Inhalt

Johann Gottlieb Fichte's

sämmtliche Werke.

Herausgegeben

von

I. H. FICHTE.

Achter Band.

Berlin, 1846.

Verlag von Veit und Comp.

Johann Gottlieb Fichte's

sämmtliche Werke.

Herausgegeben

von

I. H. FICHTE.

Dritte Abtheilung.

Populärphilosophische Schriften.

Dritter Band:

Vermischte Schriften und Aufsätze.

Berlin, 1846.

Verlag von Veit und Comp.

Inhaltsanzeige

des achten Bandes.

Seite

1) Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen, 1801 3-93

2) Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren 97-204

Lehranstalt, 1807

Beilagen zum Universitätsplane (ungedruckt):

a. Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke 207-216

an einer deutschen Universität, 1805

b. Rede bei einer Ehrenpromotion an der Universität zu 216-219

Berlin, am 16. April 1811

3) Vermischte Aufsätze:

A. Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks, 223-244

ein Räsonnement und eine Parabel, 1791

B. Zwei Predigten aus dem Jahre 1791 (ungedruckt) 245-269

C. Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie, 1794 270-300

D. Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der 301-341

Sprache, 1795

E. Ueber Belebung und Erhöhung des Interesse an 342-352

Wahrheit, 1795

F. Aphorismen über Erziehung, 1804 (ungedruckt) 353-360

G. Bericht über die Wissenschaftslehre und die 361-407

bisherigen Schicksale derselben, 1806 (ungedruckt)

4) Recensionen:

A. Von Creuzers skeptischen Betrachtungen über die 411-417

Freiheit des Willens, 1793

B. Von Gebhard über sittliche Güte, 1793 418-426

C. Von Kant zum ewigen Frieden, 1796 427-436

5) Poesien und metrische Uebersetzungen:

A. Das Thal der Liebenden, Novelle, 1786 (ungedruckt) 439-459

B. Kleinere Gedichte (meist ungedruckt) 460-471

C. Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen 472-479

und Italiänischen (meist ungedruckt)

Vorrede des Herausgebers.

Der vorliegende achte Band der Werke enthält Alles, was von gedruckten

und von ungedruckten Aufsätzen vermischten Inhaltes der Aufbewahrung

werthgehalten wurde, und was im dritten Theile der »Nachgelassenen

Werke« noch nicht erschienen ist. Diese beiden Bände stehen daher in

nächster ergänzender Beziehung zueinander.

Die Schrift, welche hier die Reihe eröffnet: »Nicolai's Leben und

sonderbare Meinungen« (1801), wird bei ihrem Wiedererscheinen, da ihr

Gegenstand unserer unmittelbaren Erinnerung und unserem parteinehmenden

Interesse entrückt ist, wohl so heiter und so objectiv aufgenommen

werden, als sie ursprünglich entworfen ward. Gleichwie wir aus den

Selbstbekenntnissen des Dichters wissen, dass er sich mit dem ihm

Feindlichen am Sichersten versöhnt habe, indem er es zum Gegenstande

poetischer Darstellung machte: so ist es die ächte, überwindende und

abschliessende Polemik des Denkers, wenn er das Gegnerische aus seinem

Principe begreift und in der unwillkürlichen Consequenz seiner

Verkehrtheit erschöpfend darlegt. Als Beispiel dieses Humors der

Gründlichkeit wird das kleine Werk eine eigenthümliche Stelle behaupten

neben den wenigen polemischen Musterstücken unserer Literatur. Das

dreizehnte oder Schlusscapitel aus demselben: »Von den letzten Thaten,

dem Tode und der wunderbaren Wiederbelebung unseres Helden,« (Bd. VIII.

S. 89 ff.) welches der ursprüngliche Abdruck nur bruchstückweise enthält

(S. 128 ff.), ist zwar im Manuscripte noch vollständig vorhanden; doch

bleibt es, aristophanischer Derbheiten voll, auch jetzt kaum

mitzutheilen.

Der »Universitätsplan« gehört in jene Reihe von Entwürfen zur

Umgestaltung der gesammten Nationalbildung, von denen wir in der Vorrede

zum siebenten Bande Bericht erstattet. Er schrieb ihn auf Anregung des

damaligen preussischen Cabinetsraths Beyme, der in Betreff desselben

»sein ganzes Vertrauen auf ihn setzte« und bei dem Entwurfe selbst ihn

davon lossprach, »an das Alte und Ueberlieferte sich zu binden« (Worte

aus einem ungedruckten Briefe des Letzteren).

So entstand jener Plan auf einer völlig neuen Grundlage des Begriffes

einer Universität, und war ebenso auf ein neues Ziel gerichtet. In

ersterer Beziehung wurde geltend gemacht, dass die Universität weit

weniger Lehranstalt seyn solle, als Bildungsschule des freien

Verstandesgebrauches: leitender Grundsatz sey, durchaus nichts mündlich

zu lehren, was auch im Drucke vorliege und auf diese Weise weit besser

und sicherer an den Zögling gebracht werden könne; vielmehr solle der

akademische Unterricht nur in dem ununterbrochenen und innigen

Wechselverkehr zwischen Lehrer und Lernenden bestehen, in

Modificationen, welche der Plan ausführlich darlegt, um eben dadurch zur

»Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches« sich zu

erheben. Als Ziel aber wurde gezeigt, dass dem Zöglinge dieser

Kunstschule nach dem Eigenthümlichen seines Talentes und nach dem

Ergebnisse seines Fleisses und seiner Ausbildung, auch die sichere

Aussicht auf die höchsten Staatsämter eröffnet werde, ohne dass dabei,

wie bisher, dem Stande oder sonstigen zufälligen Unterschieden der

geringste Einfluss bleibe, damit der auch von daher neu umgestalteten

Staatsverwaltung (auf Preussen wurde nemlich dabei zuerst gerechnet) die

höchste Blüthe der Wissenschaft und des Talentes zu steter Erfrischung

und Selbsterneuerung immerfort zu Gute komme.

Es ist leicht erklärbar, nachdem zugleich die oberste Leitung der

Universitätsangelegenheiten in andere Hände gekommen war, warum unter

den damaligen Umständen, die guten Theiles noch jetzt fortdauern, ein

solcher Plan, sowohl in seinem Ausgangspuncte, als in seiner letzten

Absicht, unausführbar befunden werden musste. Berlin wurde eine

Hochschule, wie jede andere auch; und was ihr höheren Glanz verlieh, war

nicht das Vollkommene oder Rationellere ihrer ursprünglichen

Organisation, sondern der Ruf einzelner Lehrer, die verschwenderische

Fülle der Lehrmittel, welche sie darbot, endlich das äussere Ansehen,

das ihre eigenthümliche Stellung in der Nähe der obersten

Regierungsgewalten ihr verlieh.

Dies Verhältniss erzeugte jedoch im weiteren Verlaufe eine andere, also

noch nie dagewesene Erscheinung. Man sah vor Augen, wie mächtig der

Einfluss der Wissenschaft sey auf die geistigen Bewegungen der Zeit, und

so empfahl es sich als höchste Maxime der Staatsklugheit, eine

Universität vor allen Dingen zur Bildungsanstalt künftiger Beamten zu

stempeln, und den Geist derselben den jedesmal herrschenden Wünschen und

Absichten der Regierung anzupassen. Hätte man bedacht, was eigentlich in

diesem Grundsatze liegt, und könnte es gelingen, consequent ihn

durchzuführen, so würde ans Licht kommen, dass er in Wahrheit nichts

Geringeres fordert, als jeden Keim der Zukunft der jedesmaligen

Gegenwart aufzuopfern und so den Stillstand zu verewigen!

Wird nun irgend einmal unter den Gegenständen, welche in unserem

Vaterlande einer nothwendigen Umgestaltung entgegengehen, die Reihe auch

an unsere Universitäten kommen; wird man sich sodann die Frage zur

klaren Entscheidung bringen müssen, ob sie auch künftig bloss

Pflanzschulen für Beamte seyn sollen, oder wirklich und ungeschmälert

freie Pflegerinnen der Wissenschaft, von denen der erste Antrieb zu

jedem Weiterschreiten im Staate selber ausgehen müsse: so wird man

gewiss auf denselben höchsten Grundsatz und wenigstens auf ähnliche

Einrichtungen zurückkommen müssen, wie sie in Fichte's Universitätsplane

vorgeschlagen sind, und dieser näheren oder ferneren Zukunft mag dann

eine erneuerte Erwägung desselben vorbehalten bleiben. --

Von den nun folgenden »vermischten Aufsätzen« schien uns jeder

beachtenswerth in verschiedener Beziehung, als Zeugniss von den

Interessen, welchen sich Fichte's Geist zu verschiedenen Zeiten

zugewandt. Ehe er ganz von der Kantschen Philosophie dahingenommen

wurde, war es sein höchstes Ziel, sich zum Kanzelredner zu bilden: was

er darin erstrebte und für das Rechte hielt, mögen die abgedruckten

Predigten zeigen, zusammengehalten mit der schon früher, im dritten

Bande der »Nachgelassenen Werke« (S. 209.), mitgetheilten. Alle drei

scheinen uns nicht ohne urkundliche Kraft und Eigenthümlichkeit, den

künftigen wissenschaftlich-popularen Redner ankündigend.

Von den weiteren Abhandlungen müssen wir »die Briefe über Geist und

Buchstab in der Philosophie« (1794, ursprünglich für Schillers Horen

bestimmt) auszeichnen. Sie stammen aus der ersten, frischesten Zeit der

Erfindung seines Systemes, und geben zugleich am Ausführlichsten von

seinen ästhetischen Principien Kunde. Der ästhetische Trieb wird darin

als das Mittlere zwischen dem Erkenntniss- und dem praktischen Triebe

bezeichnet, als das Ideelle, die Vernunft, aber in Form der Natur, der

^Unmittelbarkeit^ des Bewusstseyns, wodurch der ästhetische Sinn, beiden

Welten angehörend, beide eben vermitteln kann, weil Vernunft und Natur

in ihm auf ursprüngliche Weise als Eins gesetzt sind. So hätte, diesem

unmittelbarsten Entwurfe seines Systemes nach, die Aesthetik die

dritte vermittelnde Disciplin zwischen den beiden Theilen der

Wissenschaftslehre, dem theoretischen und dem praktischen, seyn sollen,

-- eine Auffassung, welcher indess keine weitere Folge gegeben worden

ist, wiewohl sie auch in Fichte's Sittenlehre (Bd. IV. S. 353.) noch dem

Begriffe des Schönen und der Kunst zu Grunde gelegt wird, indem er das

Princip derselben dort also bezeichnet: »dass die schöne Kunst den

^transscendentalen Gesichtspunct^« (den der Vernunft) »zum gemeinen«

(unmittelbaren) »mache.« Wir finden in dieser Bestimmung keinen

wesentlichen Unterschied von der in den späteren Systemen, das Schöne

sey die Idee in sinnlicher Unmittelbarkeit, vielmehr dasselbe, wiewohl

noch unausgeführt und in unbestimmtem Umrisse. Nur dies hinderte bei

Fichte die fruchtbare Entfaltung dieses Gedankens, dass ihm das

eigentlich nächste und unmittelbarste Gebiet dieses Sinnlichwerdens der

Idee, die Natur, fortwährend ^blosse^ Sinnenwelt, ein schematisches, der

Idee untheilhaftes Bewusstseyn blieb. Er konnte kein ^Naturschönes^

anerkennen, und ^deshalb^ musste er auf die Frage, wo die Welt des

schönen Geistes sey, antworten: »Innerlich in der Menschheit, ^und sonst

nirgends^« (S. 354.). Diese Ausschliesslichkeit gegen die Natur tritt

nun in jener Abhandlung noch nicht hervor: das neue Princip sucht noch

das Reich der Wahrheit sich zu gewinnen, ohne genau die Grenzen

abzustecken oder Etwas von sich auszuschliessen, und solche

ursprünglichen Urtheile müssen immer für die bezeichnendsten und dem

eigentlichen Sinne des Principes gemässesten gehalten werden.[1]

Vielleicht auch eines Kunsturtheils wegen kann der Aufsatz für

merkwürdig gelten. In jener Zeit, als ganz andere Dichter das Publicum

beherrschten, verkündete er, als einer der frühesten, die Grösse des

Goetheschen Dichtergeistes, nicht in seinen damals allein etwa beliebten

Jugendwerken, sondern in seinen späteren Dichtungen, indem es ihnen

gelungen sey, gerade durch Mässigung der höchsten Kraft, die in sich

harmonische Schönheit darzustellen. --

Die Abhandlung: »über Sprachfähigkeit und Ursprung der Sprache« wird auf

den ersten Anblick vielleicht merkwürdig erscheinen durch das

befremdliche Resultat, auf welches sie hinausgeht. Entschieden ist

wenigstens, dass Fichte späterhin die Sprache nicht bloss mehr für

freies Erzeugniss einer schon ausgebildeten Vernunftthätigkeit hielt,

wiewohl zuzugeben ist, dass er die volle Bedeutung der Sprache überhaupt

zur Verwirklichung des Vernunftbewusstseyns im ^Einzelsubjecte^, in

keiner von seinen wissenschaftlichen Darstellungen vollständig gewürdigt

hat.

[Fußnote 1: Bekanntlich hat Solger im Erwin (I. S. 77.) Fichte's

ästhetisches Princip einer Kritik unterworfen; ebenso ist es neuerdings

von Th. W. Danzel charakterisirt worden in einer sehr beachtenswerthen

Abhandlung: »über den gegenwärtigen Zustand der Philosophie der Kunst«

(in des Herausgebers Zeitschrift für Philosophie etc. Bd. XIV. S. 165

ff.). Das Obenangedeutete und Fichte's hier wiederabgedruckte Abhandlung

mögen dafür zur Ergänzung und Berichtigung dienen.]

Dennoch war der Grund von diesem Allem, wie eben aus jener Abhandlung

deutlich erhellt, ein tiefer und ächt idealistischer. Die Vernunft ist

das Ursprünglichste, Selbstständigste, Unabhängigste im Menschen; sie

bedarf zu ihrer Wirklichkeit nicht, sich an Tonbildern zu befestigen,

die sie vielmehr -- (so sah man überhaupt damals dies Verhältniss an) --

nur in zufällig willkürlicher Gestaltung aus sich hervorbringt. Statt

sprechend, kann sie sich daher auch in der stolzen Innerlichkeit des

Schweigens genügen. Deshalb behauptete er, dass man die Tonsprache für

viel zu wichtig gehalten habe, wenn geglaubt worden sey, dass ohne sie

kein Vernunftgebrauch habe stattfinden können. So war er auch bei

anderer Gelegenheit auf die Frage: ob man nur in Worten zu denken

vermöge, geneigt, darauf mit Nein zu antworten, wo jedoch die genauere

Selbstbeobachtung ihn im Stiche lässt.

Es sey daher gestattet auf den gegenwärtigen Standpunct dieser Frage

einen Blick zu werfen, um das Verhältniss jener Abhandlung zur

philosophischen Sprachwissenschaft der Gegenwart bestimmter

festzustellen. Seit W. von Humboldts Untersuchungen über diesen

Gegenstand steht fest, dass von der Vorstellung, die auch Fichte hier

vertritt, die Tonsprache sey erst ein Product des Bedürfnisses bei schon

erwachter Vernunftthätigkeit gewesen, völlig abgesehen werden müsse. Das

tonbildende Vermögen, so zeigte Humboldt, ist ein durchaus

ursprüngliches, vom Seyn des Menschen unabtrennliches, mit

unwillkürlicher Kraft, aber in tiefer Gesetzlichkeit, sich Luft machend:

-- was er nun an einer vergleichenden Physiologie und Semiotik der Laute

weiter durchführt und mit grossem Reichthume der Beobachtung im

Einzelnen begründet. Bis so weit nun, als Humboldt hierin führt, und von

dieser Seite, ist der Grund und Ursprung der Sprachbildung aufgedeckt;

aber die eigentliche Mitte des Problems ist damit noch nicht erreicht

worden. Dies zum Bewusstseyn zu bringen, ist Fichte's Abhandlung

geeignet, die zugleich noch eine andere, von jener unabtrennliche Frage

anregt, die Frage über das Verhältniss der Zeichen- zur Tonsprache.

Die erstere macht er zur ^Ursprache^, und fügt hinzu, dass sich diese

vielleicht erst nach Jahrtausenden in Gehörsprache verwandelt habe, weil

für Ausbildung der letzteren schon eine wirkliche Thätigkeit der

Vernunft vorauszusetzen sey, wie er dies im weiteren Verlaufe der

Abhandlung an der Erzeugung der grammatischen Formen ausführlich

nachweist. Dies ist ein bedeutender Wink, der nur weiter auszubilden

wäre, und auch der dabei geforderte Zeitverlauf ist ein wichtiges, wohl

zu beachtendes Moment.

Zunächst jedoch muss es als ungerechtfertigt erscheinen, Zeichen- und

Tonsprache in ihrem unmittelbaren Ursprunge überhaupt von einander zu

trennen, und diese später entstehen zu lassen. Unstreitig treten beide

ursprünglich ^mit^ einander hervor, und gehen sogar noch immer, wie wir

täglich bei lebhaft Sprechenden bemerken können, sich ergänzend und

unterstützend nebeneinander her; ja bei Armuth der Tonsprache (wie im

Chinesischen), oder bei dem Mangel derselben (wie in Taubstummheit),

kann die Zeichensprache durch Reflexion und Absicht ebenso zur

articulirten gesteigert werden, wie jene. Dennoch hat Fichte recht: nur

allmählig, im Zeitverlaufe, wird die Tonsprache zum gegliederten

Sprachorganismus, indem die bewusstwerdende Vernunft, das Denken, immer

reicher in sie sich einbildet.

Hier sind wir nun, dem unmittelbaren Anscheine nach, in einen Cirkel

gerathen, zu dessen Vermeidung Fichte eben seine Hypothese von dem

allmähligen Uebergange der Zeichen- in Tonsprache ersann. Ohne

Vernunftgebrauch keine Sprache; aber wie vermag umgekehrt die Vernunft

sich auszubilden, wenn sie nicht eine Sprache vorfindet, als das

gefügige Element ihrer eigenen Verwirklichung? Was ist hier das Erste,

was das Letzte? Fichte hat, seinem Principe gemäss, der Vernunft den

Primat gegeben, und was schon seine nächsten Vorgänger behaupteten, in

der Abhandlung mit neuen, in ihrer Begrenzung schwer zu widerlegenden

Gründen durchgeführt: die Sprache kann nur allmählig entwickelt seyn

durch die steigende Vernunftthätigkeit. Die entgegengesetzte Ansicht

(Bonalds, Franz Baders, Fr. Schlegels u. A.) legt den Nachdruck auf die

andere Seite: die Sprache kann dem Menschen nur verliehen seyn, weil

erst durch sie vermittelt die eigene Vernunft ihm objectiv, er ihrer

bewusst wird. Am Sprechen lernt der Mensch erst zu denken; -- was nicht

minder richtig und unstreitig bleibt. Humboldt endlich hat die

natürliche Grundlage hervorgehoben, aus deren unmittelbarer, aber tief

gesetzmässiger Wirksamkeit alle Lautsprache hervorgeht, das ursprünglich

tonbildende Vermögen des Menschen. Und so kann jetzt abschliessend

ausgesprochen werden, dass zwischen jenen beiden Gegensätzen gar kein

Widerstreit obwaltet, dass beide Geltung haben, aber in gegenseitig sich

beschränkendem Sinne, der jedem daher seine scharfbegrenzte Wahrheit

giebt. Die Sprache ist ebenso »eingeboren,« -- ^Ursprache^, äusserlich

bedingt durch das tonbildende Vermögen des Menschen, innerlich durch die

Immanenz der Vernunft im Menschengeiste -- als sie zu ihrer Ausbildung

und Gliederung doch des steten Fortwirkens jener beiden Factoren bedarf.

Es ist derselbe Process, nur energischer und reicher, der sich auch in

den schon gebildeten Sprachen fortwährend entdecken lässt, indem die

Denkweise eines Zeitalters unwillkürlich in den Veränderungen der

Sprache sich abbildet, sie erweiternd oder verengend, vergeistigend oder

entgeistend. Ebenso scheint von hier aus die Frage nach der Einheit und

Verwandtschaft aller Sprachen von selbst sich zu lösen. Jene »Ursprache«

ist als vollendete und für sich bestehende, nicht geredet worden bei

irgend einem Volke oder in einer bestimmten Zeit: sie wird noch immer

geredet und spricht sich hinein in alle individuellen Sprachen, deren

grössere oder geringere Verwandtschaft von daher stammt; denn sie ist

nur jene im tonbildenden Vermögen liegende Gesetzmässigkeit alles

Sprechens. --

Das philosophische Fragment endlich, »Bericht über den Begriff der

Wissenschaftslehre und die bisherigen Schicksale derselben« (1806),

dessen erster Abschnitt bereits in den »Nachgelassenen Werken«

erschienen war, glaubten wir jetzt, trotz seines polemischen Inhaltes,

in seiner Vollständigkeit nicht mehr zurückhalten zu dürfen, indem es

als Actenstück in der Geschichte des Fichteschen und Schellingschen

Systemes eine wesentliche Stelle einnimmt. Wenn es aber überhaupt

mitgetheilt wurde, so musste dies in ungeschmälerter Ursprünglichkeit

geschehen. Was dagegen zu erinnern wäre, verschwindet grossentheils vor

der Betrachtung, dass hierbei die Erneuerung alter Kämpfe nicht zu

besorgen steht: beide Systeme in ihrer damaligen Gestalt gehören der

Geschichte an, und sind uns zu parteilosem Urtheile schon in eine so

bedeutende Ferne gerückt, dass der Kundige, nach der einen wie der

anderen Seite hin des Rechten nicht verfehlen oder aus anderen Quellen

es leicht sich aneignen kann.

* * * * *

Unter den wiederabgedruckten Recensionen machen wir namentlich auf die

beiden letzten aufmerksam. Die eine (von Gebhards Schrift über sittliche

Güte, 1793) stellt an ihrem Schlusse, hier am Frühesten und zum

Erstenmale, das neue Princip auf, mit welchem Fichte über Kants

Idealismus hinausging. Es wird in der Wendung ausgedrückt: die

praktische Vernunft habe nicht bloss, wie bei Kant, den Primat über die

theoretische, sondern das Praktische, die That, sey als die Eine

Grundbestimmung aller Vernunft und als Fundament alles ^Wissens^ zu

bezeichnen. -- Ebenso ist die kurze Recension von Kants Schrift »zum

ewigen Frieden« (1796), gedankenreich und bedeutend: sie enthält in

gedrängter Darstellung das Unterscheidende der eigenen Rechtslehre von

der Kantischen, und kann so zur Ergänzung des dritten Bandes der Werke

und unserer Vorrede desselben dienen. Aber sie erhebt sich auch zu

weiteren Fragen über die Zukunft der Geschichte; und hier werden

Ansichten über die nothwendige Fortbildung der Gegenwart zum wahren

Staate angedeutet, welche schon im Keime die Ideen seiner späteren

Staatslehre zeigen.

* * * * *

In Betreff der am Schlusse des Bandes mitgetheilten poetischen Versuche

sind wir nicht frei von der Besorgniss, dass mancher Leser einen anderen

Maassstab des Urtheiles zu ihnen hinzubringe, als hier zulässig wäre.

Nicht eigentlich als dichterische Erzeugnisse sind sie aufzufassen, --

ob überhaupt nemlich poetische Productivität zum Talente des Denkers

sich gesellen könne, welcher in der bildlosen Reine des Begriffes und in

der Virtuosität der Abstraction waltet, ist durchaus zu bezweifeln, --

sondern um das Bild von Fichte's Charakter nach einer Seite hin zu

vollenden, die in diesen Werken bisher am Wenigsten hervortreten konnte;

-- wir meinen die gesammte Gemüthsweise, welche in solchen Productionen

am Unverkennbarsten sich darstellt, und die in ihm allezeit ebenso

entschieden zur Einheit ausgeprägt war, wie seine wissenschaftliche

Denkart, ja in dieser nur ihr übereinstimmendes Gegenbild fand. Jene

nun, der tief religiöse Ernst, das kraftvolle Erfassen des Lebens auch

in seinen äusseren und scheinbar gleichgültigen Spitzen, aus diesem

höchsten Mittelpuncte, ist der gemeinsame Faden, der sich auch durch

seine Poesien zieht, selbst bis in den Humor hinein; darum schienen sie

uns charakteristisch und aufbehaltenswerth, und so möge auch die

Aufnahme seines ältesten poetischen Versuches (einer »Novelle« aus dem

Jahre 1786, überhaupt des Frühesten, was im Nachlasse übriggeblieben

ist) erklärt und gerechtfertigt seyn. Vielleicht verdient sie als

literarische Merkwürdigkeit selbst einige Beachtung, wenn man sie mit

dem damals herrschenden Geiste in solchen Erzählungen vergleichen will.

Von hier aus können wir zugleich auf seine ästhetischen Neigungen noch

einen Blick werfen. Wie er in der neueren Poesie dem objectiven Werthe

nach Goethe unbedingt am Höchsten stellte und unter seinen Werken, gegen

die gewöhnliche, auch bis jetzt noch geltende Annahme, seine »natürliche

Tochter,« könnte aus seinem Briefwechsel bekannt seyn (Leben und

Briefwechsel, Bd. II. S. 326 ff.). Dennoch war er auch der Romantik,

namentlich der religiösen, bis in ihre Nebenabsenker mit Vorliebe

zugethan, während ihm Jean Pauls Gefühlsweichheit ebenso, wie sein

geschraubter Humor, ungeniessbar blieb. In Novalis, besonders seinen

geistlichen Liedern, sah er neue Quellen ächter, tieferfrischender

Poesie seinem Zeitalter geöffnet, und Tiecks »heilige Genoveva« erregte

bei ihrem ersten Erscheinen ein so nachhaltiges Interesse in ihm, dass

er diese Gattung romantisch religiöser Dramen selbst zur Darstellung

philosophischer Ideen glaubte erheben zu können. Es ist noch von ihm der

ausführliche Entwurf eines romantischen Trauerspiels: »der Tod des

heiligen Bonifacius« vorhanden, in welchem er den Sieg der Idee eben

dadurch, dass sie äusserlich sich opfert und in sinnlicher Gegenwart

untergeht, zu schildern gedachte. -- In späteren Jahren endlich, als ihn

das Studium des Italiänischen, Spanischen und Portugiesischen

beschäftigte, war es besonders Dante, der ihn mächtig ergriff und zu

dessen Betrachtung er mit immer neuem Interesse zurückkehrte. Von seinem

^Purgatorio^ ist eine zum Theil metrische Uebersetzung mit Commentar im

Nachlasse vorhanden (wovon ein Fragment in der Zeitschrift: »Vesta,

Königsberg 1807« abgedruckt ist). Die anderen grossen Dichter jener

Nationen, Petrarca, Cervantes, Calderon, Camoens schlossen sich in

diesen Studien an, und von vielen Uebersetzungsversuchen aus ihren

Werken haben wir einige zum Abdruck ausgewählt, welche uns die nach Wahl

eigenthümlichsten, nach Ausführung gelungensten schienen.

Friedrich Nicolai's

Leben und sonderbare Meinungen.

Ein Beitrag zur Literargeschichte des vergangenen und zur

Pädagogik des angehenden Jahrhunderts.

Von

Johann Gottlieb Fichte.

Herausgegeben

von

A. W. Schlegel.

Erste Ausgabe: Tübingen, in der J. G. Cottaschen Buchhandlung.

1801.

Vorrede des Herausgebers.

Der Verfasser dieser Schrift hatte anfänglich die Absicht, sie unter

seinen Augen dem Drucke zu übergeben. Da hiebei zufällige Hindernisse

eintraten, und der nächste Zweck derselben durch die Unterhaltung,

welche er bei ihrer Abfassung gefunden und seinen Freunden durch die

Mittheilung verschafft hatte, eigentlich schon erreicht war, so wollte

er von keiner weiteren Bemühung damit etwas wissen und zog seine Hand

gänzlich von ihr ab. Das Manuscript kam in dem Kreise seiner Freunde

auch an mich; ich bin durch keine Bevorwortung des Verfassers bei dem

Gebrauche, den ich etwa davon möchte machen wollen, eingeschränkt, und

so gestehe ich, dass ich mir ein Gewissen daraus machen würde, diese

bündige und erschöpfende Charakteristik eines in seiner Art merkwürdigen

Individuums dem Publicum vorzuenthalten. Der Würde Fichte's wäre es

vielleicht angemessener, sein bisheriges verachtendes Stillschweigen

auch jetzt nicht zu brechen: allein da er einmal die gutgelaunte

Grossmuth gehabt hat, so viel Worte und Federzüge an Nicolai zu wenden,

so muthe ich ihm auf meine Gefahr auch die zweite zu, die Welt seine

ausgeübte Herablassung erfahren zu lassen. Was Nicolai betrifft, so

weiss ich wohl, dass ich ihm durch die Herausgabe dieser Schrift die

grösste Wohlthat erweise. Was könnte ihm, der seine hauptsächlichen

Gegner nicht einmal dahin bringen kann, seine weitläufigen

Streitschriften zu lesen, geschweige denn zu beantworten, der ihnen

höchstens nur einige hingeworfene Sarkasmen abgelockt, glorreicheres

begegnen, als dass Fichte auf ihn, als auf ein wirklich existirendes

Wesen, sich förmlich einlässt, ihn aus Principien construirt, und ihn wo

möglich sich selbst begreiflich macht? Der Tag, wo diese Schrift

erscheint, ist unstreitig der ruhmbekrönteste seines langen Lebens, und

man könnte besorgen, er werde bei seinem ohnehin schon schwachen Alter

ein solches Uebermaass von Freude und Herrlichkeit nicht überleben.

Verdient hat er es ganz und gar nicht um mich, dass ich ihm ein solches

Fest bereite, da er mir die Schmach angethan, mich in früheren Schriften

ordentlich zu loben, und noch in den letzten mir Kenntnisse und Talente

zuzugestehen. Indessen die Lesung der folgenden Schrift hat mich in die

darin herrschende grossmüthige Stimmung versetzt, und wenn er sich diese

Anmaassung nicht wieder zu Schulden kommen lassen will, so sey das

bisherige vergeben und vergessen.

Einleitung.

Ich habe zu Friedrich Nicolai's zahllosen Schmähungen und Verdrehungen

meiner Schriften stillgeschwiegen, so lange es lediglich die Schriften

traf; indem ich in demjenigen Theile des Publicums, wenn es einen

solchen noch giebt, in welchem Nicolai über literarische Angelegenheiten

eine Stimme hat, keine zu haben begehre. Nunmehro hat Nicolai auch meine

persönliche Ehre angegriffen; -- denn dass er der Verfasser sey von der

in der neuen deutschen Bibliothek, 56. B. 1. St. zu Ende des zweiten und

zu Anfange des dritten Heftes befindlichen Anzeige, in welcher jene

Angriffe geschehen, leidet keinen Zweifel und bedarf keines Beweises.

Selbst auf den unerwarteten Fall, dass Nicolai seine Autorschaft

abläugnete, werde ich diesen Beweis nicht führen; denn es ist jedem, der

die lebenden Schriftsteller kennt, unmittelbar klar, dass nur Einer, nur

Friedrich Nicolai, dies schreiben konnte. -- Ich bin es zwar nicht dem

Herrn Nicolai, der die gegen mich vorgebrachten Beschuldigungen entweder

selbst nicht glaubt, oder durch den Leichtsinn, mit welchem er sie

vorbringt, auf alle persönliche Achtung Verzicht thut, -- wohl aber dem

Publicum, welches dieselben ganz oder halb glauben dürfte, schuldig,

mich vor ihm zu stellen und mich zu verantworten. --

Nachdem es nun Nicolai endlich erzwungen, dass ich noch während seines

Lebens von ihm spreche, so führe ich hiebei zugleich, früher als ich

gerechnet hatte, einen alten Vorsatz aus. Nemlich ich scheue mich nicht

zu gestehen, dass, seitdem ich die mich umgebende Welt kenne und selbst

eine Meinung habe, nichts mir verhasster und verächtlicher gewesen ist,

als die elende Behandlung der Wissenschaften, da man allerlei ^Facta^

und Meinungen, wie sie uns unter die Hände kommen, zusammenrafft, ohne

irgend einen Zusammenhang oder einen Zweck, ausser dem, sie

zusammenzuraffen und über sie hin und her zu schwatzen; da man über

alles für und wider disputirt, ohne sich für irgend etwas zu

interessiren, oder es ergründen auch nur zu wollen, und in allen

menschlichen Kenntnissen nichts erblickt, als den Stoff für ein müssiges

Geplauder, dessen Haupterforderniss dies ist, dass es ebenso

verständlich sey am Putztische, als auf dem Katheder; jene schaale

Wisserei und Stümperei, Eklekticismus genannt, die ehemals beinahe

allgemein waren, und auch gegenwärtig noch sehr häufig angetroffen

werden. -- Ausser eignen Arbeiten und Untersuchungen, die für einen

ernsthaften Zweck unternommen, und mit einem bessern Geiste geführt

würden, und die immer das Gegenmittel gegen jenen verderblichen Hang

bleiben müssen, schien mir auch noch ein zweites Gegenmittel sehr

zweckmässig zu seyn: die lebendige Darstellung der unausbleiblichen

Folgen jener Behandlung der Wissenschaft zur absoluten Ertödtung alles

Sinnes für Wahrheit, Ernst und Gründlichkeit, und zur radicalen

Verkehrung und Zerrüttung des Geistes. Das vollendetste Beispiel einer

solchen radicalen Geisteszerrüttung und Verrückung in unserm Zeitalter

war mir, seitdem ich ihn gekannt habe -- ich lernte ihn in dem Streite

zwischen Mendelssohn und Jacobi kennen -- Friedrich Nicolai. Sein Bild

wollte ich, wenn er seine verkehrte Laufbahn geschlossen haben würde,

welches er freilich nur mit seinem Tode thun wird, allen studirenden

Jünglingen, in denen ein Hang seyn könnte, seine Bahn zu betreten, und

allen, die auf die Bildung dieser Jünglinge Einfluss hätten, zum

warnenden Beispiele hinstellen.

Diesen alten Vorsatz werde ich gleich bei der gegenwärtigen Gelegenheit

ausführen; und dadurch einem Geschäfte, an welches ich, wenn es für eine

blosse Vertheidigung meiner selbst gegen Nicolai angesehen würde, nicht

ohne tiefe Beschämung gehen könnte, eine liberalere und allgemeinere

Richtung zu geben suchen. Nicolai selbst, wenn darnach gefragt werden

könnte, kann dies nicht übelnehmen. Er hat Zeit seines Lebens die

grössten und verdientesten Männer der Nation auf eine Weise behandelt,

dass er selbst, wenn er nur fähig wäre einen Augenblick lang andern

dieselben Rechte gegen sich zuzuschreiben, die er sich gegen andere

zuschreibt, es ganz billig finden müsste, dass man eine Rücksicht, die

er nie gekannt hat, auch gegen ihn nicht beobachtet, keine Notiz davon

nimmt, dass er noch unter den Lebendigen existirt, und ohne Bedenken

eine Untersuchung, die ihn zum blossen Thema macht, unter seinen Augen

anstellt.

Zwar sehe ich bei diesem Unternehmen den Tadel zweier durchaus

entgegengesetzter Parteien voraus. Zuvörderst den Tadel derjenigen,

welche über Kunst und Wissenschaft im Wesentlichen mit mir gleich

denken. Ihnen ist, so viel ich habe bemerken können, Nicolai ein so

unbedeutender und verächtlicher Gegenstand, dass man in ihren Augen nur

sich selbst herabsetzt, wenn man ihn einer Erwähnung und Beachtung

würdigt. Sie haben vollkommen recht, und ich bin ganz ihrer Meinung,

wenn von Nicolai als von einer Person geredet werden sollte. Als Object

aber, als vollendete Darstellung einer absoluten Geistesverkehrtheit ist

er, meines Erachtens, dem Literarhistoriker und Pädagogen wichtig, und

so interessant, als dem Psychologen ein origineller Narr, oder dem

Physiologen eine seltene Misgeburt nur immer seyn kann. Ich bekenne,

dass es meine Schuld seyn würde, wenn ich dieses Interesse für meinen

Gegenstand nicht zu erregen vermöchte.

Sodann habe ich mich auf den Tadel der gutmüthigen Mittelmässigkeit

gefasst zu halten, welche, seit die Urtheile der grössten deutschen

Männer, eines Kant, Goethe, Schiller, über jenen Gegenstand in das

Publicum gekommen, aus mehrern Winkeln der Literatur uns erinnern, denn

doch auch die bedeutenden Verdienste des Mannes nicht zu vergessen. Ich

werde tiefer unten meine Ueberzeugung, dass Nicolai für seine Person

sein ganzes Leben hindurch nie etwas Kluges, sondern eitel Verkehrtes

und Thörichtes angefangen habe, und dass auf ihm nicht das mindeste

Verdienst, sondern eitel Schuld ruhe, weder verläugnen, noch sie zu

begründen vergessen. Dass jene Stimmführer der Mittelmässigkeit wirklich

zu wissen wähnen, was sie von jenen Verdiensten sagen, will ich glauben.

Nicolai und sein Anhang haben es ja über ein Vierteljahrhundert lang

genugsam wiederholt, dass Nicolai Verdienste habe, so dass endlich in

dem Gedächtnisse jener wohl hangengeblieben seyn mag, dass so etwas

gesagt worden. Sollten sie dieselbe Behauptung auch bei der

gegenwärtigen Veranlassung wiederholen wollen, so ersuche ich sie, nur

diesmal nicht so, wie sie immer zu thun pflegen, bloss ins unbestimmte

hin zu versichern, sondern mir eines jener Verdienste namentlich

anzugeben; mir irgend ein richtiges, treffendes Urtheil, das Nicolai

gefällt, irgend eine gründliche Abhandlung, die er über etwas, das des

Wissens werth ist, geschrieben, nachzuweisen, damit ich sie auch kennen

lerne. Ich ersuche jene Stimmführer bei dieser Gelegenheit, sich

zugleich vor sich selbst die Frage zu beantworten, welche Geisteskraft,

oder welches Talent sie denn etwa Herrn Nicolai in einem vorzüglichen

Grade zuschreiben möchten, ob Phantasie, oder Witz, oder Scharfsinn,

oder Tiefsinn, oder, ich sage nicht eine vorzügliche, sondern auch nur

richtige Schreibart; ob sie irgend etwas Eigenthümliches an ihm finden,

als ein unversiegbares Geschwätz und die Kunstfertigkeit, alles, was ihm

unter die Hände kommt, zu verdrehen; ich ersuche sie, diese Frage

zuvörderst sich selbst, und sodann auch mir zu beantworten. Da ich sehr

wohl wusste, dass sie keins von beiden befriedigend leisten würden, so

mögen sie mir immer verzeihen, dass ich so gethan, als ob sie gar nichts

sagen würden, und als ob sie überhaupt nicht vorhanden wären.

Wir gehen an unser Vorhaben.

Sollen das Leben und die sonderbaren Meinungen unsers Helden nicht

rhapsodisch, so wie jedes uns in den Wurf kommt, oder chronologisch,

sondern systematisch, in einer festen Charakterschilderung dargestellt

werden: so müssen wir ein Grundprincip dieses Charakters nachweisen, aus

welchem, und aus welchem allein, alle Phänomene in dem Leben unsers

Helden sich befriedigend erklären lassen. Es kommt hierbei nicht auf

Häufung der Phänomene an. Ein einziges, das sich durchaus nicht erklären

lässt, ausser aus dem vorausgesetzten Princip, beweist so gut, wie

tausende, dass dieses Princip und kein anderes dem zu erklärenden Leben

zum Grunde gelegen habe.

Jedem nur festen und ausgebildeten Charakter liegt ein solches Princip

der Einheit zum Grunde; und der Unterschied dabei ist nur der: ob der

Besitzer dieses Charakters wisse, dass dies sein Princip sey, oder ob er

es nicht wisse. Ist der Charakter mit Freiheit und Bewusstseyn nach

jenem Grundsatze gebildet, so ist dieser Grundsatz freilich dem Besitzer

des Charakters bekannt; ist er ihm durch das Ungefähr, durch Natur und

Schicksal angebildet, so ist ihm dieses Princip nicht bekannt. Unser

Held befand sich in dem letztern Falle; es ist daher gar nicht zu

glauben, dass ihm der Grundsatz alles seines Denkens und Handelns je

bekannt geworden.

Wir haben nach allem Gesagten zuvörderst das Grundprincip von unsers

Helden intellectuellem Charakter (denn von diesem allein soll hier die

Rede seyn) aufzustellen, und von gewissen Phänomenen zu zeigen, dass sie

durchaus nur aus jenem Princip erschöpfend und vollkommen hinreichend zu

erklären sind. Auf diesem Puncte der absoluten Unmöglichkeit jeder

andern Erklärung beruht die Richtigkeit unserer Angabe des Princips; wir

ersuchen daher unsere Leser, darauf vorzüglich ihre Aufmerksamkeit zu

richten. Wir werden sodann noch einige originelle Grundzüge des

Charakters unsers Helden, die sich nur aus jenem Princip erklären

lassen, anführen, sie mit ihren Phänomenen belegen, und so den Beweis

der Richtigkeit unsers Grundprincips vollenden.

Wir werden in dieser ganzen Schilderung unsern Helden betrachten als

einen todten Mann, und von ihm reden, wie von einer Person aus der

vergangenen Zeit. Dies ist jeder Charakterschilderung eigen. Der Grund,

warum anderwärts man den Charakter eines Mannes während seines noch

fortdauernden Lebens nicht zu schildern vermag, -- weil nemlich die

Reihe der Erscheinungen noch nicht geschlossen und es nie sicher ist,

dass nicht neue Phänomene eintreten, die auf ein anderes Princip der

Erklärung führen dürften, auch man nicht wissen kann, ob nicht etwa die

Person noch durch Freiheit ihre Maximen ändern werde -- fällt bei

Nicolai ganz weg. Es wird sich hoffentlich in der folgenden Schilderung

zeigen, dass das Princip seiner Denkweise die Unabänderlichkeit

unmittelbar in sich selbst enthält. Unser Held ist befestigt, er kann

sich nicht mehr ändern oder geändert werden; ist auch die Reihe der

Phänomene seines Lebens nicht beschlossen, so ist es doch der Charakter.

Der Verfasser dieser Beschreibung ist dessen so innig überzeugt, dass er

sehr gern allen seinen Anspruch auf Menschenkenntniss aufgeben will,

wenn sich finden sollte, dass Friedrich Nicolai vor seinem Ende noch

irgend einen der ihm hier als charakteristisch beigelegten Grundzüge und

Handelsweisen abänderte.

Erstes Capitel.

Höchster Grundsatz, von welchem alle Geistesoperationen unsers

Helden ausgegangen sind.

Unser Held war seit seinen reifen Jahren der festen Meinung, dass alles

mögliche menschliche Wissen in seinem Gemüthe umfasst, erschöpft und

aufbewahrt sey, dass sein Urtheil über die Ansicht, die Behandlung, den

Inhalt und den Werth aller Wissenschaft untrüglich und unfehlbar sey,

und dem Urtheile aller andern vernünftigen Wesen zur Richtschnur und zum

Kriterium ihrer eignen Vernünftigkeit dienen müsse; mit Einem Worte,

dass er alles, was in irgend einem Fache richtig und nützlich sey,

gedacht habe, und alles dasjenige unrichtig und unnütz sey, was er nicht

gedacht hätte, oder nicht denken würde.

Diese Meinung setzte ihn nicht nur vor sich selbst über alle Zweifel,

alle spätere Untersuchung und alle Besorgniss hinweg, dass er sich doch

etwa über dieses oder jenes im Irrthume befinden möchte; sondern er war

noch überdies von allen andern Menschen ebenso fest überzeugt, und

muthete es ihnen an, dass sie über alle Zweifel hinausseyn müssten,

sobald sie nur recht wüssten, wie er selbst eine Sache fände. Alle seine

Widerlegungen gingen von dem Hauptsatze aus: ich bin anderer Meinung;

daher er denn zu diesem Hauptgrunde noch andre Nebengründe hinzuzufügen

gewöhnlich unterliess. Die Gegner, glaubte er, könnten schon daraus

sattsam ersehen, dass sie unrecht hätten. Bei allen Verweisen und

Züchtigungen, die er in seinen spätern Jahren an das ausser der Art

schlagende Zeitalter ergehen zu lassen genöthigt wurde, hob er nur immer

davon an, dass er zeigte, man habe nicht nach seinem Rathe gehandelt;

dies allein, glaubte er, würde sie schon dahin bringen, dass sie sich

schämten und in sich gingen.

