Nun möchte denn doch auch wieder einmal Zeit seyn bey Ihnen, mein
werthester Herr und Freund, theilnehmend anzuklopfen nach Ihrer
Thätigkeit zu fragen, damit man doch wieder als mitlebend erscheine.
Seit dem August vorigen Jahrs hab' ich mir viel auferlegt und ist mir
viel auferlegt worden, so daß diese Zeit, ob ich gleich gar keiner
Zerstreuung Raum gebe und der entschiedensten Einsamkeit genieße,
auch Tag und Stunde zu nützen suche, ich dennoch immer in Rückstand
verbleibe. So schleicht sich denn auch die Erfahrung ein, daß das Alter
weniger fördert als die Jugend und man nicht mehr von einer Thätigkeit
zur andern so schnell übergehen kann.
Nehmen Sie ein Exemplar meines Divans als Zeichen des Zutrauens und
der Hochachtung. Da ich mich einmal in jene Regionen gewagt, so hab
ich, wie es auf Reisen zu gehen pflegt, mich länger verweilt, mehr
Zeit und Kräfte verwendet, als billig, auch zuletzt keine Anstrengung
gescheut um nur endlich wieder nach Hause zu kommen. Sagen Sie mir
nun auch etwas von sich und wie es mit Ihren literarischen- und
Kunstbeschäftigungen geht? Herr Weigel schreibt mir mit Entzücken von
den Abenden, wo Sie Freunden eine Beschauung Ihrer Schätze gewähren.
Möcht ich doch auch Theil daran nehmen können!
Weimar
den 3. April
1820.
treulichst
Goethe