XXIII.

Mit vielem Danke, mein Werthester, sende ich den mitgetheilten

Aufsatz zurück. Wer das deutsche Publicum kennt, dessen selbstische

Eigenwilligkeiten Sie so gut schildern, wer zunächst erfahren hat,

daß sie vor allem Neuen, so sehr sie darnach gierig sind, wenn es

einigermaßen problematisch ist, eine ängstliche Apprehension fühlen,

und daher den Miswollenden freyes Spiel geben, um sich nur jener

Furcht entledigt zu sehen -- der weiß gewiß dankbar anzuerkennen,

wenn ein Freund als Mittelsperson auftreten mag, damit die Menschen

sich geschwinder mit dem befreunden, was ihnen fremd und wunderlich

erscheint.[246] Besonders in den letzten zwanzig Jahren mußte man

große Geduld haben: denn mehrere meiner spätern Arbeiten brauchten

zehn und mehr Jahr, bis sie sich ein größeres Publicum unmerklich

erschmeichelten; wie denn ja mein Tasso über 20 Jahr alt werden mußte,

ehe er in Berlin aufgeführt werden konnte. Eine solche Langmuth ist nur

dem zuzumuthen, der sich bey Zeiten den ~Dédain du Succès~ angewöhnt

hat, welchen die Frau von Staël in mir gefunden haben will.[247]

Wenn sie den augenblicklichen leidenschaftlichen ~Succès~ meint, so

hat sie recht.[248] Was aber den wahren Erfolg betrifft, gegen den

bin ich nicht im mindesten gleichgültig; vielmehr ist der Glaube an

denselben immer mein Leitstern bey allen meinen Arbeiten. Diesen Erfolg

nun früher und vollständiger zu erfahren, wird mit den Jahren immer

wünschenswerther, wo man nicht mehr viel Stunden in Gleichgültigkeit

gegen den Augenblick zuzubringen und auf die Zukunft zu hoffen hat.[249]

In diesem Sinne machen Sie mir ein großes Geschenk durch Ihren Aufsatz

und bethätigen dadurch abermals die frühere mir schon längst bewährte

Freundschaft. Doch darf es mich nicht einmal überraschen, daß Sie

in meine Intentionen auch bey dieser Arbeit so tief eindringen,

da Sie unter diejenigen abwesenden Freunde gehören, die ich mir

vergegenwärtige, wenn ich mir meine alten Mährchen in der Einsamkeit

zu erzählen anfange; und ich darf wohl versichern, daß der nächste und

eigentliche Zweck ist, gegen solche auf indirectem Wege wieder einmal

laut zu werden, da die directe Communication so manches Hinderniß

erfährt.[250]

Daß Sie meine asiatischen Weltanfänge[251] so freundlich aufnehmen, ist

mir von großem Werth. Es schlingt sich die daher für mich gewonnene

Cultur durch mein ganzes Leben, und wird noch manchmal in unerwarteten

Erscheinungen hervortreten: wie ich denn von Ihrem liebevollen Glauben

hoffen kann, daß Sie überzeugt sind, der erste Theil sey mit Bewußtseyn

und mit Absicht geschrieben, und enthalte auch nicht das kleinste

geringfügig scheinende, was nicht künftig einmal nach seinem Geschlecht

und Art in Blüthe und Frucht hervortreten soll. Freylich, das Publicum,

wenn man es an ein Saatfeld führt, bringt gleich die Sicheln mit, und

bedenkt nicht, daß noch mancher Monat bis zur Erndte hingeht, ja wohl

noch das ganze grüne Feld eine schöne Zeit unter einer Schnee- und

Eisdecke zu ruhen hat.

Es würde mir unendlich interessant seyn, wenn Sie mir mittheilen

wollten, was Sie über die Farbenlehre aufgesetzt haben. Die Wirkung von

dieser wird noch mehr retardirt, als die Wirkung meiner andern Sachen.

Denn hier kann man das Publicum am leichtesten irre führen, indem man

mir anderes Verdienst wohl läßt, aber in dieser Sache, die ja nicht in

mein Fach schlage, ein verzeihliches ~Travers~ Schuld giebt. Indessen

macht es mich schon glücklich, daß ich diese Arbeit, die ich so lange

mit mir herumgetragen, endlich losgeworden. Was für eine große Übung

es für mich gewesen, diesen Gegenstand durchzuarbeiten, ermessen Sie

selbst; und welche wichtigen Bemerkungen ich mache, indem ich meine

Gegner beobachte, wage ich kaum auszusprechen. Doch ist es ja kein

Geheimniß, daß Niemand überzeugt wird, wenn er nicht will.

Warum sollte ich nun nicht auch wünschen, meine Freunde kennen zu

lernen und besonders Ihre Ansicht, die mir in so mancher Betrachtung

werth seyn muß.

_Mich zu daurendem Wohlwollen empfehlend_

W. d. 30 Jan.

1812.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 162 / 214 题