d 1. Octb. 1768.
Ihr Diener Hr. Schönkopf, wie befinden Sie sich Madame, Guten Abend
Mamsell, Petergen guten Abend.
~NB.~ Sie müssen sich vorstellen dass ich zur kleinen Stubentühre
hineinkomme. Sie Hr. Schönkopf sitzen auf dem Canapee am warmen Ofen,
Madame in Ihrem Eckgen hinterm Schreibetisch, Peter liegt unterm
Ofen, und wenn Käthgen auf meinem Platze am Fenster sitzt; so mag
sie nur aufstehen, und dem Fremden Platz machen. Nun fange ich an zu
discouriren.
Ich binn lange Aussengeblieben, nicht wahr? fünf ganze Wochen, und
drüber dass ich Sie nicht gesehen, dass ich Sie nicht gesprochen habe,
ein Fall der in drittehalbjahren nicht ein einzigmal passirt ist, und
hinführo leider oft passiren wird. Wie ich gelebt habe, das mögten Sie
gerne wissen. Eh das kann ich Ihnen wohl erzälen, mittelmäsig sehr
mittelmäsig.
Apropos, daß ich nicht Abschied genommen habe werden Sie mir doch
vergeben haben. In der Nachbarschafft war ich, ich war schon unten an
der Türe, ich sah die Laterne brennen, und ging biß an die Treppe, aber
ich hatte das Herz nicht hinaufzusteigen. Zum letztenmal, wie wäre ich
wieder herunter gekommen.
Ich tuhe also jetzt was ich damals hätte tuhn sollen, ich danke Ihnen
für alle Liebe und Freundschafft, die Sie mir so beständig erwiesen
haben, und die ich nie vergessen werde. Ich brauche Sie nicht zu bitten
Sich meiner zu erinnern, tausend Gelegenheiten werden kommen, bei denen
Sie an einen Menschen gedencken müssen, der drittehalb Jahre ein Stück
Ihrer Famielie ausmachte, der Ihnen wohl oft Gelegenheit zum Unwillen
gab, aber doch immer ein guter Junge war, und den Sie hoffentlich
manchmal vermissen werden. Wenigstens ich vermisse Sie offt -- Darüber
will ich weggehen, denn das ist immer für mich ein trauriges Capitel.
Meine Reise ging glücklich, und mittelmäsig, alles habe ich hier gesund
angetroffen außer meinen Großvater, der zwar wieder an der, durch den
Schlag gelähmten Seite ziemlich hergestellt ist, aber doch mit der
Sprache noch nicht fortkann. Ich befinde mich so gut als ein Mensch der
in Zweifel steht ob er die Lungensucht hat oder nicht, sich befinden
kann; doch geht es etwas besser, ich nehme an Backen wieder zu, und da
ich hier weder Mädgen noch Nahrungssorgen habe die mich plagen könnten,
so hoffe ich von Tag zu Tage weiter zu kommen.
Hören Sie Mamsell hat Ihnen mein Verwalter neulich die geringen
Kleinigkeiten zugestellt die ich Ihnen auf Abschlag schickte, und wie
haben Sie sie aufgenommen,[42] die übrigen Commissionen sind alle nicht
vergessen, wenn sie gleich nicht alle ausgerichtet sind. Das Halstuch
ist mit dem größten Gusto fertig, und wird mit ehster Gelegenheit
folgen, Verlangen sie eines von inliegender Farbe, so dürfen Sie nur
befehlen, und auch was für eine Farbe sie drauf haben wollen. Der
Fächer ist in der Arbeit, er wird fleischfarb der Grund, mit lebendigen
Blumen. Halten die Schue noch? Machen Sie mit Ihrem Schuster aus ob er
sie, wenn sie recht fest gemahlt sind, so in acht nehmen will dass er
sie nicht verdirbt, wenn er sie macht, und dann schicken Sie mir Ihr
Schuemuster und da will ich Ihnen mahlen so viel sie wollen, und von
was Farben Sie wollen, denn es geht geschwind. Was andere Dinge mehr
sind wird die Zeit fügen. Schreiben Sie mir wann Sie wollen nur noch
Vorm ersten November, denn da schreibe ich wieder an Sie und mehr,
ich weiß doch Lieber Hr. Schönkopf dass sie nicht selbst schreiben,
aber treiben Sie Käthgen ein Bißgen, dass ich bald Nachricht von euch
kriege. Nicht wahr Madame das wäre unbillig wenn ich nicht wenigstens
alle Monate einen Brief aus dem Hause bekäme, wo ich bißher alle Tage
drinne war. Und schreibt ihr mir nicht; so tuhts nichts den ersten
November schreib ich wieder.
