Mehrere Geschäfte weltlicher und literarischer Natur hielten den
Reiselustigen noch etwa zwei Wochen nach jenem Spaziergang in München
zurück. Er gab endlich Auftrag, sein Landhaus binnen vier Wochen zum
Einzuge instandzusetzen und reiste an einem Tage zwischen Mitte und
Ende des Mai mit dem Nachtzuge nach Triest, wo er nur vierundzwanzig
Stunden verweilte und sich am nächstfolgenden Morgen nach Pola
einschiffte. Was er suchte, war das Fremdartige und Bezuglose,
welches jedoch rasch zu erreichen wäre, und so nahm er Aufenthalt auf
einer seit einigen Jahren gerühmten Insel der Adria, unfern der
istrischen Küste gelegen, mit farbig zerlumptem, in wildfremden Lauten
redendem Landvolk und schön zerrissenen Klippenpartien dort, wo das
Meer offen war. Allein Regen und schwere Luft, eine kleinweltliche,
geschlossen österreichische Hotelgesellschaft und der Mangel jenes
ruhevoll innigen Verhältnisses zum Meere, das nur ein sanfter,
sandiger Strand gewährt, verdrossen ihn, ließen ihn nicht das
Bewußtsein gewinnen, den Ort seiner Bestimmung getroffen zu haben; ein
Zug seines Innern, ihm war noch nicht deutlich, wohin, beunruhigte
ihn, er studierte Schiffsverbindungen, er blickte suchend umher, und
auf einmal, zugleich überraschend und selbstverständlich, stand ihm
sein Ziel vor Augen. Wenn man über Nacht das Unvergleichliche, das
märchenhaft Abweichende zu erreichen wünschte, wohin ging man? Aber
das war klar. Was sollte er hier? Er war fehlgegangen. Dorthin hatte
er reisen wollen. Er säumte nicht, den irrigen Aufenthalt zu kündigen.
Anderthalb Wochen nach seiner Ankunft auf der Insel trug ein
geschwindes Motorboot ihn und sein Gepäck in dunstiger Frühe über die
Wasser in den Kriegshafen zurück, und er ging dort nur an Land, um
sogleich über einen Brettersteg das feuchte Verdeck eines Schiffes zu
beschreiten, das unter Dampf zur Fahrt nach Venedig lag.
Es war ein betagtes Fahrzeug italienischer Nationalität, veraltet,
rußig und düster. In einer höhlenartigen, künstlich erleuchteten Koje
des inneren Raumes, wohin Aschenbach sofort nach Betreten des Schiffes
von einem buckligen und unreinlichen Matrosen mit grinsender
Höflichkeit genötigt wurde, saß hinter einem Tische, den Hut schief in
der Stirn und einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, ein
ziegenbärtiger Mann von der Physiognomie eines altmodischen
Zirkusdirektors, der mit grimassenhaft leichtem Geschäftsgebaren die
Personalien der Reisenden aufnahm und ihnen die Fahrscheine
ausstellte. »Nach Venedig!« wiederholte er Aschenbachs Ansuchen, indem
er den Arm reckte und die Feder in den breiigen Restinhalt eines
schräg geneigten Tintenfasses stieß. »Nach Venedig erster Klasse! Sie
sind bedient, mein Herr!« Und er schrieb große Krähenfüße, streute aus
einer Büchse blauen Sand auf die Schrift, ließ ihn in eine tönerne
Schale ablaufen, faltete das Papier mit gelben und knochigen Fingern
und schrieb aufs neue. »Ein glücklich gewähltes Reiseziel!« schwatzte
er unterdessen. »Ah, Venedig! Eine herrliche Stadt! Eine Stadt von
unwiderstehlicher Anziehungskraft für den Gebildeten, ihrer Geschichte
sowohl wie ihrer gegenwärtigen Reize wegen!« Die glatte Raschheit
seiner Bewegungen und das leere Gerede, womit er sie begleitete,
hatten etwas Betäubendes und Ablenkendes, etwa als besorgte er, der
Reisende möchte in seinem Entschluß, nach Venedig zu fahren, noch
wankend werden. Er kassierte eilig und ließ mit Croupiergewandtheit
den Differenzbetrag auf den fleckigen Tuchbezug des Tisches fallen.
»Gute Unterhaltung, mein Herr!« sagte er mit schauspielerischer
Verbeugung. »Es ist mir eine Ehre, Sie zu befördern... Meine Herren!«
rief er sogleich mit erhobenem Arm und tat, als sei das Geschäft im
flottesten Gange, obgleich niemand mehr da war, der nach Abfertigung
verlangt hätte. Aschenbach kehrte auf das Verdeck zurück.
Einen Arm auf die Brüstung gelehnt, betrachtete er das müßige Volk,
das, der Abfahrt des Schiffes beizuwohnen, am Quai lungerte, und die
Passagiere an Bord. Diejenigen der zweiten Klasse kauerten, Männer und
Weiber, auf dem Vorderdeck, indem sie Kisten und Bündel als Sitze
benutzten. Eine Gruppe junger Leute bildete die Reisegesellschaft des
ersten Verdecks, Polenser Handelsgehülfen, wie es schien, die sich in
angeregter Laune zu einem Ausflug nach Italien vereinigt hatten. Sie
machten nicht wenig Aufhebens von sich und ihrem Unternehmen,
schwatzten, lachten, genossen selbstgefällig das eigene Gebärdenspiel
und riefen den Kameraden, die, Portefeuilles unterm Arm, in Geschäften
die Hafenstraße entlang gingen und den Feiernden mit dem Stöckchen
drohten, über das Geländer gebeugt, zungengeläufige Spottreden nach.
Einer, in hellgelbem, übermodisch geschnittenem Sommeranzug, roter
Krawatte und kühn aufgebogenem Panama, tat sich mit krähender Stimme
an Aufgeräumtheit vor allen andern hervor. Kaum aber hatte Aschenbach
ihn genauer ins Auge gefaßt, als er mit einer Art von Entsetzen
erkannte, daß der Jüngling falsch war. Er war alt, man konnte nicht
zweifeln. Runzeln umgaben ihm Augen und Mund. Das matte Karmesin der
Wangen war Schminke, das braune Haar unter dem farbig umwundenen
Strohhut Perücke, sein Hals verfallen und sehnig, sein aufgesetztes
Schnurrbärtchen und die Fliege am Kinn gefärbt, sein gelbes und
vollzähliges Gebiß, das er lachend zeigte, ein billiger Ersatz, und
seine Hände, mit Siegelringen an beiden Zeigefingern, waren die eines
Greises. Schauerlich angemutet sah Aschenbach ihm und seiner
Gemeinschaft mit den Freunden zu. Wußten, bemerkten sie nicht, daß er
alt war, daß er zu Unrecht ihre stutzerhafte und bunte Kleidung trug,
zu Unrecht einen der Ihren spielte? Selbstverständlich und
gewohnheitsmäßig, wie es schien, duldeten sie ihn in ihrer Mitte,
behandelten ihn als ihresgleichen, erwiderten ohne Abscheu seine
neckischen Rippenstöße. Wie ging das zu? Aschenbach bedeckte seine
Stirn mit der Hand und schloß die Augen, die heiß waren, da er zu
wenig geschlafen hatte. Ihm war, als lasse nicht alles sich ganz
gewöhnlich an, als beginne eine träumerische Entfremdung, eine
Entstellung der Welt ins Sonderbare um sich zu greifen, der vielleicht
Einhalt zu tun wäre, wenn er sein Gesicht ein wenig verdunkelte und
aufs neue um sich schaute. In diesem Augenblick jedoch berührte ihn
das Gefühl des Schwimmens, und mit unvernünftigem Erschrecken
aufsehend, gewahrte er, daß der schwere und düstere Körper des
Schiffes sich langsam vom gemauerten Ufer löste. Zollweise, unter dem
Vorwärts-und Rückwärtsarbeiten der Maschine, verbreitete sich der
Streifen schmutzig schillernden Wassers zwischen Quai und Schiffswand,
und nach schwerfälligen Manövern kehrte der Dampfer seinen Bugspriet
dem offenen Meere zu. Aschenbach ging nach der Steuerbordseite
hinüber, wo der Bucklige ihm einen Liegestuhl aufgeschlagen hatte und
ein Steward in fleckigem Frack nach seinen Befehlen fragte.
Der Himmel war grau, der Wind feucht; Hafen und Inseln waren
zurückgeblieben, und rasch verlor sich aus dem dunstigen
Gesichtskreise alles Land. Flocken von Kohlenstaub gingen, gedunsen
von Nässe, auf das gewaschene Deck nieder, das nicht trocknen wollte.
Schon nach einer Stunde spannte man ein Segeldach aus, da es zu regnen
begann.
