XXIV.

Ich schlug sie aber bald wieder auf. Ellis schmiegte sich so sonderbar

an mich und stieß mich beinahe. Ich sah sie an, und das Blut erstarrte

in meinen Adern. Wer jemals auf einem fremden Gesichte den plötzlichen

Ausdruck tiefen Grauens, dessen Grund er gar nicht ahnt, wahrgenommen

hat, -- der wird mich begreifen. Die bleichen, beinahe verwischten Züge

Ellis' waren von Grauen, einem qualvollen Grauen verzerrt und entstellt.

Niemals hatte ich Ähnliches selbst auf einem lebenden Menschengesichte

gesehen. Ein lebloses Nebelgebilde, ein Schatten ... und diese

entsetzliche Angst ...

»Ellis, was hast du?« fragte ich endlich.

»Er ... Er ...« brachte sie mit großer Mühe hervor, »Er!«

»Er? Wer ist Er?«

»Nenne ihn nicht, nenne ihn nicht,« stammelte hastig Ellis. »Wir müssen

fliehen, sonst ist alles zu Ende, -- und für immer zu Ende ... Sieh nur

hin, dort!«

Ich wandte den Kopf nach der Seite, wohin mir ihre zitternde Hand wies,

und ich sah etwas ... etwas, was wirklich grauenhaft war.

Dieses Etwas war umso schrecklicher, als es keine bestimmte Gestalt

hatte. Etwas Schwerfälliges, Finsteres, Gelblich-Schwarzes, Geflecktes

wie der Bauch einer Eidechse, weder Wolke noch Rauch, wand sich und

kroch langsam wie eine Schlange über der Erde. In dieser Bewegung war

ein gleichmäßiges, breites Schaukeln von oben nach unten und von unten

nach oben, gleich dem unheildrohenden Flügelschlagen eines Raubvogels,

der nach Beute ausspäht; ab und zu drückte es sich mit unbeschreiblich

widriger Gebärde an die Erde, -- mit ähnlicher Gebärde fällt die Spinne

über die gefangene Fliege her ... Wer bist du, wer bist du, du gräßliche

Masse? Unter ihrem Einfluß wurde, ich fühlte es, alles vernichtet,

verstummte alles ... Der Masse entströmte eine faule, pestilenzialische

Kälte, und von dieser Kälte übelte es mir, es wurde mir finster vor den

Augen, und meine Haare sträubten sich. Es war der Anmarsch einer Kraft;

jener Kraft, gegen die es keinen Widerstand gibt, der alles untertan

ist, welche selbst weder Gesicht, noch Gestalt, noch Sinn hat, doch

alles sieht, alles weiß, sich ihre Opfer wie ein Raubvogel auswählt, wie

eine Schlange sie erdrückt und mit ihrem frostigen Stachel beleckt ...

»Ellis! Ellis!« rief ich wie wahnsinnig. »Es ist der Tod! Der Tod

selbst!«

Ein klagender Ton, den ich schon früher gehört hatte, drang wieder aus

Ellis' Munde, -- diesmal glich er aber eher einem menschlichen,

verzweifelten Aufschrei, -- und wir flogen dahin. Doch unser Flug war

seltsam und grauenhaft ungleich; Ellis überschlug sich in der Luft,

stürzte, flog im Zickzack wie das Rebhuhn, das tödlich verwundet ist

oder den Hund von seinen Jungen abzubringen sucht. Indessen hatten sich

von jener unbeschreiblich grauenhaften Masse lange wellenförmige Glieder

abgelöst, und sie streckten sich uns entgegen wie Arme, wie Krallen ...

Die riesige Gestalt eines verhüllten Reiters auf fahlem Rosse erschien

und schwang sich im gleichen Augenblick hoch in den Himmel hinauf ...

Noch unruhiger, noch verzweifelter warf sich Ellis hin und her. »Er hat

mich gesehen! Alles ist zu Ende! Ich bin verloren!...« ließ sich ihr

hastiges Geflüster vernehmen. »Oh, ich Unglückliche! Ich hätte die

Gelegenheit benützen können, hätte neue Lebenskraft schöpfen können ...

und jetzt ... Jetzt bin ich wieder nichts!«

Es ging über meine Kraft ... Ich verlor die Besinnung.

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 41 / 80 题