In dieser Voraussetzung liess er sich denn auch durch keinen noch so

sonderbaren Vorfall, der sich etwa ereignen mochte, irre machen. Sogar

wenn ihm, wie dies in seinem spätern Alter häufig begegnete, von allen

Seiten her einmüthig zugerufen wurde: er werde wohl selbst eines

Urtheils über gewisse Dinge sich bescheiden, oder auch -- er sey ein

geborner Dummkopf, ein Salbader, ein alter Geck, und was man noch alles

für Freiheiten sich mit ihm herausnahm, mochte er doch immer lieber

voraussetzen, man sage dies bloss aus Schalkheit, und um sich für die

empfangenen Züchtigungen zu rächen, als dass er irgend einem Menschen

die Verkehrtheit zugetraut hätte, dass er fähig wäre, in allem Ernste

und im Herzen einen Nicolai nicht anzuerkennen.

Diese Meinung von ihm selbst war ihm nach und nach so zur fixen Idee

geworden, hatte sich so mit seinem Selbst verwebt und war selbst zu

seinem innersten eigensten Selbst geworden, dass man keine Spur hat, er

habe dieselbe je deutlich in sich wahrgenommen und sie zum bestimmten

Bewusstseyn erhoben. Er räsonnirte, urtheilte, richtete ^von ihr aus^,

als seinem einzig möglichen Standpuncte, niemals ^über sie^. Er starb

daher alt und lebenssatt, ohne je mit seinem Denken, auch nur in sich

selbst zu Ende gekommen zu seyn.

Zweites Capitel.

Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten Grundsatze

gekommen seyn möge.

Gleiche Ursachen bringen allenthalben die gleichen Wirkungen hervor. Nun

haben die ausser unserm Helden selbst liegenden Umstände, welche unsers

Erachtens die beschriebene sonderbare Meinung in ihm erzeugt, sich auch

bei andern Menschen gefunden, und haben auch bei ihnen in einem gewissen

Grade denselben Erfolg gehabt. Aber so unerschütterlich auf jenem

Princip beharrt, so allumfassend und so consequent durchgeführt hat es,

so viel uns bekannt ist, keiner, ausser unserm Helden; und dies eben ist

es, was ihm die Ehre erwirbt, als Muster seiner Gattung aufgestellt und

der Nachwelt überliefert zu werden. Es muss sonach bei ihm, zu jenen

anzuführenden äussern Umständen der Entwickelung jenes Princips, noch

eine vorzügliche innere Empfänglichkeit seiner Natur dafür hinzugekommen

seyn. Zum grössten Glücke für die Menschheit hat unser Held selbst --

denn warum sollte ich nicht ebensowohl wie Klopstock, in seiner

Zueignungsschrift vor Herrmanns Schlacht, als schon geschehen

ankündigen, was geschehen wird, und weit sicherer geschehen wird, als

das durch Klopstock Verkündigte geschehen konnte -- er selbst hat,

nachdem im Jahre 1803 sein letzter Feind, der transscendentale

Idealismus, ausgetilgt, und die A. D. B. wiederum gehörig in den Gang

gebracht war[2], seine glorreich errungene Musse dazu angewendet, die

Geschichte seiner Bildung bis in seine Knaben- und Kindesjahre, und bis

zu seiner Wiege zurückzuführen; hat diese Krone seiner Werke vollendet,

und dann seinen Geist dem Himmel wiedergegeben. In den ersten drei

Bänden dieses klassischen Werks können die Leser sich unterrichten, wie

der erste Schrei des Neugebornen die Schriftstellerwelt erschütterte und

alle Sünder in ihr erbeben machte, und wie schon seine Windeln von dem

attischen Salze dufteten, das er seitdem in unsterblichen Worten

ausgehaucht und angesetzt hat, so dass alle Umstehenden sich

verwunderten, und sprachen: was will aus dem Kindlein werden? In den

folgenden Bänden können sie finden, wie er, seitdem er sich seiner

erinnern kann -- und er kann sich seiner seit den frühesten Jahren

erinnern -- durch seine lebhafte Phantasie, einen Trieb zu lernen und

eine Fassungskraft, weit über alle Kinder seiner Gesellschaft und seines

Alters in sich verspürt, so dass er von seinen Eltern und seinen Lehrern

als ein wahres Wunderkind ausgerufen worden. Aber wir überlassen den

Lesern, dieses in der ausführlichen und grazienvollen Beschreibung des

Helden selbst nachzulesen, und schränken uns, sowohl hier als ins

künftige, auf dasjenige ein, was der berühmte Verfasser übergeht, und

was wir nur aus andern Denkmälern jenes Zeitalters schöpfen können.

Ich will hier nicht untersuchen, ob es nothwendig sey, dass der

Uebergang der Schriftstellerei einer Nation aus der gelehrten in die

lebende Sprache eine Epoche des Verfalls der wahren gründlichen

Gelehrsamkeit bei sich führe. Bei den Deutschen wenigstens war dies der

Erfolg. Man bildete sich etwas ein darauf, endlich deutsch schreiben

gelernt zu haben; man wollte, dass es auch für Deutsch anerkannt würde,

und bemühte sich daher, über alle Gegenstände so zu schreiben, dass denn

auch in der That nichts weiter zum Verstehen gehöre, als die Kenntniss

der deutschen Sprache. Der Vortrag wurde die Hauptsache, das

Vorzutragende mochte sich bequemen; was sich nicht so sagen liess, dass

die halbschlummernde Schöne an ihrem Putztische es auch verstände, wurde

eben nicht gesagt; -- und da man nur um sagen zu können lernte, auch

nicht weiter gelernt, -- späterhin verachtet, als elende Spitzfindigkeit

und Pedanterie: kurz, das elende Popularisiren kam an die Tagesordnung

und von nun an wurde Popularität der Maassstab des Wahren, des

Nützlichen und des Wissenswürdigen. In diese Epoche fiel unsers Helden

erste Bildung. Er wollte schon früh etwas bedeuten, und dünkte sich

schon früh etwas zu bedeuten; ohne alle klassische Gelehrsamkeit, wie er

damals war, und trotz des Anscheins derselben, mit dem er späterhin sich

behängte, immer blieb, musste dieser Dünkel bei ihm um so verderblicher

werden. Zu seinem Unglücke kam er in die Bekanntschaft zweier Männer,

deren erster ohne Zweifel weit mehr Ernst und Reinheit der Gesinnung

hatte, als Nicolai; aber dieselbe Beschränktheit des Geistes, der

Einsicht und des Zwecks. -- Hatte wohl im Grunde einer von diesen beiden

anfangs eine höhere Tendenz, als die, dieses und jenes Aberglaubens

ihrer Kirchen sich zu erwehren, ihre Confessionen so vernünftig zu

machen, als sie selbst wären, und, wenn das Glück gut wäre, sich eine

natürliche Religion zu bauen, bei der sie jener Confessionen ganz

entbehren könnten; nur dass es der Andere auch hierin ernstlicher und

herzlicher meinte, als unser Held? -- Der zweite dieser Männer, in deren

Bekanntschaft unser Held kam, war ein allumfassender, lebendiger,

rastloser Geist, und ein Charakter, für das Wahre, Rechte und Gute

gebildet; nur dass er damals in der Unendlichkeit seines Wesens noch

nichts Bestimmtes zu ergreifen und festzuhalten vermochte. Unser Held,

der damals noch nicht alle Fähigkeit verloren hatte, eine Superiorität

ausser sich anzuerkennen, anerkannte die dieses gewaltigen Geistes; aber

nachdem er sich mit Mühe und Noth einiges Vermögen erworben hatte,

mitzutreiben, womit dieser noch nicht fixirte Geist sein Spiel trieb,

hielt er dieses Spielwerk für das Höchste, und sich selbst für jenes

Geistes gleichen.

Mit diesem Augenblicke war er vollendet und fiel. Er ist seitdem nicht

weiter gekommen, und nicht zur Besinnung. Später hat er sich noch für

einen weit höhern Geist gehalten als jenen, den er nun für ein, gutem

Rathe nicht folgendes, überspanntes Genie ausgab.

Unser Held hatte, mit jenen vereinigt, einen kritischen Kreuzzug gethan;

entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, z. B. dem

der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein grosser Mitkämpfer wurde

allmählig inne, dass dies ein schlechtes Geschäft sey, und dass er es

nicht in der besten Gesellschaft treibe. Er zog sich zurück, und unser

Held beschloss nunmehro, die Sache in das Weitere zu treiben, und sich

selbst, sich allein, zum Mittelpuncte der deutschen Literatur und Kunst

zu constituiren. Die allgemeine deutsche Bibliothek entstand, schon an

sich ein widersinniges Unternehmen, verderblich durch die Art, wie es

ausgeführt wurde, am allerverderblichsten für den Urheber selbst.

Unser Held mag von dem sehr richtigen Vordersatze ausgegangen seyn: der

Redacteur eines die ganze Literatur und Kunst umfassenden periodischen

Werks muss selbst die ganze Literatur und Kunst umfassen; muss, und zwar

in jedem besonderen Fache, höher stehen und alles besser wissen, als

irgend einer seiner Zeitgenossen. Er muss in jedem Fache die grössten

Meister, zu Beurtheilung derer, die unter ihnen sind, wählen, sie zu

finden, sie sich zu verbinden wissen; er muss aber sogar diese grössten

Meister der Fächer übersehen, um ihre eingesendeten Beurtheilungen zu

prüfen und ersehen zu können, ob sie mit dem gewohnten Fleisse und

Gründlichkeit bearbeitet sind, ob nicht etwa diese Männer sinken, ob

nicht jüngere grössere neben ihnen aufkommen.

Anstatt nun von diesem richtigen Vordersatze aus weiter so zu folgern:

Ich wenigstens habe diese notwendigen Erfordernisse nicht an mir, und

von mir wird jene Idee einer allgemeinen deutschen Bibliothek wohl

unausgeführt bleiben; schloss er umgekehrt: da ich nun jene Idee

ausführen will, so muss ich annehmen und mich betragen, als ob ich alle

jene Erfordernisse an mir hätte; als ob ich ein allumfassender

Polyhistor und der geistreichste und geschmackvollste Mann meines

Zeitalters und aller vergangenen und künftigen Zeitalter wäre. Ich muss

Untrüglichkeit mir kräftigst zueignen. Da ein Ausführer jener Idee die

grössten Männer aller Fächer erkennen, wählen und mit sich verbinden

muss, so muss ich den Satz umkehren und annehmen, dass diejenigen, die

ich erkennen, wählen und mit mir verbinden werde, die grössten Männer in

ihren Fächern sind.

Es ist schwer auszumachen, ob unser Held schon damals im ganzen Ernste

von sich selbst geglaubt, was er von nun an freilich gegen alle Welt

behaupten und unerschütterlich voraussetzen musste. Das

Wahrscheinlichste ist, dass es ihm ergangen, wie allen, die in die Lage

kommen, unaufhörlich eine Aussage zu wiederholen, von der sie selbst

nicht recht überzeugt sind. Am Ende glauben sie selbst an ihre Wahrheit.

Für möglich konnte Nicolai jene Voraussetzung von sich immer halten; er

fand nirgends ausser sich eine höhere Weisheit, als die seinige, indem

er nur die seinige begriff, derjenigen Seelenkraft aber, die da Ahnung

eines Höhern heisst, von jeher gänzlich ermangelte. Auf die Wirklichkeit

dieser Voraussetzung hätte er damals vielleicht noch nicht geschworen.

Aber seitdem er die Redaction seiner Bibliothek ergriff, musste er alle

Stunden seines Lebens jene Meinung voraussetzen, sie behaupten, jeden

Zweifel dagegen kräftigst niederschlagen, und kam von dieser Arbeit nie

zur ruhigen Besinnung; so dass es durchaus begreiflich wird, wie dieser

Glaube diese langen Jahre hindurch sich ihm fest einverleiben und mit

ihm zusammenwachsen musste.

Das Unternehmen jener Bibliothek ergriff das Zeitalter. Die leichte

Weisheit und die wohlfeile Gelehrsamkeit, welche durch das grosse Werk

herbeigeführt, und schnell von einem Ende Deutschlands bis zum andern

verbreitet wurden, fand Beifall. Der geringste unter den Lesern glaubte

sich selbst zu lesen; gerade so hatte er die Sache sich auch von jeher

gedacht, und nur nicht den Muth gehabt, es sich laut zu gestehen. Die

Unmündigen erhielten die Sprache, und das gefiel ihnen. Unser Held sahe

diese grosse Revolution, deren Stifter, die schnelle allgemeine

Erleuchtung, deren Urheber er war. Warum hätte nicht der Glaube andrer

an sein Werk seinen eignen Glauben an sich bestärken sollen?

Schriftsteller, denen an dem Beifalle des grossen Volks gelegen war,

versammelten sich um den Ausspender dieses Beifalls, gaben ihm Beiträge,

liessen sich von ihm berathen und erziehen, und schmeichelten auf jede

Weise seiner Eitelkeit[3]. Man glaubt leicht, was man wünscht; Nicolai

nahm in aller Unbefangenheit alles für baare Münze, und ihm fiel nicht

bei, dass diese Lobeserhebungen vielleicht nur dem Redacteur der

allgemeinen deutschen Bibliothek, keinesweges aber seinen persönlichen

Verdiensten gelten möchten. Jene Männer waren seinem Princip nach

ohnehin, als Mitarbeiter an der Bibliothek, die ersten Köpfe der Nation.

Er fand sich sonach von den ersten Männern der Nation gelobt, anerkannt,

zu ihrem Meister erhoben. Wer konnte es ihm verargen, dass er ihnen

glaubte?

Und so verschmolz allmählig in seiner Seele der Begriff von deutscher

Literatur und Kunst mit dem Begriffe seiner Bibliothek; diese mit dem

Begriffe von ihm selbst. Die Bibliothek wurde ihm zum Mittelpuncte des

deutschen Geistes, er selbst zur innersten Seele dieses Mittelpuncts. An

den Recensionen dieser Bibliothek mussten alle literarische und

artistische Bestrebungen der Nation, und hinwiederum an seiner Einsicht

-- diese Recensionen sich orientiren. Ausser jener Bibliothek war ihm

jetzt und zu ewigen Zeiten kein Heil und keine Wahrheit für die

Wissenschaft; und für die Bibliothek selbst kein Heil und keine Wahrheit

ausser ihm. Jene war seine Welt, und er die Seele dieser Welt; was er

erblickte, erblickte er durch jene hindurch, jene aber erblickte er

durch sich hindurch. In dieser beruhigenden Stimmung lebte er und starb

im frohen Glauben an die Unsterblichkeit seines Werks.

Anmerkungen.

[Fußnote 2: Mit dem im Texte erwähnten Jahre 1803 verhält es sich so:

Nicolai hatte im 11. Bande seiner Reisebeschreibung vorher verkündigt,

dass Fichte und alle seine Schriften im Jahre 1840 rein vergessen seyn

würden. Er wurde hierüber, wie über so manches andere, in gewissen

^Briefen über die Guckkastenphilosophie des ewigen Juden^ verspottet. In

dem Aerger hierüber decretirte und enuncirte er, -- in der Schrift gegen

die Xenien, wo ich nicht irre, -- es solle nunmehr mit Fichte nicht

einmal bis zum Jahre 1840 Frist haben, sondern schon Anno 1804 solle er

vergessen seyn. Das Jahr 1800 ist verflossen, das 1801 angebrochen; das

fatale Jahr der Vorhersagung tritt näher, und noch zeigen sich keine

Spuren, dass die Weissagung anfange in Erfüllung zu gehen. Dies fiel

unserem Helden bei Abfassung der im Eingange erwähnten Anzeige aufs

Gewissen; er fand nun doch, »dass ^andere^ Gelehrte wohl etwa glauben

möchten, hinter den Spitzfindigkeiten der neuen Philosophie u. s. w.

stecke etwas, dass ^er^ aber sagen könne, dass es durchaus eine Nullität

sey, und dass i. J. 1803 sich darüber mehr werde reden lassen.«

Freilich, wenn i. J. 1804 diese Philosophie rein vergessen seyn sollte,

so müsste wenigstens i. J. 1803 die Nullität derselben dargethan

werden.]

[Fußnote 3: Damit ja niemand in Zweifel stelle, ob deutsche Gelehrte

sich so weit herabgelassen, unserm Helden zu schmeicheln, hat er selbst,

in seiner Schrift gegen die Xenien, bezeugt: »ihm sey von jeher sehr

geschmeichelt worden.«]

Drittes Capitel.

Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz im Leben unsers

Helden sich geäussert habe.

Theils nach den öffentlichen Handlungen und Aeusserungen unsers Helden,

theils nach mehreren Anekdoten von ihm, die zu seiner Zeit im

allgemeinen Umlaufe waren, schrieb er sich selbst ausschliessend die

Fähigkeit zu, alle Gegenstände des menschlichen Wissens mustermässig zu

bearbeiten. Er pflegte, so oft in seiner Gegenwart das Gespräch auf

irgend einen solchen Gegenstand fiel, nur das zu beklagen, dass seine

übrigen Geschäfte ihm nicht Zeit liessen, ein Muster der Behandlung

desselben zu liefern. Alles, zu dessen Bearbeitung er ohnerachtet dieser

überhäuften Geschäfte denn doch noch Zeit fand, bearbeitete er auch

wirklich mustermässig. So war seine Topographie von Berlin das Muster,

wornach alle Arbeiten dieser Art gemacht werden sollten, und er ergriff

jede Gelegenheit, sie als solches zu empfehlen; keinesweges, wie er

hinzuzusetzen pflegte, aus Eigenlob, sondern weil sich die Sache

wirklich so verhielt[4]. Wozu er nicht Zeit fand, mochten seine

Zeitgenossen bearbeiten. Dass sie ihr Muster nie erreichen, dass sie nie

es so machen würden, wie unser Held es gemacht hätte, wenn er nur die

Zeit dazu gefunden, das verstand sich. Aber sie hatten ja ihn bei sich;

und er ertheilte gern Rath, wenn man ihn bescheiden darum ersuchte.

Diesen Rath sollten sie lehrbegierig und folgsam annehmen, fortarbeiten

und sich bestreben, seine Idee immer besser zu treffen. Sie sollten ja

nur die Zeit zur Ausführung hergeben, die ihm mangelte; den Geist und

die Uebersicht wollte er hergeben. So würden sie immer höher steigen,

und ihm, ihrem Muster, stets näher kommen. Auf diese Weise hatte er in

der Schule seiner Bibliothek und seines handschriftlichen Rathes die

grössten Schriftsteller der Nation gebildet: einen Lessing, der nur

leider in seinen spätern Jahren umschlug, rechthaberisch und unfolgsam

wurde, und dafür zur wohlverdienten Strafe in Zweifel an der

Gründlichkeit der bibliothekarischen Aufklärung und an der Evidenz der

Mendelssohnschen Demonstrationen verfiel; einen Mendelssohn; einen

Justus Möser, und so viele noch Lebende, deren Bescheidenheit mir

verbietet, sie zu nennen: -- hat er nicht Schriftsteller allein, sondern

durch die vortrefflichen Bildnisse deutscher Gelehrten vor der

Bibliothek und der Berliner Monatsschrift in seinem Verlage, welche, wie

ich als Augenzeuge betheuren kann, in Berlin noch immer regelmässig

ausgegeben wird -- hat er dadurch auch junge bildende Künstler

herangezogen, ermuntert und unterstützt. Die Bildung ging von ihm aus,

als ihrem Centrum, und verbreitete sich regelmässig umher.

Dieser gesetzte, geordnete, gemässigte Gang wurde nun durch einige

excentrische Köpfe gestört. In der Kunst erschien Goethe, Schiller, in

der Philosophie Jacobi, Kant, die transscendentalen Idealisten. Was

hätte an ihnen daran seyn können? -- Hatten sie sich denn erst in der A.

D. B. unter Nicolai's Aufsicht im Schreiben geübt? Oder hatten sie ihm

ihre Pläne vor der Ausführung vorher vorgelegt, und mit ihm darüber

correspondirt, wie Lessing in seiner guten Zeit, und Mendelssohn, und

alle die, welche Meisterwerke geliefert haben? Keins von diesen allen

hatten sie gethan; sie hatten ein so böses Gewissen gehabt, dass sie ihm

ihre Arbeiten nicht einmal zum Verlage angeboten; die letzte

Gelegenheit, bei der sie hätten erfahren können, wie sie mit denselben

daran wären, und was sie darüber zu urtheilen hätten.

Dass an ihren vermeinten Kunstwerken und Entdeckungen durchaus nichts

seyn konnte, war sonach ohne weitere Untersuchung und Prüfung, mit der

man nur die ohnedies so beschränkte Zeit verloren haben würde,

unmittelbar klar; und man konnte ohne weiteres mit den Waffen des

Lächerlichen, welche unser Held zu führen glaubte, wie kein andrer,

dagegen vorschreiten. So entstanden Freuden Werthers, die witzige

Schrift gegen die Xenien, der dicke Mann, Sempronius Gundibert, die

spasshaften Theile der Reisebeschreibung; und was weiss ich, was noch

alles entstand.

Zwar liess sich einigen jener excentrischen Subjecte und Querköpfe nicht

alles Talent und alle Kenntniss ganz absprechen, nur verhinderte sie

ihre eigenliebige Meinung, dass sie ausser dem Umkreise der richtigen

Schule für sich allein fortkommen könnten, daran, diesem Talente die

wahre Richtung zu geben. Man musste suchen, diese etwanigen Gaben doch

noch nützlich zu machen und sie der deutschen Literatur, d. i. dem

Umkreise der allgemeinen deutschen Bibliothek, wiederzugeben. Unser Held

fand sich sonach in der Nothwendigkeit, jene Menschen scharf zu

züchtigen, ob sie nicht etwa in sich gehen und den rechten Weg

einschlagen möchten. Man sah es ihm -- sein Geschichtsschreiber sagt

dies an seiner Urne mit der vollsten Ueberzeugung -- man sah es ihm an,

dass nie persönlicher Hass oder Feindschaft, sondern immer der

redlichste Eifer für die Literatur ihn trieb; dass er mit einer Art von

Wehmuth an das Amtsgeschäft einer solennen und ausführlichen Ausstäupung

ging (mit kleinen beiläufigen Hieben nahm er freilich es etwas

leichter); man bemerkte, wie ein geheimes väterliches Wohlwollen gegen

die Bestraften selbst seinem Feuereifer für die Literatur eine gewisse

rührende Milde beimischte, und wie er schon ein Vorgefühl von dem Danke

hatte, den ihm die Gezüchtigten selbst, wenn sie einst zu Verstande

kämen, bringen würden. Er war daher nicht leicht zu bewegen, alle

Hoffnung an einem Menschen aufzugeben, und er wusste geschickt diese

Hoffnung zu zeigen, um dem Sünder nicht allen Muth zur Besserung zu

benehmen.

Traf es sich nun, dass einer wirklich sich besserte, so war die Milde

rührend, mit der er ihn wieder zu Gnaden annahm. So gab es in diesen

Tagen einen gewissen höchst perfectibeln Krug, welcher freilich in der

allgemeinen Achtserklärung gegen die philosophischen Querköpfe

mitbegriffen war. Dieser ging in sich und gab unserm Helden eine

Aehrenlese von den Feldern anderer Philosophen zum Verlage, worüber er

vermuthlich auch Nicolai's Rath eingezogen; -- denn den pflegte dieser

keinem, der bei ihm verlegen liess, vorzuenthalten. Dafür segnete auch

Gott diesen Krug, dass ihm auf eignem Boden eine Rechtslehre erwuchs,

die einem philosophischen Recensenten an der allgemeinen deutschen

Bibliothek wie aus der Seele geschrieben ist[5]. Jederman war damals der

Meinung, dass wenn der junge Mann nur so fortführe, er es mit der Zeit

wohl selbst bis zum ordentlichen Recensenten an der allgemeinen

deutschen Bibliothek unter Nicolai's eigener Redaction bringen könnte.

Anmerkungen.

[Fußnote 4: M. s. z. B. den 6ten Band der Nicolai'schen Reisen. S. 337

ff.]

[Fußnote 5: M. s. in demselben Hefte der N. D. B., in welchem die

Eingangs erwähnte Anzeige sich befindet (56. B. St. 1. Heft 2.), kurz

vor derselben die Recension des Krugschen Buches.]

Viertes Capitel.

Worauf es, zufolge dieses höchsten Grundsatzes, unserm Helden

bei allen seinen Disputen angekommen sey.

So oft unser Held im Begriff war, seinen Mund öffentlich aufzuthun, um

dem Zeitalter einen Rath zu geben, oder eine Thorheit zu misbilligen und

zu züchtigen, so trieb ihn seine liebenswürdige Bescheidenheit immer an,

zuvörderst sich zu entschuldigen, dass er gerade die Sache zur Sprache

bringe, dass er sie jetzt, in diesem Zeitpuncte, bei dieser Veranlassung

zur Sprache bringe. Hierüber gab er immer seine guten Gründe an. Dass er

aber die Sache, wovon die Rede war, verstehe, und dass er die Wahrheit,

die pure lautere Wahrheit sagen könne, darüber gab er nie einen Beweis,

indem es ihm gar nicht beikam, dass über diesen Punct irgend ein Leser

oder Gegner den mindesten Zweifel hegen würde.

So hub er, als er im 11. Bande seiner Reisebeschreibung von Tübingen aus

auf die Horen, und von diesen aus auf die neue Philosophie schmälen

wollte, damit an, dass er beklagte: es scheine nun einmal sein Beruf,

dem Zeitalter unangenehme Wahrheiten zu sagen; und fuhr dann fort und

sagte seine unangenehme Wahrheit; und alle Leser waren überzeugt und

alle Gegner beschämt. Entweder hatten die letzten bisher, mit dem eignen

guten Bewusstseyn, dass sie unrecht hatten, ihr Wesen getrieben,

lediglich um etwas Neues, in der allgemeinen deutschen Bibliothek

Unerhörtes anzubringen und Aufsehen zu erregen, und Nicolai wollte dies

nun offenbaren; oder, wenn sie wirklich geglaubt hatten, recht zu haben,

so sollten sie jetzt aus Nicolai's Versicherung, dass er ihnen die

wahrste Wahrheit sage, vernehmen, dass sie denn also doch unrecht

hätten.

So sagt man, dass er allen mündlich geäusserten Vorstellungen und

Bedenklichkeiten seiner Freunde, besonders wegen seiner spätern

philosophischen Streitigkeiten, immer so zu begegnen gepflegt habe: man

müsse überall mit der Sprache gerade herausgehn und die Wahrheit sagen.

Ob sie gefalle oder nicht, ob man sich dadurch Feinde mache oder nicht,

darnach könne nicht gefragt werden. Wenn die entgegengesetzte Maxime

gelten solle, so hätten auch die Literaturbriefe nicht geschrieben

werden müssen. So war er auf ewig gegen die Vermuthung befestigt und

gesichert, dass irgend jemand glauben könne, er habe in der Sache selbst

unrecht, und hielt jene Warnungen für nichts weiter, als für die

zärtlichen Besorgnisse seiner schüchternen Freunde, durch die sie ihn

verleiten wollten, aus Sorgfalt für seine persönliche Ruhe die Sache der

Wahrheit zu verläugnen.

Fünftes Capitel.

Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus diesem höchsten

Grundsatze.

Kam es nun wirklich zum Dispute, so machte unser Held es sich zum

einzigen Augenmerk, die Wahrheit des Factums zu constatiren und dem

Gegner den Ausweg des Abläugnens seiner That oder seiner Aeusserung

abzuschneiden. Hierbei verfuhr er mit seiner gewöhnlichen Sorgfalt und

Genauigkeit. Hatte er nur diesen Punct erst ins Reine gebracht, so

schritt er ohne weiteres zum Endurtheile; denn er konnte den Glauben an

den gesunden Menschenverstand seiner Gegner nie so weit aufgeben, um

anzunehmen, dass sie der Thaten oder Aeusserungen, die sie aus seinem

Munde wieder hören müssten, und von denen sie leicht abnehmen könnten,

dass er sie misbillige, nicht sogleich sich innigst schämen, die

Unrichtigkeit derselben einsehen und sie bereuen sollten.

So kam in jenen Tagen zu Jena eine gewisse auch allgemeine

Literaturzeitung heraus, welche sogleich in ihr Nichts verschwand,

nachdem unser Held die Zügel der allgemeinen deutschen Bibliothek mit

starken Händen wieder ergriffen hatte, und jener Zeitung die, bei

Gelegenheit des Schellingschen und Schlegelschen Streits mit ihr zu Tage

gekommene Abhängigkeit vorrückte. Dieser Zeitung sagte er in der oben

angeführten unsterblichen Besitzergreifungsacte[6], zwar mit

grossmüthigem Bedauern, dass dieses ihr Factum gewesen, jedoch übrigens

kurz, fest und entschlossen, auf den Kopf zu, dass sie Kant gelobt

hätte, und Reinhold gelobt hätte, er fügte jedesmal in Schwabacher

hinzu, ^dass dies nicht zu läugnen wäre^. Freilich hatte jene Zeitung

gehofft und geglaubt, dass kein Mensch als Nicolai jenen Verstoss

entdeckt habe, und dass dieser es nicht weitersagen werde.

So muss in jenen Tagen ein gewisser Fichte, von dem seit dem Jahre 1804

alle Nachrichten verschwinden, sein Wesen getrieben haben. Diesem führt

unser Held in derselben klassischen Acte mehrere seiner

höchststräflichen Aeusserungen kurz und gut zu Gemüthe; dass z. B.

dieser Fichte, und noch dazu vom Anfange an, und noch dazu ganz laut

gesagt habe, kein einziger von Kants zahlreichen Nachfolgern habe

verstanden, wovon eigentlich die Rede sey, -- ausser er, Fichte, wie

sich verstehe, setzt unser Held dazu. (Wenn dieser Fichte nur die

gemeinste Logik hatte, so versteht sich dies freilich; wie hätte er

urtheilen können, dass alle übrigen es nicht verständen, wenn er nicht

selbst es zu verstehen geglaubt hätte?) Um allen Zweifel über die

Sträflichkeit und Absurdität dieser Aeusserungen zu heben, versichert

er, ^es seyen dies wirklich Fichte's eigne Worte^, und citirt

allenthalben Buch und Seite; und in einigen Blättern, welche dem

allgemeinen Austilgungskriege gegen Fichte vom Jahre 1803 entgangen,

findet sich auch wirklich, dass diese Citationen richtig sind.

Unser Held war ein unbarmherziger Gegner. Wie muss es den armen Fichte

niedergedrückt haben, durch Nicolai an den Tag gebracht zu sehen, was

von ihm zum Drucke befördert sey.

Anmerkung.

[Fußnote 6: Wir nennen die oft erwähnte Anzeige eine

Besitzergreifungsacte; denn lasst uns nur in einer Note, die mancher

Leser vielleicht auch nicht liest, bekennen, dass alle die getroffenen

Anstalten nicht lediglich um der Herren Schelling, W. und F. Schlegel,

Tieck, Fichte, und wie die Gezüchtigten noch alle heissen, unternommen

sind; dass diese nur das Mittel sind zum höhern Zwecke, und die gegen

sie aufgestellten Truppen nur dazu dienen, den Punct des eigentlichen

Angriffs zu verdecken. Dieser geht, dass wir es nur zu unsrer eigenen

Demüthigung gerade heraussagen, eigentlich -- ^gegen die Jenaische

Literaturzeitung^.

Nicht von den anzuzeigenden Schriften -- eigentlich den zwischen

Schelling, A. W. Schlegel und der A. L. Z. gewechselten Streitschriften

-- nein, vom unsterblichen Stifter der A. D. B. hebt die Rede an, wie

dieser zuerst die Idee gefasst, zur Verhütung aller Einseitigkeit und

Parteilichkeit (!) Mitarbeiter aus allen deutschen Ländern und Provinzen

einzuladen. S. 145. lässt sich zwar nicht läugnen, dass ^auch die

Redactoren der A. L. Z. dieser Idee gefolgt^. S. 150 aber sind bei ihr

gerade die unangenehmen Fälle eingetreten, »^welche der Stifter der A.

D. B. eben durch die Einladung von Mitarbeitern aus allen deutschen

Ländern und Provinzen -- vom Anfange an -- so vorsichtig zu vermeiden

wusste^.« Es bekamen nemlich ^nun^ -- wie denn ^nun^? folgten denn nun

die Redactoren der ^A. L. Z.^ nicht mehr der Idee des unsterblichen

Stifters der A. D. B.? Ei, was weiss ichs: kurz -- »es bekamen ^nun^

durch die individuelle Lage der Redactoren der ^A. L. Z.^ gegen

Mitarbeiter, die mit ihnen in zu naher Verbindung an Einem Orte lebten,

und gegen deren Freunde, persönliche Rücksichten einen merklichen

Einfluss auf das Werk, welcher demselben sicher nicht vortheilhaft war,

und -- ^bei unparteiischen Lesern _das Vertrauen zu demselben sicher

verminderte_^.« -- In der ganzen Anzeige kann man weiter ersehen, wie

eben durch jene Streitschriften der ^A. L. Z.^ und ihrer Gegner, »die

freilich keinem von beiden Theilen vortheilhaft sind« und deren

^deswegen^, »gegen die sonstige Gewohnheit der D. B., in anderen

gelehrten Zeitschriften erhobene Streitigkeiten aufzunehmen und

fortzuführen,« allerdings erwähnt werden musste -- wie, sage ich, durch

jene Streitschriften so recht an den Tag gekommen, dass die Schlegel und

Schelling in die ^L. Z.^ Einfluss gehabt, dass diese von ihnen

^abgehangen^. Nun kann der scharfsinnige Leser selbst ermessen, welch'

ein erbärmlicher Wicht die ^L. Z.^ seyn möge, da sie von so erbärmlichen

Wichten, deren und ihrer Freunde Personalien eben deswegen hier wieder

in frisches und geschärftes Gedächtniss gebracht werden mussten,

abgehangen; -- diese ^L. Z.^, von der sich ohnedies nicht läugnen lässt,

dass sie Kant gelobt, und Reinhold gelobt.

Dagegen kann jeder Leser wissen, dass die D. B. der neuen und neusten

Philosophie von jeher im Wege gestanden; die unartigen Schleifwege, auf

denen sich doch einmal ein gutes Wörtchen über sie in diese B.

eingeschlichen, sind nun auch entdeckt und, besonders seit Nicolai

wieder das Regiment führt, sicherlich verhauen. Es ist der

Bescheidenheit, die alles Selbstlob verschmäht, angemessen, dieses

anonym in den letzten Heften der bei Bohn herauskommenden neuen B. zu

der Zeit, da die ersten Bände der wieder alt gewordenen B. bei Nicolai

erscheinen, und das Vertrauen der Leser zur ^A. L. Z.^ durch den

Schellingschen Streit in frischer Verminderung begriffen ist, gehörig

auseinanderzusetzen, damit die Leser wissen, wohin sie sich nun mit

ihrem Vertrauen zu wenden haben.

Jene Anzeige ist sonach, ihrer wahren Bestimmung nach, eine

Besitzergreifungsacte des alten Vertrauens für die alte Bibliothek, von

dessen Verminderung der alte Herausgeber doch einige Spur haben muss.

Wir wünschen sehr, dass der scharfsinnige und scharftreffende Herr

Hofrath Schütz diese wahre Tendenz jener Anzeige ja nicht merke, sondern

sie unbefangen als eine blosse Ausstäupung dieser Schlegel, dieses

Schellings, dieses Fichte hinunterschlucke; auch, dass nicht etwa diese

unsere Note ihm zu Gesichte komme: denn sonst -- möchten wir nicht an

Herrn Nicolai's Stelle seyn. Auch dürfte sodann vielleicht uns selbst

unser Eifer für die Ehre und den Flor jenes grossen literarischen

Instituts nicht zum Besten bekommen.]

Sechstes Capitel.

Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers Helden, zufolge

jenes höchsten Grundsatzes.

Mag der Grund in einer ursprünglichen Unfähigkeit der Natur unsers

Helden, oder in einer frühern Verbildung desselben gelegen haben, kurz,

es war unter seinen grössten Verehrern und wärmsten Freunden darüber nur

Eine Stimme, dass er für die Philosophie ganz untauglich sey. Sein Geist

war ein dürrer Chronikengeist. Nie vermochte er sich über die Erfahrung,

und zwar über die Erfahrung im allerniedrigsten Sinne des Worts, über

das blosse Aneinanderknüpfen von Sinneseindrücken und den Erzählungen

davon hinweg, bis zum Begriffe eines allgemeinen Gesetzes, nach dem jene

Erscheinungen erfolgten, oder erfolgen sollten, als dem ^Materiale^

aller Philosophie, zu erheben. Doch was rede ich von dem Begriffe eines

Gesetzes? Nicht einmal zu dem Begriffe eines Vordersatzes wusste er sich

zu erheben; wie hätte er sonach jemals die leiseste Ahnung, auch nur von

dem ^Formalen^ der Philosophie, von dem Zusammenhange der Gedanken in

einer philosophischen Untersuchung, von dem Werthe und der Bestimmung,

die sie von der Stelle erhalten, da sie stehen, von einem organischen

Ganzen des Denkens, haben können? Jeden möglichen Gedanken, den er

äusserte, trug er vor als unmittelbar gewiss, und durch sich selbst

klar; ob, weil er ihn sagte, oder durch die Art, wie er ihn sagte,

lassen wir an seinen Ort gestellt. Diese alle gleich unmittelbar

gewissen Gedanken setzte er nun zusammen, wie sie ihm unter die Hände

kamen, jeden möglichen an jeden andern möglichen, und so verwandelte

sich ihm alles menschliche Denken in einen grossen Sandhaufen, in

welchem jedes Körnchen für sich besteht, und alle durcheinander geworfen

werden können, ohne dass in dem Einzelnen etwas verändert wird. Wir

werden tiefer unten Belege dieses Verfahrens anführen.

Nun ist zwar demjenigen, der zu einer gewissen Sache absolut unfähig

ist, nicht füglich anzumuthen, dass er diese seine Unfähigkeit erkenne;

denn gerade dasselbe, was ihn zur Sache unfähig macht, macht ihn auch

unfähig, seine Fähigkeit zur Sache zu beurtheilen. Aber bei gewöhnlichen

Menschen wird durch ein dunkles Gefühl ersetzt, was ihnen an klarem

Urtheil abgeht. So ist es in Absicht des Faches, wovon wir hier

sprechen, nichts Seltenes, Personen, wenn sie nur nicht als Professoren

der Metaphysik, oder als philosophische Recensenten an der A. D. B. ihr

Brot verdienen müssen, gestehen zu hören, dass Metaphysik ihr wahres

Kreuz sey, dass es ihnen damit noch nie recht habe gelingen wollen, oder

wenn sie mehr Eigendünkel haben, dass dies leere Spitzfindigkeiten

seyen, mit denen sie sich den Kopf zerbrechen, -- nur nicht möchten. --

Ferner hat ja jeder Mensch irgend einen vertrautern Bekannten oder

Freund; und Nicolai hatte deren so viele unter seinen Zeitgenossen, die

sich doch auch ein Urtheil über Philosophie zuschrieben. Sollte denn

niemals einer von diesen unserm Helden mit aller Bescheidenheit zu

verstehen gegeben haben, dass er zwar in andern Geschäften des

menschlichen Scharfsinns, in der Fähigkeit, die feinsten Machinationen

der Jesuiten zu wittern, den seltensten Zuschnitt eines

Predigerüberschlags oder einer Perrücke auszuspüren, seines Gleichen

nicht habe; dass er aber in der eigentlich sogenannten höhern

Philosophie nicht dieselbe Stärke besitze? Setzte nicht Kant, dem unser

Held doch auch nicht allen Scharfsinn absprach, zutrauungsvoll von ihm

voraus, er werde wohl selbst eines Urtheils über Gegenstände der höhern

Speculation sich bescheiden?

Was that unser Held? Leistete er etwa, durch jenes dunkle Gefühl

gewarnt, gleich von vornherein Verzicht auf dieses ihm durch seine Natur

verschlossene Fach, oder achtete er auf jene Warnungen, und gab

späterhin seine Theilnahme an demselben auf?

Wie konnte er? Gehört denn nicht die Philosophie zum Umfange der

menschlichen Kenntnisse, und ist sie nicht von jeher von allen Besitzern

dieser Kenntnisse sogar an die Spitze derselben gestellt worden? Hatte

nicht die Bibliothek von jeher auch das Fach der Philosophie umfasst?

War es denn möglich, dass jemand Redacteur dieser Bibliothek, sonach die

Seele derselben, sonach die Seele aller Geistesbildung wäre, der nicht

eben darum der erste untrüglichste und allumfassendste aller Philosophen

sey? Das Höchste, was er aus Herablassung gegen den alten Mann, den

Kant, thun konnte, war, dass er einen historischen Bericht über seine

philosophische Bildung abstattete. Aber gerade das, dass man fähig

gewesen war, jenen Zweifel über unsers Helden Fähigkeit zu erheben,

zeigte am deutlichsten den tiefen Verfall und die schreckliche

Verwilderung in diesem Fache, und machte es ihm zur dringendsten

Pflicht, von nun an alle seine Kräfte der Wiederherstellung desselben zu

widmen.

Auch hier, so wie allenthalben ging unser Held von dem Princip aus: ich,

Friedrich Nicolai, bin anderer Meinung als ihr; und daraus könnt ihr

ersehen, dass ihr unrecht habt. Er hat diesen höchsten Grundsatz seines

speculativen Systems mehrere Male in bestimmten Worten ausgesprochen,

ohnerachtet er sonst mehr für den rhapsodischen als für den

systematischen Gang war. Es gehört zur Geschichte des Helden, wenigstens

einige jener Aussprüche anzuführen.

Jacobi hatte geäussert, und durch eine mit Lessing gehabte Unterredung

belegt, dass der letztere in der höhern Speculation den Spinozischen

Principien zugethan gewesen. Jene Aeusserung Jacobi's musste -- so

wollten es die Freunde und -- Ehrenretter des Verstorbenen -- nicht wahr

seyn; Lessing musste von den gesunden und moderaten Begriffen eines

Nicolai und Mendelssohn nicht abgewichen seyn. Auch unser Held brachte

seinen Beweis gegen Jacobi an. Und was für einen Beweis brachte er an?

-- ^Er, Nicolai, könne am gewissesten sagen, dass Jacobi Lessing

sicherlich misverstanden hätte, indem er sagen könne, dass -- _Er selbst

mit Lessing über jene Materie disserirt hätte_^[7]. Freilich war Jacobi

nun hinlänglich beschämt. Welcher Leser hätte nach einem solchen

Zeugnisse noch ein Wort von ihm angehört; und was hätte er auch

vorbringen können, ohne vor sich ^selbst^ bis in die innerste Seele zu

erröthen? -- Auf dieselbe Weise fürchtete er in der erwähnten berühmten

Acte, dass freilich wohl ^andere^ Gelehrte glauben möchten, hinter den

spitzfindigen Grübeleien der Ichphilosophie und der daraus gefolgerten

speculativen Physik und Poetik stecke vielleicht etwas Wichtiges

verborgen. ^Er^ aber, ^Er Nicolai^ wusste sehr wohl und verkündigte

laut, dass die Nullität jener Philosophie nur immer deutlicher erhellen

werde, und dass man im Jahre 1803 darüber mehr würde sprechen können[8].

