte; denn lasst uns nur in einer Note, die mancher
Leser vielleicht auch nicht liest, bekennen, dass alle die getroffenen
Anstalten nicht lediglich um der Herren Schelling, W. und F. Schlegel,
Tieck, Fichte, und wie die Gezüchtigten noch alle heissen, unternommen
sind; dass diese nur das Mittel sind zum höhern Zwecke, und die gegen
sie aufgestellten Truppen nur dazu dienen, den Punct des eigentlichen
Angriffs zu verdecken. Dieser geht, dass wir es nur zu unsrer eigenen
Demüthigung gerade heraussagen, eigentlich -- ^gegen die Jenaische
Literaturzeitung^.
Nicht von den anzuzeigenden Schriften -- eigentlich den zwischen
Schelling, A. W. Schlegel und der A. L. Z. gewechselten Streitschriften
-- nein, vom unsterblichen Stifter der A. D. B. hebt die Rede an, wie
dieser zuerst die Idee gefasst, zur Verhütung aller Einseitigkeit und
Parteilichkeit (!) Mitarbeiter aus allen deutschen Ländern und Provinzen
einzuladen. S. 145. lässt sich zwar nicht läugnen, dass ^auch die
Redactoren der A. L. Z. dieser Idee gefolgt^. S. 150 aber sind bei ihr
gerade die unangenehmen Fälle eingetreten, »^welche der Stifter der A.
D. B. eben durch die Einladung von Mitarbeitern aus allen deutschen
Ländern und Provinzen -- vom Anfange an -- so vorsichtig zu vermeiden
wusste^.« Es bekamen nemlich ^nun^ -- wie denn ^nun^? folgten denn nun
die Redactoren der ^A. L. Z.^ nicht mehr der Idee des unsterblichen
Stifters der A. D. B.? Ei, was weiss ichs: kurz -- »es bekamen ^nun^
durch die individuelle Lage der Redactoren der ^A. L. Z.^ gegen
Mitarbeiter, die mit ihnen in zu naher Verbindung an Einem Orte lebten,
und gegen deren Freunde, persönliche Rücksichten einen merklichen
Einfluss auf das Werk, welcher demselben sicher nicht vortheilhaft war,
und -- ^bei unparteiischen Lesern _das Vertrauen zu demselben sicher
verminderte_^.« -- In der ganzen Anzeige kann man weiter ersehen, wie
eben durch jene Streitschriften der ^A. L. Z.^ und ihrer Gegner, »die
freilich keinem von beiden Theilen vortheilhaft sind« und deren
^deswegen^, »gegen die sonstige Gewohnheit der D. B., in anderen
gelehrten Zeitschriften erhobene Streitigkeiten aufzunehmen und
fortzuführen,« allerdings erwähnt werden musste -- wie, sage ich, durch
jene Streitschriften so recht an den Tag gekommen, dass die Schlegel und
Schelling in die ^L. Z.^ Einfluss gehabt, dass diese von ihnen
^abgehangen^. Nun kann der scharfsinnige Leser selbst ermessen, welch'
ein erbärmlicher Wicht die ^L. Z.^ seyn möge, da sie von so erbärmlichen
Wichten, deren und ihrer Freunde Personalien eben deswegen hier wieder
in frisches und geschärftes Gedächtniss gebracht werden mussten,
abgehangen; -- diese ^L. Z.^, von der sich ohnedies nicht läugnen lässt,
dass sie Kant gelobt, und Reinhold gelobt.
Dagegen kann jeder Leser wissen, dass die D. B. der neuen und neusten
Philosophie von jeher im Wege gestanden; die unartigen Schleifwege, auf
denen sich doch einmal ein gutes Wörtchen über sie in diese B.
eingeschlichen, sind nun auch entdeckt und, besonders seit Nicolai
wieder das Regiment führt, sicherlich verhauen. Es ist der
Bescheidenheit, die alles Selbstlob verschmäht, angemessen, dieses
anonym in den letzten Heften der bei Bohn herauskommenden neuen B. zu
der Zeit, da die ersten Bände der wieder alt gewordenen B. bei Nicolai
erscheinen, und das Vertrauen der Leser zur ^A. L. Z.^ durch den
Schellingschen Streit in frischer Verminderung begriffen ist, gehörig
auseinanderzusetzen, damit die Leser wissen, wohin sie sich nun mit
ihrem Vertrauen zu wenden haben.
Jene Anzeige ist sonach, ihrer wahren Bestimmung nach, eine
Besitzergreifungsacte des alten Vertrauens für die alte Bibliothek, von
dessen Verminderung der alte Herausgeber doch einige Spur haben muss.
Wir wünschen sehr, dass der scharfsinnige und scharftreffende Herr
Hofrath Schütz diese wahre Tendenz jener Anzeige ja nicht merke, sondern
sie unbefangen als eine blosse Ausstäupung dieser Schlegel, dieses
Schellings, dieses Fichte hinunterschlucke; auch, dass nicht etwa diese
unsere Note ihm zu Gesichte komme: denn sonst -- möchten wir nicht an
Herrn Nicolai's Stelle seyn. Auch dürfte sodann vielleicht uns selbst
unser Eifer für die Ehre und den Flor jenes grossen literarischen
Instituts nicht zum Besten bekommen.]
Sechstes Capitel.
Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers Helden, zufolge
jenes höchsten Grundsatzes.
Mag der Grund in einer ursprünglichen Unfähigkeit der Natur unsers
Helden, oder in einer frühern Verbildung desselben gelegen haben, kurz,
es war unter seinen grössten Verehrern und wärmsten Freunden darüber nur
Eine Stimme, dass er für die Philosophie ganz untauglich sey. Sein Geist
war ein dürrer Chronikengeist. Nie vermochte er sich über die Erfahrung,
und zwar über die Erfahrung im allerniedrigsten Sinne des Worts, über
das blosse Aneinanderknüpfen von Sinneseindrücken und den Erzählungen
davon hinweg, bis zum Begriffe eines allgemeinen Gesetzes, nach dem jene
Erscheinungen erfolgten, oder erfolgen sollten, als dem ^Materiale^
aller Philosophie, zu erheben. Doch was rede ich von dem Begriffe eines
Gesetzes? Nicht einmal zu dem Begriffe eines Vordersatzes wusste er sich
zu erheben; wie hätte er sonach jemals die leiseste Ahnung, auch nur von
dem ^Formalen^ der Philosophie, von dem Zusammenhange der Gedanken in
einer philosophischen Untersuchung, von dem Werthe und der Bestimmung,
die sie von der Stelle erhalten, da sie stehen, von einem organischen
Ganzen des Denkens, haben können? Jeden möglichen Gedanken, den er
äusserte, trug er vor als unmittelbar gewiss, und durch sich selbst
klar; ob, weil er ihn sagte, oder durch die Art, wie er ihn sagte,
lassen wir an seinen Ort gestellt. Diese alle gleich unmittelbar
gewissen Gedanken setzte er nun zusammen, wie sie ihm unter die Hände
kamen, jeden möglichen an jeden andern möglichen, und so verwandelte
sich ihm alles menschliche Denken in einen grossen Sandhaufen, in
welchem jedes Körnchen für sich besteht, und alle durcheinander geworfen
werden können, ohne dass in dem Einzelnen etwas verändert wird. Wir
werden tiefer unten Belege dieses Verfahrens anführen.
Nun ist zwar demjenigen, der zu einer gewissen Sache absolut unfähig
ist, nicht füglich anzumuthen, dass er diese seine Unfähigkeit erkenne;
denn gerade dasselbe, was ihn zur Sache unfähig macht, macht ihn auch
unfähig, seine Fähigkeit zur Sache zu beurtheilen. Aber bei gewöhnlichen
Menschen wird durch ein dunkles Gefühl ersetzt, was ihnen an klarem
Urtheil abgeht. So ist es in Absicht des Faches, wovon wir hier
sprechen, nichts Seltenes, Personen, wenn sie nur nicht als Professoren
der Metaphysik, oder als philosophische Recensenten an der A. D. B. ihr
Brot verdienen müssen, gestehen zu hören, dass Metaphysik ihr wahres
Kreuz sey, dass es ihnen damit noch nie recht habe gelingen wollen, oder
wenn sie mehr Eigendünkel haben, dass dies leere Spitzfindigkeiten
seyen, mit denen sie sich den Kopf zerbrechen, -- nur nicht möchten. --
Ferner hat ja jeder Mensch irgend einen vertrautern Bekannten oder
Freund; und Nicolai hatte deren so viele unter seinen Zeitgenossen, die
sich doch auch ein Urtheil über Philosophie zuschrieben. Sollte denn
niemals einer von diesen unserm Helden mit aller Bescheidenheit zu
verstehen gegeben haben, dass er zwar in andern Geschäften des
menschlichen Scharfsinns, in der Fähigkeit, die feinsten Machinationen
der Jesuiten zu wittern, den seltensten Zuschnitt eines
Predigerüberschlags oder einer Perrücke auszuspüren, seines Gleichen
nicht habe; dass er aber in der eigentlich sogenannten höhern
Philosophie nicht dieselbe Stärke besitze? Setzte nicht Kant, dem unser
Held doch auch nicht allen Scharfsinn absprach, zutrauungsvoll von ihm
voraus, er werde wohl selbst eines Urtheils über Gegenstände der höhern
Speculation sich bescheiden?
Was that unser Held? Leistete er etwa, durch jenes dunkle Gefühl
gewarnt, gleich von vornherein Verzicht auf dieses ihm durch seine Natur
verschlossene Fach, oder achtete er auf jene Warnungen, und gab
späterhin seine Theilnahme an demselben auf?
Wie konnte er? Gehört denn nicht die Philosophie zum Umfange der
menschlichen Kenntnisse, und ist sie nicht von jeher von allen Besitzern
dieser Kenntnisse sogar an die Spitze derselben gestellt worden? Hatte
nicht die Bibliothek von jeher auch das Fach der Philosophie umfasst?
War es denn möglich, dass jemand Redacteur dieser Bibliothek, sonach die
Seele derselben, sonach die Seele aller Geistesbildung wäre, der nicht
eben darum der erste untrüglichste und allumfassendste aller Philosophen
sey? Das Höchste, was er aus Herablassung gegen den alten Mann, den
Kant, thun konnte, war, dass er einen historischen Bericht über seine
philosophische Bildung abstattete. Aber gerade das, dass man fähig
gewesen war, jenen Zweifel über unsers Helden Fähigkeit zu erheben,
zeigte am deutlichsten den tiefen Verfall und die schreckliche
Verwilderung in diesem Fache, und machte es ihm zur dringendsten
Pflicht, von nun an alle seine Kräfte der Wiederherstellung desselben zu
widmen.
Auch hier, so wie allenthalben ging unser Held von dem Princip aus: ich,
Friedrich Nicolai, bin anderer Meinung als ihr; und daraus könnt ihr
ersehen, dass ihr unrecht habt. Er hat diesen höchsten Grundsatz seines
speculativen Systems mehrere Male in bestimmten Worten ausgesprochen,
ohnerachtet er sonst mehr für den rhapsodischen als für den
systematischen Gang war. Es gehört zur Geschichte des Helden, wenigstens
einige jener Aussprüche anzuführen.
Jacobi hatte geäussert, und durch eine mit Lessing gehabte Unterredung
belegt, dass der letztere in der höhern Speculation den Spinozischen
Principien zugethan gewesen. Jene Aeusserung Jacobi's musste -- so
wollten es die Freunde und -- Ehrenretter des Verstorbenen -- nicht wahr
seyn; Lessing musste von den gesunden und moderaten Begriffen eines
Nicolai und Mendelssohn nicht abgewichen seyn. Auch unser Held brachte
seinen Beweis gegen Jacobi an. Und was für einen Beweis brachte er an?
-- ^Er, Nicolai, könne am gewissesten sagen, dass Jacobi Lessing
sicherlich misverstanden hätte, indem er sagen könne, dass -- _Er selbst
mit Lessing über jene Materie disserirt hätte_^[7]. Freilich war Jacobi
nun hinlänglich beschämt. Welcher Leser hätte nach einem solchen
Zeugnisse noch ein Wort von ihm angehört; und was hätte er auch
vorbringen können, ohne vor sich ^selbst^ bis in die innerste Seele zu
erröthen? -- Auf dieselbe Weise fürchtete er in der erwähnten berühmten
Acte, dass freilich wohl ^andere^ Gelehrte glauben möchten, hinter den
spitzfindigen Grübeleien der Ichphilosophie und der daraus gefolgerten
speculativen Physik und Poetik stecke vielleicht etwas Wichtiges
verborgen. ^Er^ aber, ^Er Nicolai^ wusste sehr wohl und verkündigte
laut, dass die Nullität jener Philosophie nur immer deutlicher erhellen
werde, und dass man im Jahre 1803 darüber mehr würde sprechen können[8].
Aus diesem hier und da deutlich ausgesprochenen Princip führte nun unser
Held unverrückt sein Richteramt in der Philosophie; auch da, wo er jenes
Princip nicht deutlich aussprach. Alle seine Beweise beruhten allein
darauf. Er hatte, seiner ^Bildung^ zufolge, einst gleichfalls
Philosophie studirt, die philosophische Wahrheit ausgemessen, umfasst
und in sich aufgenommen. Was damit übereinstimmte, -- war freilich nie
so stark, so durchgeführt, so trefflich gesagt, als er es gesagt haben
würde, wenn er nur Zeit dazu gehabt hätte, aber da er diese nun einmal
nicht hatte -- mochte es doch existiren! Was damit nicht übereinstimmte,
bei jener allgemeinen Ausmessung des philosophischen Gebiets von Nicolai
nicht mit ermessen war, -- Jacobi's, Kants, der transscendentalen
Idealisten Philosopheme -- welche Frage, ob sie falsch seyen? Wie
konnten sie anders? -- indem ja, wenn sie wahr wären, Nicolai sie schon
ehedem, eh' von allen diesen Menschen etwas gehört wurde, gefunden haben
müsste. Falsch waren sie, das verstand sich, und unser Held musste,
seinem beständigen Kriegsplane nach, ohne weiteres mit den Waffen des
Lächerlichen dagegen vorschreiten.
Kant war, als er mit seinem Systeme hervortrat, schon bejahrt, und
dieses Verdienst blieb in den reifern Jahren unsers Helden nie ohne
Wirkung auf ihn. Auch mochte vielleicht jener Philosoph, der bekanntlich
sehr verschiedene Stufen der Bildung durchgegangen war, auf einer der
frühern dieser Stufen einigen Wohlgefallen an der Aufklärerei der
Bibliothekare gefunden und geäussert haben. Kant war daher ein übrigens
(inwiefern er Nicolai's Grundprincip anzuerkennen schien) vernünftiger
und gelehrter Mann, an welchem es umsomehr zu bewundern war, dass er
Sätze als wahr behaupten könne, die Nicolai nicht aufgefunden. Die
Streiche des Lächerlichen konnten ihm freilich nicht geschenkt, sondern
mussten vielmehr, gerade weil er ein übrigens vernünftiger Mann war, von
dem noch am ersten Besserung sich hoffen liess, wo möglich geschärft
werden.
Jacobi, als er als Schriftsteller auftrat, eben so die transscendentalen
Idealisten, waren jünger als Nicolai; und in Rücksicht des jungen
Anwuchses hatte unser Held die Maxime, sie scharf zu züchtigen, damit er
in reiferen Jahren Ehre und Freude an ihnen erlebe. Daher war Jacobi
einer jener mittelmässigen Köpfe, die alles drucken lassen, was sie etwa
im Discurs gehört haben, oder vielmehr halb gehört haben, um sich ein
Ansehn zu geben, ein Mann, der seine Materie nie recht durchdacht hatte,
der nicht einmal schreiben konnte[9]. Die transscendentalen Idealisten
waren Querköpfe, und wer weiss was sie noch alles waren.
Und so benahm unserm Helden bis an sein Ende niemand die selige
Ueberzeugung, dass im Umrütteln des oben erwähnten Sandhaufens das wahre
Philosophiren bestehe; dass dies keiner besser könne, als er; und dass
er sonach nicht nur der erste Philosoph aller Zeiten, sondern zugleich
auch der gewaltigste philosophische Streiter sey. Die in seinen letzten
Jahren häufiger an ihn ergehenden Zurufe, dass er in diesem Fache gar
nichts verstehe, und hierüber am wenigsten eine Stimme habe, dienten ihm
zum äussern, seiner innern Ueberzeugung freilich entbehrlichen Beweise,
dass jene seine Meinung, von seiner philosophischen Superiorität, von
jederman im Herzen anerkannt werde. Denn, sagte er bei sich selbst, wenn
sie hoffen könnten, gegen meine Gründe etwas auszurichten, so würden sie
ja diese zu entkräften suchen. Aber, da der blosse Anblick dieser Gründe
sie zur Verzweiflung bringt (welches sich auch allerdings also
verhielt): so bleibt ihnen nichts übrig, als einen Machtspruch zu thun,
und zu sagen: ich verstehe nichts von der Sache. Dies aber beweist mir,
dass sie wohl einsehen, ich allein verstehe die Sache.
Anmerkungen.
[Fußnote 7: M. s. ^Jacobi wider Mendelssohns Beschuldigungen etc.^
(Leipzig bei Goeschen 1786, eine Schrift, deren Inhalt noch immer zur
Tagesordnung gehört) S. 99., wo Jacobi die A. D. B. 65. B. 2. St. S.
630. citirt. -- Eben daselbst sind die Beschuldigungen nachgewiesen,
dass Jacobi nicht schreiben könne, seiner Materie nie mächtig sey, u. s.
w.]
[Fußnote 8: M. s. S. 167 der oft angeführten Anzeige in der N. D. B.]
[Fußnote 9: In dem von ihm selbst herausgegebenen Lessingschen
Briefwechsel mit Ramler, Eschenburg, Ihm (bei Ihm 1794) sagt Nicolai in
der Vorrede, nachdem er beklagt, dass Mendelssohn Lessings
Charakteristik nicht herausgegeben, -- woran bekanntermaassen diesen
Freunden Lessings zufolge Jacobi's Notiz über Lessings wahres
speculatives System ihn verhindert haben sollte: »dies ist nicht der
erste Schaden, den die in Deutschland so übliche Anekdotenjägerei« --
oder vielmehr Klatscherei (gab es in Deutschland wohl je eine ärgere
Klatsche, als der Verfasser der bekannten Reisen?) »angerichtet hat,
^da^ jeder mittelmässige Kopf, was er etwa im Discurse hört, -- oder
halb hört, ^gleich^ drucken lässt -- um (Nicolai's bekannte pragmatische
Methode) sich ein Ansehen zu geben.« Jacobi eben sollte nur halb gehört
haben; er war es, durch dessen Druckenlassen die allein heilbringende
Philosophie so aufgebracht war. Er war dieser Eine unter den
mittelmässigen Köpfen.
Armer Wicht, ahnete dir denn gar nicht von den Versuchungen des Teufels,
als du diese Stelle niederschriebst? Hattest du denn gar keinen Freund,
der dir in die Ohren geraunt hätte, dass wenn die Geisteskraft dieses
mittelmässigen Kopfes, Friedrich Heinrich Jacobi, unter zehnmalzehnmal
zehn Nicolai zu gleichen Theilen vertheilt würde, jeder dieser Nicolai
seinen Kopf doch noch mit weit mehr Ehre durch die Welt tragen würde,
als du, allererbärmlichster Friedrich Nicolai?
* * * * *
Und hiebei denn für mehrere Stellen dieser Schrift folgende Bemerkung.
Ohnerachtet zwischen Jacobi und mir sich merkliche Differenzen erhoben
haben, deren Hauptgrund ich darin finde, dass Jacobi über sehr
wesentliche Puncte mich nicht genug verstanden, oder, wenn der Fehler an
meinem Ausdrucke liegt, diese Puncte nicht in den Zusammenhang
hineindenkt, aus welchem sie in meinem Denken hervorgehen, und in
welchen ich sie sobald als möglich für alle Denker deutlich hineinsetzen
werde -- vielleicht auch mit darin, dass Jacobi in seinem Kriege gegen
den Nicolaismus sich gewöhnt hat, bei jedem seiner Gegner wenigstens
eine kleine Portion dieses Nicolaismus, d. i. der leeren zwecklosen
Denkerei, vorauszusetzen; -- ferner, wie Jacobi über mich und meine
Unternehmungen auch je sich äussern, und ich nöthig finden möchte,
diesen Aeusserungen zu begegnen; endlich, wenn es sich auch zutragen
sollte, dass Jacobi nach dem allgemeinen menschlichen Schicksale
späterhin durch Altersschwäche herabsänke, es selbst nicht bemerkte,
keinen Freund hätte, der ihn warnte, und so vor dem Publicum seinem
ehemaligen Selbst unähnlich erschiene: so soll mich doch dieses alles
nicht abhalten, ihn für das Vergangene für einen der ersten Männer
seines Zeitalters, für eines der wenigen Glieder in der
Ueberlieferungskette der wahren Gründlichkeit, laut anzuerkennen: und
dies nicht, um irgend jemandes Neigung mir zu erhalten, sondern weil es
sich so gebührt. Hochachtung vor Männern gründet sich nicht auf
zufällige Beziehungen, sondern auf Erkenntniss ihrer Verdienste; und es
giebt des Achtungswürdigen wahrlich nicht so viel, dass man Ursache
hätte, selbst dieses noch um kleiner Verstösse, oder wohl gar aus
persönlichen Gründen, herabzusetzen. Ich erinnere dieses einmal für
immer für diesen und ähnliche Fälle zur Vermeidung alles Anstosses und
Misverständnisses, in unserm Zeitalter der Parteien. Es giebt nur Eine
Partei, die man zu ergreifen hat, die für das Talent und die
Gründlichkeit, und gegen die Dummheit und die Bosheit; von dieser Partei
zu seyn, hat der Verfasser immer gewünscht.]
Siebentes Capitel.
Eine andere fast noch unglaublichere Meinung unsers Helden von
sich selbst, zufolge jenes höchsten Grundsatzes.
Ein anderes, beinahe unerklärliches Misgeschick unsers Helden war dies,
dass, obgleich er allein mehr Papier beschrieben, als ein Dutzend seiner
schreibseligsten Zeitgenossen, er doch bis an sein Ende nicht schreiben
lernte. Man fand keine Zeile bei ihm, in welcher nicht ein oder ein paar
unrecht angewendete Wörter und einige überflüssige vorgekommen wären. Am
deutlichsten konnte man dies sehen, wenn man etwa das Unglück hatte,
einiges aus seinen Druckschriften abschreiben zu müssen. Der Verfasser
dieser seiner Geschichte sieht mit Schrecken vorher, dass tiefer unten
diese Nothwendigkeit ohnedies ihn treffen werde. Er könnte es über das
Herz bringen, grausamen Lesern, die ihm wohl gar anmuthen dürften, auch
hier besondere Belege für seine Behauptung beizubringen, dafür
anzuwünschen, dass sie selbst ein paar Seiten von Nicolai abschreiben
müssten.
Das Ganze seines Vortrages aber war so beschaffen: Es lag ihm stets
innig am Herzen, dass seine Leser ihn doch ganz vernehmen und recht
verstehen möchten. Es kam ihm daher, so wie er den ersten Perioden
geendet hatte, immer so vor, als ob er noch was vergessen und noch nicht
deutlich genug geredet hatte. Er fing sonach in einem zweiten wieder von
vorn an, um zu sehen, ob ihm nicht im Reden das Vergessene beifallen,
und ob es ihm mit der Deutlichkeit diesmal nicht noch besser gelingen
möchte. Da es ihm nun aber mit dem zweiten Perioden eben so ergangen
seyn könnte, wie bei dem erstern, so musste er nun freilich in einem
dritten, und nach Endigung dieses in einem vierten wiederum von vorn
anfangen, und so immerfort. So rang er rastlos nach immer höherer
Deutlichkeit und Vollständigkeit; und wenn er endlich doch einmal
aufhörte, wie er denn wirklich zuletzt noch immer aufgehört hat, so
geschah dies lediglich darum, weil seine übrigen wichtigen Geschäfte ihn
abriefen und ihm die nöthige Zeit zur vollkommenen Ausführung seines
Themas nicht verstatteten.
Dabei hatte er eine grosse Liebhaberei zum Witze, und seinen Geist schon
früh bei den geistreichen Engländern, den Shaftsbury, Buttler, Smollet,
den Verfassern des John Bunkel u. a. in die Nahrung gethan. Dennoch
behielten bis in sein goldenstes Zeitalter, -- das der Gundiberte und
der witzigen Theile von den Reisen -- seine Spässe eine gewisse dicke
Zähheit, Plattheit und Gemeinheit. -- Da man in Nicolai's Witze den
grössten Theil des polemischen Witzes seines Zeitalters zugleich mit
charakterisirt, so dürfte vielleicht eine kurze Classification dieses
Witzes hier nicht an der unrechten Stelle stehen.
Wir theilen diesen Witz trichotomisch ein, und finden an ihm eine
vollständige Synthesis. Die erstere Art ist der ^repetirende^ Witz; wenn
am Markte einer aus dem Pöbel vor dem ganzen herumstehenden Haufen einer
Hökerin sagt: du bist eine Diebin; und diese sich zu dem Haufen wendet
und schreit: »Ich bin eine Diebin; sagt er:« ^Absolute Thesis des
Witzes.^ Mit dieser Art pflegte unser Held seinen Widersachern die
tiefsten Wunden zu schlagen; und die Schule der transscendentalen
Philosophen soll allein daran sich zu Tode geblutet haben. -- Die zweite
Art des Witzes ist die ^der einfachen Retorsion^; wenn jener sein Wort:
»du bist eine Diebin« wiederholt, und die Hökerin ihm nun antwortet:
»nein du, du bist ein Dieb:« ^Antithesis des Witzes.^ Auch diese Art
wusste unser Held vortrefflich zu handhaben, und bediente sich derselben
häufig. Endlich, die dritte Sorte ist die ^der spöttischen Retorsion^;
wenn unser Mann sein Wort nochmals wiederholt, und die Hökerin ihm
antwortet: »ja du wärst mir der Rechte, dass du mir das sagen solltest,
du sähst mir so aus, du hättest es auf dem Leibe:« ^Synthesis des
Witzes.^ Man muss es unserm Helden zum Ruhme nachsagen, dass er dieser
letzten beissenden Sorte, ohnerachtet er auch sie sehr geschickt zu
behandeln verstand, sich doch nur selten, und nur gegen sehr
eingewurzelte Schäden bediente. Dies war der Umfang seiner Schalkheit,
und andere Sorten haben in seinen zahlreichen Schriften sich nicht
gefunden.
So war es mit Nicolai's Talent zur Schriftstellerei nach der Wahrheit
beschaffen.
Was glaubte nun er selbst über dieses Talent? -- Lasset uns auch hier
billig seyn. Wenn ein alter, misgeschaffener, von Gicht und Podagra
zerrissener Faun, der in einem vorüberfliessenden Bache seine Gestalt
erblickte, dieselbe männlich anständig und ehrwürdig fände: wer würde es
ihm so sehr verdenken? Gehören doch die Augen, durch welche er sieht,
auch zu ihm selbst. Wenn aber derselbe die krampfhaften Zuckungen der
Gicht in seinem behaarten Gesichte für ein Lächeln der himmlischen
Venus, und das Schlottern seiner verdorrten Schenkel und die Bebungen
seiner spitzigen Bocksfüsse für die Tanzübung einer Grazie ansähe: so
würde dies doch zu sehr das Mittelmaass der einem Faun allenfalls zu
verstattenden Eigenliebe überschreiten.
Es erging unserm Helden nicht viel besser als diesem Faune. Dass er sich
für einen Richter und Meister über Sachen des Stils gehalten, beweisen
theils der Tadel, den er so oft gegen anderer Schreibart ergehen lassen,
wenn er z. B. Jacobi, ohne Zweifel einem der besten Stilisten seines
Zeitalters, vorrückte: er könne nicht schreiben; theils die
Liebkosungen, die er von Zeit zu Zeit ganz unverhohlen seinem eignen
Vortrage machte, indem er sagte: die blossen Büchergelehrten wüssten gar
nicht, wie man dem Publicum etwas vortragen müsse; er aber, ein Mann,
der in der Welt gelebt, wisse es, und darauf Proben von dieser
Fertigkeit gab[10]. Für welchen satirischen Kopf und durchtriebenen
Schalk er sich gehalten, ist daraus zu ersehen, dass er die
Horazisch-Shaftsburysche Maxime, durch das Lächerliche die Thorheit an
den Tag zu bringen, zu der seinigen gemacht, und bis an sein Ende
geglaubt, dass er der geborne und bestellte Verfolger aller Thorheit
durch jene Waffen des Lächerlichen sey. Diese Meinung, da sie durchaus
ohne alle äussere Veranlassung und von aller Wahrscheinlichkeit
entblösst war, konnte durch nichts Anderes entstanden und befestigt
seyn, ausser durch die Begriffe, welche unser Held von seinen Talenten
überhaupt hatte.
Anmerkung.
[Fußnote 10: In sehr vielen Stellen der Nicolaischen Reisebeschreibung.]
Achtes Capitel.
Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine und seiner Gegner
gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten Grundsatze.
Da, wie gesagt, unser Held voraussetzte, dass er nie anders als recht
haben könnte, und dass alle Welt gleichfalls, wenigstens im Herzen,
derselben Ueberzeugung wäre, dass er nie unrecht haben könnte: so
begegnete es ihm nicht selten, dass er seinem Gegner gerade dasselbe
ernstlich verwies, was er selbst immer that, und vielleicht in demselben
Augenblicke that, da er es jenem verwies. Sie sollten nemlich denken: ja
dem Nicolai ist das wohl erlaubt, denn der hat recht; uns aber ist es
nicht erlaubt, denn wir haben ja unrecht.
So, nachdem er in der berühmten Acte mit grossmüthigem Bedauern
gemeldet, dass es das Schicksal der Jenaischen allgemeinen Literatur
geworden, Kant zu loben, und Reinhold: sagt er einige Seiten später ohne
Bedauern, vielmehr mit Ruhme, dass seine allgemeine Literatur der neuen
und neuesten Philosophie stets im Wege gewesen[11]. Man sollte meinen,
Parteilichkeit ^für^ und Parteilichkeit ^wider^ sey doch immer beides
Parteilichkeit, und eine der andern werth. -- Ja, aber die neue und
neueste Philosophie ist ja falsch, denn sonst könnte die alte
Nicolaische nicht wahr seyn; und es ist sonach allerdings ruhmwürdig,
der ersten im Wege zu stehen, und sehr tadelnswürdig, sie zu loben.
In derselben Acte beschuldigte er die Herren Schelling, A. W. Schlegel,
Fichte, dass sie günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die
Jenaische Allgemeinheit zu bringen, ja, dass der letztere sogar die
bibliothekarische Allgemeinheit sich geneigt zu machen gesucht habe.
Wenn sich dies auch nun so verhalten hätte (mikrologische
Geschichtsforscher jener Zeiten, die ihren Fleiss sogar über die
Lebensumstände jener nun vergessenen Schriftsteller verbreiten,
versichern einstimmig, diese hätten die Wahrheit jener Beschuldigung
beständig abgeläugnet), wenn es sich nun auch so verhalten hätte, hätte
es ihnen denn Nicolai so sehr verdenken sollen, der sich rühmt, in
seiner Bibliothek nur ungünstige Recensionen jener Philosophie, die eben
darum seiner eigenen günstig sind, zuzulassen; und von welchem es in
jenen Tagen bekannt war, dass er auch der Jenaischen allgemeinen
Literatur dasselbe Princip angemuthet, und einem der Statthalter jener
Literatur derb den Kopf dafür gewaschen, dass man ein paar Schriften von
Fichte durch Reinhold habe recensiren lassen, und nicht vielmehr durch
einen Mann, -- »der die Blössen jener Fichteschen Philosophie so recht
an den Tag gebracht hätte?« -- Aber, war es denn jenen Männern noch
nicht gesagt worden, dass sie unrecht hätten, von Nicolai selbst gesagt
worden? War es nicht eine Schande, dass sie das Gift ihrer verworfenen
Meinungen, mit dem sie für ihre Person leider angesteckt waren, nun auch
durch die geheiligten Quellen der öffentlichen Literaturen in das
Publicum zu bringen suchten, anstatt in die Einsamkeit sich
zurückzuziehen und sich selbst heilen zu lassen?
Dem Fichte besonders wird in jener Acte ein schweres Sündenregister zu
Gemüthe geführt[11]. »Er habe sich in Jena auf Reinholds Stuhl gesetzt«
(man hat mehrere Erklärungen der Antiquitätenkenner von dieser wichtigen
Stelle, keine aber befriedigt uns, und wir müssen daher sie, die sehr
leicht das grösste Verbrechen jenes Mannes enthalten mag, als
unverständlich übergehen); »er habe gewusst, diesen so ungemein
verehrten Lehrer bei den Studenten in Jena in kurzer Zeit fast in
Vergessenheit zu bringen.« Unser Held hat nicht hinzugesetzt, welcher
Mittel sich hierbei der Mann bedient; auf jeden Fall aber sollte man
hieraus beinahe schliessen, dass es demselben nicht an allem
Lehrertalente gefehlt haben müsse. Dies ist doch wohl nicht sein
Vergehen? -- Vielleicht nur der üble Gebrauch, den er von jenem Talente
machte? Aber der Reinhold, den er in Vergessenheit brachte, war ja, nach
den Nachrichten der besten Geschichtschreiber, selbst ein Kantianer, und
weit davon entfernt, in den Umkreis der allein wahren Bibliothek zu
gehören. Diesen in Vergessenheit gebracht zu haben, kann Fichte's
Vergehen nicht seyn. -- Lesen wir weiter. »^Nun^« (hier mildert der
grossmüthige Mann ganz offenbar die Schuld des Angeklagten. Nach den
besten Nachrichten hatte Fichte nicht erst, nachdem es ihm bei den
Studenten gelungen war, Reinhold in Vergessenheit zu bringen, sondern
sogar schon vor seiner Ankunft in Jena eine Schrift verfasst und dem
Drucke übergeben, in welcher er geradezu die Kantische Philosophie für
unvollendet erklärt, von den Reinholdschen Bemühungen bloss schonend
gesprochen, und seinen Vorsatz, die Sache zu vollenden, bestimmt
angekündigt.) -- »^nun^ habe es jenem Manne ein Leichtes geschienen,
auch Kant von dem hohen Stuhle, der ihm als dem ^ersten Philosophen
Deutschlands^ gesetzt worden, herunterzustossen.« Unser Held sprach nie
und spricht auch hier nicht mit Billigung davon, dass Kant dieser hohe
Stuhl gesetzt worden. Es war das unablässige Bestreben aller
literarischen Thätigkeit seiner letzten Tage, ihn von diesem Stuhle
herunterzustossen. Sonach wären ja Nicolai und Fichte einiger gewesen,
als man glaubt, und der erstere hätte den letztern nimmermehr darüber
tadeln können, dass er mit ihm für Einen Zweck arbeite. Lesen wir also
weiter -- »^und sich selbst darauf zu setzen^.« Ja so, dies wollte
Fichte, und hierin liegt sein Verbrechen! Dass er Reinhold in
Vergessenheit brachte, war brav: dass er Kant vom hohen Stuhle
herunterzustossen suchte, verdienstlich. Nur hätte er von da an in die
Gemeine der Bibliothek, wo der wahre hohe Stuhl mit dem wahren ersten
Philosophen Deutschlands schon längst besetzt war, selbst zurückkehren
und die Seinigen dahin leiten sollen. Dann hätte man ihm seinen
akademischen Beifall wohl gönnen mögen; er wäre vor seinen verderblichen
Irrthümern bewahrt geblieben, hätte Reinholds Stuhl behalten bis an sein
Ende, und sein Name lebte noch jetzt unter den andern berühmten Namen
der Bibliothekare.