In seinen Mantel geschlossen, ein Buch im Schoße, ruhte der Reisende,
und die Stunden verrannen ihm unversehens. Es hatte zu regnen
aufgehört; man entfernte das leinene Dach. Der Horizont war
vollkommen. Unter der breiten Kuppel des Himmels dehnte sich rings die
ungeheure Scheibe des öden Meeres; aber im leeren, ungegliederten
Raume fehlt unserem Sinn auch das Maß der Zeit, und wir dämmern im
Ungemessenen. Schattenhaft sonderbare Gestalten, der greise Geck, der
Ziegenbart aus dem Schiffsinnern, gingen mit unbestimmten Gebärden,
mit verwirrten Traumworten durch den Geist des Ruhenden, und er
schlief ein.
Um Mittag nötigte man ihn hinab, damit er in dem korridorartigen
Speisesaal, auf den die Türen der Schlafkojen mündeten, zu Häupten
eines langen Tisches, an dessen unterem Ende die Handelsgehülfen,
einschließlich des Alten, seit zehn Uhr mit dem munteren Kapitän
pokulierten, die bestellte Mahlzeit nähme. Sie war armselig, und er
beendete sie rasch. Es trieb ihn ins Freie, nach dem Himmel zu sehen:
ob er denn nicht über Venedig sich erhellen wollte.
Er hatte nicht anders gedacht, als daß dies geschehen müsse, denn
stets hatte die Stadt ihn im Glanze empfangen. Aber Himmel und Meer
blieben trüb und bleiern, zeitweilig ging neblichter Regen nieder, und
er fand sich darein, auf dem Wasserwege ein anderes Venedig zu
erreichen, als er, zu Lande sich nähernd, je angetroffen hatte. Er
stand am Fockmast, den Blick im Weiten, das Land erwartend. Er
gedachte des schwermütig-enthusiastischen Dichters, dem vormals die
Kuppeln und Glockentürme seines Traumes aus diesen Fluten gestiegen
waren, er wiederholte im Stillen einiges von dem, was damals an
Ehrfurcht, Glück und Trauer zu maßvollem Gesange geworden, und von
schon gestalteter Empfindung mühelos bewegt, prüfte er sein ernstes
und müdes Herz, ob eine erneuernde Begeisterung und Verwirrung, ein
spätes Abenteuer des Gefühles dem fahrenden Müßiggänger vielleicht
noch vorbehalten sein könne.
Da tauchte zur Rechten die flache Küste auf, Fischerboote belebten das
Meer, die Bäderinsel erschien, der Dampfer ließ sie zur Linken, glitt
verlangsamten Ganges durch den schmalen Port, der nach ihr benannt
ist, und auf der Lagune, angesichts bunt armseliger Behausungen hielt
er ganz, da die Barke des Sanitätsdienstes erwartet werden mußte.
Eine Stunde verging, bis sie erschien. Man war angekommen und war es
nicht; man hatte keine Eile und fühlte sich doch von Ungeduld
getrieben. Die jungen Polenser, patriotisch angezogen auch wohl von
den militärischen Hornsignalen, die aus der Gegend der öffentlichen
Gärten her über das Wasser klangen, waren auf Deck gekommen, und, vom
Asti begeistert, brachten sie Lebehochs auf die drüben exerzierenden
Bersaglieri aus. Aber widerlich war es zu sehen, in welchen Zustand
den aufgestutzten Greisen seine falsche Gemeinschaft mit der Jugend
gebracht hatte. Sein altes Hirn hatte dem Weine nicht wie die
jugendlich rüstigen Stand zu halten vermocht, er war kläglich
betrunken. Verblödeten Blicks, eine Zigarette zwischen den zitternden
Fingern, schwankte er, mühsam das Gleichgewicht haltend, auf der
Stelle, vom Rausche vorwärts und rückwärts gezogen. Da er beim ersten
Schritte gefallen wäre, getraute er sich nicht vom Fleck, doch zeigte
er einen jammervollen Übermut, hielt jeden, der sich ihm näherte, am
Knopfe fest, lallte, zwinkerte, kicherte, hob seinen beringten,
runzeligen Zeigefinger zu alberner Neckerei und leckte auf abscheulich
zweideutige Art mit der Zungenspitze die Mundwinkel. Aschenbach sah
ihm mit finsteren Brauen zu, und wiederum kam ein Gefühl von
Benommenheit ihn an, so, als zeige die Welt eine leichte, doch nicht
zu hemmende Neigung, sich ins Sonderbare und Fratzenhafte zu
entstellen; ein Gefühl, dem nachzuhängen freilich die Umstände ihn
abhielten, da eben die stampfende Tätigkeit der Maschine aufs neue
begann und das Schiff seine so nah dem Ziel unterbrochene Fahrt durch
den Kanal von San Marco wieder aufnahm. So sah er ihn denn wieder,
den erstaunlichsten Landungsplatz, jene blendende Komposition
phantastischen Bauwerks, welche die Republik den ehrfürchtigen Blicken
nahender Seefahrer entgegenstellte: die leichte Herrlichkeit des
Palastes und die Seufzerbrücke, die Säulen mit Löw' und Heiligem am
Ufer, die prunkend vortretende Flanke des Märchentempels, den
Durchblick auf Torweg und Riesenuhr, und anschauend bedachte er, daß
zu Lande, auf dem Bahnhof in Venedig anlangen, einen Palast durch eine
Hintertür betreten heiße, und daß man nicht anders als wie nun er, als
zu Schiffe, als über das hohe Meer die unwahrscheinlichste der Städte
erreichen sollte.
Die Maschine stoppte, Gondeln drängten herzu, die Fallreepstreppe ward
herabgelassen, Zollbeamte stiegen an Bord und walteten obenhin ihres
Amtes; die Ausschiffung konnte beginnen. Aschenbach gab zu verstehen,
daß er eine Gondel wünsche, die ihn und sein Gepäck zur Station jener
kleinen Dampfer bringen solle, welche zwischen der Stadt und dem Lido
verkehren; denn er gedachte am Meere Wohnung zu nehmen. Man billigt
sein Vorhaben, man schreit seinen Wunsch zur Wasserfläche hinab, wo
die Gondelführer im Dialekt mit einander zanken. Er ist noch
gehindert, hinabzusteigen, sein Koffer hindert ihn, der eben mit
Mühsal die leiterartige Treppe hinunter gezerrt und geschleppt wird.
So sieht er sich minutenlang außerstande, den Zudringlichkeiten des
schauderhaften Alten zu entkommen, den die Trunkenheit dunkel
antreibt, dem Fremden Abschiedshonneurs zu machen. »Wir wünschen den
glücklichsten Aufenthalt«, meckert er unter Kratzfüßen. »Man empfiehlt
sich geneigter Erinnerung! Au revoir, excusez und bon jour, Euer
Exzellenz!« Sein Mund wässert, er drückt die Augen ein, er leckt die
Mundwinkel, und die gefärbte Bartfliege an seiner Greisenlippe sträubt
sich empor. »Unsere Komplimente«, lallt er, zwei Fingerspitzen am
Munde, »unsere Komplimente dem Liebchen, dem allerliebsten, dem
schönsten Liebchen...« Und plötzlich fällt ihm das falsche Obergebiß
vom Kiefer auf die Unterlippe. Aschenbach konnte entweichen. »Dem
Liebchen, dem feinen Liebchen«, hörte er in girrenden, hohlen und
behinderten Lauten in seinem Rücken, während er, am Strickgeländer
sich haltend, die Fallreepstreppe hinabklomm.
Wer hätte nicht einen flüchtigen Schauder, eine geheime Scheu und
Beklommenheit zu bekämpfen gehabt, wenn es zum ersten Male oder nach
langer Entwöhnung galt, eine venezianische Gondel zu besteigen? Das
seltsame Fahrzeug, aus balladesken Zeiten ganz unverändert überkommen
und so eigentümlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Särge
sind, es erinnert an lautlose und verbrecherische Abenteuer in
plätschernder Nacht, es erinnert noch mehr an den Tod selbst, an Bahre
und düsteres Begängnis und letzte, schweigsame Fahrt. Und hat man
bemerkt, daß der Sitz einer solchen Barke, dieser sargschwarz
lackierte, mattschwarz gepolsterte Armstuhl, der weichste, üppigste,
der erschlaffendste Sitz von der Welt ist? Aschenbach ward es gewahr,
als er zu Füßen des Gondoliers, seinem Gepäck gegenüber, das am
Schnabel reinlich beisammen lag, sich niedergelassen hatte. Die
Ruderer zankten immer noch, rauh, unverständlich, mit drohenden
Gebärden. Aber die besondere Stille der Wasserstadt schien ihre
Stimmen sanft aufzunehmen, zu entkörpern, über der Flut zu zerstreuen.
Es war warm hier im Hafen. Lau angerührt vom Hauch des Scirocco, auf
dem nachgiebigen Element in Kissen gelehnt, schloß der Reisende die
Augen im Genuß einer so ungewohnten als süßen Lässigkeit. Die Fahrt
wird kurz sein, dachte er; möchte sie immer währen! In leisem
Schwanken fühlte er sich dem Gedränge, dem Stimmengewirr entgleiten.
