III.

_Lieber Riese._

Ich habe euch lange nicht geschrieben. Verzeiht es mir. Fragt nicht

nach der Ursache! Die Geschäfte waren es wenigstens nicht. Ihr lebt

vergnügt in M. ich lebe hier eben so. Einsam, Einsam, ganz einsam.

Bester Riese diese Einsamkeit hat so eine gewisse Traurigkeit in meine

Seele gepräget.

Es ist mein einziges Vergnügen,

Wenn ich entfernt von jedermann,

Am Bache, bey den Büschen liegen,

An meine Lieben denken kann.

So vergnügt ich aber auch da bin, so fühle ich dennoch allen Mangel des

gesellschaftlichen Lebens. Ich seufze nach meinen Freunden und meinen

Mädgen, und wenn ich fühle daß ich vergebens seufze

Da wird mein Herz von Jammer voll,

Mein Aug wird trüber,

Der Bach rauscht jetzt im Sturm vorüber,

Der mir vorher so sanft erscholl.

Kein Vogel singt in den Gebüschen,

Der grüne Baum verdorrt

Der Zephir der mich zu erfrischen

Sonst wehte, stürmt und wird zum Nord,

Und trägt entrissne Blüten fort.

Voll zittern flieh ich dann den Ort,

Ich flieh und such in öden Mauern

Einsames Trauern.

Aber wie froh bin ich, ganz froh. Horn hat mich durch seine Ankunft

einem Teil meiner Schwermuht entrissen. Er wundert sich daß ich so

verändert bin.

Er sucht die Ursach zu ergründen,

Denkt lächlend nach, und sieht mir ins Gesicht.

Doch wie kann er die Ursach finden,

Ich weiß sie selbsten nicht.

Euer Brief redet von Geyern. Glaubt denn der ehrliche Mann, daß hier

die Auditores hundert weise säßen. Er war ja ehemals in Leipzig. Aber,

nicht wahr, wie leer waren seine Hörsäle.

Ich muß doch ein wenig von mir selbst reden.

Ganz andre Wünsche steigen jetzt als sonst

Geliebter Freund in meiner Brust herauf.

Du weißt, wie sehr ich mich zur Dichtkunst neigte,

Wie großer Haß in meinem Bußen schlug,

Mit dem ich die verfolgte, die sich nur

Dem Recht und seinem Heiligthume weihten

Und nicht der Mußen sanften Lockungen

Ein offnes Ohr und ausgestreckte Hände

Voll Sehnsucht reichten. Ach du weißt mein Freund,

Wie sehr ich (und gewiß mit Unrecht) glaubte,

Die Muße liebte mich und gäb mir oft

Ein Lied. Es klang von meiner Leyer zwar

Manch stolzes Lied, das aber nicht die Musen,

Und nicht Apollo reichten. Zwar mein Stolz

Der glaubt es, daß so tief zu mir herab

Sich Götter niederließen, glaubte, daß

Aus Meisterhänden nichts Vollkommners käme,

Als es aus meiner Hand gekommen war.

Ich fühlte nicht, daß keine Schwingen mir

Gegeben waren, um empor zu rudern.

Und auch vielleicht, mir von der Götter Hand,

Niemals gegeben werden würden. Doch

Glaubt ich, ich hab sie schon und könnte fliegen.

Allein kaum kam ich her, als schnell der Nebel

Von meinen Augen sank, als ich den Ruhm

Der großen Männer sah, und erst vernahm,

Wie viel dazu gehörte, Ruhm verdienen.

Da sah ich erst, daß mein erhabner Flug,

Wie er mir schien, nichts war als das Bemühn

Des Wurms im Staube, der den Adler sieht

Zur Sonn sich schwingen, und wie der hinauf

Sich sehnt. Er sträubt empor, und windet sich,

Und ängstlich spannt er alle Nerven an

Und bleibt am Staub. Doch schnell entsteht ein Wind,

Der hebt den Staub in Wirbeln auf. Den Wurm

Erhebt er in den Wirbeln auf. Der glaubt

Sich groß, dem Adler gleich, und jauchzet schon

Im Taumel. Doch auf einmahl zieht der Wind

Den Odem ein. Es sinkt der Staub hinab,

Mit ihm der Wurm. Jetzt kriecht er wie zuvor.

Werdet nicht über meinen Galimathias böse. Lebt wohl. Horn will meinen

Brief einschließen. Grüßt den Kehr. Schreibt. Habt mehr Collegia in

Zukunft. Horn soll 5 nehmen. Ich 6. Lebt wohl. Gewöhnt euch keine

academistische Sitten an. Liebt mich. Lebt wohl. Lebt wohl.

_Leipzig_ d. 28 Ap. 1766.

_Goethe._

Goethes Briefe an Chr. G. Schönkopf und seine Tochter Käthchen.

Goethes Briefe an Leipziger Freunde · 第 3 / 214 题