In derselben Acte, und sonst noch an mehreren Orten, verweist Nicolai
Schelling und Fichte die Unanständigkeit sehr ernstlich, dass ihnen
zuweilen ihren Gegnern gegenüber so ein Wort von Halbköpfigkeit
entschlüpft sey. Zwar war dieses, so viel man weiss, immer nur
geschehen, wenn sie im Allgemeinen sprachen, und nie gegen bestimmte
genannte Personen. Zwar hatten diese Schriftsteller seit Jahren ein
System dem Publicum vorgelegt, das seinen Grundtheilen nach vollendet
und vollständig bewiesen und begründet war. Warum man nun auf dasselbe
sich nicht ernstlich einlasse, darüber hatten sie bis zu jener Epoche
noch das erste vernünftige Wort aus dem Publicum zu vernehmen. Keiner
ihrer Gegner verstand sie, und alles schwatzte, und muthete ihnen an,
zehnmal abgewiesene Misverständnisse zum eilftenmale abzuweisen. Es wäre
ihnen vielleicht zu verzeihen gewesen, wenn ihnen im Unwillen zuweilen
etwas Menschliches begegnete. Nicolai hatte sie unter ihrem Namen, und
mit ihnen zugleich noch eine Menge anderer genannter Männer in
öffentlichen Schriften Querköpfe genannt, und noch mancherlei andere
Schimpfworte ihnen angeworfen. Man hätte denken sollen, eine
Zusammensetzung mit Kopf sey der andern werth, und die Benennung des
Halbkopfs, der ja wohl noch wachsen kann, sey immer milder, als die
eines völlig in die Quere gedrehten Kopfes; und Nicolai hätte sonach
recht gut gleiches mit gleichem aufgehen lassen können.
Aber wie können wir uns auch nur einfallen lassen, hier eine Gleichheit
des Verhältnisses zu setzen? Hatte nicht zuvörderst Nicolai recht, und
die Wahrheit auf seiner Seite? und war es an ihm zu tadeln, wenn im
hohen Eifer für die Wahrheit ihm auch wohl ein derbes Scheltwort
entfuhr? Vertheidigten die Gegner nicht den Irrthum, und war ihnen dies
nicht etwa gesagt? Jemanden auch noch dazu zu schimpfen, weil er unsern
Irrthum nicht gegen die Wahrheit vertauschen will: welche Verkehrtheit
und Impertinenz! War nicht ferner Nicolai ein alter Mann, und jene
Schriftsteller junge Leute; und ist es nicht eine ausgemachte Wahrheit
unter allen alten Schriftstellern des Nicolaischen Kreises, dass die
Alten auf die Jungen schimpfen dürfen, so viel sie wollen, diese aber
nicht wiederschimpfen, sondern sich ziehen lassen müssen? Respect für
das Alter! heisst es in dieser Schule; sogar wenn der alte Mann ein
alter Narr ist. -- War Nicolai nicht der angestellte Altmeister aller
Schriftsteller, und war es nicht sein ausdrücklicher besonderer Beruf,
die Jugend durch jedes Mittel zum Guten zu ziehen; und konnten nicht
auch harte Scheltworte unter diese Mittel gehören? Und diese Jugend,
statt sich weisen zu lassen, schimpfte wieder. Welche Insubordination!
Kurz, wenn Nicolai schimpfte, so that er es immer am rechten Orte, zu
rechter Zeit, und schimpfte mit Grazie. Wenn andere schimpften, so war
es gemein und pöbelhaft. Nicolai allein verstand zu schimpfen, und darum
musste man es ihm allein überlassen.
Anmerkung.
[Fußnote 11: M. s. S. 147 der angeführten Anzeige in der N. D. B.]
Neuntes Capitel.
Wie unser Held, zufolge seines höchsten Grundsatzes, sich zu
nehmen gepflegt, wenn derselbe angefochten worden.
So fest und unerschütterlich unsers Helden Meinung war, dass ihn
jederman für den ersten Menschen des Zeitalters anerkenne, so beharrlich
war, wie jeder andere bemerken musste, sein Misgeschick, dass man ihn
nicht einmal so recht im Mittelschlage mit wollte gelten lassen. So
beliebt auch sehr bald seine Bibliothek wurde, so wusste man doch im
grössern Publicum nicht viel anderes darüber, als dass er sie eben
drucken liesse. Man hielt ihn höchstens für einen industriösen
Buchhändler, und für einen Dilettanten in der Wissenschaft, der, weil
viele Bücher durch seine Hände gingen, glaubte, wie eben jeder andere
Buchhändler auch, über Bücher mitsprechen zu können. Für einen
unstudirten Buchhändler, meinte man, möchten seine Räsonnements noch so
hingehen. Er hat es in seinen alten Tagen dem Publicum oft genug in die
Ohren rufen müssen, dass er sich wirklich und in der That nicht für
einen blossen unstudirten Buchhändler, sondern in allem Ernste für einen
wirklichen und wahren Gelehrten gehalten. Dennoch hat er es in keinem
Zeitpuncte seines Lebens im Publicum zu derjenigen Reputation gebracht,
welche in seinem Zeitalter jeder Gelehrte sich erwarb, der nur ungefähr
ein Jahrzehend hindurch fleissig und anhaltend Bücher schrieb.
Dies war wohl zum Theil Misgeschick, zum Theil aber auch eigene Schuld.
Hätte er, nachdem er den Verstoss des Publicums merkte, nur mit seiner
Emphase in der Welt verbreitet, dass er die Bibliothek nicht nur drucke,
dass er auch an ihr recensire, ja, dass er sie redigire; hätte er sich
vor aller eigenen Schreiberei unter seinem Namen sorgfältig gehütet: so
würde er bald in dasselbe Ansehen gekommen seyn, welches so mancher
andere höchst mittelmässige Redacteur berühmter gelehrter Zeitschriften
geniesst, der der eigenen Autorschaft sorgfältiger aus dem Wege geht;
und wir, sein Geschichtschreiber, wären der Hinzufügung des
gegenwärtigen Capitels überhoben. Unser Held aber schrieb Bücher, dicke
Bücher, unter eignem Namen, und dadurch verdarb er alles.
Sein Sebaldus zwar hätte hingehen mögen. Dieser war dem Zeitalter seiner
Erscheinung so angemessen, dass man ihn der Fähigkeit unsers Helden
sogar nicht zutrauen wollte. Es sind wohl nicht viel unter meinen
Lesern, denen ein zu jener Zeit ziemlich allgemein verbreitetes Gerücht
nicht zu Ohren gekommen seyn sollte: Nicolai sey gar nicht der Verfasser
des Sebaldus, er habe sich unrechtmässigerweise dafür ausgegeben; der
wahre Verfasser, ein immer Geld bedürfender Gelehrter, bediene sich
dieses Nicolaischen Plagiats, um durch die Drohung, es bekannt zu
machen, in jedem Bedürfnisse Geld von ihm zu erpressen. -- Wir haben
dieses Gerücht nicht angeführt, als ob wir selbst ihm Glauben
zustellten; jenes Werk trägt zu unverkennbar das Gepräge der
Nicolaischen Feder; sondern um zu zeigen, wie das Publicum von jeher
über unsern Helden gedacht.
Es folgte John Bunkel. Diesen hatte unser Held, seiner eigenen
Versicherung nach, nicht selbst gemacht, sondern übersetzt. Aber das
Buch fiel auf als schlecht; und darum stritt man ihm hier die
Autorschaft auf, die man dort ihm abstritt; er sollte und musste mit
aller Gewalt nicht der blosse Uebersetzer, sondern der Urheber selbst
seyn. Und als man nun nicht länger läugnen konnte, dass er es übersetzt
habe, war er darum um nichts gebessert. Der Verfasser der durchaus
originellen, leider nicht sehr bekannt gewordenen ^Geschichte einiger
Esel^ fing schon damals an, treffliche Beiträge zur Geschichte unsers
Helden zu liefern.
Jetzt trat unser Held seine Reisen an. Sein Weg führte den Berliner, der
bisher zwischen dem protestantischen Berlin und dem protestantischen
Leipzig und seiner Buchhändlermesse sein Wesen getrieben hatte, durch
katholische Provinzen. Da sahe er Crucifixe an den Strassen,
Heiligenbilder, Amulete, Votivtafeln; hörte, dass gewisse Heilige die
Schutzpatrone gegen gewisse Landplagen oder Krankheiten wären; hörte,
dass ein wohlmeinender Katholik, da seine Religion ihm allein
seligmachend ist, jeden Menschen in den Schooss derselben zu bringen
suchen müsse u. s. w. -- Dergleichen hatte er in Berlin und Leipzig
nicht gesehen; hatte er ja von andern, die es gesehen hatten, etwas der
Art erzählen gehört, so hatte er es für Aufschneiderei und für
schlechten Spass gehalten; denn wie könnte doch irgendwo etwas anders
seyn, als zu Berlin oder zu Leipzig; wie in aller Welt könnte man doch
ein katholischer Katholik seyn? Jetzt sah er es mit seinen Augen, und
rief athemlos durch das heilige römische Reich: hörts, Deutsche hörts,
das Unglück -- die Entdeckung meines Scharfsinns; es giebt, o es giebt
Katholiken, die da katholisch sind -- und damit man es ihm doch ja
glauben möchte, brachte er alle Bilder und Gebetzettel aus allen
Gegenden zu Hauf, und gab sie in den Kauf obenein.
Nicht lange nachher begegnete ihm ein Verdruss mit seiner Bibliothek.
Sie sollte -- welches, dass ich es im Vorbeigehen sage, nur zu wahr,
offenbar und klar ist -- sie sollte ein der ^Religion^ gefährliches Werk
seyn. Das war ihm zu hoch. Athmete doch dieses Werk seinem besten Wissen
nach durchaus das, was er den reinsten Protestantismus nannte. Nur dem
nunmehro seit seinen Reisen an den Tag gekommenen Antiprotestantismus,
nur der ^katholischen^ Religion konnte es gefährlich seyn. Beide
Visionen vermengten sich in seinem schwachen Kopfe, und dazu mischte
sich noch eine dritte, die allein schon fähig gewesen wäre, ihn zu
verwirren, die der geheimen Orden, der Gold- und Rosenkreuzerei. Nun
konnten die Gegner seiner Bibliothek nichts Anderes seyn, als
Kryptokatholiken, welche durch geheime Orden und andere Machinationen
die Protestanten in den Schooss der römischen Kirche zurückzuführen
suchten, und denen er durch seine Bibliothek und durch die wichtigen
Entdeckungen seiner Reisen im Wege stand: und es musste von nun an alles
von solchen Machinationen wimmeln. Noch im Jahre 1800 erzählte Nicolai
in der Vorrede zum ersten Stück der von ihm wieder herausgegebenen
Bibliothek sehr ernsthaft das alte Mährchen, und verrieth in aller
Unbefangenheit den wahren Grund, der ihn auf diese Vision gebracht, die
Anfechtungen nemlich, welche er und seine Bibliothek von einem Minister
und einigen geistlichen Räthen unter der vorigen Regierung erdulden
müssen. Jene vorgeblichen Verbreiter des Katholicismus thaten unserem
Helden nur nicht die Liebe an, dass sie selbst katholisch geworden
wären, geschweige, dass sie andere bedeutende Personen dazu gemacht
hätten. Diejenigen, welche vielleicht anfangs durch das heftige Geschrei
mit fortgerissen wurden, mussten sich denn doch nun, nachdem von allem
Prophezeiten nichts erfolgte, und sie kälter wurden, erinnern, dass sie
ja alles, was Nicolai ihnen erzählt, schon vorher auch gewusst und
gesehen hätten, und dass beinahe alle Welt es gewusst und gesehen hätte,
sie mussten sich wundern, dass es unserm Helden allein vorbehalten
gewesen, diese Sachen so bedeutend zu nehmen, und so scharfsinnige
Schlüsse daraus zu entwickeln, sich fragen, warum sie denn nicht selbst
auch von denselben Prämissen aus auf dieselben Entdeckungen gekommen,
und das Ganze konnte sich nur durch ein lautes und allgemeines Gelächter
über unsern Helden beschliessen.
Noch stand ihm eine andere traurige Epoche seines Lebens bevor: seine
Feldzüge gegen die neuere Philosophie. Zwar waren seine Einwendungen
gegen diese Philosophie, -- etwa, dass ja die Erscheinung der Sinnenwelt
so gar nicht vor Blutigeln weiche, vor denen doch sonst jede Erscheinung
verschwinde, oder dass, wenn alles, was da ist, das Ich selbst sey, ein
Mensch, der eine wilde Schweinskeule ässe, sich selbst ässe, -- diese
Einwendungen waren sämmtlich von der Art, dass jeder Knecht und jede
Magd im römischen Reiche, die sie vernahmen, finden mussten, sie hätten
dieselben wohl auch vorbringen können. Aber dadurch, dass unser Held sie
ihnen so vor dem Munde wegnahm, empfahl er sich schlecht ihrer
Zuneigung. Ueberdies hörten sie auch nicht, dass man jene Philosophen
von Obrigkeitswegen in die Tollhäuser gebracht, welches doch, wenn ihre
Behauptungen durch jene Einwendungen getroffen würden, nothwendig hätte
geschehen müssen. Sie blieben also immer geneigter, anzunehmen, dass
jene Sätze wohl noch einen andern Sinn haben dürften, den Nicolai nur
nicht verstände, oder hämischerweise verdrehe; und so that selbst bei
den gemeinsten Lesern diese Art der Polemik der Ehre unsers Helden weit
grössern Abbruch, als der Ehre jener Philosophen.
Diese zusammenhängende Reihe von Unglücksfällen musste nothwendig unsern
Helden, der nie einen befestigten Credit besessen, immer verächtlicher
und lächerlicher machen. Er kam in seinen letzten Tagen nach dem Jahre
1803 so herab, dass jeder Muthwillige, der gerade keinen spasshaftern
Zeitvertreib hatte, den alten Steinbock zu Berlin neckte und am Barte
zupfte, um sich an seinen Capriolen zu belustigen.
Wie benahm sich nun unser Held dabei? Ging ihm denn noch kein Licht
darüber auf, dass das Zeitalter ihn nicht für seinen ersten Mann hielte?
Keinesweges. Gegen diese Ahnung hatte er schon früher sich befestigt
gezeigt.
War es irgend möglich zu hoffen, dass man eine gegen ihn ergangene
Schmähung überhört habe, so pflegte er derselben lieber gar nicht zu
erwähnen, sondern sie mit grossmüthigem Stillschweigen zu übergehen. So
hatten allerdings mehrere aus der Schule der transscendentalen
Idealisten ihn oft etwas respectwidrig behandelt. Fichte hatte das
einzige Mal, da er seiner erwähnt, ihn als die ^seufzende Creatur^
charakterisirt; Schelling hatte ihn einmal ^einen alten Californier^,
und ein andermal ^einen alten Geck^ gescholten; Niethammer hatte gar die
-- zwar ungegründete, und tiefer unten zu widerlegende Hypothese
geäussert: Nicolai sey nun wirklich übergeschnappt, und er sey der Gott
Vater zu Bedlam, der gegen seinen Nachbar Jesus Christus, -- etwa den
Ritter Zimmermann, die Zähne fletsche. Dennoch hat Nicolai, so oft er
auch hinterher veranlasst worden, diesen Männern ihr übriges Unrecht
hart zu verweisen, dieser ihm selbst widerfahrenen Beleidigungen nie
auch nur erwähnen mögen. Er hat vielmehr immer standhaft vorausgesetzt,
dass jene Männer seiner Weisungen allerdings achteten, und lehrbegierig
darauf hörten, und durch dieselben schon noch zur Besinnung gebracht
werden würden. Tieck hatte ihn beinahe in allen seinen Schriften auf
eine sehr empfindliche Weise durch wahren, tief eingreifenden Witz
angezapft; besonders aber erschien im ersten Hefte seines poetischen
Journals ein alter Mann, der unserm Helden wie aus den Augen geschnitten
war; auch stellte im jüngsten Gerichte desselben Hefts Nicolai
namentlich sich in einer höchst possirlichen Gestalt dar. Dadurch wurde
unser Held so wenig beleidigt, dass er Kaltblütigkeit genug beibehielt,
in eigner Person jenes Heft zu recensiren[12]. Zwar konnte er es nicht
verbergen, dass die beiden Aufsätze, in denen er angegriffen war, nichts
taugten; war aber schonend genug, den eigentlichen faulen Fleck in
denselben nur ganz leise, wie wir unten sehen werden, zu berühren.
War aber der Verstoss in zu grosser und guter Gesellschaft gemacht, und
liess sich nicht annehmen, dass er auf die Erde gefallen sey, so wusste
unser Held immer gut nachzuweisen, warum die Gegner so sprechen müssten,
wie sie sprachen. Es fand sich immer, dass er sie schon früher
angegriffen, und ihre Eigenliebe gekränkt habe, dass sie nur dafür sich
rächen wollten, und deswegen Dinge vorbrächten, denen ihre wahre
Herzensmeinung widerspräche. So war in den bekannten Xenien der Spass
mit unserm Nicolai wirklich weit gegangen, auch liess sich die Kunde
davon nicht gut abläugnen. Unser Held aber zeigte, dass die Verfasser
jene Gedichte nur deswegen publicirt hätten, um die tiefen Wunden, die
er ihnen durch den 11. Band seiner Reisen geschlagen, zu rächen.
»Freilich höre niemand gern die Wahrheiten, die er ihnen dort sage, es
sey ihnen eben nicht zu verdenken, dass sie sich rächten, so gut sie
vermöchten.« Uebrigens wusste er, dass sie ihn im Herzen doch verehrten,
ihn für einen Meister anerkannten, und gewaltige Furcht vor ihm
hatten[13].
So sagte er von den transscendentalen Idealisten, dass sie die D. B. zu
verachten nur affectirten[14]. Freilich waren sie eine rohe,
ungeschlachte Rotte, jene Idealisten, die für manches Geachtete wenig
Achtung bezeigten. Aber die Bibliothek, dieses grösste Werk unsers
Helden, wirklich und in der That nicht zu achten -- diese Verkehrtheit
konnte selbst ihnen Nicolai nicht zutrauen. Nein, sie stellten sich nur
so, sie affectirten nur Nichtachtung, weil ihnen die Trauben des
schmackhaften Lobes jener Bibliothek zu hoch hingen.
So setzte er bei der oben erwähnten Recension des Tieckschen Journals
hinzu: »Tieck äussere da sein Misfallen an einigen Personen, denen er
selbst und seine Verse wohl auch nicht gefallen haben möchten.« --
Mochte doch diese Stelle denjenigen, die dieses Journal nicht gelesen
hatten, dunkel bleiben. Was sollte doch er selbst durch seine Bibliothek
das leider erhobene Skandal weiter verbreiten? Waren aber welche unter
den Lesern, die jenes Journal gesehen hatten, so konnten diese nur
glauben, Nicolai möchte Herrn Tieck früher etwas zu Leide gethan haben,
dieser habe dafür sein Müthchen an ihm kühlen wollen; nicht, als ob er
im Herzen nicht voller Achtung und Respect für ihn sey, sondern
lediglich aus dem boshaften Grunde, sich an ihm zu rächen.
Auf diese Weise entging unser Held dem, was in jedem andern Falle sicher
zu erwarten gewesen wäre, dem sichtbar erscheinenden und im bürgerlichen
Leben sich äussernden Wahnsinne. Mit dem Ritter Zimmermann, welchem
Nicolai seine Eitelkeit nicht verzeihen konnte, ohnerachtet er selbst
daran einen grössern Antheil hatte, und mit demselben Wohlgefallen von
seinem Schachspielen mit dem Minister Wöllner, und von der witzigen
Abfertigung, die er ihm gegeben, erzählte, als jener von seinen
Unterredungen mit Friedrich dem Zweiten erzählt hatte -- mit dem armen
Ritter endete es traurig, und auch dem unglücklichen Wetzel bekam seine
Göttlichkeit übel. Es glaubten deswegen viele, dass es auch mit unserm
Helden auf dieselbe Weise enden würde; und der oben angeführte Gelehrte
glaubte sogar einstmals, dass dieser Fall wirklich eingetreten sey.
Diesen Männern entging nur folgendes, dass man, um wahnsinnig werden zu
können, doch noch irgend einen wahren und richtigen Gedanken
unaustilgbar in sich haben muss, welcher mit den ebenso fest
eingewurzelten unrichtigen und falschen in einen nie zu entscheidenden
Widerstreit geräth, und dadurch das Phänomen der Geistesverwirrung
erzeugt. Totale und radicale Verkehrtheit aber, mit welcher auch nicht
Ein richtiger Gedanke verbunden ist, stimmt mit sich selbst innig
zusammen, und macht das Verfahren ebenso fest und unerschütterlich und
gleichmässig, als die Wahrheit. Ein solcher ist in seinem Ideenkreise
beschlossen, und kein Gott würde einen Gedanken in denselben
hineinbringen, der nicht darein passte. -- Hierzu kommt, dass besonders
diejenige Art der Verrücktheit, welche aus Eigendünkel entsteht, und in
welcher die Menschen sich für ganz etwas Anderes halten, als sie sind,
eigentlich nur durch den Widerspruch anderer erhitzt, erbittert, und zu
den wilden Aeusserungen, in die sie öfters ausbricht, bewogen wird. Bete
man nur jenen Gott Vater zu Bedlam, und seinen Sohn Jesus Christus
gläubig an; lasse man sie nur ruhig bei der Meinung, dass sie die Welt
regieren und alle Tage das Wetter machen, und sie werden sehr sanfte
wohlthätige Gottheiten bleiben. Nur der Widerspruch reizt sie. Gegen
diese Reizung war unser Gott Vater durch ein in seiner Narrheit selbst
liegendes Mittel gesichert: er glaubte nie, dass der Widerspruch
ernstlich gemeint sey. Die Schnippchen, die man gegen seinen papiernen
Olymp heraufschlug, hielt er für eigen gestaltete Dämpfe des Weihrauchs.
Handelten die Sterblichen unter ihm nicht nach seinem Sinne, so griff er
zu etwas, das er treuherzig für seinen Donnerkeil hielt, schleuderte es,
und war nun fest überzeugt, dass alles um ihn herum zerschmettert und
vernichtet wäre.
Ein Narr war er freilich; denn es ist ohne Zweifel ebenso närrisch, wenn
ein einfältiger unstudirter Buchhändler, der nie eines systematischen
Unterrichts genossen, und nie die entfernteste Idee davon gehabt, was
eine Wissenschaft sey, sich für den ersten aller Gelehrten, ein geborner
stumpfer Kopf, der es nie dahin bringen können, auch nur einen Perioden
sprachrichtig und logisch zu schreiben, sich für einen Mann von
allgemeinem und ausserordentlichem Talent, und ein ausgemachter Berliner
Badaud[15] und ungezogener tölpelhafter Schwätzer sich für einen grossen
Weltkenner und Weltmann hält: als es närrisch ist, wenn ein armer
Schuhflicker sich für den König von Jerusalem ansieht. Aber in dieser
Verrücktheit blieb er sich so unerschütterlich gleich und alles sein
Handeln, Glauben und Denken stimmte mit ihr, und unter sich so wohl
überein, dass, wenn man bloss seine Aeusserungen unter einander
verglich, und mit der ungeheuren Falschheit der ersten Voraussetzung
nicht bekannt war, man bis an sein Ende nicht die geringste Spur einer
Verstandesverwirrung an ihm entdecken konnte.
Anmerkungen.
[Fußnote 12: M. s. 3. Heft. 1. St. 56. B. der neuen deutschen
Bibliothek.]
[Fußnote 13: M. s. Nicolai's Schrift gegen die Xenien.]
[Fußnote 14: M. s. das 2. Heft des oben angeführten Stücks der N. D. B.]
[Fußnote 15: Wir erklären uns über diese Benennung in der 4ten Beilage.]
Zehntes Capitel.
Ein Grundzug des Geistescharakters unsers Helden, der aus
jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte.
Wer bei aller Geistesthätigkeit keinen andern Zweck hat, als den, sich
geltend zu machen und sein Uebergewicht zu zeigen, weil er ein solches
Uebergewicht zu haben vermeint, der verliert sehr bald durchaus allen
Sinn für jeden möglichen andern Zweck der Geistesthätigkeit. Ihm ist
alles Forschen und Nachdenken lediglich Mittel zum Disputiren,
keinesweges aber zur Auffindung einer bleibenden Wahrheit, die allem
weitern Disput ein Ende mache. Eine solche Wahrheit, die da nun wahr sey
und bleibe, ist ihm ein Greuel, er hasst sie und wüthet gegen ihre Idee;
denn wenn sie gefunden würde, so müsste ja auch er sich ihr unterwerfen
und dürfte nichts gegen sie sagen.
Dieser Hass gegen alle positive bleibende Wahrheit musste also ein
Grundzug unsers Helden seyn, der von dem nun sattsam beschriebenen
Princip ausging. Gab er ja eine für sich bestehende und bleibende
Wahrheit zu, so war es die der Anekdote; und sogar das ist zweifelhaft,
ob er auch diese zugab. In allem, was über diesen Standpunct hinauslag,
und ganz besonders in philosophischen und religiösen Materien, erblickte
er nichts weiter, als einen Gegenstand des Disputs, wo jede Meinung so
viel werth wäre, als jede andere, und der überall keinen Gebrauch hätte,
als den, den Scharfsinn zu üben. Seine Maxime war: man müsse jedem, was
über dergleichen Gegenstände zuletzt vorgebracht wäre, widersprechen,
damit es nicht etwa dabei sein Bewenden behielte, und die einzige wahre
Bestimmung des menschlichen Geistes, der Disput, ins Stocken geriethe.
Darum waren ^Protestantismus^, ^Denkfreiheit^, ^Freiheit des Urtheils^
seine beständigen Stichworte. Sein ^Protestantismus^ nemlich war die
Protestation gegen alle Wahrheit, die da Wahrheit bleiben wollte; gegen
alles Uebersinnliche und alle Religion, die durch Glauben dem
Dispute ein Ende machte. Nach ihm war das eben der Zweck der
Kirchenverbesserung, jeden Laien in den Stand zu setzen, über religiöse
Gegenstände ins unbedingte hin und her zu disputiren, wie ein
allgemeiner Bibliothekar, keinesweges aber irgend etwas gläubig zu
ergreifen und in diesem Glauben zu handeln. Ihm war alle Religion nur
Bildungsmittel des Kopfs zum unversiegbaren Geschwätz, keinesweges aber
Sache des Herzens und des Wandels. Seine ^Denkfreiheit^ war die
Befreiung von allem ^Gedachten^; die Ungezähmtheit des leeren Denkens,
ohne Inhalt und Ziel. ^Freiheit des Urtheils^ war ihm die Berechtigung
für jeden Stümper und Ignoranten, über alles sein Urtheil abzugeben, er
mochte etwas davon verstehen oder nicht, und was er vorbrachte, mochte
gehauen seyn oder gestochen. So fragt er in jener berühmten Acte
Schelling, der sich über die Aufnahme zweier ungeschickten Recensionen
einer seiner naturphilosophischen Schriften in die Jenaische gelehrte
Zeitung beschwerte: »ob denn der Mann gar keinen Begriff von der
Freiheit des Urtheils der Gelehrten habe?« Wohl mochte Schelling und
alle seines Gleichen keinen Begriff haben von der Unverschämtheit, mit
welcher jeder Stümper in Dinge hineintappte, von denen er recht wohl
wusste, dass er sie nie gelernt hätte, und jeder Esel seinen Mund zur
Antwort öffnete, ohne gefragt zu seyn.
Und so brachte Nicolai sein Leben hin, gegen Papismus, ebenso wie gegen
Kriticismus und Idealismus zu disputiren; denn gegen beides disputirte
er aus demselben Grunde, -- als gegen eine fremde Autorität, die sich
den Menschen aufdringen wollte, zum Nachtheil der unbegrenzten
Disputirfreiheit, genannt Protestantismus, und seiner eigenen
wohlerworbenen Autorität. Mit der eklektischen Philosophie hatte er sich
wohl vertragen können; diese hatte auch sein protestantisches Princip,
über alles hin und her zu meinen, nichts aber zu ergründen und
auszumachen. Die neuere Philosophie aber wollte ergründen und ausmachen
und entscheiden; es war ihr Ernst, das Zeitalter zum Redestehen und zur
Entscheidung zwischen Ja oder Nein zu bringen, und dass es dabei sein
Bewenden habe. Diese Anmuthung erschien unserem Helden als eine
sträfliche Anmaassung. Dass jemand in allem Ernste an eine für sich
bestehende Wahrheit glauben und überzeugt seyn könne, derselben auf die
Spur gekommen zu seyn, setzte er nur nicht voraus. Diese Verkehrtheit
selbst seinem verhasstesten Gegner zuzutrauen, war er doch zu
grossmüthig. Er sahe sonach in den Sätzen jener Philosophen nichts als
Meinungen, ihrem eigenen guten Bewusstseyn nach nur Meinungen, die nicht
besser seyn wollen dürften, als andere Meinungen; und in dem Ernste und
dem entscheidenden Tone, mit dem sie dieselben vortrugen, nichts, als
die Bemühung, dem Publicum zu imponiren. Drum schrie er über Autorität.
Für den, der keine Kraft hat, selbstständig aus sich Wahrheit zu
erzeugen, giebt es auch wirklich nirgend etwas Anderes als Autorität.
Eilftes Capitel.
Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem ersten Grundzuge und
höchsten Grundsatze unseres Helden erfolgt sind.
Wer die Rede des anderen hört, oder seine Schrift liest, lediglich um
etwas daran auszusetzen und ihm zu widersprechen, und dem es, da er gar
nichts Anderes zu thun hat, leid thun würde, jenen noch einen Augenblick
fortreden zu lassen, nachdem er Gelegenheit zum Widerspruche gefunden,
ergreift immer die nächste Gelegenheit. Diese aber kann jeder, dem es
nur ernstlich um das Widersprechen zu thun ist, immer auf der Oberfläche
finden. Da es ihm nun nur darum zu thun ist, so hat er nie ein
Bedürfniss, über diese Oberfläche hinauszugehen; es wird ihm habituell,
nie über sie hinauszugehen, und so entsteht in ihm und verwächst mit
seinem Selbst das Phänomen ^der absoluten Oberflächlichkeit und totalen
Seichtigkeit^. Dies war das Schicksal unseres Helden. Es war
schlechterdings unmöglich, bei irgend einem Gegenstande ihn auch nur um
eine Linie unter die Oberfläche in das Innere zu bringen.
Die absolute Oberfläche ist das nackte abgerissene Factum, als solches.
Daher war der Kreis, in welchen das Nicolaische Vermögen gebannt blieb,
der der Anekdote und der Curiosität. Es war ihm Herzensfreude, wenn die
Untersuchung sich dahin lenkte. Welch ein Fest für ihn, als Friedrich
der zweite starb, und Anekdoten in Fülle über ihn erschienen! Da war er
in seinem Felde; da gab es zu widerlegen, zu berichtigen, zu ergänzen.
Das blosse Wissen der geringfügigsten Anekdote war ihm Zweck an sich:
durch dergleichen Wisserei erfüllte er, seiner Meinung nach, den Zweck
des menschlichen Daseyns, und stillte sein unendliches Sehnen nach
Wahrheit. Je seltener diese Wisserei war, desto lieber war sie ihm, denn
dann konnte er am meisten damit prahlen; und diese Seltenheit der
Wisserei war die einzige Art der Gründlichkeit, die er kannte. Daher
sein Hang nach Curiositäten, nach Predigerüberschlägen, Perrücken und
Haartouren, den leichtesten Angelhaken; -- und wer möchte die
Kleinigkeiten alle aufzählen, mit denen er seinen Forschungsgeist
nährte. -- Dass er die entfernteste Ahnung gehabt, wozu die genaue
Erforschung dieser einzelnen an sich geringfügig erscheinenden Dinge im
^Ganzen^ gebraucht werden könnte; -- dass dieser Anekdotengeist sich je
auch nur zum dunkelsten Begriffe von Geschichte erhoben habe, davon
findet in seinen Schriften sich nicht die geringste Spur.
Vor dieses ihm allein sichtbare Forum der Anekdote zog er nun alles
andere, was ihm unter die Hände kam, und selbst die Philosophie. Die
seinige, bei der es, ihm zufolge, eben sein Bewenden haben sollte, war
selbst nichts Anderes, als eine Sammlung von Anekdoten über die Sprüche
und Meinungen ehemaliger Philosophen. Und so widerlegte er denn auch die
Speculation anderer durch Anekdoten, wahre oder erfundene Geschichte;
und ein Sempronius Gundibert schlug eine Kritik der reinen Vernunft.
Gegen den kategorischen Imperativ erinnerte er, und erinnerte wieder,
dass es nach demselben im Leben nicht herginge, und glaubte bis an sein
Ende, jenem Imperativ dadurch den Garaus gemacht zu haben.
Dies ist die absolute Seichtigkeit, welche man die ^materiale^ nennen
könnte. Ebenso innig mit unserem Helden verwachsen, und aus demselben
Grundzuge hervorgegangen, war eine zweite, die wir die Seichtigkeit ^in
der Form^ nennen wollen.
Wem es nur darum zu thun ist, den anderen in die Rede zu fallen, und mit
seinem Widerspruche schnell anzukommen, dem ist jeder Gedanke, der ihm
zuerst in den Sinn kommt, recht. In welchem Zusammenhange des Denkens
der Andere seine Meinung vortrage, ^woraus^ er sie beweise, und ^was^ er
hinwiederum aus ihr erweisen wolle, wie sie daher durch dieses
Vorhergehende und Nachfolgende bestimmt, und dieser Bestimmung nach
eigentlich zu verstehen sey, -- dies zu bedenken, hat er nicht Zeit; und
wenn er überhaupt nur hört, und von jeher nur gehört hat, um zu
widersprechen, kommt er nie zu dem Begriffe von einem solchen
Zusammenhange. Ihm hängt absolut alles Denkbare unmittelbar zusammen,
weil man mit jedem jedem widersprechen kann; und es entsteht ihm das
schon oben beschriebene System des aus unmittelbar gewissen Körpern
bestehenden grossen Sandhaufens; denn dieses ist das tauglichste zum
eilfertigen Widerspruche.
