Ich verbrachte den Tag in Aufregung. Beim Nachtmahl trank ich fast eine
ganze Flasche Wein, trat auf den Flur hinaus, kehrte jedoch gleich
zurück und warf mich aufs Bett. Das Blut wogte schwer in meinen Adern.
Und wieder ließ sich der Laut vernehmen ... Ich fuhr zusammen, wandte
mich aber nicht um. Plötzlich fühlte ich, daß mich jemand von hinten
fest umschlang und mir ins Ohr flüsterte: »Komm, komm, komm ...« Ich
zitterte vor Schreck und stöhnte:
»Ja, ich werde kommen!«
Und mit diesen Worten richtete ich mich auf.
Die Frau stand, über das Kopfende meines Bettes gebeugt. Sie lächelte
mir leise zu und verschwand. Es gelang mir aber noch, ihr Gesicht zu
sehen. Es war mir, als hätte ich es schon früher einmal gesehen; doch wo
und wann? Ich stand spät auf und irrte den ganzen folgenden Tag in den
Feldern und Wiesen umher, kam einige Male zur alten Eiche am Waldsaum
und sah mich aufmerksam um.
Gegen abend saß ich am geöffneten Fenster in meinem Arbeitszimmer. Meine
alte Haushälterin stellte eine Tasse Tee vor mich hin, ich rührte sie
aber nicht an ... Ich war ganz verwirrt und fragte mich sogar: »Ob ich
nicht den Verstand verliere?« Die Sonne war eben untergegangen, und
nicht nur der Himmel glühte -- auch die ganze Luft füllte sich plötzlich
mit einem fast übernatürlichen Purpurglanz; das Laub und die Gräser
schimmerten wie mit frischem Lack überzogen und rührten sich nicht; in
ihrer starren Unbeweglichkeit, in der grellen Deutlichkeit ihrer
Umrisse, in dieser Verbindung hellen Glanzes mit toter Stille lag etwas
Seltsames und Rätselhaftes. Ein ziemlich großer grauer Vogel flog
plötzlich lautlos herbei und setzte sich auf den Rand des Fensterbrettes
... Ich betrachtete ihn, und auch er betrachtete mich von der Seite mit
seinem runden, dunklen Auge. -- »Hat man dich etwa hergeschickt, um mich
zu erinnern?« dachte ich.
Der Vogel schwang sogleich seine weichen Flügel und flog so lautlos
davon, wie er gekommen. Ich saß noch lange am Fenster, fühlte mich aber
nicht mehr so verwirrt: ich war gleichsam in einen Zauberkreis
hineingeraten, und eine sanfte, doch unwiderstehliche Macht zog mich
fort, ebenso wie das Boot noch lange vor dem Wasserfall von der Strömung
fortgezogen wird. Endlich raffte ich mich auf. Der Purpurglanz in der
Luft war längst verschwunden, die Farben waren trüber geworden, und der
Zauber der Stille war gebrochen. Ein leiser Windhauch bewegte die Luft,
der Himmel wurde immer dunkler und der Mond immer heller, und bald
funkelte das Laub der Bäume in seinem kalten Lichte wie Silber und
schwarzes Email. Meine Alte kam zu mir ins Zimmer mit einer Kerze in der
Hand, doch ein Windhauch aus dem Fenster blies die Flamme aus. Ich
konnte es nicht länger aushalten; ich sprang auf, drückte mir die Mütze
in die Stirne und begab mich zur alten Eiche am Waldsaume.