Aus diesem hier und da deutlich ausgesprochenen Princip führte nun unser

Held unverrückt sein Richteramt in der Philosophie; auch da, wo er jenes

Princip nicht deutlich aussprach. Alle seine Beweise beruhten allein

darauf. Er hatte, seiner ^Bildung^ zufolge, einst gleichfalls

Philosophie studirt, die philosophische Wahrheit ausgemessen, umfasst

und in sich aufgenommen. Was damit übereinstimmte, -- war freilich nie

so stark, so durchgeführt, so trefflich gesagt, als er es gesagt haben

würde, wenn er nur Zeit dazu gehabt hätte, aber da er diese nun einmal

nicht hatte -- mochte es doch existiren! Was damit nicht übereinstimmte,

bei jener allgemeinen Ausmessung des philosophischen Gebiets von Nicolai

nicht mit ermessen war, -- Jacobi's, Kants, der transscendentalen

Idealisten Philosopheme -- welche Frage, ob sie falsch seyen? Wie

konnten sie anders? -- indem ja, wenn sie wahr wären, Nicolai sie schon

ehedem, eh' von allen diesen Menschen etwas gehört wurde, gefunden haben

müsste. Falsch waren sie, das verstand sich, und unser Held musste,

seinem beständigen Kriegsplane nach, ohne weiteres mit den Waffen des

Lächerlichen dagegen vorschreiten.

Kant war, als er mit seinem Systeme hervortrat, schon bejahrt, und

dieses Verdienst blieb in den reifern Jahren unsers Helden nie ohne

Wirkung auf ihn. Auch mochte vielleicht jener Philosoph, der bekanntlich

sehr verschiedene Stufen der Bildung durchgegangen war, auf einer der

frühern dieser Stufen einigen Wohlgefallen an der Aufklärerei der

Bibliothekare gefunden und geäussert haben. Kant war daher ein übrigens

(inwiefern er Nicolai's Grundprincip anzuerkennen schien) vernünftiger

und gelehrter Mann, an welchem es umsomehr zu bewundern war, dass er

Sätze als wahr behaupten könne, die Nicolai nicht aufgefunden. Die

Streiche des Lächerlichen konnten ihm freilich nicht geschenkt, sondern

mussten vielmehr, gerade weil er ein übrigens vernünftiger Mann war, von

dem noch am ersten Besserung sich hoffen liess, wo möglich geschärft

werden.

Jacobi, als er als Schriftsteller auftrat, eben so die transscendentalen

Idealisten, waren jünger als Nicolai; und in Rücksicht des jungen

Anwuchses hatte unser Held die Maxime, sie scharf zu züchtigen, damit er

in reiferen Jahren Ehre und Freude an ihnen erlebe. Daher war Jacobi

einer jener mittelmässigen Köpfe, die alles drucken lassen, was sie etwa

im Discurs gehört haben, oder vielmehr halb gehört haben, um sich ein

Ansehn zu geben, ein Mann, der seine Materie nie recht durchdacht hatte,

der nicht einmal schreiben konnte[9]. Die transscendentalen Idealisten

waren Querköpfe, und wer weiss was sie noch alles waren.

Und so benahm unserm Helden bis an sein Ende niemand die selige

Ueberzeugung, dass im Umrütteln des oben erwähnten Sandhaufens das wahre

Philosophiren bestehe; dass dies keiner besser könne, als er; und dass

er sonach nicht nur der erste Philosoph aller Zeiten, sondern zugleich

auch der gewaltigste philosophische Streiter sey. Die in seinen letzten

Jahren häufiger an ihn ergehenden Zurufe, dass er in diesem Fache gar

nichts verstehe, und hierüber am wenigsten eine Stimme habe, dienten ihm

zum äussern, seiner innern Ueberzeugung freilich entbehrlichen Beweise,

dass jene seine Meinung, von seiner philosophischen Superiorität, von

jederman im Herzen anerkannt werde. Denn, sagte er bei sich selbst, wenn

sie hoffen könnten, gegen meine Gründe etwas auszurichten, so würden sie

ja diese zu entkräften suchen. Aber, da der blosse Anblick dieser Gründe

sie zur Verzweiflung bringt (welches sich auch allerdings also

verhielt): so bleibt ihnen nichts übrig, als einen Machtspruch zu thun,

und zu sagen: ich verstehe nichts von der Sache. Dies aber beweist mir,

dass sie wohl einsehen, ich allein verstehe die Sache.

Anmerkungen.

[Fußnote 7: M. s. ^Jacobi wider Mendelssohns Beschuldigungen etc.^

(Leipzig bei Goeschen 1786, eine Schrift, deren Inhalt noch immer zur

Tagesordnung gehört) S. 99., wo Jacobi die A. D. B. 65. B. 2. St. S.

630. citirt. -- Eben daselbst sind die Beschuldigungen nachgewiesen,

dass Jacobi nicht schreiben könne, seiner Materie nie mächtig sey, u. s.

w.]

[Fußnote 8: M. s. S. 167 der oft angeführten Anzeige in der N. D. B.]

[Fußnote 9: In dem von ihm selbst herausgegebenen Lessingschen

Briefwechsel mit Ramler, Eschenburg, Ihm (bei Ihm 1794) sagt Nicolai in

der Vorrede, nachdem er beklagt, dass Mendelssohn Lessings

Charakteristik nicht herausgegeben, -- woran bekanntermaassen diesen

Freunden Lessings zufolge Jacobi's Notiz über Lessings wahres

speculatives System ihn verhindert haben sollte: »dies ist nicht der

erste Schaden, den die in Deutschland so übliche Anekdotenjägerei« --

oder vielmehr Klatscherei (gab es in Deutschland wohl je eine ärgere

Klatsche, als der Verfasser der bekannten Reisen?) »angerichtet hat,

^da^ jeder mittelmässige Kopf, was er etwa im Discurse hört, -- oder

halb hört, ^gleich^ drucken lässt -- um (Nicolai's bekannte pragmatische

Methode) sich ein Ansehen zu geben.« Jacobi eben sollte nur halb gehört

haben; er war es, durch dessen Druckenlassen die allein heilbringende

Philosophie so aufgebracht war. Er war dieser Eine unter den

mittelmässigen Köpfen.

Armer Wicht, ahnete dir denn gar nicht von den Versuchungen des Teufels,

als du diese Stelle niederschriebst? Hattest du denn gar keinen Freund,

der dir in die Ohren geraunt hätte, dass wenn die Geisteskraft dieses

mittelmässigen Kopfes, Friedrich Heinrich Jacobi, unter zehnmalzehnmal

zehn Nicolai zu gleichen Theilen vertheilt würde, jeder dieser Nicolai

seinen Kopf doch noch mit weit mehr Ehre durch die Welt tragen würde,

als du, allererbärmlichster Friedrich Nicolai?

* * * * *

Und hiebei denn für mehrere Stellen dieser Schrift folgende Bemerkung.

Ohnerachtet zwischen Jacobi und mir sich merkliche Differenzen erhoben

haben, deren Hauptgrund ich darin finde, dass Jacobi über sehr

wesentliche Puncte mich nicht genug verstanden, oder, wenn der Fehler an

meinem Ausdrucke liegt, diese Puncte nicht in den Zusammenhang

hineindenkt, aus welchem sie in meinem Denken hervorgehen, und in

welchen ich sie sobald als möglich für alle Denker deutlich hineinsetzen

werde -- vielleicht auch mit darin, dass Jacobi in seinem Kriege gegen

den Nicolaismus sich gewöhnt hat, bei jedem seiner Gegner wenigstens

eine kleine Portion dieses Nicolaismus, d. i. der leeren zwecklosen

Denkerei, vorauszusetzen; -- ferner, wie Jacobi über mich und meine

Unternehmungen auch je sich äussern, und ich nöthig finden möchte,

diesen Aeusserungen zu begegnen; endlich, wenn es sich auch zutragen

sollte, dass Jacobi nach dem allgemeinen menschlichen Schicksale

späterhin durch Altersschwäche herabsänke, es selbst nicht bemerkte,

keinen Freund hätte, der ihn warnte, und so vor dem Publicum seinem

ehemaligen Selbst unähnlich erschiene: so soll mich doch dieses alles

nicht abhalten, ihn für das Vergangene für einen der ersten Männer

seines Zeitalters, für eines der wenigen Glieder in der

Ueberlieferungskette der wahren Gründlichkeit, laut anzuerkennen: und

dies nicht, um irgend jemandes Neigung mir zu erhalten, sondern weil es

sich so gebührt. Hochachtung vor Männern gründet sich nicht auf

zufällige Beziehungen, sondern auf Erkenntniss ihrer Verdienste; und es

giebt des Achtungswürdigen wahrlich nicht so viel, dass man Ursache

hätte, selbst dieses noch um kleiner Verstösse, oder wohl gar aus

persönlichen Gründen, herabzusetzen. Ich erinnere dieses einmal für

immer für diesen und ähnliche Fälle zur Vermeidung alles Anstosses und

Misverständnisses, in unserm Zeitalter der Parteien. Es giebt nur Eine

Partei, die man zu ergreifen hat, die für das Talent und die

Gründlichkeit, und gegen die Dummheit und die Bosheit; von dieser Partei

zu seyn, hat der Verfasser immer gewünscht.]

Siebentes Capitel.

Eine andere fast noch unglaublichere Meinung unsers Helden von

sich selbst, zufolge jenes höchsten Grundsatzes.

Ein anderes, beinahe unerklärliches Misgeschick unsers Helden war dies,

dass, obgleich er allein mehr Papier beschrieben, als ein Dutzend seiner

schreibseligsten Zeitgenossen, er doch bis an sein Ende nicht schreiben

lernte. Man fand keine Zeile bei ihm, in welcher nicht ein oder ein paar

unrecht angewendete Wörter und einige überflüssige vorgekommen wären. Am

deutlichsten konnte man dies sehen, wenn man etwa das Unglück hatte,

einiges aus seinen Druckschriften abschreiben zu müssen. Der Verfasser

dieser seiner Geschichte sieht mit Schrecken vorher, dass tiefer unten

diese Nothwendigkeit ohnedies ihn treffen werde. Er könnte es über das

Herz bringen, grausamen Lesern, die ihm wohl gar anmuthen dürften, auch

hier besondere Belege für seine Behauptung beizubringen, dafür

anzuwünschen, dass sie selbst ein paar Seiten von Nicolai abschreiben

müssten.

Das Ganze seines Vortrages aber war so beschaffen: Es lag ihm stets

innig am Herzen, dass seine Leser ihn doch ganz vernehmen und recht

verstehen möchten. Es kam ihm daher, so wie er den ersten Perioden

geendet hatte, immer so vor, als ob er noch was vergessen und noch nicht

deutlich genug geredet hatte. Er fing sonach in einem zweiten wieder von

vorn an, um zu sehen, ob ihm nicht im Reden das Vergessene beifallen,

und ob es ihm mit der Deutlichkeit diesmal nicht noch besser gelingen

möchte. Da es ihm nun aber mit dem zweiten Perioden eben so ergangen

seyn könnte, wie bei dem erstern, so musste er nun freilich in einem

dritten, und nach Endigung dieses in einem vierten wiederum von vorn

anfangen, und so immerfort. So rang er rastlos nach immer höherer

Deutlichkeit und Vollständigkeit; und wenn er endlich doch einmal

aufhörte, wie er denn wirklich zuletzt noch immer aufgehört hat, so

geschah dies lediglich darum, weil seine übrigen wichtigen Geschäfte ihn

abriefen und ihm die nöthige Zeit zur vollkommenen Ausführung seines

Themas nicht verstatteten.

Dabei hatte er eine grosse Liebhaberei zum Witze, und seinen Geist schon

früh bei den geistreichen Engländern, den Shaftsbury, Buttler, Smollet,

den Verfassern des John Bunkel u. a. in die Nahrung gethan. Dennoch

behielten bis in sein goldenstes Zeitalter, -- das der Gundiberte und

der witzigen Theile von den Reisen -- seine Spässe eine gewisse dicke

Zähheit, Plattheit und Gemeinheit. -- Da man in Nicolai's Witze den

grössten Theil des polemischen Witzes seines Zeitalters zugleich mit

charakterisirt, so dürfte vielleicht eine kurze Classification dieses

Witzes hier nicht an der unrechten Stelle stehen.

Wir theilen diesen Witz trichotomisch ein, und finden an ihm eine

vollständige Synthesis. Die erstere Art ist der ^repetirende^ Witz; wenn

am Markte einer aus dem Pöbel vor dem ganzen herumstehenden Haufen einer

Hökerin sagt: du bist eine Diebin; und diese sich zu dem Haufen wendet

und schreit: »Ich bin eine Diebin; sagt er:« ^Absolute Thesis des

Witzes.^ Mit dieser Art pflegte unser Held seinen Widersachern die

tiefsten Wunden zu schlagen; und die Schule der transscendentalen

Philosophen soll allein daran sich zu Tode geblutet haben. -- Die zweite

Art des Witzes ist die ^der einfachen Retorsion^; wenn jener sein Wort:

»du bist eine Diebin« wiederholt, und die Hökerin ihm nun antwortet:

»nein du, du bist ein Dieb:« ^Antithesis des Witzes.^ Auch diese Art

wusste unser Held vortrefflich zu handhaben, und bediente sich derselben

häufig. Endlich, die dritte Sorte ist die ^der spöttischen Retorsion^;

wenn unser Mann sein Wort nochmals wiederholt, und die Hökerin ihm

antwortet: »ja du wärst mir der Rechte, dass du mir das sagen solltest,

du sähst mir so aus, du hättest es auf dem Leibe:« ^Synthesis des

Witzes.^ Man muss es unserm Helden zum Ruhme nachsagen, dass er dieser

letzten beissenden Sorte, ohnerachtet er auch sie sehr geschickt zu

behandeln verstand, sich doch nur selten, und nur gegen sehr

eingewurzelte Schäden bediente. Dies war der Umfang seiner Schalkheit,

und andere Sorten haben in seinen zahlreichen Schriften sich nicht

gefunden.

So war es mit Nicolai's Talent zur Schriftstellerei nach der Wahrheit

beschaffen.

Was glaubte nun er selbst über dieses Talent? -- Lasset uns auch hier

billig seyn. Wenn ein alter, misgeschaffener, von Gicht und Podagra

zerrissener Faun, der in einem vorüberfliessenden Bache seine Gestalt

erblickte, dieselbe männlich anständig und ehrwürdig fände: wer würde es

ihm so sehr verdenken? Gehören doch die Augen, durch welche er sieht,

auch zu ihm selbst. Wenn aber derselbe die krampfhaften Zuckungen der

Gicht in seinem behaarten Gesichte für ein Lächeln der himmlischen

Venus, und das Schlottern seiner verdorrten Schenkel und die Bebungen

seiner spitzigen Bocksfüsse für die Tanzübung einer Grazie ansähe: so

würde dies doch zu sehr das Mittelmaass der einem Faun allenfalls zu

verstattenden Eigenliebe überschreiten.

Es erging unserm Helden nicht viel besser als diesem Faune. Dass er sich

für einen Richter und Meister über Sachen des Stils gehalten, beweisen

theils der Tadel, den er so oft gegen anderer Schreibart ergehen lassen,

wenn er z. B. Jacobi, ohne Zweifel einem der besten Stilisten seines

Zeitalters, vorrückte: er könne nicht schreiben; theils die

Liebkosungen, die er von Zeit zu Zeit ganz unverhohlen seinem eignen

Vortrage machte, indem er sagte: die blossen Büchergelehrten wüssten gar

nicht, wie man dem Publicum etwas vortragen müsse; er aber, ein Mann,

der in der Welt gelebt, wisse es, und darauf Proben von dieser

Fertigkeit gab[10]. Für welchen satirischen Kopf und durchtriebenen

Schalk er sich gehalten, ist daraus zu ersehen, dass er die

Horazisch-Shaftsburysche Maxime, durch das Lächerliche die Thorheit an

den Tag zu bringen, zu der seinigen gemacht, und bis an sein Ende

geglaubt, dass er der geborne und bestellte Verfolger aller Thorheit

durch jene Waffen des Lächerlichen sey. Diese Meinung, da sie durchaus

ohne alle äussere Veranlassung und von aller Wahrscheinlichkeit

entblösst war, konnte durch nichts Anderes entstanden und befestigt

seyn, ausser durch die Begriffe, welche unser Held von seinen Talenten

überhaupt hatte.

Anmerkung.

[Fußnote 10: In sehr vielen Stellen der Nicolaischen Reisebeschreibung.]

Achtes Capitel.

Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine und seiner Gegner

gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten Grundsatze.

Da, wie gesagt, unser Held voraussetzte, dass er nie anders als recht

haben könnte, und dass alle Welt gleichfalls, wenigstens im Herzen,

derselben Ueberzeugung wäre, dass er nie unrecht haben könnte: so

begegnete es ihm nicht selten, dass er seinem Gegner gerade dasselbe

ernstlich verwies, was er selbst immer that, und vielleicht in demselben

Augenblicke that, da er es jenem verwies. Sie sollten nemlich denken: ja

dem Nicolai ist das wohl erlaubt, denn der hat recht; uns aber ist es

nicht erlaubt, denn wir haben ja unrecht.

So, nachdem er in der berühmten Acte mit grossmüthigem Bedauern

gemeldet, dass es das Schicksal der Jenaischen allgemeinen Literatur

geworden, Kant zu loben, und Reinhold: sagt er einige Seiten später ohne

Bedauern, vielmehr mit Ruhme, dass seine allgemeine Literatur der neuen

und neuesten Philosophie stets im Wege gewesen[11]. Man sollte meinen,

Parteilichkeit ^für^ und Parteilichkeit ^wider^ sey doch immer beides

Parteilichkeit, und eine der andern werth. -- Ja, aber die neue und

neueste Philosophie ist ja falsch, denn sonst könnte die alte

Nicolaische nicht wahr seyn; und es ist sonach allerdings ruhmwürdig,

der ersten im Wege zu stehen, und sehr tadelnswürdig, sie zu loben.

In derselben Acte beschuldigte er die Herren Schelling, A. W. Schlegel,

Fichte, dass sie günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die

Jenaische Allgemeinheit zu bringen, ja, dass der letztere sogar die

bibliothekarische Allgemeinheit sich geneigt zu machen gesucht habe.

Wenn sich dies auch nun so verhalten hätte (mikrologische

Geschichtsforscher jener Zeiten, die ihren Fleiss sogar über die

Lebensumstände jener nun vergessenen Schriftsteller verbreiten,

versichern einstimmig, diese hätten die Wahrheit jener Beschuldigung

beständig abgeläugnet), wenn es sich nun auch so verhalten hätte, hätte

es ihnen denn Nicolai so sehr verdenken sollen, der sich rühmt, in

seiner Bibliothek nur ungünstige Recensionen jener Philosophie, die eben

darum seiner eigenen günstig sind, zuzulassen; und von welchem es in

jenen Tagen bekannt war, dass er auch der Jenaischen allgemeinen

Literatur dasselbe Princip angemuthet, und einem der Statthalter jener

Literatur derb den Kopf dafür gewaschen, dass man ein paar Schriften von

Fichte durch Reinhold habe recensiren lassen, und nicht vielmehr durch

einen Mann, -- »der die Blössen jener Fichteschen Philosophie so recht

an den Tag gebracht hätte?« -- Aber, war es denn jenen Männern noch

nicht gesagt worden, dass sie unrecht hätten, von Nicolai selbst gesagt

worden? War es nicht eine Schande, dass sie das Gift ihrer verworfenen

Meinungen, mit dem sie für ihre Person leider angesteckt waren, nun auch

durch die geheiligten Quellen der öffentlichen Literaturen in das

Publicum zu bringen suchten, anstatt in die Einsamkeit sich

zurückzuziehen und sich selbst heilen zu lassen?

Dem Fichte besonders wird in jener Acte ein schweres Sündenregister zu

Gemüthe geführt[11]. »Er habe sich in Jena auf Reinholds Stuhl gesetzt«

(man hat mehrere Erklärungen der Antiquitätenkenner von dieser wichtigen

Stelle, keine aber befriedigt uns, und wir müssen daher sie, die sehr

leicht das grösste Verbrechen jenes Mannes enthalten mag, als

unverständlich übergehen); »er habe gewusst, diesen so ungemein

verehrten Lehrer bei den Studenten in Jena in kurzer Zeit fast in

Vergessenheit zu bringen.« Unser Held hat nicht hinzugesetzt, welcher

Mittel sich hierbei der Mann bedient; auf jeden Fall aber sollte man

hieraus beinahe schliessen, dass es demselben nicht an allem

Lehrertalente gefehlt haben müsse. Dies ist doch wohl nicht sein

Vergehen? -- Vielleicht nur der üble Gebrauch, den er von jenem Talente

machte? Aber der Reinhold, den er in Vergessenheit brachte, war ja, nach

den Nachrichten der besten Geschichtschreiber, selbst ein Kantianer, und

weit davon entfernt, in den Umkreis der allein wahren Bibliothek zu

gehören. Diesen in Vergessenheit gebracht zu haben, kann Fichte's

Vergehen nicht seyn. -- Lesen wir weiter. »^Nun^« (hier mildert der

grossmüthige Mann ganz offenbar die Schuld des Angeklagten. Nach den

besten Nachrichten hatte Fichte nicht erst, nachdem es ihm bei den

Studenten gelungen war, Reinhold in Vergessenheit zu bringen, sondern

sogar schon vor seiner Ankunft in Jena eine Schrift verfasst und dem

Drucke übergeben, in welcher er geradezu die Kantische Philosophie für

unvollendet erklärt, von den Reinholdschen Bemühungen bloss schonend

gesprochen, und seinen Vorsatz, die Sache zu vollenden, bestimmt

angekündigt.) -- »^nun^ habe es jenem Manne ein Leichtes geschienen,

auch Kant von dem hohen Stuhle, der ihm als dem ^ersten Philosophen

Deutschlands^ gesetzt worden, herunterzustossen.« Unser Held sprach nie

und spricht auch hier nicht mit Billigung davon, dass Kant dieser hohe

Stuhl gesetzt worden. Es war das unablässige Bestreben aller

literarischen Thätigkeit seiner letzten Tage, ihn von diesem Stuhle

herunterzustossen. Sonach wären ja Nicolai und Fichte einiger gewesen,

als man glaubt, und der erstere hätte den letztern nimmermehr darüber

tadeln können, dass er mit ihm für Einen Zweck arbeite. Lesen wir also

weiter -- »^und sich selbst darauf zu setzen^.« Ja so, dies wollte

Fichte, und hierin liegt sein Verbrechen! Dass er Reinhold in

Vergessenheit brachte, war brav: dass er Kant vom hohen Stuhle

herunterzustossen suchte, verdienstlich. Nur hätte er von da an in die

Gemeine der Bibliothek, wo der wahre hohe Stuhl mit dem wahren ersten

Philosophen Deutschlands schon längst besetzt war, selbst zurückkehren

und die Seinigen dahin leiten sollen. Dann hätte man ihm seinen

akademischen Beifall wohl gönnen mögen; er wäre vor seinen verderblichen

Irrthümern bewahrt geblieben, hätte Reinholds Stuhl behalten bis an sein

Ende, und sein Name lebte noch jetzt unter den andern berühmten Namen

der Bibliothekare.

In derselben Acte, und sonst noch an mehreren Orten, verweist Nicolai

Schelling und Fichte die Unanständigkeit sehr ernstlich, dass ihnen

zuweilen ihren Gegnern gegenüber so ein Wort von Halbköpfigkeit

entschlüpft sey. Zwar war dieses, so viel man weiss, immer nur

geschehen, wenn sie im Allgemeinen sprachen, und nie gegen bestimmte

genannte Personen. Zwar hatten diese Schriftsteller seit Jahren ein

System dem Publicum vorgelegt, das seinen Grundtheilen nach vollendet

und vollständig bewiesen und begründet war. Warum man nun auf dasselbe

sich nicht ernstlich einlasse, darüber hatten sie bis zu jener Epoche

noch das erste vernünftige Wort aus dem Publicum zu vernehmen. Keiner

ihrer Gegner verstand sie, und alles schwatzte, und muthete ihnen an,

zehnmal abgewiesene Misverständnisse zum eilftenmale abzuweisen. Es wäre

ihnen vielleicht zu verzeihen gewesen, wenn ihnen im Unwillen zuweilen

etwas Menschliches begegnete. Nicolai hatte sie unter ihrem Namen, und

mit ihnen zugleich noch eine Menge anderer genannter Männer in

öffentlichen Schriften Querköpfe genannt, und noch mancherlei andere

Schimpfworte ihnen angeworfen. Man hätte denken sollen, eine

Zusammensetzung mit Kopf sey der andern werth, und die Benennung des

Halbkopfs, der ja wohl noch wachsen kann, sey immer milder, als die

eines völlig in die Quere gedrehten Kopfes; und Nicolai hätte sonach

recht gut gleiches mit gleichem aufgehen lassen können.

Aber wie können wir uns auch nur einfallen lassen, hier eine Gleichheit

des Verhältnisses zu setzen? Hatte nicht zuvörderst Nicolai recht, und

die Wahrheit auf seiner Seite? und war es an ihm zu tadeln, wenn im

hohen Eifer für die Wahrheit ihm auch wohl ein derbes Scheltwort

entfuhr? Vertheidigten die Gegner nicht den Irrthum, und war ihnen dies

nicht etwa gesagt? Jemanden auch noch dazu zu schimpfen, weil er unsern

Irrthum nicht gegen die Wahrheit vertauschen will: welche Verkehrtheit

und Impertinenz! War nicht ferner Nicolai ein alter Mann, und jene

Schriftsteller junge Leute; und ist es nicht eine ausgemachte Wahrheit

unter allen alten Schriftstellern des Nicolaischen Kreises, dass die

Alten auf die Jungen schimpfen dürfen, so viel sie wollen, diese aber

nicht wiederschimpfen, sondern sich ziehen lassen müssen? Respect für

das Alter! heisst es in dieser Schule; sogar wenn der alte Mann ein

alter Narr ist. -- War Nicolai nicht der angestellte Altmeister aller

Schriftsteller, und war es nicht sein ausdrücklicher besonderer Beruf,

die Jugend durch jedes Mittel zum Guten zu ziehen; und konnten nicht

auch harte Scheltworte unter diese Mittel gehören? Und diese Jugend,

statt sich weisen zu lassen, schimpfte wieder. Welche Insubordination!

Kurz, wenn Nicolai schimpfte, so that er es immer am rechten Orte, zu

rechter Zeit, und schimpfte mit Grazie. Wenn andere schimpften, so war

es gemein und pöbelhaft. Nicolai allein verstand zu schimpfen, und darum

musste man es ihm allein überlassen.

Anmerkung.

[Fußnote 11: M. s. S. 147 der angeführten Anzeige in der N. D. B.]

Neuntes Capitel.

Wie unser Held, zufolge seines höchsten Grundsatzes, sich zu

nehmen gepflegt, wenn derselbe angefochten worden.

So fest und unerschütterlich unsers Helden Meinung war, dass ihn

jederman für den ersten Menschen des Zeitalters anerkenne, so beharrlich

war, wie jeder andere bemerken musste, sein Misgeschick, dass man ihn

nicht einmal so recht im Mittelschlage mit wollte gelten lassen. So

beliebt auch sehr bald seine Bibliothek wurde, so wusste man doch im

grössern Publicum nicht viel anderes darüber, als dass er sie eben

drucken liesse. Man hielt ihn höchstens für einen industriösen

Buchhändler, und für einen Dilettanten in der Wissenschaft, der, weil

viele Bücher durch seine Hände gingen, glaubte, wie eben jeder andere

Buchhändler auch, über Bücher mitsprechen zu können. Für einen

unstudirten Buchhändler, meinte man, möchten seine Räsonnements noch so

hingehen. Er hat es in seinen alten Tagen dem Publicum oft genug in die

Ohren rufen müssen, dass er sich wirklich und in der That nicht für

einen blossen unstudirten Buchhändler, sondern in allem Ernste für einen

wirklichen und wahren Gelehrten gehalten. Dennoch hat er es in keinem

Zeitpuncte seines Lebens im Publicum zu derjenigen Reputation gebracht,

welche in seinem Zeitalter jeder Gelehrte sich erwarb, der nur ungefähr

ein Jahrzehend hindurch fleissig und anhaltend Bücher schrieb.

Dies war wohl zum Theil Misgeschick, zum Theil aber auch eigene Schuld.

Hätte er, nachdem er den Verstoss des Publicums merkte, nur mit seiner

Emphase in der Welt verbreitet, dass er die Bibliothek nicht nur drucke,

dass er auch an ihr recensire, ja, dass er sie redigire; hätte er sich

vor aller eigenen Schreiberei unter seinem Namen sorgfältig gehütet: so

würde er bald in dasselbe Ansehen gekommen seyn, welches so mancher

andere höchst mittelmässige Redacteur berühmter gelehrter Zeitschriften

geniesst, der der eigenen Autorschaft sorgfältiger aus dem Wege geht;

und wir, sein Geschichtschreiber, wären der Hinzufügung des

gegenwärtigen Capitels überhoben. Unser Held aber schrieb Bücher, dicke

Bücher, unter eignem Namen, und dadurch verdarb er alles.

Sein Sebaldus zwar hätte hingehen mögen. Dieser war dem Zeitalter seiner

Erscheinung so angemessen, dass man ihn der Fähigkeit unsers Helden

sogar nicht zutrauen wollte. Es sind wohl nicht viel unter meinen

Lesern, denen ein zu jener Zeit ziemlich allgemein verbreitetes Gerücht

nicht zu Ohren gekommen seyn sollte: Nicolai sey gar nicht der Verfasser

des Sebaldus, er habe sich unrechtmässigerweise dafür ausgegeben; der

wahre Verfasser, ein immer Geld bedürfender Gelehrter, bediene sich

dieses Nicolaischen Plagiats, um durch die Drohung, es bekannt zu

machen, in jedem Bedürfnisse Geld von ihm zu erpressen. -- Wir haben

dieses Gerücht nicht angeführt, als ob wir selbst ihm Glauben

zustellten; jenes Werk trägt zu unverkennbar das Gepräge der

Nicolaischen Feder; sondern um zu zeigen, wie das Publicum von jeher

über unsern Helden gedacht.

Es folgte John Bunkel. Diesen hatte unser Held, seiner eigenen

Versicherung nach, nicht selbst gemacht, sondern übersetzt. Aber das

Buch fiel auf als schlecht; und darum stritt man ihm hier die

Autorschaft auf, die man dort ihm abstritt; er sollte und musste mit

aller Gewalt nicht der blosse Uebersetzer, sondern der Urheber selbst

seyn. Und als man nun nicht länger läugnen konnte, dass er es übersetzt

habe, war er darum um nichts gebessert. Der Verfasser der durchaus

originellen, leider nicht sehr bekannt gewordenen ^Geschichte einiger

Esel^ fing schon damals an, treffliche Beiträge zur Geschichte unsers

Helden zu liefern.

Jetzt trat unser Held seine Reisen an. Sein Weg führte den Berliner, der

bisher zwischen dem protestantischen Berlin und dem protestantischen

Leipzig und seiner Buchhändlermesse sein Wesen getrieben hatte, durch

katholische Provinzen. Da sahe er Crucifixe an den Strassen,

Heiligenbilder, Amulete, Votivtafeln; hörte, dass gewisse Heilige die

Schutzpatrone gegen gewisse Landplagen oder Krankheiten wären; hörte,

dass ein wohlmeinender Katholik, da seine Religion ihm allein

seligmachend ist, jeden Menschen in den Schooss derselben zu bringen

suchen müsse u. s. w. -- Dergleichen hatte er in Berlin und Leipzig

nicht gesehen; hatte er ja von andern, die es gesehen hatten, etwas der

Art erzählen gehört, so hatte er es für Aufschneiderei und für

schlechten Spass gehalten; denn wie könnte doch irgendwo etwas anders

seyn, als zu Berlin oder zu Leipzig; wie in aller Welt könnte man doch

ein katholischer Katholik seyn? Jetzt sah er es mit seinen Augen, und

rief athemlos durch das heilige römische Reich: hörts, Deutsche hörts,

das Unglück -- die Entdeckung meines Scharfsinns; es giebt, o es giebt

Katholiken, die da katholisch sind -- und damit man es ihm doch ja

glauben möchte, brachte er alle Bilder und Gebetzettel aus allen

Gegenden zu Hauf, und gab sie in den Kauf obenein.

Nicht lange nachher begegnete ihm ein Verdruss mit seiner Bibliothek.

Sie sollte -- welches, dass ich es im Vorbeigehen sage, nur zu wahr,

offenbar und klar ist -- sie sollte ein der ^Religion^ gefährliches Werk

seyn. Das war ihm zu hoch. Athmete doch dieses Werk seinem besten Wissen

nach durchaus das, was er den reinsten Protestantismus nannte. Nur dem

nunmehro seit seinen Reisen an den Tag gekommenen Antiprotestantismus,

nur der ^katholischen^ Religion konnte es gefährlich seyn. Beide

Visionen vermengten sich in seinem schwachen Kopfe, und dazu mischte

sich noch eine dritte, die allein schon fähig gewesen wäre, ihn zu

verwirren, die der geheimen Orden, der Gold- und Rosenkreuzerei. Nun

konnten die Gegner seiner Bibliothek nichts Anderes seyn, als

Kryptokatholiken, welche durch geheime Orden und andere Machinationen

die Protestanten in den Schooss der römischen Kirche zurückzuführen

suchten, und denen er durch seine Bibliothek und durch die wichtigen

Entdeckungen seiner Reisen im Wege stand: und es musste von nun an alles

von solchen Machinationen wimmeln. Noch im Jahre 1800 erzählte Nicolai

in der Vorrede zum ersten Stück der von ihm wieder herausgegebenen

Bibliothek sehr ernsthaft das alte Mährchen, und verrieth in aller

Unbefangenheit den wahren Grund, der ihn auf diese Vision gebracht, die

Anfechtungen nemlich, welche er und seine Bibliothek von einem Minister

und einigen geistlichen Räthen unter der vorigen Regierung erdulden

müssen. Jene vorgeblichen Verbreiter des Katholicismus thaten unserem

Helden nur nicht die Liebe an, dass sie selbst katholisch geworden

wären, geschweige, dass sie andere bedeutende Personen dazu gemacht

hätten. Diejenigen, welche vielleicht anfangs durch das heftige Geschrei

mit fortgerissen wurden, mussten sich denn doch nun, nachdem von allem

Prophezeiten nichts erfolgte, und sie kälter wurden, erinnern, dass sie

ja alles, was Nicolai ihnen erzählt, schon vorher auch gewusst und

gesehen hätten, und dass beinahe alle Welt es gewusst und gesehen hätte,

sie mussten sich wundern, dass es unserm Helden allein vorbehalten

gewesen, diese Sachen so bedeutend zu nehmen, und so scharfsinnige

Schlüsse daraus zu entwickeln, sich fragen, warum sie denn nicht selbst

auch von denselben Prämissen aus auf dieselben Entdeckungen gekommen,

und das Ganze konnte sich nur durch ein lautes und allgemeines Gelächter

über unsern Helden beschliessen.

Noch stand ihm eine andere traurige Epoche seines Lebens bevor: seine

Feldzüge gegen die neuere Philosophie. Zwar waren seine Einwendungen

gegen diese Philosophie, -- etwa, dass ja die Erscheinung der Sinnenwelt

so gar nicht vor Blutigeln weiche, vor denen doch sonst jede Erscheinung

verschwinde, oder dass, wenn alles, was da ist, das Ich selbst sey, ein

Mensch, der eine wilde Schweinskeule ässe, sich selbst ässe, -- diese

Einwendungen waren sämmtlich von der Art, dass jeder Knecht und jede

Magd im römischen Reiche, die sie vernahmen, finden mussten, sie hätten

dieselben wohl auch vorbringen können. Aber dadurch, dass unser Held sie

ihnen so vor dem Munde wegnahm, empfahl er sich schlecht ihrer

Zuneigung. Ueberdies hörten sie auch nicht, dass man jene Philosophen

von Obrigkeitswegen in die Tollhäuser gebracht, welches doch, wenn ihre

Behauptungen durch jene Einwendungen getroffen würden, nothwendig hätte

geschehen müssen. Sie blieben also immer geneigter, anzunehmen, dass

jene Sätze wohl noch einen andern Sinn haben dürften, den Nicolai nur

nicht verstände, oder hämischerweise verdrehe; und so that selbst bei

den gemeinsten Lesern diese Art der Polemik der Ehre unsers Helden weit

grössern Abbruch, als der Ehre jener Philosophen.

Diese zusammenhängende Reihe von Unglücksfällen musste nothwendig unsern

Helden, der nie einen befestigten Credit besessen, immer verächtlicher

und lächerlicher machen. Er kam in seinen letzten Tagen nach dem Jahre

1803 so herab, dass jeder Muthwillige, der gerade keinen spasshaftern

Zeitvertreib hatte, den alten Steinbock zu Berlin neckte und am Barte

zupfte, um sich an seinen Capriolen zu belustigen.

Wie benahm sich nun unser Held dabei? Ging ihm denn noch kein Licht

darüber auf, dass das Zeitalter ihn nicht für seinen ersten Mann hielte?

Keinesweges. Gegen diese Ahnung hatte er schon früher sich befestigt

gezeigt.

War es irgend möglich zu hoffen, dass man eine gegen ihn ergangene

Schmähung überhört habe, so pflegte er derselben lieber gar nicht zu

erwähnen, sondern sie mit grossmüthigem Stillschweigen zu übergehen. So

hatten allerdings mehrere aus der Schule der transscendentalen

Idealisten ihn oft etwas respectwidrig behandelt. Fichte hatte das

einzige Mal, da er seiner erwähnt, ihn als die ^seufzende Creatur^

charakterisirt; Schelling hatte ihn einmal ^einen alten Californier^,

und ein andermal ^einen alten Geck^ gescholten; Niethammer hatte gar die

-- zwar ungegründete, und tiefer unten zu widerlegende Hypothese

geäussert: Nicolai sey nun wirklich übergeschnappt, und er sey der Gott

Vater zu Bedlam, der gegen seinen Nachbar Jesus Christus, -- etwa den

Ritter Zimmermann, die Zähne fletsche. Dennoch hat Nicolai, so oft er

auch hinterher veranlasst worden, diesen Männern ihr übriges Unrecht

hart zu verweisen, dieser ihm selbst widerfahrenen Beleidigungen nie

auch nur erwähnen mögen. Er hat vielmehr immer standhaft vorausgesetzt,

dass jene Männer seiner Weisungen allerdings achteten, und lehrbegierig

darauf hörten, und durch dieselben schon noch zur Besinnung gebracht

werden würden. Tieck hatte ihn beinahe in allen seinen Schriften auf

eine sehr empfindliche Weise durch wahren, tief eingreifenden Witz

angezapft; besonders aber erschien im ersten Hefte seines poetischen

Journals ein alter Mann, der unserm Helden wie aus den Augen geschnitten

war; auch stellte im jüngsten Gerichte desselben Hefts Nicolai

namentlich sich in einer höchst possirlichen Gestalt dar. Dadurch wurde

unser Held so wenig beleidigt, dass er Kaltblütigkeit genug beibehielt,

in eigner Person jenes Heft zu recensiren[12]. Zwar konnte er es nicht

verbergen, dass die beiden Aufsätze, in denen er angegriffen war, nichts

taugten; war aber schonend genug, den eigentlichen faulen Fleck in

denselben nur ganz leise, wie wir unten sehen werden, zu berühren.

War aber der Verstoss in zu grosser und guter Gesellschaft gemacht, und

liess sich nicht annehmen, dass er auf die Erde gefallen sey, so wusste

unser Held immer gut nachzuweisen, warum die Gegner so sprechen müssten,

wie sie sprachen. Es fand sich immer, dass er sie schon früher

angegriffen, und ihre Eigenliebe gekränkt habe, dass sie nur dafür sich

rächen wollten, und deswegen Dinge vorbrächten, denen ihre wahre

Herzensmeinung widerspräche. So war in den bekannten Xenien der Spass

mit unserm Nicolai wirklich weit gegangen, auch liess sich die Kunde

davon nicht gut abläugnen. Unser Held aber zeigte, dass die Verfasser

jene Gedichte nur deswegen publicirt hätten, um die tiefen Wunden, die

er ihnen durch den 11. Band seiner Reisen geschlagen, zu rächen.

»Freilich höre niemand gern die Wahrheiten, die er ihnen dort sage, es

sey ihnen eben nicht zu verdenken, dass sie sich rächten, so gut sie

vermöchten.« Uebrigens wusste er, dass sie ihn im Herzen doch verehrten,

ihn für einen Meister anerkannten, und gewaltige Furcht vor ihm

hatten[13].

So sagte er von den transscendentalen Idealisten, dass sie die D. B. zu

verachten nur affectirten[14]. Freilich waren sie eine rohe,

ungeschlachte Rotte, jene Idealisten, die für manches Geachtete wenig

Achtung bezeigten. Aber die Bibliothek, dieses grösste Werk unsers

Helden, wirklich und in der That nicht zu achten -- diese Verkehrtheit

konnte selbst ihnen Nicolai nicht zutrauen. Nein, sie stellten sich nur

so, sie affectirten nur Nichtachtung, weil ihnen die Trauben des

schmackhaften Lobes jener Bibliothek zu hoch hingen.

So setzte er bei der oben erwähnten Recension des Tieckschen Journals

hinzu: »Tieck äussere da sein Misfallen an einigen Personen, denen er

selbst und seine Verse wohl auch nicht gefallen haben möchten.« --

Mochte doch diese Stelle denjenigen, die dieses Journal nicht gelesen

hatten, dunkel bleiben. Was sollte doch er selbst durch seine Bibliothek

das leider erhobene Skandal weiter verbreiten? Waren aber welche unter

den Lesern, die jenes Journal gesehen hatten, so konnten diese nur

glauben, Nicolai möchte Herrn Tieck früher etwas zu Leide gethan haben,

dieser habe dafür sein Müthchen an ihm kühlen wollen; nicht, als ob er

im Herzen nicht voller Achtung und Respect für ihn sey, sondern

lediglich aus dem boshaften Grunde, sich an ihm zu rächen.

Auf diese Weise entging unser Held dem, was in jedem andern Falle sicher

zu erwarten gewesen wäre, dem sichtbar erscheinenden und im bürgerlichen

Leben sich äussernden Wahnsinne. Mit dem Ritter Zimmermann, welchem

Nicolai seine Eitelkeit nicht verzeihen konnte, ohnerachtet er selbst

daran einen grössern Antheil hatte, und mit demselben Wohlgefallen von

seinem Schachspielen mit dem Minister Wöllner, und von der witzigen

Abfertigung, die er ihm gegeben, erzählte, als jener von seinen

Unterredungen mit Friedrich dem Zweiten erzählt hatte -- mit dem armen

Ritter endete es traurig, und auch dem unglücklichen Wetzel bekam seine

Göttlichkeit übel. Es glaubten deswegen viele, dass es auch mit unserm

Helden auf dieselbe Weise enden würde; und der oben angeführte Gelehrte

glaubte sogar einstmals, dass dieser Fall wirklich eingetreten sey.

Diesen Männern entging nur folgendes, dass man, um wahnsinnig werden zu

können, doch noch irgend einen wahren und richtigen Gedanken

unaustilgbar in sich haben muss, welcher mit den ebenso fest

eingewurzelten unrichtigen und falschen in einen nie zu entscheidenden

Widerstreit geräth, und dadurch das Phänomen der Geistesverwirrung

erzeugt. Totale und radicale Verkehrtheit aber, mit welcher auch nicht

Ein richtiger Gedanke verbunden ist, stimmt mit sich selbst innig

zusammen, und macht das Verfahren ebenso fest und unerschütterlich und

gleichmässig, als die Wahrheit. Ein solcher ist in seinem Ideenkreise

beschlossen, und kein Gott würde einen Gedanken in denselben

hineinbringen, der nicht darein passte. -- Hierzu kommt, dass besonders

diejenige Art der Verrücktheit, welche aus Eigendünkel entsteht, und in

welcher die Menschen sich für ganz etwas Anderes halten, als sie sind,

eigentlich nur durch den Widerspruch anderer erhitzt, erbittert, und zu

den wilden Aeusserungen, in die sie öfters ausbricht, bewogen wird. Bete

man nur jenen Gott Vater zu Bedlam, und seinen Sohn Jesus Christus

gläubig an; lasse man sie nur ruhig bei der Meinung, dass sie die Welt

regieren und alle Tage das Wetter machen, und sie werden sehr sanfte

wohlthätige Gottheiten bleiben. Nur der Widerspruch reizt sie. Gegen

diese Reizung war unser Gott Vater durch ein in seiner Narrheit selbst

liegendes Mittel gesichert: er glaubte nie, dass der Widerspruch

ernstlich gemeint sey. Die Schnippchen, die man gegen seinen papiernen

Olymp heraufschlug, hielt er für eigen gestaltete Dämpfe des Weihrauchs.

