»Sieh dich um,« sagte Ellis, »und beruhige dich.«
Ich gehorchte. Der erste Eindruck war, wie ich mich noch gut erinnere,
so süß und angenehm, daß ich nur aufseufzen konnte. Etwas
Durchsichtig-Blaues, etwas Silbriges -- es war kein Licht und auch kein
Nebel -- umfloß mich von allen Seiten. Zuerst konnte ich nichts
unterscheiden: mich blendete dieses blaue Glänzen; -- aber allmählich
traten die Umrisse schöner Berge und Wälder hervor; vor mir lag ein See,
in seiner Tiefe zitterten Sterne, lieblich plätscherten seine Wellen.
Ein Strom von Orangenduft schlug mir entgegen, -- und mit ihm zugleich
kamen starke reine Töne einer jugendlichen weiblichen Stimme. Dieser
Duft, diese Töne zogen mich förmlich hinab -- und ich begann mich sinken
zu lassen ... zu einem prunkvollen Marmorpalast hinab, der mir
freundlich aus einem Zypressenhain entgegenschimmerte. Die Töne kamen
aus den weit geöffneten Fenstern; die Wellen des Sees, der mit
Blütenstaub besät war, plätscherten an die Marmormauern -- und gerade
gegenüber erhob sich aus dem Schoße des Wassers eine hohe runde Insel,
ganz bekleidet mit dunklen Pomeranzen und Lorbeeren, ganz übergossen mit
monddurchwebtem leuchtendem Nebel, ganz übersät mit Bildwerken,
schlanken Säulen und Tempelhallen ...
»Isola Bella!« sagte Ellis. »Lago Maggiore ...«
Ich sagte nur »Ah!« und sank weiter hinab. Die weibliche Stimme klang
immer lauter, immer heller; es zog mich unaufhaltsam zu ihr hin ... ich
wollte der Sängerin, die mit solchen Tönen eine solche Nacht erfüllte,
ins Gesicht schauen. Wir hielten vor einem der Fenster.
In einem Zimmer, welches im pompejanischen Geschmack ausgestattet war
und mehr einer antiken Tempelhalle als einem modernen Salon glich,
umgeben von griechischen Bildwerken, etruskischen Vasen, seltenen
Pflanzen, kostbaren Stoffen, übergossen mit dem milden Lichte zweier
Lampen in kristallenen Kugeln, -- saß am Klavier eine junge Frau. Den
Kopf leicht in den Nacken geworfen, die Augen halb geschlossen, sang sie
eine italienische Arie; sie sang und lächelte, und doch drückten ihre
Züge dabei Ernst und sogar Strenge aus ... das Kennzeichen vollkommenen
Genießens! Sie lächelte, -- und der Faun des Praxiteles, ebenso
jugendlich und träge wie sie, ebenso verzärtelt und wollüstig wie sie,
lächelte ihr hinter den Oleandern in der Ecke zu, durch den leichten
Rauch, der sich aus einem bronzenen Räucherbecken auf antikem Dreifuße
erhob. Die Schöne war allein im Zimmer. Von den Tönen, von der
Schönheit, dem Glanze und dem Duft dieser Nacht berauscht, vom Anblick
dieses jungen, hellen, strahlenden Glückes aufs tiefste erschüttert,
vergaß ich gänzlich meine Gefährtin, vergaß, auf welche seltsame Weise
ich Zeuge eines so weit entfernten, eines mir so fremden Lebens geworden
war -- und ich wollte schon an das Fenster treten, wollte sie
anreden ...
Mein ganzer Körper erzitterte von einem heftigen Schlag, -- als ob ich
eine Leidnerflasche berührt hätte. Ich blickte zurück ... Ellis' Gesicht
war -- bei all seiner Durchsichtigkeit -- finster und drohend; in ihren
plötzlich aufgerissenen Augen brannte der Zorn ...
»Fort!« flüsterte sie mir wütend zu, und wieder erfaßten mich Sturm,
Finsternis und Schwindel ... Diesmal blieb mir aber nicht der Aufschrei
der Legionen, sondern die Stimme der Sängerin, die auf einer hohen Note
abgebrochen war, in den Ohren zurück ...
Wir hielten. Die hohe Note, immer die gleiche Note, klang noch immer
fort und wollte nicht verstummen, obwohl ich eine ganz andere Luft
atmete, einen ganz ganz anderen Geruch spürte ... Stärkende Frische, wie
von einem großen Strome kommend, der Geruch von Heu, Rauch, Hanf wehte
mir entgegen. Dem ersten langgedehnten Tone folgte ein zweiter, dann ein
dritter; die ganze Manier war aber so unzweideutig, kam mir so bekannt
und vertraut vor, daß ich mir sofort sagte: »Das ist ein Russe, der ein
russisches Lied singt,« -- und im gleichen Augenblick wurde mir alles
klar.