So war es unserem Helden ein Leichtes, dem Princip des transscendentalen
Idealismus ein halbes Dutzend Blutigel, eine Schweinskeule, eine ^chaise
percée^ in den Weg zu werfen, sowie eins dieser Dinge ihm zuerst unter
die Hände kam; ohne abzuwarten, wie es etwa jenes System machen würde,
um den Blutigeln und den Schweinskeulen auszuweichen. Bei ihm entstand
durchaus kein Zweifel, ob diese Einwürfe auch wohl passen möchten. Warum
sollten sie denn nicht passen? Hatte er sie doch angepasst.
Aus dieser absoluten Seichtigkeit entsteht nun schon an und für sich
^Schiefheit^ für alles, was da höher liegt, als die blosse Anekdote,
oder durch seinen Zusammenhang bestimmt wird. --
Aber zu dieser aus der Seichtigkeit natürlich erfolgenden Schiefheit
hatte Nicolai noch eine andere durch Kunst sich erworben, und durch
Uebung sich angebildet und zur zweiten Natur gemacht. Damit verhielt es
sich so. Wer den anderen bloss darum anhört, um ihm zu widersprechen,
dem ist es immer Hauptaugenmerk, die Dinge nicht in dem Lichte zu sehen,
in welchem der andere sie zeigen will, denn dann dürfte er einig mit ihm
seyn, sondern in dem, in welchem der andere sie nicht zeigen will;
sonach alles zu verdrehen, aus seiner natürlichen Lage zu richten und
auf den Kopf zu stellen. Wer dieses Handwerk eine Zeitlang treibt,
dessen Sehorgane wird durch die beständige schiefe Richtung, die man ihm
giebt, diese Richtung endlich natürlich: sein Auge wird zum Schalke. Er
will nicht mehr verdrehen und schief sehen; es stellt sich ihm schon von
selbst alles verkehrt, verdreht und auf dem Kopfe stehend dar. So war es
unserem Helden ergangen, und daher entstanden die zusammengesetzten
Schiefheiten, die Schiefheiten der Schiefen von den Schiefen, die sich
in allen seinen Ansichten befanden. Die einfache und ihm natürliche:
dass er die Dinge aus ihrem Standpuncte und dem Zusammenhange des
Denkens riss; die zweite künstliche: dass er, sogar in dieser Lage, sie
noch ein oder einige Male verrückte. Es lässt sich ihm nachweisen, dass
er z. B. in seinen philosophischen Streiten weit plausiblere Dinge gegen
die angegriffenen Systeme hätte vorbringen können, wenn er, wie andere
seiner Zeitgenossen, sich mit dem ersten einfachen, jedem
unphilosophischen Kopfe natürlichen und jedem anderen unphilosophischen
Kopfe leicht mitzutheilenden Misverständnisse hätte begnügen wollen.
Aber das war ihm zu einfach, zu wenig originell; es musste
mannigfaltiger und künstlicher verdreht werden; und so arbeitete er oft
selbst seinem Zwecke entgegen. -- Es gereicht vielleicht zur Ergötzung
des Lesers, diese Grundschiefheit unseres Helden in einem Beispiele
dargestellt zu sehen. Wir wählen das erste, das uns unter die Hände
fällt.
Nicolai unternimmt in jener berühmten Acte, das Fichtesche System aus
seinen Gründen zu prüfen und zu widerlegen. Wie mag er zuvörderst wohl
bei der historischen Aufstellung des Inhalts dieses Systems zu Werke
gegangen seyn? Nun, ohne Zweifel hat er eine speculative Schrift jenes
Schriftstellers, in der dieser die Principien seiner Philosophie am
deutlichsten vorzutragen behauptet, -- etwa die ersten §§. der Grundlage
der Wissenschaftslehre, oder das erste Capitel einer neuen Darstellung
dieser Wissenschaft im philosophischen Journale, angeführt und einen
wörtlichen Auszug davon seiner Prüfung zu Grunde gelegt? -- Falsch
gerathen! Aus abgerissenen Sätzen sehr vieler Schriften jenes
Schriftstellers hat er seinen Bericht zusammengeflickt. -- Nun so wird
er bei dieser Arbeit sich doch wenigstens auf eigentlich strenge
scientifische Schriften des Mannes eingeschränkt haben? -- Wiederum
falsch gerathen. Dann bliebe es ja bei der einfachen Schiefheit. -- Oder
hat er die angeführten Stellen aus populären Schriften des Verfassers
herausgerissen? -- Nun das wäre allerdings etwas; aber doch noch nicht
genug für unseren Helden. Aus populären und scientifischen Schriften,
aus abgerissenen Phrasen der Appellation, der Wissenschaftslehre, der
Bestimmung des Menschen, des Naturrechts des Verfassers, im buntesten
Gemisch nebeneinandergestellt, hat er seinen Bericht zusammengeflickt;
und hat so wenig Ahnung, dass jemand gegen dieses Verfahren etwas haben
könne, dass er höchst pünktlich über historische Wahrheit zu wachen
glaubt, indem er bei jedem Citat hinzusetzt: es seyen Fichte's eigene
Worte, und die Seitenzahl angiebt.
Und wie geht es mit der Prüfung und Widerlegung des Systems? -- Wir
wollen unsere Leser nicht vergeblich mit Rathen auf die Folter spannen;
indem wir sehr wohl wissen, dass schlechthin keiner, und sey er der
wiedererwachte Oedipus, fähig ist zu errathen, wie es damit geht. Wer
möchte auf den Grad der Schiefheit rathen, dass unser Held in einem
Athemzuge die Wahrheit und Richtigkeit des Systems durchaus anerkennt,
und in demselben Athemzuge sie wieder abläugnet? Und doch hat es sich
wirklich also begeben. Er lässt sich vernehmen: -- »Das Ich ist Subject
und Object zugleich; nun dies ist richtig und giebt eine gute
Beschreibung des Bewusstseyns.« -- So? wenn dies richtig ist, so richtig
ist, als F. es nahm, als ein absolut identischer Satz, so dass man ihn
auch umkehren könne: Identität des Subjects und Objects = dem Ich, oder
auf die gewöhnlichere Weise ausgedrückt, das Ich ist durchaus nichts
anderes, als Identität des Subjects und Objects: so ist das ganze System
richtig, denn dieses System besteht durchaus in nichts anderem, als in
einer vollständigen Analyse des zugestandenen Satzes.
Wie fängt es denn nun Nicolai an, um in demselben Athemzuge wieder
zurückzunehmen, was er hier zugesteht? Auch hier sind wir sicher, dass
kein Leser auf das räth, was sich wirklich zuträgt. Es trägt sich
nemlich nichts geringeres zu, als dies, dass Nicolai den ^eigentlichen
Inhalt^ dieser Philosophie, in dessen vollständigem und durchgeführtem
Beweise eben jenes System bestand, für eine der ^Prämissen^ dieses
Systems, und zwar für eine willkürlich und ohne allen Beweis
vorgebrachte Prämisse ansieht; das Gebäude selbst für die Kelle, womit
das Gebäude gemauert worden, die Erde für die Schildkröte, von welcher
die Erde getragen wird. Denn so lässt er sich vernehmen:
»^der Satz, dass das Ich die Intelligenz, und die Intelligenz das
Ich sey, sey lediglich eine willkürliche Terminologie: es werde
nichts für den Beweis dieses Satzes vorgebracht, auf welchen doch
der ganze transscendentale Idealismus sich gründe^« --
schreibe: ^sich gründe^. -- Damit ja kein Zweifel übrig bleibe, wie dies
zu nehmen sey, setzt er tiefer unten hinzu: ^man (nemlich Nicolai) wende
gegen jenen Satz ein: mein Ich ist nicht blosse Intelligenz, sondern
Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft gehört dazu^,
schreibe: ^gehört dazu^.
Also: die lediglich auf eine willkürliche Terminologie sich gründende,
durch nichts bewiesene Prämisse des Fichteschen Idealismus ist der Satz:
Ich, ^oder^ Intelligenz, ^oder^ Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft,
körperliche Kraft sind durchaus identisch. -- Diesem Satze stellt
Nicolai als unmittelbar gewissen Satz entgegen: ^Mein Ich ist freilich
unter anderen auch Intelligenz^ (denn indem er sagt, dass es nicht
^blosse^ Intelligenz sey, sagt er ohne Zweifel, dass es diese doch auch
mit sey); aber es gehören noch ausser der ^Intelligenz^ mit dazu,
^Vernunft^, ^Sinnlichkeit^, ^Denkkraft^, ^körperliche Kraft^. -- Durch
diese Gegensetzung nun hebt er jene Fichtesche Prämisse auf, und
sprengt, da ganz allein auf diese sich der ganze transscendentale
Idealismus gründet, diesen zugleich mit in die Luft; denn ^cessante
fundamento cessat fundatum^.
Es ist zu beklagen, dass Nicolai nicht unmittelbar darauf, als er diese
Widerlegung zu Ende gebracht hatte, aufgehenkt worden, damit er im
Bewusstseyn dieses glorreichen Arguments seine speculative Laufbahn
beschlossen hätte, und die Nachkommen hierbei seiner gedenken möchten.
Zuvörderst ist sehr merkwürdig, dass in jenem Gegensatze, ausser und
neben der ^Intelligenz^, auch noch ^Vernunft^, ^Denkkraft^,
^Sinnlichkeit^ (denn die körperliche Kraft können wir ihm hier erlassen)
aufgezählt wird. Hätte Nicolai seinen Fleiss auf eine Beschreibung der
preussischen Armee gerichtet, so würde er bemerkt haben, dass der König
ausser seiner Armee auch noch Infanterie gehalten hätte, und Husaren und
Pfeifer.
Ferner stellt Nicolai, wie er immer thut, seinen Gegensatz so hin, als
ob sich die Wahrheit desselben von selbst verstände. Also er führt ihn
als eine Thatsache des unmittelbaren Bewusstseyns. Hatte denn Nicolai
gar keinen philosophischen Freund -- er selbst freilich konnte dies
nicht wissen, ohnerachtet er sich zum Richter in Sachen der Philosophie
aufwarf -- der ihm gesagt hätte, dass es wohl etwa Thatsache genannt
werden könne, dass man in einem bestimmten Falle vernehme, denke,
empfinde, sinnlich wirke, dass aber Vernunft in Bausch und Bogen, und
die Sinnlichkeit, und die Denk- oder körperliche Kraft, ^als Kraft^, für
Thatsachen des Bewusstseyns auszugeben, in jenem Zeitalter nur noch
einem durchaus unkritischen Ignoranten zu verzeihen war?
Endlich war der Satz, dass das Ich, inwiefern es Subject-Object sey, die
Intelligenz selbst, also Vernunft, Denkkraft, Willensvermögen, sinnliche
Anschauung, physische Kraft sey, so wenig eine Prämisse jenes Systems,
dass er vielmehr das System selbst war; und dieses in seinem ganzen
Umfange nichts anderes zu thun hatte, als zu zeigen, dass alle jene
Erscheinungen im Gemüthe nichts wären, denn die verschieden gebrochene
und sich zu einander verhaltende Subject-Objectivität selbst. Auf diese
Beweise und Ableitungen musste sich ein Gegner dieses Systems einlassen,
und sie zu entkräften, oder Lücken und Mängel in ihnen zu entdecken
suchen. Statt dessen zu widersprechen, wie unser Held es that, war
gerade so, als ob ein Physiker aufgetreten wäre, und gesagt hätte: mir
ist es ausgemacht, dass alle mögliche Farben nichts sind, als
verschiedene Brechungen des Einen farblosen Lichtstrahls; und Euch
anderen will ich dieses durch eine Reihe von Experimenten beweisen,
indem ich durch bestimmte Brechungen desselben farblosen Lichtstrahls
alle andere Farben vor euren eigenen Augen entstehen lasse; und einer
aus dem Pöbel, ohne nach seinen Experimenten nur zu sehen, die Zunge
herausgesteckt, dem Physiker Esel gebohrt, und geschrien hätte: der Narr
denkt, alle Kühe sind weiss, er weiss noch nicht, dass es auch schwarze
und gefleckte Kühe giebt. So wurde beim Hindurchgehen durch das Sehorgan
unseres Helden alles schief, verzerrt und gar wunderlich. Es ist ihm
während seines Lebens sehr häufig vorgeworfen worden, dass er alles, was
er unter die Hände bekäme, hämischerweise verdrehe, und schmutzigerweise
besudle. Wir nehmen ihn gegen diese Beschuldigung in Schutz. Es war sehr
wahr, dass aus seinen Händen alles beschmutzt und verdreht herausging;
aber es war nicht wahr, dass er es beschmutzen und verdrehen wollte. Es
ward ihm nur so durch die Eigenschaft seiner Natur. Wer möchte ein
Stinkthier beschuldigen, dass es boshafterweise alles, was es zu sich
nehme, in Gestank, -- oder die Natter, dass sie es in Gift verwandle.
Diese Thiere sind daran sehr unschuldig; sie folgen nur ihrer Natur.
Ebenso unser Held, der nun einmal zum literarischen Stinkthiere und der
Natter des achtzehnten Jahrhunderts bestimmt war, verbreitete Stank um
sich, und spritzte Gift, nicht aus Bosheit, sondern lediglich durch
seine Bestimmung getrieben.
Zwölftes Capitel.
Wie es zugegangen, dass unser Held unter allen diesen
Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein Zeitalter gehabt.
Wir würden ein grosses Mistrauen in die Penetration unseres Lesers
setzen, wenn wir nöthig fänden, nach allem Gesagten hinzuzusetzen, dass
wir Friedrich Nicolai für den einfältigsten Menschen seines Zeitalters
halten, und nicht glauben, dass irgend etwas recht Menschliches an ihm
gewesen, ausser der Sprache.
Dass er nun von dieser seiner grossen Geistesgebrechlichkeit selbst
durchaus nichts gespürt, und mit der Meinung aus der Welt gegangen, er,
der allereinfältigste, sey gerade der allerklügste, ist kein
Wunder; denn diese Meinung von sich selbst, und diese totale
Unerschütterlichkeit durch irgend ein fremdes Urtheil, folgte aus seiner
extremen Dummheit selbst, und er hätte um ein gutes Theil weniger dumm
seyn können, ehe er begriffen hätte, dass er dumm sey.
Aber er hat auf seine Zeitgenossen gewirkt, und ist, zwar nicht
öffentlich anerkannt, aber wie der unparteiische Forscher gestehen wird,
wirklich und in der That, der Urheber eines grossen Theils des
Meinungssystems gewesen, welches in seinem Zeitalter die
Mittelmässigkeit zu dem ihrigen gemacht hatte. Wir geben wohl etwa in
einer Beilage nähere Nachweisung über dieses Meinungssystem[16].
Wie in aller Welt ging es nun zu, dass diesmal die Armuth ihr Eigenthum
beim Bettel, die Einfalt ihre Weisheit bei der Dummheit, die Schielenden
ihre Einsichten beim Stockblinden holten, da sie doch dieses alles auf
eigenem Boden, und durch ihre eigenen Augen weit besser hätten erzeugen
können?
Den Menschenkenner kann dies sonderbare Phänomen nicht befremden, wenn
er nur weiss, dass unser Held bei seiner extremen Dummheit zugleich
einer der rührigsten und der allerunverschämteste unter seinen
Zeitgenossen war. Er trug kein Bedenken, alles, was ihm durch den Kopf
ging, sogleich auf allen Dächern zu predigen, und es unaufhörlich an
allen Ecken den Leuten in die Ohren zu rufen; und liess sich schlechthin
durch nichts irre machen oder aus der Rede bringen. Das Volk, das nicht
selbst arbeiten mag, und dem von allen Seelenkräften beinahe nur das
Gedächtniss zu Theil geworden, konnte nicht umhin, jene Weisheit sich
endlich zu merken. Sie hatten nun längst vergessen, von wem sie dieses
alles zuerst gehört hätten, sie erinnerten sich nur noch dunkel, dass
sie es einmal gewusst, und glaubten nach und nach, sie hätten es selbst
entdeckt und wahr befunden. Es fiel ihnen in den Gemeinschatz der
ausgemachten Wahrheiten und Thatsachen: und es war allerdings Thatsache,
dass sie es oft genug gehört hatten. Und so ward unser Held der Urheber
eines grossen Theils der Denkart seines Zeitalters, ohne dass eben
jemand ihm sonderlich dafür dankte, noch wusste, woher diese Denkart
eigentlich wäre. Er aber wusste es; und die schreiende Unerkenntlichkeit
der Zeitgenossen, um die er sich doch so sehr verdient gemacht, mag sehr
viel zu der üblen Laune seines höheren Alters beigetragen haben.
Es ist kein Zweifel, dass auch ein Hund, wenn man ihm nur das Vermögen
der Sprache und Schrift beibringen könnte, und die Nicolaische
Unverschämtheit und das Nicolaische Lebensalter ihm garantiren könnte,
mit demselben Erfolge arbeiten würde, als unser Held. Möchte man sich
immer anfangs an seiner Hundenatur stossen, wie man sich eben auch an
die Nicolainatur unseres Helden stiess. Wenn er sich nur nicht irre und
schüchtern machen liesse, dieser Hund, wenn er nur das Gesagte immer
wieder sagte und fest dabei bliebe, und unermüdet schrie und schriebe,
er habe doch recht, und alle Andern hätten unrecht; wenn er sich wohl
gar noch durch den Gedanken begeistern liesse, und sich damit brüstete,
dass er schon als ein blosser unstudirter Hund dies einsähe, wie Nicolai
sich auch immer damit gebrüstet, dass er als ein unstudirter Bürgersmann
alles dies wisse: so wäre uns gar nicht bange, dass nicht dieser Hund
sich einen sehr verbreiteten Einfluss verschaffen sollte. Seine Theorien
würden das Zeitalter ergreifen, ohne dass man sich eben erinnerte, dass
sie von unserem Hunde herkämen; es würde eine Aesthetik entstehen, nach
welcher jeder Spitz die Schönheit einer Emilia Galotti kunstmässig
zerlegen, und die Fehler in Herrmann und Dorothea so fertig nachweisen
könnte, als es jetzt nur Gottfried Merkel vermag; und die Bibel würde
endlich von allem noch übrigen Aberglauben gereinigt und so ausgelegt
werden, wie ein aufgeklärter Pudel sie verständig finden, und wie er
selbst sie geschrieben haben könnte.
Anmerkung.
[Fußnote 16: Der Leser kann die in der dritten Beilage gelieferte
Charakteristik des Geistes der deutschen Bibliothek zugleich für eine
solche Nachweisung nehmen.]
Erste Beilage.
(Zur Einleitung.)
Angriffe Nicolai's auf die persönliche Ehre und den Charakter des
Verfassers enthalten die folgenden Stellen:
1.
Nachdem Nicolai die Herren Schelling und Schlegel beschuldigt, dass sie
günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die Jenaische
Literaturzeitung zu bringen gesucht, fährt er (S. 159. der oben
angeführten Anzeige) so fort: »Es ist der Schule der Ich-Philosophen
schon länger« (dem Zusammenhange nach ^früher^, ehe die obengenannten
gethan, dessen Nicolai sie beschuldigt, und ehe sie zu dieser Schule zu
rechnen gewesen) »eigen gewesen, dass sie, wenn es nicht anders zu
beschaffen war« (welch ekelhaftes Geschäft, dergleichen Schreiberei
abschreiben zu müssen!), »für ihren transscendentalen Idealismus
Anpreisung zu ^erschleichen^ suchte. Sie affectirten zwar bei aller
Gelegenheit, die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten, ^aber
arbeiteten nicht wenig unter der Hand^, sie sich geneigt zu machen (1).
Sie versuchten Mitarbeiter anzubieten, welche eben Herrn Fichte's Schule
verlassen hatten, und da dieses nicht ging, so (2) suchten sie durch
einen Mitarbeiter der allgemeinen deutschen Bibliothek, der gar nicht im
philosophischen Fache arbeitete, ^unverlangt^ solche Recensionen
einzuschicken, wie sie ihren Absichten dienten, die, wie allenfalls
durch gewisse Kennzeichen zu zeigen wäre, aus ^Jena^ kamen. Die damalige
Direction der neuen deutschen Bibliothek war auf solchen ^unartigen
Schleifweg^ nicht gleich aufmerksam genug u. s. w. (3). Man sahe nun
also wirklich in der neuen deutschen Bibliothek XVIII. B. S. 355. eine
solche heimlich eingeschwärzte Recension von Fichte's Grundriss der
gesammten Wissenschaftslehre, in welcher ein in die allgemeine deutsche
Bibliothek sich unverlangt eingeschlichener Fichtianer schlau so anhebt«
u. s. w.
Wer sind denn diese ^Sie^ aus der ichphilosophischen ^Schule^ (der
verständige Leser verzeiht mir wohl, dass ich, sowohl hier als im
folgenden, um der Kürze willen, die Ausdrücke dieses Schulmeisters
beibehalte, der allenthalben nur Schulen erblickt, so innig auch mir
diese Ausdrücke zuwider sind), wer sind, sage ich, diese Sie, die
^früher^ noch, als Schelling an dieser Art des Philosophirens öffentlich
Theil nahm, ^früher^, als jene Recension des Fichteschen Grundrisses
eingeschwärzt wurde, -- der erste Streich, nach Herrn Nicolai, der ihnen
gelang, -- offenbar ^um ein beträchtliches früher^, denn durch die
vorhergegangenen vereitelten Machinationen müssen sie doch auch Zeit
verloren haben -- welche, sage ich, zu dieser Zeit das thaten, dessen
Nicolai sie unter (1) und (2) beschuldigt; diese ^Sie^ von der
Ichschule, die damals die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten
affectirten, -- ohne Zweifel ^öffentlich^, da ihre entgegengesetzten
Bestrebungen ^unter der Hand^ geschahen, in ^öffentlichen Schriften^
also (wie könnte auch sonst Nicolai um jene Affectationen wissen?),
diese Sie also, die schon damals in öffentlichen Schriften sich als
Ichphilosophen zeigten? Wer können sie seyn, diese Sie? Weiss Nicolai
aus diesem Zeitalter irgend einen Schriftsteller mir zu nennen, der sich
für das System der Wissenschaftslehre erklärt hätte, ausser mir selbst?
Kann er aus jenem Zeitpuncte irgend jemand zu seiner Ichschule rechnen,
ausser mir und meinen Zuhörern, deren keiner Schriftsteller war, und die
wohl nur durch mich literarische Connexionen hätten erhalten können?
Will etwa Nicolai insinuiren, dass ich an der Spitze der vorgegebenen
geheimen Machinationen gestanden, oder wenigstens an ihnen Theil
genommen? Das muss er wohl wollen; denn seine Beschuldigung muss doch
irgend jemanden treffen sollen; sie muss doch einen von den früher
genannten und angegriffenen Männern treffen sollen, und da sie die
anderen, den Herrn Prof. Schelling, die beiden Schlegel, Herrn Tieck
nicht treffen soll, indem das Factum in eine frühere Zeit gesetzt wird,
-- sie muss den einzigen, welcher noch übrig bleibt, sie muss ^mich^
treffen sollen. Auf mich wird sie auch jeder Leser, der die Stelle in
ihrem Zusammenhange liest, beziehen. Dies musste Nicolai vorhersehen;
und da er es vorhersah, und doch redete, wie er geredet hat, musste er
beabsichtigen, dass es geschehen möchte. Oder, wollte er nicht, dass
jene Beschuldigung auf mich bezogen würde, wollte er nur überhaupt in
das blaue Feld hin, so dass kein bestimmter Mensch getroffen würde,
beschuldigen, so musste er ausdrücklich erklären, dass er mich nicht
meine, dass er keinen Grund habe zu glauben, dass ich für meine Person
an jenem Getreibe Theil genommen, von demselben gewusst habe und
dergleichen.
Dies hat Nicolai nicht gethan; er hat sonach gewollt, dass die
Beschuldigung auf mich bezogen werde.
Das Betragen, dessen er mich beschuldigt, ist Nicolai's eigenem guten
Bewusstseyn, Vortrage und Sinne nach, ein höchst verächtliches und
nichtswürdiges Betragen; er will, dass die Leser es ebenso ansehen, und
bedient sich der Ausdrücke, die es als ein solches beschreiben. Er redet
von ^Erschleichungen^, ^unartigen Schleifwegen, heimlichem
Einschwärzen^, von Versuchen, ^unter der Hand sich geneigt zu machen,
was man öffentlich zu verachten affectirt^.
Dasselbe Betragen ist nach meinen Begriffen und nach den Begriffen aller
Leser, deren Achtung Werth für mich hat, noch unendlich nichtswürdiger,
verächtlicher -- und dümmer dazu, als Nicolai verstehen und begreifen
kann. Denn ich und alle die, mit welchen und auf welche zu wirken ich
wünschen kann, haben überhaupt gar wenig Respect für die gewöhnlichen
gelehrten Zeitungen, ihre Urtheile, und das Urtheil derer, die auf jene
Urtheile etwas geben.
Was aber insbesondere die allgemeine deutsche Bibliothek anbelangt, ob
sie in Bohns oder in Nicolai's Verlage herauskomme, so affectire ich
nicht dieselbe zu verachten, sondern ich verachte sie wirklich und im
ganzen Ernste, wegen ihrer allgemeinen Tendenz, und in dem besonderen
Fache, in welchem ich mir ein Urtheil zuschreiben darf, in dem der
Philosophie.[17]
[Fußnote 17: Und wie könnte ich anders, als sie verachten, von der Seite
ihres Geistes versteht sich, diese Recensenten, denen nicht einmal der
Nicolaische Kunsttrieb zu Theil wurde, miszuverstehen, zu verdrehen, und
sodann sich das Ansehen zu geben, als ob sie widerlegten; sondern die
sich geradezu hinstellen, bekennen und bejammern, wie der Schulknabe,
der seine Lection aufsagen soll, und sie nicht gelernt hat, dass sie das
Vorgebrachte denn doch gar nicht verstehen und klar kriegen könnten;
dass philosophische Schriften denn doch zum allerwenigsten so deutlich
seyn sollten, dass sie ^von Philosophen^ (sie sind wohl auch welche,
diese Recensenten? ein Philosoph ist wohl ein Mensch, der im
philosophischen Fache an der A. D. B. recensirt?), dass sie, sage ich,
von Philosophen verstanden werden könnten; die denn doch bei alle dem
ihre Abneigung gegen das, was sie nicht zu verstehen bekennen, nicht
bergen können, und zuletzt mit dem Troste für ihren Redacteur, ihre
Leser und sich selbst, abtreten, dass noch zeitig genug die Zeit kommen
werde, da diese verzweifelte neueste Philosophie widerlegt seyn werde;
diese Recensenten, mit deren Belesenheit es so beschaffen ist, dass sie
aus Citaten Druckfehler abdrucken lassen, und sich hinterher über den
sonderbaren Ausdruck verwundern. So lässt neulich einer aus Heydenreichs
Vesta unbefangen folgenden Satz als den meinigen abdrucken: »Das
eheliche Verhältniss ist die von der Natur geforderte ^Masse^ (^Weise^
steht in meinem Texte, m. s. mein Naturrecht Bd. III. 316. [2. Th. 174])
des erwachsenen Menschen von beiden Geschlechtern zu existiren.«
Allerdings eine sonderbare Art sich auszudrücken, ruft der Recensent in
einer Parenthese aus.
Jeder, der in den neuesten Stücken der N. D. B. unter den
philosophischen Recensionen herumblättern will, wird auf die oben
angeführten Aeusserungen stossen.
Nun wird zwar Nicolai, der bei der Wiederübernehmung der Herausgabe
jener Bibliothek die bisherigen Recensenten beizubehalten verspricht
(auch nimmermehr andere bekommen würde), versichern, dass jene
Recensenten unter die ersten deutschen Schriftsteller gehörten, wie er
dies von dem Recensenten der Schellingschen Weltseele in der Jenaischen
Literaturzeitung versichert, und wohl gar so grossmüthig seyn, sich in
meine Seele, ebenso wie in Schellings zu schämen, dass ich von diesen
Männern spreche, wie von einfältigen Schulknaben; wie ich denn auch
allerdings thue.]
Dieselbe Verachtung habe ich ohne Ausnahme bei allen angetroffen, deren
Gesinnungen über diesen Punct ich zu erfahren Gelegenheit hatte. Und nun
will Nicolai, dass man von mir glaube, ich habe dieses Blatt, dessen
Verächtlichkeit unter die gemeingeltenden Dinge gehört, mir geneigt zu
machen gesucht.
Ein solches Betragen wäre, sagte ich unter anderen, auch dümmer, als
Nicolai begreifen kann. In der Gegend, in welcher ich damals mich
aufhielt und in dem noch südlicheren Deutschlande ist die Verachtung
gegen die allgemeine deutsche Bibliothek, selbst bei den gemeinsten
Lesern, sogar zum Vorurtheile geworden; sieht man sie ja noch an, so
thut man es in den Stunden der Verdauung, um sich an den wunderlichen
Wendungen und Renkungen der Trivialität und Nullität, die es selbst zu
merken anfängt, dass sie Nullität ist, zu belustigen. Wer in jenen
Gegenden lebt, hält ein Lob in dieser Bibliothek für eine schlechte
Empfehlung. Auf dieses Blatt giebt man nur noch in einigen finsteren
Provinzen Deutschlands etwas, wo man im Ganzen noch auf der Stufe der
Bildung steht, auf der wir vor 40 Jahren standen, und noch aus dem
Grundtexte berichtet zu seyn wünscht, ob in einer Stelle des neuen
Testaments vom Teufel wirklich die Rede sey, oder nicht, oder gegen die
Furcht vor dem Umsturze der theuren protestantischen Denkfreiheit durch
die Machinationen der Jesuiten Beruhigung sucht.
Also das Betragen, dessen Nicolai mich beschuldigt, ist nichtswürdig,
verächtlich, dumm. Er führt nichts an, um seine Beschuldigung zu
beweisen. Ich kann einen nicht geführten Beweis nicht widerlegen. -- Da
ich im Ernste nicht wieder zu Nicolai zurückkommen mag, so muss ich mich
begnügen, ehrliebende Leser zu versichern, dass die ganze Beschuldigung
rein erdichtet ist, dass ich nie in freundschaftlichem Umgange oder
Verbindung mit irgend einem Menschen gestanden, der mir als Mitarbeiter
an der allgemeinen deutschen Bibliothek oder als zusammenhängend mit der
Redaction derselben bekannt gewesen, dass ich um die Urtheile in der
allgemeinen deutschen Bibliothek mich nie bekümmert, und nie das
Geringste gethan habe, um auf dieselben einen Einfluss zu erhalten. --
Der Verweis, den ich dem damaligen Verleger derselben, Herrn Bohn, zu
geben genöthigt wurde, wegen der Imbecillität, mit welcher er Pasquille
auf mich im Intelligenzblatte jener Zeitschrift abdrucken liess, und als
ich hierüber Nachfrage anstellte, nicht wusste, wovon die Rede war, war
doch ohne Zweifel keine Gunstbewerbung.
Es ist jetzt an den Lesern, die meiner Versicherung nicht glauben,
Nicolai zum öffentlichen Beweise seiner Beschuldigung anzuhalten. Ich
weiss sicher, dass er nichts als Erdichtungen und Lügen wird vorbringen
können, und diese werden hoffentlich von der Art seyn, dass man, ohne
vor dem Publicum sich mit ihm abzugeben, ihn vor dem bürgerlichen
Gerichtshofe belangen, und diesem das Urtheil übergeben könne.
Jedoch, ist es denn nicht Factum, was Nicolai Nr. 3 anführt, dass eine,
wie Nicolai meint, lobpreisende Recension meiner Grundlage der
Wissenschaftslehre in der neuen deutschen Bibliothek abgedruckt worden?
Für Nr. 1 und 2 hat Nicolai vielleicht gar keine Beweise; er hat es
vielleicht aus Nr. 3 durch seine bekannte Conjecturalkritik nur
gefolgert, und kein Bedenken getragen, seine Folgerungen als historische
Thatsachen hinzustellen.
Welche Folgerungen! Weil eine Anzeige, die meine Gedanken nur nicht
sogleich weggeworfen haben will, sondern sie einem weiteren Nachdenken
empfiehlt, in die neue deutsche Bibliothek, deren Grundmaxime es ist,
alles Neue ohne weiteres wegzuwerfen, sich verläuft; muss sie von einem
ausgemachten Fichtianer seyn, muss sie in Jena verfertigt seyn, muss ich
an der Einsendung derselben Theil haben, muss ich schon seit langem
ähnliche Versuche vergebens gemacht haben?
Wäre denn nicht auch etwa ^der^ Fall möglich, dass jene Anzeige von
einem Gelehrten herkäme, der ^nicht^ zu Jena lebte, der mich nie
persönlich gekannt, und bis diese Stunde mich nicht persönlich kennt,
der kein Interesse für mich haben konnte, als das, welches ihm die
angezeigte Schrift einflösste, und von dessen Existenz sogar ich erst
durch die Existenz jener Anzeige unterrichtet wurde? Wäre es nicht
möglich, dass dieser Gelehrte diese Anzeige ohne alle Bestellung irgend
eines Redacteurs, lediglich aus Interesse für die Sache, und in der
gutmüthigen Meinung, dass dieser durch eine Recension nachgeholfen
werden könnte, abgefasst, und sie zuerst an eine andere wirklich
gangbare gelehrte Zeitschrift eingesendet; dass sie von da aus, etwa
weil man sie, wofür auch Nicolai sie erkannt haben will, für einen
blossen trockenen Auszug gehalten, zurückgesendet worden, und nun erst
-- Nicolai mag wissen auf welchem Wege, ich weiss es nicht -- an die N.
D. B. gekommen, bloss damit sie nicht vergebens geschrieben wäre; dass
ich von diesem letztern Schicksale jener Anzeige durchaus nichts vorher
gewusst oder erfahren, und mit einer ähnlichen Befremdung, als Nicolai,
sie in dem angeführten Hefte der N. D. B. abgedruckt gefunden? Wäre
dieser Fall nicht ebenso möglich? Aber warum soll ich es nicht gerade
heraussagen: durch ein Ungefähr bin ich hierin besser unterrichtet, als
der sonst immer so wohl unterrichtete Nicolai; -- der als möglich
vorausgesetzte Fall ist wirklich; gerade so, wie ich es oben angegeben,
hat es sich zugetragen. Nicolai will wissen, dass jene Anzeige durch
einen Mitarbeiter an der A. D. B., der gar nicht im philosophischen
Fache arbeitete, der ihm sonach sehr wohl bekannt seyn muss, eingesandt
worden; und hierin weiss er mehr, als ich. Er hatte sonach einen festen
Punct, um seine sorgfältigen und wichtigen Untersuchungen anzuknüpfen.
