Solange wir auf dem Wege zum verhängnisvollen Orte waren, schüttelte sie
zwar ein Fieberfrost, aber sie beherrschte sich noch. Das Verschwinden
der Leiche traf sie wie ein schweres Unglück. Sie verfiel in einen
Starrkrampf. Ich fürchtete um ihren Verstand. Mit großer Mühe führte ich
sie nach Hause. Ich brachte sie wieder ins Bett und ließ den Arzt
kommen; sobald aber die Mutter etwas zur Besinnung kam, verlangte sie
von mir, daß ich mich unverzüglich auf die Suche nach »jenem Menschen«
begäbe. Ich gehorchte. Aber trotz aller Bemühungen entdeckte ich nichts.
Ich ging einige Male auf die Polizei, besuchte alle in der Nähe
liegenden Dörfer, erließ einige Annoncen in den Zeitungen, zog überall
Erkundigungen ein, -- alles war vergebens! Allerdings wurde mir einmal
gemeldet, daß in ein Stranddorf ein Ertrunkener gebracht worden sei ...
Ich eilte sofort hin, die Leiche war aber inzwischen beerdigt worden;
übrigens glich sie nach dem Signalement gar nicht dem Baron. Ich stellte
fest, auf welchem Schiffe er nach Amerika abgefahren war; zuerst waren
alle überzeugt, daß das Schiff während eines Sturmes untergegangen sei;
doch einige Monate später ging das Gerücht, daß man es im Hafen von
New-York gesehen habe. Ich wußte nicht, was ich noch weiter unternehmen
sollte, und begann den Mohren, mit dem ich ihn gesehen hatte, zu suchen;
ich bot ihm durch die Zeitungen eine nicht unbedeutende Geldsumme an,
wenn er sich bei uns melden würde. Einmal kam in meiner Abwesenheit zu
uns wirklich ein langer Mohr in einem Mantel ... Nachdem er aber das
Dienstmädchen ausgefragt hatte, ging er eilig fort und kam nicht wieder.
So verlor ich die letzte Spur meines ... Vaters; so versank er für immer
in stummes Dunkel. -- Ich sprach mit der Mutter nie wieder von ihm; nur
einmal, wie ich mich entsinne, kam sie auf meinen Traum zurück und
wunderte sich, warum ich früher niemals seiner erwähnt hatte; sie fügte
dann hinzu: »Also war er wirklich ...« sprach aber ihren Gedanken nicht
zu Ende. Mütterchen war lange Zeit krank, und unser inniges Verhältnis
erneuerte sich nach ihrer Genesung nicht wieder. Sie genierte sich vor
mir ... bis an ihr Ende ... Sie genierte sich buchstäblich. Aber dem war
nicht abzuhelfen. Alles gleicht sich aus, selbst Erinnerungen an die
traurigsten Familienereignisse verlieren ihre Kraft und ihre Schärfe;
wenn aber zwischen zwei einander nahestehenden Personen Befangenheit
auftritt, so ist dem nicht abzuhelfen! -- Den Traum, der mich so sehr
beunruhigt hatte, sah ich nie wieder. Ich »suche« meinen Vater nicht
mehr; doch manchmal kommt es mir im Schlafe vor, -- als hörte ich ein
fernes Schluchzen, ein unstillbares, jämmerliches Klagen; es tönt
irgendwo hinter einer Mauer, die ich nicht übersteigen kann; es
schneidet mir das Herz entzwei, ich weine mit geschlossenen Augen, und
kann unmöglich begreifen, was das ist: ob das Stöhnen eines lebenden
Menschen, oder das gedehnte wilde Heulen der bewegten See? Die Töne
gehen wieder in ein tierisches Brummen über, -- und mit tiefem Weh und
Grauen im Herzen wache ich auf.