In diese Eiche hatte einmal vor vielen Jahren der Blitz eingeschlagen;
die Spitze war gebrochen und verdorrt, doch im Baume war noch
Lebenskraft für mehrere Jahrhunderte erhalten. Als ich mich der Eiche
näherte, zog eine leichte Wolke über den Mond, und unter den breiten
Ästen des Baumes lag tiefes Dunkel. Zunächst merkte ich nichts
Besonderes; als ich aber zur Seite trat, erbebte in mir das Herz: neben
einem hohen Strauch, zwischen der Eiche und dem Walde, stand eine weiße
Gestalt. Das Haar sträubte sich mir leicht auf dem Kopfe, ich faßte mir
jedoch ein Herz und ging auf den Wald zu.
Ja, das war sie, mein nächtlicher Gast. Als ich mich ihr näherte,
leuchtete der Mond wieder auf. Sie schien ganz aus einem
halbdurchsichtigen milchweißen Nebel gewebt -- durch ihr Gesicht
hindurch konnte ich einen leise vom Winde bewegten Zweig sehen -- nur
ihr Haar und ihre Augen hoben sich etwas dunkler ab, und an einem Finger
ihrer gefalteten Hände glänzte ein schmaler mattgoldener Reif. Ich blieb
vor ihr stehen und wollte sie ansprechen; doch meine Stimme erstarb mir
in der Kehle, obwohl ich eigentlich keine Furcht mehr hatte. Sie
richtete ihre Augen auf mich: ihr Blick drückte weder Leid noch Freude,
sondern eine eigentümliche leblose Aufmerksamkeit aus. Ich wartete, ob
sie nicht etwas sagen werde, sie stand aber stumm und unbeweglich, den
leblosen Blick unverwandt auf mich gerichtet. Mir wurde es wieder
unheimlich zumute.
»Ich bin gekommen!« brachte ich endlich hervor.
Meine Stimme klang seltsam hohl.
»Ich liebe dich!« flüsterte sie.
»Du liebst mich?« wiederholte ich erstaunt ihre Worte.
»Gib dich mir hin!« flüsterte sie wieder.
»Mich dir hingeben! Du bist ja eine Vision, hast ja auch gar keinen
Körper.« Eine seltsame Erregung bemächtigte sich meiner. »Was bist du
denn, Rauch, Luft, Dunst? Mich dir hingeben? Antworte mir zuerst, wer
bist du? Hast du je auf Erden gelebt? Woher bist du gekommen?«
»Gib dich mir hin. Ich werde dir nichts zuleide tun. Sag' mir bloß die
drei Worte: Nimm mich hin.«
Ich blickte sie an. »Was spricht sie da?« fragte ich mich. »Was soll
dies alles bedeuten? Und wie will sie mich hinnehmen? Oder soll ich es
doch versuchen?«
»Nun, gut,« sagte ich so unerwartet laut, als ob mich jemand von hinten
stieße. »Nimm mich hin!«
Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als die geheimnisvolle Gestalt
mit einem inneren Lachen, welches ihr Gesicht für einen Augenblick
erzittern machte, sich leicht vornüber neigte und mir ihre Arme langsam
entgegenstreckte ... Ich wollte zurückprallen, war aber bereits in ihrer
Gewalt. Sie umschlang mich, mein Körper hob sich etwa eine halbe Elle
hoch vom Boden, und schon schwebten wir beide leicht und nicht zu rasch
über das regungslose, taufeuchte Gras dahin.