XII.

Der Nebel vor meinen Augen verzog sich, und ich erblickte tief unter mir

eine unendliche Ebene. Schon an der warmen und milden Luft, die meine

Wangen streifte, konnte ich erkennen, daß ich mich nicht in Rußland

befand; auch glich die Ebene gar nicht unseren russischen Ebenen. Es war

eine große dunkle Fläche, so viel ich erkennen konnte, vollkommen nackt

und öde; hie und da glänzten wie kleine Spiegelscherben stehende

Gewässer; in der Ferne konnte ich schwach die Umrisse eines unhörbaren

und unbeweglichen Meeres sehen. Zwischen breiten schöngeformten Wolken

strahlten große Sterne; ein tausendstimmiges, unaufhörliches und dabei

doch nicht lautes Trillern erscholl von allen Richtungen -- wunderbar

war dieses durchdringende und zugleich verschlafene Singen, diese

nächtliche Stimme der Wüste ...

»Die Pontinischen Sümpfe,« sagte Ellis. »Hörst du die Frösche? Spürst du

den Schwefelgeruch?«

»Die Pontinischen Sümpfe ...« wiederholte ich, und sofort war ich im

Banne dieser majestätischen und schwermütigen Stimmung. »Doch warum hast

du mich in dieses traurige verlassene Land gebracht? Bringe mich lieber

nach Rom.«

»Rom ist nahe,« antwortete Ellis, »mache dich bereit!«

Wir ließen uns etwas tiefer herab und flogen die alte Römerstraße

entlang. Ein Büffel erhob langsam seinen großen zottigen Kopf mit den

kurzen Borsten zwischen den zurückgebogenen Hörnern aus dem Morast. Er

schielte mit seinen stumpfsinnig bösen Augen und schnaubte schwer mit

den feuchten Nüstern, als ob er uns witterte.

»Rom ist nahe,« flüsterte Ellis. »Schau vorwärts, vorwärts ...«

Ich erhob die Augen.

Was ist das Schwarze dort am nächtlichen Horizonte? Sind das die hohen

Bogen einer kolossalen Brücke? Über welchen Strom wölbt sie sich? Warum

ist sie stellenweise durchbrochen? Nein, es ist keine Brücke, es ist ein

alter Aquädukt. Rings ist der geheiligte Boden der Campagna, und dort in

der Ferne ragen die Berge von Albano, und ihre Gipfel und der graue

Rücken des alten Aquädukts schimmern schwach in den Strahlen des

aufgehenden Mondes ...

Wir schossen plötzlich in die Höhe und hielten in der Luft über einer

einsamen Ruine. Niemand hätte sagen können, was sie früher einmal

gewesen war: ein Grabmal, ein Palast, ein Turm ... Dunkler Efeu umrankte

sie von allen Seiten mit seiner erstickenden Gewalt, und unten gähnte

wie ein gigantischer Rachen ein halbeingestürztes Gewölbe. Schwerer

Kellergeruch wehte mir aus diesem Haufen kleiner, dicht aneinander

gefügter Steine entgegen, von denen schon längst die Granitbekleidung

abgefallen war.

»Hier,« sagte Ellis und erhob die Hand. »Hier! Sprich laut, dreimal

hintereinander den Namen eines großen Römers aus.«

»Und was wird geschehen?«

»Du wirst es sehen.«

Ich dachte nach. »Divus Cajus Julius Caesar!« rief ich plötzlich. »Divus

Cajus Julius Caesar!« wiederholte ich gedehnt: -- »Caesar!«

Visionen und andere phantastische Erzählungen · 第 29 / 80 题