Handelten die Sterblichen unter ihm nicht nach seinem Sinne, so griff er

zu etwas, das er treuherzig für seinen Donnerkeil hielt, schleuderte es,

und war nun fest überzeugt, dass alles um ihn herum zerschmettert und

vernichtet wäre.

Ein Narr war er freilich; denn es ist ohne Zweifel ebenso närrisch, wenn

ein einfältiger unstudirter Buchhändler, der nie eines systematischen

Unterrichts genossen, und nie die entfernteste Idee davon gehabt, was

eine Wissenschaft sey, sich für den ersten aller Gelehrten, ein geborner

stumpfer Kopf, der es nie dahin bringen können, auch nur einen Perioden

sprachrichtig und logisch zu schreiben, sich für einen Mann von

allgemeinem und ausserordentlichem Talent, und ein ausgemachter Berliner

Badaud[15] und ungezogener tölpelhafter Schwätzer sich für einen grossen

Weltkenner und Weltmann hält: als es närrisch ist, wenn ein armer

Schuhflicker sich für den König von Jerusalem ansieht. Aber in dieser

Verrücktheit blieb er sich so unerschütterlich gleich und alles sein

Handeln, Glauben und Denken stimmte mit ihr, und unter sich so wohl

überein, dass, wenn man bloss seine Aeusserungen unter einander

verglich, und mit der ungeheuren Falschheit der ersten Voraussetzung

nicht bekannt war, man bis an sein Ende nicht die geringste Spur einer

Verstandesverwirrung an ihm entdecken konnte.

Anmerkungen.

[Fußnote 12: M. s. 3. Heft. 1. St. 56. B. der neuen deutschen

Bibliothek.]

[Fußnote 13: M. s. Nicolai's Schrift gegen die Xenien.]

[Fußnote 14: M. s. das 2. Heft des oben angeführten Stücks der N. D. B.]

[Fußnote 15: Wir erklären uns über diese Benennung in der 4ten Beilage.]

Zehntes Capitel.

Ein Grundzug des Geistescharakters unsers Helden, der aus

jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte.

Wer bei aller Geistesthätigkeit keinen andern Zweck hat, als den, sich

geltend zu machen und sein Uebergewicht zu zeigen, weil er ein solches

Uebergewicht zu haben vermeint, der verliert sehr bald durchaus allen

Sinn für jeden möglichen andern Zweck der Geistesthätigkeit. Ihm ist

alles Forschen und Nachdenken lediglich Mittel zum Disputiren,

keinesweges aber zur Auffindung einer bleibenden Wahrheit, die allem

weitern Disput ein Ende mache. Eine solche Wahrheit, die da nun wahr sey

und bleibe, ist ihm ein Greuel, er hasst sie und wüthet gegen ihre Idee;

denn wenn sie gefunden würde, so müsste ja auch er sich ihr unterwerfen

und dürfte nichts gegen sie sagen.

Dieser Hass gegen alle positive bleibende Wahrheit musste also ein

Grundzug unsers Helden seyn, der von dem nun sattsam beschriebenen

Princip ausging. Gab er ja eine für sich bestehende und bleibende

Wahrheit zu, so war es die der Anekdote; und sogar das ist zweifelhaft,

ob er auch diese zugab. In allem, was über diesen Standpunct hinauslag,

und ganz besonders in philosophischen und religiösen Materien, erblickte

er nichts weiter, als einen Gegenstand des Disputs, wo jede Meinung so

viel werth wäre, als jede andere, und der überall keinen Gebrauch hätte,

als den, den Scharfsinn zu üben. Seine Maxime war: man müsse jedem, was

über dergleichen Gegenstände zuletzt vorgebracht wäre, widersprechen,

damit es nicht etwa dabei sein Bewenden behielte, und die einzige wahre

Bestimmung des menschlichen Geistes, der Disput, ins Stocken geriethe.

Darum waren ^Protestantismus^, ^Denkfreiheit^, ^Freiheit des Urtheils^

seine beständigen Stichworte. Sein ^Protestantismus^ nemlich war die

Protestation gegen alle Wahrheit, die da Wahrheit bleiben wollte; gegen

alles Uebersinnliche und alle Religion, die durch Glauben dem

Dispute ein Ende machte. Nach ihm war das eben der Zweck der

Kirchenverbesserung, jeden Laien in den Stand zu setzen, über religiöse

Gegenstände ins unbedingte hin und her zu disputiren, wie ein

allgemeiner Bibliothekar, keinesweges aber irgend etwas gläubig zu

ergreifen und in diesem Glauben zu handeln. Ihm war alle Religion nur

Bildungsmittel des Kopfs zum unversiegbaren Geschwätz, keinesweges aber

Sache des Herzens und des Wandels. Seine ^Denkfreiheit^ war die

Befreiung von allem ^Gedachten^; die Ungezähmtheit des leeren Denkens,

ohne Inhalt und Ziel. ^Freiheit des Urtheils^ war ihm die Berechtigung

für jeden Stümper und Ignoranten, über alles sein Urtheil abzugeben, er

mochte etwas davon verstehen oder nicht, und was er vorbrachte, mochte

gehauen seyn oder gestochen. So fragt er in jener berühmten Acte

Schelling, der sich über die Aufnahme zweier ungeschickten Recensionen

einer seiner naturphilosophischen Schriften in die Jenaische gelehrte

Zeitung beschwerte: »ob denn der Mann gar keinen Begriff von der

Freiheit des Urtheils der Gelehrten habe?« Wohl mochte Schelling und

alle seines Gleichen keinen Begriff haben von der Unverschämtheit, mit

welcher jeder Stümper in Dinge hineintappte, von denen er recht wohl

wusste, dass er sie nie gelernt hätte, und jeder Esel seinen Mund zur

Antwort öffnete, ohne gefragt zu seyn.

Und so brachte Nicolai sein Leben hin, gegen Papismus, ebenso wie gegen

Kriticismus und Idealismus zu disputiren; denn gegen beides disputirte

er aus demselben Grunde, -- als gegen eine fremde Autorität, die sich

den Menschen aufdringen wollte, zum Nachtheil der unbegrenzten

Disputirfreiheit, genannt Protestantismus, und seiner eigenen

wohlerworbenen Autorität. Mit der eklektischen Philosophie hatte er sich

wohl vertragen können; diese hatte auch sein protestantisches Princip,

über alles hin und her zu meinen, nichts aber zu ergründen und

auszumachen. Die neuere Philosophie aber wollte ergründen und ausmachen

und entscheiden; es war ihr Ernst, das Zeitalter zum Redestehen und zur

Entscheidung zwischen Ja oder Nein zu bringen, und dass es dabei sein

Bewenden habe. Diese Anmuthung erschien unserem Helden als eine

sträfliche Anmaassung. Dass jemand in allem Ernste an eine für sich

bestehende Wahrheit glauben und überzeugt seyn könne, derselben auf die

Spur gekommen zu seyn, setzte er nur nicht voraus. Diese Verkehrtheit

selbst seinem verhasstesten Gegner zuzutrauen, war er doch zu

grossmüthig. Er sahe sonach in den Sätzen jener Philosophen nichts als

Meinungen, ihrem eigenen guten Bewusstseyn nach nur Meinungen, die nicht

besser seyn wollen dürften, als andere Meinungen; und in dem Ernste und

dem entscheidenden Tone, mit dem sie dieselben vortrugen, nichts, als

die Bemühung, dem Publicum zu imponiren. Drum schrie er über Autorität.

Für den, der keine Kraft hat, selbstständig aus sich Wahrheit zu

erzeugen, giebt es auch wirklich nirgend etwas Anderes als Autorität.

Eilftes Capitel.

Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem ersten Grundzuge und

höchsten Grundsatze unseres Helden erfolgt sind.

Wer die Rede des anderen hört, oder seine Schrift liest, lediglich um

etwas daran auszusetzen und ihm zu widersprechen, und dem es, da er gar

nichts Anderes zu thun hat, leid thun würde, jenen noch einen Augenblick

fortreden zu lassen, nachdem er Gelegenheit zum Widerspruche gefunden,

ergreift immer die nächste Gelegenheit. Diese aber kann jeder, dem es

nur ernstlich um das Widersprechen zu thun ist, immer auf der Oberfläche

finden. Da es ihm nun nur darum zu thun ist, so hat er nie ein

Bedürfniss, über diese Oberfläche hinauszugehen; es wird ihm habituell,

nie über sie hinauszugehen, und so entsteht in ihm und verwächst mit

seinem Selbst das Phänomen ^der absoluten Oberflächlichkeit und totalen

Seichtigkeit^. Dies war das Schicksal unseres Helden. Es war

schlechterdings unmöglich, bei irgend einem Gegenstande ihn auch nur um

eine Linie unter die Oberfläche in das Innere zu bringen.

Die absolute Oberfläche ist das nackte abgerissene Factum, als solches.

Daher war der Kreis, in welchen das Nicolaische Vermögen gebannt blieb,

der der Anekdote und der Curiosität. Es war ihm Herzensfreude, wenn die

Untersuchung sich dahin lenkte. Welch ein Fest für ihn, als Friedrich

der zweite starb, und Anekdoten in Fülle über ihn erschienen! Da war er

in seinem Felde; da gab es zu widerlegen, zu berichtigen, zu ergänzen.

Das blosse Wissen der geringfügigsten Anekdote war ihm Zweck an sich:

durch dergleichen Wisserei erfüllte er, seiner Meinung nach, den Zweck

des menschlichen Daseyns, und stillte sein unendliches Sehnen nach

Wahrheit. Je seltener diese Wisserei war, desto lieber war sie ihm, denn

dann konnte er am meisten damit prahlen; und diese Seltenheit der

Wisserei war die einzige Art der Gründlichkeit, die er kannte. Daher

sein Hang nach Curiositäten, nach Predigerüberschlägen, Perrücken und

Haartouren, den leichtesten Angelhaken; -- und wer möchte die

Kleinigkeiten alle aufzählen, mit denen er seinen Forschungsgeist

nährte. -- Dass er die entfernteste Ahnung gehabt, wozu die genaue

Erforschung dieser einzelnen an sich geringfügig erscheinenden Dinge im

^Ganzen^ gebraucht werden könnte; -- dass dieser Anekdotengeist sich je

auch nur zum dunkelsten Begriffe von Geschichte erhoben habe, davon

findet in seinen Schriften sich nicht die geringste Spur.

Vor dieses ihm allein sichtbare Forum der Anekdote zog er nun alles

andere, was ihm unter die Hände kam, und selbst die Philosophie. Die

seinige, bei der es, ihm zufolge, eben sein Bewenden haben sollte, war

selbst nichts Anderes, als eine Sammlung von Anekdoten über die Sprüche

und Meinungen ehemaliger Philosophen. Und so widerlegte er denn auch die

Speculation anderer durch Anekdoten, wahre oder erfundene Geschichte;

und ein Sempronius Gundibert schlug eine Kritik der reinen Vernunft.

Gegen den kategorischen Imperativ erinnerte er, und erinnerte wieder,

dass es nach demselben im Leben nicht herginge, und glaubte bis an sein

Ende, jenem Imperativ dadurch den Garaus gemacht zu haben.

Dies ist die absolute Seichtigkeit, welche man die ^materiale^ nennen

könnte. Ebenso innig mit unserem Helden verwachsen, und aus demselben

Grundzuge hervorgegangen, war eine zweite, die wir die Seichtigkeit ^in

der Form^ nennen wollen.

Wem es nur darum zu thun ist, den anderen in die Rede zu fallen, und mit

seinem Widerspruche schnell anzukommen, dem ist jeder Gedanke, der ihm

zuerst in den Sinn kommt, recht. In welchem Zusammenhange des Denkens

der Andere seine Meinung vortrage, ^woraus^ er sie beweise, und ^was^ er

hinwiederum aus ihr erweisen wolle, wie sie daher durch dieses

Vorhergehende und Nachfolgende bestimmt, und dieser Bestimmung nach

eigentlich zu verstehen sey, -- dies zu bedenken, hat er nicht Zeit; und

wenn er überhaupt nur hört, und von jeher nur gehört hat, um zu

widersprechen, kommt er nie zu dem Begriffe von einem solchen

Zusammenhange. Ihm hängt absolut alles Denkbare unmittelbar zusammen,

weil man mit jedem jedem widersprechen kann; und es entsteht ihm das

schon oben beschriebene System des aus unmittelbar gewissen Körpern

bestehenden grossen Sandhaufens; denn dieses ist das tauglichste zum

eilfertigen Widerspruche.

So war es unserem Helden ein Leichtes, dem Princip des transscendentalen

Idealismus ein halbes Dutzend Blutigel, eine Schweinskeule, eine ^chaise

percée^ in den Weg zu werfen, sowie eins dieser Dinge ihm zuerst unter

die Hände kam; ohne abzuwarten, wie es etwa jenes System machen würde,

um den Blutigeln und den Schweinskeulen auszuweichen. Bei ihm entstand

durchaus kein Zweifel, ob diese Einwürfe auch wohl passen möchten. Warum

sollten sie denn nicht passen? Hatte er sie doch angepasst.

Aus dieser absoluten Seichtigkeit entsteht nun schon an und für sich

^Schiefheit^ für alles, was da höher liegt, als die blosse Anekdote,

oder durch seinen Zusammenhang bestimmt wird. --

Aber zu dieser aus der Seichtigkeit natürlich erfolgenden Schiefheit

hatte Nicolai noch eine andere durch Kunst sich erworben, und durch

Uebung sich angebildet und zur zweiten Natur gemacht. Damit verhielt es

sich so. Wer den anderen bloss darum anhört, um ihm zu widersprechen,

dem ist es immer Hauptaugenmerk, die Dinge nicht in dem Lichte zu sehen,

in welchem der andere sie zeigen will, denn dann dürfte er einig mit ihm

seyn, sondern in dem, in welchem der andere sie nicht zeigen will;

sonach alles zu verdrehen, aus seiner natürlichen Lage zu richten und

auf den Kopf zu stellen. Wer dieses Handwerk eine Zeitlang treibt,

dessen Sehorgane wird durch die beständige schiefe Richtung, die man ihm

giebt, diese Richtung endlich natürlich: sein Auge wird zum Schalke. Er

will nicht mehr verdrehen und schief sehen; es stellt sich ihm schon von

selbst alles verkehrt, verdreht und auf dem Kopfe stehend dar. So war es

unserem Helden ergangen, und daher entstanden die zusammengesetzten

Schiefheiten, die Schiefheiten der Schiefen von den Schiefen, die sich

in allen seinen Ansichten befanden. Die einfache und ihm natürliche:

dass er die Dinge aus ihrem Standpuncte und dem Zusammenhange des

Denkens riss; die zweite künstliche: dass er, sogar in dieser Lage, sie

noch ein oder einige Male verrückte. Es lässt sich ihm nachweisen, dass

er z. B. in seinen philosophischen Streiten weit plausiblere Dinge gegen

die angegriffenen Systeme hätte vorbringen können, wenn er, wie andere

seiner Zeitgenossen, sich mit dem ersten einfachen, jedem

unphilosophischen Kopfe natürlichen und jedem anderen unphilosophischen

Kopfe leicht mitzutheilenden Misverständnisse hätte begnügen wollen.

Aber das war ihm zu einfach, zu wenig originell; es musste

mannigfaltiger und künstlicher verdreht werden; und so arbeitete er oft

selbst seinem Zwecke entgegen. -- Es gereicht vielleicht zur Ergötzung

des Lesers, diese Grundschiefheit unseres Helden in einem Beispiele

dargestellt zu sehen. Wir wählen das erste, das uns unter die Hände

fällt.

Nicolai unternimmt in jener berühmten Acte, das Fichtesche System aus

seinen Gründen zu prüfen und zu widerlegen. Wie mag er zuvörderst wohl

bei der historischen Aufstellung des Inhalts dieses Systems zu Werke

gegangen seyn? Nun, ohne Zweifel hat er eine speculative Schrift jenes

Schriftstellers, in der dieser die Principien seiner Philosophie am

deutlichsten vorzutragen behauptet, -- etwa die ersten §§. der Grundlage

der Wissenschaftslehre, oder das erste Capitel einer neuen Darstellung

dieser Wissenschaft im philosophischen Journale, angeführt und einen

wörtlichen Auszug davon seiner Prüfung zu Grunde gelegt? -- Falsch

gerathen! Aus abgerissenen Sätzen sehr vieler Schriften jenes

Schriftstellers hat er seinen Bericht zusammengeflickt. -- Nun so wird

er bei dieser Arbeit sich doch wenigstens auf eigentlich strenge

scientifische Schriften des Mannes eingeschränkt haben? -- Wiederum

falsch gerathen. Dann bliebe es ja bei der einfachen Schiefheit. -- Oder

hat er die angeführten Stellen aus populären Schriften des Verfassers

herausgerissen? -- Nun das wäre allerdings etwas; aber doch noch nicht

genug für unseren Helden. Aus populären und scientifischen Schriften,

aus abgerissenen Phrasen der Appellation, der Wissenschaftslehre, der

Bestimmung des Menschen, des Naturrechts des Verfassers, im buntesten

Gemisch nebeneinandergestellt, hat er seinen Bericht zusammengeflickt;

und hat so wenig Ahnung, dass jemand gegen dieses Verfahren etwas haben

könne, dass er höchst pünktlich über historische Wahrheit zu wachen

glaubt, indem er bei jedem Citat hinzusetzt: es seyen Fichte's eigene

Worte, und die Seitenzahl angiebt.

Und wie geht es mit der Prüfung und Widerlegung des Systems? -- Wir

wollen unsere Leser nicht vergeblich mit Rathen auf die Folter spannen;

indem wir sehr wohl wissen, dass schlechthin keiner, und sey er der

wiedererwachte Oedipus, fähig ist zu errathen, wie es damit geht. Wer

möchte auf den Grad der Schiefheit rathen, dass unser Held in einem

Athemzuge die Wahrheit und Richtigkeit des Systems durchaus anerkennt,

und in demselben Athemzuge sie wieder abläugnet? Und doch hat es sich

wirklich also begeben. Er lässt sich vernehmen: -- »Das Ich ist Subject

und Object zugleich; nun dies ist richtig und giebt eine gute

Beschreibung des Bewusstseyns.« -- So? wenn dies richtig ist, so richtig

ist, als F. es nahm, als ein absolut identischer Satz, so dass man ihn

auch umkehren könne: Identität des Subjects und Objects = dem Ich, oder

auf die gewöhnlichere Weise ausgedrückt, das Ich ist durchaus nichts

anderes, als Identität des Subjects und Objects: so ist das ganze System

richtig, denn dieses System besteht durchaus in nichts anderem, als in

einer vollständigen Analyse des zugestandenen Satzes.

Wie fängt es denn nun Nicolai an, um in demselben Athemzuge wieder

zurückzunehmen, was er hier zugesteht? Auch hier sind wir sicher, dass

kein Leser auf das räth, was sich wirklich zuträgt. Es trägt sich

nemlich nichts geringeres zu, als dies, dass Nicolai den ^eigentlichen

Inhalt^ dieser Philosophie, in dessen vollständigem und durchgeführtem

Beweise eben jenes System bestand, für eine der ^Prämissen^ dieses

Systems, und zwar für eine willkürlich und ohne allen Beweis

vorgebrachte Prämisse ansieht; das Gebäude selbst für die Kelle, womit

das Gebäude gemauert worden, die Erde für die Schildkröte, von welcher

die Erde getragen wird. Denn so lässt er sich vernehmen:

»^der Satz, dass das Ich die Intelligenz, und die Intelligenz das

Ich sey, sey lediglich eine willkürliche Terminologie: es werde

nichts für den Beweis dieses Satzes vorgebracht, auf welchen doch

der ganze transscendentale Idealismus sich gründe^« --

schreibe: ^sich gründe^. -- Damit ja kein Zweifel übrig bleibe, wie dies

zu nehmen sey, setzt er tiefer unten hinzu: ^man (nemlich Nicolai) wende

gegen jenen Satz ein: mein Ich ist nicht blosse Intelligenz, sondern

Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft gehört dazu^,

schreibe: ^gehört dazu^.

Also: die lediglich auf eine willkürliche Terminologie sich gründende,

durch nichts bewiesene Prämisse des Fichteschen Idealismus ist der Satz:

Ich, ^oder^ Intelligenz, ^oder^ Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft,

körperliche Kraft sind durchaus identisch. -- Diesem Satze stellt

Nicolai als unmittelbar gewissen Satz entgegen: ^Mein Ich ist freilich

unter anderen auch Intelligenz^ (denn indem er sagt, dass es nicht

^blosse^ Intelligenz sey, sagt er ohne Zweifel, dass es diese doch auch

mit sey); aber es gehören noch ausser der ^Intelligenz^ mit dazu,

^Vernunft^, ^Sinnlichkeit^, ^Denkkraft^, ^körperliche Kraft^. -- Durch

diese Gegensetzung nun hebt er jene Fichtesche Prämisse auf, und

sprengt, da ganz allein auf diese sich der ganze transscendentale

Idealismus gründet, diesen zugleich mit in die Luft; denn ^cessante

fundamento cessat fundatum^.

Es ist zu beklagen, dass Nicolai nicht unmittelbar darauf, als er diese

Widerlegung zu Ende gebracht hatte, aufgehenkt worden, damit er im

Bewusstseyn dieses glorreichen Arguments seine speculative Laufbahn

beschlossen hätte, und die Nachkommen hierbei seiner gedenken möchten.

Zuvörderst ist sehr merkwürdig, dass in jenem Gegensatze, ausser und

neben der ^Intelligenz^, auch noch ^Vernunft^, ^Denkkraft^,

^Sinnlichkeit^ (denn die körperliche Kraft können wir ihm hier erlassen)

aufgezählt wird. Hätte Nicolai seinen Fleiss auf eine Beschreibung der

preussischen Armee gerichtet, so würde er bemerkt haben, dass der König

ausser seiner Armee auch noch Infanterie gehalten hätte, und Husaren und

Pfeifer.

Ferner stellt Nicolai, wie er immer thut, seinen Gegensatz so hin, als

ob sich die Wahrheit desselben von selbst verstände. Also er führt ihn

als eine Thatsache des unmittelbaren Bewusstseyns. Hatte denn Nicolai

gar keinen philosophischen Freund -- er selbst freilich konnte dies

nicht wissen, ohnerachtet er sich zum Richter in Sachen der Philosophie

aufwarf -- der ihm gesagt hätte, dass es wohl etwa Thatsache genannt

werden könne, dass man in einem bestimmten Falle vernehme, denke,

empfinde, sinnlich wirke, dass aber Vernunft in Bausch und Bogen, und

die Sinnlichkeit, und die Denk- oder körperliche Kraft, ^als Kraft^, für

Thatsachen des Bewusstseyns auszugeben, in jenem Zeitalter nur noch

einem durchaus unkritischen Ignoranten zu verzeihen war?

Endlich war der Satz, dass das Ich, inwiefern es Subject-Object sey, die

Intelligenz selbst, also Vernunft, Denkkraft, Willensvermögen, sinnliche

Anschauung, physische Kraft sey, so wenig eine Prämisse jenes Systems,

dass er vielmehr das System selbst war; und dieses in seinem ganzen

Umfange nichts anderes zu thun hatte, als zu zeigen, dass alle jene

Erscheinungen im Gemüthe nichts wären, denn die verschieden gebrochene

und sich zu einander verhaltende Subject-Objectivität selbst. Auf diese

Beweise und Ableitungen musste sich ein Gegner dieses Systems einlassen,

und sie zu entkräften, oder Lücken und Mängel in ihnen zu entdecken

suchen. Statt dessen zu widersprechen, wie unser Held es that, war

gerade so, als ob ein Physiker aufgetreten wäre, und gesagt hätte: mir

ist es ausgemacht, dass alle mögliche Farben nichts sind, als

verschiedene Brechungen des Einen farblosen Lichtstrahls; und Euch

anderen will ich dieses durch eine Reihe von Experimenten beweisen,

indem ich durch bestimmte Brechungen desselben farblosen Lichtstrahls

alle andere Farben vor euren eigenen Augen entstehen lasse; und einer

aus dem Pöbel, ohne nach seinen Experimenten nur zu sehen, die Zunge

herausgesteckt, dem Physiker Esel gebohrt, und geschrien hätte: der Narr

denkt, alle Kühe sind weiss, er weiss noch nicht, dass es auch schwarze

und gefleckte Kühe giebt. So wurde beim Hindurchgehen durch das Sehorgan

unseres Helden alles schief, verzerrt und gar wunderlich. Es ist ihm

während seines Lebens sehr häufig vorgeworfen worden, dass er alles, was

er unter die Hände bekäme, hämischerweise verdrehe, und schmutzigerweise

besudle. Wir nehmen ihn gegen diese Beschuldigung in Schutz. Es war sehr

wahr, dass aus seinen Händen alles beschmutzt und verdreht herausging;

aber es war nicht wahr, dass er es beschmutzen und verdrehen wollte. Es

ward ihm nur so durch die Eigenschaft seiner Natur. Wer möchte ein

Stinkthier beschuldigen, dass es boshafterweise alles, was es zu sich

nehme, in Gestank, -- oder die Natter, dass sie es in Gift verwandle.

Diese Thiere sind daran sehr unschuldig; sie folgen nur ihrer Natur.

Ebenso unser Held, der nun einmal zum literarischen Stinkthiere und der

Natter des achtzehnten Jahrhunderts bestimmt war, verbreitete Stank um

sich, und spritzte Gift, nicht aus Bosheit, sondern lediglich durch

seine Bestimmung getrieben.

Zwölftes Capitel.

Wie es zugegangen, dass unser Held unter allen diesen

Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein Zeitalter gehabt.

Wir würden ein grosses Mistrauen in die Penetration unseres Lesers

setzen, wenn wir nöthig fänden, nach allem Gesagten hinzuzusetzen, dass

wir Friedrich Nicolai für den einfältigsten Menschen seines Zeitalters

halten, und nicht glauben, dass irgend etwas recht Menschliches an ihm

gewesen, ausser der Sprache.

Dass er nun von dieser seiner grossen Geistesgebrechlichkeit selbst

durchaus nichts gespürt, und mit der Meinung aus der Welt gegangen, er,

der allereinfältigste, sey gerade der allerklügste, ist kein

Wunder; denn diese Meinung von sich selbst, und diese totale

Unerschütterlichkeit durch irgend ein fremdes Urtheil, folgte aus seiner

extremen Dummheit selbst, und er hätte um ein gutes Theil weniger dumm

seyn können, ehe er begriffen hätte, dass er dumm sey.

Aber er hat auf seine Zeitgenossen gewirkt, und ist, zwar nicht

öffentlich anerkannt, aber wie der unparteiische Forscher gestehen wird,

wirklich und in der That, der Urheber eines grossen Theils des

Meinungssystems gewesen, welches in seinem Zeitalter die

Mittelmässigkeit zu dem ihrigen gemacht hatte. Wir geben wohl etwa in

einer Beilage nähere Nachweisung über dieses Meinungssystem[16].

Wie in aller Welt ging es nun zu, dass diesmal die Armuth ihr Eigenthum

beim Bettel, die Einfalt ihre Weisheit bei der Dummheit, die Schielenden

ihre Einsichten beim Stockblinden holten, da sie doch dieses alles auf

eigenem Boden, und durch ihre eigenen Augen weit besser hätten erzeugen

können?

Den Menschenkenner kann dies sonderbare Phänomen nicht befremden, wenn

er nur weiss, dass unser Held bei seiner extremen Dummheit zugleich

einer der rührigsten und der allerunverschämteste unter seinen

Zeitgenossen war. Er trug kein Bedenken, alles, was ihm durch den Kopf

ging, sogleich auf allen Dächern zu predigen, und es unaufhörlich an

allen Ecken den Leuten in die Ohren zu rufen; und liess sich schlechthin

durch nichts irre machen oder aus der Rede bringen. Das Volk, das nicht

selbst arbeiten mag, und dem von allen Seelenkräften beinahe nur das

Gedächtniss zu Theil geworden, konnte nicht umhin, jene Weisheit sich

endlich zu merken. Sie hatten nun längst vergessen, von wem sie dieses

alles zuerst gehört hätten, sie erinnerten sich nur noch dunkel, dass

sie es einmal gewusst, und glaubten nach und nach, sie hätten es selbst

entdeckt und wahr befunden. Es fiel ihnen in den Gemeinschatz der

ausgemachten Wahrheiten und Thatsachen: und es war allerdings Thatsache,

dass sie es oft genug gehört hatten. Und so ward unser Held der Urheber

eines grossen Theils der Denkart seines Zeitalters, ohne dass eben

jemand ihm sonderlich dafür dankte, noch wusste, woher diese Denkart

eigentlich wäre. Er aber wusste es; und die schreiende Unerkenntlichkeit

der Zeitgenossen, um die er sich doch so sehr verdient gemacht, mag sehr

viel zu der üblen Laune seines höheren Alters beigetragen haben.

Es ist kein Zweifel, dass auch ein Hund, wenn man ihm nur das Vermögen

der Sprache und Schrift beibringen könnte, und die Nicolaische

Unverschämtheit und das Nicolaische Lebensalter ihm garantiren könnte,

mit demselben Erfolge arbeiten würde, als unser Held. Möchte man sich

immer anfangs an seiner Hundenatur stossen, wie man sich eben auch an

die Nicolainatur unseres Helden stiess. Wenn er sich nur nicht irre und

schüchtern machen liesse, dieser Hund, wenn er nur das Gesagte immer

wieder sagte und fest dabei bliebe, und unermüdet schrie und schriebe,

er habe doch recht, und alle Andern hätten unrecht; wenn er sich wohl

gar noch durch den Gedanken begeistern liesse, und sich damit brüstete,

dass er schon als ein blosser unstudirter Hund dies einsähe, wie Nicolai

sich auch immer damit gebrüstet, dass er als ein unstudirter Bürgersmann

alles dies wisse: so wäre uns gar nicht bange, dass nicht dieser Hund

sich einen sehr verbreiteten Einfluss verschaffen sollte. Seine Theorien

würden das Zeitalter ergreifen, ohne dass man sich eben erinnerte, dass

sie von unserem Hunde herkämen; es würde eine Aesthetik entstehen, nach

welcher jeder Spitz die Schönheit einer Emilia Galotti kunstmässig

zerlegen, und die Fehler in Herrmann und Dorothea so fertig nachweisen

könnte, als es jetzt nur Gottfried Merkel vermag; und die Bibel würde

endlich von allem noch übrigen Aberglauben gereinigt und so ausgelegt

werden, wie ein aufgeklärter Pudel sie verständig finden, und wie er

selbst sie geschrieben haben könnte.

Anmerkung.

[Fußnote 16: Der Leser kann die in der dritten Beilage gelieferte

Charakteristik des Geistes der deutschen Bibliothek zugleich für eine

solche Nachweisung nehmen.]

Erste Beilage.

(Zur Einleitung.)

Angriffe Nicolai's auf die persönliche Ehre und den Charakter des

Verfassers enthalten die folgenden Stellen:

1.

Nachdem Nicolai die Herren Schelling und Schlegel beschuldigt, dass sie

günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die Jenaische

Literaturzeitung zu bringen gesucht, fährt er (S. 159. der oben

angeführten Anzeige) so fort: »Es ist der Schule der Ich-Philosophen

schon länger« (dem Zusammenhange nach ^früher^, ehe die obengenannten

gethan, dessen Nicolai sie beschuldigt, und ehe sie zu dieser Schule zu

rechnen gewesen) »eigen gewesen, dass sie, wenn es nicht anders zu

beschaffen war« (welch ekelhaftes Geschäft, dergleichen Schreiberei

abschreiben zu müssen!), »für ihren transscendentalen Idealismus

Anpreisung zu ^erschleichen^ suchte. Sie affectirten zwar bei aller

Gelegenheit, die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten, ^aber

arbeiteten nicht wenig unter der Hand^, sie sich geneigt zu machen (1).

Sie versuchten Mitarbeiter anzubieten, welche eben Herrn Fichte's Schule

verlassen hatten, und da dieses nicht ging, so (2) suchten sie durch

einen Mitarbeiter der allgemeinen deutschen Bibliothek, der gar nicht im

philosophischen Fache arbeitete, ^unverlangt^ solche Recensionen

einzuschicken, wie sie ihren Absichten dienten, die, wie allenfalls

durch gewisse Kennzeichen zu zeigen wäre, aus ^Jena^ kamen. Die damalige

Direction der neuen deutschen Bibliothek war auf solchen ^unartigen

Schleifweg^ nicht gleich aufmerksam genug u. s. w. (3). Man sahe nun

also wirklich in der neuen deutschen Bibliothek XVIII. B. S. 355. eine

solche heimlich eingeschwärzte Recension von Fichte's Grundriss der

gesammten Wissenschaftslehre, in welcher ein in die allgemeine deutsche

Bibliothek sich unverlangt eingeschlichener Fichtianer schlau so anhebt«

u. s. w.

Wer sind denn diese ^Sie^ aus der ichphilosophischen ^Schule^ (der

verständige Leser verzeiht mir wohl, dass ich, sowohl hier als im

folgenden, um der Kürze willen, die Ausdrücke dieses Schulmeisters

beibehalte, der allenthalben nur Schulen erblickt, so innig auch mir

diese Ausdrücke zuwider sind), wer sind, sage ich, diese Sie, die

^früher^ noch, als Schelling an dieser Art des Philosophirens öffentlich

Theil nahm, ^früher^, als jene Recension des Fichteschen Grundrisses

eingeschwärzt wurde, -- der erste Streich, nach Herrn Nicolai, der ihnen

gelang, -- offenbar ^um ein beträchtliches früher^, denn durch die

vorhergegangenen vereitelten Machinationen müssen sie doch auch Zeit

verloren haben -- welche, sage ich, zu dieser Zeit das thaten, dessen

Nicolai sie unter (1) und (2) beschuldigt; diese ^Sie^ von der

Ichschule, die damals die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten

affectirten, -- ohne Zweifel ^öffentlich^, da ihre entgegengesetzten

Bestrebungen ^unter der Hand^ geschahen, in ^öffentlichen Schriften^

also (wie könnte auch sonst Nicolai um jene Affectationen wissen?),

diese Sie also, die schon damals in öffentlichen Schriften sich als

Ichphilosophen zeigten? Wer können sie seyn, diese Sie? Weiss Nicolai

aus diesem Zeitalter irgend einen Schriftsteller mir zu nennen, der sich

für das System der Wissenschaftslehre erklärt hätte, ausser mir selbst?

Kann er aus jenem Zeitpuncte irgend jemand zu seiner Ichschule rechnen,

ausser mir und meinen Zuhörern, deren keiner Schriftsteller war, und die

wohl nur durch mich literarische Connexionen hätten erhalten können?

Will etwa Nicolai insinuiren, dass ich an der Spitze der vorgegebenen

geheimen Machinationen gestanden, oder wenigstens an ihnen Theil

genommen? Das muss er wohl wollen; denn seine Beschuldigung muss doch

irgend jemanden treffen sollen; sie muss doch einen von den früher

genannten und angegriffenen Männern treffen sollen, und da sie die

anderen, den Herrn Prof. Schelling, die beiden Schlegel, Herrn Tieck

nicht treffen soll, indem das Factum in eine frühere Zeit gesetzt wird,

-- sie muss den einzigen, welcher noch übrig bleibt, sie muss ^mich^

treffen sollen. Auf mich wird sie auch jeder Leser, der die Stelle in

ihrem Zusammenhange liest, beziehen. Dies musste Nicolai vorhersehen;

und da er es vorhersah, und doch redete, wie er geredet hat, musste er

beabsichtigen, dass es geschehen möchte. Oder, wollte er nicht, dass

jene Beschuldigung auf mich bezogen würde, wollte er nur überhaupt in

das blaue Feld hin, so dass kein bestimmter Mensch getroffen würde,

beschuldigen, so musste er ausdrücklich erklären, dass er mich nicht

meine, dass er keinen Grund habe zu glauben, dass ich für meine Person

an jenem Getreibe Theil genommen, von demselben gewusst habe und

dergleichen.

Dies hat Nicolai nicht gethan; er hat sonach gewollt, dass die

Beschuldigung auf mich bezogen werde.

Das Betragen, dessen er mich beschuldigt, ist Nicolai's eigenem guten

Bewusstseyn, Vortrage und Sinne nach, ein höchst verächtliches und

nichtswürdiges Betragen; er will, dass die Leser es ebenso ansehen, und

bedient sich der Ausdrücke, die es als ein solches beschreiben. Er redet

von ^Erschleichungen^, ^unartigen Schleifwegen, heimlichem

Einschwärzen^, von Versuchen, ^unter der Hand sich geneigt zu machen,

was man öffentlich zu verachten affectirt^.

Dasselbe Betragen ist nach meinen Begriffen und nach den Begriffen aller

Leser, deren Achtung Werth für mich hat, noch unendlich nichtswürdiger,

verächtlicher -- und dümmer dazu, als Nicolai verstehen und begreifen

kann. Denn ich und alle die, mit welchen und auf welche zu wirken ich

wünschen kann, haben überhaupt gar wenig Respect für die gewöhnlichen

gelehrten Zeitungen, ihre Urtheile, und das Urtheil derer, die auf jene

Urtheile etwas geben.

Was aber insbesondere die allgemeine deutsche Bibliothek anbelangt, ob

sie in Bohns oder in Nicolai's Verlage herauskomme, so affectire ich

nicht dieselbe zu verachten, sondern ich verachte sie wirklich und im

ganzen Ernste, wegen ihrer allgemeinen Tendenz, und in dem besonderen

Fache, in welchem ich mir ein Urtheil zuschreiben darf, in dem der

Philosophie.[17]

[Fußnote 17: Und wie könnte ich anders, als sie verachten, von der Seite

ihres Geistes versteht sich, diese Recensenten, denen nicht einmal der

Nicolaische Kunsttrieb zu Theil wurde, miszuverstehen, zu verdrehen, und

sodann sich das Ansehen zu geben, als ob sie widerlegten; sondern die

sich geradezu hinstellen, bekennen und bejammern, wie der Schulknabe,

der seine Lection aufsagen soll, und sie nicht gelernt hat, dass sie das

Vorgebrachte denn doch gar nicht verstehen und klar kriegen könnten;

dass philosophische Schriften denn doch zum allerwenigsten so deutlich

seyn sollten, dass sie ^von Philosophen^ (sie sind wohl auch welche,

diese Recensenten? ein Philosoph ist wohl ein Mensch, der im

philosophischen Fache an der A. D. B. recensirt?), dass sie, sage ich,

von Philosophen verstanden werden könnten; die denn doch bei alle dem

ihre Abneigung gegen das, was sie nicht zu verstehen bekennen, nicht

bergen können, und zuletzt mit dem Troste für ihren Redacteur, ihre

Leser und sich selbst, abtreten, dass noch zeitig genug die Zeit kommen

werde, da diese verzweifelte neueste Philosophie widerlegt seyn werde;

diese Recensenten, mit deren Belesenheit es so beschaffen ist, dass sie

aus Citaten Druckfehler abdrucken lassen, und sich hinterher über den

sonderbaren Ausdruck verwundern. So lässt neulich einer aus Heydenreichs

Vesta unbefangen folgenden Satz als den meinigen abdrucken: »Das

eheliche Verhältniss ist die von der Natur geforderte ^Masse^ (^Weise^

steht in meinem Texte, m. s. mein Naturrecht Bd. III. 316. [2. Th. 174])

des erwachsenen Menschen von beiden Geschlechtern zu existiren.«

Allerdings eine sonderbare Art sich auszudrücken, ruft der Recensent in

einer Parenthese aus.

Jeder, der in den neuesten Stücken der N. D. B. unter den

philosophischen Recensionen herumblättern will, wird auf die oben

angeführten Aeusserungen stossen.

Nun wird zwar Nicolai, der bei der Wiederübernehmung der Herausgabe

jener Bibliothek die bisherigen Recensenten beizubehalten verspricht

(auch nimmermehr andere bekommen würde), versichern, dass jene

Recensenten unter die ersten deutschen Schriftsteller gehörten, wie er

dies von dem Recensenten der Schellingschen Weltseele in der Jenaischen

Literaturzeitung versichert, und wohl gar so grossmüthig seyn, sich in

meine Seele, ebenso wie in Schellings zu schämen, dass ich von diesen

Männern spreche, wie von einfältigen Schulknaben; wie ich denn auch

allerdings thue.]

Dieselbe Verachtung habe ich ohne Ausnahme bei allen angetroffen, deren

Gesinnungen über diesen Punct ich zu erfahren Gelegenheit hatte. Und nun

will Nicolai, dass man von mir glaube, ich habe dieses Blatt, dessen

Verächtlichkeit unter die gemeingeltenden Dinge gehört, mir geneigt zu

machen gesucht.

Ein solches Betragen wäre, sagte ich unter anderen, auch dümmer, als

Nicolai begreifen kann. In der Gegend, in welcher ich damals mich

aufhielt und in dem noch südlicheren Deutschlande ist die Verachtung

gegen die allgemeine deutsche Bibliothek, selbst bei den gemeinsten

Lesern, sogar zum Vorurtheile geworden; sieht man sie ja noch an, so

thut man es in den Stunden der Verdauung, um sich an den wunderlichen

Wendungen und Renkungen der Trivialität und Nullität, die es selbst zu

merken anfängt, dass sie Nullität ist, zu belustigen. Wer in jenen

Gegenden lebt, hält ein Lob in dieser Bibliothek für eine schlechte

Empfehlung. Auf dieses Blatt giebt man nur noch in einigen finsteren

Provinzen Deutschlands etwas, wo man im Ganzen noch auf der Stufe der

Bildung steht, auf der wir vor 40 Jahren standen, und noch aus dem

Grundtexte berichtet zu seyn wünscht, ob in einer Stelle des neuen

Testaments vom Teufel wirklich die Rede sey, oder nicht, oder gegen die

Furcht vor dem Umsturze der theuren protestantischen Denkfreiheit durch

die Machinationen der Jesuiten Beruhigung sucht.

Also das Betragen, dessen Nicolai mich beschuldigt, ist nichtswürdig,

verächtlich, dumm. Er führt nichts an, um seine Beschuldigung zu

beweisen. Ich kann einen nicht geführten Beweis nicht widerlegen. -- Da

ich im Ernste nicht wieder zu Nicolai zurückkommen mag, so muss ich mich

begnügen, ehrliebende Leser zu versichern, dass die ganze Beschuldigung

rein erdichtet ist, dass ich nie in freundschaftlichem Umgange oder

Verbindung mit irgend einem Menschen gestanden, der mir als Mitarbeiter

an der allgemeinen deutschen Bibliothek oder als zusammenhängend mit der

Redaction derselben bekannt gewesen, dass ich um die Urtheile in der

allgemeinen deutschen Bibliothek mich nie bekümmert, und nie das

Geringste gethan habe, um auf dieselben einen Einfluss zu erhalten. --

Der Verweis, den ich dem damaligen Verleger derselben, Herrn Bohn, zu

geben genöthigt wurde, wegen der Imbecillität, mit welcher er Pasquille

auf mich im Intelligenzblatte jener Zeitschrift abdrucken liess, und als

ich hierüber Nachfrage anstellte, nicht wusste, wovon die Rede war, war

doch ohne Zweifel keine Gunstbewerbung.

Es ist jetzt an den Lesern, die meiner Versicherung nicht glauben,

Nicolai zum öffentlichen Beweise seiner Beschuldigung anzuhalten. Ich

weiss sicher, dass er nichts als Erdichtungen und Lügen wird vorbringen

können, und diese werden hoffentlich von der Art seyn, dass man, ohne

vor dem Publicum sich mit ihm abzugeben, ihn vor dem bürgerlichen

Gerichtshofe belangen, und diesem das Urtheil übergeben könne.