Hätte er doch, er, der auf manchem Blatte[18] seinen Lesern erzählt, wie
weit herum er correspondire, um gründlichen Bericht abstatten zu können,
wo die leichtesten Angelhaken verfertigt würden, -- hätte er doch auch
hier ein paar Briefe sich nicht gereuen lassen! Oder ist er vielleicht
auch über diesen Gegenstand besser unterrichtet, als er sichs will
abmerken lassen, und diente es nur nicht in seinen Kram, zu verrathen,
dass die von ihm wieder aufgenommene A. D. B. fürlieb genommen, was eine
andere gelehrte Zeitschrift abgewiesen, und auf mein eigenes Anrathen
abgewiesen hatte?
2.
Ich komme zu Nicolai's zweitem ehrenrührigen Angriffe. Er beschuldigt
mich (S. 176), ich habe, in Beziehung auf einen Gegner, »^der mir
gezeigt habe, was offenbar aus meinen Sätzen folge^,« von Schurkerei und
Büberei gesprochen.
Ich weiss nicht, ob Nicolai selbst begreift, wessen er dadurch mich
beschuldigt, und ich zweifle, dass er es begreift. Er wirft diese
Schmähung zusammen, und bringt sie in Einem Athemzuge vor mit einer
anderen Anklage, mit der, dass ich von gewissen Gegnern als von
Halbköpfen gesprochen. Dünkt ihm etwa dieses letztere und jenes erstere
so ohngefähr gleich?
Dünke ihm, was da wolle, es kommt nicht darauf an, was Er von mir
glaubt, sondern darauf, was er andere von mir glauben machen will. In
den Augen desjenigen Theils des Publicums, an dessen Achtung mir etwas
liegt, und in meinen eigenen Augen, ist dieses letztere und jenes
erstere nicht gleich.
Einen literarischen Angriff durch einen Angriff auf die persönliche
moralische Ehre des Gegners erwiedern, und die Anführung von Gründen
Schurkerei und Büberei nennen, ist nach meinem Urtheile, und wie ich
hoffe nach dem Urtheile aller verständigen und ehrliebenden Männer, nur
das Betragen eines wüthenden Narren, oder tückischen und hämischen
Wahrheitsfeindes und Bösewichts.
[Fußnote 18: S. die Vorrede zum XI. Theile seiner Reisebeschreibung.]
Hätte der Gegner nur wirklich aus ^meinen^ Sätzen gefolgert, gesetzt
auch, er hätte diese Sätze falsch verstanden, oder er hätte unrichtig
aus ihnen gefolgert, und ich hätte ihm das Misverständniss oder die
Fehlschlüsse handgreiflich darthun können, so hätte ich ihm allerdings
Unverstand, Inconsequenz und dergleichen Verstandesgebrechen vorrücken,
aber ich hätte nimmermehr von Schurkerei und Büberei sprechen dürfen, so
lange noch die mindeste Möglichkeit übrig gewesen, anzunehmen, dass er
ehrlicherweise ^selbst glaube^, was er behauptet.
Wie verhält sich denn nun die Sache? Zum Glücke lässt in diesem Handel
das Factum, worauf Nicolai seine Beschuldigung baut, sich zu Tage
liefern. Er giebt die Stelle richtig an (Philos. Journal v. J. 1798,
Heft 8, S. 386.[19] --) Hier ist sie im Zusammenhange.
[Fußnote 19: Sämmtliche Werke Bd. V. S. 394. -- Die im Folgenden
erwähnte Note ist dort weggelassen worden, als längst vergessenen
polemischen Beziehungen angehörig. (Anmerk. des Herausgebers.)]
Ich sage S. 385 oben im Texte: »ich habe die lügenhaften Verdrehungen,
die z. B. Hr. Heusinger mit dem Gesagten vornimmt, weder verdient, noch
veranlasst;« und setze in einer Note hinzu: »Ich sage (S. 10 meines
Aufsatzes über den Grund unseres Glaubens an eine moralische
Weltregierung, im 1. Hefte des Phil. Journals desselben Jahrganges), um
die nothwendige Consequenz beider Gedanken auszudrücken: Ich muss, wenn
ich nicht mein eigenes Wesen verläugnen will, die Ausführung jenes
Zwecks (der Moralität) mir vorsetzen; -- habe diesen Satz zu analysiren,
wiederhole ihn daher auf der folgenden Seite ^verkürzt^ mit
Hinweglassung der Merkmale, die keiner Analyse bedürfen, so: ich muss
schlechthin den Zweck der Moralität mir vorsetzen, ^heisst^: u. s. w. --
Die Rede ist sonach gleich der folgenden: In einem rechtwinkligen
Triangel ist das Quadrat der Hypotenuse gleich dem Quadrate der beiden
Katheten. In ^einem Triangel^ ist das Quadrat der Hypotenuse etc.
^heisst^: u. s. w. -- Hr. Heusinger aber[20] hält sich an den letzten
Ausdruck des Satzes, als den ^directen^, erklärt meine ganze Theorie aus
diesem unbedingt gesetzten ^Muss^, um mich eines Fatalismus zu
bezüchtigen (da doch jedem, der nur eine Sylbe von mir gelesen, bekannt
seyn muss, dass auf die Freiheit des Willens mein ganzes Denken
aufgebaut ist), und es recht klar darzulegen, wie nach mir die
moralische Ordnung ^sich selbst mache^, und wie ich mit meinem guten
Bewusstseyn ein offenbarer Atheist sey. -- Im gemeinen Leben nennt jeder
Ehrliebende ein solches Benehmen Schurkerei, Büberei, Lüge. Wie soll man
es in der Literatur nennen?« -- Dies ists, was ich geschrieben hatte.
Ich bitte den verständigen und ehrliebenden Leser sich folgende Fragen
zu beantworten:
1) Heisst das, ^aus meinen Sätzen folgern^, wie Nicolai es nennt, wenn
man mir einen ^bedingten Satz^ in einen ^unbedingten^ verwandelt, um mir
eine Meinung anzudichten, von welcher jeder, der in der neuen
philosophischen Literatur bewandert ist, wissen muss, und Hr. Heusinger
sicher wusste, dass ich mich von jeher auf das stärkste gegen sie
erklärt habe? Es ist also nicht von ^Folgerungen^, es ist von
^Verdrehungen und Erdichtungen^ die Rede.
2) Kann man umhin, anzunehmen, dass diese Verdrehung nicht aus Irrthum,
sondern mit gutem Wissen und Bedacht gemacht worden, wenn der Verfasser
seinen Zweck, eine dem Gegner gemachte Beschuldigung (die des Atheismus)
als gegründet zu erweisen, gleich von vornherein angiebt, und wenn
dieser Zweck ^nur durch dieses Mittel^ zu erreichen ist?
3) Wie würde man ein ähnliches Benehmen im bürgerlichen Leben nennen?
Wenn ich z. B. im Gespräche gesagt hätte: wenn Nicolai nicht ein
grundschiefer und zerrütteter Kopf ist, so ist er ein hämischer
Bösewicht: und Nicolai hätte mehr zu bedeuten, als er hat, und es ginge
einer zu ihm, und erzählte ihm, ich, Fichte, habe gesagt, er, Nicolai,
sey ein hämischer Bösewicht; und dieser Erzähler thäte es in der laut
zugestandenen Absicht, einer Anklage, durch welche ein unauslöschliches
Brandmal auf meinen Charakter gebracht werden sollte, und durch deren
Erfolg ich aus meiner Laufbahn geworfen worden, die öffentliche
Beistimmung zu verschaffen: würde man dieses Benehmen anders bezeichnen
können, ausser durch die Benennung der Lüge, der Schurkerei und Büberei?
4) Ist die Anfrage: im bürgerlichen Leben nennt man dies Schurkerei,
Büberei, Lüge, wie soll man es in der Literatur nennen? -- gleich ^dem^
Satze: man soll es in der Literatur ebenso nennen, und ich will es
hiermit also genannt haben? Zwar bin ich, damit nicht etwa jemand
glaube, dass ich mich zurückziehen wolle, ich bin allerdings der
Ueberzeugung, dass man es auch in der Literatur so nennen solle, wenn es
nur über literarische Rechtlichkeit eine ebenso befestigte und
verbreitete allgemeine Meinung gäbe, wie über bürgerliche Ehre. Ich bin
allerdings der Ueberzeugung, und scheue mich nicht, es laut zu erklären,
dass dieser Herr Heusinger sehr nichtswürdig gehandelt hat.
5) Nicolai's Betragen, der, wenn er nicht von so immensem Gedächtnisse
ist, dass er darin sogar die Seitenzahlen unseres philosophischen
Journals gegenwärtig hat, die oben angeführte Stelle, welche er richtig
citirt, aufgeschlagen und vor Augen haben musste, und dennoch fähig war
niederzuschreiben: ich habe darüber, dass ^ein Gegner mir gezeigt, was
aus meinen Sätzen folge^, von Schurkerei und Büberei gesprochen, --
dieses Betragen Nicolai's zu beurtheilen und zu benennen, überlasse ich
ganz allein dem ehrliebenden Leser.
[Fußnote 20: In seiner Schrift: über das idealistisch-atheistische
System des Herrn Prof. Fichte.]
Soviel über diese ehrenrührigen Angriffe Nicolai's, die auf erdichtete
Thatsachen sich gründen. Was er (S. 154 u. S. 177) über mein Benehmen
bei der Niederlegung meines Lehramtes an der Universität Jena urtheilt,
übergehe ich mit Stillschweigen, indem er hierin wenigstens nicht
offenbar falsche Thatsachen erdichtet, obgleich er mir Empfindungen und
Gesinnungen zuschreibt, welche nie die meinigen waren. Das Urtheil eines
Nicolai ist mir zu unbedeutend und zu verächtlich, als dass ich mich
dagegen vertheidigen oder annehmen sollte, dass irgend jemand, an dessen
Achtung mir liegen könnte, dieses Urtheil theilte. Es dürfte vielleicht,
ausser dem, was über jene Sache bekannt worden, noch andere Umstände
geben, die da unbekannt geblieben, und welche mein Betragen dabei in ein
anderes Licht stellen würden, als dasjenige ist, in welchem Nicolai
zweckmässig findet, dieses Betragen erscheinen zu lassen; aber Nicolai
gerade ist der letzte, der über diese Dinge mich zur Rede bringen soll.
Zweite Beilage.
(Zum zweiten Capitel.)
Gegen die Schilderung Mendelssohns im Texte, dass er ein Mann von dem
besten Willen, aber von eingeschränkten Einsichten und Zwecken gewesen
sey, wird ohne Zweifel niemand etwas einwenden, der diesen Mann aus
seinen Schriften und öffentlichen Verhandlungen, aus dem Lessingschen
Briefwechsel, und etwa auch aus mündlichen Erzählungen kennt; -- wenn
nemlich der Beurtheiler nicht etwa selbst von eingeschränkten Einsichten
und Zwecken ist. Mit Beurtheilern der Art aber wollen wir hier nicht die
Zeit verlieren.
Dass Lessing -- wir beziehen uns hier allenthalben auf die früheren
Schriften desselben und die von seinem Bruder herausgegebene
Lebensbeschreibung und Briefwechsel, und wünschten, dass der Leser, der
ein Urtheil in dieser Sache begehrt, damit sehr bekannt wäre, -- dass,
sage ich, Lessing in seiner frühen Jugend sich in einer unbestimmten
literarischen Thätigkeit herumgeworfen, dass alles ihm recht war, was
nur seinen Geist beschäftigte und übte, und dass er hierbei zuweilen auf
unrechte Bahnen gekommen, wird kein Verständiger läugnen. Die
eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes scheint
in seinen Aufenthalt in Breslau zu fallen, während dessen dieser Geist,
ohne literarische Richtung nach aussen, unter durchaus heterogenen
Amtsgeschäften, die bei ihm nur auf der Oberfläche hingleiteten, sich
auf sich selbst besann, und in sich selbst Wurzel schlug. Von da an
wurde ein rastloses Hinstreben nach der Tiefe und dem Bleibenden in
allem menschlichen Wissen an ihm sichtbar; und eine der deutlichsten
Erscheinungen dieser Veränderung war eine sich durchaus nicht
verbergende Verachtung gegen Nicolai's Person, und ganzes Werk und
Wesen, indess er die gutmüthige Beschränktheit Mendelssohns fortdauernd
mit schonendem Stillschweigen trug.
Schon früher hatte er unserem Helden die Verweise seiner Unwissenheit,
Ungeschicktheit und Suffisance nicht erlassen. (M. s. S. 98 ff. u. S.
109 ff. des von Nicolai selbst edirten Briefwechsels.) Von jetzt an
correspondirte er mit ihm nur noch über Verlagsangelegenheiten, um ihm
Aufträge zu geben, z. B. dass er ihm Schuhe überschicken solle, und um
Neuigkeiten von der Buchhändlermesse durch ihn zu erhalten. Sein
Vertrauen hatte Nicolai so wenig, dass Lessing unverhohlen über einen
gewissen Plan ihm schrieb: den könne er ihm nicht mittheilen, der müsse
unter ^den Freunden^ (Klopstock, Bode u. a.) bleiben; ohnerachtet er
freilich fürchtete, dass ihm beim Herumgehen um das Thor zu Leipzig ein
Wink darüber entschlüpft seyn möchte (S. 177 des angeführten
Briefwechsels); seine literarische Unterstützung und Billigung der
Unternehmungen so wenig, dass Lessing nie eine Recension in die D. B.
verfertigt, so sehr auch Nicolai suchte, ihm dergleichen abzuschmeicheln
(S. 147), und sich genöthigt fand, dies öffentlich zu erklären (S. 255),
und dass er nicht dazu zu bringen war, ihm Beiträge aus der
Wolfenbüttelschen Bibliothek für seine (Nicolai's) Volkslieder zu
senden, »indem doch der ganze Spass nur auf Verwechselung des Pöbels mit
dem Volke hinauslaufe« (S. 393). Man sehe dagegen, mit welcher
Dienstfertigkeit und innigen Achtung derselbe Mann Conrad Arnold Schmid
(29. Theil der Lessingschen Schriften) und den fleissigen, biederen
Reiske (28. Theil) behandelte. Einen Zug in einer Nicolaischen Recension
nannte Lessing, kurz und gut, sowie er es wirklich war, ihm unter die
Augen ^hämisch^ (S. 213 d. a. Briefwechsels). Nicht nur Nicolai's
Person, sein ganzes Werk und Wesen verachtete er. So war ihm die
Aufklärerei und der Neologismus in der Theologie, wie er in der D. B.
getrieben wurde, ein wahrer Gräuel, und er drückte unter vier Augen sich
oft kräftig darüber aus. So schreibt er seinem Bruder (30. Theil S.
286): »was ist sie anders, unsere neumodische Theologie gegen die
Orthodoxie, als Mistjauche gegen unreines Wasser?« Und auf der folgenden
Seite: »Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das
Religionssystem, welches man jetzt (wo anders als in der D. B.?) an die
Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluss auf Vernunft
und Philosophie, als sich das alte anmaasst.«
Wielands Pläsanterie über den Bunkel findet er so gerecht als lustig
(29. Theil S. 495). Was er daselbst noch weiter hinzusetzt, --
ohnerachtet es auf eine unseres Erachtens sehr unrichtige Voraussetzung
sich gründet, -- um Nicolai zu entschuldigen, zeigt doch wenigstens an,
zu welcherlei Handwerk Lessing diesen Mann allenfalls noch tauglich
gefunden: »zu Verbreitung -- ^solcher^ Ideen, die für ein gewisses
Publicum, das doch auch mit diese Stufe besteigen müsse, wenn es weiter
kommen solle, ihren Werth hätten, durch -- ^so einen Roman^.«
Und Nicolai, der sich mit Lessings Freundschaft brüstete, der die Ehre
des Todten gegen den Vorwurf vertheidigte, dass er -- kein so seichter
Kopf gewesen sey, als ein Nicolai, hat die Stirn, seinen Briefwechsel
mit Lessing, aus dem wir oben Auszüge geliefert, selbst herauszugeben?
Warum nicht? Er hat lange Noten dazu gemacht, in denen er sich
herausredet, Lessing für einen wunderlichen Kopf, für einen übellaunigen
Brummer, für ein überspanntes Genie ausgiebt, und seine ihm (dem
Nicolai) selbst ungelegenen Meinungen aus der leidigen Paradoxie und
Disputirsucht erklärt.
Heiliger Schatten, vergieb uns, dass wir in demselben Zusammenhange von
dir redeten und von ihm. Wenn auch keine deiner Behauptungen, wie du sie
in Worte fasstest, die Probe halten, keines deiner Werke bestehen
sollte, so bleibe doch dein Geist des Eindringens in das innere Mark der
Wissenschaft, deine Ahnung einer Wahrheit, die da Wahrheit bleibt, dein
tiefer inniger Sinn, deine Freimüthigkeit, dein feuriger Hass gegen alle
Oberflächlichkeit und leichtfertige Absprecherei unvertilgbar unter
deiner Nation!
Dritte Beilage.
(Zum zweiten Capitel.)
Ich nenne die deutsche Bibliothek ^ein an sich widersinniges
Unternehmen^. Dies ist unter einer Nation, die in ihrer eigenen Sprache
schreibt, ihre eigene Literatur und einen sehr verbreiteten Buchhandel
hat, und viel liest, der Strenge nach ^jedes allgemeine Recensionswerk^.
Es ist zu beklagen, dass ich daran ein Paradoxon sage; denn dies ist
jede einem jedem gerade vor den Füssen liegende Wahrheit jedem
verkünstelten Zeitalter. Könnte ich nur einige Augenblicke auf
unbefangene Leser rechnen, so würde ich sie bitten, folgendes mit mir zu
überlegen.
Der Leser will doch ohne Zweifel ein richtiges Urtheil über die Producte
der Kunst und der Wissenschaft, auf das er sich auch verlassen könne.
Wer kann denn nun, und wer soll diese Urtheile fällen? Doch wohl die
ersten Meister in jedem Fache der Kunst und der Wissenschaft?
Wenn nun zuvörderst der einige grösste Meister in einem Fache -- denn es
ist doch wohl nicht anzunehmen, dass die Grossen wie Pilze aus der Erde
wachsen -- etwas schriebe, wer soll denn diesem sein Urtheil fällen? Wer
soll gegenwärtig in der Kunst über Goethe, wer sollte zu seiner Zeit in
der Philosophie über Leibnitz, wer sollte, als Kant mit seiner Kritik
der reinen Vernunft hervortrat, über Kant urtheilen? Ueber den letzten
etwa die Garve, die Eberharde? Nun, sie haben es gethan, und es ist
darnach. Diesen Fall aber abgerechnet: sollten denn die grössten Meister
die Geneigtheit haben, dieses Richteramt über die Schriften zu
übernehmen; sollten sie nicht etwas Besseres thun können, das dem
gemeinen Wesen noch erspriesslicher sey? -- Der Lebenslauf jedes
wahrhaften Künstlers oder wissenschaftlichen Kopfs ist eine fortgehende
Entwickelung seiner eigenen Originalität. Seine Kunst oder seine
Wissenschaft erlernt, und auf den Punct sich erhoben, wo das Zeitalter
stand, hat er; das versteht sich, und dies ist nun vorbei. Er geht
^seinen^ Gang, entwickelt sich selbst in eigenen Schriften, die er bei
der vorausgesetzten Ausbreitung des Buchhandels leicht ins Publicum
bringen kann; von den Arbeiten anderer nimmt er Notiz, nur inwiefern sie
gerade seinen Gang berühren, und ihm im oder am Wege liegen, und er wird
ohne Zweifel in seinen eigenen Werken die nöthige Rücksicht darauf
nehmen. Sollte er sich wohl in diesem Kreise unterbrechen lassen, um
sich alle Wochen in einen ganz anderen Kreis eines ihm zur Recension
zugesandten Buches zu versetzen? Es ist nicht wahrscheinlich.
Oder hat etwa das deutsche Publicum bis jetzt in allem Ernste geglaubt,
dass es zwei Klassen grosser Gelehrten habe: die eine, deren Namen es
kennt, und die die Bücher schreiben; und die zweite, wohl ebenso
bedeutende, deren Namen es nicht kennt, und die die Recensionen
schreiben?
Wer selbst ein Buch schreiben kann, der schreibt ein Buch und keine
Recension, und für die Recensionen bleiben ^in der Regel^ nur diejenigen
übrig, die kein Buch schreiben können: hinter ihrem Zeitalter
zurückgebliebene ^Invaliden^, deren Bücher keinen Absatz, und also
keinen Verleger finden, und ^Schüler^, die zwar ein Aufsätzchen in
Grösse einer Recension zusammenbringen, aber nicht den Plan eines Buchs
entwerfen können. Dafür, meine Leser, dafür ist die Anonymität der
Recensenten. Das Publicum würde ein schönes Schauspiel erhalten, wenn
die Redactoren der recensirenden Institute plötzlich genöthigt würden,
die Verfasser aller seit 5 Jahren erschienenen Recensionen zu nennen. --
^In der Regel^ ist es so, habe ich gesagt: denn es ist möglich, dass ein
wirklicher Schriftsteller etwas in seinen gegenwärtigen Gedankenkreis
Fallendes beurtheile, und da er gerade kein Buch unter der Feder hat, in
welches diese Beurtheilung passe, sie vorläufig in einem recensirenden
Blatte abdrucken lasse. Auf dergleichen Beiträge aber rechnet ganz
gewiss kein Redacteur, der seinen Messkatalog herunterrecensiren lassen,
und sein Blatt alle Tage voll haben muss: er muss bestellte, pünctliche
Arbeiter haben. Oder es dürfte sich, ^da das leidige Vorurtheil für
Recensionen einmal in der Welt ist, und vor der Hand wohl nicht leicht
auszurotten seyn dürfte^, eine Gesellschaft von Männern, die allerdings
selbst Meisterwerke liefern könnten, verbinden, sich selbst zu
verläugnen, und auf dem Wege des Recensirens in das Zeitalter
einzugreifen. Die Redaction der Erlanger Literaturzeitung leistet in
einer neuerlichen Ankündigung Versprechungen dieser Art, und zeigt, dass
sie durchaus wisse, worauf es dabei ankomme; so dass sich billigerweise
annehmen lässt, sie sey im Besitze des Mittels, diese Versprechungen zu
halten, und gründe sich auf eine solche patriotische Verbindung; auch
berechtigt der Anfang zu immer grösseren Hoffnungen auf die Zukunft.
Diese Zeitung würde sodann eine höchst seltene und höchst ehrenvolle
Ausnahme von dem obigen allgemeinen Urtheile machen.
Ein ^Invalid^ also, oder ein ^Schüler^ wird in den ^8 oder 14 Tagen^, da
er das Buch flüchtig durchläuft, und recensirt, sich über den Autor
erheben, der ^Jahre lang^, oder vielmehr, da jede seiner Arbeiten doch
immer Resultat seines ganzen Lebenslaufes ist, ^sein ganzes Leben^ an
diese Materie ausschliessend verwendete? Es ist nicht wahrscheinlich.
Der ^Invalid^ -- mit ihnen sind diejenigen literarischen Institute, die
auf Reputation halten, am meisten besetzt, damit sie im Falle der Noth
sich mit einem Namen decken können, der vor 20 Jahren galt -- der
Invalid wird das Zeitalter, in welchem er etwas bedeutete, in seinen
Recensionen zurückzuführen suchen, und alles neue verurtheilen, weil es
neu ist. Der ^Schüler^ wird, wenn er noch am unbefangensten ist, auf
seinem Richterstuhle herumtappen, und vor den Lesern, die ein Urtheil
von ihm erwarten, zu begreifen suchen, worüber er richtet. Seine
Recension wird eine seiner Schulübungen werden.[21]
[Fußnote 21: Ein Beispiel aus tausenden, um es dem Leser recht vor die
Augen zu stellen, in welche Verlegenheiten heutzutage ein ehrlicher
Redacteur kommen kann, und wie kläglich sich dieselben oftmals behelfen
müssen!
Die Jenasche Literaturzeitung fand sich genöthiget, noch ein
Ergänzungsblatt, gleichsam einen Beiwagen zu der immer zu stark
besetzten ordinären Landkutsche, anzulegen. Es wurde ausdrücklich und
namentlich angekündigt, dass dieses Ergänzungsblatt unter anderen auch
einen Bericht über die durch die Fichteschen Religionslehren
entstandenen Bewegungen enthalten würde. Jeder Leser musste glauben,
dass dieser Bericht ein vorzügliches Meisterwerk, und ein wahres
Bravourstück des Recensionswesens seyn würde, von dessen
Vortrefflichkeit er auf das Ganze schliessen könnte, da es ihm schon im
voraus so bedeutend angekündigt wurde; und höchstwahrscheinlich hatte
der Herr Hofrath Schütz wirklich auf ein solches Meisterstück Bestellung
gemacht und erwartete täglich die Ankunft desselben. Und was hat er
erhalten!
Zwar so lange der Recensent Gefahr ahnt und deswegen auf seiner Hut ist,
zieht er sich listig genug aus dem Handel. Statt irgend eine
Eigenthümlichkeit der angefochtenen Lehre anzugeben, sagt er nur kurz:
was im Forbergschen Aufsatze richtig sey, sey Kantisch, und auch
Fichte's Lehre sey Kantisch, ausser dass der letztere diese Lehre an
seine Wissenschaftslehre anzuknüpfen suche. Nun thue ihm einer etwas!
Fragt ihr, was denn nun richtig sey in diesen Aufsätzen, so ist die
Antwort: das Kantische; und fragt ihr wiederum, was denn das Kantische
sey, so ist die Antwort: dasjenige was richtig ist.
Dagegen aber fällt ihn sein Unglück da an, wo er keine Gefahr weiter
ahnet. Von der Substanz, meint er, habe noch kein Philosoph einen
bestimmten Begriff aufgestellt. -- Welcher Philosoph weiss nicht, dass
seit Locke eine sehr bestimmte Nominalerklärung der Substanz vorhanden
ist: die, dass sie sey ^der Träger der Accidenzen^? Auch würde der
Recensent gerade in dieser Wissenschaftslehre, von welcher er zu sagen
weiss, dass Fichte sein Religionssystem daran anzuknüpfen suche, eine,
wie wir glauben, sehr bestimmte Real- und genetische Erklärung der
Substanz gefunden haben; dass sie nemlich sey ^die^ (allein im Denken
geschiedenen) ^Accidenzen selbst, in sinnlicher Anschauung zusammen- und
als Eins aufgefasst^, wenn er diese Wissenschaftslehre jemals
durchblättert hätte: und er hätte sodann den Lesern der ^A. L. Z.^
berichten können, warum Gott, der in sinnlicher Anschauung nicht
vorkomme, das Prädicat der Substanz sich nicht beilegen lasse; welches
den Lesern zu grosser Erbauung, und der Literaturzeitung zu grossem
Ruhme gereicht haben würde. Von diesem allen hat er nichts gethan und
nichts gewusst. Man sieht, die Philosophie ist dieses Recensenten Fach
nicht.
Nun, was ist er denn also, und welches ist sein Fach?
Er fürchtet, Fichte möge sich im Ausdrucke vergriffen haben, und geht
daran herum, ihm denselben zu verbessern. Man sieht, dass er gewohnt
ist, ^exercitia stili^ zu corrigiren. Ein Sprachmeister ist er.
Und was für ein Sprachmeister! -- Fichte hat gesagt, dass man Gott das
Prädicat der Substanz nicht beilegen könne, und fährt darauf fort: »es
ist erlaubt, dieses aufrichtig zu sagen, und das Schulgeschwätz
niederzuschlagen, damit die Religion des freudigen Rechtthuns ^sich
erhebe^.« Unser Sprachmeister nimmt von diesem letzteren Ausdrucke die
Gelegenheit, Fichte dem Verfasser des ^Schreibens eines Vaters etc.^,
welcher Verfasser Forberg und Fichte zuerst öffentlich des Atheismus
bezüchtigt, -- so ungefähr gleichzustellen (denn dieser Sprachmeister
hat zugleich ein sehr gutes Gemüth gegen Fichte, und zeigt es in diesem
einzigen Blatte, das die Langweiligkeit des Ganzen uns zugelassen hat,
durchzulaufen, auch noch an anderen Stellen), indem auch Fichte, nur
freilich etwas feiner, in der Speculation anders Denkende ohne weiteres
der Irreligiosität beschuldige, und hier insinuire, dass der Begriff von
Gott als Substanz erst niedergeschlagen werden müsse, ehe die wahre
Religion stattfinde. Ihm sind sonach ^sich erheben^ (über Hindernisse
und Zweifel) und ^entstehen^ Synonyme.
Forbergs Benehmen, das er höher oben als petulant, und der Wichtigkeit
der Sache nicht angemessen beschreibt, nennt er tiefer unten, um doch
auch seine Kenntniss des Französischen zu zeigen, ^niaiserie^. Er mag
wohl dieses Wort in seinem Dictionnäre durch ^läppisches Wesen^
übersetzt finden, und es seinen Schülern immer so übersetzt haben, ohne
einen Unterschied zu bemerken zwischen einem ^unschicklichen^ Betragen
aus Muthwillen (dessen er ohne Zweifel Forberg beschuldigen will) und
einem ^ungeschickten^ und täppischen aus Unbeholfenheit, dessen weder er
noch irgend jemand Forberg beschuldigen wird, und welches allein doch
durch das Wort ^niaiserie^ bezeichnet wird. (^Niais^, höchst
wahrscheinlich von ^nidus^, eigentlich, ein junger Vogel, der, noch ehe
er fliegen konnte, aus dem Neste genommen worden und dessen Flug daher
unbeholfen bleibt.)
Der Recensent ist sonach ein verdorbener, heruntergekommener
Sprachmeister, der bei dieser Unwissenheit freilich seine Kunden
verlieren musste, und nun durch Recensionen an der Literaturzeitung sich
seinen Unterhalt zu erwerben sucht.
Kein Mensch, und am allerwenigsten der Verfasser, wird glauben, dass ein
so berühmter Philolog, als der Herr Hofrath Schütz, diese argen
Verstösse nicht bemerkt habe. Aber was konnte er machen? Der Abgang des
Beiwagens war angekündigt, die Stunde war da, und kein anderes Gut
vorhanden. Er musste eben aufladen, was er hatte.]
Und welche verächtliche Leidenschaften werden durch diese ganze
Verfassung erregt und genährt! Welcher Eigendünkel bei guten Jünglingen,
welche grösstentheils dergleichen Einrichtungen wirklich für das halten,
was sie seyn müssten, wenn sie überhaupt seyn sollten! Der Wahl
tappender und schielender Redactoren vertrauend, glauben sie vom Tage
ihrer Einladung zur Mitgliedschaft einer berühmten Recensentengilde
wirklich die Fähigkeiten zu besitzen, die sie in ihrer Unbefangenheit
den Recensenten zuschreiben, zürnen auf ihre redlichen Lehrer, welche
vielleicht diese Fähigkeiten in ihnen noch nicht bemerken wollten, und
ergreifen die Gelegenheit, diesen ihre Uebermacht fühlbar werden zu
lassen![22] Welche schöne Aussichten für Literaten aller Art, ihre
gelehrte Eifersucht, ihren Neid, ihre Rachsucht gegen jeden, der ihnen
irgendwo im Wege gestanden, zu befriedigen, ohne dass jemand wisse,
woher die Streiche kommen! Jeder Gedrückte tröstet sich in aller Stille
damit: ei, ich will ihm schon einmal in einer Recension eins versetzen;
und er hält Wort. -- Welches Schauspiel würde das Publicum auch in
dieser Rücksicht erhalten, wenn die Redactoren plötzlich genöthigt
würden, die Verfasser der bisher erschienenen Recensionen anzugeben; und
die recensirten oder gelegentlich angezapften Schriftsteller hierauf
anfingen, Particularia und Personalia zu erzählen!
Welch ein ganz eigener Ton, der besonders in den Verantwortungen
angefochtener Redactoren und noch stärker in den Antworten der durch die
Anonymität gedeckten Recensenten auf Antikritiken, in seiner ganzen
Originalität erscheint! Da stösst ein Mann, der im Grunde weder witzig
noch hitzig ist, und es sehr gut weiss, dass er unrecht hat, sich bei
jedem Athemzuge in die Rippen, um die Langmüthigkeit seiner Natur zum
Zorne, zur Grobheit, zur Pöbelhaftigkeit zu reizen; jener lediglich, um
sein Blatt beim Publicum, dieser, um sich beim Redacteur, der allein ihn
kennt, in Respect zu erhalten. »Ei, die verstehns; die wissen recht
einem jeden eins zu versetzen,« soll der Lesepöbel denken.
[Fußnote 22: Der Verfasser kann zwar nicht ganz in der beschriebenen,
aber doch in einer ähnlichen Weise aus eigener Erfahrung sprechen.
Nachdem er ein -- von ihm selbst schon damals dafür erkanntes --
schlechtes Buch geschrieben hatte, dafür in einer berühmten Zeitung
mächtig gelobt, und gleich darauf zur Mitarbeit an dieser Zeitung
eingeladen wurde -- ei, dachte er, gehört dazu nichts weiter? und hatte
einige Freude, und wurde auch wirklich, so lange er selbst in seiner
Wissenschaft noch keinen festen Standpunct hatte, zum Ritter an ein paar
jungen Schriftstellern, die noch weniger feststanden als er selbst.
Seitdem er diesen Standpunct gefunden und bessere Schriften schreiben zu
können glaubte, hat er jene Mitgliedschaft aufgegeben. Er kann nicht
dafür stehen, dass er nicht einst, wenn er etwa durch Altersschwäche
herunterkommen sollte, wieder zu derselben greifen werde, und will für
diesen Fall jener berühmten Zeitung, und ihrem berühmten Redacteur,
welche ohne Zweifel dann noch fortdauern werden, sich hiermit schon im
voraus zu gutem Andenken und zu brüderlicher Schonung empfohlen haben.
