I.[41]

d 1. Octb. 1768.

Ihr Diener Hr. Schönkopf, wie befinden Sie sich Madame, Guten Abend

Mamsell, Petergen guten Abend.

~NB.~ Sie müssen sich vorstellen dass ich zur kleinen Stubentühre

hineinkomme. Sie Hr. Schönkopf sitzen auf dem Canapee am warmen Ofen,

Madame in Ihrem Eckgen hinterm Schreibetisch, Peter liegt unterm

Ofen, und wenn Käthgen auf meinem Platze am Fenster sitzt; so mag

sie nur aufstehen, und dem Fremden Platz machen. Nun fange ich an zu

discouriren.

Ich binn lange Aussengeblieben, nicht wahr? fünf ganze Wochen, und

drüber dass ich Sie nicht gesehen, dass ich Sie nicht gesprochen habe,

ein Fall der in drittehalbjahren nicht ein einzigmal passirt ist, und

hinführo leider oft passiren wird. Wie ich gelebt habe, das mögten Sie

gerne wissen. Eh das kann ich Ihnen wohl erzälen, mittelmäsig sehr

mittelmäsig.

Apropos, daß ich nicht Abschied genommen habe werden Sie mir doch

vergeben haben. In der Nachbarschafft war ich, ich war schon unten an

der Türe, ich sah die Laterne brennen, und ging biß an die Treppe, aber

ich hatte das Herz nicht hinaufzusteigen. Zum letztenmal, wie wäre ich

wieder herunter gekommen.

Ich tuhe also jetzt was ich damals hätte tuhn sollen, ich danke Ihnen

für alle Liebe und Freundschafft, die Sie mir so beständig erwiesen

haben, und die ich nie vergessen werde. Ich brauche Sie nicht zu bitten

Sich meiner zu erinnern, tausend Gelegenheiten werden kommen, bei denen

Sie an einen Menschen gedencken müssen, der drittehalb Jahre ein Stück

Ihrer Famielie ausmachte, der Ihnen wohl oft Gelegenheit zum Unwillen

gab, aber doch immer ein guter Junge war, und den Sie hoffentlich

manchmal vermissen werden. Wenigstens ich vermisse Sie offt -- Darüber

will ich weggehen, denn das ist immer für mich ein trauriges Capitel.

Meine Reise ging glücklich, und mittelmäsig, alles habe ich hier gesund

angetroffen außer meinen Großvater, der zwar wieder an der, durch den

Schlag gelähmten Seite ziemlich hergestellt ist, aber doch mit der

Sprache noch nicht fortkann. Ich befinde mich so gut als ein Mensch der

in Zweifel steht ob er die Lungensucht hat oder nicht, sich befinden

kann; doch geht es etwas besser, ich nehme an Backen wieder zu, und da

ich hier weder Mädgen noch Nahrungssorgen habe die mich plagen könnten,

so hoffe ich von Tag zu Tage weiter zu kommen.

Hören Sie Mamsell hat Ihnen mein Verwalter neulich die geringen

Kleinigkeiten zugestellt die ich Ihnen auf Abschlag schickte, und wie

haben Sie sie aufgenommen,[42] die übrigen Commissionen sind alle nicht

vergessen, wenn sie gleich nicht alle ausgerichtet sind. Das Halstuch

ist mit dem größten Gusto fertig, und wird mit ehster Gelegenheit

folgen, Verlangen sie eines von inliegender Farbe, so dürfen Sie nur

befehlen, und auch was für eine Farbe sie drauf haben wollen. Der

Fächer ist in der Arbeit, er wird fleischfarb der Grund, mit lebendigen

Blumen. Halten die Schue noch? Machen Sie mit Ihrem Schuster aus ob er

sie, wenn sie recht fest gemahlt sind, so in acht nehmen will dass er

sie nicht verdirbt, wenn er sie macht, und dann schicken Sie mir Ihr

Schuemuster und da will ich Ihnen mahlen so viel sie wollen, und von

was Farben Sie wollen, denn es geht geschwind. Was andere Dinge mehr

sind wird die Zeit fügen. Schreiben Sie mir wann Sie wollen nur noch

Vorm ersten November, denn da schreibe ich wieder an Sie und mehr,

ich weiß doch Lieber Hr. Schönkopf dass sie nicht selbst schreiben,

aber treiben Sie Käthgen ein Bißgen, dass ich bald Nachricht von euch

kriege. Nicht wahr Madame das wäre unbillig wenn ich nicht wenigstens

alle Monate einen Brief aus dem Hause bekäme, wo ich bißher alle Tage

drinne war. Und schreibt ihr mir nicht; so tuhts nichts den ersten

November schreib ich wieder.