Jedoch, ist es denn nicht Factum, was Nicolai Nr. 3 anführt, dass eine,

wie Nicolai meint, lobpreisende Recension meiner Grundlage der

Wissenschaftslehre in der neuen deutschen Bibliothek abgedruckt worden?

Für Nr. 1 und 2 hat Nicolai vielleicht gar keine Beweise; er hat es

vielleicht aus Nr. 3 durch seine bekannte Conjecturalkritik nur

gefolgert, und kein Bedenken getragen, seine Folgerungen als historische

Thatsachen hinzustellen.

Welche Folgerungen! Weil eine Anzeige, die meine Gedanken nur nicht

sogleich weggeworfen haben will, sondern sie einem weiteren Nachdenken

empfiehlt, in die neue deutsche Bibliothek, deren Grundmaxime es ist,

alles Neue ohne weiteres wegzuwerfen, sich verläuft; muss sie von einem

ausgemachten Fichtianer seyn, muss sie in Jena verfertigt seyn, muss ich

an der Einsendung derselben Theil haben, muss ich schon seit langem

ähnliche Versuche vergebens gemacht haben?

Wäre denn nicht auch etwa ^der^ Fall möglich, dass jene Anzeige von

einem Gelehrten herkäme, der ^nicht^ zu Jena lebte, der mich nie

persönlich gekannt, und bis diese Stunde mich nicht persönlich kennt,

der kein Interesse für mich haben konnte, als das, welches ihm die

angezeigte Schrift einflösste, und von dessen Existenz sogar ich erst

durch die Existenz jener Anzeige unterrichtet wurde? Wäre es nicht

möglich, dass dieser Gelehrte diese Anzeige ohne alle Bestellung irgend

eines Redacteurs, lediglich aus Interesse für die Sache, und in der

gutmüthigen Meinung, dass dieser durch eine Recension nachgeholfen

werden könnte, abgefasst, und sie zuerst an eine andere wirklich

gangbare gelehrte Zeitschrift eingesendet; dass sie von da aus, etwa

weil man sie, wofür auch Nicolai sie erkannt haben will, für einen

blossen trockenen Auszug gehalten, zurückgesendet worden, und nun erst

-- Nicolai mag wissen auf welchem Wege, ich weiss es nicht -- an die N.

D. B. gekommen, bloss damit sie nicht vergebens geschrieben wäre; dass

ich von diesem letztern Schicksale jener Anzeige durchaus nichts vorher

gewusst oder erfahren, und mit einer ähnlichen Befremdung, als Nicolai,

sie in dem angeführten Hefte der N. D. B. abgedruckt gefunden? Wäre

dieser Fall nicht ebenso möglich? Aber warum soll ich es nicht gerade

heraussagen: durch ein Ungefähr bin ich hierin besser unterrichtet, als

der sonst immer so wohl unterrichtete Nicolai; -- der als möglich

vorausgesetzte Fall ist wirklich; gerade so, wie ich es oben angegeben,

hat es sich zugetragen. Nicolai will wissen, dass jene Anzeige durch

einen Mitarbeiter an der A. D. B., der gar nicht im philosophischen

Fache arbeitete, der ihm sonach sehr wohl bekannt seyn muss, eingesandt

worden; und hierin weiss er mehr, als ich. Er hatte sonach einen festen

Punct, um seine sorgfältigen und wichtigen Untersuchungen anzuknüpfen.

Hätte er doch, er, der auf manchem Blatte[18] seinen Lesern erzählt, wie

weit herum er correspondire, um gründlichen Bericht abstatten zu können,

wo die leichtesten Angelhaken verfertigt würden, -- hätte er doch auch

hier ein paar Briefe sich nicht gereuen lassen! Oder ist er vielleicht

auch über diesen Gegenstand besser unterrichtet, als er sichs will

abmerken lassen, und diente es nur nicht in seinen Kram, zu verrathen,

dass die von ihm wieder aufgenommene A. D. B. fürlieb genommen, was eine

andere gelehrte Zeitschrift abgewiesen, und auf mein eigenes Anrathen

abgewiesen hatte?

2.

Ich komme zu Nicolai's zweitem ehrenrührigen Angriffe. Er beschuldigt

mich (S. 176), ich habe, in Beziehung auf einen Gegner, »^der mir

gezeigt habe, was offenbar aus meinen Sätzen folge^,« von Schurkerei und

Büberei gesprochen.

Ich weiss nicht, ob Nicolai selbst begreift, wessen er dadurch mich

beschuldigt, und ich zweifle, dass er es begreift. Er wirft diese

Schmähung zusammen, und bringt sie in Einem Athemzuge vor mit einer

anderen Anklage, mit der, dass ich von gewissen Gegnern als von

Halbköpfen gesprochen. Dünkt ihm etwa dieses letztere und jenes erstere

so ohngefähr gleich?

Dünke ihm, was da wolle, es kommt nicht darauf an, was Er von mir

glaubt, sondern darauf, was er andere von mir glauben machen will. In

den Augen desjenigen Theils des Publicums, an dessen Achtung mir etwas

liegt, und in meinen eigenen Augen, ist dieses letztere und jenes

erstere nicht gleich.

Einen literarischen Angriff durch einen Angriff auf die persönliche

moralische Ehre des Gegners erwiedern, und die Anführung von Gründen

Schurkerei und Büberei nennen, ist nach meinem Urtheile, und wie ich

hoffe nach dem Urtheile aller verständigen und ehrliebenden Männer, nur

das Betragen eines wüthenden Narren, oder tückischen und hämischen

Wahrheitsfeindes und Bösewichts.

[Fußnote 18: S. die Vorrede zum XI. Theile seiner Reisebeschreibung.]

Hätte der Gegner nur wirklich aus ^meinen^ Sätzen gefolgert, gesetzt

auch, er hätte diese Sätze falsch verstanden, oder er hätte unrichtig

aus ihnen gefolgert, und ich hätte ihm das Misverständniss oder die

Fehlschlüsse handgreiflich darthun können, so hätte ich ihm allerdings

Unverstand, Inconsequenz und dergleichen Verstandesgebrechen vorrücken,

aber ich hätte nimmermehr von Schurkerei und Büberei sprechen dürfen, so

lange noch die mindeste Möglichkeit übrig gewesen, anzunehmen, dass er

ehrlicherweise ^selbst glaube^, was er behauptet.

Wie verhält sich denn nun die Sache? Zum Glücke lässt in diesem Handel

das Factum, worauf Nicolai seine Beschuldigung baut, sich zu Tage

liefern. Er giebt die Stelle richtig an (Philos. Journal v. J. 1798,

Heft 8, S. 386.[19] --) Hier ist sie im Zusammenhange.

[Fußnote 19: Sämmtliche Werke Bd. V. S. 394. -- Die im Folgenden

erwähnte Note ist dort weggelassen worden, als längst vergessenen

polemischen Beziehungen angehörig. (Anmerk. des Herausgebers.)]

Ich sage S. 385 oben im Texte: »ich habe die lügenhaften Verdrehungen,

die z. B. Hr. Heusinger mit dem Gesagten vornimmt, weder verdient, noch

veranlasst;« und setze in einer Note hinzu: »Ich sage (S. 10 meines

Aufsatzes über den Grund unseres Glaubens an eine moralische

Weltregierung, im 1. Hefte des Phil. Journals desselben Jahrganges), um

die nothwendige Consequenz beider Gedanken auszudrücken: Ich muss, wenn

ich nicht mein eigenes Wesen verläugnen will, die Ausführung jenes

Zwecks (der Moralität) mir vorsetzen; -- habe diesen Satz zu analysiren,

wiederhole ihn daher auf der folgenden Seite ^verkürzt^ mit

Hinweglassung der Merkmale, die keiner Analyse bedürfen, so: ich muss

schlechthin den Zweck der Moralität mir vorsetzen, ^heisst^: u. s. w. --

Die Rede ist sonach gleich der folgenden: In einem rechtwinkligen

Triangel ist das Quadrat der Hypotenuse gleich dem Quadrate der beiden

Katheten. In ^einem Triangel^ ist das Quadrat der Hypotenuse etc.

^heisst^: u. s. w. -- Hr. Heusinger aber[20] hält sich an den letzten

Ausdruck des Satzes, als den ^directen^, erklärt meine ganze Theorie aus

diesem unbedingt gesetzten ^Muss^, um mich eines Fatalismus zu

bezüchtigen (da doch jedem, der nur eine Sylbe von mir gelesen, bekannt

seyn muss, dass auf die Freiheit des Willens mein ganzes Denken

aufgebaut ist), und es recht klar darzulegen, wie nach mir die

moralische Ordnung ^sich selbst mache^, und wie ich mit meinem guten

Bewusstseyn ein offenbarer Atheist sey. -- Im gemeinen Leben nennt jeder

Ehrliebende ein solches Benehmen Schurkerei, Büberei, Lüge. Wie soll man

es in der Literatur nennen?« -- Dies ists, was ich geschrieben hatte.

Ich bitte den verständigen und ehrliebenden Leser sich folgende Fragen

zu beantworten:

1) Heisst das, ^aus meinen Sätzen folgern^, wie Nicolai es nennt, wenn

man mir einen ^bedingten Satz^ in einen ^unbedingten^ verwandelt, um mir

eine Meinung anzudichten, von welcher jeder, der in der neuen

philosophischen Literatur bewandert ist, wissen muss, und Hr. Heusinger

sicher wusste, dass ich mich von jeher auf das stärkste gegen sie

erklärt habe? Es ist also nicht von ^Folgerungen^, es ist von

^Verdrehungen und Erdichtungen^ die Rede.

2) Kann man umhin, anzunehmen, dass diese Verdrehung nicht aus Irrthum,

sondern mit gutem Wissen und Bedacht gemacht worden, wenn der Verfasser

seinen Zweck, eine dem Gegner gemachte Beschuldigung (die des Atheismus)

als gegründet zu erweisen, gleich von vornherein angiebt, und wenn

dieser Zweck ^nur durch dieses Mittel^ zu erreichen ist?

3) Wie würde man ein ähnliches Benehmen im bürgerlichen Leben nennen?

Wenn ich z. B. im Gespräche gesagt hätte: wenn Nicolai nicht ein

grundschiefer und zerrütteter Kopf ist, so ist er ein hämischer

Bösewicht: und Nicolai hätte mehr zu bedeuten, als er hat, und es ginge

einer zu ihm, und erzählte ihm, ich, Fichte, habe gesagt, er, Nicolai,

sey ein hämischer Bösewicht; und dieser Erzähler thäte es in der laut

zugestandenen Absicht, einer Anklage, durch welche ein unauslöschliches

Brandmal auf meinen Charakter gebracht werden sollte, und durch deren

Erfolg ich aus meiner Laufbahn geworfen worden, die öffentliche

Beistimmung zu verschaffen: würde man dieses Benehmen anders bezeichnen

können, ausser durch die Benennung der Lüge, der Schurkerei und Büberei?

4) Ist die Anfrage: im bürgerlichen Leben nennt man dies Schurkerei,

Büberei, Lüge, wie soll man es in der Literatur nennen? -- gleich ^dem^

Satze: man soll es in der Literatur ebenso nennen, und ich will es

hiermit also genannt haben? Zwar bin ich, damit nicht etwa jemand

glaube, dass ich mich zurückziehen wolle, ich bin allerdings der

Ueberzeugung, dass man es auch in der Literatur so nennen solle, wenn es

nur über literarische Rechtlichkeit eine ebenso befestigte und

verbreitete allgemeine Meinung gäbe, wie über bürgerliche Ehre. Ich bin

allerdings der Ueberzeugung, und scheue mich nicht, es laut zu erklären,

dass dieser Herr Heusinger sehr nichtswürdig gehandelt hat.

5) Nicolai's Betragen, der, wenn er nicht von so immensem Gedächtnisse

ist, dass er darin sogar die Seitenzahlen unseres philosophischen

Journals gegenwärtig hat, die oben angeführte Stelle, welche er richtig

citirt, aufgeschlagen und vor Augen haben musste, und dennoch fähig war

niederzuschreiben: ich habe darüber, dass ^ein Gegner mir gezeigt, was

aus meinen Sätzen folge^, von Schurkerei und Büberei gesprochen, --

dieses Betragen Nicolai's zu beurtheilen und zu benennen, überlasse ich

ganz allein dem ehrliebenden Leser.

[Fußnote 20: In seiner Schrift: über das idealistisch-atheistische

System des Herrn Prof. Fichte.]

Soviel über diese ehrenrührigen Angriffe Nicolai's, die auf erdichtete

Thatsachen sich gründen. Was er (S. 154 u. S. 177) über mein Benehmen

bei der Niederlegung meines Lehramtes an der Universität Jena urtheilt,

übergehe ich mit Stillschweigen, indem er hierin wenigstens nicht

offenbar falsche Thatsachen erdichtet, obgleich er mir Empfindungen und

Gesinnungen zuschreibt, welche nie die meinigen waren. Das Urtheil eines

Nicolai ist mir zu unbedeutend und zu verächtlich, als dass ich mich

dagegen vertheidigen oder annehmen sollte, dass irgend jemand, an dessen

Achtung mir liegen könnte, dieses Urtheil theilte. Es dürfte vielleicht,

ausser dem, was über jene Sache bekannt worden, noch andere Umstände

geben, die da unbekannt geblieben, und welche mein Betragen dabei in ein

anderes Licht stellen würden, als dasjenige ist, in welchem Nicolai

zweckmässig findet, dieses Betragen erscheinen zu lassen; aber Nicolai

gerade ist der letzte, der über diese Dinge mich zur Rede bringen soll.

Zweite Beilage.

(Zum zweiten Capitel.)

Gegen die Schilderung Mendelssohns im Texte, dass er ein Mann von dem

besten Willen, aber von eingeschränkten Einsichten und Zwecken gewesen

sey, wird ohne Zweifel niemand etwas einwenden, der diesen Mann aus

seinen Schriften und öffentlichen Verhandlungen, aus dem Lessingschen

Briefwechsel, und etwa auch aus mündlichen Erzählungen kennt; -- wenn

nemlich der Beurtheiler nicht etwa selbst von eingeschränkten Einsichten

und Zwecken ist. Mit Beurtheilern der Art aber wollen wir hier nicht die

Zeit verlieren.

Dass Lessing -- wir beziehen uns hier allenthalben auf die früheren

Schriften desselben und die von seinem Bruder herausgegebene

Lebensbeschreibung und Briefwechsel, und wünschten, dass der Leser, der

ein Urtheil in dieser Sache begehrt, damit sehr bekannt wäre, -- dass,

sage ich, Lessing in seiner frühen Jugend sich in einer unbestimmten

literarischen Thätigkeit herumgeworfen, dass alles ihm recht war, was

nur seinen Geist beschäftigte und übte, und dass er hierbei zuweilen auf

unrechte Bahnen gekommen, wird kein Verständiger läugnen. Die

eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes scheint

in seinen Aufenthalt in Breslau zu fallen, während dessen dieser Geist,

ohne literarische Richtung nach aussen, unter durchaus heterogenen

Amtsgeschäften, die bei ihm nur auf der Oberfläche hingleiteten, sich

auf sich selbst besann, und in sich selbst Wurzel schlug. Von da an

wurde ein rastloses Hinstreben nach der Tiefe und dem Bleibenden in

allem menschlichen Wissen an ihm sichtbar; und eine der deutlichsten

Erscheinungen dieser Veränderung war eine sich durchaus nicht

verbergende Verachtung gegen Nicolai's Person, und ganzes Werk und

Wesen, indess er die gutmüthige Beschränktheit Mendelssohns fortdauernd

mit schonendem Stillschweigen trug.

Schon früher hatte er unserem Helden die Verweise seiner Unwissenheit,

Ungeschicktheit und Suffisance nicht erlassen. (M. s. S. 98 ff. u. S.

109 ff. des von Nicolai selbst edirten Briefwechsels.) Von jetzt an

correspondirte er mit ihm nur noch über Verlagsangelegenheiten, um ihm

Aufträge zu geben, z. B. dass er ihm Schuhe überschicken solle, und um

Neuigkeiten von der Buchhändlermesse durch ihn zu erhalten. Sein

Vertrauen hatte Nicolai so wenig, dass Lessing unverhohlen über einen

gewissen Plan ihm schrieb: den könne er ihm nicht mittheilen, der müsse

unter ^den Freunden^ (Klopstock, Bode u. a.) bleiben; ohnerachtet er

freilich fürchtete, dass ihm beim Herumgehen um das Thor zu Leipzig ein

Wink darüber entschlüpft seyn möchte (S. 177 des angeführten

Briefwechsels); seine literarische Unterstützung und Billigung der

Unternehmungen so wenig, dass Lessing nie eine Recension in die D. B.

verfertigt, so sehr auch Nicolai suchte, ihm dergleichen abzuschmeicheln

(S. 147), und sich genöthigt fand, dies öffentlich zu erklären (S. 255),

und dass er nicht dazu zu bringen war, ihm Beiträge aus der

Wolfenbüttelschen Bibliothek für seine (Nicolai's) Volkslieder zu

senden, »indem doch der ganze Spass nur auf Verwechselung des Pöbels mit

dem Volke hinauslaufe« (S. 393). Man sehe dagegen, mit welcher

Dienstfertigkeit und innigen Achtung derselbe Mann Conrad Arnold Schmid

(29. Theil der Lessingschen Schriften) und den fleissigen, biederen

Reiske (28. Theil) behandelte. Einen Zug in einer Nicolaischen Recension

nannte Lessing, kurz und gut, sowie er es wirklich war, ihm unter die

Augen ^hämisch^ (S. 213 d. a. Briefwechsels). Nicht nur Nicolai's

Person, sein ganzes Werk und Wesen verachtete er. So war ihm die

Aufklärerei und der Neologismus in der Theologie, wie er in der D. B.

getrieben wurde, ein wahrer Gräuel, und er drückte unter vier Augen sich

oft kräftig darüber aus. So schreibt er seinem Bruder (30. Theil S.

286): »was ist sie anders, unsere neumodische Theologie gegen die

Orthodoxie, als Mistjauche gegen unreines Wasser?« Und auf der folgenden

Seite: »Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das

Religionssystem, welches man jetzt (wo anders als in der D. B.?) an die

Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluss auf Vernunft

und Philosophie, als sich das alte anmaasst.«

Wielands Pläsanterie über den Bunkel findet er so gerecht als lustig

(29. Theil S. 495). Was er daselbst noch weiter hinzusetzt, --

ohnerachtet es auf eine unseres Erachtens sehr unrichtige Voraussetzung

sich gründet, -- um Nicolai zu entschuldigen, zeigt doch wenigstens an,

zu welcherlei Handwerk Lessing diesen Mann allenfalls noch tauglich

gefunden: »zu Verbreitung -- ^solcher^ Ideen, die für ein gewisses

Publicum, das doch auch mit diese Stufe besteigen müsse, wenn es weiter

kommen solle, ihren Werth hätten, durch -- ^so einen Roman^.«

Und Nicolai, der sich mit Lessings Freundschaft brüstete, der die Ehre

des Todten gegen den Vorwurf vertheidigte, dass er -- kein so seichter

Kopf gewesen sey, als ein Nicolai, hat die Stirn, seinen Briefwechsel

mit Lessing, aus dem wir oben Auszüge geliefert, selbst herauszugeben?

Warum nicht? Er hat lange Noten dazu gemacht, in denen er sich

herausredet, Lessing für einen wunderlichen Kopf, für einen übellaunigen

Brummer, für ein überspanntes Genie ausgiebt, und seine ihm (dem

Nicolai) selbst ungelegenen Meinungen aus der leidigen Paradoxie und

Disputirsucht erklärt.

Heiliger Schatten, vergieb uns, dass wir in demselben Zusammenhange von

dir redeten und von ihm. Wenn auch keine deiner Behauptungen, wie du sie

in Worte fasstest, die Probe halten, keines deiner Werke bestehen

sollte, so bleibe doch dein Geist des Eindringens in das innere Mark der

Wissenschaft, deine Ahnung einer Wahrheit, die da Wahrheit bleibt, dein

tiefer inniger Sinn, deine Freimüthigkeit, dein feuriger Hass gegen alle

Oberflächlichkeit und leichtfertige Absprecherei unvertilgbar unter

deiner Nation!

Dritte Beilage.

(Zum zweiten Capitel.)

Ich nenne die deutsche Bibliothek ^ein an sich widersinniges

Unternehmen^. Dies ist unter einer Nation, die in ihrer eigenen Sprache

schreibt, ihre eigene Literatur und einen sehr verbreiteten Buchhandel

hat, und viel liest, der Strenge nach ^jedes allgemeine Recensionswerk^.

Es ist zu beklagen, dass ich daran ein Paradoxon sage; denn dies ist

jede einem jedem gerade vor den Füssen liegende Wahrheit jedem

verkünstelten Zeitalter. Könnte ich nur einige Augenblicke auf

unbefangene Leser rechnen, so würde ich sie bitten, folgendes mit mir zu

überlegen.

Der Leser will doch ohne Zweifel ein richtiges Urtheil über die Producte

der Kunst und der Wissenschaft, auf das er sich auch verlassen könne.

Wer kann denn nun, und wer soll diese Urtheile fällen? Doch wohl die

ersten Meister in jedem Fache der Kunst und der Wissenschaft?

Wenn nun zuvörderst der einige grösste Meister in einem Fache -- denn es

ist doch wohl nicht anzunehmen, dass die Grossen wie Pilze aus der Erde

wachsen -- etwas schriebe, wer soll denn diesem sein Urtheil fällen? Wer

soll gegenwärtig in der Kunst über Goethe, wer sollte zu seiner Zeit in

der Philosophie über Leibnitz, wer sollte, als Kant mit seiner Kritik

der reinen Vernunft hervortrat, über Kant urtheilen? Ueber den letzten

etwa die Garve, die Eberharde? Nun, sie haben es gethan, und es ist

darnach. Diesen Fall aber abgerechnet: sollten denn die grössten Meister

die Geneigtheit haben, dieses Richteramt über die Schriften zu

übernehmen; sollten sie nicht etwas Besseres thun können, das dem

gemeinen Wesen noch erspriesslicher sey? -- Der Lebenslauf jedes

wahrhaften Künstlers oder wissenschaftlichen Kopfs ist eine fortgehende

Entwickelung seiner eigenen Originalität. Seine Kunst oder seine

Wissenschaft erlernt, und auf den Punct sich erhoben, wo das Zeitalter

stand, hat er; das versteht sich, und dies ist nun vorbei. Er geht

^seinen^ Gang, entwickelt sich selbst in eigenen Schriften, die er bei

der vorausgesetzten Ausbreitung des Buchhandels leicht ins Publicum

bringen kann; von den Arbeiten anderer nimmt er Notiz, nur inwiefern sie

gerade seinen Gang berühren, und ihm im oder am Wege liegen, und er wird

ohne Zweifel in seinen eigenen Werken die nöthige Rücksicht darauf

nehmen. Sollte er sich wohl in diesem Kreise unterbrechen lassen, um

sich alle Wochen in einen ganz anderen Kreis eines ihm zur Recension

zugesandten Buches zu versetzen? Es ist nicht wahrscheinlich.

Oder hat etwa das deutsche Publicum bis jetzt in allem Ernste geglaubt,

dass es zwei Klassen grosser Gelehrten habe: die eine, deren Namen es

kennt, und die die Bücher schreiben; und die zweite, wohl ebenso

bedeutende, deren Namen es nicht kennt, und die die Recensionen

schreiben?

Wer selbst ein Buch schreiben kann, der schreibt ein Buch und keine

Recension, und für die Recensionen bleiben ^in der Regel^ nur diejenigen

übrig, die kein Buch schreiben können: hinter ihrem Zeitalter

zurückgebliebene ^Invaliden^, deren Bücher keinen Absatz, und also

keinen Verleger finden, und ^Schüler^, die zwar ein Aufsätzchen in

Grösse einer Recension zusammenbringen, aber nicht den Plan eines Buchs

entwerfen können. Dafür, meine Leser, dafür ist die Anonymität der

Recensenten. Das Publicum würde ein schönes Schauspiel erhalten, wenn

die Redactoren der recensirenden Institute plötzlich genöthigt würden,

die Verfasser aller seit 5 Jahren erschienenen Recensionen zu nennen. --

^In der Regel^ ist es so, habe ich gesagt: denn es ist möglich, dass ein

wirklicher Schriftsteller etwas in seinen gegenwärtigen Gedankenkreis

Fallendes beurtheile, und da er gerade kein Buch unter der Feder hat, in

welches diese Beurtheilung passe, sie vorläufig in einem recensirenden

Blatte abdrucken lasse. Auf dergleichen Beiträge aber rechnet ganz

gewiss kein Redacteur, der seinen Messkatalog herunterrecensiren lassen,

und sein Blatt alle Tage voll haben muss: er muss bestellte, pünctliche

Arbeiter haben. Oder es dürfte sich, ^da das leidige Vorurtheil für

Recensionen einmal in der Welt ist, und vor der Hand wohl nicht leicht

auszurotten seyn dürfte^, eine Gesellschaft von Männern, die allerdings

selbst Meisterwerke liefern könnten, verbinden, sich selbst zu

verläugnen, und auf dem Wege des Recensirens in das Zeitalter

einzugreifen. Die Redaction der Erlanger Literaturzeitung leistet in

einer neuerlichen Ankündigung Versprechungen dieser Art, und zeigt, dass

sie durchaus wisse, worauf es dabei ankomme; so dass sich billigerweise

annehmen lässt, sie sey im Besitze des Mittels, diese Versprechungen zu

halten, und gründe sich auf eine solche patriotische Verbindung; auch

berechtigt der Anfang zu immer grösseren Hoffnungen auf die Zukunft.

Diese Zeitung würde sodann eine höchst seltene und höchst ehrenvolle

Ausnahme von dem obigen allgemeinen Urtheile machen.

Ein ^Invalid^ also, oder ein ^Schüler^ wird in den ^8 oder 14 Tagen^, da

er das Buch flüchtig durchläuft, und recensirt, sich über den Autor

erheben, der ^Jahre lang^, oder vielmehr, da jede seiner Arbeiten doch

immer Resultat seines ganzen Lebenslaufes ist, ^sein ganzes Leben^ an

diese Materie ausschliessend verwendete? Es ist nicht wahrscheinlich.

Der ^Invalid^ -- mit ihnen sind diejenigen literarischen Institute, die

auf Reputation halten, am meisten besetzt, damit sie im Falle der Noth

sich mit einem Namen decken können, der vor 20 Jahren galt -- der

Invalid wird das Zeitalter, in welchem er etwas bedeutete, in seinen

Recensionen zurückzuführen suchen, und alles neue verurtheilen, weil es

neu ist. Der ^Schüler^ wird, wenn er noch am unbefangensten ist, auf

seinem Richterstuhle herumtappen, und vor den Lesern, die ein Urtheil

von ihm erwarten, zu begreifen suchen, worüber er richtet. Seine

Recension wird eine seiner Schulübungen werden.[21]

[Fußnote 21: Ein Beispiel aus tausenden, um es dem Leser recht vor die

Augen zu stellen, in welche Verlegenheiten heutzutage ein ehrlicher

Redacteur kommen kann, und wie kläglich sich dieselben oftmals behelfen

müssen!

Die Jenasche Literaturzeitung fand sich genöthiget, noch ein

Ergänzungsblatt, gleichsam einen Beiwagen zu der immer zu stark

besetzten ordinären Landkutsche, anzulegen. Es wurde ausdrücklich und

namentlich angekündigt, dass dieses Ergänzungsblatt unter anderen auch

einen Bericht über die durch die Fichteschen Religionslehren

entstandenen Bewegungen enthalten würde. Jeder Leser musste glauben,

dass dieser Bericht ein vorzügliches Meisterwerk, und ein wahres

Bravourstück des Recensionswesens seyn würde, von dessen

Vortrefflichkeit er auf das Ganze schliessen könnte, da es ihm schon im

voraus so bedeutend angekündigt wurde; und höchstwahrscheinlich hatte

der Herr Hofrath Schütz wirklich auf ein solches Meisterstück Bestellung

gemacht und erwartete täglich die Ankunft desselben. Und was hat er

erhalten!

Zwar so lange der Recensent Gefahr ahnt und deswegen auf seiner Hut ist,

zieht er sich listig genug aus dem Handel. Statt irgend eine

Eigenthümlichkeit der angefochtenen Lehre anzugeben, sagt er nur kurz:

was im Forbergschen Aufsatze richtig sey, sey Kantisch, und auch

Fichte's Lehre sey Kantisch, ausser dass der letztere diese Lehre an

seine Wissenschaftslehre anzuknüpfen suche. Nun thue ihm einer etwas!

Fragt ihr, was denn nun richtig sey in diesen Aufsätzen, so ist die

Antwort: das Kantische; und fragt ihr wiederum, was denn das Kantische

sey, so ist die Antwort: dasjenige was richtig ist.

Dagegen aber fällt ihn sein Unglück da an, wo er keine Gefahr weiter

ahnet. Von der Substanz, meint er, habe noch kein Philosoph einen

bestimmten Begriff aufgestellt. -- Welcher Philosoph weiss nicht, dass

seit Locke eine sehr bestimmte Nominalerklärung der Substanz vorhanden

ist: die, dass sie sey ^der Träger der Accidenzen^? Auch würde der

Recensent gerade in dieser Wissenschaftslehre, von welcher er zu sagen

weiss, dass Fichte sein Religionssystem daran anzuknüpfen suche, eine,

wie wir glauben, sehr bestimmte Real- und genetische Erklärung der

Substanz gefunden haben; dass sie nemlich sey ^die^ (allein im Denken

geschiedenen) ^Accidenzen selbst, in sinnlicher Anschauung zusammen- und

als Eins aufgefasst^, wenn er diese Wissenschaftslehre jemals

durchblättert hätte: und er hätte sodann den Lesern der ^A. L. Z.^

berichten können, warum Gott, der in sinnlicher Anschauung nicht

vorkomme, das Prädicat der Substanz sich nicht beilegen lasse; welches

den Lesern zu grosser Erbauung, und der Literaturzeitung zu grossem

Ruhme gereicht haben würde. Von diesem allen hat er nichts gethan und

nichts gewusst. Man sieht, die Philosophie ist dieses Recensenten Fach

nicht.

Nun, was ist er denn also, und welches ist sein Fach?

Er fürchtet, Fichte möge sich im Ausdrucke vergriffen haben, und geht

daran herum, ihm denselben zu verbessern. Man sieht, dass er gewohnt

ist, ^exercitia stili^ zu corrigiren. Ein Sprachmeister ist er.

Und was für ein Sprachmeister! -- Fichte hat gesagt, dass man Gott das

Prädicat der Substanz nicht beilegen könne, und fährt darauf fort: »es

ist erlaubt, dieses aufrichtig zu sagen, und das Schulgeschwätz

niederzuschlagen, damit die Religion des freudigen Rechtthuns ^sich

erhebe^.« Unser Sprachmeister nimmt von diesem letzteren Ausdrucke die

Gelegenheit, Fichte dem Verfasser des ^Schreibens eines Vaters etc.^,

welcher Verfasser Forberg und Fichte zuerst öffentlich des Atheismus

bezüchtigt, -- so ungefähr gleichzustellen (denn dieser Sprachmeister

hat zugleich ein sehr gutes Gemüth gegen Fichte, und zeigt es in diesem

einzigen Blatte, das die Langweiligkeit des Ganzen uns zugelassen hat,

durchzulaufen, auch noch an anderen Stellen), indem auch Fichte, nur

freilich etwas feiner, in der Speculation anders Denkende ohne weiteres

der Irreligiosität beschuldige, und hier insinuire, dass der Begriff von

Gott als Substanz erst niedergeschlagen werden müsse, ehe die wahre

Religion stattfinde. Ihm sind sonach ^sich erheben^ (über Hindernisse

und Zweifel) und ^entstehen^ Synonyme.

Forbergs Benehmen, das er höher oben als petulant, und der Wichtigkeit

der Sache nicht angemessen beschreibt, nennt er tiefer unten, um doch

auch seine Kenntniss des Französischen zu zeigen, ^niaiserie^. Er mag

wohl dieses Wort in seinem Dictionnäre durch ^läppisches Wesen^

übersetzt finden, und es seinen Schülern immer so übersetzt haben, ohne

einen Unterschied zu bemerken zwischen einem ^unschicklichen^ Betragen

aus Muthwillen (dessen er ohne Zweifel Forberg beschuldigen will) und

einem ^ungeschickten^ und täppischen aus Unbeholfenheit, dessen weder er

noch irgend jemand Forberg beschuldigen wird, und welches allein doch

durch das Wort ^niaiserie^ bezeichnet wird. (^Niais^, höchst

wahrscheinlich von ^nidus^, eigentlich, ein junger Vogel, der, noch ehe

er fliegen konnte, aus dem Neste genommen worden und dessen Flug daher

unbeholfen bleibt.)

Der Recensent ist sonach ein verdorbener, heruntergekommener

Sprachmeister, der bei dieser Unwissenheit freilich seine Kunden

verlieren musste, und nun durch Recensionen an der Literaturzeitung sich

seinen Unterhalt zu erwerben sucht.

Kein Mensch, und am allerwenigsten der Verfasser, wird glauben, dass ein

so berühmter Philolog, als der Herr Hofrath Schütz, diese argen

Verstösse nicht bemerkt habe. Aber was konnte er machen? Der Abgang des

Beiwagens war angekündigt, die Stunde war da, und kein anderes Gut

vorhanden. Er musste eben aufladen, was er hatte.]

Und welche verächtliche Leidenschaften werden durch diese ganze

Verfassung erregt und genährt! Welcher Eigendünkel bei guten Jünglingen,

welche grösstentheils dergleichen Einrichtungen wirklich für das halten,

was sie seyn müssten, wenn sie überhaupt seyn sollten! Der Wahl

tappender und schielender Redactoren vertrauend, glauben sie vom Tage

ihrer Einladung zur Mitgliedschaft einer berühmten Recensentengilde

wirklich die Fähigkeiten zu besitzen, die sie in ihrer Unbefangenheit

den Recensenten zuschreiben, zürnen auf ihre redlichen Lehrer, welche

vielleicht diese Fähigkeiten in ihnen noch nicht bemerken wollten, und

ergreifen die Gelegenheit, diesen ihre Uebermacht fühlbar werden zu

lassen![22] Welche schöne Aussichten für Literaten aller Art, ihre

gelehrte Eifersucht, ihren Neid, ihre Rachsucht gegen jeden, der ihnen

irgendwo im Wege gestanden, zu befriedigen, ohne dass jemand wisse,

woher die Streiche kommen! Jeder Gedrückte tröstet sich in aller Stille

damit: ei, ich will ihm schon einmal in einer Recension eins versetzen;

und er hält Wort. -- Welches Schauspiel würde das Publicum auch in

dieser Rücksicht erhalten, wenn die Redactoren plötzlich genöthigt

würden, die Verfasser der bisher erschienenen Recensionen anzugeben; und

die recensirten oder gelegentlich angezapften Schriftsteller hierauf

anfingen, Particularia und Personalia zu erzählen!

Welch ein ganz eigener Ton, der besonders in den Verantwortungen

angefochtener Redactoren und noch stärker in den Antworten der durch die

Anonymität gedeckten Recensenten auf Antikritiken, in seiner ganzen

Originalität erscheint! Da stösst ein Mann, der im Grunde weder witzig

noch hitzig ist, und es sehr gut weiss, dass er unrecht hat, sich bei

jedem Athemzuge in die Rippen, um die Langmüthigkeit seiner Natur zum

Zorne, zur Grobheit, zur Pöbelhaftigkeit zu reizen; jener lediglich, um

sein Blatt beim Publicum, dieser, um sich beim Redacteur, der allein ihn

kennt, in Respect zu erhalten. »Ei, die verstehns; die wissen recht

einem jeden eins zu versetzen,« soll der Lesepöbel denken.

[Fußnote 22: Der Verfasser kann zwar nicht ganz in der beschriebenen,

aber doch in einer ähnlichen Weise aus eigener Erfahrung sprechen.

Nachdem er ein -- von ihm selbst schon damals dafür erkanntes --

schlechtes Buch geschrieben hatte, dafür in einer berühmten Zeitung

mächtig gelobt, und gleich darauf zur Mitarbeit an dieser Zeitung

eingeladen wurde -- ei, dachte er, gehört dazu nichts weiter? und hatte

einige Freude, und wurde auch wirklich, so lange er selbst in seiner

Wissenschaft noch keinen festen Standpunct hatte, zum Ritter an ein paar

jungen Schriftstellern, die noch weniger feststanden als er selbst.

Seitdem er diesen Standpunct gefunden und bessere Schriften schreiben zu

können glaubte, hat er jene Mitgliedschaft aufgegeben. Er kann nicht

dafür stehen, dass er nicht einst, wenn er etwa durch Altersschwäche

herunterkommen sollte, wieder zu derselben greifen werde, und will für

diesen Fall jener berühmten Zeitung, und ihrem berühmten Redacteur,

welche ohne Zweifel dann noch fortdauern werden, sich hiermit schon im

voraus zu gutem Andenken und zu brüderlicher Schonung empfohlen haben.

--]

Welch ein abenteuerliches System von Begriffen und Meinungen, das aus

dieser Einrichtung hervorgegangen ist! Zuvörderst der Begriff einer

^Kritik^, die ausserhalb der Meister und der Meisterschaft und von ihnen

abgesondert wohnen soll! Eine Partei, die die Werke liefert, ohne

Kritik; eine andere Partei, die die Kritik besitzt, und sie über die

Werke anderer hingiesst, ohne selbst Werke hervorzubringen. Dann der

Begriff von einer ^Urtheilsfreiheit der Gelehrten^: d. h. dass es jedem,

der einige Perioden deutsch zu schreiben vermag, erlaubt seyn müsse,

über alles Geschriebene in den Tag hineinzuschreiben, ob er davon etwas

gelernt habe, oder nicht, und dass über sein Geschwätz kein anderer

lachen dürfe. Dann die Meinung, dass jedes erscheinende Buch ein ^corpus

delicti^ sey, das sogleich vor den Richterstuhl gezogen werden müsse;

dass die Bücher eigentlich nur darum geschrieben würden, um recensirt zu

werden; und dass die Recensenten weit vornehmere Wesen seyen, als die

Schriftsteller; dass nur schlechte Schriftsteller sich gegen die --

Kritik, verstehe die Recensenten, auflehnen, gute aber sich ihr demüthig

unterwerfen und sich bessern. -- Armes Publicum, dass du dir dergleichen

Dinge aufbinden lassen! Wisse, dass jedes Werk, das da werth war zu

erscheinen, sogleich bei seiner Erscheinung gar keinen Richter finden

kann; es soll sich erst sein Publicum erziehen, und einen Richterstuhl

für sich bilden; es ist eine Lection an dich, gutes Publicum, und kein

^corpus delicti^. Spinoza hat über ein Jahrhundert gelegen, ehe ein

treffendes Wort über ihn gesagt wurde; über Leibnitz ist vielleicht das

erste treffende Wort noch zu erwarten, über Kant ganz gewiss. Findet ein

Buch sogleich bei seiner Erscheinung seinen competenten Richter, so ist

dies der treffendste Beweis, dass dieses Buch ebensowohl auch

ungeschrieben hätte bleiben können.

So mit den ^allgemeinen^ Recensionsanstalten, die auf Universalität der

Wissenschaft und auf Mitarbeiter aus allen Provinzen des deutschen

Vaterlandes Anspruch machen. Ein wenig unschuldiger sind die kleinen

Particular-Recensionsfabriken. Mit diesen will man entweder den Ort, wo

sie erscheinen, ehren, und beweisen, dass derselbe auch Gelehrte habe,

die ein Wort mitsprechen können. Unseres Erachtens ein sehr mislicher

Beweis; es wäre dem Orte mehr Ehre, er hätte viele Gelehrte, die etwas

besseres zu thun hätten, als zu recensiren. Oder dergleichen kleine

Zeitungen enthalten die Ausreden der vornehmen Herren Professoren an die

gelehrten Mitbürger, denen durch alle Mühe, die man sich darum giebt,

doch das Lesen auswärtiger Schriftsteller sich nicht ganz verkümmern

lässt, warum sie von ihren Kathedern herab nicht ebenso belehrt werden,

als es in dieser eingeführten literarischen Contrebande geschieht; auch

kräftige Anpreisungen der eigenen Producte dieser vornehmen Professoren.

Solche Recensionen zeichnen sich durch die Formeln aus: »Rec. trug dies

immer so vor;« oder: »was der Verfasser da sagt, ist zwar wahr, doch

aber sind wir auch der Ueberzeugung, dass auch die entgegengesetzte

Ansicht, welche der Rec. immer gegeben hat, richtig ist;« oder: »wie

kann der Mann nur das rühmen, wovon wir immer gesagt haben, dass es

nichts tauge; so er etwas rühmen will, so rühme er unsere Apodiktik.«

Das unsterbliche Muster in dieser Art werden immer die Gelehrtenanzeigen

der Göttingischen Universität bleiben, deren Lehrer sehr oft mit

auswärtigen Schriftstellern in Collision kommen mögen. Sie sind

lediglich auf die gelehrten Mitbürger berechnet; und wer sie für mehr

hält, auf dessen Kopf falle der Schade!

Aber es ist doch so bequem für das grössere Publicum, und selbst für die

wirklichen Gelehrten, beim Durchblättern einer einzigen Zeitschrift zu

erfahren, was in jedem Fache Neues erschienen, welches der Inhalt

desselben sey, und nun zu beurtheilen, ob sie das Buch sich selbst

anzuschaffen haben, oder ob sie es entbehren können. --

Ohne Zweifel; und dieser Vortheil soll beibehalten werden; nur die

unbefugte Richterei und Urtheilerei soll wegfallen.

Wie man Petersilie, Pilze und Bücklinge auf den Strassen ausruft, ebenso

sollen auch die Bücher ausgerufen werden; nicht durch die ersten

Erzeuger, wie sich versteht, sondern durch die Verkäufer, die

Buchhändler. Das Verfahren hierbei ist durch die Natur der Sache

bestimmt und ist sehr einfach. Vereinigen sich die deutschen

Buchhändler, und übertragen einem aus ihrer Mitte, ebenso wie sie

ehemals der Weidmannschen Buchhandlung die Herausgabe des Messkatalogs

überliessen, die Herausgabe eines ausführlichen Messkatalogs; -- oder

sey dabei auch durchaus freie Concurrenz. Dieser Messkatalog enthalte

den Titel des Buches, die Verlagshandlung, den Ladenpreis, einen

verhältnissmässigen Auszug des Inhalts, -- wo es hingehört, Proben der

Schreibart. Um dergleichen Anzeigen zu verfertigen, bedarf es nur

einiger Commis, die da lesen können und schreiben, höchstens auf einer

lateinischen Schule bis in Secunda gekommen sind. Man hat ja überdies in

einer jeden wohl eingerichteten Druckerei einen Corrector, der ein

Literatus ist; dieser sey der Redacteur des Blattes; ihm gebe man mit

dem Correcturbogen zugleich das angezeigte Buch mit ein, damit er

urtheilen könne, ob der Auszug richtig und zweckmässig ist. Es mag ihm

auch verstattet werden, sich als Herausgeber auf dem Titelblatte zu

nennen. --

Alles eigenen Urtheils enthalten diese Commis und dieser Corrector sich

gänzlich; oder wollen sie ja etwas von ihrem Eigenen hinzuthun, so loben

sie ^alle^ Bücher, die sie anzeigen, aus gleich vollen Backen. Sie

schreiben im Namen der sämmtlichen Verleger, und es ist sehr natürlich

und sehr unschuldig, dass ein Verkäufer seine Waare lobt. Wer dadurch

getäuscht wird, der schreibe es lediglich seiner eigenen Unerfahrenheit

zu. Mehrere Buchhändler, welche die Fertigkeiten der beschriebenen

Commis in sich vereinigen, haben dies schon recht gut angefangen, und es

könnte den Verfassern solcher Anzeigen, wie wir sie meinen, keinesweges

an Mustern fehlen.