--]
Welch ein abenteuerliches System von Begriffen und Meinungen, das aus
dieser Einrichtung hervorgegangen ist! Zuvörderst der Begriff einer
^Kritik^, die ausserhalb der Meister und der Meisterschaft und von ihnen
abgesondert wohnen soll! Eine Partei, die die Werke liefert, ohne
Kritik; eine andere Partei, die die Kritik besitzt, und sie über die
Werke anderer hingiesst, ohne selbst Werke hervorzubringen. Dann der
Begriff von einer ^Urtheilsfreiheit der Gelehrten^: d. h. dass es jedem,
der einige Perioden deutsch zu schreiben vermag, erlaubt seyn müsse,
über alles Geschriebene in den Tag hineinzuschreiben, ob er davon etwas
gelernt habe, oder nicht, und dass über sein Geschwätz kein anderer
lachen dürfe. Dann die Meinung, dass jedes erscheinende Buch ein ^corpus
delicti^ sey, das sogleich vor den Richterstuhl gezogen werden müsse;
dass die Bücher eigentlich nur darum geschrieben würden, um recensirt zu
werden; und dass die Recensenten weit vornehmere Wesen seyen, als die
Schriftsteller; dass nur schlechte Schriftsteller sich gegen die --
Kritik, verstehe die Recensenten, auflehnen, gute aber sich ihr demüthig
unterwerfen und sich bessern. -- Armes Publicum, dass du dir dergleichen
Dinge aufbinden lassen! Wisse, dass jedes Werk, das da werth war zu
erscheinen, sogleich bei seiner Erscheinung gar keinen Richter finden
kann; es soll sich erst sein Publicum erziehen, und einen Richterstuhl
für sich bilden; es ist eine Lection an dich, gutes Publicum, und kein
^corpus delicti^. Spinoza hat über ein Jahrhundert gelegen, ehe ein
treffendes Wort über ihn gesagt wurde; über Leibnitz ist vielleicht das
erste treffende Wort noch zu erwarten, über Kant ganz gewiss. Findet ein
Buch sogleich bei seiner Erscheinung seinen competenten Richter, so ist
dies der treffendste Beweis, dass dieses Buch ebensowohl auch
ungeschrieben hätte bleiben können.
So mit den ^allgemeinen^ Recensionsanstalten, die auf Universalität der
Wissenschaft und auf Mitarbeiter aus allen Provinzen des deutschen
Vaterlandes Anspruch machen. Ein wenig unschuldiger sind die kleinen
Particular-Recensionsfabriken. Mit diesen will man entweder den Ort, wo
sie erscheinen, ehren, und beweisen, dass derselbe auch Gelehrte habe,
die ein Wort mitsprechen können. Unseres Erachtens ein sehr mislicher
Beweis; es wäre dem Orte mehr Ehre, er hätte viele Gelehrte, die etwas
besseres zu thun hätten, als zu recensiren. Oder dergleichen kleine
Zeitungen enthalten die Ausreden der vornehmen Herren Professoren an die
gelehrten Mitbürger, denen durch alle Mühe, die man sich darum giebt,
doch das Lesen auswärtiger Schriftsteller sich nicht ganz verkümmern
lässt, warum sie von ihren Kathedern herab nicht ebenso belehrt werden,
als es in dieser eingeführten literarischen Contrebande geschieht; auch
kräftige Anpreisungen der eigenen Producte dieser vornehmen Professoren.
Solche Recensionen zeichnen sich durch die Formeln aus: »Rec. trug dies
immer so vor;« oder: »was der Verfasser da sagt, ist zwar wahr, doch
aber sind wir auch der Ueberzeugung, dass auch die entgegengesetzte
Ansicht, welche der Rec. immer gegeben hat, richtig ist;« oder: »wie
kann der Mann nur das rühmen, wovon wir immer gesagt haben, dass es
nichts tauge; so er etwas rühmen will, so rühme er unsere Apodiktik.«
Das unsterbliche Muster in dieser Art werden immer die Gelehrtenanzeigen
der Göttingischen Universität bleiben, deren Lehrer sehr oft mit
auswärtigen Schriftstellern in Collision kommen mögen. Sie sind
lediglich auf die gelehrten Mitbürger berechnet; und wer sie für mehr
hält, auf dessen Kopf falle der Schade!
Aber es ist doch so bequem für das grössere Publicum, und selbst für die
wirklichen Gelehrten, beim Durchblättern einer einzigen Zeitschrift zu
erfahren, was in jedem Fache Neues erschienen, welches der Inhalt
desselben sey, und nun zu beurtheilen, ob sie das Buch sich selbst
anzuschaffen haben, oder ob sie es entbehren können. --
Ohne Zweifel; und dieser Vortheil soll beibehalten werden; nur die
unbefugte Richterei und Urtheilerei soll wegfallen.
Wie man Petersilie, Pilze und Bücklinge auf den Strassen ausruft, ebenso
sollen auch die Bücher ausgerufen werden; nicht durch die ersten
Erzeuger, wie sich versteht, sondern durch die Verkäufer, die
Buchhändler. Das Verfahren hierbei ist durch die Natur der Sache
bestimmt und ist sehr einfach. Vereinigen sich die deutschen
Buchhändler, und übertragen einem aus ihrer Mitte, ebenso wie sie
ehemals der Weidmannschen Buchhandlung die Herausgabe des Messkatalogs
überliessen, die Herausgabe eines ausführlichen Messkatalogs; -- oder
sey dabei auch durchaus freie Concurrenz. Dieser Messkatalog enthalte
den Titel des Buches, die Verlagshandlung, den Ladenpreis, einen
verhältnissmässigen Auszug des Inhalts, -- wo es hingehört, Proben der
Schreibart. Um dergleichen Anzeigen zu verfertigen, bedarf es nur
einiger Commis, die da lesen können und schreiben, höchstens auf einer
lateinischen Schule bis in Secunda gekommen sind. Man hat ja überdies in
einer jeden wohl eingerichteten Druckerei einen Corrector, der ein
Literatus ist; dieser sey der Redacteur des Blattes; ihm gebe man mit
dem Correcturbogen zugleich das angezeigte Buch mit ein, damit er
urtheilen könne, ob der Auszug richtig und zweckmässig ist. Es mag ihm
auch verstattet werden, sich als Herausgeber auf dem Titelblatte zu
nennen. --
Alles eigenen Urtheils enthalten diese Commis und dieser Corrector sich
gänzlich; oder wollen sie ja etwas von ihrem Eigenen hinzuthun, so loben
sie ^alle^ Bücher, die sie anzeigen, aus gleich vollen Backen. Sie
schreiben im Namen der sämmtlichen Verleger, und es ist sehr natürlich
und sehr unschuldig, dass ein Verkäufer seine Waare lobt. Wer dadurch
getäuscht wird, der schreibe es lediglich seiner eigenen Unerfahrenheit
zu. Mehrere Buchhändler, welche die Fertigkeiten der beschriebenen
Commis in sich vereinigen, haben dies schon recht gut angefangen, und es
könnte den Verfassern solcher Anzeigen, wie wir sie meinen, keinesweges
an Mustern fehlen.
^Zweitens^ habe ich gesagt, die allgemeine deutsche Bibliothek sey
verderblich geworden -- durch die Art ihrer Ausführung. Jene Bibliothek
wurde nemlich, wie wir jedem, der nicht selbst zu den Seichten gehört,
zu finden anmuthen -- sie wurde der Mittelpunct der Seichtigkeit, der
Popularität, des leeren Geschwätzes. Eine Philosophie, die hinüber und
herüberschwatzte, ohne Regel und feste Bahn, eine Theologie, deren
Hauptzweck war, die Bibel so vernünftig zu machen, als diese seichten
philosophischen Schwätzer selbst waren, eine Kunstkritik, die auf nichts
sah, als auf die Wahrscheinlichkeit der Fabel, und die moralische
Erbaulichkeit, eine Gelehrsamkeit, die im Zusammenschleppen seltener
Raritäten auf einen confusen Haufen bestand, eine flache breite
Schreiberei: dies war von jeher der Geist dieses Werkes. Dieser Geist
hat der Cultur der Wissenschaften in unserem Vaterlande unendlich
geschadet; er lebt noch und fährt noch fort zu schaden. -- Man irrt sich
sehr über den eigentlichen Zweck derer, die Nicolai und seinem Anhange
so sehr zuwider sind. Sie wollen nicht gerade diese oder jene
Philosophie herrschend machen. Nur den Geist der Seichtigkeit und
Popularität möchten sie durch den Geist wahrer Gründlichkeit und
Wissenschaftlichkeit verdrängen; -- durch den Geist, der durch die
Lessinge, die Jacobi, die Kante, aus der besseren alten Welt durch die
Zeit der Ueberschwemmung hindurch in die neue Welt herüber gerettet
worden. Sodann mag auch über Philosophie, Aesthetik, Naturlehre etwas
ausgemacht werden.
Dass, wie ich ^drittens^ gesagt habe, dieses Unternehmen der Bibliothek
keinem verderblicher gewesen, als dem Urheber selbst, ist in dieser
Schrift zur Genüge erwiesen.
Vierte Beilage.
(Zum neunten Capitel.)
Das im Texte erwähnte Geschwätz über Katholicismus und
Kryptokatholicismus ist ein trauriger Beweis, was dem guten deutschen
Volke jeder Schwätzer anmuthen kann, wenn er nur kräftig schreit. Möchte
es doch auch ein abschreckender Beweis für die Zukunft seyn!
Nicolai war und ist eigentlich seines Zeichens ein ausgemachter Berliner
^Badaud^, so sehr er sich auch für einen Weltkenner hält. Es gehört eben
mit zum Charakter eines ^Badaud^, dass er sich für einen Weltkenner
halte. Ein ^Berliner Badaud^, habe ich gesagt; nicht, als ob man nicht
ebensowohl ein Wiener, oder Pariser, oder auch ein Golitzer und
Kohlgartenscher ^Badaud^ seyn könnte, oder als ob die Berliner mehr Hang
hätten, es zu seyn, als die Bewohner anderer grossen Städte, sondern
weil ^der Badaud^, von welchem ich hier rede, nun einmal aus Berlin ist.
Ein ^Badaud^ ist nemlich ein Mensch, der, um ganz populär davon zu
sprechen, nie hinter seinem Backofen hervorgekommen ist, daher sich
einbildet, es müsse allenthalben in der Welt so aussehen, wie hinter
seinem Backofen, und, wenn er doch einmal hervorkommt, alles, was er
erblickt, maulaufsperrend bewundert. Mein Dictionnäre übersetzt dieses
Wort durch ^Maulaffe^. Nicolai's ganze Reise ist die Reise eines solchen
Maulaffen. Alles, von den heiligen Bildern an bis zu den geflochtenen
Zöpfen der Tübinger Mädchen begafft er voll Verwunderung. Und lediglich
aus dieser bewundernden Gafferei des Berliner ^Badaud^ entstand das
Geschrei über Katholicismus, und hinterher, da seine Bibliothek
angefochten wurde, über Kryptokatholicismus.
Was hat man denn durch alles dieses Geschrei der Welt entdeckt, das
nicht jeder, der weitergekommen als Nicolai, oder der auch nur die
Geschichte und einige Reisebeschreibungen gelesen, oder einige Fremde
gesprochen, schon vorher auch gewusst hätte? »Es sey mit der Aufklärung
(es war immer nur von der Nicolaischen negativen Aufklärung, der
Befreiung von diesem oder jenem Aberglauben, die Rede) der Katholiken
noch gar nicht so weit gekommen, als etwa gutmüthige Protestanten
glauben dürften.« Ei, wer waren denn diese gutmüthigen Protestanten?
Doch wohl nur Nicolai und seine Bibliothekare, welche ^ihr^ Licht in
jene Länder verbreitet zu haben hofften. »Es werde in den katholischen
Ländern durch die Mönche noch immer der alte Aberglauben
aufrechterhalten, auch wohl noch neuer hinzugebracht.« Wer hatte es denn
je anders gewusst oder gesagt? »Der Papst nehme seine Behauptungen in
der Regel nie zurück; er rechne auch die protestantischen Länder
gewissermaassen noch immer unter seinen Sprengel, und suche sie
besonders durch Bekehrungen in den deutschen fürstlichen Familien in den
Schooss der Kirche zurückzuführen.« Wer hat denn die Geschichte gelesen
und dies nicht gewusst; wer hat aber auch nicht gewusst, dass in Absicht
der Unterthanen dies nichts fruchtet, und sie sich ihre
Religionsprivilegien nur noch fester versichern lassen? Woher denn nun
jetzt auf einmal der Lärm, nachdem Friedrich Nicolai auf Reisen ging?
War denn alles dies etwas Neues, erst jetzt Entdecktes? Ich könnte nicht
sagen; ausser etwa für Nicolai und seines Gleichen. Oder wurden etwa
jetzt jene Bemühungen kräftiger und glücklicher? Keinesweges, vielmehr
geschah ihnen gerade in diesem Zeitpuncte durch die Unternehmungen
Kaiser Josephs des Zweiten grosser Abbruch.
Ja; aber die eifrige Verbreitung der geheimen Orden, die Ceremonien in
denselben, das Räuchern, Salben, Händeauflegen! Sind dies nicht offenbar
katholische Ceremonien? Sieht man da nicht -- so nemlich connectirt
Nicolai -- offenbar die Tendenz der Katholiken, die Protestanten an ihre
kirchlichen Gebräuche zu gewöhnen, und dadurch u. s. w.? -- Jedes
Zeitalter hat sein besonderes Steckenpferd. Das des abgelaufenen
Jahrhunderts waren geheime Ordensverbindungen. Es ist aus tausend
Gründen begreiflich, dass höhere Grade entstanden, und dass diese durch
besondere Ceremonien ausgezeichnet wurden. Warum sollen diese Ceremonien
denn gerade katholisch seyn; warum nicht ebensowohl jüdisch und
heidnisch? denn von daher sind sie erst in die christliche Kirche
gekommen. Kurz, sie sind aus dem Alterthume. -- Hätte Nicolai diesen
Lärm erhoben, als der Baron Hund, der in Frankreich wirklich katholisch
geworden, sein Tempelherrnsystem einführte, als Stark mit seinem
allerdings sonderbaren Klerikate auftrat, so hätte die Sache einigen
Anschein für sich gehabt. Aber zu ^der^ Zeit ihn zu erheben, da er ihn
erhob, so lange nach dem Mittagsessen mit seinem Senfe zu kommen! Zeige
er doch aus diesen Zeiten Ein Beispiel, dass jemand in geheimen Orden
zur katholischen Religion gebracht worden!
Nicolai ist zwar stets bereit, jedem Gelehrten, der ihm in dieser Sache
widerspricht, zu antworten: auf der Studirstube freilich erfahre man so
etwas nicht, und durch Schlüsse ^a priori^ lasse es sich nicht
herausbringen: das erführen nur Weltleute seiner Art; denn für einen
solchen hält er sich, weil er über Wien und München nach Zürich gereist,
und mit dem Minister von Wöllner Schach gespielt. Der Verfasser dieses
hat über acht Jahre in Ländern, wo Protestanten und Katholiken vermischt
sind, gelebt, und ist in ihnen gereist: in der Lausitz, im südlichen
Deutschlande, in der Schweiz, in Polen, in Westpreussen. Er ist diese
Länder nicht durchflogen, um sie in der Eile zu beschreiben, zu lauern
und, wie es Leuten dieser Art geht, zu sehen und sich aufbinden zu
lassen, was man gern sehen und hören will; er hat in ihnen gelebt,
Geschäfte gehabt, und selbst mitgehandelt, wo man ohne Zweifel besser
sieht, als wenn man nur durchreiset; hat Umgang gehabt mit Leuten von
allerlei Confessionen und Meinungen, und glaubt seine Augen eben auch
offen gehabt zu haben, ob er gleich keine seiner Beobachtungen so neu
und so interessant gefunden, um sie dem Publicum vorzulegen. Das
Sichtbare, was Nicolai gesehen, hat er eben auch gesehen; aber er hat
keine Veranlassung gefunden, darauf die Schlüsse zu bauen, die Nicolai
aufbaut. Ebenso ist er mit dem Innern der geheimen Orden vielleicht so
gut bekannt, als Nicolai, vielleicht besser. Er würde nie darauf
gefallen seyn, ihnen die Wichtigkeit und die Tendenz zuzuschreiben, die
Nicolai ihnen zuschreibt.
Halte doch Nicolai sich nicht so sehr auf über den Abt Barruel! Die
Jacobinerriecherei ist das ächte Gegenstück zur Jesuitenriecherei, und
Barruel ist in der erstern ganz dasselbe, was Nicolai in der zweiten
war.
Fünfte Beilage.
(Zum neunten Capitel.)
Die A. d. B. war allerdings ein der Religiosität der Nation höchst
schädliches Unternehmen. Religiosität ist Tiefe des Sinns, und geht aus
ihr hervor; die ganze Tendenz jenes Unternehmens geht auf
Oberflächlichkeit; Religion deutet auf das übersinnliche höhere Leben;
der ganze Zweck jenes Unternehmens ist unmittelbare Brauchbarkeit und
Nützlichkeit für das Gröbste dieses Lebens. Die von dieser Clique haben
die Religionsaufklärung und einen Volkslehrer sattsam gelobt, wenn sie
erzählt haben, dass die Bauern weniger Processe führen, sich seltener
betrinken, und die Stallfütterung eingeführt haben.
Doch was soll ich hier noch viel Worte über diesen Gegenstand machen?
Jene ^Appellation an das Publicum^ etc., die Nicolai auch so zuwider
ist, und von der er glaubt, dass sie nur im Zorne geschrieben seyn könne
(der arme Mann!), redet, indem sie von wahren Gottesläugnern,
Götzendienern, Dienern eines bösen Weltgeistes spricht, ganz eigentlich
von Nicolai und denen, die ihm gleichen. Wem diese nicht bewiesen hat,
was hier zu beweisen wäre, für den ist jeder andere Beweis verloren.
Noch eine Beilage
oder
Dreizehntes Capitel.
Von den letzten Thaten, dem Tode und der wunderbaren
Wiederbelebung unsers Helden.
Die Betriebsamkeit gewisser Buchhändler ging in jenen Tagen so weit,
dass sie, nachdem beim Nachdrucken nicht genug mehr zu gewinnen war, die
Kunst erfanden, Vordrucke zu veranstalten. Auf diese Weise erschien noch
bei Nicolai's Lebzeiten ein unrechtmässiger Vordruck der gegenwärtigen
Lebensbeschreibung unsers Helden, die wir jetzt in der ersten, einzig
rechtmässigen Ausgabe den rechtlichen und gewissenhaften Lesern
mitgetheilt haben.
Nicolai verwendete gegen diese also erschienene Lebensbeschreibung seine
ganze polemische Taktik. Zuerst versuchte er, dieselbe zu ignoriren, und
an der Erziehung Fichte's und seiner Genossen so unbefangen, wie bisher,
fortzuarbeiten. Als dieses sich nicht thun liess, griff er zum Fache des
Erhabenen, verbreitete selbst die Schrift durch seinen Buchhandel,
erklärte öffentlich, dass der Spass so übel nicht sey, und dass er
selbst bei mehreren Stellen gelacht habe; -- nur hätte, fügte er hinzu,
der Autor sich kürzer fassen sollen. Hierauf begab er sich mitten in das
Gründliche und Ausführliche hinein; erzählte, zur Widerlegung des
Vorgebens, dass er nie eines gelehrten Unterrichts genossen, seine ganze
Jugendgeschichte, wie er erst die Buchstaben kennen gelernt, darauf
buchstabiren, dann lesen, sodann schreiben; wiederholte alle Lectionen,
die er von Jugend auf erhalten, vollständig, legte zum Beweise seiner
Wahrhaftigkeit seine Schreibebücher, in einem saubern Holzschnitte
nachgestochen, und abgedruckt, und alle seine ^exercitia stili^ bei.
Dies gab 4 Alphabete; Format und Druck, wie in den Beilagen zu seinen
Reisen. Er setzte hierauf sein wahres Verhältniss mit Lessing durch
ausführlichere und deutlichere Noten zu dem schon gedruckten
Briefwechsel, und durch die Erzählung aller »Discurse,« die er in seinem
Leben mit jenem geführt, auseinander; ebenso bewies er durch die
vollständige und ausführliche Aufführung aller Discurse, die er mit
Moses Mendelssohn geführt, dass derselbe keinesweges ein Mann von
eingeschränkten Begriffen und Zwecken gewesen. Dies gab abermals 4
Alphabete, in besagtem Format und Druck. Er erzählte ferner alle die
Gedanken, die er so bei sich geführt, als er mit der Stiftung der
allgemeinen deutschen Bibliothek umgegangen; erzählte die pragmatische
Geschichte jeder in dieser Bibliothek befindlichen Recension, so wie
jeder seiner eignen Schriften; brachte, um zu beweisen, wie er ehedessen
geschätzt worden sey, alle Briefe der Gelehrten an ihn bei;
bewies nochmals, noch einleuchtender als ehemals, die für den
Kryptokatholicismus beigebrachten Facta; zählte, um zu zeigen, dass er
kein Badaud und Tölpel, sondern ein Mann von Welt und Lebensart sey,
alle königliche und fürstliche Personen, Minister, Generale, Gesandte u.
s. w. auf, die er in seinem Leben gesehen, und mit ihnen gesprochen,
erzählte, was er mit ihnen gesprochen, bei ihnen gegessen und getrunken,
welche witzige Einfälle er gehabt, legte alle die Schachpartien vor, die
er in seinem Leben mit hohen Personen gespielt: -- und wir müssten die
Geduld haben, die er hatte, oder die Inhaltsanzeige seines Werks
nachdrucken lassen, um vollständig zu verzeichnen, was er alles
beibrachte. Das Ganze belief sich auf 16 Alphabete, in besagtem Format
und Druck, und war um einen äusserst civilen Preis in seiner Handlung zu
haben. Kein Mensch las oder kaufte diese 16 Alphabete.
Unser Held stutzte; aber bescheiden, wie er immer gewesen, sahe er bald
ein, wo der Fehler läge, und war aufrichtig genug gegen sich selbst,
sich denselben zu gestehen. Er fand, dass er noch nicht deutlich,
ausführlich, kräftig, lebhaft und witzig genug geschrieben habe. Er
verfasste daher 32 Alphabete in demselben Format, um auf die ersten 16
aufmerksam zu machen; erläuterte, ergänzte, verstärkte, und brachte noch
weit mehr Spässe an. Diese 32 Alphabete waren um einen noch civilern
Preis in seiner Buchhandlung zu haben; aber kein Mensch kaufte oder las
diese 32 Alphabete, ebensowenig, als die sechszehn.
»^Noch^ nicht deutlich genug! sagte er bei sich selbst. Das sind die
fatalen Geschäfte, die einem alle Zeit rauben. Aber ich will mich
endlich frei machen.« So übergab er seine Handlung und die Redaction
seiner geliebten allgemeinen Bibliothek in treue Verwaltung, zog auf das
Land, schloss sich ein, und dictirte unablässig Tag und Nacht fort einem
Dutzend Schreibern. Aber auch die nunmehrige Deutlichkeit und
Vollständigkeit genügte ihm nicht, und sein Stündlein überfiel ihn, ehe
er vollendet hatte und mit sich selbst zufrieden war.[23]
Sein alter Freund hatte die Besorgung der Verlassenschaft übernommen.
Gern hätte er den schriftstellerischen Nachlass des Vollendeten durch
den Druck der Welt mitgetheilt; aber es fand sich, dass das Unternehmen
einiger Tausende von starken Bänden die Kräfte des Zeitalters
übersteige, er beschloss daher auf einem ganz andern Wege diesen
kostbaren Nachlass aufzulösen, den Geist desselben zu entbinden und in
das Universum hineinströmen zu lassen.
[Fußnote 23: Es findet sich hier ein Dissensus der Geschichtschreiber.
Einige sagen, dass auch das gegenwärtige dreizehnte Capitel in dem
erwähnten diebischen Vordrucke mit abgedruckt gewesen, Nicolai daher
unmöglich habe thun können, wovon ihm vorhergesagt worden, dass er es
thun werde. Er habe bloss kurz gesagt: der zukünftige Verfasser dieser
vorgedruckten Schrift müsse sehr eitel und einbildisch seyn, um zu
glauben, dass man gegen seine leidenschaftliche und schmutzige Broschüre
sich ernsthaft vertheidigen werde; so etwas übergehe ein Ehrenmann, wie
er sey, mit stillschweigender Verachtung. -- Die 48 Alphabete, das
unablässige Dictiren und der Tod, welches alles an sich wohl guten Grund
habe, habe sich auf eine andere Veranlassung begeben. Ein anderer Theil
der Geschichtschreiber berichtet, dass entweder das gegenwärtige
dreizehnte Capitel nicht mit vorgedruckt worden, oder dass Nicolai doch
gethan, was er nicht lassen können, unerachtet man es ihm vorausgesagt,
und dass alles sich durchaus so zugetragen habe, wie wir es oben
erzählen. Hieraus ersieht sonach der geliebte Leser, dass das letztere
die allein wahre und richtige Meinung ist; und wir wollen keinem rathen,
das Gegentheil anzunehmen, widrigenfalls es ihm in der nächsten
Recension, die wir verfertigen, übel ergehen soll.
Der erste einzig wahre Verfasser dieser Lebensbeschreibung
im Jahre 1840 -- zugleich Recensent an der
weltberühmten allgemeinen Literaturzeitung.]
Es wurde auf seinen Befehl unter freiem Himmel folgendes Denkmal
errichtet. Man gab den hinterlassenen Handschriften die Form eines
ruhenden Kolossen, dessen äussere Gestalt und Bildung dem Seligen so
nahe kam, als möglich. Zur Unterlage diente ihm die allgemeine deutsche
Bibliothek, zum Kopfkissen die alte und neue Berliner Monatsschrift, die
Backenseiten waren durch die neuern Hefte der Jenaischen
Literaturzeitung unterstützt. Der alte Freund hatte von allen Parteien
einige zur Einweihung des Denkmals eingeladen, damit sie unter der
Beschattung desselben sich brüderlich vereinigen möchten. Da standen,
durch das gemeinschaftliche Leid endlich verträglich gemacht, und
insgesammt Ein Herz und Eine Seele, Reinhard und Zöllner, Gedike, die
beiden Schlegel, Biester, Tieck, Jacobi, der Hofrath Schütz, Reinhold,
die Jesuiten, die Bibliothekare, und die Grossen alle.
Durch eine wunderbare Fügung hatten Fichte und Schelling, die unter den
Eingeladenen sich befanden, und mit den Rücken an das papierne Denkmal
sich angelehnt hatten, sich gerade,[24] »jener mit Hasenbraten, dieser
mit einer wilden Schweinskeule ^allzuvoll gestopft^, -- wie denn dies
dem ernsthaftesten Philosophen unvermerkt begegnen kann -- und der eine
konnte nun schlechterdings nicht, er mochte sich anstrengen, wie er
wollte, an der Bestimmung des Menschen, noch der andere an der Deduction
der Kategorien der Physik weiter fortarbeiten, sondern sie mussten
endlich die Feder wegwerfen und zum Rhabarber greifen.« -- -- -- --
[Fußnote 24: Das Folgende sind Herrn Nicolai's eigne Worte, S. 174. f.
der angeführten Anzeige; und selbst diese Citation geschieht in
Nicolai's eignen Worten.]
* * * * *
O, nie genug zu beweinender Schade! Gerade von dieser Stelle an, wo man
nun das Interessanteste erwartet, ist unsre Handschrift so zerfressen,
dass wir mit aller Conjecturalkritik keinen Sinn herausbringen können,
und uns durchaus ausser Stand befinden, anzugeben, was es mit der in der
Aufschrift gemeldeten Wiederbelebung unsers Helden für eine Bewandtniss
gehabt, durch welches wunderbare Mittel sie erfolgt, und ob es der
eigentliche wahre fleischliche Leib desselben, oder der beschriebne
papierne gewesen, in welchen die Seele zurückgekehrt. So viel wird uns
aus einigen übriggebliebenen Sylben wahrscheinlich, dass alle die
genannten, und noch mehrere an dem Wunder Antheil gehabt; und nach
manchen ganz unleserlichen Seiten bringen wir gegen das Ende der Schrift
noch folgendes heraus:
-- »vordere Mund, den der Freund so inbrünstig küsste. -- Indessen
dehnten und reckten sich die zwei fest umschlungenen Heroen aus über das
ganze Land, die Umrisse ihrer Glieder verschwanden, so wie sie selbst,
und es blieb an ihrer Stelle nur eine lieblich dämmernde Aufklärung
übrig. Alle Umste« -- --
Von da an ist das Manuscript wieder völlig zerfressen und unleserlich.
Es wäre gewiss eine interessante Untersuchung anzustellen, wie dieses
kostbare Ueberbleibsel des Alterthums in einen solchen Zustand gekommen,
und wir muntern alle unsere jungen Kritikbeflissenen auf, an dieser
Untersuchung ihre Kräfte zu üben. Zwar behauptet ein grosser Gelehrter,
dessen wir mit hoher Ehrerbietung erwähnen, dass diese Handschrift von
den berühmten Blutigeln, welche Friedrich Nicolai von aller
Geisteserscheinung auf immer geheilt, so zerfressen worden: eine höchst
scharfsinnige Muthmaassung. Jederman aber sieht ein, dass dieselbe
ungereimt ist; denn die Blutigel fressen kein Papier.
Indessen gebe ich dem Leser mein Wort, dass ich dieses Capitel aus
Handschriften sicher wiederherstellen, und es zu seiner Zeit durch den
Druck bekannt machen werde. Ich schlage dafür den Weg der Pränumeration
ein. Liebhaber haben die Güte sich im Comptoir der Allgemeinen
Literaturzeitung zu melden.
Der erste wahre Autor dieser Lebensbeschreibung
im Jahre 1840.
Inhalt
Seite
Einleitung 4
Erstes Capitel. Höchster Grundsatz, von welchem alle 10
Geistesoperationen unsers Helden ausgegangen sind
Zweites Capitel. Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten 11
Grundsatze gekommen seyn möge
Drittes Capitel. Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz 18
im Leben unsers Helden sich geäussert habe
Viertes Capitel. Worauf es, zufolge dieses höchsten 21
Grundsatzes, unserm Helden bei allen seinen Disputen
angekommen sey
Fünftes Capitel. Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus 23
diesem höchsten Grundsatze
Sechstes Capitel. Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers 26
Helden, zufolge jenes höchsten Grundsatzes
Siebentes Capitel. Eine andere fast noch unglaublichere 32
Meinung unsers Helden von sich selbst, zufolge jenes
höchsten Grundsatzes
Achtes Capitel. Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine 36
und seiner Gegner gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten
Grundsatze
Neuntes Capitel. Wie unser Held, zufolge seines höchsten 40
Grundsatzes, sich zu nehmen gepflegt, wenn derselbe
angefochten worden
Zehntes Capitel. Ein Grundzug des Geistescharakters unsers 49
Helden, der aus jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte
Eilftes Capitel. Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem 51
ersten Grundzuge und höchsten Grundsatze unsers Helden
erfolgt sind
Zwölftes Capitel. Wie es zugegangen, dass unser Held unter 59
allen diesen Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein
Zeitalter gehabt
Beilagen 61
Deducirter Plan
einer
zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt.
Geschrieben im Jahre 1807
von
Johann Gottlieb Fichte.
Erste Ausgabe: Stuttgart und Tübingen, in der Cottaschen
Buchhandlung. 1817.
Deducirter Plan
einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt, die in
gehöriger Verbindung mit einer Akademie der Wissenschaften
stehe.
Erster Abschnitt.
Begriff einer durch die Zeitbedürfnisse geforderten höheren
Lehranstalt überhaupt.
§. 1.
Als die Universitäten zuerst entstanden, war das wissenschaftliche
Gebäude der neueren Welt grossentheils noch erst zu errichten. ^Bücher^
gab es überhaupt nicht viel; die ^wenigen^, die es gab, waren selten,
und schwer zu erhalten; und wer etwas Neues mitzutheilen hatte, kam
zunächst in Versuchung, es auf dem schwierigeren Wege der
Schriftstellerei zu thun. So wurde die ^mündliche Fortpflanzung^ das
allgemein brauchbarste Mittel zu der Erbauung, der Aufrechterhaltung und
der Bereicherung des wissenschaftlichen Gebäudes, und die Universitäten
wurden der Ersatz der nicht vorhandenen oder seltenen Bücher.
§. 2.
Auch nachdem durch Erfindung der Buchdruckerkunst die Bücher höchst
gemein worden, und die Ausbreitung des Buchhandels jedwedem es sogar
weit leichter gemacht hat, durch Schriften sich mitzutheilen, als durch
mündliche Lehrvorträge; nachdem es keinen Zweig der Wissenschaft mehr
giebt, über welchen nicht sogar ein Ueberfluss von Büchern vorhanden
sey, hält man dennoch noch immer sich für verbunden, durch Universitäten
dieses gesammte Buchwesen der Welt ^noch einmal zu setzen^, und
ebendasselbe, was schon ^gedruckt^ vor jedermans Augen liegt, auch noch
durch Professoren ^recitiren^ zu lassen. Da auf diese Weise dasselbe
Eine in zwei verschiedenen Formen vorhanden ist, so ermangelt die
Trägheit nicht, sowohl den ^mündlichen^ Unterricht zu versäumen, indem
sie ja dasselbe irgend einmal auch aus dem Buche werde lernen können,
als den durch ^Bücher^ zu vernachlässigen, indem sie dasselbige ja auch
^hören^ könne, wodurch es denn dahin gekommen, dass, wenige Ausnahmen
abgerechnet, gar nichts mehr gelernt worden, als was durch das Ohngefähr
auf einem der beiden Wege an uns hängen geblieben, sonach überhaupt
nichts im Ganzen, sondern nur abgerissene Bruchstücke; zuletzt hat es
sich zugetragen, dass die Wissenschaft, -- als etwas nach Belieben
immerfort auf die leichteste Weise an sich zu bringendes, bei der Menge
der Halbgelehrten, die auf diese Weise entstanden, in tiefe Verachtung
gerathen. Nun ist von den genannten zwei Mitteln der Belehrung das
eigene Studiren der Bücher sogar das vorzüglichere, indem das Buch der
frei zu richtenden Aufmerksamkeit Stand hält, und das, wobei diese sich
zerstreute, noch einmal ^gelesen^, das aber, was man nicht sogleich
versteht, bis zum erfolgten Verständnisse hin und her überlegt werden,
auch die Lectüre nach Belieben fortgesetzt werden kann, so lange man
Kraft fühlt, oder abgebrochen werden, wo diese uns verlässt; dagegen in
der Regel der Professor seine Stunde lang seinen Spruch fortredet, ohne
zu achten, ob irgend jemand ihm folge, ihn abbricht, da wo die Stunde
schlägt, und ihn nicht eher wieder anknüpft, als bis abermals seine
Stunde geschlagen. Es wird durch diese Lage des Schülers, in der es ihm
unmöglich ist, in den Fluss der Rede seines Lehrers auf irgend eine
Weise einzugreifen und ihn nach seinem Bedürfnisse zum Stehen zu
bringen, das leidende Hingeben als Regel eingeführt, der Trieb der
eigenen Thätigkeit vernichtet, und so dem Jünglinge sogar die
Möglichkeit genommen, des zweiten Mittels der Belehrung, der Bücher, mit
freithätiger Aufmerksamkeit sich zu bedienen. Und so sind wir denn, um
von der Kostspieligkeit dieser Einrichtung für das gemeine und das
Privatwesen, und von der dadurch bewirkten Verwilderung der Sitten hier
zu schweigen, durch die Beibehaltung des ^Nothmittels^, nachdem die Noth
längst aufgehoben, auch noch für den Gebrauch des ^wahren und besseren
Mittels^ verdorben worden.
