Wieder waren meine Augen verhüllt ... Wieder verlor ich die Besinnung.
Endlich fiel die Hülle.
Was ist das dort unten? Was ist das für ein Park mit den zugestutzten
Lindenalleen, mit einzelnen wie Sonnenschirme zugeschnittenen Tannen,
mit Säulenhallen und Tempeln im Geschmacke Pompadour, mit Statuen von
Satyren und Nymphen aus der Schule Bernini's, mit Rokoko-Tritonen in der
Mitte der Teiche, deren geschwungene Ufer von niedrigem Geländer aus
schwarz gewordenem Marmor eingefaßt sind? Ist es nicht Versailles? Nein,
Versailles ist es nicht. Ein kleines Schloß, gleichfalls im Rokoko-Stil,
blickt hinter den Kuppeln krauser Eichen hervor. Der Mond ist in Nebel
gehüllt und leuchtet trübe. Über die Erde zieht ein feiner Dunst; das
Auge kann nicht unterscheiden, ob es Mondlicht oder Nebel ist. Hier
schläft auf einem der Teiche ein Schwan; sein länglicher Rücken
schimmert weiß wie der gefrorene Schnee der Steppe; und dort flimmern im
bläulichen Schatten der Statuen diamantene Leuchtkäfer.
»Wir sind in der Nähe von Mannheim,« sagte Ellis, »das ist der
Schwetzinger Garten.«
»Wir sind also in Deutschland!« Ich horchte auf. Alles war stumm; nur
irgendwo plätscherte einsam und unsichtbar ein Springbrunnen. Er
wiederholte immer ein und dasselbe Wort: »So, so, so, immer so, so.« Und
plötzlich glaubte ich in einer der Alleen, genau in der Mitte zwischen
den beiden Mauern beschnittenen Laubes ein Paar zu sehen: der Kavalier,
in goldgesticktem Rock, Spitzenmanschetten, mit einem leichten
Stahldegen an der Seite, schritt auf roten Absätzen einher und reichte
geziert den Arm einer Dame mit gepuderter Frisur und buntgeblümtem
Reifrock ... Seltsame bleiche Gesichter ... Ich will sie mir näher
anschauen ... Doch alles ist wieder verschwunden, und nur das Wasser
plätschert wie zuvor ...
»Das sind Träume, die dort umherwandeln,« flüsterte mir Ellis zu;
»gestern konnte man ihrer viel mehr sehen ... Heute fliehen selbst
Träume das menschliche Auge. Vorwärts! Vorwärts!«
Wir stiegen höher und flogen weiter. So gleichmäßig und leicht war unser
Flug, daß ich den Eindruck hatte, als ob nicht wir uns fortbewegten,
sondern alles uns entgegenkäme. Dunkle, wellenförmig geschwungene,
bewaldete Berge stiegen vor unseren Blicken auf und kamen immer näher
... Da schweben sie schon dicht unter uns vorbei, mit allen ihren
Taleinschnitten, Krümmungen, engen Wiesen, mit den Lichtpünktchen
schlummernder Dörfer, die in Talgründen bei schnellen Bächen liegen; und
vor uns tauchen andere Berge auf und auch sie schweben vorbei ... Wir
befinden uns im Herzen des Schwarzwaldes.
Immer Berge und Berge ... und Wald, schöner, alter, kräftiger Wald. Der
Nachthimmel ist hell: ich kann jede Baumgattung unterscheiden; am
schönsten sind die Silbertannen mit ihren schlanken weißen Stämmen. Hie
und da am Waldessaume zeigen sich Rehe; sie stehen schlank und scheu auf
ihren dünnen Beinen und horchen, die Köpfe anmutig zur Seite gewendet,
die großen röhrenförmigen Ohren gespitzt. Die traurige und blinde Ruine
eines Turmes streckt vom Gipfel eines nackten Felsens ihre
halbverfallenen Zinnen aus; über den alten, vergessenen Mauern leuchtet
friedlich ein goldenes Sternchen. Aus einem kleinen, fast schwarzen See
erhebt sich, wie geheimnisvolle Klage, das Stöhnen kleiner Unken.
Zugleich glaube ich andere Töne zu hören, langgezogene wehmütige Töne,
wie die einer Äolsharfe ... Da ist es also, das Land der Sagen! Der
gleiche feine Mondlichtnebel, der mir in Schwetzingen aufgefallen war,
liegt auch hier auf allen Dingen, und je weiter sich die Berge auftun,
desto dichter wird er. Ich zähle fünf, sechs, zehn verschiedene
Abstufungen der Schattenschichten an den Berghängen, und über all diese
stumme Mannigfaltigkeit herrscht der stille Mond. Die Luft strömt sanft
und leicht. Ich selbst fühle mich so leicht, so ruhig und zugleich
traurig.
»Ellis, du liebst gewiß dieses Land?«
»Ich liebe nichts.«
»Wieso? Und mich?«
»Ja ... dich!« antwortet sie gleichgültig.
Mir ist es, als ob ihr Arm mich fester als vorher umschlinge.
»Vorwärts! Vorwärts!« sagt Ellis eigentümlich begeistert und zugleich
kalt.
»Vorwärts!« wiederhole ich.