^Zweitens^ habe ich gesagt, die allgemeine deutsche Bibliothek sey

verderblich geworden -- durch die Art ihrer Ausführung. Jene Bibliothek

wurde nemlich, wie wir jedem, der nicht selbst zu den Seichten gehört,

zu finden anmuthen -- sie wurde der Mittelpunct der Seichtigkeit, der

Popularität, des leeren Geschwätzes. Eine Philosophie, die hinüber und

herüberschwatzte, ohne Regel und feste Bahn, eine Theologie, deren

Hauptzweck war, die Bibel so vernünftig zu machen, als diese seichten

philosophischen Schwätzer selbst waren, eine Kunstkritik, die auf nichts

sah, als auf die Wahrscheinlichkeit der Fabel, und die moralische

Erbaulichkeit, eine Gelehrsamkeit, die im Zusammenschleppen seltener

Raritäten auf einen confusen Haufen bestand, eine flache breite

Schreiberei: dies war von jeher der Geist dieses Werkes. Dieser Geist

hat der Cultur der Wissenschaften in unserem Vaterlande unendlich

geschadet; er lebt noch und fährt noch fort zu schaden. -- Man irrt sich

sehr über den eigentlichen Zweck derer, die Nicolai und seinem Anhange

so sehr zuwider sind. Sie wollen nicht gerade diese oder jene

Philosophie herrschend machen. Nur den Geist der Seichtigkeit und

Popularität möchten sie durch den Geist wahrer Gründlichkeit und

Wissenschaftlichkeit verdrängen; -- durch den Geist, der durch die

Lessinge, die Jacobi, die Kante, aus der besseren alten Welt durch die

Zeit der Ueberschwemmung hindurch in die neue Welt herüber gerettet

worden. Sodann mag auch über Philosophie, Aesthetik, Naturlehre etwas

ausgemacht werden.

Dass, wie ich ^drittens^ gesagt habe, dieses Unternehmen der Bibliothek

keinem verderblicher gewesen, als dem Urheber selbst, ist in dieser

Schrift zur Genüge erwiesen.

Vierte Beilage.

(Zum neunten Capitel.)

Das im Texte erwähnte Geschwätz über Katholicismus und

Kryptokatholicismus ist ein trauriger Beweis, was dem guten deutschen

Volke jeder Schwätzer anmuthen kann, wenn er nur kräftig schreit. Möchte

es doch auch ein abschreckender Beweis für die Zukunft seyn!

Nicolai war und ist eigentlich seines Zeichens ein ausgemachter Berliner

^Badaud^, so sehr er sich auch für einen Weltkenner hält. Es gehört eben

mit zum Charakter eines ^Badaud^, dass er sich für einen Weltkenner

halte. Ein ^Berliner Badaud^, habe ich gesagt; nicht, als ob man nicht

ebensowohl ein Wiener, oder Pariser, oder auch ein Golitzer und

Kohlgartenscher ^Badaud^ seyn könnte, oder als ob die Berliner mehr Hang

hätten, es zu seyn, als die Bewohner anderer grossen Städte, sondern

weil ^der Badaud^, von welchem ich hier rede, nun einmal aus Berlin ist.

Ein ^Badaud^ ist nemlich ein Mensch, der, um ganz populär davon zu

sprechen, nie hinter seinem Backofen hervorgekommen ist, daher sich

einbildet, es müsse allenthalben in der Welt so aussehen, wie hinter

seinem Backofen, und, wenn er doch einmal hervorkommt, alles, was er

erblickt, maulaufsperrend bewundert. Mein Dictionnäre übersetzt dieses

Wort durch ^Maulaffe^. Nicolai's ganze Reise ist die Reise eines solchen

Maulaffen. Alles, von den heiligen Bildern an bis zu den geflochtenen

Zöpfen der Tübinger Mädchen begafft er voll Verwunderung. Und lediglich

aus dieser bewundernden Gafferei des Berliner ^Badaud^ entstand das

Geschrei über Katholicismus, und hinterher, da seine Bibliothek

angefochten wurde, über Kryptokatholicismus.

Was hat man denn durch alles dieses Geschrei der Welt entdeckt, das

nicht jeder, der weitergekommen als Nicolai, oder der auch nur die

Geschichte und einige Reisebeschreibungen gelesen, oder einige Fremde

gesprochen, schon vorher auch gewusst hätte? »Es sey mit der Aufklärung

(es war immer nur von der Nicolaischen negativen Aufklärung, der

Befreiung von diesem oder jenem Aberglauben, die Rede) der Katholiken

noch gar nicht so weit gekommen, als etwa gutmüthige Protestanten

glauben dürften.« Ei, wer waren denn diese gutmüthigen Protestanten?

Doch wohl nur Nicolai und seine Bibliothekare, welche ^ihr^ Licht in

jene Länder verbreitet zu haben hofften. »Es werde in den katholischen

Ländern durch die Mönche noch immer der alte Aberglauben

aufrechterhalten, auch wohl noch neuer hinzugebracht.« Wer hatte es denn

je anders gewusst oder gesagt? »Der Papst nehme seine Behauptungen in

der Regel nie zurück; er rechne auch die protestantischen Länder

gewissermaassen noch immer unter seinen Sprengel, und suche sie

besonders durch Bekehrungen in den deutschen fürstlichen Familien in den

Schooss der Kirche zurückzuführen.« Wer hat denn die Geschichte gelesen

und dies nicht gewusst; wer hat aber auch nicht gewusst, dass in Absicht

der Unterthanen dies nichts fruchtet, und sie sich ihre

Religionsprivilegien nur noch fester versichern lassen? Woher denn nun

jetzt auf einmal der Lärm, nachdem Friedrich Nicolai auf Reisen ging?

War denn alles dies etwas Neues, erst jetzt Entdecktes? Ich könnte nicht

sagen; ausser etwa für Nicolai und seines Gleichen. Oder wurden etwa

jetzt jene Bemühungen kräftiger und glücklicher? Keinesweges, vielmehr

geschah ihnen gerade in diesem Zeitpuncte durch die Unternehmungen

Kaiser Josephs des Zweiten grosser Abbruch.

Ja; aber die eifrige Verbreitung der geheimen Orden, die Ceremonien in

denselben, das Räuchern, Salben, Händeauflegen! Sind dies nicht offenbar

katholische Ceremonien? Sieht man da nicht -- so nemlich connectirt

Nicolai -- offenbar die Tendenz der Katholiken, die Protestanten an ihre

kirchlichen Gebräuche zu gewöhnen, und dadurch u. s. w.? -- Jedes

Zeitalter hat sein besonderes Steckenpferd. Das des abgelaufenen

Jahrhunderts waren geheime Ordensverbindungen. Es ist aus tausend

Gründen begreiflich, dass höhere Grade entstanden, und dass diese durch

besondere Ceremonien ausgezeichnet wurden. Warum sollen diese Ceremonien

denn gerade katholisch seyn; warum nicht ebensowohl jüdisch und

heidnisch? denn von daher sind sie erst in die christliche Kirche

gekommen. Kurz, sie sind aus dem Alterthume. -- Hätte Nicolai diesen

Lärm erhoben, als der Baron Hund, der in Frankreich wirklich katholisch

geworden, sein Tempelherrnsystem einführte, als Stark mit seinem

allerdings sonderbaren Klerikate auftrat, so hätte die Sache einigen

Anschein für sich gehabt. Aber zu ^der^ Zeit ihn zu erheben, da er ihn

erhob, so lange nach dem Mittagsessen mit seinem Senfe zu kommen! Zeige

er doch aus diesen Zeiten Ein Beispiel, dass jemand in geheimen Orden

zur katholischen Religion gebracht worden!

Nicolai ist zwar stets bereit, jedem Gelehrten, der ihm in dieser Sache

widerspricht, zu antworten: auf der Studirstube freilich erfahre man so

etwas nicht, und durch Schlüsse ^a priori^ lasse es sich nicht

herausbringen: das erführen nur Weltleute seiner Art; denn für einen

solchen hält er sich, weil er über Wien und München nach Zürich gereist,

und mit dem Minister von Wöllner Schach gespielt. Der Verfasser dieses

hat über acht Jahre in Ländern, wo Protestanten und Katholiken vermischt

sind, gelebt, und ist in ihnen gereist: in der Lausitz, im südlichen

Deutschlande, in der Schweiz, in Polen, in Westpreussen. Er ist diese

Länder nicht durchflogen, um sie in der Eile zu beschreiben, zu lauern

und, wie es Leuten dieser Art geht, zu sehen und sich aufbinden zu

lassen, was man gern sehen und hören will; er hat in ihnen gelebt,

Geschäfte gehabt, und selbst mitgehandelt, wo man ohne Zweifel besser

sieht, als wenn man nur durchreiset; hat Umgang gehabt mit Leuten von

allerlei Confessionen und Meinungen, und glaubt seine Augen eben auch

offen gehabt zu haben, ob er gleich keine seiner Beobachtungen so neu

und so interessant gefunden, um sie dem Publicum vorzulegen. Das

Sichtbare, was Nicolai gesehen, hat er eben auch gesehen; aber er hat

keine Veranlassung gefunden, darauf die Schlüsse zu bauen, die Nicolai

aufbaut. Ebenso ist er mit dem Innern der geheimen Orden vielleicht so

gut bekannt, als Nicolai, vielleicht besser. Er würde nie darauf

gefallen seyn, ihnen die Wichtigkeit und die Tendenz zuzuschreiben, die

Nicolai ihnen zuschreibt.

Halte doch Nicolai sich nicht so sehr auf über den Abt Barruel! Die

Jacobinerriecherei ist das ächte Gegenstück zur Jesuitenriecherei, und

Barruel ist in der erstern ganz dasselbe, was Nicolai in der zweiten

war.

Fünfte Beilage.

(Zum neunten Capitel.)

Die A. d. B. war allerdings ein der Religiosität der Nation höchst

schädliches Unternehmen. Religiosität ist Tiefe des Sinns, und geht aus

ihr hervor; die ganze Tendenz jenes Unternehmens geht auf

Oberflächlichkeit; Religion deutet auf das übersinnliche höhere Leben;

der ganze Zweck jenes Unternehmens ist unmittelbare Brauchbarkeit und

Nützlichkeit für das Gröbste dieses Lebens. Die von dieser Clique haben

die Religionsaufklärung und einen Volkslehrer sattsam gelobt, wenn sie

erzählt haben, dass die Bauern weniger Processe führen, sich seltener

betrinken, und die Stallfütterung eingeführt haben.

Doch was soll ich hier noch viel Worte über diesen Gegenstand machen?

Jene ^Appellation an das Publicum^ etc., die Nicolai auch so zuwider

ist, und von der er glaubt, dass sie nur im Zorne geschrieben seyn könne

(der arme Mann!), redet, indem sie von wahren Gottesläugnern,

Götzendienern, Dienern eines bösen Weltgeistes spricht, ganz eigentlich

von Nicolai und denen, die ihm gleichen. Wem diese nicht bewiesen hat,

was hier zu beweisen wäre, für den ist jeder andere Beweis verloren.

Noch eine Beilage

oder

Dreizehntes Capitel.

Von den letzten Thaten, dem Tode und der wunderbaren

Wiederbelebung unsers Helden.

Die Betriebsamkeit gewisser Buchhändler ging in jenen Tagen so weit,

dass sie, nachdem beim Nachdrucken nicht genug mehr zu gewinnen war, die

Kunst erfanden, Vordrucke zu veranstalten. Auf diese Weise erschien noch

bei Nicolai's Lebzeiten ein unrechtmässiger Vordruck der gegenwärtigen

Lebensbeschreibung unsers Helden, die wir jetzt in der ersten, einzig

rechtmässigen Ausgabe den rechtlichen und gewissenhaften Lesern

mitgetheilt haben.

Nicolai verwendete gegen diese also erschienene Lebensbeschreibung seine

ganze polemische Taktik. Zuerst versuchte er, dieselbe zu ignoriren, und

an der Erziehung Fichte's und seiner Genossen so unbefangen, wie bisher,

fortzuarbeiten. Als dieses sich nicht thun liess, griff er zum Fache des

Erhabenen, verbreitete selbst die Schrift durch seinen Buchhandel,

erklärte öffentlich, dass der Spass so übel nicht sey, und dass er

selbst bei mehreren Stellen gelacht habe; -- nur hätte, fügte er hinzu,

der Autor sich kürzer fassen sollen. Hierauf begab er sich mitten in das

Gründliche und Ausführliche hinein; erzählte, zur Widerlegung des

Vorgebens, dass er nie eines gelehrten Unterrichts genossen, seine ganze

Jugendgeschichte, wie er erst die Buchstaben kennen gelernt, darauf

buchstabiren, dann lesen, sodann schreiben; wiederholte alle Lectionen,

die er von Jugend auf erhalten, vollständig, legte zum Beweise seiner

Wahrhaftigkeit seine Schreibebücher, in einem saubern Holzschnitte

nachgestochen, und abgedruckt, und alle seine ^exercitia stili^ bei.

Dies gab 4 Alphabete; Format und Druck, wie in den Beilagen zu seinen

Reisen. Er setzte hierauf sein wahres Verhältniss mit Lessing durch

ausführlichere und deutlichere Noten zu dem schon gedruckten

Briefwechsel, und durch die Erzählung aller »Discurse,« die er in seinem

Leben mit jenem geführt, auseinander; ebenso bewies er durch die

vollständige und ausführliche Aufführung aller Discurse, die er mit

Moses Mendelssohn geführt, dass derselbe keinesweges ein Mann von

eingeschränkten Begriffen und Zwecken gewesen. Dies gab abermals 4

Alphabete, in besagtem Format und Druck. Er erzählte ferner alle die

Gedanken, die er so bei sich geführt, als er mit der Stiftung der

allgemeinen deutschen Bibliothek umgegangen; erzählte die pragmatische

Geschichte jeder in dieser Bibliothek befindlichen Recension, so wie

jeder seiner eignen Schriften; brachte, um zu beweisen, wie er ehedessen

geschätzt worden sey, alle Briefe der Gelehrten an ihn bei;

bewies nochmals, noch einleuchtender als ehemals, die für den

Kryptokatholicismus beigebrachten Facta; zählte, um zu zeigen, dass er

kein Badaud und Tölpel, sondern ein Mann von Welt und Lebensart sey,

alle königliche und fürstliche Personen, Minister, Generale, Gesandte u.

s. w. auf, die er in seinem Leben gesehen, und mit ihnen gesprochen,

erzählte, was er mit ihnen gesprochen, bei ihnen gegessen und getrunken,

welche witzige Einfälle er gehabt, legte alle die Schachpartien vor, die

er in seinem Leben mit hohen Personen gespielt: -- und wir müssten die

Geduld haben, die er hatte, oder die Inhaltsanzeige seines Werks

nachdrucken lassen, um vollständig zu verzeichnen, was er alles

beibrachte. Das Ganze belief sich auf 16 Alphabete, in besagtem Format

und Druck, und war um einen äusserst civilen Preis in seiner Handlung zu

haben. Kein Mensch las oder kaufte diese 16 Alphabete.

Unser Held stutzte; aber bescheiden, wie er immer gewesen, sahe er bald

ein, wo der Fehler läge, und war aufrichtig genug gegen sich selbst,

sich denselben zu gestehen. Er fand, dass er noch nicht deutlich,

ausführlich, kräftig, lebhaft und witzig genug geschrieben habe. Er

verfasste daher 32 Alphabete in demselben Format, um auf die ersten 16

aufmerksam zu machen; erläuterte, ergänzte, verstärkte, und brachte noch

weit mehr Spässe an. Diese 32 Alphabete waren um einen noch civilern

Preis in seiner Buchhandlung zu haben; aber kein Mensch kaufte oder las

diese 32 Alphabete, ebensowenig, als die sechszehn.

»^Noch^ nicht deutlich genug! sagte er bei sich selbst. Das sind die

fatalen Geschäfte, die einem alle Zeit rauben. Aber ich will mich

endlich frei machen.« So übergab er seine Handlung und die Redaction

seiner geliebten allgemeinen Bibliothek in treue Verwaltung, zog auf das

Land, schloss sich ein, und dictirte unablässig Tag und Nacht fort einem

Dutzend Schreibern. Aber auch die nunmehrige Deutlichkeit und

Vollständigkeit genügte ihm nicht, und sein Stündlein überfiel ihn, ehe

er vollendet hatte und mit sich selbst zufrieden war.[23]

Sein alter Freund hatte die Besorgung der Verlassenschaft übernommen.

Gern hätte er den schriftstellerischen Nachlass des Vollendeten durch

den Druck der Welt mitgetheilt; aber es fand sich, dass das Unternehmen

einiger Tausende von starken Bänden die Kräfte des Zeitalters

übersteige, er beschloss daher auf einem ganz andern Wege diesen

kostbaren Nachlass aufzulösen, den Geist desselben zu entbinden und in

das Universum hineinströmen zu lassen.

[Fußnote 23: Es findet sich hier ein Dissensus der Geschichtschreiber.

Einige sagen, dass auch das gegenwärtige dreizehnte Capitel in dem

erwähnten diebischen Vordrucke mit abgedruckt gewesen, Nicolai daher

unmöglich habe thun können, wovon ihm vorhergesagt worden, dass er es

thun werde. Er habe bloss kurz gesagt: der zukünftige Verfasser dieser

vorgedruckten Schrift müsse sehr eitel und einbildisch seyn, um zu

glauben, dass man gegen seine leidenschaftliche und schmutzige Broschüre

sich ernsthaft vertheidigen werde; so etwas übergehe ein Ehrenmann, wie

er sey, mit stillschweigender Verachtung. -- Die 48 Alphabete, das

unablässige Dictiren und der Tod, welches alles an sich wohl guten Grund

habe, habe sich auf eine andere Veranlassung begeben. Ein anderer Theil

der Geschichtschreiber berichtet, dass entweder das gegenwärtige

dreizehnte Capitel nicht mit vorgedruckt worden, oder dass Nicolai doch

gethan, was er nicht lassen können, unerachtet man es ihm vorausgesagt,

und dass alles sich durchaus so zugetragen habe, wie wir es oben

erzählen. Hieraus ersieht sonach der geliebte Leser, dass das letztere

die allein wahre und richtige Meinung ist; und wir wollen keinem rathen,

das Gegentheil anzunehmen, widrigenfalls es ihm in der nächsten

Recension, die wir verfertigen, übel ergehen soll.

Der erste einzig wahre Verfasser dieser Lebensbeschreibung

im Jahre 1840 -- zugleich Recensent an der

weltberühmten allgemeinen Literaturzeitung.]

Es wurde auf seinen Befehl unter freiem Himmel folgendes Denkmal

errichtet. Man gab den hinterlassenen Handschriften die Form eines

ruhenden Kolossen, dessen äussere Gestalt und Bildung dem Seligen so

nahe kam, als möglich. Zur Unterlage diente ihm die allgemeine deutsche

Bibliothek, zum Kopfkissen die alte und neue Berliner Monatsschrift, die

Backenseiten waren durch die neuern Hefte der Jenaischen

Literaturzeitung unterstützt. Der alte Freund hatte von allen Parteien

einige zur Einweihung des Denkmals eingeladen, damit sie unter der

Beschattung desselben sich brüderlich vereinigen möchten. Da standen,

durch das gemeinschaftliche Leid endlich verträglich gemacht, und

insgesammt Ein Herz und Eine Seele, Reinhard und Zöllner, Gedike, die

beiden Schlegel, Biester, Tieck, Jacobi, der Hofrath Schütz, Reinhold,

die Jesuiten, die Bibliothekare, und die Grossen alle.

Durch eine wunderbare Fügung hatten Fichte und Schelling, die unter den

Eingeladenen sich befanden, und mit den Rücken an das papierne Denkmal

sich angelehnt hatten, sich gerade,[24] »jener mit Hasenbraten, dieser

mit einer wilden Schweinskeule ^allzuvoll gestopft^, -- wie denn dies

dem ernsthaftesten Philosophen unvermerkt begegnen kann -- und der eine

konnte nun schlechterdings nicht, er mochte sich anstrengen, wie er

wollte, an der Bestimmung des Menschen, noch der andere an der Deduction

der Kategorien der Physik weiter fortarbeiten, sondern sie mussten

endlich die Feder wegwerfen und zum Rhabarber greifen.« -- -- -- --

[Fußnote 24: Das Folgende sind Herrn Nicolai's eigne Worte, S. 174. f.

der angeführten Anzeige; und selbst diese Citation geschieht in

Nicolai's eignen Worten.]

* * * * *

O, nie genug zu beweinender Schade! Gerade von dieser Stelle an, wo man

nun das Interessanteste erwartet, ist unsre Handschrift so zerfressen,

dass wir mit aller Conjecturalkritik keinen Sinn herausbringen können,

und uns durchaus ausser Stand befinden, anzugeben, was es mit der in der

Aufschrift gemeldeten Wiederbelebung unsers Helden für eine Bewandtniss

gehabt, durch welches wunderbare Mittel sie erfolgt, und ob es der

eigentliche wahre fleischliche Leib desselben, oder der beschriebne

papierne gewesen, in welchen die Seele zurückgekehrt. So viel wird uns

aus einigen übriggebliebenen Sylben wahrscheinlich, dass alle die

genannten, und noch mehrere an dem Wunder Antheil gehabt; und nach

manchen ganz unleserlichen Seiten bringen wir gegen das Ende der Schrift

noch folgendes heraus:

-- »vordere Mund, den der Freund so inbrünstig küsste. -- Indessen

dehnten und reckten sich die zwei fest umschlungenen Heroen aus über das

ganze Land, die Umrisse ihrer Glieder verschwanden, so wie sie selbst,

und es blieb an ihrer Stelle nur eine lieblich dämmernde Aufklärung

übrig. Alle Umste« -- --

Von da an ist das Manuscript wieder völlig zerfressen und unleserlich.

Es wäre gewiss eine interessante Untersuchung anzustellen, wie dieses

kostbare Ueberbleibsel des Alterthums in einen solchen Zustand gekommen,

und wir muntern alle unsere jungen Kritikbeflissenen auf, an dieser

Untersuchung ihre Kräfte zu üben. Zwar behauptet ein grosser Gelehrter,

dessen wir mit hoher Ehrerbietung erwähnen, dass diese Handschrift von

den berühmten Blutigeln, welche Friedrich Nicolai von aller

Geisteserscheinung auf immer geheilt, so zerfressen worden: eine höchst

scharfsinnige Muthmaassung. Jederman aber sieht ein, dass dieselbe

ungereimt ist; denn die Blutigel fressen kein Papier.

Indessen gebe ich dem Leser mein Wort, dass ich dieses Capitel aus

Handschriften sicher wiederherstellen, und es zu seiner Zeit durch den

Druck bekannt machen werde. Ich schlage dafür den Weg der Pränumeration

ein. Liebhaber haben die Güte sich im Comptoir der Allgemeinen

Literaturzeitung zu melden.

Der erste wahre Autor dieser Lebensbeschreibung

im Jahre 1840.

Inhalt

Seite

Einleitung 4

Erstes Capitel. Höchster Grundsatz, von welchem alle 10

Geistesoperationen unsers Helden ausgegangen sind

Zweites Capitel. Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten 11

Grundsatze gekommen seyn möge

Drittes Capitel. Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz 18

im Leben unsers Helden sich geäussert habe

Viertes Capitel. Worauf es, zufolge dieses höchsten 21

Grundsatzes, unserm Helden bei allen seinen Disputen

angekommen sey

Fünftes Capitel. Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus 23

diesem höchsten Grundsatze

Sechstes Capitel. Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers 26

Helden, zufolge jenes höchsten Grundsatzes

Siebentes Capitel. Eine andere fast noch unglaublichere 32

Meinung unsers Helden von sich selbst, zufolge jenes

höchsten Grundsatzes

Achtes Capitel. Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine 36

und seiner Gegner gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten

Grundsatze

Neuntes Capitel. Wie unser Held, zufolge seines höchsten 40

Grundsatzes, sich zu nehmen gepflegt, wenn derselbe

angefochten worden

Zehntes Capitel. Ein Grundzug des Geistescharakters unsers 49

Helden, der aus jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte

Eilftes Capitel. Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem 51

ersten Grundzuge und höchsten Grundsatze unsers Helden

erfolgt sind

Zwölftes Capitel. Wie es zugegangen, dass unser Held unter 59

allen diesen Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein

Zeitalter gehabt

Beilagen 61

Deducirter Plan

einer

zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt.

Geschrieben im Jahre 1807

von

Johann Gottlieb Fichte.

Erste Ausgabe: Stuttgart und Tübingen, in der Cottaschen

Buchhandlung. 1817.

Deducirter Plan

einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt, die in

gehöriger Verbindung mit einer Akademie der Wissenschaften

stehe.

Erster Abschnitt.

Begriff einer durch die Zeitbedürfnisse geforderten höheren

Lehranstalt überhaupt.

§. 1.

Als die Universitäten zuerst entstanden, war das wissenschaftliche

Gebäude der neueren Welt grossentheils noch erst zu errichten. ^Bücher^

gab es überhaupt nicht viel; die ^wenigen^, die es gab, waren selten,

und schwer zu erhalten; und wer etwas Neues mitzutheilen hatte, kam

zunächst in Versuchung, es auf dem schwierigeren Wege der

Schriftstellerei zu thun. So wurde die ^mündliche Fortpflanzung^ das

allgemein brauchbarste Mittel zu der Erbauung, der Aufrechterhaltung und

der Bereicherung des wissenschaftlichen Gebäudes, und die Universitäten

wurden der Ersatz der nicht vorhandenen oder seltenen Bücher.

§. 2.

Auch nachdem durch Erfindung der Buchdruckerkunst die Bücher höchst

gemein worden, und die Ausbreitung des Buchhandels jedwedem es sogar

weit leichter gemacht hat, durch Schriften sich mitzutheilen, als durch

mündliche Lehrvorträge; nachdem es keinen Zweig der Wissenschaft mehr

giebt, über welchen nicht sogar ein Ueberfluss von Büchern vorhanden

sey, hält man dennoch noch immer sich für verbunden, durch Universitäten

dieses gesammte Buchwesen der Welt ^noch einmal zu setzen^, und

ebendasselbe, was schon ^gedruckt^ vor jedermans Augen liegt, auch noch

durch Professoren ^recitiren^ zu lassen. Da auf diese Weise dasselbe

Eine in zwei verschiedenen Formen vorhanden ist, so ermangelt die

Trägheit nicht, sowohl den ^mündlichen^ Unterricht zu versäumen, indem

sie ja dasselbe irgend einmal auch aus dem Buche werde lernen können,

als den durch ^Bücher^ zu vernachlässigen, indem sie dasselbige ja auch

^hören^ könne, wodurch es denn dahin gekommen, dass, wenige Ausnahmen

abgerechnet, gar nichts mehr gelernt worden, als was durch das Ohngefähr

auf einem der beiden Wege an uns hängen geblieben, sonach überhaupt

nichts im Ganzen, sondern nur abgerissene Bruchstücke; zuletzt hat es

sich zugetragen, dass die Wissenschaft, -- als etwas nach Belieben

immerfort auf die leichteste Weise an sich zu bringendes, bei der Menge

der Halbgelehrten, die auf diese Weise entstanden, in tiefe Verachtung

gerathen. Nun ist von den genannten zwei Mitteln der Belehrung das

eigene Studiren der Bücher sogar das vorzüglichere, indem das Buch der

frei zu richtenden Aufmerksamkeit Stand hält, und das, wobei diese sich

zerstreute, noch einmal ^gelesen^, das aber, was man nicht sogleich

versteht, bis zum erfolgten Verständnisse hin und her überlegt werden,

auch die Lectüre nach Belieben fortgesetzt werden kann, so lange man

Kraft fühlt, oder abgebrochen werden, wo diese uns verlässt; dagegen in

der Regel der Professor seine Stunde lang seinen Spruch fortredet, ohne

zu achten, ob irgend jemand ihm folge, ihn abbricht, da wo die Stunde

schlägt, und ihn nicht eher wieder anknüpft, als bis abermals seine

Stunde geschlagen. Es wird durch diese Lage des Schülers, in der es ihm

unmöglich ist, in den Fluss der Rede seines Lehrers auf irgend eine

Weise einzugreifen und ihn nach seinem Bedürfnisse zum Stehen zu

bringen, das leidende Hingeben als Regel eingeführt, der Trieb der

eigenen Thätigkeit vernichtet, und so dem Jünglinge sogar die

Möglichkeit genommen, des zweiten Mittels der Belehrung, der Bücher, mit

freithätiger Aufmerksamkeit sich zu bedienen. Und so sind wir denn, um

von der Kostspieligkeit dieser Einrichtung für das gemeine und das

Privatwesen, und von der dadurch bewirkten Verwilderung der Sitten hier

zu schweigen, durch die Beibehaltung des ^Nothmittels^, nachdem die Noth

längst aufgehoben, auch noch für den Gebrauch des ^wahren und besseren

Mittels^ verdorben worden.

§. 3.

Um nicht ungerecht, zugleich auch oberflächlich zu seyn, müssen wir

jedoch hinzusetzen, dass die neueren Universitäten ^mehr^ oder ^weniger^

ausser dieser blossen ^Wiederholung^ des vorhandenen Buchinhalts noch

einen anderen edleren Bestandtheil gehabt haben, nemlich das Princip der

Verbesserung dieses Buchinhalts. Es gab selbstthätige Geister, welche in

irgend einem Fache des Wissens durch den ihnen wohlbekannten

Bücherinhalt nicht befriedigt wurden, ohne doch das Befriedigende hierin

sogleich bei der Hand zu haben, und es in einem neuen und besseren

Buche, als die bisherigen waren, niederlegen zu können. Diese theilten

ihr Ringen nach dem Vollkommneren vorläufig mündlich mit, um entweder in

dieser Wechselwirkung mit anderen in sich selber bis zu dem

beabsichtigten Buche klar zu werden, oder, falls auch sie selbst in

diesem Streben von geistiger Kraft oder dem Leben verlassen würden,

Stellvertreter hinter sich zu lassen, welche das beabsichtigte Buch,

oder auch statt desselben, und aus diesen Prämissen, ein noch besseres

hinstellten. Aber selbst in Absicht dieses Bestandtheiles lässt sich

nicht läugnen, dass er von jeher der bei weitem kleinere auf allen

Universitäten gewesen, dass keine Verwaltung ein Mittel in den Händen

gehabt, auch nur überhaupt den Besitz eines solchen Bestandtheiles sich

zu garantiren, oder auch nur deutlich zu wissen, ob sie ihn habe, oder

nicht, und dass selbst dieser kleine Bestandtheil, wenn er durch gutes

Glück irgendwo vorhanden gewesen, selten mit einiger klaren Erkenntniss

seines Strebens und der Regeln, nach denen er zu verfahren hätte,

gewirkt und gewaltet.

§. 4.

Eine solche zunächst überflüssige, sodann in ihren Folgen auch

schädliche Wiederholung desselben, was in einer anderen Form weit besser

da ist, soll nun gar nicht existiren; es müssten daher die

Universitäten, wenn sie nichts Anderes zu seyn vermöchten, sofort

abgeschafft, und die Lehrbedürftigen an das Studium der vorhandenen

Schriften gewiesen werden. Auch könnte es diesen Instituten zu keinem

Schutze gereichen, dass sie den soeben berührten edleren Bestandtheil

für sich anführten, indem in keinem bestimmten Falle (auf keiner

gegebenen Universität) dieser edlere Theil Rechenschaft von sich zu

geben, noch sein Daseyn zu beweisen, noch die Fortdauer desselben zu

garantiren vermag; und sogar, wenn dies nicht so wäre, doch immer der

schlechtere Theil, die blosse Wiederholung des Buchwesens, weggeworfen

werden müsste. Sowie Alles, was auf das Recht der Existenz Anspruch

macht, ^seyn^ und ^leisten^ muss, was ^nichts^ ausser ihm zu seyn und zu

leisten vermag, zugleich sein Beharren in diesem seinem Wesen, und seine

unvergängliche Fortdauer verbürgend: so muss dies auch die Universität,

oder wie wir vorläufig im antiken Sinne des Wortes sagen wollen, die

^Akademie^, oder sie muss vergehen.

§. 5.

Was, im Sinne dieser höheren Anforderung an ihre Existenz, die Akademie

seyn könne, und, falls sie seyn soll, seyn müsse, geht sogleich hervor,

wenn man die Beziehung der Wissenschaft auf das wirkliche Leben

betrachtet.

Man studirt ja nicht, um lebenslänglich und stets dem Examen bereit das

Erlernte in Worten wieder von sich zu geben, sondern um dasselbe auf die

vorkommenden Fälle des Lebens anzuwenden, und so es in ^Werke^ zu

verwandeln; es nicht bloss zu wiederholen, sondern etwas Anderes daraus

und damit zu machen: es ist demnach auch hier letzter Zweck keinesweges

das Wissen, sondern vielmehr die Kunst, das Wissen zu gebrauchen. Nun

setzt diese Kunst der Anwendung der Wissenschaft im Leben noch andere

der Akademie fremde Bestandtheile voraus, Kenntniss des Lebens nemlich

und Uebung der Beurtheilungsfähigkeit der Fälle der Anwendung, und es

ist demnach von ihr zunächst nicht die Rede. Wohl aber gehört hierher

die Frage, auf welche Weise man denn die Wissenschaft selbst so zum

freien und auf unendliche Weise zu gestaltenden Eigenthume und Werkzeuge

erhalte, dass eine fertige Anwendung derselben auf das, freilich auf

anderem Wege zu erkennende, Leben möglich werde?

Offenbar geschieht dies nur dadurch, dass man jene Wissenschaft gleich

anfangs mit klarem und freiem Bewusstseyn erhalte. Man verstehe uns

also. Es macht sich vieles von selbst in unserem Geiste, und legt sich

demselben gleichsam an durch einen blinden und uns selber verborgen

bleibenden Mechanismus. Was also entstanden, ist nicht mit klarem und

freiem Bewusstseyn durchdrungen, es ist auch nicht unser sicheres und

stets wieder herbeizurufendes Eigenthum, sondern es kommt wieder oder

verschwindet nach den Gesetzen desselben verborgenen Mechanismus, nach

welchem es sich erst in uns anlegte. Was wir hingegen mit dem

Bewusstseyn, ^dass^ wir es thätig erlernen, und dem Bewusstseyn der

^Regeln^ dieser erlernenden Thätigkeit, auffassen: das wird, zufolge

dieser eigenen Thätigkeit und des Bewusstseyns ihrer Regeln, ein

eigenthümlicher Bestandtheil unserer Persönlichkeit, und unseres frei

und beliebig zu entwickelnden Lebens.

Die freie Thätigkeit des Auffassens heisst Verstand. Bei dem zuerst

erwähnten mechanischen Erlernen wird der Verstand gar nicht angewendet,

sondern es waltet allein die blinde Natur. Wenn jene Thätigkeit des

Verstandes und die bestimmten Weisen, wie dieselbe verfährt, um etwas

aufzufassen, ^wiederum zu klarem Bewusstseyn erhoben^ werden, so wird

dadurch entstehen eine besonnene Kunst des Verstandesgebrauches im

Erlernen. Eine kunstmässige Entwickelung jenes Bewusstseyns der Weise

des Erlernens -- im Erlernen irgend eines Gegebenen -- würde somit,

unbeschadet des jetzt aufgegebenen Lernens, zunächst nicht auf das

Lernen, sondern auf die Bildung des Vermögens zum Lernen ausgehen.

Unbeschadet des jetzt aufgegebenen Lernens, habe ich gesagt, vielmehr zu

seinem grossen Vortheile; denn man weiss gründlich und unvergesslich nur

das, wovon man weiss, wie man dazu gelangt ist. Sodann wird, indem nicht

bloss das zuerst Gegebene gelernt, sondern an ihm zugleich die Kunst des

Erlernens überhaupt gelernt und geübt wird, die ^Fertigkeit^ entwickelt,

ins Unendliche fort nach Belieben leicht und sicher alles Andere zu

lernen; und es entstehen ^Künstler^ im Lernen. Endlich wird dadurch

alles Erlernte oder zu Erlernende ein sicheres Eigenthum des Menschen,

womit er nach Belieben schalten könne, und es ist somit die erste und

ausschliessende Bedingung des praktischen Kunstgebrauches der

Wissenschaft im Leben herbeigeführt und erfüllet. Eine Anstalt, in

welcher mit Besonnenheit und nach Regeln das beschriebene Bewusstseyn

entwickelt, und die dabei beabsichtigte Kunst geübt würde, wäre, was

folgende Benennung ausspricht: ^eine Schule der Kunst des

wissenschaftlichen Verstandesgebrauches^.

Ohnerachtet auf den bisherigen Universitäten von ohngefähr zuweilen

geistreiche Männer aufgetreten, die im Geiste des obigen Begriffes in

einem besonderen Fache des Wissens Schüler gezogen, so hat doch sehr

viel gefehlt, dass die Realisirung dieses Begriffes im Allgemeinen mit

Sicherheit, Festigkeit und nach unfehlbaren Gesetzen auch nur deutlich

gedacht und vorgeschlagen, geschweige denn, dass sie irgendwo ausgeführt

worden. Dadurch aber ist die Erhaltung und Steigerung der

wissenschaftlichen Bildung im Menschengeschlechte dem guten Glücke und

blinden Zufalle preisgegeben gewesen, aus dessen Händen sie unter die

Aufsicht des klaren Bewusstseyns lediglich durch die Darstellung des

erwähnten Begriffes gebracht werden könnte. Und so ist es die Ausführung

dieses Begriffes, die in Beziehung auf das wissenschaftliche Wesen in

dem Abfluss der Zeit dermalen an der Tagesordnung ist, und die sogar in

ihrer Existenz angegriffene Akademie würde wohlthun, diese Ausführung zu

übernehmen, da das, was sie bis jetzt gewesen, gar nicht länger das

Recht hat, dazuseyn.

§. 6.

Aber sogar dieses Anspruches alleinigen und ausschliessenden Besitz wird

etwas Anderes der Akademie streitig machen, die niedere Gelehrtenschule

nemlich. Diese, vielleicht selbst erst bei dieser Gelegenheit über ihr

wahres Wesen klar geworden, wird anführen, dass sie, bis auf die Zeiten

der neueren verseichtenden Pädagogik, weit besser und vorzüglicher eine

solche Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches gewesen,

denn irgend eine Universität. Somit wird die Akademie zuvörderst mit

dieser niederen Gelehrtenschule eine Grenzberichtigung treffen müssen.

Diese Grenzberichtigung wird ohne Zweifel zur Zufriedenheit beider

Theile dahin zu Stande kommen, dass der niederen Schule die Kunstübung

des allgemeinen Instrumentes aller Verständigung, der Sprache, und von

dem wissenschaftlichen Gebäude das allgemeine Gerüst und Geripp des

vorhandenen Stoffes, ohne Kritik, anheimfalle; dagegen die höhere

Gelehrtenschule die Kunst der Kritik, des Sichtens des Wahren vom

Falschen, des Nützlichen vom Unnützen, und das Unterordnen des minder

Wichtigen unter das Wichtige, zum ausschliessenden Eigenthum

erhalte; somit die erste: Kunstschule des wissenschaftlichen

Verstandesgebrauches, als blossen Auffassungsvermögens oder

Gedächtnisses, die letzte: Kunstschule des Verstandesgebrauches, als

Beurtheilungsvermögens, würde.

§. 7.

Kunstfertigkeit kann nur also gebildet werden, dass der Lehrling nach

einem bestimmten Plane des Lehrers unter desselben Augen selber arbeite,

und die Kunst, in der er Meister werden soll, auf ihren verschiedenen

Stufen von ihren ersten Anfängen an bis zur Meisterschaft, ohne

Ueberspringen regelmässig fortschreitend, ausübe. Bei unserer Aufgabe

ist es die Kunst wissenschaftlichen Verstandesgebrauches, welche geübt

werden soll. Der Lehrer giebt nur den Stoff und regt an die Thätigkeit;

diesen Stoff bearbeite der Lehrling selbst; der Lehrer muss aber in der

Lage bleiben, zusehen zu können, ob und wie der Lehrling diesen Stoff

bearbeite, damit er aus dieser Art der Bearbeitung ermesse, auf welcher

Stufe der Fertigkeit jener stehe, und auf diese den neuen Stoff, den er

geben wird, berechnen könne.

Nicht bloss der Lehrer, sondern auch der Schüler muss fortdauernd sich

äussern und mittheilen, so dass ihr gegenseitiges Lehrverhältniss werde

eine fortlaufende Unterredung, in welcher jedes Wort des Lehrers sey

Beantwortung einer durch das unmittelbar Vorhergegangene aufgeworfenen

Frage des Lehrlings, und Vorlegung einer neuen Frage des Lehrers an

diesen, die er durch seine nächstfolgende Aeusserung beantworte; und so

der Lehrer seine Rede nicht richte an ein ihm völlig unbekanntes

Subject, sondern an ein solches, das sich ihm immerfort bis zur völligen

Durchschauung enthüllt; dass er wahrnehme dessen unmittelbares

Bedürfniss, verweilend und in anderen und wieder anderen Formen sich

aussprechend, wo der Lehrling ihn nicht gefasst hat, ohne Verzug zum

nächsten Gliede schreitend, wenn dieser ihn gefasst hat; wodurch denn

der wissenschaftliche Unterricht aus der Form einfach fortfliessender

Rede, die er im Buchwesen auch hat, sich verwandelt in die dialogische

Form, und eine wahrhafte Akademie im Sinne der Sokratischen Schule, an

welche zu erinnern wir gerade dieses Wortes uns bedienen wollten,

errichtet werde.

§. 8.

Der Lehrer muss ein ihm immer bekannt bleibendes festes und bestimmtes

Subject im Auge behalten, sagten wir. Falls nun, wie zu erwarten, dieses

Subject nicht zugleich auch aus Einem Individuum, sondern aus mehreren

bestände, so müssen, da das Subject des Lehrers Eins und ein bestimmtes

seyn muss, diese Individuen selber zu einer geistigen Einheit und zu

einem bestimmten organischen Lehrlingskörper zusammenschmelzen. Sie

müssen darum auch unter sich in fortgesetzter Mittheilung und in einem

wissenschaftlichen Wechselleben verbleiben, in welchem jeder allen die

Wissenschaft von derjenigen Seite zeige, von welcher er, als Individuum,

sie erfasst, der leichtere Kopf dem schwerfälligeren etwas von seiner

Schnelligkeit, und der letzte dem ersten etwas von seiner ruhigen

Schwerkraft abtrete.

§. 9.

Um unsern Grundbegriff durch weitere Auseinandersetzung noch

anschaulicher zu machen: -- Der Stoff, welchen der Meister dem Zöglinge

seiner Kunst giebt, sind theils seine eigenen Lehrvorträge, theils

gedruckte Bücher, deren geordnetes und kunstmässiges Studium er ihm

aufgiebt; indem in Absicht des letzteren es ja ein Haupttheil der

wissenschaftlichen Kunst ist, durch den Gebrauch von Büchern sich

belehren zu können, und es sonach eine Anführung auch zu dieser Kunst

geben muss; sodann aber auf einer solchen Akademie der bei weitem

grösste Theil des wissenschaftlichen Stoffes aus Büchern wird erlernt

werden müssen, wie dies an seinem Orte sich finden wird.

Die Weisen aber, wie der Meister seinem Lehrlinge sich enthüllt, sind

folgende:

^Examina^, nicht jedoch im Geiste des Wissens, sondern in dem der Kunst.

In diesem letztern Geiste ist jede Frage des Examinators, wodurch das

Wiedergeben dessen, was der Lehrling gehört oder gelesen hat, als

Antwort begehrt wird, ungeschickt und zweckwidrig. Vielmehr muss die

Frage das Erlernte zur Prämisse machen, und eine Anwendung dieser

Prämisse in irgend einer Folgerung als Antwort begehren.

^Conversatoria^, in denen der Lehrling fragt, und der Meister

zurückfragt über die Frage, und so ein expresser Sokratischer Dialog

entstehe, innerhalb des unsichtbar immer fortgehenden Dialogs des ganzen

akademischen Lebens.