§. 3.
Um nicht ungerecht, zugleich auch oberflächlich zu seyn, müssen wir
jedoch hinzusetzen, dass die neueren Universitäten ^mehr^ oder ^weniger^
ausser dieser blossen ^Wiederholung^ des vorhandenen Buchinhalts noch
einen anderen edleren Bestandtheil gehabt haben, nemlich das Princip der
Verbesserung dieses Buchinhalts. Es gab selbstthätige Geister, welche in
irgend einem Fache des Wissens durch den ihnen wohlbekannten
Bücherinhalt nicht befriedigt wurden, ohne doch das Befriedigende hierin
sogleich bei der Hand zu haben, und es in einem neuen und besseren
Buche, als die bisherigen waren, niederlegen zu können. Diese theilten
ihr Ringen nach dem Vollkommneren vorläufig mündlich mit, um entweder in
dieser Wechselwirkung mit anderen in sich selber bis zu dem
beabsichtigten Buche klar zu werden, oder, falls auch sie selbst in
diesem Streben von geistiger Kraft oder dem Leben verlassen würden,
Stellvertreter hinter sich zu lassen, welche das beabsichtigte Buch,
oder auch statt desselben, und aus diesen Prämissen, ein noch besseres
hinstellten. Aber selbst in Absicht dieses Bestandtheiles lässt sich
nicht läugnen, dass er von jeher der bei weitem kleinere auf allen
Universitäten gewesen, dass keine Verwaltung ein Mittel in den Händen
gehabt, auch nur überhaupt den Besitz eines solchen Bestandtheiles sich
zu garantiren, oder auch nur deutlich zu wissen, ob sie ihn habe, oder
nicht, und dass selbst dieser kleine Bestandtheil, wenn er durch gutes
Glück irgendwo vorhanden gewesen, selten mit einiger klaren Erkenntniss
seines Strebens und der Regeln, nach denen er zu verfahren hätte,
gewirkt und gewaltet.
§. 4.
Eine solche zunächst überflüssige, sodann in ihren Folgen auch
schädliche Wiederholung desselben, was in einer anderen Form weit besser
da ist, soll nun gar nicht existiren; es müssten daher die
Universitäten, wenn sie nichts Anderes zu seyn vermöchten, sofort
abgeschafft, und die Lehrbedürftigen an das Studium der vorhandenen
Schriften gewiesen werden. Auch könnte es diesen Instituten zu keinem
Schutze gereichen, dass sie den soeben berührten edleren Bestandtheil
für sich anführten, indem in keinem bestimmten Falle (auf keiner
gegebenen Universität) dieser edlere Theil Rechenschaft von sich zu
geben, noch sein Daseyn zu beweisen, noch die Fortdauer desselben zu
garantiren vermag; und sogar, wenn dies nicht so wäre, doch immer der
schlechtere Theil, die blosse Wiederholung des Buchwesens, weggeworfen
werden müsste. Sowie Alles, was auf das Recht der Existenz Anspruch
macht, ^seyn^ und ^leisten^ muss, was ^nichts^ ausser ihm zu seyn und zu
leisten vermag, zugleich sein Beharren in diesem seinem Wesen, und seine
unvergängliche Fortdauer verbürgend: so muss dies auch die Universität,
oder wie wir vorläufig im antiken Sinne des Wortes sagen wollen, die
^Akademie^, oder sie muss vergehen.
§. 5.
Was, im Sinne dieser höheren Anforderung an ihre Existenz, die Akademie
seyn könne, und, falls sie seyn soll, seyn müsse, geht sogleich hervor,
wenn man die Beziehung der Wissenschaft auf das wirkliche Leben
betrachtet.
Man studirt ja nicht, um lebenslänglich und stets dem Examen bereit das
Erlernte in Worten wieder von sich zu geben, sondern um dasselbe auf die
vorkommenden Fälle des Lebens anzuwenden, und so es in ^Werke^ zu
verwandeln; es nicht bloss zu wiederholen, sondern etwas Anderes daraus
und damit zu machen: es ist demnach auch hier letzter Zweck keinesweges
das Wissen, sondern vielmehr die Kunst, das Wissen zu gebrauchen. Nun
setzt diese Kunst der Anwendung der Wissenschaft im Leben noch andere
der Akademie fremde Bestandtheile voraus, Kenntniss des Lebens nemlich
und Uebung der Beurtheilungsfähigkeit der Fälle der Anwendung, und es
ist demnach von ihr zunächst nicht die Rede. Wohl aber gehört hierher
die Frage, auf welche Weise man denn die Wissenschaft selbst so zum
freien und auf unendliche Weise zu gestaltenden Eigenthume und Werkzeuge
erhalte, dass eine fertige Anwendung derselben auf das, freilich auf
anderem Wege zu erkennende, Leben möglich werde?
Offenbar geschieht dies nur dadurch, dass man jene Wissenschaft gleich
anfangs mit klarem und freiem Bewusstseyn erhalte. Man verstehe uns
also. Es macht sich vieles von selbst in unserem Geiste, und legt sich
demselben gleichsam an durch einen blinden und uns selber verborgen
bleibenden Mechanismus. Was also entstanden, ist nicht mit klarem und
freiem Bewusstseyn durchdrungen, es ist auch nicht unser sicheres und
stets wieder herbeizurufendes Eigenthum, sondern es kommt wieder oder
verschwindet nach den Gesetzen desselben verborgenen Mechanismus, nach
welchem es sich erst in uns anlegte. Was wir hingegen mit dem
Bewusstseyn, ^dass^ wir es thätig erlernen, und dem Bewusstseyn der
^Regeln^ dieser erlernenden Thätigkeit, auffassen: das wird, zufolge
dieser eigenen Thätigkeit und des Bewusstseyns ihrer Regeln, ein
eigenthümlicher Bestandtheil unserer Persönlichkeit, und unseres frei
und beliebig zu entwickelnden Lebens.
Die freie Thätigkeit des Auffassens heisst Verstand. Bei dem zuerst
erwähnten mechanischen Erlernen wird der Verstand gar nicht angewendet,
sondern es waltet allein die blinde Natur. Wenn jene Thätigkeit des
Verstandes und die bestimmten Weisen, wie dieselbe verfährt, um etwas
aufzufassen, ^wiederum zu klarem Bewusstseyn erhoben^ werden, so wird
dadurch entstehen eine besonnene Kunst des Verstandesgebrauches im
Erlernen. Eine kunstmässige Entwickelung jenes Bewusstseyns der Weise
des Erlernens -- im Erlernen irgend eines Gegebenen -- würde somit,
unbeschadet des jetzt aufgegebenen Lernens, zunächst nicht auf das
Lernen, sondern auf die Bildung des Vermögens zum Lernen ausgehen.
Unbeschadet des jetzt aufgegebenen Lernens, habe ich gesagt, vielmehr zu
seinem grossen Vortheile; denn man weiss gründlich und unvergesslich nur
das, wovon man weiss, wie man dazu gelangt ist. Sodann wird, indem nicht
bloss das zuerst Gegebene gelernt, sondern an ihm zugleich die Kunst des
Erlernens überhaupt gelernt und geübt wird, die ^Fertigkeit^ entwickelt,
ins Unendliche fort nach Belieben leicht und sicher alles Andere zu
lernen; und es entstehen ^Künstler^ im Lernen. Endlich wird dadurch
alles Erlernte oder zu Erlernende ein sicheres Eigenthum des Menschen,
womit er nach Belieben schalten könne, und es ist somit die erste und
ausschliessende Bedingung des praktischen Kunstgebrauches der
Wissenschaft im Leben herbeigeführt und erfüllet. Eine Anstalt, in
welcher mit Besonnenheit und nach Regeln das beschriebene Bewusstseyn
entwickelt, und die dabei beabsichtigte Kunst geübt würde, wäre, was
folgende Benennung ausspricht: ^eine Schule der Kunst des
wissenschaftlichen Verstandesgebrauches^.
Ohnerachtet auf den bisherigen Universitäten von ohngefähr zuweilen
geistreiche Männer aufgetreten, die im Geiste des obigen Begriffes in
einem besonderen Fache des Wissens Schüler gezogen, so hat doch sehr
viel gefehlt, dass die Realisirung dieses Begriffes im Allgemeinen mit
Sicherheit, Festigkeit und nach unfehlbaren Gesetzen auch nur deutlich
gedacht und vorgeschlagen, geschweige denn, dass sie irgendwo ausgeführt
worden. Dadurch aber ist die Erhaltung und Steigerung der
wissenschaftlichen Bildung im Menschengeschlechte dem guten Glücke und
blinden Zufalle preisgegeben gewesen, aus dessen Händen sie unter die
Aufsicht des klaren Bewusstseyns lediglich durch die Darstellung des
erwähnten Begriffes gebracht werden könnte. Und so ist es die Ausführung
dieses Begriffes, die in Beziehung auf das wissenschaftliche Wesen in
dem Abfluss der Zeit dermalen an der Tagesordnung ist, und die sogar in
ihrer Existenz angegriffene Akademie würde wohlthun, diese Ausführung zu
übernehmen, da das, was sie bis jetzt gewesen, gar nicht länger das
Recht hat, dazuseyn.
§. 6.
Aber sogar dieses Anspruches alleinigen und ausschliessenden Besitz wird
etwas Anderes der Akademie streitig machen, die niedere Gelehrtenschule
nemlich. Diese, vielleicht selbst erst bei dieser Gelegenheit über ihr
wahres Wesen klar geworden, wird anführen, dass sie, bis auf die Zeiten
der neueren verseichtenden Pädagogik, weit besser und vorzüglicher eine
solche Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches gewesen,
denn irgend eine Universität. Somit wird die Akademie zuvörderst mit
dieser niederen Gelehrtenschule eine Grenzberichtigung treffen müssen.
Diese Grenzberichtigung wird ohne Zweifel zur Zufriedenheit beider
Theile dahin zu Stande kommen, dass der niederen Schule die Kunstübung
des allgemeinen Instrumentes aller Verständigung, der Sprache, und von
dem wissenschaftlichen Gebäude das allgemeine Gerüst und Geripp des
vorhandenen Stoffes, ohne Kritik, anheimfalle; dagegen die höhere
Gelehrtenschule die Kunst der Kritik, des Sichtens des Wahren vom
Falschen, des Nützlichen vom Unnützen, und das Unterordnen des minder
Wichtigen unter das Wichtige, zum ausschliessenden Eigenthum
erhalte; somit die erste: Kunstschule des wissenschaftlichen
Verstandesgebrauches, als blossen Auffassungsvermögens oder
Gedächtnisses, die letzte: Kunstschule des Verstandesgebrauches, als
Beurtheilungsvermögens, würde.
§. 7.
Kunstfertigkeit kann nur also gebildet werden, dass der Lehrling nach
einem bestimmten Plane des Lehrers unter desselben Augen selber arbeite,
und die Kunst, in der er Meister werden soll, auf ihren verschiedenen
Stufen von ihren ersten Anfängen an bis zur Meisterschaft, ohne
Ueberspringen regelmässig fortschreitend, ausübe. Bei unserer Aufgabe
ist es die Kunst wissenschaftlichen Verstandesgebrauches, welche geübt
werden soll. Der Lehrer giebt nur den Stoff und regt an die Thätigkeit;
diesen Stoff bearbeite der Lehrling selbst; der Lehrer muss aber in der
Lage bleiben, zusehen zu können, ob und wie der Lehrling diesen Stoff
bearbeite, damit er aus dieser Art der Bearbeitung ermesse, auf welcher
Stufe der Fertigkeit jener stehe, und auf diese den neuen Stoff, den er
geben wird, berechnen könne.
Nicht bloss der Lehrer, sondern auch der Schüler muss fortdauernd sich
äussern und mittheilen, so dass ihr gegenseitiges Lehrverhältniss werde
eine fortlaufende Unterredung, in welcher jedes Wort des Lehrers sey
Beantwortung einer durch das unmittelbar Vorhergegangene aufgeworfenen
Frage des Lehrlings, und Vorlegung einer neuen Frage des Lehrers an
diesen, die er durch seine nächstfolgende Aeusserung beantworte; und so
der Lehrer seine Rede nicht richte an ein ihm völlig unbekanntes
Subject, sondern an ein solches, das sich ihm immerfort bis zur völligen
Durchschauung enthüllt; dass er wahrnehme dessen unmittelbares
Bedürfniss, verweilend und in anderen und wieder anderen Formen sich
aussprechend, wo der Lehrling ihn nicht gefasst hat, ohne Verzug zum
nächsten Gliede schreitend, wenn dieser ihn gefasst hat; wodurch denn
der wissenschaftliche Unterricht aus der Form einfach fortfliessender
Rede, die er im Buchwesen auch hat, sich verwandelt in die dialogische
Form, und eine wahrhafte Akademie im Sinne der Sokratischen Schule, an
welche zu erinnern wir gerade dieses Wortes uns bedienen wollten,
errichtet werde.
§. 8.
Der Lehrer muss ein ihm immer bekannt bleibendes festes und bestimmtes
Subject im Auge behalten, sagten wir. Falls nun, wie zu erwarten, dieses
Subject nicht zugleich auch aus Einem Individuum, sondern aus mehreren
bestände, so müssen, da das Subject des Lehrers Eins und ein bestimmtes
seyn muss, diese Individuen selber zu einer geistigen Einheit und zu
einem bestimmten organischen Lehrlingskörper zusammenschmelzen. Sie
müssen darum auch unter sich in fortgesetzter Mittheilung und in einem
wissenschaftlichen Wechselleben verbleiben, in welchem jeder allen die
Wissenschaft von derjenigen Seite zeige, von welcher er, als Individuum,
sie erfasst, der leichtere Kopf dem schwerfälligeren etwas von seiner
Schnelligkeit, und der letzte dem ersten etwas von seiner ruhigen
Schwerkraft abtrete.
§. 9.
Um unsern Grundbegriff durch weitere Auseinandersetzung noch
anschaulicher zu machen: -- Der Stoff, welchen der Meister dem Zöglinge
seiner Kunst giebt, sind theils seine eigenen Lehrvorträge, theils
gedruckte Bücher, deren geordnetes und kunstmässiges Studium er ihm
aufgiebt; indem in Absicht des letzteren es ja ein Haupttheil der
wissenschaftlichen Kunst ist, durch den Gebrauch von Büchern sich
belehren zu können, und es sonach eine Anführung auch zu dieser Kunst
geben muss; sodann aber auf einer solchen Akademie der bei weitem
grösste Theil des wissenschaftlichen Stoffes aus Büchern wird erlernt
werden müssen, wie dies an seinem Orte sich finden wird.
Die Weisen aber, wie der Meister seinem Lehrlinge sich enthüllt, sind
folgende:
^Examina^, nicht jedoch im Geiste des Wissens, sondern in dem der Kunst.
In diesem letztern Geiste ist jede Frage des Examinators, wodurch das
Wiedergeben dessen, was der Lehrling gehört oder gelesen hat, als
Antwort begehrt wird, ungeschickt und zweckwidrig. Vielmehr muss die
Frage das Erlernte zur Prämisse machen, und eine Anwendung dieser
Prämisse in irgend einer Folgerung als Antwort begehren.
^Conversatoria^, in denen der Lehrling fragt, und der Meister
zurückfragt über die Frage, und so ein expresser Sokratischer Dialog
entstehe, innerhalb des unsichtbar immer fortgehenden Dialogs des ganzen
akademischen Lebens.
^Durch schriftliche Ausarbeitungen zu lösende _Aufgaben_ an den
Lehrling^, immer im Geiste der Kunst, und also, dass nicht das Gelernte
wiedergegeben, sondern etwas Anderes damit und daraus gemacht werden
solle, also, dass erhelle, ob und inwieweit der Lehrling jenes zu seinem
Eigenthum und zu seinem Werkzeuge für allerlei Gebrauch bekommen habe.
Der natürliche Erfinder solcher Aufgaben ist zwar der Meister; es soll
aber auch der geübtere Lehrling aufgefordert werden, dergleichen sich
auszusinnen, und sie für sich oder für andere in Vorschlag zu bringen.
-- Es wird durch diese schriftlichen Ausarbeitungen zugleich die Kunst
des schriftlichen Vortrages eines wissenschaftlichen Stoffes geübt, und
es soll darum der Meister in der Beurtheilung auch über die Ordnung, die
Bestimmtheit und die sinnliche Klarheit der Darstellung sich
äussern.[25]
§. 10.
Vom Lehrlinge einer solchen Anstalt.
Die äussern Bedingungen, wodurch derselbe theils zu Stande kommt, theils
in seinem Zustande verharrt, sind die folgenden:
1) ^Gehörige Vorbereitung auf der niederen Gelehrtenschule für die
höhere.^ Welche Leistungen für die Bildung des Kopfs zur Wissenschaft
der niederen Schule anzumuthen sind, haben wir schon oben (§. 6.)
ersehen. Dies muss nun, wenn die höhere Schule mit sicherm Schritt
einhergehen soll, von der niedern nicht wie bisher, wie gutes Glück und
Ohngefähr es geben, sondern nach einem festen Plane, und so, dass man
immer wisse, was gelungen sey und was nicht, geschehen. Die Verbesserung
der höheren Lehranstalten setzt sonach die der niedern nothwendig
voraus, wiewohl wiederum auch umgekehrt eine gründliche Verbesserung der
letzten nur durch die Verbesserung der ersten, und indem auf ihnen die
Lehrer der niedern Schule die ihnen jetzt grossentheils abgehende Kunst
des Lehrens erlernen, möglich wird; dass daher schon hier erhellet, dass
wir nicht mit Einem Schlage das Vollkommene werden hinstellen können,
sondern uns demselben nur allmählig und in mancherlei Vorschritten
werden annähern müssen.
[Fußnote 25: Es dürfte vielleicht nicht überflüssig seyn, der Erwähnung
solcher Aufgaben noch ausdrücklich die Bemerkung hinzuzufügen, dass
nicht bloss in dem apriorischen Theile der Wissenschaft, sondern auch in
ganz empirischen Scienzen solche, die Selbstthätigkeit des Auffassens
erkundende, Aufgaben möglich seyen. In der Philologie, der Theologie u.
s. w. ist ja wohlbekannt, dass diese Fächer der eignen Combinationsgabe
und Conjecturalkritik ein fast unermessliches Feld darbieten, wobei,
gesetzt auch die Ausbeute wäre nicht von Bedeutung, dennoch die
Selbstthätigkeit des Geistes geübt und documentirt wird. Aber auch der
Lehrer der Universalgeschichte könnte, meines Erachtens, ein nicht
wirklich eingetretenes Ereigniss fingiren, mit der Aufgabe an sein
Auditorium, zu zeigen, was bei diesem oder diesem von ihnen erlernten
Zustande der Welt daraus am wahrscheinlichsten erfolgt seyn würde; oder
der des römischen Rechts irgend einen Fall, mit der Aufgabe an sein
Auditorium, das aus dem Ganzen der römischen Gesetzgebung hervorgehende,
und in dasselbe organisch einpassende Gesetz für diesen Fall anzugeben.
Es würde aus dem Versuche der Lösung dieser Aufgaben ohne Zweifel klar
hervorgehen, zuvörderst, ob seine Zuhörer die Geschichte oder das
römische Recht wirklich wüssten, sodann, ob und inwieweit sie diese
Scienzen in ihrem Geiste durchdrungen, oder dieselben nur mechanisch
auswendig gelernt hätten.]
Zur Verbreitung höherer Klarheit über unsern Grundbegriff füge ich hier
noch folgendes hinzu. Dass der für ein wissenschaftliches Leben
bestimmte Jüngling zuvörderst mit dem allgemeinen Sprachschatze der
wissenschaftlichen Welt, als dem Werkzeuge, vermittelst dessen allein
er, so zu verstehen, wie sich verständlich zu machen vermag, vertraut
werden müsse, ist unmittelbar klar. Diese positive Kenntniss der Sprache
aber, so unentbehrlich sie auch ist, erscheint als leichte Zugabe, wenn
wir bedenken, dass besonders durch Erlernung der Sprachen einer andern
Welt, welche die Merkmale ganz anders zu Wortbegriffen gestaltet, der
Jüngling über den Mechanismus, womit die angeborne moderne Sprache,
gleichsam als ob es nicht anders seyn könnte, ihn fesselt, unvermerkt
hinweggehoben, und im leichten Spiele zur Freiheit der Begriffebildung
angeführt wird; ferner, dass beim Interpretiren der Schriftsteller er an
dem leichtesten und schon fertig ihm hingelegten Stoffe lernt, seine
Betrachtung willkürlich zu bewegen, dahin und dorthin zu richten für
einen ihm bekannten Zweck, und nicht eher abzulassen in dieser Arbeit,
als bis der Zweck erreicht dastehe. Es wird nun, um dieses Verhältnisses
willen der ^niedern^ Kunst des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches
zu der ^höhern^, nothwendig seyn, dass die Schule in ihrem
Sprachunterrichte also verfahre, dass nicht bloss der erste Zweck der
historischen Sprachkenntniss, sondern zugleich auch der letzte der
Verstandesbildung an ihr sicher, allgemein und für klare Documentation
ausreichend erfüllt werde; dass z. B. der Schüler auf jeder Stufe des
Unterrichts verstehen lerne, was er verstehen soll, vollkommen und bis
zum Ende, und wissen lerne, ^ob^ er also verstanden, und den Beweis
davon führen lerne; keinesweges aber, wie es bisher so oft geschehen,
hierüber vom guten Glücke abhänge, und im Dunkeln tappe, indem sehr oft
sein Lehrer selbst keinen rechten Begriff vom Verstehen überhaupt hat,
und gar nicht weiss, welche Fragen alle müssen beantwortet werden
können, wenn man sagen will, man habe z. B. eine Stelle eines Autors
verstanden.
Betreffend das Grundgerüst des vorhandenen wissenschaftlichen Stoffes,
als das zweite Stück der nöthigen Vorbereitung, die der Schule zukommt,
mache ich durch folgende Wendung mich klarer. Man hat wohl, um den
Forderungen einer solchen geistigen Kunstbildung, wie sie auch in diesem
Aufsatze gemacht werden, auszuweichen, die Bemerkung gemacht: eine
solche besonnene Ausbildung der Geistesvermögen sey wohl bei den alten
klassischen Völkern möglich gewesen, weil das sehr beschränkte Feld der
positiven Kenntnisse, die sie zu erlernen gehabt, ihnen Zeit genug
übriggelassen hätte; dagegen unsere Zeit und Vermögen durch das
unermessliche Gebiet des zu Erlernenden gänzlich aufgezehrt werde, und
für keine anderen Zwecke uns ein Theil derselben übrigbleibe. Als ob
nicht vielmehr gerade darum, weil wir mit ihm weit mehr zu leisten
haben, eine kunstmässige Ausbildung des Vermögens um so nöthiger würde,
und wir nicht um so mehr auf Fertigkeit und Gewandtheit im Lernen
bedacht seyn müssten, da wir eine so grosse Aufgabe des Lernens vor uns
haben. In der That kommt jenes Erschrecken vor der Unermesslichkeit
unsers wissenschaftlichen Stoffes daher, dass man ihn ohne einen
ordnenden Geist und ohne eine mit Besonnenheit geübte Gedächtnisskunst,
deren Hauptmittel jener ordnende Geist ist, erfasset; vielmehr blind
sich hineinstürzt in das Chaos, und ohne Leitfaden in das Labyrinth, und
so im Herumirren bei jedem Schritte Zeit verliert; also, dass die
wenigen, welche in diesem ungeheuren Oceane, vom Versinken gerettet,
noch oben schwimmen, beim Rückblicke auf ihren Weg erschrecken vor der
eigenen Arbeit und dem gehabten Glücke, und, die noch immer vorhandenen
Lücken in ihrem Wissen entdeckend, glauben, es habe ihnen nichts weiter
gemangelt, denn ^Zeit^, -- da doch die ordnende Kunst, die sie nicht
kennen, indem sie keinen Schritt vergebens thut, die Zeit ins Unendliche
vervielfältigt und eine kurze Spanne von Menschenleben ausdehnt zu einer
Ewigkeit. Wenn schon die erste Schule für den Anfänger nicht länger das
fähige Gedächtniss des einen Knaben für einen glücklichen Zufall, das
langsamere eines andern für ein unabwendbares Naturunglück halten,
sondern lernen wird, das Gedächtniss sowohl überhaupt, als in seinen
besonderen, für besondere Zweige passenden, Fertigkeiten kunstmässig zu
entwickeln und zu bilden; wenn sie diesem Gedächtnisse erst ein ganz ins
Kurze und Kleine gezogenes, aber lebendiges und klares Bild des Ganzen
eines bestimmten wissenschaftlichen Stoffes (z. B. für die Geschichte
ein allgemeines Bild der Umwandlungen im Menschengeschlechte durch die
Hauptbegebenheiten der herrschenden Völker, neben einem Bilde von der
allgemeinen Gestalt der Oberfläche des Erdbodens, als dem Schauplatze
jener Umwandlungen 1) hingeben, und unaustilgbar fest in die innere
Anschauung einprägen wird; sodann diese Bilder Tag für Tag wieder
hervorrufen lassen, und sie allmählig, aber verhältnissmässig nach allen
ihren Theilen, nach einer gewissen Regel der nothwendigen Folge der
^Gesichtspuncte^, und so, dass kein einzelner zum Schaden der übrigen
ungebührlich anwachse, vergrössern wird: so wird jenes Entsetzen vor der
Unermesslichkeit gänzlich verschwinden, und die also gebildeten Köpfe
werden leicht und sicher alles, was ihnen vorkommt, auf jene mit ihrer
Persönlichkeit verwachsenen Grundbilder, jedes an seiner Stelle
auftragen, nicht auf ein unbekanntes Weltmeer versprengt, sondern in
ihrer väterlichen Wohnung die ihnen wohlbekannten Kammern mit Schätzen
ausfüllend, die sie nach jedesmaligem Bedürfnisse wieder da hinwegnehmen
können, wo sie dieselben vorher hingestellt.
Somit fällt die Vorbereitung, welche der Lehrling einer höhern
Kunstschule auf der niedern erhalten haben muss, die Rechenschaft, die
er vor der Aufnahme von seiner Tüchtigkeit zu geben hat, und die
Vollkommenheit, bis zu welcher die niedere Schule verbessert werden
muss, zu folgenden zwei Stücken zusammen. Zuvörderst muss der Adspirant
eine seinen Fähigkeiten angemessene, ihm vorgelegte Stelle eines Autors
in gegebener Zeit gründlich verstehen lernen, und den Beweis führen
können, dass er sie recht verstehe, indem sie gar nicht anders
verstanden werden könne. Sodann muss er zeigen, dass er ein allgemeines
Bild des gesammten wissenschaftlichen Stoffes, erhoben und bereichert
bis zu derjenigen Potenz des Gesichtspunctes, an welche die höhere
Schule ihren Unterricht anknüpft, in freier Gewalt und zu beliebigem
Gebrauche als sein Eigenthum besitze.
2) ^Aufgehen seines gesammten Lebens in seinem Zwecke, darum Absonderung
desselben von aller andern Lebensweise, und vollkommene Isolirung.^ Der
Sohn eines Bürgers, welcher ein bürgerliches Gewerbe treibt, besucht
vielleicht auch des Tages mehrere Stunden eine gute Bürgerschule, worin
mancherlei gelehrt wird, das die gelehrte Schule gleichfalls vorträgt.
Dennoch ist die Schule nicht der Sitz seines wahren, eigentlichen
Lebens, und er ist nicht daselbst zu Hause, sondern sein wahres Leben
ist sein Familienleben, und der Beistand, den er seinen Eltern in ihrem
Gewerbe leistet; die Schule aber ist Nebensache und blosses Mittel für
den bessern Fortgang des bürgerlichen Gewerbes, als den eigentlichen
Zweck. Dem Gelehrten aber muss die Wissenschaft nicht Mittel für irgend
einen Zweck, sondern sie muss ihm selbst Zweck werden; er wird einst,
als vollendeter Gelehrter, in welcher Weise er auch künftig seine
wissenschaftliche Bildung im Leben anwende, in jedem Falle allein in der
Idee die Wurzel seines Lebens haben, und nur von ihr aus die
Wirklichkeit erblicken, und nach ihr sie gestalten und fügen,
keinesweges aber zugeben, dass die Idee nach der Wirklichkeit sich füge;
und er kann nicht zu früh in dieses sein eigenthümliches Element sich
hineinleben und das widerwärtige Element abstossen.
Es ist eine bekannte Bemerkung, dass bisher auf Universitäten, die in
einer kleinern Stadt errichtet waren, bei einigem Talente der Lehrer,
sehr leicht ein allgemeiner wissenschaftlicher Geist und Ton unter den
Studirenden sich erzeugt habe, was in grössern Städten selten oder
niemals also gelungen. Sollten wir davon den Grund angeben, so würden
wir sagen, dass es deswegen also erfolge, weil in dem ersten Falle die
Studirenden auf den Umgang unter sich selber, und den Stoff, den dieser
zu gewähren vermag, eingeschränkt werden; dagegen sie im zweiten Falle
immerfort verfliessen in die allgemeine Masse des Bürgerthums, und
zerstreut werden über den gesammten Stoff, den dieses liefert, und so
das Studiren ihnen niemals zum eigentlichen Leben, ausser welchem man
ein anderes gar nicht an sich zu bringen vermag, sondern wo es noch am
besten ist, zu einer Berufspflicht wird. Jener bekannte Einwurf gegen
grosse Universitätsstädte, dass in ihnen die Studirenden von einem
Hörsaale zum andern weit zu gehen hätten, möchte sonach nicht der
tiefste seyn, den man vorbringen könnte, und er möchte sich eher
beseitigen lassen, als das höhere Uebel der Verschmelzung des
studirenden Theiles des gemeinen Wesens mit der allgemeinen Masse des
gewerbtreibenden oder dumpfgeniessenden Bürgerthumes; indem, ganz davon
abgesehen, dass bei einem solchen nur als Nebensache getriebenen
Studiren wenig oder nichts gelernt wird, auf diese Weise die ganze Welt
verbürgern, und eine über die Wirklichkeit hinausliegende Ansicht der
Wirklichkeit, bei welcher allein die Menschheit Heilung finden kann
gegen jedes ihrer Uebel, ausgetilgt werden würde in dem
Menschengeschlechte; und mehr als jemals würde hierauf Rücksicht zu
nehmen seyn in einem solchen Zeitalter, welches in dringendem Verdachte
einer beinahe allgemeinen Verbürgerung steht.
3) ^Sicherung vor jeder Sorge um das Aeussere, vermittelst einer
angemessenen Unterhaltung fürs Gegenwärtige, und Garantie einer
gehörigen Versorgung in der Zukunft.^ Dass das Detail der kleinen
Sorgfältigkeiten um die täglichen Bedürfnisse des Lebens zum Studiren
nicht passt; dass Nahrungssorgen den Geist niederdrücken; Nebenarbeiten
ums Brot die Thätigkeit zerstreuen, und die Wissenschaft als einen
Broterwerb hinstellen; Zurücksetzung von Begüterten Dürftigkeits halber,
oder die Demuth, der man sich unterzieht, um jener Zurücksetzung
auszuweichen, den Charakter herabwürdigen: dieses alles ist, wenn auch
nicht allenthalben sattsam erwogen, denn doch ziemlich allgemein
zugestanden. Aber man kann von demselben Gegenstande auch noch eine
tiefere Ansicht nehmen. Es wird nemlich ohnedies gar bald sehr klar die
Nothwendigkeit sich zeigen, dass im Staate, und besonders bei den
höheren Dienern desselben, recht fest einwurzele die Denkart, nach
welcher man nicht der Gesellschaft dienen will, um leben zu können,
sondern leben mag, allein um der Gesellschaft dienen zu können, und in
welcher man durch kein Erbarmen mit dem eigenen, oder irgend eines
Anderen, Lebensgenusse bewegt wird, zu thun, zu rathen, oder, wo man
hindern könnte, zuzulassen, was nicht auch gänzlich ohne diese Rücksicht
durch sich selber sich gebührt; aber es kann diese Denkart Wurzel fassen
nur in einem durch das Leben in der Wissenschaft veredelten Geiste.
Mächtig aber wird dieser Veredelung und dieser Unabhängigkeit von der
erwähnten Rücksicht vorgearbeitet werden, wenn die künftigen Gelehrten,
aus deren Mitte ja wohl die Staatsämter werden besetzt werden, von
früher Jugend an gewöhnt werden, die Bedürfnisse des Lebens nicht als
Beweggrund irgend einer Thätigkeit, sondern als etwas, das für sich
selbst seinen eigenen Weg geht, anzusehen, indem es ihnen, sogar ohne
Rücksicht auf ihren gegenwärtigen zweckmässigen Fleiss, der aus der
Liebe zur Sache hervorgehen soll, zugesichert ist.
§. 11.
Wie muss der Lehrer an einer solchen Anstalt beschaffen seyn,
und ausgestattet?
Zuvörderst, wie sich von selbst versteht, indem keiner lehren kann, was
er selbst nicht weiss, muss er sich im Besitze der Wissenschaft
befinden, und zwar auf die oben angegebene Weise, als freier Künstler,
so dass er sie zu jedem gegebenen Zwecke anzuwenden und in jede mögliche
Gestalt hinüberzubilden vermöge. Aber auch diese Kunstfertigkeit muss
ihn nicht etwa mechanisch leiten, und bloss als natürliches Talent und
Gabe ihm beiwohnen, sondern er muss auch sie wiederum mit klarem
Bewusstseyn durchdrungen haben, bis zur Erkenntniss im Allgemeinen
sowohl, als in den besonderen individuellen Bestimmungen, die sie bei
Einzelnen annimmt, indem er ja jeden Schüler dieser Kunst soll
beobachten, beurtheilen und leiten können.
Aber sogar dieses klare Bewusstseyn und dieses Auffassen der
wissenschaftlichen Kunst, als eines organischen Ganzen, reicht ihm noch
nicht hin, denn auch dieses könnte, wie alles blosse Wissen, todt seyn,
höchstens bis zur historischen Niederlegung in einem Buche ausgebildet.
