XIV.

»Sieh dich um,« sagte Ellis, »und beruhige dich.«

Ich gehorchte. Der erste Eindruck war, wie ich mich noch gut erinnere,

so süß und angenehm, daß ich nur aufseufzen konnte. Etwas

Durchsichtig-Blaues, etwas Silbriges -- es war kein Licht und auch kein

Nebel -- umfloß mich von allen Seiten. Zuerst konnte ich nichts

unterscheiden: mich blendete dieses blaue Glänzen; -- aber allmählich

traten die Umrisse schöner Berge und Wälder hervor; vor mir lag ein See,

in seiner Tiefe zitterten Sterne, lieblich plätscherten seine Wellen.

Ein Strom von Orangenduft schlug mir entgegen, -- und mit ihm zugleich

kamen starke reine Töne einer jugendlichen weiblichen Stimme. Dieser

Duft, diese Töne zogen mich förmlich hinab -- und ich begann mich sinken

zu lassen ... zu einem prunkvollen Marmorpalast hinab, der mir

freundlich aus einem Zypressenhain entgegenschimmerte. Die Töne kamen

aus den weit geöffneten Fenstern; die Wellen des Sees, der mit

Blütenstaub besät war, plätscherten an die Marmormauern -- und gerade

gegenüber erhob sich aus dem Schoße des Wassers eine hohe runde Insel,

ganz bekleidet mit dunklen Pomeranzen und Lorbeeren, ganz übergossen mit

monddurchwebtem leuchtendem Nebel, ganz übersät mit Bildwerken,

schlanken Säulen und Tempelhallen ...

»Isola Bella!« sagte Ellis. »Lago Maggiore ...«

Ich sagte nur »Ah!« und sank weiter hinab. Die weibliche Stimme klang

immer lauter, immer heller; es zog mich unaufhaltsam zu ihr hin ... ich

wollte der Sängerin, die mit solchen Tönen eine solche Nacht erfüllte,

ins Gesicht schauen. Wir hielten vor einem der Fenster.

In einem Zimmer, welches im pompejanischen Geschmack ausgestattet war

und mehr einer antiken Tempelhalle als einem modernen Salon glich,

umgeben von griechischen Bildwerken, etruskischen Vasen, seltenen

Pflanzen, kostbaren Stoffen, übergossen mit dem milden Lichte zweier

Lampen in kristallenen Kugeln, -- saß am Klavier eine junge Frau. Den

Kopf leicht in den Nacken geworfen, die Augen halb geschlossen, sang sie

eine italienische Arie; sie sang und lächelte, und doch drückten ihre

Züge dabei Ernst und sogar Strenge aus ... das Kennzeichen vollkommenen

Genießens! Sie lächelte, -- und der Faun des Praxiteles, ebenso

jugendlich und träge wie sie, ebenso verzärtelt und wollüstig wie sie,

lächelte ihr hinter den Oleandern in der Ecke zu, durch den leichten

Rauch, der sich aus einem bronzenen Räucherbecken auf antikem Dreifuße

erhob. Die Schöne war allein im Zimmer. Von den Tönen, von der

Schönheit, dem Glanze und dem Duft dieser Nacht berauscht, vom Anblick

dieses jungen, hellen, strahlenden Glückes aufs tiefste erschüttert,

vergaß ich gänzlich meine Gefährtin, vergaß, auf welche seltsame Weise

ich Zeuge eines so weit entfernten, eines mir so fremden Lebens geworden

war -- und ich wollte schon an das Fenster treten, wollte sie

anreden ...

Mein ganzer Körper erzitterte von einem heftigen Schlag, -- als ob ich

eine Leidnerflasche berührt hätte. Ich blickte zurück ... Ellis' Gesicht

war -- bei all seiner Durchsichtigkeit -- finster und drohend; in ihren

plötzlich aufgerissenen Augen brannte der Zorn ...

»Fort!« flüsterte sie mir wütend zu, und wieder erfaßten mich Sturm,

Finsternis und Schwindel ... Diesmal blieb mir aber nicht der Aufschrei

der Legionen, sondern die Stimme der Sängerin, die auf einer hohen Note

abgebrochen war, in den Ohren zurück ...

Wir hielten. Die hohe Note, immer die gleiche Note, klang noch immer

fort und wollte nicht verstummen, obwohl ich eine ganz andere Luft

atmete, einen ganz ganz anderen Geruch spürte ... Stärkende Frische, wie

von einem großen Strome kommend, der Geruch von Heu, Rauch, Hanf wehte

mir entgegen. Dem ersten langgedehnten Tone folgte ein zweiter, dann ein

dritter; die ganze Manier war aber so unzweideutig, kam mir so bekannt

und vertraut vor, daß ich mir sofort sagte: »Das ist ein Russe, der ein

russisches Lied singt,« -- und im gleichen Augenblick wurde mir alles

klar.

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 31 / 80 题