Indem ich die Zeitung in der Höhe meines Gesichtes hielt, fuhr ich fort,
den Unbekannten mit den Augen zu verschlingen. -- Er saß fast
bewegungslos da und hob nur selten seinen gesenkten Kopf. Offenbar
erwartete er jemand. Ich sah und sah ... Zuweilen schien es mir, das
Ganze sei Einbildung, von Ähnlichkeit sei eigentlich keine Spur, ich
hätte mich nur von meiner Einbildungskraft täuschen lassen ... So oft
aber jener eine Bewegung machte, auf dem Stuhle ein wenig hin und
herrückte, oder leicht die Hände hob, schrie ich beinahe wieder auf,
denn ich erkannte in ihm wieder meinen »nächtlichen« Vater! -- Er
bemerkte schließlich meine zudringliche Aufmerksamkeit, blickte zuerst
erstaunt, dann ärgerlich zu mir herüber und wollte aufstehen, wobei er
seinen kleinen Rohrstock, den er an den Tisch gelehnt hatte, fallen
ließ. Ich sprang sofort auf, hob ihn auf und reichte ihn ihm. Ich hatte
heftiges Herzklopfen.
Er lächelte gezwungen, bedankte sich, näherte sein Gesicht dem meinigen,
und sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen und halboffenem Munde an; ich
hatte auf ihn offenbar einen Eindruck gemacht.
»Sie sind sehr höflich, junger Mann,« sagte er mit trockener, scharfer
und näselnder Stimme. »Heutzutage ist das eine Seltenheit. Gestatten Sie
mir, Ihnen zu der guten Erziehung, die Sie genossen, zu gratulieren.«
Ich weiß nicht mehr, was ich ihm darauf antwortete; aber bald entspann
sich zwischen uns ein Gespräch. Ich erfuhr, daß er ein Landsmann von mir
und soeben aus Amerika zurückgekehrt sei, wo er viele Jahre gelebt habe
und daß er bald wieder dorthin zurückzukehren gedenke. Er nannte sich
Baron ... den Namen konnte ich nicht verstehen. Wie mein »nächtlicher
Vater,« so schloß auch er jeden Satz mit einem undeutlichen innerlichen
Brummen. Er wünschte, meinen Namen zu erfahren ... Als er ihn hörte,
schien er sehr verwundert; dann fragte er mich, wie lange ich hier in
der Stadt wohne und mit wem. Ich sagte, ich wohne bei meiner Mutter.
»Und Ihr Vater?« -- »Mein Vater ist lange tot.« Er erkundigte sich nach
dem Vornamen meiner Mutter und lachte dabei gezwungen auf; dann
entschuldigte er sich und sagte, es sei eine üble amerikanische
Angewohnheit, wie er auch sonst ein großer Sonderling sei. Schließlich
fragte er mich nach unserer Adresse. Ich gab sie ihm.