Wie still und stiller es um ihn wurde! Nichts war zu vernehmen als das
Plätschern des Ruders, das hohle Aufschlagen der Wellen gegen den
Schnabel der Barke, der steil, schwarz und an der Spitze
hellebardenartig bewehrt über dem Wasser stand und noch ein Drittes,
ein Reden, ein Raunen,--das Flüstern des Gondoliers, der zwischen den
Zähnen, stoßweise, in Lauten, die von der Arbeit seiner Arme gepreßt
waren, zu sich selber sprach. Aschenbach blickte auf, und mit leichter
Befremdung gewahrte er, daß um ihn her die Lagune sich weitete und
seine Fahrt dem offenen Meere zugekehrt war. Es schien folglich, daß
er nicht allzu sehr ruhen dürfe, sondern auf den Vollzug seines
Willens ein wenig bedacht sein müsse.
--Zur Dampferstation also! sagte er mit einer halben Wendung
rückwärts. Das Raunen verstummte. Er erhielt keine Antwort.
--Zur Dampferstation also! wiederholte er, indem er sich vollends
umwandte und in das Gesicht des Gondoliers emporblickte, der hinter
ihm, auf erhöhtem Borde stehend, vor dem fahlen Himmel aufragte. Es
war ein Mann von ungefälliger, ja brutaler Physiognomie, seemännisch
blau gekleidet, mit einer gelben Schärpe gegürtet und einen formlosen
Strohhut, dessen Geflecht sich aufzulösen begann, verwegen schief auf
dem Kopfe. Seine Gesichtsbildung, sein blonder, lockiger Schnurrbart
unter der kurz aufgeworfenen Nase ließen ihn durchaus nicht
italienischen Schlages erscheinen. Obgleich eher schmächtig von
Leibesbeschaffenheit, so daß man ihn für seinen Beruf nicht sonderlich
geschickt geglaubt hätte, führte er das Ruder, bei jedem Schlage den
ganzen Körper einsetzend, mit großer Energie. Ein paarmal zog er vor
Anstrengung die Lippen zurück und entblößte seine weißen Zähne. Die
rötlichen Brauen gerunzelt, blickte er über den Gast hinweg, indem er
bestimmten, fast groben Tones erwiderte:
--Sie fahren zum Lido.
Aschenbach entgegnete:
--Allerdings. Aber ich habe die Gondel nur genommen, um mich nach San
Marco übersetzen zu lassen. Ich wünsche den Vaporetto zu benutzen.
--Sie können den Vaporetto nicht benutzen, mein Herr.
--Und warum nicht?
--Weil der Vaporetto kein Gepäck befördert.
Das war richtig; Aschenbach erinnerte sich. Er schwieg. Aber die
schroffe, überhebliche, einem Fremden gegenüber so wenig landesübliche
Art des Menschen schien unleidlich. Er sagte:
--Das ist meine Sache. Vielleicht will ich mein Gepäck in Verwahrung
geben. Sie werden umkehren. Er blieb still. Das Ruder plätscherte,
das Wasser schlug dumpf an den Bug. Und das Reden und Raunen begann
wieder: der Gondolier sprach zwischen den Zähnen mit sich selbst.
Was war zu tun? Allein auf der Flut mit dem sonderbar unbotmäßigen,
unheimlich entschlossenen Menschen, sah der Reisende kein Mittel,
seinen Willen durchzusetzen. Wie weich er übrigens ruhen durfte, wenn
er sich nicht empörte. Hatte er nicht gewünscht, daß die Fahrt lange,
daß sie immer dauern möge? Es war das Klügste, den Dingen ihren Lauf
zu lassen, und es war hauptsächlich höchst angenehm. Ein Bann der
Trägheit schien auszugehen von seinem Sitz, von diesem niedrigen,
schwarzgepolsterten Armstuhl, so sanft gewiegt von den Ruderschlägen
des eigenmächtigen Gondoliers in seinem Rücken. Die Vorstellung, einem
Verbrecher in die Hände gefallen zu sein, streifte träumerisch
Aschenbachs Sinn,--unvermögend, seine Gedanken zu tätiger Abwehr
aufzurufen. Verdrießlicher schien die Möglichkeit, daß alles auf
simple Geldschneiderei angelegt sei. Eine Art Pflichtgefühl oder
Stolz, die Erinnerung gleichsam, daß man dem vorbeugen müsse,
vermochte ihn, sich noch einmal aufzuraffen. Er fragte:
--Was fordern Sie für die Fahrt?
Und über ihn hinsehend antwortete der Gondolier:
--Sie werden bezahlen.
Es stand fest, was hierauf zurückzugeben war. Aschenbach sagte
mechanisch:
--Ich werde nichts bezahlen, durchaus nichts, wenn Sie mich fahren,
wohin ich nicht will.
--Sie wollen zum Lido.
--Aber nicht mit Ihnen.
--Ich fahre Sie gut.
Das ist wahr, dachte Aschenbach und spannte sich ab. Das ist wahr, du
fährst mich gut. Selbst, wenn du es auf meine Barschaft abgesehen hast
und mich hinterrücks mit einem Ruderschlage ins Haus des Aides
schickst, wirst du mich gut gefahren haben. Allein nichts dergleichen
geschah. Sogar Gesellschaft stellte sich ein, ein Boot mit
musikalischen Wegelagerern, Männern und Weibern, die zur Guitarre,
zur Mandoline sangen, aufdringlich Bord an Bord mit der Gondel fuhren
und die Stille über den Wassern mit ihrer gewinnsüchtigen
Fremdenpoesie erfüllten. Aschenbach warf Geld in den hingehaltenen
Hut. Sie schwiegen dann und fuhren davon. Und das Flüstern des
Gondoliers war wieder wahrnehmbar, der stoßweise und abgerissen mit
sich selber sprach.
So kam man denn an, geschaukelt vom Kielwasser eines zur Stadt
fahrenden Dampfers. Zwei Munizipalbeamte, die Hände auf dem Rücken,
die Gesichter der Lagune zugewandt, gingen am Ufer auf und ab.
Aschenbach verließ am Stege die Gondel, unterstützt von jenem Alten,
der an jedem Landungsplatze Venedigs mit seinem Enterhaken zur Stelle
ist; und da es ihm an kleinerem Gelde fehlte, ging er hinüber in das
der Dampferbrücke benachbarte Hotel, um dort zu wechseln und den
Ruderer nach Gutdünken abzulohnen. Er wird in der Halle bedient, er
kehrt zurück, er findet sein Reisegut auf einem Karren am Quai, und
Gondel und Gondolier sind verschwunden.
--Er hat sich fortgemacht, sagte der Alte mit dem Enterhaken. Ein
schlechter Mann, ein Mann ohne Konzession, gnädiger Herr. Er ist der
einzige Gondolier, der keine Konzession besitzt. Die andern haben
hierher telephoniert. Er sah, daß er erwartet wurde. Da hat er sich
fortgemacht.
Aschenbach zuckte die Achseln.
--Der Herr ist umsonst gefahren, sagte der Alte und hielt den Hut hin.
Aschenbach warf Münzen hinein. Er gab Weisung, sein Gepäck ins
Bäder-Hotel zu bringen, und folgte dem Karren durch die Allee, die
weißblühende Allee, welche, Tavernen, Bazare, Pensionen zu beiden
Seiten, quer über die Insel zum Strande läuft.
Er betrat das weitläufige Hotel von hinten, von der Gartenterrasse aus
und begab sich durch die große Halle und die Vorhalle ins Office. Da
er angemeldet war, wurde er mit dienstfertigem Einverständnis
empfangen. Ein Manager, ein kleiner, leiser, schmeichelnd höflicher
Mann mit schwarzem Schnurrbart und in französisch geschnittenem
Gehrock, begleitete ihn im Lift zum zweiten Stockwerk hinauf und wies
ihm sein Zimmer an, einen angenehmen, in Kirschholz möblierten Raum,
den man mit starkduftenden Blumen geschmückt hatte und dessen hohe
Fenster die Aussicht aufs offene Meer gewährten. Er trat an eines
davon, nachdem der Angestellte sich zurückgezogen, und während man
hinter ihm sein Gepäck hereinschaffte und im Zimmer unterbrachte,
blickte er hinaus auf den nachmittäglich menschenarmen Strand und die
unbesonnte See, die Flutzeit hatte und niedrige, gestreckte Wellen in
ruhigem Gleichtakt gegen das Ufer sandte.
Die Beobachtungen und Begegnisse des Einsam-Stummen sind zugleich
verschwommener und eindringlicher als die des Geselligen, seine
Gedanken schwerer, wunderlicher und nie ohne einen Anflug von
Traurigkeit. Bilder und Wahrnehmungen, die mit einem Blick, einem
Lachen, einem Urteilsaustausch leichthin abzutun wären, beschäftigen
ihn über Gebühr, vertiefen sich im Schweigen, werden bedeutsam,
Erlebnis, Abenteuer, Gefühl. Einsamkeit zeitigt das Originale, das
gewagt und befremdend Schöne, das Gedicht. Einsamkeit zeitigt aber
auch das Verkehrte, das Unverhältnismäßige, das Absurde und
Unerlaubte.--So beunruhigten die Erscheinungen der Herreise, der
gräßliche alte Stutzer mit seinem Gefasel vom Liebchen, der verpönte,
um seinen Lohn geprellte Gondolier, noch jetzt das Gemüt des
Reisenden. Ohne der Vernunft Schwierigkeiten zu bieten, ohne
eigentlich Stoff zum Nachdenken zu geben, waren sie dennoch
grundsonderbar von Natur, wie es ihm schien, und beunruhigend wohl
eben durch diesen Widerspruch. Dazwischen grüßte er das Meer mit den
Augen und empfand Freude, Venedig in so leicht erreichbarer Nahe zu
wissen. Er wandte sich endlich, badete sein Gesicht, traf gegen das
Zimmermädchen einige Anordnungen zur Vervollständigung seiner
Bequemlichkeit und ließ sich von dem grün gekleideten Schweizer, der
den Lift bediente, ins Erdgeschoß hinunterfahren.