Empfelungen, an Mad. Oberm. Hr. Obermann Madslle Obermann ganz
besonders, Hr. Reich, Hr. Junius, ferner Madslle Weidemann die Sie um
Vergebung bitten müssen dass ich nicht Abschied genommen habe. Adieu
alle zusammen. Käthgen wenn Sie mir nicht schreiben so sollen Sie sehen.
fortgeschickt d 3ten Octbr.
Fußnoten:
[41] Diese Briefe sind im Besitz der Frau Präsidentin _Sickel_ geb.
_Kanne_ in Leipzig, der Enkelin _Schönkopfs_ und Tochter _Käthchens_,
welche mir gestattet hat, dieselben bekannt zu machen. Auch hat sie
mir eine Anzahl von Briefen _Horns_ an die Schönkopfsche Familie
anvertraut, aus welchen ich manche erläuternde Notizen ausgezogen habe.
Derselben verehrten Frau verdanke ich die Mittheilung interessanter
Erinnerungen an die Jugendzeit ihrer Mutter, welche ich dankbar benutzt
habe.
[42] Goethe hatte ihr den scherzhaften Brief (Ia) zugeschickt.
Ia.
Mademoiselle,
Hr. Goethe dem bekanndt ist, daß Scheere, Messer, und Pantoffeln,
diejenigen Mobielien sind die am meisten bey Ihnen auszustehen haben,
schicket Ihnen hiermit, eine mittelmäsige Scheere, ein gutes Messer,
und Leder zu zwey Paar Pantoffeln. Sie sind alle von gutem Stoffe,
dauerhafft, und mein Herr hat ihnen noch überdieß die möglichste Geduld
anbefohlen, doch aber glaubt ich nicht daß Klingen und Leder so lange
bey Ihnen aushalten werden als Er. Nehmen Sie mir's nicht übel, ich
sage wie ich's denke, drittehalbjahre das können Sie weder von einem
Pantoffel noch von einem Messer, noch von -- das lass ich dahingestellt
seyn -- Verlangen, denn grausam gehen Sie mit allem um was sich unter
Ihre Herrschafft begiebt oder begeben muß. Zerreisen und zerbrechen
sie alles, biß Ostern, da steht Ihnen neue Waare zu Diensten, und
erinnern Sie Sich manchmal bey diesen Kleinigkeiten, daß mein Herr
noch beständig wie sonst Ihnen ergeben ist. Selbst hat er nicht an Sie
schreiben wollen, um sein Gelübte, nie vor dem ersten eines Monats
Ihnen einen Brief zu schicken, nicht zu brechen. Mittlerweile, das
ist, zwischen heut und dem ersten October, empfielt er sich durch mich
ganz ergebenst, und ich nehme diese Gelegenheit, mich Ihnen Gleichfalls
zu empfelen.
Michel, sonst Herzog genannt, nach Verlust seines Herzogtums aber,
wohlbestellter Pachter auf des gnädigen Herren hochadelichen
Rittergütern.[43]
Fußnote:
[43] Mit Beziehung auf die S. 32 erwähnte Aufführung des Lustspiels von
_Krüger_, in welchem ein Knecht _Michel_, der eine Nachtigall gefangen
und von dem hohen Preise derselben gehört hat, mit dem Ertrage immer
mehr zu gewinnen und zuletzt ein Herzogthum zu kaufen sich träumt, und
schon als eingebildeter Herzog gegen seinen Herrn und dessen Tochter
_Hannchen_ sich beträgt. Da läßt er, wie er seine Pläne dem staunenden
Mädchen ausmalt, seine Nachtigall fliegen, wird wieder vernünftig und
tröstet sich mit ihrer Liebe.