Ich schlug sie aber bald wieder auf. Ellis schmiegte sich so sonderbar
an mich und stieß mich beinahe. Ich sah sie an, und das Blut erstarrte
in meinen Adern. Wer jemals auf einem fremden Gesichte den plötzlichen
Ausdruck tiefen Grauens, dessen Grund er gar nicht ahnt, wahrgenommen
hat, -- der wird mich begreifen. Die bleichen, beinahe verwischten Züge
Ellis' waren von Grauen, einem qualvollen Grauen verzerrt und entstellt.
Niemals hatte ich Ähnliches selbst auf einem lebenden Menschengesichte
gesehen. Ein lebloses Nebelgebilde, ein Schatten ... und diese
entsetzliche Angst ...
»Ellis, was hast du?« fragte ich endlich.
»Er ... Er ...« brachte sie mit großer Mühe hervor, »Er!«
»Er? Wer ist Er?«
»Nenne ihn nicht, nenne ihn nicht,« stammelte hastig Ellis. »Wir müssen
fliehen, sonst ist alles zu Ende, -- und für immer zu Ende ... Sieh nur
hin, dort!«
Ich wandte den Kopf nach der Seite, wohin mir ihre zitternde Hand wies,
und ich sah etwas ... etwas, was wirklich grauenhaft war.
Dieses Etwas war umso schrecklicher, als es keine bestimmte Gestalt
hatte. Etwas Schwerfälliges, Finsteres, Gelblich-Schwarzes, Geflecktes
wie der Bauch einer Eidechse, weder Wolke noch Rauch, wand sich und
kroch langsam wie eine Schlange über der Erde. In dieser Bewegung war
ein gleichmäßiges, breites Schaukeln von oben nach unten und von unten
nach oben, gleich dem unheildrohenden Flügelschlagen eines Raubvogels,
der nach Beute ausspäht; ab und zu drückte es sich mit unbeschreiblich
widriger Gebärde an die Erde, -- mit ähnlicher Gebärde fällt die Spinne
über die gefangene Fliege her ... Wer bist du, wer bist du, du gräßliche
Masse? Unter ihrem Einfluß wurde, ich fühlte es, alles vernichtet,
verstummte alles ... Der Masse entströmte eine faule, pestilenzialische
Kälte, und von dieser Kälte übelte es mir, es wurde mir finster vor den
Augen, und meine Haare sträubten sich. Es war der Anmarsch einer Kraft;
jener Kraft, gegen die es keinen Widerstand gibt, der alles untertan
ist, welche selbst weder Gesicht, noch Gestalt, noch Sinn hat, doch
alles sieht, alles weiß, sich ihre Opfer wie ein Raubvogel auswählt, wie
eine Schlange sie erdrückt und mit ihrem frostigen Stachel beleckt ...
»Ellis! Ellis!« rief ich wie wahnsinnig. »Es ist der Tod! Der Tod
selbst!«
Ein klagender Ton, den ich schon früher gehört hatte, drang wieder aus
Ellis' Munde, -- diesmal glich er aber eher einem menschlichen,
verzweifelten Aufschrei, -- und wir flogen dahin. Doch unser Flug war
seltsam und grauenhaft ungleich; Ellis überschlug sich in der Luft,
stürzte, flog im Zickzack wie das Rebhuhn, das tödlich verwundet ist
oder den Hund von seinen Jungen abzubringen sucht. Indessen hatten sich
von jener unbeschreiblich grauenhaften Masse lange wellenförmige Glieder
abgelöst, und sie streckten sich uns entgegen wie Arme, wie Krallen ...
Die riesige Gestalt eines verhüllten Reiters auf fahlem Rosse erschien
und schwang sich im gleichen Augenblick hoch in den Himmel hinauf ...
Noch unruhiger, noch verzweifelter warf sich Ellis hin und her. »Er hat
mich gesehen! Alles ist zu Ende! Ich bin verloren!...« ließ sich ihr
hastiges Geflüster vernehmen. »Oh, ich Unglückliche! Ich hätte die
Gelegenheit benützen können, hätte neue Lebenskraft schöpfen können ...
und jetzt ... Jetzt bin ich wieder nichts!«
Es ging über meine Kraft ... Ich verlor die Besinnung.