Er nahm seinen Tee auf der Terrasse der Seeseite, stieg dann hinab und
verfolgte den Promenaden-Quai eine gute Strecke in der Richtung auf
das Hotel Excelsior. Als er zurückkehrte, schien es schon an der
Zeit, sich zur Abendmahlzeit umzukleiden. Er tat es langsam und genau,
nach seiner Art, da er bei der Toilette zu arbeiten gewöhnt war, und
fand sich trotzdem ein wenig verfrüht in der Halle ein, wo er einen
großen Teil der Hotelgäste, fremd untereinander und in gespielter
gegenseitiger Teilnahmslosigkeit, aber in der gemeinsamen Erwartung
des Essens, versammelt fand. Er nahm eine Zeitung vom Tische, ließ
sich in einen Ledersessel nieder und betrachtete die Gesellschaft, die
sich von derjenigen seines ersten Aufenthaltes in einer ihm angenehmen
Weise unterschied.
Ein weiter, duldsam vieles umfassender Horizont tat sich auf.
Gedämpft, vermischten sich die Laute der großen Sprachen. Der
weltgültige Abendanzug, eine Uniform der Gesittung, faßte äußerlich
die Spielarten des Menschlichen zu anständiger Einheit zusammen. Man
sah die trockene und lange Miene des Amerikaners, die vielgliedrige
russische Familie, englische Damen, deutsche Kinder mit französischen
Bonnen. Der slavische Bestandteil schien vorzuherrschen. Gleich in der
Nähe ward polnisch gesprochen.
Es war eine Gruppe halb und kaum Erwachsener, unter der Obhut einer
Erzieherin oder Gesellschafterin um ein Rohrtischchen versammelt: drei
junge Mädchen, fünfzehn-bis siebzehnjährig, wie es schien, und ein
langhaariger Knabe von vielleicht vierzehn Jahren. Mit Erstaunen
bemerkte Aschenbach, daß der Knabe vollkommen schön war. Sein
Antlitz,--bleich und anmutig verschlossen, von honigfarbenem Haar
umringelt, mit der gerade abfallenden Nase, dem lieblichen Munde, dem
Ausdruck von holdem und göttlichem Ernst, erinnerte an griechische
Bildwerke aus edelster Zeit, und bei reinster Vollendung der Form war
es von so einmalig-persönlichem Reiz, daß der Schauende weder in Natur
noch bildender Kunst etwas ähnlich Geglücktes angetroffen zu haben
glaubte. Was ferner auffiel, war ein offenbar grundsätzlicher Kontrast
zwischen den erzieherischen Gesichtspunkten, nach denen die
Geschwister gekleidet und allgemein gehalten schienen. Die Herrichtung
der drei Mädchen, von denen die Älteste für erwachsen gelten konnte,
war bis zum Entstellenden herb und keusch. Eine gleichmäßig
klösterliche Tracht, schieferfarben, halblang, nüchtern und gewollt
unkleidsam von Schnitt, mit weißen Fallkrägen als einziger Aufhellung,
unterdrückte und verhinderte jede Gefälligkeit der Gestalt. Das glatt
und fest an den Kopf geklebte Haar ließ die Gesichter nonnenhaft leer
und nichtssagend erscheinen. Gewiß, es war eine Mutter, die hier
waltete, und sie dachte nicht einmal daran, auch auf den Knaben die
pädagogische Strenge anzuwenden, die ihr den Mädchen gegenüber geboten
schien. Weichheit und Zärtlichkeit bestimmten ersichtlich seine
Existenz. Man hatte sich gehütet, die Schere an sein schönes Haar zu
legen; wie beim Dornauszieher lockte es sich in die Stirn, über die
Ohren und tiefer noch in den Nacken. Ein englisches Matrosenkostüm,
dessen bauschige Ärmel sich nach unten verengerten und die feinen
Gelenke seiner noch kindlichen, aber schmalen Hände knapp umspannten,
verlieh mit seinen Schnüren, Maschen und Stickereien der zarten
Gestalt etwas Reiches und Verwöhntes. Er saß, im Halbprofil gegen den
Betrachtenden, einen Fuß im schwarzen Lackschuh vor den andern
gestellt, einen Ellenbogen auf die Armlehne seines Korbsessels
gestützt, die Wange an die geschlossene Hand geschmiegt, in einer
Haltung von lässigem Anstand und ganz ohne die fast untergeordnete
Steifheit, an die seine weiblichen Geschwister gewöhnt schienen. War
er leidend? Denn die Haut seines Gesichtes stach weiß wie Elfenbein
gegen das goldige Dunkel der umrahmenden Locken ab. Oder war er
einfach ein verzärteltes Vorzugskind, von parteilicher und launischer
Liebe getragen? Aschenbach war geneigt, dies zu glauben. Fast jedem
Künstlernaturell ist ein üppiger und verräterischer Hang eingeboren,
Schönheit schaffende Ungerechtigkeit anzuerkennen und aristokratischer
Bevorzugung Teilnahme und Huldigung entgegenzubringen.
Ein Kellner ging umher und meldete auf englisch, daß die Mahlzeit
bereit sei. Allmählich verlor sich die Gesellschaft durch die Glastür
in den Speisesaal. Nachzügler, vom Vestibül, von den Lifts kommend,
gingen vorüber. Man hatte drinnen zu servieren begonnen, aber die
jungen Polen verharrten noch um ihr Rohrtischchen, und Aschenbach, in
tiefem Sessel behaglich aufgehoben und übrigens das Schöne vor Augen,
wartete mit ihnen.
Die Gouvernante, eine kleine und korpulente Halbdame mit rotem
Gesicht, gab endlich das Zeichen, sich zu erheben. Mit hochgezogenen
Brauen schob sie ihren Stuhl zurück und verneigte sich, als eine große
Frau, grau-weiß gekleidet und sehr reich mit Perlen geschmückt, die
Halle betrat. Die Haltung dieser Frau war kühl und gemessen, die
Anordnung ihres leicht gepuderten Haares sowohl wie die Machart ihres
Kleides von jener Einfachheit, die überall da den Geschmack bestimmt,
wo Frömmigkeit als Bestandteil der Vornehmheit gilt. Sie hätte die
Frau eines hohen deutschen Beamten sein können. Etwas von
phantastischem Aufwand kam in ihre Erscheinung einzig durch ihren
Schmuck, der in der Tat kaum schätzbar war und aus Ohrgehängen, sowie
einer dreifachen, sehr langen Kette kirschengroßer, mild schimmernder
Perlen bestand.
Die Geschwister waren rasch aufgestanden. Sie beugten sich zum Kuß
über die Hand ihrer Mutter, die mit einem zurückhaltenden Lächeln
ihres gepflegten, doch etwas müden und spitznäsigen Gesichtes über
ihre Köpfe hinwegblickte und einige Worte in französischer Sprache an
die Erzieherin richtete. Dann schritt sie zur Glastür. Die Geschwister
folgten ihr: die Mädchen in der Reihenfolge ihres Alters, nach ihnen
die Gouvernante, zuletzt der Knabe. Aus irgend einem Grunde wandte er
sich um, bevor er die Schwelle überschritt, und da niemand sonst mehr
in der Halle sich aufhielt, begegneten seine eigentümlich dämmergrauen
Augen denen Aschenbachs, der, seine Zeitung auf den Knien, in
Anschauung versunken, der Gruppe nachblickte.
Was er gesehen, war gewiß in keiner Einzelheit auffallend gewesen. Man
war nicht vor der Mutter zu Tische gegangen, man hatte sie erwartet,
sie ehrerbietig begrüßt und beim Eintritt in den Saal gebräuchliche
Formen beobachtet. Allein das alles hatte sich so ausdrücklich, mit
einem solchen Akzent von Zucht, Verpflichtung und Selbstachtung
dargestellt, daß Aschenbach sich sonderbar ergriffen fühlte. Er
zögerte noch einige Augenblicke, ging dann auch seinerseits in den
Speisesaal hinüber und ließ sich sein Tischchen anweisen, das, wie er
mit einer kurzen Regung des Bedauerns feststellte, sehr weit von dem
der polnischen Familie entfernt war.