^Durch schriftliche Ausarbeitungen zu lösende _Aufgaben_ an den

Lehrling^, immer im Geiste der Kunst, und also, dass nicht das Gelernte

wiedergegeben, sondern etwas Anderes damit und daraus gemacht werden

solle, also, dass erhelle, ob und inwieweit der Lehrling jenes zu seinem

Eigenthum und zu seinem Werkzeuge für allerlei Gebrauch bekommen habe.

Der natürliche Erfinder solcher Aufgaben ist zwar der Meister; es soll

aber auch der geübtere Lehrling aufgefordert werden, dergleichen sich

auszusinnen, und sie für sich oder für andere in Vorschlag zu bringen.

-- Es wird durch diese schriftlichen Ausarbeitungen zugleich die Kunst

des schriftlichen Vortrages eines wissenschaftlichen Stoffes geübt, und

es soll darum der Meister in der Beurtheilung auch über die Ordnung, die

Bestimmtheit und die sinnliche Klarheit der Darstellung sich

äussern.[25]

§. 10.

Vom Lehrlinge einer solchen Anstalt.

Die äussern Bedingungen, wodurch derselbe theils zu Stande kommt, theils

in seinem Zustande verharrt, sind die folgenden:

1) ^Gehörige Vorbereitung auf der niederen Gelehrtenschule für die

höhere.^ Welche Leistungen für die Bildung des Kopfs zur Wissenschaft

der niederen Schule anzumuthen sind, haben wir schon oben (§. 6.)

ersehen. Dies muss nun, wenn die höhere Schule mit sicherm Schritt

einhergehen soll, von der niedern nicht wie bisher, wie gutes Glück und

Ohngefähr es geben, sondern nach einem festen Plane, und so, dass man

immer wisse, was gelungen sey und was nicht, geschehen. Die Verbesserung

der höheren Lehranstalten setzt sonach die der niedern nothwendig

voraus, wiewohl wiederum auch umgekehrt eine gründliche Verbesserung der

letzten nur durch die Verbesserung der ersten, und indem auf ihnen die

Lehrer der niedern Schule die ihnen jetzt grossentheils abgehende Kunst

des Lehrens erlernen, möglich wird; dass daher schon hier erhellet, dass

wir nicht mit Einem Schlage das Vollkommene werden hinstellen können,

sondern uns demselben nur allmählig und in mancherlei Vorschritten

werden annähern müssen.

[Fußnote 25: Es dürfte vielleicht nicht überflüssig seyn, der Erwähnung

solcher Aufgaben noch ausdrücklich die Bemerkung hinzuzufügen, dass

nicht bloss in dem apriorischen Theile der Wissenschaft, sondern auch in

ganz empirischen Scienzen solche, die Selbstthätigkeit des Auffassens

erkundende, Aufgaben möglich seyen. In der Philologie, der Theologie u.

s. w. ist ja wohlbekannt, dass diese Fächer der eignen Combinationsgabe

und Conjecturalkritik ein fast unermessliches Feld darbieten, wobei,

gesetzt auch die Ausbeute wäre nicht von Bedeutung, dennoch die

Selbstthätigkeit des Geistes geübt und documentirt wird. Aber auch der

Lehrer der Universalgeschichte könnte, meines Erachtens, ein nicht

wirklich eingetretenes Ereigniss fingiren, mit der Aufgabe an sein

Auditorium, zu zeigen, was bei diesem oder diesem von ihnen erlernten

Zustande der Welt daraus am wahrscheinlichsten erfolgt seyn würde; oder

der des römischen Rechts irgend einen Fall, mit der Aufgabe an sein

Auditorium, das aus dem Ganzen der römischen Gesetzgebung hervorgehende,

und in dasselbe organisch einpassende Gesetz für diesen Fall anzugeben.

Es würde aus dem Versuche der Lösung dieser Aufgaben ohne Zweifel klar

hervorgehen, zuvörderst, ob seine Zuhörer die Geschichte oder das

römische Recht wirklich wüssten, sodann, ob und inwieweit sie diese

Scienzen in ihrem Geiste durchdrungen, oder dieselben nur mechanisch

auswendig gelernt hätten.]

Zur Verbreitung höherer Klarheit über unsern Grundbegriff füge ich hier

noch folgendes hinzu. Dass der für ein wissenschaftliches Leben

bestimmte Jüngling zuvörderst mit dem allgemeinen Sprachschatze der

wissenschaftlichen Welt, als dem Werkzeuge, vermittelst dessen allein

er, so zu verstehen, wie sich verständlich zu machen vermag, vertraut

werden müsse, ist unmittelbar klar. Diese positive Kenntniss der Sprache

aber, so unentbehrlich sie auch ist, erscheint als leichte Zugabe, wenn

wir bedenken, dass besonders durch Erlernung der Sprachen einer andern

Welt, welche die Merkmale ganz anders zu Wortbegriffen gestaltet, der

Jüngling über den Mechanismus, womit die angeborne moderne Sprache,

gleichsam als ob es nicht anders seyn könnte, ihn fesselt, unvermerkt

hinweggehoben, und im leichten Spiele zur Freiheit der Begriffebildung

angeführt wird; ferner, dass beim Interpretiren der Schriftsteller er an

dem leichtesten und schon fertig ihm hingelegten Stoffe lernt, seine

Betrachtung willkürlich zu bewegen, dahin und dorthin zu richten für

einen ihm bekannten Zweck, und nicht eher abzulassen in dieser Arbeit,

als bis der Zweck erreicht dastehe. Es wird nun, um dieses Verhältnisses

willen der ^niedern^ Kunst des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches

zu der ^höhern^, nothwendig seyn, dass die Schule in ihrem

Sprachunterrichte also verfahre, dass nicht bloss der erste Zweck der

historischen Sprachkenntniss, sondern zugleich auch der letzte der

Verstandesbildung an ihr sicher, allgemein und für klare Documentation

ausreichend erfüllt werde; dass z. B. der Schüler auf jeder Stufe des

Unterrichts verstehen lerne, was er verstehen soll, vollkommen und bis

zum Ende, und wissen lerne, ^ob^ er also verstanden, und den Beweis

davon führen lerne; keinesweges aber, wie es bisher so oft geschehen,

hierüber vom guten Glücke abhänge, und im Dunkeln tappe, indem sehr oft

sein Lehrer selbst keinen rechten Begriff vom Verstehen überhaupt hat,

und gar nicht weiss, welche Fragen alle müssen beantwortet werden

können, wenn man sagen will, man habe z. B. eine Stelle eines Autors

verstanden.

Betreffend das Grundgerüst des vorhandenen wissenschaftlichen Stoffes,

als das zweite Stück der nöthigen Vorbereitung, die der Schule zukommt,

mache ich durch folgende Wendung mich klarer. Man hat wohl, um den

Forderungen einer solchen geistigen Kunstbildung, wie sie auch in diesem

Aufsatze gemacht werden, auszuweichen, die Bemerkung gemacht: eine

solche besonnene Ausbildung der Geistesvermögen sey wohl bei den alten

klassischen Völkern möglich gewesen, weil das sehr beschränkte Feld der

positiven Kenntnisse, die sie zu erlernen gehabt, ihnen Zeit genug

übriggelassen hätte; dagegen unsere Zeit und Vermögen durch das

unermessliche Gebiet des zu Erlernenden gänzlich aufgezehrt werde, und

für keine anderen Zwecke uns ein Theil derselben übrigbleibe. Als ob

nicht vielmehr gerade darum, weil wir mit ihm weit mehr zu leisten

haben, eine kunstmässige Ausbildung des Vermögens um so nöthiger würde,

und wir nicht um so mehr auf Fertigkeit und Gewandtheit im Lernen

bedacht seyn müssten, da wir eine so grosse Aufgabe des Lernens vor uns

haben. In der That kommt jenes Erschrecken vor der Unermesslichkeit

unsers wissenschaftlichen Stoffes daher, dass man ihn ohne einen

ordnenden Geist und ohne eine mit Besonnenheit geübte Gedächtnisskunst,

deren Hauptmittel jener ordnende Geist ist, erfasset; vielmehr blind

sich hineinstürzt in das Chaos, und ohne Leitfaden in das Labyrinth, und

so im Herumirren bei jedem Schritte Zeit verliert; also, dass die

wenigen, welche in diesem ungeheuren Oceane, vom Versinken gerettet,

noch oben schwimmen, beim Rückblicke auf ihren Weg erschrecken vor der

eigenen Arbeit und dem gehabten Glücke, und, die noch immer vorhandenen

Lücken in ihrem Wissen entdeckend, glauben, es habe ihnen nichts weiter

gemangelt, denn ^Zeit^, -- da doch die ordnende Kunst, die sie nicht

kennen, indem sie keinen Schritt vergebens thut, die Zeit ins Unendliche

vervielfältigt und eine kurze Spanne von Menschenleben ausdehnt zu einer

Ewigkeit. Wenn schon die erste Schule für den Anfänger nicht länger das

fähige Gedächtniss des einen Knaben für einen glücklichen Zufall, das

langsamere eines andern für ein unabwendbares Naturunglück halten,

sondern lernen wird, das Gedächtniss sowohl überhaupt, als in seinen

besonderen, für besondere Zweige passenden, Fertigkeiten kunstmässig zu

entwickeln und zu bilden; wenn sie diesem Gedächtnisse erst ein ganz ins

Kurze und Kleine gezogenes, aber lebendiges und klares Bild des Ganzen

eines bestimmten wissenschaftlichen Stoffes (z. B. für die Geschichte

ein allgemeines Bild der Umwandlungen im Menschengeschlechte durch die

Hauptbegebenheiten der herrschenden Völker, neben einem Bilde von der

allgemeinen Gestalt der Oberfläche des Erdbodens, als dem Schauplatze

jener Umwandlungen 1) hingeben, und unaustilgbar fest in die innere

Anschauung einprägen wird; sodann diese Bilder Tag für Tag wieder

hervorrufen lassen, und sie allmählig, aber verhältnissmässig nach allen

ihren Theilen, nach einer gewissen Regel der nothwendigen Folge der

^Gesichtspuncte^, und so, dass kein einzelner zum Schaden der übrigen

ungebührlich anwachse, vergrössern wird: so wird jenes Entsetzen vor der

Unermesslichkeit gänzlich verschwinden, und die also gebildeten Köpfe

werden leicht und sicher alles, was ihnen vorkommt, auf jene mit ihrer

Persönlichkeit verwachsenen Grundbilder, jedes an seiner Stelle

auftragen, nicht auf ein unbekanntes Weltmeer versprengt, sondern in

ihrer väterlichen Wohnung die ihnen wohlbekannten Kammern mit Schätzen

ausfüllend, die sie nach jedesmaligem Bedürfnisse wieder da hinwegnehmen

können, wo sie dieselben vorher hingestellt.

Somit fällt die Vorbereitung, welche der Lehrling einer höhern

Kunstschule auf der niedern erhalten haben muss, die Rechenschaft, die

er vor der Aufnahme von seiner Tüchtigkeit zu geben hat, und die

Vollkommenheit, bis zu welcher die niedere Schule verbessert werden

muss, zu folgenden zwei Stücken zusammen. Zuvörderst muss der Adspirant

eine seinen Fähigkeiten angemessene, ihm vorgelegte Stelle eines Autors

in gegebener Zeit gründlich verstehen lernen, und den Beweis führen

können, dass er sie recht verstehe, indem sie gar nicht anders

verstanden werden könne. Sodann muss er zeigen, dass er ein allgemeines

Bild des gesammten wissenschaftlichen Stoffes, erhoben und bereichert

bis zu derjenigen Potenz des Gesichtspunctes, an welche die höhere

Schule ihren Unterricht anknüpft, in freier Gewalt und zu beliebigem

Gebrauche als sein Eigenthum besitze.

2) ^Aufgehen seines gesammten Lebens in seinem Zwecke, darum Absonderung

desselben von aller andern Lebensweise, und vollkommene Isolirung.^ Der

Sohn eines Bürgers, welcher ein bürgerliches Gewerbe treibt, besucht

vielleicht auch des Tages mehrere Stunden eine gute Bürgerschule, worin

mancherlei gelehrt wird, das die gelehrte Schule gleichfalls vorträgt.

Dennoch ist die Schule nicht der Sitz seines wahren, eigentlichen

Lebens, und er ist nicht daselbst zu Hause, sondern sein wahres Leben

ist sein Familienleben, und der Beistand, den er seinen Eltern in ihrem

Gewerbe leistet; die Schule aber ist Nebensache und blosses Mittel für

den bessern Fortgang des bürgerlichen Gewerbes, als den eigentlichen

Zweck. Dem Gelehrten aber muss die Wissenschaft nicht Mittel für irgend

einen Zweck, sondern sie muss ihm selbst Zweck werden; er wird einst,

als vollendeter Gelehrter, in welcher Weise er auch künftig seine

wissenschaftliche Bildung im Leben anwende, in jedem Falle allein in der

Idee die Wurzel seines Lebens haben, und nur von ihr aus die

Wirklichkeit erblicken, und nach ihr sie gestalten und fügen,

keinesweges aber zugeben, dass die Idee nach der Wirklichkeit sich füge;

und er kann nicht zu früh in dieses sein eigenthümliches Element sich

hineinleben und das widerwärtige Element abstossen.

Es ist eine bekannte Bemerkung, dass bisher auf Universitäten, die in

einer kleinern Stadt errichtet waren, bei einigem Talente der Lehrer,

sehr leicht ein allgemeiner wissenschaftlicher Geist und Ton unter den

Studirenden sich erzeugt habe, was in grössern Städten selten oder

niemals also gelungen. Sollten wir davon den Grund angeben, so würden

wir sagen, dass es deswegen also erfolge, weil in dem ersten Falle die

Studirenden auf den Umgang unter sich selber, und den Stoff, den dieser

zu gewähren vermag, eingeschränkt werden; dagegen sie im zweiten Falle

immerfort verfliessen in die allgemeine Masse des Bürgerthums, und

zerstreut werden über den gesammten Stoff, den dieses liefert, und so

das Studiren ihnen niemals zum eigentlichen Leben, ausser welchem man

ein anderes gar nicht an sich zu bringen vermag, sondern wo es noch am

besten ist, zu einer Berufspflicht wird. Jener bekannte Einwurf gegen

grosse Universitätsstädte, dass in ihnen die Studirenden von einem

Hörsaale zum andern weit zu gehen hätten, möchte sonach nicht der

tiefste seyn, den man vorbringen könnte, und er möchte sich eher

beseitigen lassen, als das höhere Uebel der Verschmelzung des

studirenden Theiles des gemeinen Wesens mit der allgemeinen Masse des

gewerbtreibenden oder dumpfgeniessenden Bürgerthumes; indem, ganz davon

abgesehen, dass bei einem solchen nur als Nebensache getriebenen

Studiren wenig oder nichts gelernt wird, auf diese Weise die ganze Welt

verbürgern, und eine über die Wirklichkeit hinausliegende Ansicht der

Wirklichkeit, bei welcher allein die Menschheit Heilung finden kann

gegen jedes ihrer Uebel, ausgetilgt werden würde in dem

Menschengeschlechte; und mehr als jemals würde hierauf Rücksicht zu

nehmen seyn in einem solchen Zeitalter, welches in dringendem Verdachte

einer beinahe allgemeinen Verbürgerung steht.

3) ^Sicherung vor jeder Sorge um das Aeussere, vermittelst einer

angemessenen Unterhaltung fürs Gegenwärtige, und Garantie einer

gehörigen Versorgung in der Zukunft.^ Dass das Detail der kleinen

Sorgfältigkeiten um die täglichen Bedürfnisse des Lebens zum Studiren

nicht passt; dass Nahrungssorgen den Geist niederdrücken; Nebenarbeiten

ums Brot die Thätigkeit zerstreuen, und die Wissenschaft als einen

Broterwerb hinstellen; Zurücksetzung von Begüterten Dürftigkeits halber,

oder die Demuth, der man sich unterzieht, um jener Zurücksetzung

auszuweichen, den Charakter herabwürdigen: dieses alles ist, wenn auch

nicht allenthalben sattsam erwogen, denn doch ziemlich allgemein

zugestanden. Aber man kann von demselben Gegenstande auch noch eine

tiefere Ansicht nehmen. Es wird nemlich ohnedies gar bald sehr klar die

Nothwendigkeit sich zeigen, dass im Staate, und besonders bei den

höheren Dienern desselben, recht fest einwurzele die Denkart, nach

welcher man nicht der Gesellschaft dienen will, um leben zu können,

sondern leben mag, allein um der Gesellschaft dienen zu können, und in

welcher man durch kein Erbarmen mit dem eigenen, oder irgend eines

Anderen, Lebensgenusse bewegt wird, zu thun, zu rathen, oder, wo man

hindern könnte, zuzulassen, was nicht auch gänzlich ohne diese Rücksicht

durch sich selber sich gebührt; aber es kann diese Denkart Wurzel fassen

nur in einem durch das Leben in der Wissenschaft veredelten Geiste.

Mächtig aber wird dieser Veredelung und dieser Unabhängigkeit von der

erwähnten Rücksicht vorgearbeitet werden, wenn die künftigen Gelehrten,

aus deren Mitte ja wohl die Staatsämter werden besetzt werden, von

früher Jugend an gewöhnt werden, die Bedürfnisse des Lebens nicht als

Beweggrund irgend einer Thätigkeit, sondern als etwas, das für sich

selbst seinen eigenen Weg geht, anzusehen, indem es ihnen, sogar ohne

Rücksicht auf ihren gegenwärtigen zweckmässigen Fleiss, der aus der

Liebe zur Sache hervorgehen soll, zugesichert ist.

§. 11.

Wie muss der Lehrer an einer solchen Anstalt beschaffen seyn,

und ausgestattet?

Zuvörderst, wie sich von selbst versteht, indem keiner lehren kann, was

er selbst nicht weiss, muss er sich im Besitze der Wissenschaft

befinden, und zwar auf die oben angegebene Weise, als freier Künstler,

so dass er sie zu jedem gegebenen Zwecke anzuwenden und in jede mögliche

Gestalt hinüberzubilden vermöge. Aber auch diese Kunstfertigkeit muss

ihn nicht etwa mechanisch leiten, und bloss als natürliches Talent und

Gabe ihm beiwohnen, sondern er muss auch sie wiederum mit klarem

Bewusstseyn durchdrungen haben, bis zur Erkenntniss im Allgemeinen

sowohl, als in den besonderen individuellen Bestimmungen, die sie bei

Einzelnen annimmt, indem er ja jeden Schüler dieser Kunst soll

beobachten, beurtheilen und leiten können.

Aber sogar dieses klare Bewusstseyn und dieses Auffassen der

wissenschaftlichen Kunst, als eines organischen Ganzen, reicht ihm noch

nicht hin, denn auch dieses könnte, wie alles blosse Wissen, todt seyn,

höchstens bis zur historischen Niederlegung in einem Buche ausgebildet.

Er bedarf noch überdies für die wirkliche Ausübung der Fertigkeit, jeden

Augenblick diejenige Regel, die hier Anwendung findet, hervorzurufen,

und der Kunst, das Mittel ihrer Anwendung auf der Stelle zu finden. Zu

diesem hohen Grade der Klarheit und Freiheit muss die wissenschaftliche

Kunst sich in ihm gesteigert haben. Sein Wesen ist die Kunst, den

wissenschaftlichen Künstler selber zu bilden, welche Kunst eine

Wissenschaft der wissenschaftlichen Kunst auf ihrer ersten Stufe

voraussetzt, für deren Möglichkeit wiederum der eigene Besitz dieser

Kunst auf der ersten Stufe vorausgesetzt wird; in dieser Vereinigung und

Folge sonach besteht das Wesen eines Lehrers an einer Kunstschule des

wissenschaftlichen Verstandesgebrauchs.

Das Princip, durch welches die wissenschaftliche Kunst zu dieser Höhe

sich steigert, ist die Liebe zur Kunst.

Dieselbe Liebe ist es auch, die die wirklich entstandene Kunst der

Künstlerbildung immerfort von neuem beleben, und in jedem besonderen

Falle sie anregen und sie auf das Rechte leiten muss. Sie ist, wie alle

Liebe, göttlichen Ursprungs und genialischer Natur, und erzeugt sich

frei aus sich selber; für sie ist die übrige wissenschaftliche

Kunstbildung ein sicher zu berechnendes Product, sie selbst aber, die

Kunst dieser Kunstbildung, lässt sich nicht jederman anmuthen, noch

lässt sie selbst da, wo sie war, sich erhalten, falls ihr freier

Geniusflügel sich hinwegwendet.

Diese Liebe jedoch pflanzt auf eine unsichtbare Weise sich fort, und

regt unbegreiflich den Umkreis an. Nichts gewährt höheres Vergnügen, als

das Gefühl der Freiheit und zweckmässigen Regsamkeit des Geistes, und

des Wachsthums dieser Freiheit, und so entsteht das liebevollste und

freudenvollste Leben des Lehrlings in diesen Uebungen, und in dem Stoffe

derselben.

Diese Liebe für die Kunst ist in Beziehung auf andere ^achtend^, und

richtet vom Lehrer, als dem eigentlichen Focus, ausgegangen mit dieser

Achtung aus dem Individuum heraus sich auf die anderen, welche

gemeinschaftlich mit ihm diese Kunst treiben, und zieht jeden hin zu

allen übrigen, wodurch die §. 8 geforderte wechselseitige Mittheilung

Aller, und die Verschmelzung der Einzelnen zu einem lernenden

organischen Ganzen, wie es gerade nur aus diesen lernenden Individuen

sich bilden kann, entstehet, deren Möglichkeit noch zu erklären war.

(Ein geistiges Zusammenleben, das ^zunächst^ der schnelleren,

fruchtbareren und in den Formen sehr vielseitigen Geistesentwickelung,

^später^ im bürgerlichen Leben der Entstehung eines Corps von

Geschäftsleuten dient, in welchem nicht, wie bisher, der eigentliche

Gelehrte, der dem Geschäftsmanne für einen Quer- und verrückenden Kopf

gilt, diesem meist mit Recht den stumpfen Kopf und den empirischen

Stümper zurückgiebt, -- sondern, die einander frühzeitig durchaus kennen

und achten gelernt haben, und die von einer Allen gleichbekannten und

unter ihnen gar nicht streitigen Basis in allen ihren Berathungen

ausgehen.)

§. 12.

Diese Kunst der wissenschaftlichen Künstlerbildung, falls sie etwa in

irgend einem Zeitalter zum deutlichen Bewusstseyn hervorbrechen und zu

irgend einem Grade der Ausübung gedeihen sollte, muss, in Absicht ihrer

Fortdauer und ihres Erwachsens zu höherer Vollkommenheit, keinesweges

dem blinden Ohngefähr überlassen werden; sondern es muss, und dieses am

schicklichsten an der schon bestehenden Kunstschule selbst, eine feste

Einrichtung getroffen werden, dieselbe mit Besonnenheit und nach einer

festen Regel zu erhalten, und zu höherer Vollkommenheit zu bilden;

wodurch diese Kunstschule, so wie jedes mit wahrhaftem Leben existirende

Wesen soll, ihre ewige Fortdauer verbürgen würde.

Sie ist, wie oben gesagt, selbst der höchste Grad der wissenschaftlichen

Kunst, erfordernd die höchste Liebe und die höchste Fertigkeit und

Geistesgewandtheit. Es ist darum klar, dass sie nicht allen angemuthet

werden könne, wie man denn auch nur weniger, die sie ausüben, bedarf;

aber sie muss allen angeboten und mit ihnen der Versuch gemacht werden,

damit man sicher sey, dass nirgends dieses seltene Talent, aus Mangel an

Kunde seiner, ungebraucht verloren gehe.

Für diesen Zweck wäre demnach der Lehrling, doch ohne Ueberspringen und

nach erlangter hinlänglicher Gewandtheit in den niederen Graden der

Kunst, zur Ausübung aller der oben erwähnten Geschäfte des Lehrers

anzuhalten, unter Aufsicht und mit der Beurtheilung des eigentlichen

Lehrers, so wie der anderen, in demselben Grade befindlichen Lehrlinge.

So denselben Weg zurücklegend unter der Leitung des schon geübten

Lehrers, und vertraut gemacht mit dessen Kunstgriffen, welchen Weg der

Lehrer selbst, von keinem geholfen und im Dunkeln tappend, gehen musste,

wird dieser Lehrling es ohne Zweifel noch viel weiter bringen in geübter

und klarer Kunst, denn sein Lehrer, und einst selber nach demselben

Gesetze eine noch geübtere und klarere Generation hinterlassen.

(Es geht hieraus hervor, dass eine solche Pflanzschule

wissenschaftlicher Künstler überhaupt, nach den verschiedenen Graden

dieser Kunst, auf ihrer höchsten Spitze ein Professor-Seminarium seyn

würde, und also genannt werden könnte. Man hat homiletische Uebungen

gehabt, um zur Kunst des Vortrages für das Volk, man hat

Schullehrer-Seminaria gehabt, um den Vortrag für die niedere Schule zu

bilden; an eine besondere Uebung oder Prüfung in der Kunst des

akademischen Vortrages aber hat unseres Wissens niemand gedacht, gleich

als ob es sich von selbst verstände, dass man, was man nur wisse, auch

werde sagen können: zum schlagenden Beweise, dass man mit deutlichem

Bewusstseyn, so weit dieses in dieser Region gedrungen, mit der

Universität durchaus nichts mehr beabsichtigt, als dem gedruckten

Buchwesen noch ein zweites redendes Buchwesen an die Seite zu setzen;

wodurch unsere Rede wieder in ihren Ausgangspunct hineinfällt, zum

Beweise, dass sie ihren Kreis durchlaufen hat.

§. 13.

Corollarium.

Der bis hierher entwickelte Begriff, selbst angesehen in einem

wissenschaftlichen Ganzen, giebt der Kunst der Menschenbildung oder der

Pädagogik den Gipfel, dessen sie bisher ermangelte. Ein anderer Mann hat

in unserem Zeitalter die ebenfalls vorher ermangelnde Wurzel derselben

Pädagogik gefunden. Jener Gipfel macht möglich die höchste und letzte

Schule der wissenschaftlichen Kunst; diese Wurzel macht möglich die

erste und allgemeine Schule des Volks, das letzte Wort nicht für Pöbel

genommen, sondern für die Nation. Der mittlere Stamm der Pädagogik ist

die niedere Gelehrtenschule.

Aber der Gipfel ruht fest nur auf dem Stamme, und dieser zieht seinen

Lebenssaft nur aus der Wurzel; alle insgesammt haben nur an-, in- und

durcheinander Leben und versicherte Dauer. Ebenso verhält es sich auch

mit der höheren und der niederen Gelehrtenschule, und mit der

Volksschule. Wir unseres Ortes, die wir die erstere beabsichtigen,

gehen, so gut wir es unter diesen Umständen vermögen, aus unserem

besonderen und abgeschnittenen Mittelpuncte aus, unseren Weg fort, nur

auf die niedere Gelehrtenschule, mit der wir allernächst zusammenhängen,

und ohne deren Beihülfe wir nicht füglich auch nur einen Anfang machen

können, die nöthige Rücksicht nehmend. Ebenso geht ihres Orts, und

unser, die wir nur selbst erst unser eigenes Daseyn suchen, unserer

Hülfe und unseres leitenden Lichtes entbehrend, die allgemeine Pädagogik

ihren Weg fort, so gut sie es vermag. Aber arbeiten wir nur redlich

fort, jeder an seinem Ende: wir werden mit der Zeit zusammenkommen, und

insgesammt in einander eingreifen; denn jedweder Theil, der nur in sich

selber etwas Rechtes ist, ist Theil zu einem grösseren ewigen Ganzen,

das in der Erscheinung nur aus der Zusammenfügung der einzelnen Theile

zusammentritt. Da aber, wo wir zusammenkommen werden, wird der armen,

jetzt in ihrer ganzen Hülfslosigkeit dastehenden Menschheit Hülfe und

Rettung bereit seyn; denn diese Rettung hängt lediglich davon ab, dass

die Menschenbildung im Grossen und Ganzen aus den Händen des blinden

Ohngefährs unter das leuchtende Auge einer besonnenen Kunst komme.

Diese Einsicht und das Bewusstseyn, dass uns ein grosser Moment gegeben

ist, der, ungenutzt verstrichen, nicht leicht wiederkehrt, bringe

heiligen Ernst und Andacht in unsere Berathungen.

Anmerkung.

Da man oft unerwartet auf Verkennung jenes höchsten Grundsatzes alles

unseres Lebens und Treibens stösst, so ist es vielleicht nicht

überflüssig, hierüber noch einige Worte hinzuzufügen.

Ein blindes Geschick hat die menschlichen Angelegenheiten erträglich,

und obgleich langsam, dennoch zu einiger Verbesserung des ganzen

Zustandes geleitet, so lange in diese Dunkelheit das gute und böse

Princip in der Menschheit gemeinschaftlich und mit einander verwachsen

eingehüllt war. Diese Lage der Dinge hat sich verändert, durch diese

Veränderung ist eben ein durchaus neues Zeitalter, gegen dessen

Anerkenntniss man sich noch so häufig sträubt, und es sind durchaus neue

Aufgaben an die Zeit entstanden. Das böse Princip hat nemlich aus jener

Mischung sich entbunden zum Lichte; es ist sich selbst vollkommen klar

geworden, und schreitet frei und besonnen und ohne alle Scheu und Scham

vorwärts. Klarheit siegt allemal über die Dunkelheit; und so wird denn

das böse Princip ohne Zweifel Sieger bleiben so lange, bis auch das gute

sich zur Klarheit und besonnenen Kunst erhebt.

In allen menschlichen Verhältnissen, besonders aber in der

Menschenbildung, ist das Alte und Hergebrachte das Dunkele; eine Region,

die mit dem klaren Begriffe zu durchdringen und mit besonnener Kunst zu

bearbeiten man Verzicht leistet, und aus welcher herab man den Segen

Gottes ohne sein eigenes Zuthun erwartet. Setzt man in diesem

Glaubenssysteme jenem göttlichen Segen etwa noch eine menschliche

Direction und Oberaufsicht an die Seite, so ist das eine blosse

Inconsequenz. Das Alte ist ja jedermänniglich bekannt, diesem soll

gefolgt werden, es giebt darum keine Pläne auszudenken; der Erfolg kommt

von oben herab, und keine menschliche Klugheit kann hier etwas

ausrichten; es giebt darum auch nichts zu leiten, und die Oberaufsicht

ist ein völlig überflüssiges Glied. Nur in dem Falle, dass Behauptungen,

wie die unsrige, von freier und besonnener Kunst sich vernehmen liessen

und einen Einfluss begehrten, erhielte sie eine Bestimmung, die, der

Neuerung sich kräftig zu widersetzen, und festzuhalten über dem alten

hergebrachten Dunkel.

Es ist nicht zu hören, wenn die Sicherheit dieses alten und

ausgetretenen Weges gepriesen, dagegen das Unsichere und Gewagte aller

Neuerungen gefürchtet wird. Bleibt man beim Alten, so wird der Erfolg

schlecht seyn, darauf kann man sich verlassen; denn es kann, nachdem die

Welt einmal ist, wie sie ist, aus dem Dunkeln nichts Anderes mehr

hervorgehen, denn Böses. Hofft man etwa dabei das zu gewinnen, dass man

sich sagen könne, man habe das Böse wenigstens nicht durch sein thätiges

Handeln herbeigeführt, es sey eben von selbst gekommen, und man würde

nichts dagegen gehabt haben, wenn statt dessen das Gute gekommen wäre?

Man muss leicht zu trösten seyn, wenn man damit sich beruhigt. Und warum

sollte es denn ein so grosses Wagstück seyn, nach einem klaren und

festen Begriffe einherzugehen? Wagen wird man allein in den beiden

Fällen, wenn man entweder seines Begriffes nicht Meister ist, oder nicht

schon im voraus entschlossen, sein Alles an die Ausführung desselben zu

setzen. Aber nichts nöthigt uns, uns in einem dieser beiden Fälle zu

befinden.

Am wenigsten würden wir den Grundbegriff von einer Universität gelten

lassen, dass dieselbe sey keinesweges eine Erziehungsanstalt, deren

unfehlbaren Erfolg man soviel möglich sichern müsse, sondern eine im

Grunde überflüssige und nur als freie Gabe zu betrachtende

Bildungsanstalt, die jeder, der in der Lage sey, mit Freiheit gebrauchen

könne, wie er eben wolle. Giebt es solche Anstalten, als da etwa wäre

das Werkmeistersche Museum u. dergl., so können dieselben nur seyn für

weise Männer und gemachte Bürger, die in Absicht einer persönlichen

Bestimmung und eines festen Berufes mit dem Staate sich schon abgefunden

haben, keinesweges für Jünglinge, die einen Beruf noch suchen. Auch hat

bisher der Staat, -- und dies ist auch ein Altes und Wohlhergebrachtes,

bei welchem es ohne Zweifel sein Bewenden wird haben müssen, -- es hat

der Staat allerdings auf die Universitäten gerechnet, als eine

nothwendige und bisher durch nichts Anderes ersetzte Erziehungsanstalt

eines Standes, an dem ihm viel gelegen ist: und es wäre zu erwarten, was

erfolgen würde, wenn nur drei Jahre hintereinander es der Freiheit aller

Studirenden gefiele, die Universität nicht auf die rechte Weise zu

benutzen. Oder soll man voraussetzen, dass es mitten in unseren

gebildeten Staaten noch einen Haufen von Menschen gebe, deren

angeborenes Privilegium dies ist, dass kein Mensch Anspruch auf ihre

Kräfte und die Bildung derselben habe, und denen es freistehen muss, ob

sie zu etwas oder zu nichts taugen wollen, weil sie ausserdem zu leben

haben? Soll für diese vielleicht jene freie und auf gar nichts rechnende

Bildungsanstalt angelegt werden, damit sie, wenn sie wollen, hier die

Mittel erwerben, ihr einstiges müssiges Leben mit weniger Langeweile

hinzubringen? Alles zugegeben, möchten wenigstens diese Klassen selbst

für die Befriedigung dieses ihres Bedürfnisses sorgen; aber dem Staate

liessen die Kosten einer solchen Anstalt sich keinesweges aufbürden.

Zweiter Abschnitt.

Wie unter den gegebenen Bedingungen der Zeit und des Orts der

aufgegebene Begriff realisirt werden könne.

§. 14.

Soll unsere Lehranstalt keinesweges etwa eine in sich selbst

abgeschlossene Welt bilden, sondern soll sie eingreifen in die wirklich

vorhandene Welt, und soll sie insbesondere das gelehrte Erziehungswesen

dieser Welt umbilden, so muss sie sich anschliessen an dasselbe, so wie

es ist und sie dasselbe vorfindet. Dieses muss ihr erster Standpunct

seyn; dies der von ihr anzueignende und durch sie zu organisirende

Stoff; sie aber das geistige Ferment dieses Stoffes. Sie muss sich

erzeugen und sich fortbilden innerhalb einer gewöhnlichen Universität,

weil wir dies nicht vermeiden können, so lange bis die letztere in die

erste aufgehend gänzlich verschwinde: keinesweges aber müssen wir von

dem Gedanken ausgehen, dass wir eine ganz gewöhnliche Universität und

nichts weiter bilden wollen.

§. 15.

Diese nothwendige Stätigkeit des Fortgangs in der Zeit sogar

abgerechnet, vermögen wir in dieses Vorhabens Ausführung um so weniger

anders, denn also zu verfahren, da die freie ^Kunst der besonderen

Wissenschaft sowohl überhaupt, als in ihren einzelnen Fächern^ dermalen

noch gar nicht also vorhanden ist, dass sie sicher und nach einer Regel

aufbehalten und fortgepflanzt werden könnte; sondern diese freie Kunst

der ^besonderen^ Wissenschaft erst selber in der schon vorhandenen

Kunstschule zu deutlichem Bewusstseyn und zu geübter Fertigkeit erhoben

werden, und so die Kunstschule einem ihrer wesentlichen Theile nach sich

selber erst erschaffen muss. So nun nicht wenigstens der Ausgangspunct

dieser Kunst in der Wissenschaft überhaupt, und unabhängig von dem

Vorhandenseyn der Schule, irgendwo und irgendwann zu existiren

vermöchte, so würde es niemals zu einer solchen Kunstschule, ja sogar

nicht zu dem Gedanken und der Aufgabe derselben kommen.

§. 16.

Mit diesem Ausgangspuncte der wissenschaftlichen Kunst verhält es sich

nun also. Kunst wird (§. 4) dadurch erzeugt, dass man deutlich versteht,

^was^ man und ^wie^ man es macht. Die besondere Wissenschaft aber ist in

allen ihren einzelnen Fächern ein besonderes Machen und Verfahren mit

dem Geistesvermögen; und man hat dies von jeher anerkannt, wenn man z.

B. vom historischen Genie, Tact und Sinne, oder von Beobachtungsgabe u.

dergl., als von besonderen, ihren eigenthümlichen Charakter tragenden

Talenten gesprochen. Nun ist ein solches Talent allemal Naturgabe, und

da es ein besonderes Talent ist, so ist der Besitzer desselben eine

besondere und auf diesen Standpunct beschränkte Natur, die nicht

wiederum über diesen Punct sich erheben, ihn frei anschauen, ihn mit dem

Begriffe durchdringen und so aus der blossen Naturgabe eine freie Kunst

machen könnte. Und so würde denn die besondere Wissenschaft entweder gar

nicht getrieben werden können, weil es an Talent fehlte, oder, wo sie

getrieben würde, könnte es, eben weil dazu Talent, das eben nur Talent

sey, gehört, niemals zu einer besonnenen Kunst derselben kommen. So ist

es denn auch wirklich. Der Geist jeder besonderen Wissenschaft ist ein

beschränkter und beschränkender Geist, der zwar in sich selber lebt und

treibet, und köstliche Früchte gewährt, der aber weder sich selbst, noch

andere Geister ausser ihm zu verstehen vermag. Sollte es nun doch zu

einer solchen Kunst in der besonderen Wissenschaft kommen, so müsste

dieselbe, unabhängig von ihrer Ausübung, und noch ehe sie getrieben

würde, verstanden, d. i. die Art und Weise der geistigen Thätigkeit,

deren es dazu bedarf, erkannt werden, und so der allgemeine ^Begriff^

ihrer Kunst der ^Ausübung^ dieser Kunst selbst vorhergehen können. Nun

ist dasjenige, was die ^gesammte^ geistige Thätigkeit, mithin auch alle

besonderen und weiter bestimmten Aeusserungen derselben wissenschaftlich

erfasst, die Philosophie: von philosophischer Kunstbildung aus müsste

sonach den besonderen Wissenschaften ihre Kunst gegeben, und das, was in

ihnen bisher blosse, vom guten Glücke abhängende Naturgabe war, zu

besonnenem Können und Treiben erhoben werden; der Geist der Philosophie

wäre derjenige, welcher zuerst sich selbst, und sodann in sich selber

alle anderen Geister verstände; der Künstler in einer besonderen

Wissenschaft müsste vor allen Dingen ein philosophischer Künstler

werden, und seine besondere Kunst wäre lediglich eine weitere Bestimmung

und einzelne Anwendung seiner allgemeinen philosophischen Kunst.

(Dies dunkel fühlend hat man, wenigstens bis auf die letzten durch und

durch verworrenen und seichten Zeiten, geglaubt, dass alle höhere

wissenschaftliche Bildung von der Philosophie ausgehen, und dass auf

Universitäten die philosophischen Vorlesungen von Allen und zuerst

gehört werden müssten. Ferner hat man in den besonderen Wissenschaften

z. B. von philosophischen Juristen oder Geschichtsforschern oder Aerzten

gesprochen, und man wird finden, dass von denen, welche sich selber

verstanden, immer diejenigen mit dieser Benennung bezeichnet wurden, die

mit der grössten Fertigkeit und Gewandtheit ihre Wissenschaft vielseitig

anzuwenden wussten, sonach die ^Künstler^ in der Wissenschaft. Denn

diejenigen, welche ^a priori^ phantasirten, wo es galt Facta

beizubringen, sind ebenso, wie diejenigen, die sich auf die wirkliche

Beschaffenheit der Dinge beriefen, wo das apriorische Ideal dargestellt

werden sollte, von den Verständigen mit der gebührenden Verachtung

angesehen worden.)

§. 17.

Die erste und ausschliessende Bedingung der Möglichkeit, eine

wissenschaftliche Kunstschule zu errichten, würde demnach diese seyn,

dass man einen Lehrer fände, der da fähig wäre, das Philosophiren selber

als eine Kunst zu treiben, und der es verstände, eine Anzahl seiner

Schüler zu einer bedeutenden Fertigkeit in dieser Kunst zu erheben, mit

welcher nun einige dieser wiederum den ihnen anderwärts herzugebenden

positiven Stoff der besonderen Wissenschaften durchdrängen, und sich

auch in diesen zu Künstlern bildeten; von welchen letzteren wiederum

diejenigen, die es zu dem Grade der Klarheit dieser Kunst gebracht

hätten, dass sie selbst Künstler zu bilden vermöchten, ihre Kunst

fortpflanzten. Nachdem dieses Letztere über das ganze Gebiet der

Wissenschaften möglich geworden, in einer solchen Ausdehnung, dass man

auf die sichere Fortpflanzung der gesammten wissenschaftlichen Kunst bis

ans Ende der Tage rechnen könnte: alsdann stände die beabsichtigte

wissenschaftliche Kunstschule da, und wäre errichtet.

§. 18.

Dieser philosophische Künstler muss, beim Beginnen der Anstalt, ein

einziger seyn, ausser welchem durchaus kein anderer auf die Entwickelung

des Lehrlings zum Philosophiren Einfluss habe. Wer dagegen einwenden

wollte, dass es, um die Jünglinge vor Einseitigkeit und blindem Glauben

an Einen Lehrer zu verwahren, auf einer höheren Lehranstalt vielmehr

eine Mannigfaltigkeit der Ansichten und Systeme, und eben darum der

Lehrer geben müsse, würde dadurch verrathen, dass er weder von der

Philosophie überhaupt, noch vom Philosophiren, als einer Kunst, einen

Begriff habe. Denn obwohl, falls es Gewissheit giebt und dieselbe dem

Menschen erreichbar ist (wer über diesen Punct sich noch in Zweifel

befände, der wäre nicht ausgestattet, um mit uns über die Einrichtung

eines ^wissenschaftlichen^ Instituts zu berathschlagen), der Lehrer, den

wir suchen, selber in sich seiner Sache gewiss seyn und ein System haben

muss, indem im entgegengesetzten Falle er mit seinem Philosophiren nicht

zu Ende gekommen wäre, mithin die ganze Kunst des Philosophirens nicht

einmal selber ausgeübt hätte und so durchaus unfähig wäre, dieselbe in

ihrem ganzen Umfange mit Bewusstseyn zu durchdringen, und sie anderen

mitzutheilen, und wir uns daher in der Wahl der Person vergriffen hätten

-- obwohl, sage ich, dies also ist, so wird er dennoch in seinem

Bestreben, selbstthätige, die Gewissheit in sich selbst erzeugende und

das System selbst erfindende Künstler zu bilden, nicht von seinem

Systeme, noch überhaupt von irgend einer positiven Behauptung

^ausgehen^; sondern nur ihr systematisches Denken anregen, freilich in

der sehr natürlichen Voraussetzung, dass sie am Ende desselben bei

demselben Resultate ankommen werden, bei dem auch er angekommen, und

dass, wenn sie bei einem anderen ankommen, irgendwo in der Ausübung der

Kunst ein Fehler begangen worden. Wäre irgend ein anderer neben ihm, der

ihm widerspräche, so müsste dieser etwas ^behaupten^; liesse er sich

verleiten, dem Widerspruche zu widersprechen, so müsste nun auch er

behaupten, und es entstände Polemik. Wo aber Polemik ist, da ist Thesis,

und wo Thesis ist, da wird nicht mehr thätig philosophirt, sondern es

wird nur das Resultat des, so Gott will, vorher ausgeübten thätigen

Philosophirens historisch erzählt; somit hebt die Polemik das Wesen

einer philosophischen Kunstschule gänzlich auf, und es ist ihr darum

aller Eingang in diese abzuschneiden. --

(Dieselbe Unbekanntschaft mit dem Wesen der Philosophie würde verrathen

eine andere Bemerkung, die folgende: es müsse auf einer solchen Anstalt

die Vollständigkeit der sogenannten philosophischen Wissenschaften

beabsichtigt werden, und dies, da sie einem Einzigen nicht wohl

anzumuthen sey, werde eine Mehrheit der Lehrer der Philosophie

verlangen. Denn wenn nur wirklich der philosophische Geist und die Kunst

des Philosophirens entwickelt ist, so wird ganz von selbst diese sich

über die gesammte Sphäre des Philosophirens ausbreiten, und diese in

Besitz nehmen; sollte aber für andere, an welchen das Streben, sie in

diese Kunst einzuweihen, mislingt, die wir aber dennoch, aus Mangel

besserer Subjecte, in den bürgerlichen Geschäften anstellen und brauchen

müssten, irgend ein historisch zu erlernender ^philosophischer

Katechismus^, als Rechtslehre, Moral u. dergl. nöthig seyn, so wird ja

wohl dieser in gedruckten Büchern irgendwo vorliegen, an deren eigenes

Studium auch hier, so wie in den anderen Fächern, dergleichen Subjecte

vom Lehrer der Philosophie hingewiesen, und erforderlichenfalles darüber

examinirt würden.)

