Ew. Wohlgebornen

sind versichert, daß es mir sehr leid gethan hat, Sie bey Ihrer

Durchreise nicht begrüßen zu können. Sich einmal wieder anzutreffen und

über manches auszureden, giebt auf mehrere Jahre ein wo nicht besseres

doch gewiß entschiedeneres und klareres Verhältniß. Indessen will ich

mich durch die Sicherheit Ihrer Neigung und Ihres Wohlwollens trösten.

Wenn Sie wünschen, daß ich dem braven Freyherrn von Truchseß[244]

meine Bearbeitung des Götz für das Theater mittheilen möge; so will

ich deshalb mein Bedenken eröffnen. Er hat an dem Stücke, wie es

zuerst herausgegeben worden, so vielen und warmen Antheil genommen,

ja sich gewissermaßen selbst in die Person des alten biedern Helden

versetzt, daß es ihm gewiß nicht angenehm seyn würde, nunmehr manches

ausgelassen, umgestellt, verändert, ja in einem ganz andern Sinne

behandelt zu sehen.

Eigentlich kann diese Umarbeitung nur durch den theatralischen Zweck

entschuldigt werden,[245] und kann auch nur in so fern gelten, als

durch die sinnliche Gegenwart der Bühne und des Schauspiels dasjenige

ersetzt wird, was dem Stücke von einer andern Seite entzogen werden

mußte. Da ich also überzeugt bin, daß beym Lesen Niemand leicht die

neue Arbeit billigen werde, weil nicht zu verlangen ist, daß der

Lesende die mangelnde Darstellung sich vollkommen supplire; so habe

ich bisher gezaudert diese Bearbeitung drucken zu lassen, ja selbst

meine nächsten hiesigen Freunde, die das Manuscript zu sehen verlangt,

an die Vorstellung gewiesen, von der sie denn nicht ganz unzufrieden

zurückkehrten.

Ich bin überzeugt, daß Ew. Wohlgebornen sowohl als der würdige

Truchseß-Götz, es nicht misbilligen, wenn ich diesen meinen Gründen

soviel Gewicht gebe, um die gewünschte Mittheilung abzulehnen.

Verzeihen Sie daher und erhalten mir ein freundliches Andenken.

Ein etwas wunderliches biographisches Bändchen erhalten Sie zu Michael.

_Wilhelm Meisters_ Wanderjahre durchzuführen haben mich meine eigenen

Wanderungen abgehalten. Bey jenem Büchelchen aber bitte ich Sie sich zu

überzeugen, daß Sie unter diejenigen gehören, für die ich es schreibe.

Mit entfernten Freunden und Geistesverwandten mich zu unterhalten, ist

dabey meine einzige Absicht: denn diese sind es ja eigentlich nur, die

man zu Zeugen seines vergangnen Lebens und Treibens, und zur Theilnahme

am gegenwärtigen aufrufen kann.

Weimar

den 11. September

1811.

Ew. Wohlgeb.

wahrhaft zugethaner

Goethe.

Fußnoten:

[244] _Christian_ von _Truchseß_ von der _Bettenburg_, „der in früheren

Jahren durch redliche Tüchtigkeit sich in die Reihe der Götze von

Berlichingen zu stellen verdient hatte.“ Werke ~XXVII.~ S. 98.

[245] Werke ~XXVII.~ S. 160. Eckermann Gespr. ~I.~ S. 250 f. Briefw. m.

Schiller ~VI.~ S. 276 f. Riemer Mitth. ~II.~ S. 500 ff.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 161 / 214 题