Müde und dennoch geistig bewegt, unterhielt er sich während der
langwierigen Mahlzeit mit abstrakten, ja transzendenten Dingen, sann
nach über die geheimnisvolle Verbindung, welche das Gesetzmäßige mit
dem Individuellen eingehen müsse, damit menschliche Schönheit
entstehe, kam von da aus auf allgemeine Probleme der Form und der
Kunst und fand am Ende, daß seine Gedanken und Funde gewissen
scheinbar glücklichen Einflüsterungen des Traumes glichen, die sich
bei ernüchtertem Sinn als vollständig schal und untauglich erweisen.
Er hielt sich nach Tische rauchend, sitzend, umherwandelnd, in dem
abendlich duftenden Parke auf, ging zeitig zur Ruhe und verbrachte die
Nacht in anhaltend tiefem, aber von Traumbildern verschiedentlich
belebtem Schlaf.
Das Wetter ließ sich am folgenden Tage nicht günstiger an. Landwind
ging. Unter fahlem, bedecktem Himmel lag das Meer in stumpfer Ruhe,
verschrumpft gleichsam, mit nüchtern nahem Horizont und so weit vom
Strande zurückgetreten, daß es mehrere Reihen langer Sandbänke
freiließ. Als Aschenbach sein Fenster öffnete, glaubte er den fauligen
Geruch der Lagune zu spüren.
Verstimmung befiel ihn. Schon in diesem Augenblick dachte er an
Abreise. Einmal, vor Jahren, hatte nach zwei heiteren Frühlingswochen
hier dies Wetter ihn heimgesucht und sein Befinden so schwer
geschädigt, daß er Venedig wie ein Fliehender hatte verlassen müssen.
Stellte nicht schon wieder die fiebrige Unlust von damals, der Druck
in den Schläfen, die Schwere der Augenlider sich ein? Noch einmal den
Aufenthalt zu wechseln würde lästig sein; wenn aber der Wind nicht
umschlug, so war seines Bleibens hier nicht. Er packte zur Sicherheit
nicht völlig aus. Um neun Uhr frühstückte er in dem hierfür
vorbehaltenen Büfettzimmer zwischen Halle und Speisesaal.
In dem Raum herrschte die feierliche Stille, die zum Ehrgeiz der
großen Hotels gehört. Die bedienenden Kellner gingen auf leisen Sohlen
umher. Ein Klappern des Teegerätes, ein halbgeflüstertes Wort war
alles, was man vernahm. In einem Winkel, schräg gegenüber der Tür und
zwei Tische von seinem entfernt, bemerkte Aschenbach die polnischen
Mädchen mit ihrer Erzieherin. Sehr aufrecht, das aschblonde Haar neu
geglättet und mit geröteten Augen, in steifen blauleinenen Kleidern
mit kleinen weißen Fallkrägen und Manschetten saßen sie da und
reichten einander ein Glas mit Eingemachtem. Sie waren mit ihrem
Frühstück fast fertig. Der Knabe fehlte.
Aschenbach lächelte. Nun kleiner Phäake! dachte er. Du scheinst vor
diesen das Vorrecht beliebigen Ausschlafens zu genießen. Und plötzlich
aufgeheitert rezitierte er bei sich selbst den Vers:
»Oft veränderten Schmuck und warme Bäder und Ruhe.«
Er frühstückte ohne Eile, empfing aus der Hand des Portiers, der mit
gezogener Tressenmütze in den Saal kam, einige nachgesandte Post und
öffnete, eine Zigarette rauchend, ein paar Briefe. So geschah es, daß
er dem Eintritt des Langschläfers noch beiwohnte, den man dort drüben
erwartete.
Er kam durch die Glastür und ging in der Stille schräg durch den Raum
zum Tisch seiner Schwestern. Sein Gehen war sowohl in der Haltung des
Oberkörpers wie in der Bewegung der Kniee, dem Aufsetzen des
weißbeschuhten Fußes von außerordentlicher Anmut, sehr leicht,
zugleich zart und stolz und verschönt noch durch die kindliche
Verschämtheit, in welcher er zweimal unterwegs, mit einer Kopfwendung
in den Saal, die Augen aufschlug und senkte. Lächelnd, mit einem
halblauten Wort in seiner weich verschwommenen Sprache nahm er seinen
Platz ein, und jetzt zumal, da er dem Schauenden sein genaues Profil
zuwandte, erstaunte dieser aufs neue, ja erschrak über die wahrhaft
gottähnliche Schönheit des Menschenkindes. Der Knabe trug heute einen
leichten Blusenanzug aus blau und weiß gestreiftem Waschstoff mit
rotseidener Masche auf der Brust und am Halse von einem einfachen
weißen Stehkragen abgeschlossen. Auf diesem Kragen aber, der nicht
einmal sonderlich elegant zum Charakter des Anzugs passen wollte,
ruhte die Blüte des Hauptes in unvergleichlichem Liebreiz,--das Haupt
des Eros, vom gelblichen Schmelze parischen Marmors, mit feinen und
ernsten Brauen, Schläfen und Ohr vom rechtwinklig einspringenden
Geringel des Haares dunkel und weich bedeckt.
Gut, gut, dachte Aschenbach mit jener fachmännisch kühlen Billigung,
in welche Künstler zuweilen einem Meisterwerk gegenüber ihr Entzücken,
ihre Hingerissenheit kleiden. Und weiter dachte er: Wahrhaftig,
erwarteten mich nicht Meer und Strand, ich bliebe hier, so lange du
bleibst! So aber ging er denn, ging unter den Aufmerksamkeiten des
Personals durch die Halle, die große Terrasse hinab und gerade aus
über den Brettersteg zum abgesperrten Strand der Hotelgäste. Er ließ
sich von dem barfüßigen Alten, der sich in Leinwandhose, Matrosenbluse
und Strohhut dort unten als Bademeister tätig zeigte, die gemietete
Strandhütte zuweisen, ließ Tisch und Sessel hinaus auf die sandig
bretterne Plattform stellen und machte sich's bequem in dem
Liegestuhl, den er weiter zum Meere hin in den wachsgelben Sand
gezogen hatte.
Das Strandbild, dieser Anblick sorglos sinnlich genießender Kultur am
Rande des Elementes, unterhielt und erfreute ihn wie nur je. Schon war
die graue und flache See belebt von watenden Kindern, Schwimmern,
bunten Gestalten, welche, die Arme unter dem Kopf verschränkt, auf den
Sandbänken lagen. Andere ruderten in kleinen rot und blau gestrichenen
Booten ohne Kiel und kenterten lachend. Vor der gedehnten Zeile der
Capannen, auf deren Plattformen man wie auf kleinen Veranden saß, gab
es spielende Bewegung und träg hingestreckte Ruhe, Besuche und
Geplauder, sorgfältige Morgeneleganz neben der Nacktheit, die
keck-behaglich die Freiheiten des Ortes genoß. Vorn auf dem feuchten
und festen Sande lustwandelten Einzelne in weißen Bademänteln, in
weiten, starkfarbigen Hemdgewändern. Eine vielfältige Sandburg zur
Rechten, von Kindern hergestellt, war rings mit kleinen Flaggen in den
Farben aller Länder besteckt. Verkäufer von Muscheln, Kuchen und
Früchten breiteten kniend ihre Waren aus. Links, vor einer der Hütten,
die quer zur Reihe der übrigen und zum Meere standen und auf dieser
Seite einen Abschluß des Strandes bildeten, kampierte eine russische
Familie: Männer mit Bärten und großen Zähnen, mürbe und träge Frauen,
ein baltisches Fräulein, das an einer Staffelei sitzend unter Ausrufen
der Verzweiflung das Meer malte, zwei gutmütig-häßliche Kinder, eine
alte Magd im Kopftuch und mit zärtlich unterwürfigen Sklavenmanieren.
Dankbar genießend lebten sie dort, riefen unermüdlich die Namen der
unfolgsam sich tummelnden Kinder, scherzten vermittelst weniger
italienischer Worte lange mit dem humoristischen Alten, von dem sie
Zuckerwerk kauften, küßten einander auf die Wangen und kümmerten sich
um keinen Beobachter ihrer menschlichen Gemeinschaft.