§. 19.

Mit diesem also entwickelten philosophischen Geiste, als der reinen Form

des Wissens, ^müsste nun der gesammte wissenschaftliche Stoff in seiner

organischen Einheit^ auf der höheren Lehranstalt aufgefasst und

durchdrungen werden, also dass man genau wüsste, was zu ihm gehöre oder

nicht, und so die strenge Grenze zwischen Wissenschaft und

Nichtwissenschaft gezogen würde; dass man ferner das organische

Eingreifen der Theile dieses Stoffes ineinander, und das gegenseitige

Verhältniss derselben unter sich allseitig verstände, damit man daraus

ermessen könnte, ob dieser Stoff am Lehrinstitute vollständig bearbeitet

werde, oder nicht; in welcher ^Folge^ oder ^Gleichzeitigkeit^ am

vortheilhaftesten diese einzelnen Theile zu bearbeiten seyen; bis zu

welcher Potenz die ^niedere^ Schule denselben zu erheben, und wo

eigentlich die höhere einzugreifen habe; ferner, bis zu welcher

Potenz auch auf der letzteren ^alle^, die auf den Titel eines

wissenschaftlichen Künstlers Anspruch machen wollten, ihn auszubilden

hätten, und wie viel dagegen der ^besonderen^ Ausbildung für ein

^bestimmtes praktisches^ Fach anheimfiele und vorbehalten bleiben müsse.

Dies gäbe eine philosophische Encyklopädie der gesammten Wissenschaft,

als stehendes Regulativ für die Bearbeitung aller besonderen

Wissenschaften.

(Wenn auch allenfalls die Philosophie schon jetzt fähig seyn sollte, zu

einer solchen encyklopädischen Ansicht der gesammten Wissenschaft in

ihrer organischen Einheit einige Auskunft zu geben, so ist doch die

übrige wissenschaftliche Welt viel zu abgeneigt, der Philosophie die

Gesetzgebung, die sie dadurch in Anspruch nähme, zuzugestehen, oder

dieselbe in dergleichen Aeusserungen auch nur nothdürftig zu begreifen,

als dass sich hiervon einiger Erfolg sollte erwarten lassen. Auch

müssten, da es hier nicht um theoretische Behauptung einiger Sätze,

sondern um Einführung einer Kunst zu thun ist, erst eine beträchtliche

Anzahl von Männern gebildet werden, die da fähig wären, eine solche

Encyklopädie nicht bloss zu verstehen und wahr zu finden, sondern auch

nach den Regeln derselben die besonderen Fächer der Wissenschaft

wirklich zu bearbeiten; dass es daher am schicklichsten seyn wird,

hierüber sich vorläufig gar nicht auszusprechen, sondern jene

Encyklopädie durch das wechselseitige Eingreifen der Philosophie und der

philosophisch kunstmässigen Bearbeitung der nun eben vorhandenen

besonderen Fächer der Wissenschaft, allmählig von selber erwachsen zu

lassen; dass mithin in Absicht dieses ihr sehr wesentlichen

Bestandtheiles die Kunstschule sich selbst innerhalb ihrer selbst

erschaffen müsste.)

§. 20.

Beim Anfange und so lange, bis es dahin gekommen, müssen wir uns

begnügen, die vorliegenden Fächer ohne organischen Einheitspunct bloss

historisch aufzufassen, nur dasjenige, wovon wir schon bei dem

gegenwärtigen Grade der allgemeinen philosophischen Bildung darthun

können, dass es dem wissenschaftlichen Verstandesgebrauche entweder

geradezu widerspreche, oder nicht zu demselben gehöre, von uns

ausscheidend, das Uebrige aufnehmend, und es in seiner Würde und an

seinem Platze bis zur besseren allgemeinen Verständigung stehen lassend;

ferner in diesen Fächern die am meisten ^philosophischen^, d. i. die mit

der grössten Freiheit, Kunstmässigkeit und Selbstständigkeit in

denselben verfahrenden unter den Zeitgenossen, zu Lehrern uns

anzueignen; endlich, diese zu der am meisten philosophischen, d. i. zu

der, Selbstthätigkeit und Klarheit am sichersten entwickelnden,

Mittheilung ihres Faches anzuhalten und sie darauf zu verpflichten.

§. 21.

Ueber den ersten Punct, betreffend die Ausscheidung, werden wir

demnächst beim Durchgehen der vorhandenen wissenschaftlichen Fächer uns

erklären. Ueber den zweiten merke ich hier im allgemeinen nur das an,

dass wir den Vortheil haben, in einigen der Hauptfächer diejenigen,

welche als die freisten und selbstthätigsten allgemein anerkannt sind,

schon jetzt die unserigen zu nennen, und dass, falls nicht etwa einige

für die Herablassung und für das Wechselleben mit ihren Schülern, das

dieser Plan ihnen anmuthet, sich zu vornehm dünken, wir hoffen dürfen,

sie für unseren Zweck zu gewinnen, und dass in anderen Fächern, in denen

wir nicht mit derselben Zuversichtlichkeit dasselbe rühmen können, der

Unterschied zwischen den Zeitgenossen in Absicht des angegebenen

Gesichtspunctes überhaupt nicht sehr gross ist, und wir darum hoffen

dürfen, ohne grosse Schwierigkeit die nothwendigen Stellen so gut zu

besetzen, als sie unter den gegenwärtigen Umständen überhaupt besetzt

werden können; dass es aber ausschliessende Bedingung sey, dass

dieselben schon vor ihrer Berufung und Anstellung sowohl über unseren

Hauptplan, als über den dritten Punct in Absicht des zu wählenden

Vortrages unterrichtet, und aufrichtig mit uns einverstanden seyen. In

Absicht dieses dritten Punctes endlich, stellen wir als eine Folge aus

allem Bisherigen fest, dass -- die oben erwähnten Examina,

Conversatorien und Aufgaben, als die erste charakteristische Eigenheit

unserer Methode, deren Anwendung im besonderen Falle am gehörigen Orte

näher wird beschrieben werden, noch abgerechnet, -- alle mündliche

Mittheilung über ein besonderes Fach ausgehen müsse von der

^Encyklopädie^ dieses Faches, und dass dieses die allererste Vorlesung

jedes bei uns anzustellenden Lehrers seyn und von jedem Schüler zu

allererst gehört werden müsse. Denn die bis zur höchsten Klarheit

gesteigerten einzelnen Encyklopädien der besonderen Fächer, besonders

wenn sie alle zusammen den Lehrern und Zöglingen der Anstalt bekannt

sind, sind das zunächst in die von der Philosophie ausgehen sollende

^allgemeine Encyklopädie^ (§. 19. am Schlusse) eingreifende Glied,

arbeiten derselben mächtig vor, und werden der letzteren, wenn sie

entstehen wird, die vollkommene Verständlichkeit ertheilen müssen, indem

auch sie selber umgekehrt von ihr neue Festigkeit und Klarheit erhalten

werden. Sodann ist Einheit und Ansicht der Sache aus Einem

Gesichtspuncte heraus der Charakter der Philosophie und der freien

Kunstmässigkeit, die wir anstreben; dagegen unverbundene

Mannigfaltigkeit und mit nichts zusammenhängende Einzelheit der

Charakter der Unphilosophie, der Verworrenheit und der Unbehülflichkeit,

welche wir eben aus der ganzen Welt austilgen möchten, und sie darum

nicht in uns selbst aufnehmen müssen. Endlich, wenn auch dieses alles

nicht so wäre, können wir aus Mangelhaftigkeit der niederen Schule zu

Anfange bei unseren Schülern nicht auf ein solches schon fertiges Gerüst

des gesammten wissenschaftlichen Stoffes, wie es oben (§. 10.)

beschrieben worden, rechnen, und müssen zu allererst diesen Mangel in

unseren besonderen Encyklopädien ersetzen. Die Hauptgesichtspuncte einer

solchen auf eine wissenschaftliche Kunstschule berechneten Encyklopädie

sind die folgenden: ^dass sie zuvörderst die eigentliche

charakteristische Unterscheidung des Verstandesgebrauches^ in diesem

Fache, und die besonderen Kunstgriffe oder Vorsichtsregeln in ihm mit

aller dem Lehrer selbst beiwohnenden Klarheit angebe, und sie mit

Beispielen belege (und so eben z. B. das ^historische Talent^, oder die

^Beobachtungsgabe^ mit dem Begriffe durchdringe); dass sie die Theile

dieser Wissenschaft vollständig und umfassend vorlege, und zeige, auf

welche besondere Weise jeder, und in welcher Zeitfolge sie studirt

werden müssen; endlich, dass sie die für den Zweck des Lehrlings nöthige

Literaturkenntniss des Faches gebe, und ihn berathe, ^was^, und in

^welcher Ordnung^ und etwa mit welchen Vorsichtsmaassregeln, er zu lesen

habe. Besonders in der letzten Rücksicht ist der Lehrer dem Lehrlinge

ein allgemeines Register und Repertorium des ^gesammten Buchwesens^ in

diesem Fache, inwieweit dasselbe dem Lehrlinge nöthig ist, schuldig;

welches nun der Lehrling selber, nach der ihm gegebenen Anleitung, zu

lesen, keinesweges aber vom Lehrer zu erwarten hat, dass auch dieser es

ihm noch einmal recitire. Gehört nun ferner, wie wir hoffen, der Lehrer

zu dem oben erwähnten edleren Bestandtheile der bisherigen

Universitäten, dass er mit dem gesammten Buchwesen seines Faches nicht

allerdings zufrieden und fähig sey, dasselbe hier und da zu verbessern,

so zeige er in seiner Encyklopädie diese fehlerhaften Stellen des

grossen Buches an, und lege dar seinen Plan, wie er in besonderen

Vorlesungen diese fehlerhaften Stellen verbessern wolle, und in welcher

Ordnung diese besonderen Vorlesungen, die insgesammt auf der festen

Unterlage seiner Encyklopädie ruhen, und auf ihr geordnet sind, zu hören

seyen. Ist dessen so viel, dass er es allein nicht bestreiten kann, so

wähle er sich einen Unterlehrer, der verbunden ist, in seinem Plane zu

arbeiten. Nur sage er nicht, was im Buche auch steht, sondern nur das,

was in keinem Buche steht. (Als Beispiel: dass in den Schüler der

niederen Schule sehr früh ein Inbegriff der Universalgeschichte

hineingebildet werden müsse, versteht sich, und ist oben gesagt; wozu

aber, ausser der Anweisung, wie man die gesammte Menschengeschichte zu

^verstehen^ habe, welche wohl am schicklichsten dem Philosophen

anheimfallen dürfte, auf der höheren Schule ein Cursus der

Universalgeschichte solle, bekenne ich nicht zu begreifen; dagegen aber

würde ich es für sehr schicklich und alles Dankes werth halten, wenn ein

Professor der Geschichte ein Collegium ankündigte über besondere Data

aus der Weltgeschichte, ^die keiner vor ihm so richtig gewusst habe, wie

er^, und er mit diesem Versprechen Wort hielte.)

(Wir setzen der Erwähnung dieser von vielen so sehr angefeindeten

Encyklopädien, zur Vorbauung möglichen Misverständnisses, noch folgendes

hinzu. Mit derselben vollkommenen Ueberzeugung, mit welcher wir zugeben,

dass das Bestreben, bei solchen allgemeinen Uebersichten und Resultaten

^stehenzubleiben^, von Seichtigkeit, Trägheit und Sucht nach wohlfeilem

Glanze zeuge, und diese Schlechtigkeiten befördere, sehen wir zugleich

auch ein, dass das Widerstreben, ^von ihnen auszugehen^, den Lehrling

ohne Steuerruder und Compass in den verworrenen Ocean stürze, dass,

obwohl einige sich rühmen hierbei ohne Ertrinken davongekommen zu seyn,

man darum doch nicht das Recht habe, jederman derselben Gefahr

auszusetzen, dass selbst die Geretteten gesunder seyn würden, wenn sie

der Gefahr sich nicht ausgesetzt hätten; und dass die Quellen dieses

Widerstrebens keinesweges aus einer besseren Einsicht, sondern dass sie

grösstentheils aus dem persönlichen Unvermögen hervorgehen, solche

encyklopädische Rechenschaft über das eigene Fach zu geben, indem diese,

nur gross im Einzelnen, niemals zur Ansicht eines Ganzen sich erhoben

haben. Wer nun eine solche Encyklopädie seines Faches geben nicht könnte

oder nicht wollte, der wäre für uns nicht bloss unbrauchbar, sondern

sogar verderblich, indem durch seine Wirksamkeit der Geist unseres

Institutes sogleich im Beginne getödtet würde.)

§. 22.

Wir gehen an die historische Auffassung des auf den bisherigen

Universitäten vorliegenden Stoffes, und schicken folgende zwei

allgemeine Bemerkungen voraus. Eine Schule des wissenschaftlichen

Verstandesgebrauches setzt voraus, dass verstanden und bis in seinen

letzten Grund durchdrungen werden könne, was sie sich aufgiebt; sonach

wäre ein solches, das den Verstandesgebrauch sich verbittet, und sich

als ein unbegreifliches Geheimniss gleich von vornherein aufstellt,

durch das Wesen derselben von ihr ausgeschlossen. Wollte also etwa die

Theologie noch fernerhin auf einem Gotte bestehen, der etwas wollte ohne

allen Grund; welches Willens Inhalt kein Mensch durch sich selber

begreifen, sondern Gott selbst unmittelbar durch besondere Abgesandte

ihm mittheilen müsste; dass eine solche Mittheilung geschehen sey, und

das Resultat derselben in gewissen heiligen Büchern, die übrigens in

einer sehr dunklen Sprache geschrieben sind, vorliege, von deren

richtigem Verständnisse die Seligkeit des Menschen abhange: so könnte

wenigstens eine Schule des Verstandesgebrauches sich mit ihr nicht

befassen. Nur wenn sie diesen Anspruch auf ihr allein bekannte

Geheimnisse und Zaubermittel durch eine unumwundene Erklärung aufgiebt,

laut bekennend, dass der Wille Gottes ohne alle besondere Offenbarung

erkannt werden könne, und dass jene Bücher durchaus nicht

^Erkenntnissquelle^, sondern nur ^Vehiculum des Volksunterrichtes^

seyen, welche, ganz unabhängig von dem, was die Verfasser etwa wirklich

gesagt haben, beim wirklichen Gebrauche also erklärt werden müssen, wie

die Verfasser hätten sagen sollen; welches letztere, wie sie hätten

sagen sollen, darum schon vor ihrer Erklärung anderwärtsher bekannt seyn

müsse: nur unter dieser Bedingung kann der Stoff, den sie bisher

besessen hat, von unserer Anstalt aufgenommen und jener Voraussetzung

gemäss bearbeitet werden. Ferner haben mehrere bisher auf den

Universitäten bearbeitete Fächer (als die soeben erwähnte Theologie, die

Jurisprudenz, die Medicin) einen Theil, der nicht zur wissenschaftlichen

Kunst, sondern zu der sehr verschiedenen praktischen Kunst der Anwendung

im Leben gehört. Es gereicht sowohl einestheils zum Vortheile dieser

praktischen Kunst, die am besten in unmittelbarer und ernstlich

gemeinter Ausübung unter dem Auge des schon geübten Meisters erlernt

wird, als anderentheils zum Vortheile der wissenschaftlichen Kunst

selbst, welche zu möglichster Reinheit sich abzusondern und in sich

selbst sich zu concentriren hat: dass jener Theil von unserer

Kunstschule abgesondert, und in Beziehung auf ihn andere für sich

bestehende Einrichtungen gemacht werden. Was inzwischen auch in dieser

Rücksicht von der wissenschaftlichen Kunstschule zu beobachten sey,

werden wir bei Erwähnung der einzelnen Fälle beibringen.

§. 23.

Nächst der Philosophie macht die ^Philologie^, als das allgemeine

Kunstmittel aller Verständigung, mit Recht den meisten Anspruch auf

Universalität. Ob auch wohl überhaupt ^für das gesammte studirende

Publicum^ auf der höheren Schule es eines philologischen Unterrichtes

bedürfen, oder vielmehr dieser schon auf der niederen Schule beendigt

seyn solle, ob insbesondere für diejenigen, ^die sich zu Schullehrern^

bestimmen, und für die es allerdings einer weiteren Anführung bedarf,

die dahingehörigen Anstalten nicht schicklicher mit den niederen Schulen

selbst vereinigt werden würden: -- die Beantwortung dieser Frage können

wir für jetzt ^dem^ Zeitalter, da die allgemeine Encyklopädie geltend

gemacht seyn, und die niedere Schule seyn wird, was sie soll,

anheimgeben, und vorläufig es beim Alten lassen.

§. 24.

Von der ^Mathematik^ sollte unseres Erachtens der reine Theil bis zu

einer gewissen Potenz schon auf der niederen Schule vollkommen abgethan

seyn; und es wäre hierdurch das, was oben über das Pensum dieser Schule

gesagt worden, zu ergänzen. Da auch hierauf im Anfange nicht zu rechnen

ist, so wäre vorläufig ein auf diesen gegenwärtigen Zustand der niederen

Schule berechneter Plan des mathematischen Studiums zu entwerfen. --

Auf allen Fall ist mein Vorschlag, dass ein ^Comité^ aus unseren

tüchtigsten Mathematikern ernannt, diesen unser Plan im Ganzen

vorgelegt, und ihnen aufgegeben würde, die Beziehung ihrer Wissenschaft

auf denselben zu ermessen, und demzufolge durch allgemeine Uebereinkunft

^Einen^ aus ihrer Mitte zu ernennen, oder auch einen Fremden zur

Vocation vorzuschlagen, dem die Encyklopädie, der Plan und die Direction

dieses ganzen Studiums übertragen würde.

§. 25.

Die gesammte Geschichte theilt sich in die Geschichte der ^fliessenden^

Erscheinung, und in die der ^dauernden^. Die erste ist die vorzüglich

also genannte Geschichte oder Historie, mit ihren Hülfswissenschaften;

die zweite die Naturgeschichte, -- welche ihren theoretischen Theil hat,

die Naturlehre.

In der ersten ist der zu berufende Ober- und encyklopädische Lehrer über

unseren Grundplan zu verständigen; worüber er vorläufig mit uns einig

seyn muss.

Das ausgedehnte Fach der ^Naturwissenschaft^ betreffend, welche durchaus

als ein organisches Ganze behandelt werden muss, kann ich nur ein

^Comité^, so wie oben bei der Mathematik, in Vorschlag bringen, das aus

seiner Mitte, oder auch einen Fremden rufend, den Encyklopädisten,

Entwerfer des Lehrplans, und Director des ganzen Studiums erwähle, und

falls es so nöthig befunden würde, nach seinem Plane den Vortrag

desselben, auch hier mit der beständigen Rücksicht, dass nicht mündlich

mitgetheilt werde, was so gut oder besser sich aus dem Buche lernen

lässt, ^unter sich vertheile^. Das Haupterforderniss eines solchen

Planes ist Vollständigkeit und organische Ganzheit der Encyklopädie.

Zugleich hat sie für ihr Fach sich mit der niederen Schule über die

Grenze zu berichtigen, und dieser die Potenz, die sie hervorbringen

soll, als ihr künftiges Pensum aufzugeben, welches auch für die oben

erwähnten, sowie für alle folgenden Fächer gilt, und hier einmal für

immer erinnert wird. Bloss die Philosophie verbittet die directe

Vorbereitung der niederen Schule, und ist nur ausschliessend eine Kunst

der höheren.

§. 26.

Die drei sogenannten höheren Facultäten würden schon früher wohlgethan

haben, wenn sie sich, in Absicht ihres wahren Wesens, in dem ganzen

Zusammenhange des Wissens deutlich erkannt, und sich darum nicht,

pochend auf ihre praktische Unentbehrlichkeit und ihre Gültigkeit beim

Haufen, als ein abgesondertes und vornehmeres Wesen hingestellt, sondern

lieber jenem Zusammenhange sich untergeordnet und mit schuldiger Demuth

ihre Abhängigkeit erkannt hätten; indem sie nemlich verachteten, wurden

sie verachtet, und die Studirenden anderer Fächer nahmen keine Notiz von

dem, was jene ausschliessend für sich zu besitzen begehrten, wodurch

sowohl ihrem Studium, als der Wissenschaft im Grossen und Ganzen sehr

geschadet wurde. Wir werden auf Belege dieser Angabe stossen. Eine

wissenschaftliche Kunstschule muthet ihnen sogleich bei ihrem Eintritte

in ihren Umkreis diese Bescheidenheit zu.

Der wissenschaftliche Stoff der ^Jurisprudenz^ ist ein Capitel aus der

Geschichte; sogar nur ein Fragment dieses Capitels, wie sie bisher

behandelt worden. Sie sollte seyn ^eine Geschichte der Ausbildung und

Fortgestaltung des Rechtsbegriffes unter den Menschen^, welcher

^Rechtsbegriff^ selber, unabhängig von dieser Geschichte, und als

^Herrscher^, keinesweges als ^Diener^, schon vorher durch Philosophiren

gefunden seyn müsste. In ihrer gewöhnlichen ersten, lediglich

praktischen Absicht, -- nur ^Richter^, welches ein untergeordnetes

Geschäft ist, zu bilden, wird sie Geschichte jener Ausbildung in dem

Lande, in welchem wir leben, und wenn es hoch geht, unter den Römern,

und so Fragment; aber ihr letzter praktischer Zweck ist der, den

^Gesetzgeber^ zu bilden; und für diesen Behuf möchte ihr wohl das ganze

Capitel rathsam seyn; denn obwohl, was überhaupt Gesetz seyn solle,

schlechthin ^a priori^ erkannt wird, so dürfte doch die Kunst, die

besondere Gestalt dieses Gesetzes für jede gegebene Zeit zu finden und

es ihr anzuschmiegen, der Erfahrung der gesammten bekannten Zeit in

demselben Geschäfte bedürfen. Richteramt sowohl als Gesetzgebung sind

praktische Anwendung ^der Geschichte^; und so hat die Jurisprudenz zu

ihrer ersten Encyklopädie die Encyklopädie der Geschichte, indem dieses

der Boden ist, auf welchem sie und der wissenschaftliche

Verstandesgebrauch in ihr ruhet, und die Ausübung derselben in ihrer

höchsten Potenz eigentlich die Kunst ist, eine Geschichte, und zwar eine

erfreulichere, als die bisherige, hervorzubringen. Die Anführung aber

zur praktischen Anwendung im Leben fällt ganz ausser den Umkreis der

Schule, und wären hierin die Schüler an die ausübenden Collegia zu

verweisen, unter deren Augen, aber auf die ^Verantwortung^ der Beamten,

denen sie anvertraut worden, sie für die künftige Geschäftsführung sich

vorbereiteten. Ich schlage daher für dieses Fach ein ^Comité^ vor, in

welchem aber der oben beschriebene Encyklopädist der Geschichte Sitz,

und für seinen Antheil entscheidende Stimme hätte. Dieses hätte einen

besonderen Encyklopädisten für die ^Theile^ und die Literatur des

beschriebenen Capitels anzustellen, den Studienplan vorzuzeichnen, und

die Anstalten für praktische Bildung unabhängig von der

wissenschaftlichen Kunstschule zu organisiren. Ich hoffe, dass bei

entschiedener Durchführung des Satzes, nicht mündlich zu lehren, was im

Buche steht, der Lectionskatalog dieser Facultät kürzer werden wird, als

er bisher war; wiewohl durch unsere Grundsätze des zu Erlernenden mehr

geworden ist.

Die ^Heilkunde^ ruht auf dem zweiten Theile des positiv zu Erlernenden,

der ^Naturwissenschaft^; jedoch erlaubt ihr gegenwärtiger Zustand den

Zweifel, in welchem auch der Schreiber dieses sich zu befinden gern

bekennt, ob aus jener unstreitig wissenschaftlichen Basis in der

wirklichen Heilkunde auch nur ein einziger ^positiver Schluss^ zu

machen, und somit, ob diese Basis ^Leiterin^ sey in der Ausübung, wie in

der Jurisprudenz dies offenbar der Fall ist, oder ob nur gewissen

allgemeinen Resultaten jener Basis bloss nicht ^widersprochen werden

dürfe^ durch die Ausübung; jene daher (die Wissenschaft) für diese (die

Ausübung) nur ^negatives Regulativ^ und ^Correctiv^ wäre? Sollte, wie

wir befürchten, das Letzte der Fall seyn, und wie wir gleichfalls

befürchten, immerfort bleiben müssen, so gäbe es von der Wissenschaft in

irgend einem ihrer Zweige zu der ausübenden Heilkunde gar keinen

stätigen positiven Uebergang, sondern die letztere hätte ihren

eigenthümlichen Boden in einer ^besonderen^, niemals auf ^positive

Principien zurückzuführenden Beobachtung^; sie wäre somit von der

wissenschaftlichen Schule, welche alle Zweige der Naturwissenschaft bis

zu Anatomie, Botanik u. dergl. ohne alle Rücksicht auf Heilkunde, und

als jedem wissenschaftlich gebildeten Menschen überhaupt durchaus

anzumuthende Kenntnisse, sorgfältig triebe, abzusondern, und in einem

für sich bestehenden Institute, rein und ohne wissenschaftliche

Beimischung, die als in der Schule erlernt vorausgesetzt wird, von der

^materia medica^ z. B. an, die ja nichts ist, als die Anwendung der

ärztlichen Empirie auf die Botanik und dergl., zu treiben. Welche

unermesslichen Vortheile eine solche Verselbstständigung der

Naturwissenschaft, die bisher häufig nur als Magd der Heilkunde

betrachtet und bearbeitet wurde, und an ihrem Theile auch der Heilkunde,

dadurch aber dem ganzen wissenschaftlichen Gemeinwesen bringen würde,

leuchtet wohl von selbst ein. Es wäre daher aus Sachkundigen ein Comité

zu Beantwortung der oben aufgeworfenen Frage und zu Organisirung

derjenigen Anstalten, welche das Resultat dieser Beantwortung

erforderte, zu ernennen. Dass ein solches selbstständiges Institut der

Heilkunde den ihm anheimgefallenen Stoff nach einem festen, auf seine

Encyklopädie begründeten Plane, nach der Maxime, nicht zu lehren, was im

Buche schon steht, behandelte, wäre auch ihm zu wünschen, und es würde

sich von selbst verstehen.

Nun aber, welches ja nicht aus der Acht zu lassen, haben auch die

wichtigsten Resultate der fortgesetzten ärztlichen Beobachtung, deren

wirkliche Vollziehung ihr allein überlassen wird, als ein Theil der

gesammten Naturbeobachtung, Einfluss auf den Fortgang der ganzen

Naturwissenschaft, und so muss auch die wissenschaftliche Schule sie

keinesweges verschmähen, sondern sich in den Stand setzen, fortdauernd

von ihr Notiz zu haben und bei ihr zu lernen. Jedoch wird die Ausbeute

davon niemals sofort und auf der Stelle eingreifen in das Ganze, und so

in den encyklopädischen Unterricht gehören; es wird drum eine andere, an

ihrem Orte anzugebende Maassregel getroffen werden müssen, dieselbe

aufzunehmen, und sie bis zur Eintragung in die Encyklopädie

aufzubewahren.

Dass die ^Theologie^, falls sie nicht den ehemals laut gemachten und

auch neuerlich nie förmlich zurückgenommenen Anspruch auf ein Geheimniss

feierlich aufgeben wollte, in eine Schule der Wissenschaft nicht

aufgenommen werden könne, ist schon oben gezeigt. Giebt sie ihn auf, so

bequemt sie sich dadurch zugleich zu der bisher auch nicht so recht

zugegebenen Trennung ihres praktischen Theiles von ihrem

wissenschaftlichen.

Um zuvörderst den ersten abzuhandeln: der Volkslehrer, den sie bisher zu

bilden sich vorsetzte, ist in seinem Wesen der Vermittler zwischen dem

höheren, dem wissenschaftlich ausgebildeten Stande (denn einen anderen

höheren Stand giebt es nicht, und was nicht wissenschaftlich ausgebildet

ist, ist Volk), und dem niederen, oder dem Volke. Zunächst zwar, und

dies mit vollem Rechte, knüpft er sein Bildungsgeschäft an die Wurzel

und das Allgemeinste aller höheren menschlichen Bildung, an die Religion

an; aber nicht bloss diese, sondern alles, was von der höheren Bildung

an das Volk zu bringen und seinem Zustande anzupassen ist, soll er

immerfort demselben zuführen.

Nichts verhindert, dass er nicht noch neben diesem Berufe ein die

Wissenschaft selbst in ihrer Wurzel selbstthätig bearbeitender und sie

weiter bringender Gelehrter sey, wenn er ^will^ und ^kann^; aber es ist

ihm für diesen Beruf nicht nothwendig, und drum ihm nicht anzumuthen. Es

ist für ihn hinlänglich, dass er überhaupt die Kunst besitze,

wissenschaftliche Gegenstände zu ^verstehen^ und sich über sie

^verständlich zu machen^, die er ja schon in der niederen Schule, welche

er auf alle Fälle durchzumachen hat, gelernt haben wird; ferner von dem

gesammten wissenschaftlichen Umfange die allgemeinsten Resultate, und

das Vermögen, erforderlichen Falles durch Nachlesen sich weiter zu

belehren, worin ihm die an der wissenschaftlichen Schule eingeführten

Encyklopädien den Unterricht und die nöthigen Literaturkenntnisse geben.

Die nöthige Anführung zum Philosophiren hat er beim Philosophen zu

holen. Für sein nächstes Geschäft der religiösen Volksbildung hat er zu

allererst sein Religionssystem in der Schule des Philosophen zu bilden.

Für das Anknüpfen seines Unterrichtes an die biblischen Bücher wird es

vollkommen hinreichen, dass ein Buch geschrieben und ihm in die Hände

gegeben werde, in welchem aus diesen Büchern der Inhalt ächter Religion

und Moral entwickelt werde, wobei nun weder die Verfasser dieses Buches,

noch der dadurch zur Bibel^anwendung^ anzuleitende künftige Volkslehrer

sehr bekümmert zu seyn brauchen über die Frage, ob die biblischen

Schriftsteller es wirklich also gemeint haben, wie sie dieselben

erklären; das Volk aber vor dieser, durchaus nicht in seinen

Gesichtskreis gehörigen Frage sorgfältig zu bewahren ist. Der

Volkslehrer hat darum durchaus nicht nöthig, die biblischen

Schriftsteller nach ^ihrem wahren, von ihnen beabsichtigten Sinne^ zu

verstehen; wie denn ohne Zweifel auch bisher, ohngeachtet es

beabsichtiget und häufig vorgegeben worden, weder bei ihm, noch auch oft

bei seinem Professor in der Exegese, dies der Fall gewesen; und wir

somit nicht einmal eine Neuerung, sondern nur das Geständniss der wahren

Beschaffenheit der Sache, und das besonnene Aufgeben eines unnöthigen

und vergeblichen Strebens begehren. Ueber ^Pastoralklugheit^, d. i. über

seine eigentliche Bestimmung als Volkslehrer im Ganzen eines

Menschengeschlechts, und die Kunstmittel, dieselbe zu erfüllen, wird er

ohne Zweifel auch beim Philosophen einige Auskunft finden können. Sein

eigenthümlich ihm anzumuthender Charakter, die ^Kunst^ der

^Popularität^, und die Uebungen derselben durch katechetische,

homiletische, auch ^Umgangsinstitute^ mit Gliedern aus dem Volke, sind

der wissenschaftlichen Schule, welche den scientifischen Vortrag

beabsichtigt, entgegengesetzt, drum von ihm abzusondern, und am

schicklichsten den ausübenden Volkslehrern, wie bei den Juristen, zu

übertragen. Das eigentliche Genie für den künftigen Volkslehrer ist ein

frommes, Menschen und besonders das Volk liebendes Herz; hierauf wäre

bei der Zulassung zu diesem Berufe hauptsächlich zu sehen, und besonders

bei Besetzung der Consistorien, als etwa der künftigen Schulen solcher

Lehrer, würde weit mehr auf diese Eigenschaften, als auf andere

glänzende Talente oder auf ausgebreitete Kenntnisse Rücksicht genommen

werden müssen.

Der wissenschaftliche Nachlass dieser, als einer priesterlichen

Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen mit Tode abgegangenen

Theologie an die wissenschaftliche Schule würde durch eine solche

Veränderung seine ganze bisherige Natur ausziehen und eine neue anlegen.

Es hat derselbe zwei Theile: ein von der Philologie abgerissenes Stück,

und ein Capitel aus der Geschichte. Die morgenländischen Sprachen, zu

denen der den Theologen bis jetzt fast ausschliessend überlassene

hebräische Dialekt einen leichten und schicklichen Eingang darbietet,

machen einen sehr wesentlichen Theil der Sprachentwickelung des

menschlichen Geschlechts aus, und sind bei einer einst zu hoffenden

organischen Uebersicht derselben ja nicht auszulassen; die

hellenistische Form nun vollends der griechischen biblischen

Schriftsteller gehört zur Kenntniss der griechischen Sprache im Ganzen,

welche Sprache ja auf unseren Schulen getrieben wird. Beide erhalten

gegen den aufgegebenen höchst zweideutigen Anspruch, heilige Sprachen zu

seyn, den weit bedeutenderen, dass sie menschliche Sprachen sind,

zurück, und fallen der niederen Schule, die sich ja der Trägheit schämen

wird, die beschränkte hebräische Sprache nicht allgemein bearbeiten zu

können, da sie die sehr reiche griechische Sprache mit Glück bearbeitet,

wiederum anheim. Ferner sind die biblischen Schriftsteller ja höchst

bedeutende Formen der Entwickelung des menschlichen Geistes, deren

wahrer Werth bloss darum nicht beachtet worden, weil ein erdichteter

falscher alle Aufmerksamkeit der einen Partei anzog, und den Hass und

die unbedingte Nichtbeachtung der anderen Partei erregte. Von nun an,

^sine ira et studio^ in dieser Sache urtheilend, werden wir es ebenso

belehrend und ergötzend finden, den Jesaias zu lesen, als den Aeschylos,

und den Johannes als den Plato, und es wird uns mit dem richtigen

Wortverständnisse derselben, ^welches das gelehrte Studium allerdings

anstreben wird^, weit besser gelingen, wenn auch die ersten ebensowohl

als die zweiten zuweilen auch ^unrecht^ haben dürften, als vorher, da

sie immer, und für die besondere Ansicht jedes neuen Exegeten, recht

haben sollten, welches ohne mancherlei Zwang und ohne nie endenden

Streit nicht zu bewerkstelligen war. Diese Exegese wird redlich seyn,

auch redlich gestehen, was sie nicht versteht, dagegen die vom

theologischen Principe ausgehende höchst unredlich war; (das oben

Vorgeschlagene aber gleichfalls keine unredliche Exegese ist, da es

überhaupt nicht Exegese ist, noch sich dafür giebt, indem eine solche

eine gelehrte Aufgabe ist, die durchaus vor das Volk nicht gehört).

Das Capitel aus der Historie, wovon die bisherige Theologie einen

Haupttheil sich fast ausschliessend zugeeignet, ist die ^Geschichte der

Entwickelung der religiösen Begriffe unter den Menschen^. Es geht aus

dem gebrauchten Ausdrucke hervor, dass die Aufgabe umfassender ist, als

die Theologie sie genommen, indem auch über die Religionsbegriffe der

sogenannten Heiden Auskunft gegeben werden müsste, und dass die

wissenschaftliche Schule sie in dieser Ausdehnung nehmen wird. Mit

diesen zu ihr gehörigen und sie erklärenden Bestandtheilen versehen,

ferner ohne alles Interesse für irgend ein Resultat, und mit redlicher

Wahrheitsliebe bearbeitet, wird auch die eigentliche Kirchengeschichte

eine ganz andere Gestalt gewinnen, und man wird der Lösung mehrerer

Probleme (z. B. über die wahren Verfasser mancher biblischen Schriften,

über die ächten oder unächten Theile derselben, die Geschichte des

Kanon, u. s. w.), die dem Unbefangenen noch immer nicht gründlich gelöst

zu seyn scheinen könnten, näher kommen, oder auch genau finden und

bekennen, was in dieser Region sich ausmitteln lasse, und was nicht. Es

wäre, wie sich versteht, dieser Theil der Geschichte dem Encyklopädisten

der gesammten Geschichte, zur Verflechtung in seinen Studienplan,

anheimzugeben. --

Zur Entscheidung über die oben vorgelegte Hauptfrage, und falls die

Antwort darauf befriedigend ausfiele, zur Entwerfung eines festen Planes

und Errichtung eines besonderen Institutes zur Bildung künftiger

Volkslehrer wäre ein aus sachverständigen und guten Theologen und

Predigern bestehendes Comité niederzusetzen.

§. 27.

Diesen zu beauftragenden einzelnen Männern und Comités wäre, ausser den

schon angeführten Geschäften, auch noch folgendes aufzugeben, dass sie

vollständig untersuchten, was an gelehrtem Apparate für jedes Fach

(Bücher, Kunst- und Naturaliensammlungen, physikalische Instrumente, und

dergl.) vorhanden sey, welche Notwendigkeiten dagegen uns abgingen und

angeschafft werden müssten; für vollständige Kataloge und Repertorien

dieser Schätze sorgten; und in ihre Studienpläne den zweckmässigen,

folgegemässen Gebrauch derselben aufnähmen. Falls die beauftragten

einzelnen Männer neben ihrem ersten Geschäfte zu diesem nicht Zeit

fänden, so wären sie zu ersuchen, einen anderen tüchtigen Mann für

dasselbe zu ernennen.

In diesem Geschäfte hätten sie von einer Seite sich sorgfältig zu hüten,

dass sie, etwa um nichts umkommen zu lassen, oder aus Streben nach

äusserem Glanze und Rivalität mit anderen gelehrten Anstalten, durch

Beibehaltung überflüssiger Dinge der Reinheit und Einfachheit unserer

Anstalt Abbruch thäten; sowie von der anderen Seite nichts zu sparen am

wirklich Nöthigen. Was den äusseren Glanz betrifft, so wird uns dieser,

falls wir nur das innere Wesen redlich ausbilden, von selbst zufallen;

die bedachte Beachtung desselben aber, und die Nachahmung anderer, von

denen wir nicht Beispiele annehmen, sondern sie ihnen geben wollen,

würde uns wiederum in die Verworrenheit hineinwerfen, welche ja von uns

abzuhalten unser erstes Bestreben seyn muss.

§. 28.

Durch die allseitige Lösung der aufgestellten Aufgaben wäre nun fürs

erste zu Stande gebracht das ^lehrende Subject^ der wissenschaftlichen

Kunstschule. Wir könnten mit den encyklopädischen Vorlesungen eine, fürs

erste in ihren übrigen Bestimmungen ^ganz gewöhnliche Universität^

eröffnen. Es wären jedoch diese gesammten Vorlesungen, in denen, immer

nach dem Ermessen des Lehrers, der fortfliessende Vortrag mit Examinibus

und Conversatorien, deren Besuchung jedem Studirenden ^freistände^,

keiner aber dazu ^verbunden^ wäre, abwechselte, über das erste

Unterrichtsjahr also zu vertheilen, dass die Studenten, und wenn sie es

wollten, auch die Lehrer, diese Vorlesungen alle hören könnten, dennoch

aber den ersteren zum aufgegebenen Bücherlesen und zur Ausarbeitung der

Aufsätze, -- von welchem demnächst, -- den letzteren zu Beurtheilung

dieser Aufsätze Zeit übrig bliebe. Es möchte in dieser Zeitberechnung

bei beiden Theilen in Gottes Namen auf noch mehr als den üblichen Fleiss

und Berufstreue gerechnet werden; indem diese Eigenschaften ohnedies an

unserer Schule an die Tagesordnung kommen sollen, und drum nicht zu früh

eingeführt werden können.

§. 29.

^Während^ dieser encyklopädischen Vorlesungen des ersten Lehrjahres

stellen der philosophische Lehrer sowohl, als die übrigen

encyklopädischen eine ^Aufgabe^ an ihr Auditorium, in dem oben sattsam

charakterisirten Geiste; so dass das aus dem mündlichen Vortrage oder

dem Buche Erlernte nicht bloss wiedergegeben, sondern dass es zur

Prämisse gemacht werde, damit sich zeige, ob der Jüngling es zu seinem

freien Eigenthume erhalten habe, und als anhebender Künstler etwas

Anderes daraus zu gestalten vermöge. Diese Aufgabe bearbeitet jeder

Studirende, der da will, in einem Aufsatze, den er zu einem bestimmten

Termine vor Beendigung des Lehrjahres, mit einem versiegelten Zettel,

der den Namen des Verfassers enthalte, bei dem aufgebenden Lehrer

einsendet. Der Lehrer prüft diese Aufsätze und hebt die vorzüglichsten

heraus.

In dieser Beurtheilung der Aufsätze ist bei rein philosophischem Inhalte

der Lehrer der Philosophie unbeschränkt: zur Krönung anderer aber, die

einen positiv wissenschaftlichen Stoff haben, müssen der encyklopädische

Lehrer des Faches und der Philosoph (später, wenn wir eine solche haben

werden, die philosophische Klasse) sich vereinigen, der ^erstere^

entscheidend über die Richtigkeit und die auf dieser Stufe des

Unterrichts anzumuthende Tiefe und Vollständigkeit der historischen

Erkenntniss, der zweite über den philosophischen und Künstlergeist, mit

welchem jener Stoff verarbeitet worden. Ein von ^Einem^ dieser beiden

verworfener Aufsatz bleibt verworfen, obschon der andere Theil ihn

billigte. Die Nothwendigkeit dieser Mitwirkung der philosophischen

Klasse liegt im Wesen einer Kunstschule: die Mitwirkung des historischen

Wissens aber soll uns dagegen verwahren, dass nicht in empirischen

Fächern ^a priori^ phantasirt werde, statt gründlicher Gelehrsamkeit.

Am ^Schlusse^ des ersten Lehrjahres wird das Resultat der also

vollzogenen Beurtheilung der eingegebenen Aufsätze, und die Namen derer,

deren Ausarbeitungen gebilligt sind, bekannt gemacht; und es treten von

ihnen diejenigen, ^welche wollen^, zusammen, als der erste Anfang eines

^lernenden Subjects^, in höherem und vorzüglicherem Sinne, an unserer

wissenschaftlichen Kunstschule. Welche wollen, sagte ich; denn obwohl

die Ausfertigung eines Aufsatzes, und die Unterwerfung desselben unter

die Beurtheilung des lehrenden Corps, diesen Willen vorauszusetzen

scheint: so können mit dem ersten doch auch mancherlei andere Zwecke

beabsichtigt werden, von denen zu seiner Zeit; alle Studirenden an

unserer Universität können auch für diese Zwecke berechtiget werden; und

es muss darum jedem, der sogar beitreten ^dürfte^, überlassen werden, ob

er ^will^. Inzwischen wird die Fortsetzung unseres Entwurfes ohne

Zweifel die sichere Vermuthung begründen, dass jeder wollen werde, der

da dürfe.

§. 30.

Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt / Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische Uebersetzungen · 第 1 / 76 题