Er bedarf noch überdies für die wirkliche Ausübung der Fertigkeit, jeden
Augenblick diejenige Regel, die hier Anwendung findet, hervorzurufen,
und der Kunst, das Mittel ihrer Anwendung auf der Stelle zu finden. Zu
diesem hohen Grade der Klarheit und Freiheit muss die wissenschaftliche
Kunst sich in ihm gesteigert haben. Sein Wesen ist die Kunst, den
wissenschaftlichen Künstler selber zu bilden, welche Kunst eine
Wissenschaft der wissenschaftlichen Kunst auf ihrer ersten Stufe
voraussetzt, für deren Möglichkeit wiederum der eigene Besitz dieser
Kunst auf der ersten Stufe vorausgesetzt wird; in dieser Vereinigung und
Folge sonach besteht das Wesen eines Lehrers an einer Kunstschule des
wissenschaftlichen Verstandesgebrauchs.
Das Princip, durch welches die wissenschaftliche Kunst zu dieser Höhe
sich steigert, ist die Liebe zur Kunst.
Dieselbe Liebe ist es auch, die die wirklich entstandene Kunst der
Künstlerbildung immerfort von neuem beleben, und in jedem besonderen
Falle sie anregen und sie auf das Rechte leiten muss. Sie ist, wie alle
Liebe, göttlichen Ursprungs und genialischer Natur, und erzeugt sich
frei aus sich selber; für sie ist die übrige wissenschaftliche
Kunstbildung ein sicher zu berechnendes Product, sie selbst aber, die
Kunst dieser Kunstbildung, lässt sich nicht jederman anmuthen, noch
lässt sie selbst da, wo sie war, sich erhalten, falls ihr freier
Geniusflügel sich hinwegwendet.
Diese Liebe jedoch pflanzt auf eine unsichtbare Weise sich fort, und
regt unbegreiflich den Umkreis an. Nichts gewährt höheres Vergnügen, als
das Gefühl der Freiheit und zweckmässigen Regsamkeit des Geistes, und
des Wachsthums dieser Freiheit, und so entsteht das liebevollste und
freudenvollste Leben des Lehrlings in diesen Uebungen, und in dem Stoffe
derselben.
Diese Liebe für die Kunst ist in Beziehung auf andere ^achtend^, und
richtet vom Lehrer, als dem eigentlichen Focus, ausgegangen mit dieser
Achtung aus dem Individuum heraus sich auf die anderen, welche
gemeinschaftlich mit ihm diese Kunst treiben, und zieht jeden hin zu
allen übrigen, wodurch die §. 8 geforderte wechselseitige Mittheilung
Aller, und die Verschmelzung der Einzelnen zu einem lernenden
organischen Ganzen, wie es gerade nur aus diesen lernenden Individuen
sich bilden kann, entstehet, deren Möglichkeit noch zu erklären war.
(Ein geistiges Zusammenleben, das ^zunächst^ der schnelleren,
fruchtbareren und in den Formen sehr vielseitigen Geistesentwickelung,
^später^ im bürgerlichen Leben der Entstehung eines Corps von
Geschäftsleuten dient, in welchem nicht, wie bisher, der eigentliche
Gelehrte, der dem Geschäftsmanne für einen Quer- und verrückenden Kopf
gilt, diesem meist mit Recht den stumpfen Kopf und den empirischen
Stümper zurückgiebt, -- sondern, die einander frühzeitig durchaus kennen
und achten gelernt haben, und die von einer Allen gleichbekannten und
unter ihnen gar nicht streitigen Basis in allen ihren Berathungen
ausgehen.)
§. 12.
Diese Kunst der wissenschaftlichen Künstlerbildung, falls sie etwa in
irgend einem Zeitalter zum deutlichen Bewusstseyn hervorbrechen und zu
irgend einem Grade der Ausübung gedeihen sollte, muss, in Absicht ihrer
Fortdauer und ihres Erwachsens zu höherer Vollkommenheit, keinesweges
dem blinden Ohngefähr überlassen werden; sondern es muss, und dieses am
schicklichsten an der schon bestehenden Kunstschule selbst, eine feste
Einrichtung getroffen werden, dieselbe mit Besonnenheit und nach einer
festen Regel zu erhalten, und zu höherer Vollkommenheit zu bilden;
wodurch diese Kunstschule, so wie jedes mit wahrhaftem Leben existirende
Wesen soll, ihre ewige Fortdauer verbürgen würde.
Sie ist, wie oben gesagt, selbst der höchste Grad der wissenschaftlichen
Kunst, erfordernd die höchste Liebe und die höchste Fertigkeit und
Geistesgewandtheit. Es ist darum klar, dass sie nicht allen angemuthet
werden könne, wie man denn auch nur weniger, die sie ausüben, bedarf;
aber sie muss allen angeboten und mit ihnen der Versuch gemacht werden,
damit man sicher sey, dass nirgends dieses seltene Talent, aus Mangel an
Kunde seiner, ungebraucht verloren gehe.
Für diesen Zweck wäre demnach der Lehrling, doch ohne Ueberspringen und
nach erlangter hinlänglicher Gewandtheit in den niederen Graden der
Kunst, zur Ausübung aller der oben erwähnten Geschäfte des Lehrers
anzuhalten, unter Aufsicht und mit der Beurtheilung des eigentlichen
Lehrers, so wie der anderen, in demselben Grade befindlichen Lehrlinge.
So denselben Weg zurücklegend unter der Leitung des schon geübten
Lehrers, und vertraut gemacht mit dessen Kunstgriffen, welchen Weg der
Lehrer selbst, von keinem geholfen und im Dunkeln tappend, gehen musste,
wird dieser Lehrling es ohne Zweifel noch viel weiter bringen in geübter
und klarer Kunst, denn sein Lehrer, und einst selber nach demselben
Gesetze eine noch geübtere und klarere Generation hinterlassen.
(Es geht hieraus hervor, dass eine solche Pflanzschule
wissenschaftlicher Künstler überhaupt, nach den verschiedenen Graden
dieser Kunst, auf ihrer höchsten Spitze ein Professor-Seminarium seyn
würde, und also genannt werden könnte. Man hat homiletische Uebungen
gehabt, um zur Kunst des Vortrages für das Volk, man hat
Schullehrer-Seminaria gehabt, um den Vortrag für die niedere Schule zu
bilden; an eine besondere Uebung oder Prüfung in der Kunst des
akademischen Vortrages aber hat unseres Wissens niemand gedacht, gleich
als ob es sich von selbst verstände, dass man, was man nur wisse, auch
werde sagen können: zum schlagenden Beweise, dass man mit deutlichem
Bewusstseyn, so weit dieses in dieser Region gedrungen, mit der
Universität durchaus nichts mehr beabsichtigt, als dem gedruckten
Buchwesen noch ein zweites redendes Buchwesen an die Seite zu setzen;
wodurch unsere Rede wieder in ihren Ausgangspunct hineinfällt, zum
Beweise, dass sie ihren Kreis durchlaufen hat.
§. 13.
Corollarium.
Der bis hierher entwickelte Begriff, selbst angesehen in einem
wissenschaftlichen Ganzen, giebt der Kunst der Menschenbildung oder der
Pädagogik den Gipfel, dessen sie bisher ermangelte. Ein anderer Mann hat
in unserem Zeitalter die ebenfalls vorher ermangelnde Wurzel derselben
Pädagogik gefunden. Jener Gipfel macht möglich die höchste und letzte
Schule der wissenschaftlichen Kunst; diese Wurzel macht möglich die
erste und allgemeine Schule des Volks, das letzte Wort nicht für Pöbel
genommen, sondern für die Nation. Der mittlere Stamm der Pädagogik ist
die niedere Gelehrtenschule.
Aber der Gipfel ruht fest nur auf dem Stamme, und dieser zieht seinen
Lebenssaft nur aus der Wurzel; alle insgesammt haben nur an-, in- und
durcheinander Leben und versicherte Dauer. Ebenso verhält es sich auch
mit der höheren und der niederen Gelehrtenschule, und mit der
Volksschule. Wir unseres Ortes, die wir die erstere beabsichtigen,
gehen, so gut wir es unter diesen Umständen vermögen, aus unserem
besonderen und abgeschnittenen Mittelpuncte aus, unseren Weg fort, nur
auf die niedere Gelehrtenschule, mit der wir allernächst zusammenhängen,
und ohne deren Beihülfe wir nicht füglich auch nur einen Anfang machen
können, die nöthige Rücksicht nehmend. Ebenso geht ihres Orts, und
unser, die wir nur selbst erst unser eigenes Daseyn suchen, unserer
Hülfe und unseres leitenden Lichtes entbehrend, die allgemeine Pädagogik
ihren Weg fort, so gut sie es vermag. Aber arbeiten wir nur redlich
fort, jeder an seinem Ende: wir werden mit der Zeit zusammenkommen, und
insgesammt in einander eingreifen; denn jedweder Theil, der nur in sich
selber etwas Rechtes ist, ist Theil zu einem grösseren ewigen Ganzen,
das in der Erscheinung nur aus der Zusammenfügung der einzelnen Theile
zusammentritt. Da aber, wo wir zusammenkommen werden, wird der armen,
jetzt in ihrer ganzen Hülfslosigkeit dastehenden Menschheit Hülfe und
Rettung bereit seyn; denn diese Rettung hängt lediglich davon ab, dass
die Menschenbildung im Grossen und Ganzen aus den Händen des blinden
Ohngefährs unter das leuchtende Auge einer besonnenen Kunst komme.
Diese Einsicht und das Bewusstseyn, dass uns ein grosser Moment gegeben
ist, der, ungenutzt verstrichen, nicht leicht wiederkehrt, bringe
heiligen Ernst und Andacht in unsere Berathungen.
Anmerkung.
Da man oft unerwartet auf Verkennung jenes höchsten Grundsatzes alles
unseres Lebens und Treibens stösst, so ist es vielleicht nicht
überflüssig, hierüber noch einige Worte hinzuzufügen.
Ein blindes Geschick hat die menschlichen Angelegenheiten erträglich,
und obgleich langsam, dennoch zu einiger Verbesserung des ganzen
Zustandes geleitet, so lange in diese Dunkelheit das gute und böse
Princip in der Menschheit gemeinschaftlich und mit einander verwachsen
eingehüllt war. Diese Lage der Dinge hat sich verändert, durch diese
Veränderung ist eben ein durchaus neues Zeitalter, gegen dessen
Anerkenntniss man sich noch so häufig sträubt, und es sind durchaus neue
Aufgaben an die Zeit entstanden. Das böse Princip hat nemlich aus jener
Mischung sich entbunden zum Lichte; es ist sich selbst vollkommen klar
geworden, und schreitet frei und besonnen und ohne alle Scheu und Scham
vorwärts. Klarheit siegt allemal über die Dunkelheit; und so wird denn
das böse Princip ohne Zweifel Sieger bleiben so lange, bis auch das gute
sich zur Klarheit und besonnenen Kunst erhebt.
In allen menschlichen Verhältnissen, besonders aber in der
Menschenbildung, ist das Alte und Hergebrachte das Dunkele; eine Region,
die mit dem klaren Begriffe zu durchdringen und mit besonnener Kunst zu
bearbeiten man Verzicht leistet, und aus welcher herab man den Segen
Gottes ohne sein eigenes Zuthun erwartet. Setzt man in diesem
Glaubenssysteme jenem göttlichen Segen etwa noch eine menschliche
Direction und Oberaufsicht an die Seite, so ist das eine blosse
Inconsequenz. Das Alte ist ja jedermänniglich bekannt, diesem soll
gefolgt werden, es giebt darum keine Pläne auszudenken; der Erfolg kommt
von oben herab, und keine menschliche Klugheit kann hier etwas
ausrichten; es giebt darum auch nichts zu leiten, und die Oberaufsicht
ist ein völlig überflüssiges Glied. Nur in dem Falle, dass Behauptungen,
wie die unsrige, von freier und besonnener Kunst sich vernehmen liessen
und einen Einfluss begehrten, erhielte sie eine Bestimmung, die, der
Neuerung sich kräftig zu widersetzen, und festzuhalten über dem alten
hergebrachten Dunkel.
Es ist nicht zu hören, wenn die Sicherheit dieses alten und
ausgetretenen Weges gepriesen, dagegen das Unsichere und Gewagte aller
Neuerungen gefürchtet wird. Bleibt man beim Alten, so wird der Erfolg
schlecht seyn, darauf kann man sich verlassen; denn es kann, nachdem die
Welt einmal ist, wie sie ist, aus dem Dunkeln nichts Anderes mehr
hervorgehen, denn Böses. Hofft man etwa dabei das zu gewinnen, dass man
sich sagen könne, man habe das Böse wenigstens nicht durch sein thätiges
Handeln herbeigeführt, es sey eben von selbst gekommen, und man würde
nichts dagegen gehabt haben, wenn statt dessen das Gute gekommen wäre?
Man muss leicht zu trösten seyn, wenn man damit sich beruhigt. Und warum
sollte es denn ein so grosses Wagstück seyn, nach einem klaren und
festen Begriffe einherzugehen? Wagen wird man allein in den beiden
Fällen, wenn man entweder seines Begriffes nicht Meister ist, oder nicht
schon im voraus entschlossen, sein Alles an die Ausführung desselben zu
setzen. Aber nichts nöthigt uns, uns in einem dieser beiden Fälle zu
befinden.
Am wenigsten würden wir den Grundbegriff von einer Universität gelten
lassen, dass dieselbe sey keinesweges eine Erziehungsanstalt, deren
unfehlbaren Erfolg man soviel möglich sichern müsse, sondern eine im
Grunde überflüssige und nur als freie Gabe zu betrachtende
Bildungsanstalt, die jeder, der in der Lage sey, mit Freiheit gebrauchen
könne, wie er eben wolle. Giebt es solche Anstalten, als da etwa wäre
das Werkmeistersche Museum u. dergl., so können dieselben nur seyn für
weise Männer und gemachte Bürger, die in Absicht einer persönlichen
Bestimmung und eines festen Berufes mit dem Staate sich schon abgefunden
haben, keinesweges für Jünglinge, die einen Beruf noch suchen. Auch hat
bisher der Staat, -- und dies ist auch ein Altes und Wohlhergebrachtes,
bei welchem es ohne Zweifel sein Bewenden wird haben müssen, -- es hat
der Staat allerdings auf die Universitäten gerechnet, als eine
nothwendige und bisher durch nichts Anderes ersetzte Erziehungsanstalt
eines Standes, an dem ihm viel gelegen ist: und es wäre zu erwarten, was
erfolgen würde, wenn nur drei Jahre hintereinander es der Freiheit aller
Studirenden gefiele, die Universität nicht auf die rechte Weise zu
benutzen. Oder soll man voraussetzen, dass es mitten in unseren
gebildeten Staaten noch einen Haufen von Menschen gebe, deren
angeborenes Privilegium dies ist, dass kein Mensch Anspruch auf ihre
Kräfte und die Bildung derselben habe, und denen es freistehen muss, ob
sie zu etwas oder zu nichts taugen wollen, weil sie ausserdem zu leben
haben? Soll für diese vielleicht jene freie und auf gar nichts rechnende
Bildungsanstalt angelegt werden, damit sie, wenn sie wollen, hier die
Mittel erwerben, ihr einstiges müssiges Leben mit weniger Langeweile
hinzubringen? Alles zugegeben, möchten wenigstens diese Klassen selbst
für die Befriedigung dieses ihres Bedürfnisses sorgen; aber dem Staate
liessen die Kosten einer solchen Anstalt sich keinesweges aufbürden.
Zweiter Abschnitt.
Wie unter den gegebenen Bedingungen der Zeit und des Orts der
aufgegebene Begriff realisirt werden könne.
§. 14.
Soll unsere Lehranstalt keinesweges etwa eine in sich selbst
abgeschlossene Welt bilden, sondern soll sie eingreifen in die wirklich
vorhandene Welt, und soll sie insbesondere das gelehrte Erziehungswesen
dieser Welt umbilden, so muss sie sich anschliessen an dasselbe, so wie
es ist und sie dasselbe vorfindet. Dieses muss ihr erster Standpunct
seyn; dies der von ihr anzueignende und durch sie zu organisirende
Stoff; sie aber das geistige Ferment dieses Stoffes. Sie muss sich
erzeugen und sich fortbilden innerhalb einer gewöhnlichen Universität,
weil wir dies nicht vermeiden können, so lange bis die letztere in die
erste aufgehend gänzlich verschwinde: keinesweges aber müssen wir von
dem Gedanken ausgehen, dass wir eine ganz gewöhnliche Universität und
nichts weiter bilden wollen.
§. 15.
Diese nothwendige Stätigkeit des Fortgangs in der Zeit sogar
abgerechnet, vermögen wir in dieses Vorhabens Ausführung um so weniger
anders, denn also zu verfahren, da die freie ^Kunst der besonderen
Wissenschaft sowohl überhaupt, als in ihren einzelnen Fächern^ dermalen
noch gar nicht also vorhanden ist, dass sie sicher und nach einer Regel
aufbehalten und fortgepflanzt werden könnte; sondern diese freie Kunst
der ^besonderen^ Wissenschaft erst selber in der schon vorhandenen
Kunstschule zu deutlichem Bewusstseyn und zu geübter Fertigkeit erhoben
werden, und so die Kunstschule einem ihrer wesentlichen Theile nach sich
selber erst erschaffen muss. So nun nicht wenigstens der Ausgangspunct
dieser Kunst in der Wissenschaft überhaupt, und unabhängig von dem
Vorhandenseyn der Schule, irgendwo und irgendwann zu existiren
vermöchte, so würde es niemals zu einer solchen Kunstschule, ja sogar
nicht zu dem Gedanken und der Aufgabe derselben kommen.
§. 16.
Mit diesem Ausgangspuncte der wissenschaftlichen Kunst verhält es sich
nun also. Kunst wird (§. 4) dadurch erzeugt, dass man deutlich versteht,
^was^ man und ^wie^ man es macht. Die besondere Wissenschaft aber ist in
allen ihren einzelnen Fächern ein besonderes Machen und Verfahren mit
dem Geistesvermögen; und man hat dies von jeher anerkannt, wenn man z.
B. vom historischen Genie, Tact und Sinne, oder von Beobachtungsgabe u.
dergl., als von besonderen, ihren eigenthümlichen Charakter tragenden
Talenten gesprochen. Nun ist ein solches Talent allemal Naturgabe, und
da es ein besonderes Talent ist, so ist der Besitzer desselben eine
besondere und auf diesen Standpunct beschränkte Natur, die nicht
wiederum über diesen Punct sich erheben, ihn frei anschauen, ihn mit dem
Begriffe durchdringen und so aus der blossen Naturgabe eine freie Kunst
machen könnte. Und so würde denn die besondere Wissenschaft entweder gar
nicht getrieben werden können, weil es an Talent fehlte, oder, wo sie
getrieben würde, könnte es, eben weil dazu Talent, das eben nur Talent
sey, gehört, niemals zu einer besonnenen Kunst derselben kommen. So ist
es denn auch wirklich. Der Geist jeder besonderen Wissenschaft ist ein
beschränkter und beschränkender Geist, der zwar in sich selber lebt und
treibet, und köstliche Früchte gewährt, der aber weder sich selbst, noch
andere Geister ausser ihm zu verstehen vermag. Sollte es nun doch zu
einer solchen Kunst in der besonderen Wissenschaft kommen, so müsste
dieselbe, unabhängig von ihrer Ausübung, und noch ehe sie getrieben
würde, verstanden, d. i. die Art und Weise der geistigen Thätigkeit,
deren es dazu bedarf, erkannt werden, und so der allgemeine ^Begriff^
ihrer Kunst der ^Ausübung^ dieser Kunst selbst vorhergehen können. Nun
ist dasjenige, was die ^gesammte^ geistige Thätigkeit, mithin auch alle
besonderen und weiter bestimmten Aeusserungen derselben wissenschaftlich
erfasst, die Philosophie: von philosophischer Kunstbildung aus müsste
sonach den besonderen Wissenschaften ihre Kunst gegeben, und das, was in
ihnen bisher blosse, vom guten Glücke abhängende Naturgabe war, zu
besonnenem Können und Treiben erhoben werden; der Geist der Philosophie
wäre derjenige, welcher zuerst sich selbst, und sodann in sich selber
alle anderen Geister verstände; der Künstler in einer besonderen
Wissenschaft müsste vor allen Dingen ein philosophischer Künstler
werden, und seine besondere Kunst wäre lediglich eine weitere Bestimmung
und einzelne Anwendung seiner allgemeinen philosophischen Kunst.
(Dies dunkel fühlend hat man, wenigstens bis auf die letzten durch und
durch verworrenen und seichten Zeiten, geglaubt, dass alle höhere
wissenschaftliche Bildung von der Philosophie ausgehen, und dass auf
Universitäten die philosophischen Vorlesungen von Allen und zuerst
gehört werden müssten. Ferner hat man in den besonderen Wissenschaften
z. B. von philosophischen Juristen oder Geschichtsforschern oder Aerzten
gesprochen, und man wird finden, dass von denen, welche sich selber
verstanden, immer diejenigen mit dieser Benennung bezeichnet wurden, die
mit der grössten Fertigkeit und Gewandtheit ihre Wissenschaft vielseitig
anzuwenden wussten, sonach die ^Künstler^ in der Wissenschaft. Denn
diejenigen, welche ^a priori^ phantasirten, wo es galt Facta
beizubringen, sind ebenso, wie diejenigen, die sich auf die wirkliche
Beschaffenheit der Dinge beriefen, wo das apriorische Ideal dargestellt
werden sollte, von den Verständigen mit der gebührenden Verachtung
angesehen worden.)
§. 17.
Die erste und ausschliessende Bedingung der Möglichkeit, eine
wissenschaftliche Kunstschule zu errichten, würde demnach diese seyn,
dass man einen Lehrer fände, der da fähig wäre, das Philosophiren selber
als eine Kunst zu treiben, und der es verstände, eine Anzahl seiner
Schüler zu einer bedeutenden Fertigkeit in dieser Kunst zu erheben, mit
welcher nun einige dieser wiederum den ihnen anderwärts herzugebenden
positiven Stoff der besonderen Wissenschaften durchdrängen, und sich
auch in diesen zu Künstlern bildeten; von welchen letzteren wiederum
diejenigen, die es zu dem Grade der Klarheit dieser Kunst gebracht
hätten, dass sie selbst Künstler zu bilden vermöchten, ihre Kunst
fortpflanzten. Nachdem dieses Letztere über das ganze Gebiet der
Wissenschaften möglich geworden, in einer solchen Ausdehnung, dass man
auf die sichere Fortpflanzung der gesammten wissenschaftlichen Kunst bis
ans Ende der Tage rechnen könnte: alsdann stände die beabsichtigte
wissenschaftliche Kunstschule da, und wäre errichtet.
§. 18.
Dieser philosophische Künstler muss, beim Beginnen der Anstalt, ein
einziger seyn, ausser welchem durchaus kein anderer auf die Entwickelung
des Lehrlings zum Philosophiren Einfluss habe. Wer dagegen einwenden
wollte, dass es, um die Jünglinge vor Einseitigkeit und blindem Glauben
an Einen Lehrer zu verwahren, auf einer höheren Lehranstalt vielmehr
eine Mannigfaltigkeit der Ansichten und Systeme, und eben darum der
Lehrer geben müsse, würde dadurch verrathen, dass er weder von der
Philosophie überhaupt, noch vom Philosophiren, als einer Kunst, einen
Begriff habe. Denn obwohl, falls es Gewissheit giebt und dieselbe dem
Menschen erreichbar ist (wer über diesen Punct sich noch in Zweifel
befände, der wäre nicht ausgestattet, um mit uns über die Einrichtung
eines ^wissenschaftlichen^ Instituts zu berathschlagen), der Lehrer, den
wir suchen, selber in sich seiner Sache gewiss seyn und ein System haben
muss, indem im entgegengesetzten Falle er mit seinem Philosophiren nicht
zu Ende gekommen wäre, mithin die ganze Kunst des Philosophirens nicht
einmal selber ausgeübt hätte und so durchaus unfähig wäre, dieselbe in
ihrem ganzen Umfange mit Bewusstseyn zu durchdringen, und sie anderen
mitzutheilen, und wir uns daher in der Wahl der Person vergriffen hätten
-- obwohl, sage ich, dies also ist, so wird er dennoch in seinem
Bestreben, selbstthätige, die Gewissheit in sich selbst erzeugende und
das System selbst erfindende Künstler zu bilden, nicht von seinem
Systeme, noch überhaupt von irgend einer positiven Behauptung
^ausgehen^; sondern nur ihr systematisches Denken anregen, freilich in
der sehr natürlichen Voraussetzung, dass sie am Ende desselben bei
demselben Resultate ankommen werden, bei dem auch er angekommen, und
dass, wenn sie bei einem anderen ankommen, irgendwo in der Ausübung der
Kunst ein Fehler begangen worden. Wäre irgend ein anderer neben ihm, der
ihm widerspräche, so müsste dieser etwas ^behaupten^; liesse er sich
verleiten, dem Widerspruche zu widersprechen, so müsste nun auch er
behaupten, und es entstände Polemik. Wo aber Polemik ist, da ist Thesis,
und wo Thesis ist, da wird nicht mehr thätig philosophirt, sondern es
wird nur das Resultat des, so Gott will, vorher ausgeübten thätigen
Philosophirens historisch erzählt; somit hebt die Polemik das Wesen
einer philosophischen Kunstschule gänzlich auf, und es ist ihr darum
aller Eingang in diese abzuschneiden. --
(Dieselbe Unbekanntschaft mit dem Wesen der Philosophie würde verrathen
eine andere Bemerkung, die folgende: es müsse auf einer solchen Anstalt
die Vollständigkeit der sogenannten philosophischen Wissenschaften
beabsichtigt werden, und dies, da sie einem Einzigen nicht wohl
anzumuthen sey, werde eine Mehrheit der Lehrer der Philosophie
verlangen. Denn wenn nur wirklich der philosophische Geist und die Kunst
des Philosophirens entwickelt ist, so wird ganz von selbst diese sich
über die gesammte Sphäre des Philosophirens ausbreiten, und diese in
Besitz nehmen; sollte aber für andere, an welchen das Streben, sie in
diese Kunst einzuweihen, mislingt, die wir aber dennoch, aus Mangel
besserer Subjecte, in den bürgerlichen Geschäften anstellen und brauchen
müssten, irgend ein historisch zu erlernender ^philosophischer
Katechismus^, als Rechtslehre, Moral u. dergl. nöthig seyn, so wird ja
wohl dieser in gedruckten Büchern irgendwo vorliegen, an deren eigenes
Studium auch hier, so wie in den anderen Fächern, dergleichen Subjecte
vom Lehrer der Philosophie hingewiesen, und erforderlichenfalles darüber
examinirt würden.)
§. 19.
Mit diesem also entwickelten philosophischen Geiste, als der reinen Form
des Wissens, ^müsste nun der gesammte wissenschaftliche Stoff in seiner
organischen Einheit^ auf der höheren Lehranstalt aufgefasst und
durchdrungen werden, also dass man genau wüsste, was zu ihm gehöre oder
nicht, und so die strenge Grenze zwischen Wissenschaft und
Nichtwissenschaft gezogen würde; dass man ferner das organische
Eingreifen der Theile dieses Stoffes ineinander, und das gegenseitige
Verhältniss derselben unter sich allseitig verstände, damit man daraus
ermessen könnte, ob dieser Stoff am Lehrinstitute vollständig bearbeitet
werde, oder nicht; in welcher ^Folge^ oder ^Gleichzeitigkeit^ am
vortheilhaftesten diese einzelnen Theile zu bearbeiten seyen; bis zu
welcher Potenz die ^niedere^ Schule denselben zu erheben, und wo
eigentlich die höhere einzugreifen habe; ferner, bis zu welcher
Potenz auch auf der letzteren ^alle^, die auf den Titel eines
wissenschaftlichen Künstlers Anspruch machen wollten, ihn auszubilden
hätten, und wie viel dagegen der ^besonderen^ Ausbildung für ein
^bestimmtes praktisches^ Fach anheimfiele und vorbehalten bleiben müsse.
Dies gäbe eine philosophische Encyklopädie der gesammten Wissenschaft,
als stehendes Regulativ für die Bearbeitung aller besonderen
Wissenschaften.
(Wenn auch allenfalls die Philosophie schon jetzt fähig seyn sollte, zu
einer solchen encyklopädischen Ansicht der gesammten Wissenschaft in
ihrer organischen Einheit einige Auskunft zu geben, so ist doch die
übrige wissenschaftliche Welt viel zu abgeneigt, der Philosophie die
Gesetzgebung, die sie dadurch in Anspruch nähme, zuzugestehen, oder
dieselbe in dergleichen Aeusserungen auch nur nothdürftig zu begreifen,
als dass sich hiervon einiger Erfolg sollte erwarten lassen. Auch
müssten, da es hier nicht um theoretische Behauptung einiger Sätze,
sondern um Einführung einer Kunst zu thun ist, erst eine beträchtliche
Anzahl von Männern gebildet werden, die da fähig wären, eine solche
Encyklopädie nicht bloss zu verstehen und wahr zu finden, sondern auch
nach den Regeln derselben die besonderen Fächer der Wissenschaft
wirklich zu bearbeiten; dass es daher am schicklichsten seyn wird,
hierüber sich vorläufig gar nicht auszusprechen, sondern jene
Encyklopädie durch das wechselseitige Eingreifen der Philosophie und der
philosophisch kunstmässigen Bearbeitung der nun eben vorhandenen
besonderen Fächer der Wissenschaft, allmählig von selber erwachsen zu
lassen; dass mithin in Absicht dieses ihr sehr wesentlichen
Bestandtheiles die Kunstschule sich selbst innerhalb ihrer selbst
erschaffen müsste.)
§. 20.
Beim Anfange und so lange, bis es dahin gekommen, müssen wir uns
begnügen, die vorliegenden Fächer ohne organischen Einheitspunct bloss
historisch aufzufassen, nur dasjenige, wovon wir schon bei dem
gegenwärtigen Grade der allgemeinen philosophischen Bildung darthun
können, dass es dem wissenschaftlichen Verstandesgebrauche entweder
geradezu widerspreche, oder nicht zu demselben gehöre, von uns
ausscheidend, das Uebrige aufnehmend, und es in seiner Würde und an
seinem Platze bis zur besseren allgemeinen Verständigung stehen lassend;
ferner in diesen Fächern die am meisten ^philosophischen^, d. i. die mit
der grössten Freiheit, Kunstmässigkeit und Selbstständigkeit in
denselben verfahrenden unter den Zeitgenossen, zu Lehrern uns
anzueignen; endlich, diese zu der am meisten philosophischen, d. i. zu
der, Selbstthätigkeit und Klarheit am sichersten entwickelnden,
Mittheilung ihres Faches anzuhalten und sie darauf zu verpflichten.
§. 21.
Ueber den ersten Punct, betreffend die Ausscheidung, werden wir
demnächst beim Durchgehen der vorhandenen wissenschaftlichen Fächer uns
erklären. Ueber den zweiten merke ich hier im allgemeinen nur das an,
dass wir den Vortheil haben, in einigen der Hauptfächer diejenigen,
welche als die freisten und selbstthätigsten allgemein anerkannt sind,
schon jetzt die unserigen zu nennen, und dass, falls nicht etwa einige
für die Herablassung und für das Wechselleben mit ihren Schülern, das
dieser Plan ihnen anmuthet, sich zu vornehm dünken, wir hoffen dürfen,
sie für unseren Zweck zu gewinnen, und dass in anderen Fächern, in denen
wir nicht mit derselben Zuversichtlichkeit dasselbe rühmen können, der
Unterschied zwischen den Zeitgenossen in Absicht des angegebenen
Gesichtspunctes überhaupt nicht sehr gross ist, und wir darum hoffen
dürfen, ohne grosse Schwierigkeit die nothwendigen Stellen so gut zu
besetzen, als sie unter den gegenwärtigen Umständen überhaupt besetzt
werden können; dass es aber ausschliessende Bedingung sey, dass
dieselben schon vor ihrer Berufung und Anstellung sowohl über unseren
Hauptplan, als über den dritten Punct in Absicht des zu wählenden
Vortrages unterrichtet, und aufrichtig mit uns einverstanden seyen. In
Absicht dieses dritten Punctes endlich, stellen wir als eine Folge aus
allem Bisherigen fest, dass -- die oben erwähnten Examina,
Conversatorien und Aufgaben, als die erste charakteristische Eigenheit
unserer Methode, deren Anwendung im besonderen Falle am gehörigen Orte
näher wird beschrieben werden, noch abgerechnet, -- alle mündliche
Mittheilung über ein besonderes Fach ausgehen müsse von der
^Encyklopädie^ dieses Faches, und dass dieses die allererste Vorlesung
jedes bei uns anzustellenden Lehrers seyn und von jedem Schüler zu
allererst gehört werden müsse. Denn die bis zur höchsten Klarheit
gesteigerten einzelnen Encyklopädien der besonderen Fächer, besonders
wenn sie alle zusammen den Lehrern und Zöglingen der Anstalt bekannt
sind, sind das zunächst in die von der Philosophie ausgehen sollende
^allgemeine Encyklopädie^ (§. 19. am Schlusse) eingreifende Glied,
arbeiten derselben mächtig vor, und werden der letzteren, wenn sie
entstehen wird, die vollkommene Verständlichkeit ertheilen müssen, indem
auch sie selber umgekehrt von ihr neue Festigkeit und Klarheit erhalten
werden. Sodann ist Einheit und Ansicht der Sache aus Einem
Gesichtspuncte heraus der Charakter der Philosophie und der freien
Kunstmässigkeit, die wir anstreben; dagegen unverbundene
Mannigfaltigkeit und mit nichts zusammenhängende Einzelheit der
Charakter der Unphilosophie, der Verworrenheit und der Unbehülflichkeit,
welche wir eben aus der ganzen Welt austilgen möchten, und sie darum
nicht in uns selbst aufnehmen müssen. Endlich, wenn auch dieses alles
nicht so wäre, können wir aus Mangelhaftigkeit der niederen Schule zu
Anfange bei unseren Schülern nicht auf ein solches schon fertiges Gerüst
des gesammten wissenschaftlichen Stoffes, wie es oben (§. 10.)
beschrieben worden, rechnen, und müssen zu allererst diesen Mangel in
unseren besonderen Encyklopädien ersetzen. Die Hauptgesichtspuncte einer
solchen auf eine wissenschaftliche Kunstschule berechneten Encyklopädie
sind die folgenden: ^dass sie zuvörderst die eigentliche
charakteristische Unterscheidung des Verstandesgebrauches^ in diesem
Fache, und die besonderen Kunstgriffe oder Vorsichtsregeln in ihm mit
aller dem Lehrer selbst beiwohnenden Klarheit angebe, und sie mit
Beispielen belege (und so eben z. B. das ^historische Talent^, oder die
^Beobachtungsgabe^ mit dem Begriffe durchdringe); dass sie die Theile
dieser Wissenschaft vollständig und umfassend vorlege, und zeige, auf
welche besondere Weise jeder, und in welcher Zeitfolge sie studirt
werden müssen; endlich, dass sie die für den Zweck des Lehrlings nöthige
Literaturkenntniss des Faches gebe, und ihn berathe, ^was^, und in
^welcher Ordnung^ und etwa mit welchen Vorsichtsmaassregeln, er zu lesen
habe. Besonders in der letzten Rücksicht ist der Lehrer dem Lehrlinge
ein allgemeines Register und Repertorium des ^gesammten Buchwesens^ in
diesem Fache, inwieweit dasselbe dem Lehrlinge nöthig ist, schuldig;
welches nun der Lehrling selber, nach der ihm gegebenen Anleitung, zu
lesen, keinesweges aber vom Lehrer zu erwarten hat, dass auch dieser es
ihm noch einmal recitire. Gehört nun ferner, wie wir hoffen, der Lehrer
zu dem oben erwähnten edleren Bestandtheile der bisherigen
Universitäten, dass er mit dem gesammten Buchwesen seines Faches nicht
allerdings zufrieden und fähig sey, dasselbe hier und da zu verbessern,
so zeige er in seiner Encyklopädie diese fehlerhaften Stellen des
grossen Buches an, und lege dar seinen Plan, wie er in besonderen
Vorlesungen diese fehlerhaften Stellen verbessern wolle, und in welcher
Ordnung diese besonderen Vorlesungen, die insgesammt auf der festen
Unterlage seiner Encyklopädie ruhen, und auf ihr geordnet sind, zu hören
seyen. Ist dessen so viel, dass er es allein nicht bestreiten kann, so
wähle er sich einen Unterlehrer, der verbunden ist, in seinem Plane zu
arbeiten. Nur sage er nicht, was im Buche auch steht, sondern nur das,
was in keinem Buche steht. (Als Beispiel: dass in den Schüler der
niederen Schule sehr früh ein Inbegriff der Universalgeschichte
hineingebildet werden müsse, versteht sich, und ist oben gesagt; wozu
aber, ausser der Anweisung, wie man die gesammte Menschengeschichte zu
^verstehen^ habe, welche wohl am schicklichsten dem Philosophen
anheimfallen dürfte, auf der höheren Schule ein Cursus der
Universalgeschichte solle, bekenne ich nicht zu begreifen; dagegen aber
würde ich es für sehr schicklich und alles Dankes werth halten, wenn ein
Professor der Geschichte ein Collegium ankündigte über besondere Data
aus der Weltgeschichte, ^die keiner vor ihm so richtig gewusst habe, wie
er^, und er mit diesem Versprechen Wort hielte.)