Ich will also bleiben, dachte Aschenbach. Wo wäre es besser? Und die
Hände im Schoß gefaltet, ließ er seine Augen sich in den Weiten des
Meeres verlieren, seinen Blick entgleiten, verschwimmen, sich brechen
im eintönigen Dunst der Raumeswüste. Er liebte das Meer aus tiefen
Gründen: aus dem Ruheverlangen des schwer arbeitenden Künstlers, der
von der anspruchsvollen Vielgestalt der Erscheinungen an der Brust des
Einfachen, Ungeheueren sich zu bergen begehrt; aus einem verbotenen,
seiner Aufgabe gerade entgegengesetzten und eben darum verführerischen
Hange zum Ungegliederten, Maßlosen, Ewigen, zum Nichts. Am
Vollkommenen zu ruhen, ist die Sehnsucht dessen, der sich um das
Vortreffliche müht; und ist nicht das Nichts eine Form des
Vollkommenen? Wie er nun aber so tief ins Leere träumte, ward
plötzlich die Horizontale des Ufersaumes von einer menschlichen
Gestalt überschnitten, und als er seinen Blick aus dem Unbegrenzten
einholte und sammelte, da war es der schöne Knabe, der von links
kommend vor ihm im Sande vorüberging. Er ging barfuß, zum Waten
bereit, die schlanken Beine bis über die Knie entblößt, langsam, aber
so leicht und stolz, als sei er ohne Schuhwerk sich zu bewegen ganz
gewöhnt, und schaute sich nach den querstehenden Hütten um. Kaum aber
hatte er die russische Familie bemerkt, die dort in dankbarer
Eintracht ihr Wesen trieb, als ein Unwetter zorniger Verachtung sein
Gesicht überzog. Seine Stirn verfinsterte sich, sein Mund ward
emporgehoben, von den Lippen nach einer Seite ging ein erbittertes
Zerren, daß die Wange zerriß, und seine Brauen waren so schwer
gerunzelt, daß unter ihrem Druck die Augen eingesunken schienen und
böse und dunkel darunter hervor die Sprache des Hasses führten. Er
blickte zu Boden, blickte noch einmal drohend zurück, tat dann mit der
Schulter eine heftig wegwerfende Bewegung und ließ die Feinde im
Rücken.
Eine Art Zartgefühl oder Erschrockenheit, etwas wie Achtung und Scham,
veranlaßte Aschenbach, sich abzuwenden, als ob er nichts gesehen
hätte; denn dem ernsten Zufallsbeobachter der Leidenschaft widerstrebt
es, von seinen Wahrnehmungen auch nur vor sich selber Gebrauch zu
machen. Er war aber erheitert und erschüttert zugleich, das heißt:
beglückt. Dieser kindische Fanatismus, gerichtet gegen das gutmütigste
Stück Leben,--er stellte das Göttlich-Nichtssagende in menschliche
Beziehungen; er ließ ein kostbares Bildwerk der Natur, das nur zur
Augenweide getaugt hatte, einer tieferen Teilnahme wert erscheinen;
und er verlieh der ohnehin durch Schönheit bedeutenden Gestalt des
Halbwüchsigen eine politisch-geschichtliche Folie, die gestattete, ihn
über seine Jahre ernst zu nehmen.
Noch abgewandt, lauschte Aschenbach auf die Stimme des Knaben, seine
helle, ein wenig schwache Stimme, mit der er sich von weitem schon den
um die Sandburg beschäftigten Gespielen grüßend anzukündigen suchte.
Man antwortete ihm, indem man ihm seinen Namen oder eine Koseform
seines Namens mehrfach entgegenrief, und Aschenbach horchte mit einer
gewissen Neugier darauf, ohne Genaueres erfassen zu können, als zwei
melodische Silben wie »Adgio« oder öfter noch »Adgiu« mit rufend
gedehntem u-Laut am Ende. Er freute sich des Klanges, er fand ihn in
seinem Wohllaut dem Gegenstande angemessen, wiederholte ihn im Stillen
und wandte sich befriedigt seinen Briefen und Papieren zu.
Seine kleine Reiseschreibmappe auf den Knien, begann er, mit dem
Füllfederhalter diese und jene Korrespondenz zu erledigen. Aber nach
einer Viertelstunde schon fand er es schade, die Situation, die
genießenswerteste, die er kannte, so im Geist zu verlassen und durch
gleichgültige Tätigkeit zu versäumen. Er warf das Schreibzeug
beiseite, er kehrte zum Meere zurück, und nicht lange, so wandte er,
abgelenkt von den Stimmen der Jugend am Sandbau, den Kopf bequem an
der Lehne des Stuhles nach rechts, um sich nach dem Treiben und
Bleiben des trefflichen Adgio wieder umzutun.
Der erste Blick fand ihn; die rote Masche auf seiner Brust war nicht
zu verfehlen. Mit anderen beschäftigt, eine alte Planke als Brücke
über den feuchten Graben der Sandburg zu legen, gab er rufend und mit
dem Kopfe winkend seine Anweisungen zu diesem Werk. Es waren da mit
ihm ungefähr zehn Genossen, Knaben und Mädchen, von seinem Alter und
einige jünger, die in Zungen, polnisch, französisch und auch in
Balkan-Idiomen durcheinander schwatzten. Aber sein Name war es, der am
öftesten erklang. Offenbar war er begehrt, umworben, bewundert. Einer
namentlich, Pole gleich ihm, ein stämmiger Bursche, der ähnlich wie
»Jaschu« gerufen wurde, mit schwarzem, pomadisiertem Haar und leinenem
Gürtelanzug, schien sein nächster Vasall und Freund. Sie gingen, als
für diesmal die Arbeit am Sandbau beendigt war, umschlungen den Strand
entlang, und der, welcher »Jaschu« gerufen wurde, küßte den Schönen.
Aschenbach war versucht, ihm mit dem Finger zu drohen. »Dir aber rat
ich Kritobulos«, dachte er lächelnd, »geh ein Jahr auf Reisen! Denn
soviel brauchst du mindestens Zeit zur Genesung.« Und dann frühstückte
er große, vollreife Erdbeeren, die er von einem Händler erstand. Es
war sehr warm geworden, obgleich die Sonne die Dunstschicht des
Himmels nicht zu durchdringen vermochte. Trägheit fesselte den Geist,
indes die Sinne die ungeheure und betäubende Unterhaltung der
Meeresstille genossen. Zu erraten, zu erforschen, welcher Name es sei,
der ungefähr »Adgio« lautete, schien dem ernsten Mann eine
angemessene, vollkommen ausfüllende Aufgabe und Beschäftigung. Und mit
Hilfe einiger polnischer Erinnerungen stellte er fest, daß »Tadzio«
gemeint sein müsse, die Abkürzung von »Tadeusz« und im Anrufe »Tadziu«
lautend. Tadzio badete. Aschenbach, der ihn aus den Augen verloren
hatte, entdeckte seinen Kopf, seinen Arm, mit dem er rudernd ausholte,
weit draußen im Meer; denn das Meer mochte flach sein bis weit hinaus.
Aber schon schien man besorgt um ihn, schon riefen Frauenstimmen nach
ihm von den Hütten, stießen wiederum diesen Namen aus, der den Strand
beinahe wie eine Losung beherrschte und mit seinen weichen Mitlauten,
seinem gezogenen u-Ruf am Ende, etwas zugleich Süßes und Wildes hatte:
»Tadziu, Tadziu!« Er gehorchte, er lief, das widerstrebende Wasser mit
den Beinen zu Schaum schlagend, zurückgeworfenen Kopfes durch die
Flut; und zu sehen, wie die lebendige Gestalt, vormännlich hold und
herb, mit triefenden Locken und schön wie ein zarter Gott, herkommend
aus den Tiefen von Himmel und Meer, dem Elemente entstieg und entrann:
Dieser Anblick gab mythische Vorstellungen ein, er war wie
Dichterkunde von anfänglichen Zeiten, vom Ursprung der Form und von
der Geburt der Götter. Aschenbach lauschte mit geschlossenen Augen auf
diesen in seinem Innern antönenden Gesang; und abermals dachte er, daß
es hier gut sei und daß er bleiben wolle.
Später lag Tadzio, vom Bade ausruhend, im Sande, gehüllt in sein
weißes Laken, das unter der rechten Schulter durchgezogen war, den
Kopf auf den bloßen Arm gebettet; und auch wenn Aschenbach ihn nicht
betrachtete, sondern einige Seiten in seinem Buche las, vergaß er fast
niemals, daß jener dort lag und daß es ihn nur eine leichte Wendung
des Kopfes nach rechts kostete, um das Bewunderungswürdige zu
erblicken. Beinahe schien es ihm, als säße er hier, um den Ruhenden zu
behüten,--mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt und dabei doch in
beständiger Wachsamkeit für das edle Menschenbild dort zur Rechten,
nicht weit von ihm. Und eine väterliche Huld, die gerührte Hinneigung
dessen, der sich opfernd im Geiste das Schöne zeugt, zu dem, der die
Schönheit hat, erfüllte und bewegte sein Herz.
Nach Mittag verließ er den Strand, kehrte ins Hotel zurück und ließ
sich hinauf vor sein Zimmer fahren. Er verweilte dort drinnen längere
Zeit vor dem Spiegel und betrachtete sein graues Haar, sein müdes und
scharfes Gesicht. In diesem Augenblick dachte er an seinen Ruhm und
daran, daß Viele ihn auf den Straßen kannten und ehrerbietig
betrachteten, um seines sicher treffenden und mit Anmut gekrönten
Wortes willen,--rief alle, äußeren Erfolge seines Talentes auf, die
ihm irgend einfallen wollten und gedachte sogar seiner Nobilitierung.