Empfelungen, an Mad. Oberm. Hr. Obermann Madslle Obermann ganz

besonders, Hr. Reich, Hr. Junius, ferner Madslle Weidemann die Sie um

Vergebung bitten müssen dass ich nicht Abschied genommen habe. Adieu

alle zusammen. Käthgen wenn Sie mir nicht schreiben so sollen Sie sehen.

fortgeschickt d 3ten Octbr.

Fußnoten:

[41] Diese Briefe sind im Besitz der Frau Präsidentin _Sickel_ geb.

_Kanne_ in Leipzig, der Enkelin _Schönkopfs_ und Tochter _Käthchens_,

welche mir gestattet hat, dieselben bekannt zu machen. Auch hat sie

mir eine Anzahl von Briefen _Horns_ an die Schönkopfsche Familie

anvertraut, aus welchen ich manche erläuternde Notizen ausgezogen habe.

Derselben verehrten Frau verdanke ich die Mittheilung interessanter

Erinnerungen an die Jugendzeit ihrer Mutter, welche ich dankbar benutzt

habe.

[42] Goethe hatte ihr den scherzhaften Brief (Ia) zugeschickt.

Ia.

Mademoiselle,

Hr. Goethe dem bekanndt ist, daß Scheere, Messer, und Pantoffeln,

diejenigen Mobielien sind die am meisten bey Ihnen auszustehen haben,

schicket Ihnen hiermit, eine mittelmäsige Scheere, ein gutes Messer,

und Leder zu zwey Paar Pantoffeln. Sie sind alle von gutem Stoffe,

dauerhafft, und mein Herr hat ihnen noch überdieß die möglichste Geduld

anbefohlen, doch aber glaubt ich nicht daß Klingen und Leder so lange

bey Ihnen aushalten werden als Er. Nehmen Sie mir's nicht übel, ich

sage wie ich's denke, drittehalbjahre das können Sie weder von einem

Pantoffel noch von einem Messer, noch von -- das lass ich dahingestellt

seyn -- Verlangen, denn grausam gehen Sie mit allem um was sich unter

Ihre Herrschafft begiebt oder begeben muß. Zerreisen und zerbrechen

sie alles, biß Ostern, da steht Ihnen neue Waare zu Diensten, und

erinnern Sie Sich manchmal bey diesen Kleinigkeiten, daß mein Herr

noch beständig wie sonst Ihnen ergeben ist. Selbst hat er nicht an Sie

schreiben wollen, um sein Gelübte, nie vor dem ersten eines Monats

Ihnen einen Brief zu schicken, nicht zu brechen. Mittlerweile, das

ist, zwischen heut und dem ersten October, empfielt er sich durch mich

ganz ergebenst, und ich nehme diese Gelegenheit, mich Ihnen Gleichfalls

zu empfelen.

Michel, sonst Herzog genannt, nach Verlust seines Herzogtums aber,

wohlbestellter Pachter auf des gnädigen Herren hochadelichen

Rittergütern.[43]

Fußnote:

[43] Mit Beziehung auf die S. 32 erwähnte Aufführung des Lustspiels von

_Krüger_, in welchem ein Knecht _Michel_, der eine Nachtigall gefangen

und von dem hohen Preise derselben gehört hat, mit dem Ertrage immer

mehr zu gewinnen und zuletzt ein Herzogthum zu kaufen sich träumt, und

schon als eingebildeter Herzog gegen seinen Herrn und dessen Tochter

_Hannchen_ sich beträgt. Da läßt er, wie er seine Pläne dem staunenden

Mädchen ausmalt, seine Nachtigall fliegen, wird wieder vernünftig und

tröstet sich mit ihrer Liebe.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 4 / 214 题