(Wir setzen der Erwähnung dieser von vielen so sehr angefeindeten
Encyklopädien, zur Vorbauung möglichen Misverständnisses, noch folgendes
hinzu. Mit derselben vollkommenen Ueberzeugung, mit welcher wir zugeben,
dass das Bestreben, bei solchen allgemeinen Uebersichten und Resultaten
^stehenzubleiben^, von Seichtigkeit, Trägheit und Sucht nach wohlfeilem
Glanze zeuge, und diese Schlechtigkeiten befördere, sehen wir zugleich
auch ein, dass das Widerstreben, ^von ihnen auszugehen^, den Lehrling
ohne Steuerruder und Compass in den verworrenen Ocean stürze, dass,
obwohl einige sich rühmen hierbei ohne Ertrinken davongekommen zu seyn,
man darum doch nicht das Recht habe, jederman derselben Gefahr
auszusetzen, dass selbst die Geretteten gesunder seyn würden, wenn sie
der Gefahr sich nicht ausgesetzt hätten; und dass die Quellen dieses
Widerstrebens keinesweges aus einer besseren Einsicht, sondern dass sie
grösstentheils aus dem persönlichen Unvermögen hervorgehen, solche
encyklopädische Rechenschaft über das eigene Fach zu geben, indem diese,
nur gross im Einzelnen, niemals zur Ansicht eines Ganzen sich erhoben
haben. Wer nun eine solche Encyklopädie seines Faches geben nicht könnte
oder nicht wollte, der wäre für uns nicht bloss unbrauchbar, sondern
sogar verderblich, indem durch seine Wirksamkeit der Geist unseres
Institutes sogleich im Beginne getödtet würde.)
§. 22.
Wir gehen an die historische Auffassung des auf den bisherigen
Universitäten vorliegenden Stoffes, und schicken folgende zwei
allgemeine Bemerkungen voraus. Eine Schule des wissenschaftlichen
Verstandesgebrauches setzt voraus, dass verstanden und bis in seinen
letzten Grund durchdrungen werden könne, was sie sich aufgiebt; sonach
wäre ein solches, das den Verstandesgebrauch sich verbittet, und sich
als ein unbegreifliches Geheimniss gleich von vornherein aufstellt,
durch das Wesen derselben von ihr ausgeschlossen. Wollte also etwa die
Theologie noch fernerhin auf einem Gotte bestehen, der etwas wollte ohne
allen Grund; welches Willens Inhalt kein Mensch durch sich selber
begreifen, sondern Gott selbst unmittelbar durch besondere Abgesandte
ihm mittheilen müsste; dass eine solche Mittheilung geschehen sey, und
das Resultat derselben in gewissen heiligen Büchern, die übrigens in
einer sehr dunklen Sprache geschrieben sind, vorliege, von deren
richtigem Verständnisse die Seligkeit des Menschen abhange: so könnte
wenigstens eine Schule des Verstandesgebrauches sich mit ihr nicht
befassen. Nur wenn sie diesen Anspruch auf ihr allein bekannte
Geheimnisse und Zaubermittel durch eine unumwundene Erklärung aufgiebt,
laut bekennend, dass der Wille Gottes ohne alle besondere Offenbarung
erkannt werden könne, und dass jene Bücher durchaus nicht
^Erkenntnissquelle^, sondern nur ^Vehiculum des Volksunterrichtes^
seyen, welche, ganz unabhängig von dem, was die Verfasser etwa wirklich
gesagt haben, beim wirklichen Gebrauche also erklärt werden müssen, wie
die Verfasser hätten sagen sollen; welches letztere, wie sie hätten
sagen sollen, darum schon vor ihrer Erklärung anderwärtsher bekannt seyn
müsse: nur unter dieser Bedingung kann der Stoff, den sie bisher
besessen hat, von unserer Anstalt aufgenommen und jener Voraussetzung
gemäss bearbeitet werden. Ferner haben mehrere bisher auf den
Universitäten bearbeitete Fächer (als die soeben erwähnte Theologie, die
Jurisprudenz, die Medicin) einen Theil, der nicht zur wissenschaftlichen
Kunst, sondern zu der sehr verschiedenen praktischen Kunst der Anwendung
im Leben gehört. Es gereicht sowohl einestheils zum Vortheile dieser
praktischen Kunst, die am besten in unmittelbarer und ernstlich
gemeinter Ausübung unter dem Auge des schon geübten Meisters erlernt
wird, als anderentheils zum Vortheile der wissenschaftlichen Kunst
selbst, welche zu möglichster Reinheit sich abzusondern und in sich
selbst sich zu concentriren hat: dass jener Theil von unserer
Kunstschule abgesondert, und in Beziehung auf ihn andere für sich
bestehende Einrichtungen gemacht werden. Was inzwischen auch in dieser
Rücksicht von der wissenschaftlichen Kunstschule zu beobachten sey,
werden wir bei Erwähnung der einzelnen Fälle beibringen.
§. 23.
Nächst der Philosophie macht die ^Philologie^, als das allgemeine
Kunstmittel aller Verständigung, mit Recht den meisten Anspruch auf
Universalität. Ob auch wohl überhaupt ^für das gesammte studirende
Publicum^ auf der höheren Schule es eines philologischen Unterrichtes
bedürfen, oder vielmehr dieser schon auf der niederen Schule beendigt
seyn solle, ob insbesondere für diejenigen, ^die sich zu Schullehrern^
bestimmen, und für die es allerdings einer weiteren Anführung bedarf,
die dahingehörigen Anstalten nicht schicklicher mit den niederen Schulen
selbst vereinigt werden würden: -- die Beantwortung dieser Frage können
wir für jetzt ^dem^ Zeitalter, da die allgemeine Encyklopädie geltend
gemacht seyn, und die niedere Schule seyn wird, was sie soll,
anheimgeben, und vorläufig es beim Alten lassen.
§. 24.
Von der ^Mathematik^ sollte unseres Erachtens der reine Theil bis zu
einer gewissen Potenz schon auf der niederen Schule vollkommen abgethan
seyn; und es wäre hierdurch das, was oben über das Pensum dieser Schule
gesagt worden, zu ergänzen. Da auch hierauf im Anfange nicht zu rechnen
ist, so wäre vorläufig ein auf diesen gegenwärtigen Zustand der niederen
Schule berechneter Plan des mathematischen Studiums zu entwerfen. --
Auf allen Fall ist mein Vorschlag, dass ein ^Comité^ aus unseren
tüchtigsten Mathematikern ernannt, diesen unser Plan im Ganzen
vorgelegt, und ihnen aufgegeben würde, die Beziehung ihrer Wissenschaft
auf denselben zu ermessen, und demzufolge durch allgemeine Uebereinkunft
^Einen^ aus ihrer Mitte zu ernennen, oder auch einen Fremden zur
Vocation vorzuschlagen, dem die Encyklopädie, der Plan und die Direction
dieses ganzen Studiums übertragen würde.
§. 25.
Die gesammte Geschichte theilt sich in die Geschichte der ^fliessenden^
Erscheinung, und in die der ^dauernden^. Die erste ist die vorzüglich
also genannte Geschichte oder Historie, mit ihren Hülfswissenschaften;
die zweite die Naturgeschichte, -- welche ihren theoretischen Theil hat,
die Naturlehre.
In der ersten ist der zu berufende Ober- und encyklopädische Lehrer über
unseren Grundplan zu verständigen; worüber er vorläufig mit uns einig
seyn muss.
Das ausgedehnte Fach der ^Naturwissenschaft^ betreffend, welche durchaus
als ein organisches Ganze behandelt werden muss, kann ich nur ein
^Comité^, so wie oben bei der Mathematik, in Vorschlag bringen, das aus
seiner Mitte, oder auch einen Fremden rufend, den Encyklopädisten,
Entwerfer des Lehrplans, und Director des ganzen Studiums erwähle, und
falls es so nöthig befunden würde, nach seinem Plane den Vortrag
desselben, auch hier mit der beständigen Rücksicht, dass nicht mündlich
mitgetheilt werde, was so gut oder besser sich aus dem Buche lernen
lässt, ^unter sich vertheile^. Das Haupterforderniss eines solchen
Planes ist Vollständigkeit und organische Ganzheit der Encyklopädie.
Zugleich hat sie für ihr Fach sich mit der niederen Schule über die
Grenze zu berichtigen, und dieser die Potenz, die sie hervorbringen
soll, als ihr künftiges Pensum aufzugeben, welches auch für die oben
erwähnten, sowie für alle folgenden Fächer gilt, und hier einmal für
immer erinnert wird. Bloss die Philosophie verbittet die directe
Vorbereitung der niederen Schule, und ist nur ausschliessend eine Kunst
der höheren.
§. 26.
Die drei sogenannten höheren Facultäten würden schon früher wohlgethan
haben, wenn sie sich, in Absicht ihres wahren Wesens, in dem ganzen
Zusammenhange des Wissens deutlich erkannt, und sich darum nicht,
pochend auf ihre praktische Unentbehrlichkeit und ihre Gültigkeit beim
Haufen, als ein abgesondertes und vornehmeres Wesen hingestellt, sondern
lieber jenem Zusammenhange sich untergeordnet und mit schuldiger Demuth
ihre Abhängigkeit erkannt hätten; indem sie nemlich verachteten, wurden
sie verachtet, und die Studirenden anderer Fächer nahmen keine Notiz von
dem, was jene ausschliessend für sich zu besitzen begehrten, wodurch
sowohl ihrem Studium, als der Wissenschaft im Grossen und Ganzen sehr
geschadet wurde. Wir werden auf Belege dieser Angabe stossen. Eine
wissenschaftliche Kunstschule muthet ihnen sogleich bei ihrem Eintritte
in ihren Umkreis diese Bescheidenheit zu.
Der wissenschaftliche Stoff der ^Jurisprudenz^ ist ein Capitel aus der
Geschichte; sogar nur ein Fragment dieses Capitels, wie sie bisher
behandelt worden. Sie sollte seyn ^eine Geschichte der Ausbildung und
Fortgestaltung des Rechtsbegriffes unter den Menschen^, welcher
^Rechtsbegriff^ selber, unabhängig von dieser Geschichte, und als
^Herrscher^, keinesweges als ^Diener^, schon vorher durch Philosophiren
gefunden seyn müsste. In ihrer gewöhnlichen ersten, lediglich
praktischen Absicht, -- nur ^Richter^, welches ein untergeordnetes
Geschäft ist, zu bilden, wird sie Geschichte jener Ausbildung in dem
Lande, in welchem wir leben, und wenn es hoch geht, unter den Römern,
und so Fragment; aber ihr letzter praktischer Zweck ist der, den
^Gesetzgeber^ zu bilden; und für diesen Behuf möchte ihr wohl das ganze
Capitel rathsam seyn; denn obwohl, was überhaupt Gesetz seyn solle,
schlechthin ^a priori^ erkannt wird, so dürfte doch die Kunst, die
besondere Gestalt dieses Gesetzes für jede gegebene Zeit zu finden und
es ihr anzuschmiegen, der Erfahrung der gesammten bekannten Zeit in
demselben Geschäfte bedürfen. Richteramt sowohl als Gesetzgebung sind
praktische Anwendung ^der Geschichte^; und so hat die Jurisprudenz zu
ihrer ersten Encyklopädie die Encyklopädie der Geschichte, indem dieses
der Boden ist, auf welchem sie und der wissenschaftliche
Verstandesgebrauch in ihr ruhet, und die Ausübung derselben in ihrer
höchsten Potenz eigentlich die Kunst ist, eine Geschichte, und zwar eine
erfreulichere, als die bisherige, hervorzubringen. Die Anführung aber
zur praktischen Anwendung im Leben fällt ganz ausser den Umkreis der
Schule, und wären hierin die Schüler an die ausübenden Collegia zu
verweisen, unter deren Augen, aber auf die ^Verantwortung^ der Beamten,
denen sie anvertraut worden, sie für die künftige Geschäftsführung sich
vorbereiteten. Ich schlage daher für dieses Fach ein ^Comité^ vor, in
welchem aber der oben beschriebene Encyklopädist der Geschichte Sitz,
und für seinen Antheil entscheidende Stimme hätte. Dieses hätte einen
besonderen Encyklopädisten für die ^Theile^ und die Literatur des
beschriebenen Capitels anzustellen, den Studienplan vorzuzeichnen, und
die Anstalten für praktische Bildung unabhängig von der
wissenschaftlichen Kunstschule zu organisiren. Ich hoffe, dass bei
entschiedener Durchführung des Satzes, nicht mündlich zu lehren, was im
Buche steht, der Lectionskatalog dieser Facultät kürzer werden wird, als
er bisher war; wiewohl durch unsere Grundsätze des zu Erlernenden mehr
geworden ist.
Die ^Heilkunde^ ruht auf dem zweiten Theile des positiv zu Erlernenden,
der ^Naturwissenschaft^; jedoch erlaubt ihr gegenwärtiger Zustand den
Zweifel, in welchem auch der Schreiber dieses sich zu befinden gern
bekennt, ob aus jener unstreitig wissenschaftlichen Basis in der
wirklichen Heilkunde auch nur ein einziger ^positiver Schluss^ zu
machen, und somit, ob diese Basis ^Leiterin^ sey in der Ausübung, wie in
der Jurisprudenz dies offenbar der Fall ist, oder ob nur gewissen
allgemeinen Resultaten jener Basis bloss nicht ^widersprochen werden
dürfe^ durch die Ausübung; jene daher (die Wissenschaft) für diese (die
Ausübung) nur ^negatives Regulativ^ und ^Correctiv^ wäre? Sollte, wie
wir befürchten, das Letzte der Fall seyn, und wie wir gleichfalls
befürchten, immerfort bleiben müssen, so gäbe es von der Wissenschaft in
irgend einem ihrer Zweige zu der ausübenden Heilkunde gar keinen
stätigen positiven Uebergang, sondern die letztere hätte ihren
eigenthümlichen Boden in einer ^besonderen^, niemals auf ^positive
Principien zurückzuführenden Beobachtung^; sie wäre somit von der
wissenschaftlichen Schule, welche alle Zweige der Naturwissenschaft bis
zu Anatomie, Botanik u. dergl. ohne alle Rücksicht auf Heilkunde, und
als jedem wissenschaftlich gebildeten Menschen überhaupt durchaus
anzumuthende Kenntnisse, sorgfältig triebe, abzusondern, und in einem
für sich bestehenden Institute, rein und ohne wissenschaftliche
Beimischung, die als in der Schule erlernt vorausgesetzt wird, von der
^materia medica^ z. B. an, die ja nichts ist, als die Anwendung der
ärztlichen Empirie auf die Botanik und dergl., zu treiben. Welche
unermesslichen Vortheile eine solche Verselbstständigung der
Naturwissenschaft, die bisher häufig nur als Magd der Heilkunde
betrachtet und bearbeitet wurde, und an ihrem Theile auch der Heilkunde,
dadurch aber dem ganzen wissenschaftlichen Gemeinwesen bringen würde,
leuchtet wohl von selbst ein. Es wäre daher aus Sachkundigen ein Comité
zu Beantwortung der oben aufgeworfenen Frage und zu Organisirung
derjenigen Anstalten, welche das Resultat dieser Beantwortung
erforderte, zu ernennen. Dass ein solches selbstständiges Institut der
Heilkunde den ihm anheimgefallenen Stoff nach einem festen, auf seine
Encyklopädie begründeten Plane, nach der Maxime, nicht zu lehren, was im
Buche schon steht, behandelte, wäre auch ihm zu wünschen, und es würde
sich von selbst verstehen.
Nun aber, welches ja nicht aus der Acht zu lassen, haben auch die
wichtigsten Resultate der fortgesetzten ärztlichen Beobachtung, deren
wirkliche Vollziehung ihr allein überlassen wird, als ein Theil der
gesammten Naturbeobachtung, Einfluss auf den Fortgang der ganzen
Naturwissenschaft, und so muss auch die wissenschaftliche Schule sie
keinesweges verschmähen, sondern sich in den Stand setzen, fortdauernd
von ihr Notiz zu haben und bei ihr zu lernen. Jedoch wird die Ausbeute
davon niemals sofort und auf der Stelle eingreifen in das Ganze, und so
in den encyklopädischen Unterricht gehören; es wird drum eine andere, an
ihrem Orte anzugebende Maassregel getroffen werden müssen, dieselbe
aufzunehmen, und sie bis zur Eintragung in die Encyklopädie
aufzubewahren.
Dass die ^Theologie^, falls sie nicht den ehemals laut gemachten und
auch neuerlich nie förmlich zurückgenommenen Anspruch auf ein Geheimniss
feierlich aufgeben wollte, in eine Schule der Wissenschaft nicht
aufgenommen werden könne, ist schon oben gezeigt. Giebt sie ihn auf, so
bequemt sie sich dadurch zugleich zu der bisher auch nicht so recht
zugegebenen Trennung ihres praktischen Theiles von ihrem
wissenschaftlichen.
Um zuvörderst den ersten abzuhandeln: der Volkslehrer, den sie bisher zu
bilden sich vorsetzte, ist in seinem Wesen der Vermittler zwischen dem
höheren, dem wissenschaftlich ausgebildeten Stande (denn einen anderen
höheren Stand giebt es nicht, und was nicht wissenschaftlich ausgebildet
ist, ist Volk), und dem niederen, oder dem Volke. Zunächst zwar, und
dies mit vollem Rechte, knüpft er sein Bildungsgeschäft an die Wurzel
und das Allgemeinste aller höheren menschlichen Bildung, an die Religion
an; aber nicht bloss diese, sondern alles, was von der höheren Bildung
an das Volk zu bringen und seinem Zustande anzupassen ist, soll er
immerfort demselben zuführen.
Nichts verhindert, dass er nicht noch neben diesem Berufe ein die
Wissenschaft selbst in ihrer Wurzel selbstthätig bearbeitender und sie
weiter bringender Gelehrter sey, wenn er ^will^ und ^kann^; aber es ist
ihm für diesen Beruf nicht nothwendig, und drum ihm nicht anzumuthen. Es
ist für ihn hinlänglich, dass er überhaupt die Kunst besitze,
wissenschaftliche Gegenstände zu ^verstehen^ und sich über sie
^verständlich zu machen^, die er ja schon in der niederen Schule, welche
er auf alle Fälle durchzumachen hat, gelernt haben wird; ferner von dem
gesammten wissenschaftlichen Umfange die allgemeinsten Resultate, und
das Vermögen, erforderlichen Falles durch Nachlesen sich weiter zu
belehren, worin ihm die an der wissenschaftlichen Schule eingeführten
Encyklopädien den Unterricht und die nöthigen Literaturkenntnisse geben.
Die nöthige Anführung zum Philosophiren hat er beim Philosophen zu
holen. Für sein nächstes Geschäft der religiösen Volksbildung hat er zu
allererst sein Religionssystem in der Schule des Philosophen zu bilden.
Für das Anknüpfen seines Unterrichtes an die biblischen Bücher wird es
vollkommen hinreichen, dass ein Buch geschrieben und ihm in die Hände
gegeben werde, in welchem aus diesen Büchern der Inhalt ächter Religion
und Moral entwickelt werde, wobei nun weder die Verfasser dieses Buches,
noch der dadurch zur Bibel^anwendung^ anzuleitende künftige Volkslehrer
sehr bekümmert zu seyn brauchen über die Frage, ob die biblischen
Schriftsteller es wirklich also gemeint haben, wie sie dieselben
erklären; das Volk aber vor dieser, durchaus nicht in seinen
Gesichtskreis gehörigen Frage sorgfältig zu bewahren ist. Der
Volkslehrer hat darum durchaus nicht nöthig, die biblischen
Schriftsteller nach ^ihrem wahren, von ihnen beabsichtigten Sinne^ zu
verstehen; wie denn ohne Zweifel auch bisher, ohngeachtet es
beabsichtiget und häufig vorgegeben worden, weder bei ihm, noch auch oft
bei seinem Professor in der Exegese, dies der Fall gewesen; und wir
somit nicht einmal eine Neuerung, sondern nur das Geständniss der wahren
Beschaffenheit der Sache, und das besonnene Aufgeben eines unnöthigen
und vergeblichen Strebens begehren. Ueber ^Pastoralklugheit^, d. i. über
seine eigentliche Bestimmung als Volkslehrer im Ganzen eines
Menschengeschlechts, und die Kunstmittel, dieselbe zu erfüllen, wird er
ohne Zweifel auch beim Philosophen einige Auskunft finden können. Sein
eigenthümlich ihm anzumuthender Charakter, die ^Kunst^ der
^Popularität^, und die Uebungen derselben durch katechetische,
homiletische, auch ^Umgangsinstitute^ mit Gliedern aus dem Volke, sind
der wissenschaftlichen Schule, welche den scientifischen Vortrag
beabsichtigt, entgegengesetzt, drum von ihm abzusondern, und am
schicklichsten den ausübenden Volkslehrern, wie bei den Juristen, zu
übertragen. Das eigentliche Genie für den künftigen Volkslehrer ist ein
frommes, Menschen und besonders das Volk liebendes Herz; hierauf wäre
bei der Zulassung zu diesem Berufe hauptsächlich zu sehen, und besonders
bei Besetzung der Consistorien, als etwa der künftigen Schulen solcher
Lehrer, würde weit mehr auf diese Eigenschaften, als auf andere
glänzende Talente oder auf ausgebreitete Kenntnisse Rücksicht genommen
werden müssen.
Der wissenschaftliche Nachlass dieser, als einer priesterlichen
Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen mit Tode abgegangenen
Theologie an die wissenschaftliche Schule würde durch eine solche
Veränderung seine ganze bisherige Natur ausziehen und eine neue anlegen.
Es hat derselbe zwei Theile: ein von der Philologie abgerissenes Stück,
und ein Capitel aus der Geschichte. Die morgenländischen Sprachen, zu
denen der den Theologen bis jetzt fast ausschliessend überlassene
hebräische Dialekt einen leichten und schicklichen Eingang darbietet,
machen einen sehr wesentlichen Theil der Sprachentwickelung des
menschlichen Geschlechts aus, und sind bei einer einst zu hoffenden
organischen Uebersicht derselben ja nicht auszulassen; die
hellenistische Form nun vollends der griechischen biblischen
Schriftsteller gehört zur Kenntniss der griechischen Sprache im Ganzen,
welche Sprache ja auf unseren Schulen getrieben wird. Beide erhalten
gegen den aufgegebenen höchst zweideutigen Anspruch, heilige Sprachen zu
seyn, den weit bedeutenderen, dass sie menschliche Sprachen sind,
zurück, und fallen der niederen Schule, die sich ja der Trägheit schämen
wird, die beschränkte hebräische Sprache nicht allgemein bearbeiten zu
können, da sie die sehr reiche griechische Sprache mit Glück bearbeitet,
wiederum anheim. Ferner sind die biblischen Schriftsteller ja höchst
bedeutende Formen der Entwickelung des menschlichen Geistes, deren
wahrer Werth bloss darum nicht beachtet worden, weil ein erdichteter
falscher alle Aufmerksamkeit der einen Partei anzog, und den Hass und
die unbedingte Nichtbeachtung der anderen Partei erregte. Von nun an,
^sine ira et studio^ in dieser Sache urtheilend, werden wir es ebenso
belehrend und ergötzend finden, den Jesaias zu lesen, als den Aeschylos,
und den Johannes als den Plato, und es wird uns mit dem richtigen
Wortverständnisse derselben, ^welches das gelehrte Studium allerdings
anstreben wird^, weit besser gelingen, wenn auch die ersten ebensowohl
als die zweiten zuweilen auch ^unrecht^ haben dürften, als vorher, da
sie immer, und für die besondere Ansicht jedes neuen Exegeten, recht
haben sollten, welches ohne mancherlei Zwang und ohne nie endenden
Streit nicht zu bewerkstelligen war. Diese Exegese wird redlich seyn,
auch redlich gestehen, was sie nicht versteht, dagegen die vom
theologischen Principe ausgehende höchst unredlich war; (das oben
Vorgeschlagene aber gleichfalls keine unredliche Exegese ist, da es
überhaupt nicht Exegese ist, noch sich dafür giebt, indem eine solche
eine gelehrte Aufgabe ist, die durchaus vor das Volk nicht gehört).
Das Capitel aus der Historie, wovon die bisherige Theologie einen
Haupttheil sich fast ausschliessend zugeeignet, ist die ^Geschichte der
Entwickelung der religiösen Begriffe unter den Menschen^. Es geht aus
dem gebrauchten Ausdrucke hervor, dass die Aufgabe umfassender ist, als
die Theologie sie genommen, indem auch über die Religionsbegriffe der
sogenannten Heiden Auskunft gegeben werden müsste, und dass die
wissenschaftliche Schule sie in dieser Ausdehnung nehmen wird. Mit
diesen zu ihr gehörigen und sie erklärenden Bestandtheilen versehen,
ferner ohne alles Interesse für irgend ein Resultat, und mit redlicher
Wahrheitsliebe bearbeitet, wird auch die eigentliche Kirchengeschichte
eine ganz andere Gestalt gewinnen, und man wird der Lösung mehrerer
Probleme (z. B. über die wahren Verfasser mancher biblischen Schriften,
über die ächten oder unächten Theile derselben, die Geschichte des
Kanon, u. s. w.), die dem Unbefangenen noch immer nicht gründlich gelöst
zu seyn scheinen könnten, näher kommen, oder auch genau finden und
bekennen, was in dieser Region sich ausmitteln lasse, und was nicht. Es
wäre, wie sich versteht, dieser Theil der Geschichte dem Encyklopädisten
der gesammten Geschichte, zur Verflechtung in seinen Studienplan,
anheimzugeben. --
Zur Entscheidung über die oben vorgelegte Hauptfrage, und falls die
Antwort darauf befriedigend ausfiele, zur Entwerfung eines festen Planes
und Errichtung eines besonderen Institutes zur Bildung künftiger
Volkslehrer wäre ein aus sachverständigen und guten Theologen und
Predigern bestehendes Comité niederzusetzen.
§. 27.
Diesen zu beauftragenden einzelnen Männern und Comités wäre, ausser den
schon angeführten Geschäften, auch noch folgendes aufzugeben, dass sie
vollständig untersuchten, was an gelehrtem Apparate für jedes Fach
(Bücher, Kunst- und Naturaliensammlungen, physikalische Instrumente, und
dergl.) vorhanden sey, welche Notwendigkeiten dagegen uns abgingen und
angeschafft werden müssten; für vollständige Kataloge und Repertorien
dieser Schätze sorgten; und in ihre Studienpläne den zweckmässigen,
folgegemässen Gebrauch derselben aufnähmen. Falls die beauftragten
einzelnen Männer neben ihrem ersten Geschäfte zu diesem nicht Zeit
fänden, so wären sie zu ersuchen, einen anderen tüchtigen Mann für
dasselbe zu ernennen.
In diesem Geschäfte hätten sie von einer Seite sich sorgfältig zu hüten,
dass sie, etwa um nichts umkommen zu lassen, oder aus Streben nach
äusserem Glanze und Rivalität mit anderen gelehrten Anstalten, durch
Beibehaltung überflüssiger Dinge der Reinheit und Einfachheit unserer
Anstalt Abbruch thäten; sowie von der anderen Seite nichts zu sparen am
wirklich Nöthigen. Was den äusseren Glanz betrifft, so wird uns dieser,
falls wir nur das innere Wesen redlich ausbilden, von selbst zufallen;
die bedachte Beachtung desselben aber, und die Nachahmung anderer, von
denen wir nicht Beispiele annehmen, sondern sie ihnen geben wollen,
würde uns wiederum in die Verworrenheit hineinwerfen, welche ja von uns
abzuhalten unser erstes Bestreben seyn muss.
§. 28.
Durch die allseitige Lösung der aufgestellten Aufgaben wäre nun fürs
erste zu Stande gebracht das ^lehrende Subject^ der wissenschaftlichen
Kunstschule. Wir könnten mit den encyklopädischen Vorlesungen eine, fürs
erste in ihren übrigen Bestimmungen ^ganz gewöhnliche Universität^
eröffnen. Es wären jedoch diese gesammten Vorlesungen, in denen, immer
nach dem Ermessen des Lehrers, der fortfliessende Vortrag mit Examinibus
und Conversatorien, deren Besuchung jedem Studirenden ^freistände^,
keiner aber dazu ^verbunden^ wäre, abwechselte, über das erste
Unterrichtsjahr also zu vertheilen, dass die Studenten, und wenn sie es
wollten, auch die Lehrer, diese Vorlesungen alle hören könnten, dennoch
aber den ersteren zum aufgegebenen Bücherlesen und zur Ausarbeitung der
Aufsätze, -- von welchem demnächst, -- den letzteren zu Beurtheilung
dieser Aufsätze Zeit übrig bliebe. Es möchte in dieser Zeitberechnung
bei beiden Theilen in Gottes Namen auf noch mehr als den üblichen Fleiss
und Berufstreue gerechnet werden; indem diese Eigenschaften ohnedies an
unserer Schule an die Tagesordnung kommen sollen, und drum nicht zu früh
eingeführt werden können.
§. 29.
^Während^ dieser encyklopädischen Vorlesungen des ersten Lehrjahres
stellen der philosophische Lehrer sowohl, als die übrigen
encyklopädischen eine ^Aufgabe^ an ihr Auditorium, in dem oben sattsam
charakterisirten Geiste; so dass das aus dem mündlichen Vortrage oder
dem Buche Erlernte nicht bloss wiedergegeben, sondern dass es zur
Prämisse gemacht werde, damit sich zeige, ob der Jüngling es zu seinem
freien Eigenthume erhalten habe, und als anhebender Künstler etwas
Anderes daraus zu gestalten vermöge. Diese Aufgabe bearbeitet jeder
Studirende, der da will, in einem Aufsatze, den er zu einem bestimmten
Termine vor Beendigung des Lehrjahres, mit einem versiegelten Zettel,
der den Namen des Verfassers enthalte, bei dem aufgebenden Lehrer
einsendet. Der Lehrer prüft diese Aufsätze und hebt die vorzüglichsten
heraus.
In dieser Beurtheilung der Aufsätze ist bei rein philosophischem Inhalte
der Lehrer der Philosophie unbeschränkt: zur Krönung anderer aber, die
einen positiv wissenschaftlichen Stoff haben, müssen der encyklopädische
Lehrer des Faches und der Philosoph (später, wenn wir eine solche haben
werden, die philosophische Klasse) sich vereinigen, der ^erstere^
entscheidend über die Richtigkeit und die auf dieser Stufe des
Unterrichts anzumuthende Tiefe und Vollständigkeit der historischen
Erkenntniss, der zweite über den philosophischen und Künstlergeist, mit
welchem jener Stoff verarbeitet worden. Ein von ^Einem^ dieser beiden
verworfener Aufsatz bleibt verworfen, obschon der andere Theil ihn
billigte. Die Nothwendigkeit dieser Mitwirkung der philosophischen
Klasse liegt im Wesen einer Kunstschule: die Mitwirkung des historischen
Wissens aber soll uns dagegen verwahren, dass nicht in empirischen
Fächern ^a priori^ phantasirt werde, statt gründlicher Gelehrsamkeit.
Am ^Schlusse^ des ersten Lehrjahres wird das Resultat der also
vollzogenen Beurtheilung der eingegebenen Aufsätze, und die Namen derer,
deren Ausarbeitungen gebilligt sind, bekannt gemacht; und es treten von
ihnen diejenigen, ^welche wollen^, zusammen, als der erste Anfang eines
^lernenden Subjects^, in höherem und vorzüglicherem Sinne, an unserer
wissenschaftlichen Kunstschule. Welche wollen, sagte ich; denn obwohl
die Ausfertigung eines Aufsatzes, und die Unterwerfung desselben unter
die Beurtheilung des lehrenden Corps, diesen Willen vorauszusetzen
scheint: so können mit dem ersten doch auch mancherlei andere Zwecke
beabsichtigt werden, von denen zu seiner Zeit; alle Studirenden an
unserer Universität können auch für diese Zwecke berechtiget werden; und
es muss darum jedem, der sogar beitreten ^dürfte^, überlassen werden, ob
er ^will^. Inzwischen wird die Fortsetzung unseres Entwurfes ohne
Zweifel die sichere Vermuthung begründen, dass jeder wollen werde, der
da dürfe.
§. 30.