Er begab sich dann zum Lunch hinab in den Saal und speiste an seinem
Tischchen. Als er nach beendeter Mahlzeit den Lift bestieg, drängte
junges Volk, das gleichfalls vom Frühstück kam, ihm nach in das
schwebende Kämmerchen, und auch Tadzio trat ein. Er stand ganz nahe
bei Aschenbach, zum ersten Male so nah, daß dieser ihn nicht in
bildmäßigem Abstand, sondern genau, mit den Einzelheiten seiner
Menschlichkeit wahrnahm und erkannte. Der Knabe ward angeredet von
irgend jemandem, und während er mit unbeschreiblich lieblichem Lächeln
antwortete, trat er schon wieder aus, im ersten Stockwerk, rückwärts,
mit niedergeschlagenen Augen. Schönheit macht schamhaft, dachte
Aschenbach und bedachte sehr eindringlich, warum. Er hatte jedoch
bemerkt, daß Tadzios Zähne nicht recht erfreulich waren: etwas zackig
und blaß, ohne den Schmelz der Gesundheit und von eigentümlich spröder
Durchsichtigkeit wie zuweilen bei Bleichsüchtigen. Er ist sehr zart,
er ist kränklich, dachte Aschenbach. Er wird wahrscheinlich nicht alt
werden. Und er verzichtete darauf, sich Rechenschaft über ein Gefühl
der Genugtuung oder Beruhigung zu geben, das diesen Gedanken
begleitete.
Er verbrachte zwei Stunden auf seinem Zimmer und fuhr am Nachmittag
mit dem Vaporetto über die faulriechende Lagune nach Venedig. Er stieg
aus bei San Marco, nahm den Tee auf dem Platze und trat dann, seiner
hiesigen Tagesordnung gemäß, einen Spaziergang durch die Straßen an.
Es war jedoch dieser Gang, der einen völligen Umschwung seiner
Stimmung, seiner Entschlüsse herbeiführte.
Eine widerliche Schwüle lag in den Gassen, die Luft war so dick, daß
die Gerüche, die aus Wohnungen, Läden, Garküchen quollen, Öldunst,
Wolken von Parfüm und viele andere in Schwaden standen, ohne sich zu
zerstreuen. Zigarettenrauch hing an seinem Orte und entwich nur
langsam. Das Menschengeschiebe in der Enge belästigte den
Spaziergänger, statt ihn zu unterhalten. Je länger er ging, desto
quälender bemächtigte sich seiner der abscheuliche Zustand, den die
Seeluft zusammen mit dem Scirocco hervorbringen kann, und der zugleich
Erregung und Erschlaffung ist. Peinlicher Schweiß brach ihm aus. Die
Augen versagten den Dienst, die Brust war beklommen, er fieberte, das
Blut pochte im Kopf. Er floh aus den drangvollen Geschäftsgassen über
Brücken in die Gänge der Armen: dort behelligten ihn Bettler, und die
üblen Ausdünstungen der Kanäle verleideten das Atmen. Auf stillem
Platz, einer jener vergessen und verwunschen anmutenden Örtlichkeiten,
die sich im Innern Venedigs finden, am Rande eines Brunnens rastend,
trocknete er die Stirn und sah ein, daß er reisen müsse.
Zum zweitenmal und nun endgültig war es erwiesen, daß diese Stadt bei
dieser Witterung ihm höchst schädlich war. Eigensinniges Ausharren
erschien vernunftwidrig, die Aussicht auf ein Umschlagen des Windes
ganz ungewiß. Es galt rasche Entscheidung. Schon jetzt nach Hause
zurückzukehren, verbot sich. Weder Sommer-noch Winterquartier war
bereit, ihn aufzunehmen. Aber nicht nur hier gab es Meer und Strand,
und anderwärts fanden sie sich ohne die böse Zutat der Lagune und
ihres Fieberdunstes. Er erinnerte sich eines kleinen Seebades nicht
weit von Triest, das man ihm rühmlich genannt hatte. Warum nicht
dorthin? Und zwar ohne Verzug, damit der abermalige Aufenthaltswechsel
sich noch lohne. Er erklärte sich für entschlossen und stand auf. Am
nächsten Gondelhalteplatz nahm er ein Fahrzeug und ließ sich durch das
trübe Labyrinth der Kanäle, unter zierlichen Marmorbalkonen hin, die
von Löwenbildern flankiert waren, um glitschige Mauerecken, vorbei an
trauernden Palastfassaden, die große Firmenschilder im Abfall
schaukelnden Wasser spiegelten, nach San Marco leiten. Er hatte Mühe,
dorthin zu gelangen, denn der Gondolier, der mit Spitzenfabriken und
Glasbläsereien im Bunde stand, versuchte überall, ihn zu Besichtigung
und Einkauf abzusetzen, und wenn die bizarre Fahrt durch Venedig
ihren Zauber zu üben begann, so tat der beutelschneiderische
Geschäftsgeist der gesunkenen Königin das seine, den Sinn wieder
verdrießlich zu ernüchtern.
Ins Hotel zurückgekehrt, gab er noch vor dem Diner im Bureau die
Erklärung ab, daß unvorhergesehene Umstände ihn nötigten, morgen früh
abzureisen. Man bedauerte, man quittierte seine Rechnung. Er speiste
und verbrachte den lauen Abend, Journale lesend, in einem
Schaukelstuhl auf der rückwärtigen Terrasse. Bevor er zur Ruhe ging,
machte er sein Gepäck vollkommen zur Abreise fertig.
Er schlief nicht zum besten, da der bevorstehende Wiederaufbruch ihn
beunruhigte. Als er am Morgen die Fenster öffnete, war der Himmel
bezogen nach wie vor, aber die Luft schien frischer, und--es begann
auch schon seine Reue. War diese Kündigung nicht überstürzt und
irrtümlich, die Handlung eines kranken und unmaßgeblichen Zustandes
gewesen? Hätte er sie ein wenig zurückbehalten, hätte er es, ohne so
rasch zu verzagen, auf den Versuch einer Anpassung an die
venezianische Luft oder auf Besserung des Wetters ankommen lassen, so
stand ihm jetzt, statt Hast und Last, ein Vormittag am Strande gleich
dem gestrigen bevor. Zu spät. Nun mußte er fortfahren, zu wollen, was
er gestern gewollt hatte. Er kleidete sich an und fuhr um acht Uhr zum
Frühstück ins Erdgeschoß hinab.
Der Büfettraum war, als er eintrat, noch leer von Gästen. Einzelne
kamen, während er saß und das Bestellte erwartete. Die Teetasse am
Munde, sah er die polnischen Mädchen nebst ihrer Begleiterin sich
einfinden; streng und morgenfrisch, mit geröteten Augen schritten sie
zu ihrem Tisch in der Fensterecke. Gleich darauf näherte sich ihm der
Portier mit gezogener Mütze und mahnte zum Aufbruch. Das Automobil
stehe bereit, ihn und andere Reisende nach dem Hotel "Excelsior" zu
bringen, von wo das Motorboot die Herrschaften durch den Privatkanal
der Gesellschaft zum Bahnhof befördern werde. Die Zeit dränge.
--Aschenbach fand, daß sie das nicht im mindesten tue. Mehr als eine
Stunde blieb bis zur Abfahrt seines Zuges. Er ärgerte sich an der
Gasthofsitte, den Abreisenden vorzeitig aus dem Hause zu schaffen und
bedeutete dem Portier, daß er in Ruhe zu frühstücken wünsche. Der Mann
zog sich zögernd zurück, um nach fünf Minuten wieder aufzutreten.
Unmöglich, daß der Wagen länger warte. Dann möge er fahren und seinen
Koffer mitnehmen, entgegnete Aschenbach gereizt. Er selbst wolle zur
gegebenen Zeit das öffentliche Dampfboot benutzen und bitte, die Sorge
um sein Fortkommen ihm selber zu überlassen. Der Angestellte verbeugte
sich. Aschenbach, froh, die lästigen Mahnungen abgewehrt zu haben,
beendete seinen Imbiß ohne Eile, ja ließ sich sogar noch vom Kellner
Tagesblätter reichen. Die Zeit war recht knapp geworden, als er
aufstand. Es fügte sich, daß im selben Augenblick Tadzio durch die
Glastür hereinkam.
Er kreuzte, zum Tische der Seinen gehend, den Weg des Aufbrechenden,
schlug vor dem grauhaarigen, hochgestirnten Mann bescheiden die Augen
nieder, um sie nach seiner lieblichen Art sogleich wieder weich und
voll zu ihm aufzuschlagen und war vorüber. Adieu, Tadzio! dachte
Aschenbach. Ich sah dich kurz. Und indem er gegen seine Gewohnheit das
Gedachte wirklich mit den Lippen ausbildete und vor sich hinsprach,
fügte er hinzu: Sei gesegnet!--Er hielt dann Abreise, verteilte
Trinkgelder, ward von dem kleinen leisen Manager im französischen
Gehrock verabschiedet und verließ das Hotel zu Fuß, wie er gekommen,
um sich, gefolgt von dem Handgepäck tragenden Hausdiener, durch die
weiß blühende Allee quer über die Insel zur Dampferbrücke zu begeben.
Er erreicht sie, er nimmt Platz,--und was folgte, war eine
Leidensfahrt, kummervoll, durch alle Tiefen der Reue.
Es war die vertraute Fahrt über die Lagune, an San Marco vorbei, den
großen Kanal hinauf. Aschenbach saß auf der Rundbank am Buge, den Arm
aufs Geländer gestützt, mit der Hand die Augen beschattend. Die
öffentlichen Gärten blieben zurück, die Piazzetta eröffnete sich noch
einmal in fürstlicher Anmut und ward verlassen, es kam die große
Flucht der Paläste, und als die Wasserstraße sich wendete, erschien
des Rialto prächtig gespannter Marmorbogen. Der Abschiednehmende
schaute, und seine Brust war zerrissen. Die Atmosphäre der Stadt,
diesen leis fauligen Geruch von Meer und Sumpf, den zu fliehen es ihn
so sehr gedrängt hatte,--er atmete ihn jetzt in tiefen, zärtlich
schmerzlichen Zügen. War es möglich, daß er nicht gewußt, nicht
bedacht hatte, wie sehr sein Herz an dem allen hing? Was heute morgen
ein halbes Bedauern, ein leiser Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns
gewesen war, das wurde jetzt zum Harm, zum wirklichen Weh, zu einer
Seelennot, so bitter, daß sie ihm mehrmals Tränen in die Augen trieb,
und von der er sich sagte, daß er sie unmöglich habe vorhersehen
können. Was er als so schwer erträglich, ja, zuweilen als völlig
unleidlich empfand, war offenbar der Gedanke, daß er Venedig nie
wieder sehen solle, daß dies ein Abschied für immer sei. Denn da sich
zum zweiten Male gezeigt hatte, daß die Stadt ihn krank mache, da er
sie zum zweiten Male jäh zu verlassen gezwungen war, so hatte er sie
ja fortan als einen ihm unmöglichen und verbotenen Aufenthalt zu
betrachten, dem er nicht gewachsen war und den wieder aufzusuchen
sinnlos gewesen wäre. Ja, er empfand, daß, wenn er jetzt abreise,
Scham und Trotz ihn hindern müßten, die geliebte Stadt je wieder zu
sehen, der gegenüber er zweimal körperlich versagt hatte; und dieser
Streitfall zwischen seelischer Neigung und körperlichem Vermögen
schien dem Alternden auf einmal so schwer und wichtig, die physische
Niederlage so schmählich, so um jeden Preis hintanzuhalten, daß er die
leichtfertige Ergebung nicht begriff, mit welcher er gestern, ohne
ernstlichen Kampf, sie zu tragen und anzuerkennen beschlossen hatte.
Unterdessen nähert sich das Dampfboot dem Bahnhof, und Schmerz
und Ratlosigkeit steigen bis zur Verwirrung. Die Abreise dünkt dem
Gequälten unmöglich, die Umkehr nicht minder. So ganz zerrissen
betritt er die Station. Es ist sehr spät, er hat keinen Augenblick zu
verlieren, wenn er den Zug erreichen will. Er will es und will es
nicht. Aber die Zeit drängt, sie geißelt ihn vorwärts; er eilt, sich
sein Billett zu verschaffen und sieht sich im Tumult der Halle nach
dem hier stationierten Beamten der Hotelgesellschaft um. Der Mensch
zeigt sich und meldet, der große Koffer sei aufgegeben. Schon
aufgegeben? Ja, bestens,--nach Como. Nach Como? Und aus einem
hastigen Hin und Her, aus zornigen Fragen und betretenen Antworten
kommt zu Tage, daß der Koffer, schon im Gepäckbeförderungs-Amt des
Hotels »Excelsior« zusammen mit anderer, fremder Bagage, in völlig
falsche Richtung geleitet wurde.
Aschenbach hatte Mühe, die Miene zu bewahren, die unter diesen
Umständen einzig begreiflich war. Eine abenteuerliche Freude, eine
unglaubliche Heiterkeit erschütterte von innen fast krampfhaft seine
Brust. Der Angestellte stürzte davon, um möglicherweise den Koffer
noch anzuhalten und kehrte, wie zu erwarten gewesen, unverrichteter
Dinge zurück. Da erklärte denn Aschenbach, daß er ohne sein Gepäck
nicht zu reisen wünsche, sondern umzukehren und das Wiedereintreffen
des Stückes im Bäderhotel zu erwarten entschlossen sei. Ob das
Motorboot der Gesellschaft am Bahnhof liege. Der Mann beteuerte,
es liege vor der Tür. Er bestimmte in italienischer Suade den
Schalterbeamten, den gelösten Fahrschein zurückzunehmen, er schwor,
daß depeschiert werden, daß nichts gespart und versäumt werden solle,
um den Koffer in Bälde zurückzugewinnen, und--so fand das Seltsame
statt, daß der Reisende, zwanzig Minuten nach seiner Ankunft am
Bahnhof, sich wieder im Großen Kanal auf dem Rückweg zum Lido sah.
Wunderlich unglaubhaftes, beschämendes, komisch traumartiges
Abenteuer: Stätten, von denen man eben in tiefster Wehmut Abschied auf
immer genommen, vom Schicksal umgewandt und zurückverschlagen, in
derselben Stunde noch wiederzusehen! Schaum vor dem Buge, drollig
behend zwischen Gondeln und Dampfern lavierend, schoß das kleine,
eilfertige Fahrzeug seinem Ziele zu, indes sein Passagier unter der
Maske ärgerlicher Resignation die ängstlich-übermütige Erregung eines
entlaufenen Knaben verbarg. Noch immer, von Zeit zu Zeit, ward seine
Brust bewegt von Lachen über dies Mißgeschick, das, wie er sich sagte,
ein Sonntagskind nicht gefälliger hätte heimsuchen können. Es waren
Erklärungen zu geben, erstaunte Gesichter zu bestehen,--dann war, so
sagte er sich, alles wieder gut, dann war ein Unglück verhütet, ein
schwerer Irrtum richtig gestellt, und alles, was er im Rücken zu
lassen geglaubt hatte, eröffnete sich ihm wieder, war auf beliebige
Zeit wieder sein... Täuschte ihn übrigens die rasche Fahrt oder kam
wirklich zum Überfluß der Wind nun dennoch vom Meere her?
Die Wellen schlugen gegen die betonierten Wände des schmalen Kanals,
der durch die Insel zum Hotel »Excelsior« gelegt ist. Ein automobiler
Omnibus erwartete dort den Wiederkehrenden und führte ihn oberhalb des
gekräuselten Meeres auf geradem Wege zum Bäder-Hotel. Der kleine
schnurrbärtige Manager im geschweiften Gehrock kam zur Begrüßung die
Freitreppe herab.
Leise schmeichelnd bedauerte er den Zwischenfall, nannte ihn äußerst
peinlich für ihn und das Institut, billigte aber mit Überzeugung
Aschenbachs Entschluß, das Gepäckstück hier zu erwarten. Freilich sei
sein Zimmer vergeben, ein anderes jedoch, nicht schlechter, sogleich
zur Verfügung. »Pas de chance, monsieur«, sagte der schweizerische
Liftführer lächelnd, als man hinaufglitt. Und so wurde der Flüchtling
wieder einquartiert, in einem Zimmer, das dem vorigen nach Lage und
Einrichtung fast vollkommen glich.
Ermüdet, betäubt von dem Wirbel dieses seltsamen Vormittags, ließ er
sich, nachdem er den Inhalt seiner Handtasche im Zimmer verteilt, in
einem Lehnstuhl am offenen Fenster nieder. Das Meer hatte eine
blaßgrüne Färbung angenommen, die Luft schien dünner und reiner, der
Strand mit seinen Hütten und Booten farbiger, obgleich der Himmel noch
grau war. Aschenbach blickte hinaus, die Hände im Schoß gefaltet,
zufrieden, wieder hier zu sein, kopfschüttelnd unzufrieden über seinen
Wankelmut, seine Unkenntnis der eigenen Wünsche. So saß er wohl eine
Stunde, ruhend und gedankenlos träumend. Um Mittag erblickte er
Tadzio, der in gestreiftem Leinenanzug mit roter Masche, vom Meere
her, durch die Strandsperre und die Bretterwege entlang zum Hotel
zurückkehrte. Aschenbach erkannte ihn aus seiner Höhe sofort, bevor er
ihn eigentlich ins Auge gefaßt, und wollte etwas denken, wie: »Sieh,
Tadzio, da bist ja auch du wieder!« Aber im gleichen Augenblick fühlte
er, wie der lässige Gruß vor der Wahrheit seines Herzens hinsank und
verstummte,--fühlte die Begeisterung seines Blutes, die Freude, den
Schmerz seiner Seele und erkannte, daß ihm um Tadzios willen der
Abschied so schwer geworden war.
Er saß ganz still, ganz ungesehen an seinem hohen Platze und blickte
in sich hinein. Seine Züge waren erwacht, seine Brauen stiegen, ein
aufmerksames, neugierig geistreiches Lächeln spannte seinen Mund. Dann
hob er den Kopf und beschrieb mit beiden, schlaff über die Lehne des
Sessels hinabhängenden Armen eine langsam drehende und hebende
Bewegung, die Handflächen vorwärts kehrend, so, als deute er ein
Öffnen und Ausbreiten der Arme an. Es war eine bereitwillig willkommen
heißende, gelassen aufnehmende Gebärde.